Nr. 70 Erstes Blati
182. Jahrgang
Mittwoch, 23. März 1932
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Die Wett ehrt Goethe am 22. März.
Oie völkerverbindende Krast des deutschen Geistes. — Huldigung der Nationen vor dem Genius von Weimar. Goethes 100. Todestag als Feiertag in aller Welt.
Oer Goethetag in Weimar.
Aürdigc (Scöcntfcicr der Rcichsrcgicrung.
Weimar, 22. März. (WTB.) Der Tag d-.'S Gedenkens an den Tod des größten deutschen Dich krrs ist ein rechter Frühlingstag. In der Goethestadt Weimar strahlt die Märzsonne, eie wärmt noch nicht, aber sie leuchtet. Bor hundert Jahren zur gleichen Stunde sagte der sterbende Dichter in seinem Haus am Frauenplan: „Macht doch die Fensterladen auf, damit mehr Licht hereinkommt." rillte liegt die Stadt im Lichte. Der kühle Früh jahrswind bewegt die Fahnen in den Reichs- und Landesfardeil auf den öffentlichen Gebäuden der lhüringischen Landeshauptstadt. In den Straßen zeigt sich eine festlich gekleidete Menge. Zur Zenle- norfeicr des Todestages Goethes haben sich Zahlreiche Bertreler des Reiches, der Länder, des Schrift- lums, von Kunst und Wissenschaft in der sonst so ruhigen Ilmstadt versammelt.
In der neuen, nach dem Entwurf der Baumeister Aogler gebauten und mit einer Kolossalbüste Goethes auf einem Lorbeerhintergrund geschmückten Stad k- balle versammelte sich am Vormittag um !>.30 Uhr rin erlesenes Auditorium zur offiziellen Reichsfeicr. Bor der Halle standen zwei mit Grün geschmückte Pylone, aus denen Flammen loderten. Es ist nicht möglich, die Namen aller derer aufzuzählen, die aus Deutschland und dem Auslande zu dieser Feier- flunde gekommen waren. Genannt seien Reichskanzler D r. Brüning, Reichs Minister D r. ltzroencr, die Staatssekretäre Meißner und 2r. P ü n d c r, Kultusminister G rimme, die Ministerpräsidenten der deutschen Länder und z. T. auch die Kultusminister, Reichstagspräsident Lobe, Vertreter des Reichsrats, Staatsminister a. D. Dr. h. c. Leutheußer, ferner die führenden Ber- freter der europäischen und außereuropäischen Länder, darunter der französische Botschafter Franko is-Bo nc et und der italienische Botschafter Orsini Baron i. Ein Liedervortrag des Leipziger Thomanerchors leitete die Feier stimmungs» ecili ein. Der Präsident der Goekhe-GejeUschasl. Pro- jcflor Dr. Julius Petersen, hielt die Gedächtnis- rede.
Pros. Petersens Gedächtnisrede.
Auf dem Wege zu der Gruft, die an dem heutigen Tage Mittelpunkt des ganzen Weltbewustt- scinS magnetischer Pol alles Menschengedenkens geworden ist, bleiben wir stehen und suchen nach dammlung und Besinnung. 2n der geweihten Woche, die zu den Ostertagen hinstrebt und die in dem Ziclgedanken des Erlöser-Grabes die ganze Christenheit zusammcnsührt, sei es erlaubt, die Zeitrechnung um zu stellen und die Marksteine der Jahrhunderte nicht nach Christi Geburt anzusehen, sondern nach seinem Tode. 19 Jahrhunderte sind es dann, auf die wir zurückblicken. Und das oorlehte der Reihe, das 18., das trotz Friedrich dem Grostcn und Napoleon, trotz Kant und Hegel, trotz Mozart !t*) Beethoven nach seinem geistigen Gesicht und Reibendem Gehalt als das Zeitalter Goe - !hes bezeichnet wird. Cs ist das Jahrhundert einer deutschen Renaissance, die in Weimar ihren Vipfel erreichte. Das Saeculurn, das heute endet, das Jahrhundert seit Goethe, kann gleichfalls sein Jahrhundert genannt werden, fotocit es in feinem Anblick lebte. Diesem Jahrhundert war es vergönnt, erst die volle vröhe Goethes zu ermessen. Noch heute ift Goethe in der Fülle seiner Unerschöpflichkeit ein Bild immer neuen Wandels und Wachstums.
