Wirffchast.
6127000 Arbeitslose im Reiche.
Berlin, 22. Febr. (ERB.) Die Gesamtzahl der Arbeitslosen betrug am 15. Februar 6 12 7 0 0 0. Das bedeutet eine Zunahme seit dem 1. Februar um 85 000. 3n unterrichteten Kreisen ist man der Auffassung, daß sich die Arbeitslosenkurve ihrem winterlichen Höhepunkt nähert, der voraussichtlich Ende Februar erreicht werden wird.
Holzversteigerungs - Termine.
Mittwoch, 24. Februar.
Bürgermeisterei Brandoberndorf: Zusammenkunft im Gasthaus „Zum Bahnhof", 10 Uhr.
Bürgermeisterei Staufenberg: Holzsubmission. Angebote müssen bis zum Mittwoch, 24. Februar, 14 Uhr bei der Bürgermeisterei eingereicht sein.
*
* Der Großhandelsindex. Die vom Statistischen Reichsamt für den 17. Februar berechnete Grobhandelsindexziffer ist mit 100,0 gegenüber der Dorwoche um 0,4 v. H. gestiegen. Die Indexziffern der Hauptgruppen lauten: Agrar- stoffe 95,1 (plus 1,6 v. H.), Kolonialwaren 90,3 (minus 0,7 v. H.), industrielle Rohstoffe und Halbwaren 91,4 (minus 0,1 v. H.) und industrielle Fertigwaren 121,9 (minus 0,2 v. H.).
Sranffurf schwach/ später fester.
Frankfurt a. M., 22. Febr. Nachdem bereits am Wochenende das Geschäft nur kleinen Umfang angenommen hatte, war es auch zu Beginn des neuen Derichtsabschnittes ziemlich ruhig, da bei der Spekulation im Zusammenhang mit den schwebenden innerpolitischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten äußerst starke Zurückhaltung bestand. Besonders die Einberufung des Reichstages und die Dankenrepara- tur wirkten sehr geschäftshemmend, zumal keine Anregungen Vorlagen und auch das Publikum keine Orders hergelegt hatte. Der matte Verlauf der Reuhorker Wochenschlußbörse drückte auf die Stimmung, und auf kleine Abgaben der Spekulation, die nur zu ermäßigten Kursen Aufnahme fanden, neigte die Tendenz zur Schwäche, wobei jedoch auch markttechnisch die Abwärtsbewegung eine Rolle spielte. Mehr abgeschwächt waren Elektrowerte, IG.-Farben und Reichsbank, sowie Kaliaktten: die Rückgänge betrugen bis zu 3 v. H. An den Rebenmärkten stellten sich etwa Kursabschläge von 1 bis 2 v. H. ein. Private Bankaktien blieben zwar angeboten, doch nannte man die Kurse auf letztem Riveau. Barmer Bankverein waren dagegen stark gefragt und fest, da das wahrscheinliche Zusammenlegungsverhältnis 1:1 anregte. Als sehr fest konnte man am Montanmarkt Rheinische Braunkohlen mit plus 3 v. H. bezeichnen. Schiffahrtspapiere bröckelten weiter ab.
Der Rentenmarkt verzeichnete ebenfalls schwächere Tendenz. Bei kleinem Geschäft ergaben sich überwiegend Kursrückgänge von 0,25 bis 0.50 v. H. Rhein. Hyp. Goldpfandbriefe waren stärker offeriert und gaben etwa 1 v. H. nach. Liquidations-Pfandbriefe blieben teils gehalten, teils büßten sie bis 0,5 v. H. ein. Don Industrie-Obligationen blieben westdeutsche Werte angeboten, elektrische Papiere gehalten. Reichsschuldbücher und Altbesitzanleihe verloren je 0,5 v. H. Etwas fester tendierten Frankfurter Schatzanweisungen und einige Kommunal-Obli- gationen.
Im Schalterverkehr des Rachmittags wurde die Haltung fast allgemein etwas fester, ohne daß hierfür ein stichhaltiger Grund vorgelegen hätte. Wahrscheinlich hat die Spekulation, nachdem sie vormittags abgegeben hatte, wieder Rückkäufe vorgenommen, denn vom Publikum war auch jetzt nichts zu bemerken. Bei weiter stillem Geschäft zogen äG.-Farbenindustrie und einige
andere Spezialwerte bis zu 2 v. H. an. Reichsbank lagen sogar 3,5 v. H. fester; man schätzte wieder eine bessere Dividende als zu Beginn des Verkehrs. Weiter fest blieben noch Barmer Bankverein; gegenüber dem Kurs vom Samstag betrug der Gewinn 10 v. H.
Devisenmarkt Berlin — Frankfurt a. ZU.
22-Jtbruar
23. Februar
Bmillche Folierung
Amtliche Notierung
weid
»riet
Geld
Brie
Helsingsot» .
6,583
6,597
6,593
6,607
Wien. . .
49.95
50,05
49,95
50,05
Prag . . .
12,465
12.485
12,465
12,485
Bubaoefl . .
56,94
57,06
56,94
57,06
Sofia . .
3,057
3,063
3,057
3,063
Holland . .
170,33
170,67
170,23
170.57
Oslo . .
78,82
78,93
79,22
79,38
Kopentzage».
79,87
80,03
80,27
80.43
Stodbolm .
80,92
81,08
81,02
81,18
London. . . Buenos Aires
14.51
14,55
14.59
14,63
1,028
1,032
1 028
1,032
Neunorl
4,209
4,217
4.209
4,217
B rüffel . .
58,68
58,80
58,59
58,71
Italien . .
21,88
21,92
21.88
21,92
Paris . .
16,59
16,63
16,55
16,59
Schweiz
82,12
82,23
82,08
82,18
Spanien
32,77
32.83
32,67
32,73
Danzig
82,02
82.18
82,07
82,23
Japan . .
1.409
1,411
1,419
1,421
Rio de Jan..
0,250
0,252
0,250
0,252
Jugoslawien.
Ltliaboo . .
7,463
13,19
7,477
13,21
7,463
13,29
7,477
13,31
Banknoten.
Berlin, 22-Februar
Geld
Bries
Amerikanische Noten.......
4,20
4,22
Belgische Noten . .......
58,55
58,79
Dänische Noten .........
79,69
80,01
Englische Noten . ........
14,47
14,53
ßollänbiidx Noten ........
169,96
170,64
Italienische Noten ........
21,86
21.94
Norwegische Noten........
78,64
78,96
Deutsch-Oesterreich, * 100 Schilling
Rumänische Noten........
2,49
2,51
Schwedische Noten........
80 71
81 .06
Schweizer Noten. ........
81.94
89.26
Spanische Noten. ........
32.63
32 77
Ungarische Noten ........
Reichsbankdiskont 7 o. f>.
Lombardzin
ifuß S 0. h.
Allgemeine Zurückha iung in Berlin.
Berlin, 23. Febr. (WTB. Funkspruch.) .Im heutigen Telephonverkehr lenkte die nunmehr durchgeführte Bankenreorganisation die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Die Auswirkungen dieser Transaktion sind zwar noch nicht voll zu übersehen, man ist sich aber doch schon darüber klar, daß die Verdienstmöglichkeiten für die Banken in Zukunft, auch wenn die Sanierung für den Augenblick völlig geglückt sein sollte, von der Entwicklung der Wirtschaftslage abhängen muß. Eines weiß man aber heute schon sicher, nämlich daß das Reich durch diese Umorganisation finanziell erheblich belastet worden ist. Aber kein Opfer sei zu groß, wenn es mit ihm gelinge, das fehlende Vertrauen wieder zurückzuerlangen und den Weg zu einer Belebung der deutschen Wirtschaft und Ankurbelung der Industrie zu finden. Dies kann natürlich nicht von einem Tag zum anderen eintreten. Vor allem müßten auch alle störenden politischen Faktoren vorher beseitigt sein. So ist die Zurückhaltung der Kulisse heute durchaus verständlich. Da man auch noch nicht klar übersehen kann, wie sich das Geschäft in dem demnächst beginnenden Börsenfreiverkehr rein technisch abwickeln wird, und man noch mit der Ausarbeitung von Bestimmungen, die ein Freiverkehrsgeschäst vor der Börse unter- binden sollen, beschäftigt ist, so kann die allgemeine Zurückhaltung heute nicht verwundern.