Die Menschen, die den 22. März 1932 erlebten, slonden im Bewußtsein einer Weltwende. Sonnenuntergang färbte das Gewölb und in der hereinbrechenden Dämmerung schaute man aus nach neuen Gestirnen. Alle geistigen Schöpfer- träftc, so hieb es nun, müssen der Politik zu- gelenft werden. Alle den Erfindungen der Technik. da cs mit dem Reiche der Dichtung zu Ende H Der groste Einzelne hotte seine Rolle aus- gespielt. Die stille Gemeinschaft der schönen Seelen vvrde durch Forderungen der Massen gesprengt unt> das Tempo der Entwicklung erlaubte kein ruhiges Verweilen mehr. Heute stehen wir am kvde und sehen, wie herrlich weit cs die Menschheit gebracht Hot im neuen Jahrhundert, das sich mit apokalyptischen Zeichen anzeigt, sehen wir nicht ohne Bangen entgegen. Die Hoffnung ober ist es, die aus dem Gefängnis der Gegenwart zu befreien vermag. Don ihr beflügelt, knengt der Dichter die Pforten der Zukunft und 'cheitet vor uns in ihr Dunkel hinein.
Der Redner kennzeichnet dann im Einzelnen das tiefe Wissen des Weisen, der alles kommen sah, Des nun gekommen ist. Er hat eine Altersentar- tung der Menschheit gesehen in der Anhäufung -n den Großstädten und er hat die gesunde Volks- krcft des Landvolkes herbei gerufen, um die verlinkende Menschheit wieder aufzusrischen. Miß- Serstandcn in seinem vaterländischen Fühlen hat cr den tröstenden und festen Glauben an die Zutuns t seines Volkes niemals verloren. Heute ist biescs grobe Dolk nicdergetreten und g e - demütigt, auscinandergerissen und in seiner Dauer gefährdet. Aber eS wird immer be
stehen in seinem großen Lebens- glauben. Am Todestage des letzten großen Weltdichtcrs ist auch die Menschheit niedcrgctre- ten und auseinandergerissen. Die verheißende Botschaft des Triumphes des rein menschlichen aber ist bestimmt zum einendenSymbol der ganzen Menschheit.
Petersen gab dann im weiteren eine tiefe geistige Erfassung des Lebens und der überragenden Persönlichkeit Goethes, die über alle Zeitalter weit hinausgreift. Sein Grab ist für uns kein Grab Gottes, es ist nicht einmal das des Propheten. Dieser Wallfahrtsort ist kein Mekka Deutschlands, aber es ist im gewissen Sinne nnchr. Dieses Grab ist die Stätte der dreifachen Ehrfurcht, die zusammenfließt in der obersten Ehrfurcht, der vor dem deutschen Dolk. Dreifache Ehrfurcht bringen wir an drei Särgen entgegen, die hier in der Weimarer Fürstengruft zusammenstehen: dem des Fürsten, dem des Freundes und dem des
Menschen, der die höchste Höhe erreicht hat. Bewunderung, Hingabe, Dankbarkeit und Treue sind die Kränze, sind die Blumen, die wir hier niederlegen.
Die Rede Petersens war außerordentlich eindrucksvoll und fand starken Widerhall. Der Leipziger Thomaner -Chor, der zu Beginn Goethes Worte von den Freuden und Schmerzen, die die Götter ihren Lieblingen spenden, gesungen hatte, fang am Schluß das Goethe- lied „Laßt fahren hin das alte flüchtige". In der Zeltcrschen Vertonung, ganz so. wie es einst vor 100 Jahren in der Bestattungsstunde am Sarge Goethes erklang. Dann pilgerten die Goethe-Freunde aus aller Welt, die sich hier zu. Feierstunde cingcfunben hatten, zum F.ied- hof hinaus: Abgesandte aller Kulturländer der Erde, Botschafter, Gesandte, Geschäftsträger, Köpfe der Wissenschaft und der Kunst, Vertreter der deutschen Länderregierungen, der Kirchen, der Universitäten, der Städte.
In der Weimarer Kürsiengruft zu Goethes Todesstunde.
Als um 11.30 Uhr zu Beginn der 100jährigen Wiederkehr von Goethes Todesstunde die Glocken von allen Türmen riefen, säumte den Friedhof eine vielhundertkopfige Menge in schweigender Erwartung. Unablässig fuhren die Abordnungen vor und wanderten mit blumenreichen Kränzen die lange Allee bergan bis zur Fürstengrust, wo in weitem Halbkreise Fanale loderten. Die beiden Eichensärge mit den schlichten Inschriften „G o e t h e" und „Schilfe r" sind heute mit jc einem silbernen Kranz geschmückt. Der Kranz auf dem Sarge Schillers ist von Hamburg, der Kranz auf dem Sarge Goethes von den Frauen Prags gestiftet.