Obwohl es auch sonst an Anregungen fehlte, zeigten die Kurse recht widerstandsfähige Haltung, d. h. die gestrigen Höchstkurse hatten sich im Abendverkehr schon nicht mehr voll behaupten können. Auf wenigen Märkten war hiervon eine Ausnahme festzustellen. So neigten Reichsbankanteile im Gegen
satz zu den sehr ruhig liegenden übrigen Bankaktien 3ur Schwäche, wobei man auf die starke Beanspruchung des Gewinnkontos durch die Banken- janierung hinwies, so daß die Dioidendenchancen für die Aktionäre darunter leiden könnten. Glücklicherweise steht auch die Klärung dieser Frage unmittelbar bevor, womit dem Markte bald die Unsicherheit genommen sein dürfte. Aber auch Bar» merBankverein-Aktien sielen am Bankenmarkt aus dem Rahmen. Sie setzten ihre sensationelle Steigerung auf Grund des günstigen Umtauschangebotes fort, so daß sich ihr Kurs in wenigen Tagen verdreifachen konnte. Sonst lagen die Tarifwerte etwas gebessert, Montan- und Kalipapiere etwa behauptet, Elektroaktien vernachlässigt. Schultheiß biteben fest veranlagt. Tietz erfuhren trotz einer Information, die von einer öprozentigen Dividende wissen wollte, keine Veränderung. Auch die Valutawerte lagen ruhig und nicht einheitlich; während Svenska zirka 2 Mark verloren, konnten die Otavishares zirka 0,50 Mark gewinnen. Festverzinsliche Werte blieben vernachlässigt.
Frankfurter Eiermarkt.
F r a n k f u r t a. M., 22. Febr. Tendenz: schwach. Die Rotierungen gaben in der abgelaufenen Woche teilweise nicht unerheblich nach. Da trotz der ermäßigten Preise der Konsum sehr schwach war, genügte das vorhandene Angebot vollkommen. Es notierten in Pfennig per Stück ab loco Frankfurt a. M.: Vulgaren 6,75 bis 7; Jugoslawen 6,50 bis 7; Rumänen 5,50 bis 6,50; Holländer 6 bis 8,50; Dänen 6,50 bis 9; Flandern 7 bis 7,50; Schlesier 6,50 bis 7; Bayern 7 bis 7,50; Dt. Frischeier 6,50 bis 8,50; in» und ausländische Mittel- und Schmutzeier 5,50 bis 6.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
X Wieseck, 22. Febr. Dieser Tage wurde mit dem Invaliden Johannes Rudolph der älteste Bewohner unserer Gemeinde zu Grabe gebracht. Er erreichte ein Alter von über 88V2 Jahren. In seinem Leben nie krank, ging er bis zu seinem 82. Lebensjahr nach Gießen in die Zigarrenfabrik von Georgi; am 8. Januar letzten Jahres konnte er mit seiner Gattin das seltene Jubiläum der diamantenen Hochzeit begehen.
$ Alten-Buseck, 22. Febr. Seit einigen Jahren macht sich an den Zwetschenbäumen unserer Gemeinde die Zunahme der Zwetschen- s ch i l d l a u s stark bemerkbar. Bei einem unter Führung von Obstbauinspektor C n k l e r - Gießen vorgenommenen Rundgang des hiesigen Obstbauvereins durch unsere Gemarkung mußten sich die Teilnehmer davon überzeugen, daß fast der größte Teil unserer Zwetschenbaumanlagen derart stark von diesem Schädling befallen ist, daß ohne Vornahme einer energischen Bekämpfung an eine nennenswerte Zwetschenernte in nächster Zukunft nicht mehr zu denken ist. 51m auch den übrigen Obstbaurnbesihern die den Obstbäumen, besonders den Zwetschenbäumen, drohende Gefahr vor Augen zu führen, fand in der Rühlschen Wirtschaft ein Vortrag des Herrn Enkler statt, der sich hauptsächlich mit der Schädlingsbekämpfung befaßte. Die Ausführungen wurden mit sichtbarem Interesse ausgenommen. Die von Bürgermeister Becker anschließend gemachten Vorschläge über' die billigste und erfolgreichste Art der Bekämpfung fanden Zustimmung. Zum Schluß behandelte Obstbauinspektor Enkler noch weitere Gebiete des Obstbaues in interessanter Weise und beantwortete zahlreiche Fragen aus der Versammlung.
• Allendorf (Lahn), 23. Febr. Eine amtliche Verkaufs st elle für Postwertzeichen ist bei Ludwig Lu h X I., Papier-und Schreibwarenhandlung, in Allendorf a. d. Lahn, Mühlstrahe 6, eingerichtet worden. Gleichzeitig ist
Von Geld und Lebe.
Vornan von (Stete von Saß.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Hall«
19 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Rein, allerdings nicht", gab Rose zu. „Er ist, wenn man so sagen darf, ein Elitechauffeur. Wann geht er denn?"