Rachdcm die ehemalige Großherzogin Feodora von Sachsen-Weimar-Ci- s c n a ch zu ihrer Rechten Staatssekretär Meißner als Vertreter des Reichspräsidenten und zu ihrer Linken Reichskanzler Dr. Brüning erschienen waren, sprach Pros. Petersen kurze Worte des Gedenkens. Als erste legte die Frau Großherzogin als Herrin der Fürstengruft ihren Kranz nieder. Sodann traten Reichskanzler Dr. Brüning für die Reichsregicrung und Staatssekretär Dr. Meißner für den Herrn Reichspräsidenten an den Sarkophag. Auch Vertreter der mit Goethe verwandten Familien waren in das Gewölbe hinabgegangcn, um die Kranze am Sarge selbst niederzulegen. Die übrigen Abordnungen brachten ihre Blumengaben vor einer Goethebüste in der Grufthalle dar. Zunächst die
Vertreter ausländischer Rcgicruit- g e n , die Staats- und Ministerpräsidenten der Länder, die Minister und die Reichsratsbcvoll- mächtigtcn; Vertreter der deutschen Städte, geführt von dem Abgesandten der Stadt Frankfurt a. M. als der Gcburtsstadt Goethes, Abordnungen des Auslanddeutschtums, der Deutschen Kunst und Dichtung, unter ihnen Dinding, v. Münchhausen, Schaffner, Thomas Mann, Kolbenhcyer usw. Dann die Intendanten der deutschen Bühnen, die Vertreter der Kunsthochschulen und der Kunstver- bände, der deutschen Wissenschaft unter Führung der Hnincrfitäten Leipzig, Jena, Frankfurt (Main) und Berlin; Vertreter dec deutschen Akademien, wissenschaftlicher Gesellschasten >md der deutschen Presse, der Kunst und Wissenschast des Auslandes, der Konfessionen, schließlich der Ehrenausschuß für die Goethefeier 1932 und zahlreiche Abordnungen weiterer Organisationen und Verbände.
Die stille Grusthalle verwandelte sich in ein Meer von Blumen; noch lange, nachdem die offiziellen Abgesandten ihre Spenden niedcrgelegt hatten, kamen Menschen, junge und alte, um ihre Blumen darzubringen. Diese Ehrung Goethes in der Stunde, da er vor hundert Jahren von uns schied, war in ihrer wortknappen und schweigenden Würde die ergreifendste des Goethegedenktages.
Eine Silberne Goethe-Medaille.
(Stiftung des Reichspräsidenten im Goethe-Jahr 1932.
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Die silberne Goethe-Medaille und einige der hervorragendsten Persönlichkeiten, denen am Goethe Gedenktag die Medaille vom Reichspräsidenten verliehen wurde. — Obere Reihe, links: Gerhart Hauptmann; rechts: Ricarda Huch. — Untere Reihe, links: Hermann Stehr; rechts: Leuthäuscr. der frühere thürin- gische Minister und Leiter der Weimarer Feierlichkeiten.
Berlin, 22. März. (WTB.) Als Auszeichnung für Verdienste um Kunst und Wissenschaft hat der Reichspräsident im Goethejahr 1932 eine Silberne Medaille gestiftet, die bei den Feierlichkeiten in Weimar erstmalig einer Reihe von Persönlichkeiten verliehen wird. Sie wurde geschähe v von Professor Waldemar Raemisch,
Lehrer an den Vereinigten Staatsjchulen für freie und angewandte Kunst.
Die Medaille wurde verliehen: Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Hermann Stehr, Stephan George, G. E. Kolbenhcycr, Wilhelm Schäfer, Hans C a r o f f a , Wilhelm von Schslz, Rudolf Bindisg, Ricarda Huch,
H a n d e l - M a z e 11 i. Walter o. Molo, ferner die Goethe-Forscher Professor Petersen, Pro- feffor K ü l) n e m a n n (Breslau), Professor Kip penberg (Leipzig), Professor Korfs (Leipzig) und Beutler (Frankfurt a. M.), joroic verschiedene ausländische Goethe-Forscher, die gegenwärtig in Weimar weilen, darunter Henri Lichtenberger (Paris), Prosessor R o b e r s o n (London), Prosessor Farinelli (Rom>.
Unter den weiterhin ausgezeichneten Persönlich- feiten befinden sich Reichskanzler Dr. Brüning, Reichsinnenminister Dr. Groener, Kultusmini- fter Grimme, Innenminister K a e st n e r (Thu ringen), Minister a. D. Ür. h. c. Leutheußer, Oberbürgermeister Dr. Goerdcler (Leipzig». Oberbürgermeister Dr. L a n d in a n n (Frankfurt a. M.), Oberbürgermeister M ü M c r (Weimar», Reichskunstwart Redslob und Rtinisterialdirel tor Donnevert, ferner die Rektoren der Universitäten van Leipzig, Jena nnb Frank furt a. TI., sowie Generalintendant ll l b r i d) (Weimar).
Festaufführung des „Taffo".
TasWicncr'-Nurstlhcatcrftasticrt in Weimar.
Weimar, 22. März. (£11.) Der künstlerische Glanzpunkt der Goethe-Gedenkfeier war das Ehren gast spiel des Wiener Burg t Heaters, durch das das Wort von der deutschsprachigen Kulturgeineinschast zu schönster und vollendetster Tat wurde. Wiens Bühne, die Stätte ältester Theatcrkultur, bot mit dem „T o i q u a t o Dass o" ein künstlerisches Ereignis, das das festliche Haus immer wieder zu stürmischem Beifall hinriß. Raoul Aslan war ein Tasso von außerordentlicher Größe. Fred Hennings. Elfe W o h l g e m u t h, Emma Johannsen und Ewald Balser in den übrigen Hauptrollen waren ihm ebenbürtig. Das Wiener Burgthcater unter der Regie von Albert Heine hat sich das Verdienst erworben, dem Todestag Goethes einen großen Ausklang gegeben zu haben. Der Vorstellung wohnten der Reichskanzler Dr. Brüning. Reichsinnenminister Dr. Groener. Staatssekretär Meißner und sämtliche diplo- .matischen Ehrengäste des Tages bei. Die Anwesenheit des österreichischen Bundesministers Dr. C z e r m a k wurde besonders begrüßt. Diens- tagnachmittog empfing Reichskanzler Dr. B r ü ning den Bundesminister zum Tee. Der Präsident des österreichischen Rationalrats, Dr. R e n ncr. legte gemeinsam mit dem Präsidenten des Deutschen Reichstages einen Kranz an der Fürstengruft nieder.
Eine Stunde der deutschen Volksgemeinschaft.
Um weiteren Kreisen, denen cs nicht möglich war. der „Tasso"-Ausführung beizumohnen, einen würd' gen Ausklang des Goethe-Gedenktages zu bieten, sand am Dienstagabend in der Weirnarballe eine Veranstaltung statt, die unter dem Titel „qd t u n b < der deutschen Volksgemeinschaft" stand Ihr wohnten Diplomaten und Regierungsoerlrel.i bei. Rach der „Egmont"-Ouoeriure sprachen drei Redner, die jeder die Begriffe „Volkstum" und „Weltbürgerlichkeit" bei Goethe zu klären suchten Walter von Molo schilderte Goethe als den Vertreter des deutschen Volkes, der alle Gegenpole in sich vereinigt und zum Ausgleich bringt. Leine Worte klangen aus in eine scharfe Absage an alle die, die den Deutschen das Recht auf freie Entwick lung und Sicherheit nehmen wollen und an den Wahnsinn aller Verstockter, die zu ihrem eigenen Untergang das Volk Goethes in der Welt zu fesseln suchen. Gegen solche Versuche setzt das deutfchc Volk in der Stunde seiner Volksgemeinschaft das Goethe Wort: „Sie sollen nur des Gesetzes spotten, sie wer den zuletzt an ihm zuschanden werden!" — Eine philosophisch gehaltene und gcdanklid) sehr inter essante Untersuchung gab sodann der Dichter K v I benheyer über Goethes Weltbürgertum. Er warnte davor, dieses Weltbürgertum, wie man rt- heute vielfach tue, für eine bloße internationale Geistigkeit in Anspruch zu nehmen. Goethes Weltbürgertum sei erwachsen aus dem Boden des Volks tums. Schließlich sprach Prosessor Hans Eibl (Wien) im Tarnen der Ausländsdeutschen. Auch er wies auf die deutschen Quellen von Goethes Geistig keit hin und entwickelte von da aus Goethes Wer den an seinen Werken, insbesondere an der deutschen Idee der Faust-Dichtung. — Die Stunde der Volt- gemeinschaft klang aus in ein machtvolles Chorwerk, das noch einmal die Herzen höher schlagen ließ.
Oie Huldigung Oesterreichs.
Am Dienstag fand die Goethc-Feier der öfter- reichischcn Bundesregierung statt. Rach Charge sängen sprach Professor Wilhelm Klitsch den. von dem österreichischen Dichter G i n z k e y versüßten Prolog. Bundespräsident M i k l a s erklärte in einer Ansprache, cs sei eine Ehrenpflicht Oesterreichs, der Sterbestunde Goethes, diese« Fürsten deutschen Geistes, zu gedenken und bic Einheit mit den Deutschen im Reich und auf dem ganzen Erdenrund darzutun. Der Redner erinnerte dabei an das GriUparzerwvrt: „Wcr kein Verehrer Gvcthes ist. für de« sollte Zein Raum