„In einer Woche."
„Ranu, hattest du denn nicht monatliche Kündigung mit ihm ausgemacht?"
„Ree, dummerweise nur wöchentliche. Im Anfang hielt ich das für geratener — nachher blieb es so "
Roses Interesse für diese Angelegenheit war erschöpft.
„Bitte, Achim, gib mir mal dein Roti^buch nebst Bleistift, ich muß mir einen ungefahren Ueberschlag davon machen, was ich morgen zu besorgen habe."
Er reichte ihr das Gewünschte.
„Darf ich ein Blatt herausreihen?"
„Bitte."
Während sie schrieb und rechnete, sprachen die Herren in gedämpftem Ton miteinander. Ihr Gespräch ging um die Rose, die der Kommerzienrat in Dorschlag gebracht. Achim meinte, daß man die doch jetzt aufschieben müsse.
„Warum das?" fragte Münchmeher. „Wir haben ja.noch sechs Wochen bis zur Hochzeit. Jetzt bin ich gerade noch arbeitsfrei. In vier bis sechs Wochen ist das schon anders. Es stehen allerhand große Dinge bevor — Unternehmungen, die meine ganze Kraft beanspruchen, die Riescngewinne versprechen. Ra. du wirst sie ja miterleben. — Also fürs erste reisen wir. Heute vormittag war ich in der Grohbeerenstrahe. Deine Stiefmutter hat endlich zugesagt, mitzukommen. Darum ging es mir. Run soll's auch losgehen, ohne Aufenthalt. Uebermorgen rutschen wir ab. Schadow bringt uns noch bts Borkum. Dielleicht gelingt es mir ja auch, ihn zu überreden, daß er noch über den Juni bleibt. Ru — wollen mal sehen."
Rose blickte von ihrer Rechnung auf, ihren Dater an.
„Papa, du muht mir ein paar tausend Mark geben."
„Wozu?"
„Wie du fragst?" Sie schüttelte den Kopf.
„Du wünschst, dah wir innerhalb sechs Wochen heiraten, mithin müssen doch Anschaffungen gemacht werden."
„Was denn? Cs ist doch alles da. Dix Wohnung ist vollständig eingerichtet, deine Aussteuer hast du bereits bestellt, wird also mit Rechnung zugeschickt werden. Also waS ist noch nötig?"
Rose wurde ungeduldig.
„Roch sehr vieles — ich kann das jetzt nicht aufzählen. Jedenfalls brauche ich Geld."
Hans-Achim empfand diese Unterredung peinlich. erhob sich und trat auf die Veranda, deren Tür weit offen stand. Er mochte nichts mehr von den Verhandlungen, die mit immer größerem Eifer zwischen Vater und Tochter geführt wurden, hören.
Unten im Garten sang eine Amsel ihr Abendlied. Er lauschte darauf. Das Lied der Amsel, wunderbar süß, löste Erinnerungen in ihm aus. Wie oft hatte er mit Helene an Sommerabenden dem Sang der Vögel gelauscht.
Roses Helle, ein wenig schrille Stimme klang zu ihm.
„Rein, ich benötige unbedingt tausend Mark. Ditte, feilsche nicht, Papa!"
Gleich danach hörte er, dah der Kommerzienrat das Zimmer verlieh. Rose trat auf die Dercmda. Sie sah stark erregt aus.
„Cs ist eine gräßliche Manie von Papa, mich immer erst eine Weile zappeln zu lassen, bis er mit Geld herausrückt. Ein Kampf war das eben — aus dem ich aber schließlich doch als Siegerin hervorgegangen bin."
„Und es geht immer um Geld — immer um Geld?" fragte Achim, sie mit nachdenklichem Blick ansehend; „Muß das denn sein?"
„Wie du fragst! Wenn ich Geld brauche, muß Papa es mir doch geben. Ich muh auch durchsetzen, daß er mir ein bestimmtes Vermögen bereitstellt, von dessen Zinsen wir leben können. Dagegen wehrt Papa sich vorläufig noch. Ich soll ein Monatsgeld haben. Aber damit begnüge ich mich nicht. Ich will nicht länger in Abhängigkeit von Papa bleiben, will frei über mein Geld verfügen können."
„Dein Vater hat sich freiwillig dazu erboten, mein Gehalt zu erhöhen."
„Um wieviel?"
„Um das Doppelte."
Rose lachte kurz auf.
„Das wären vierhundert Mark. Wie Papa sich den Zuschnitt meines zukünftigen Haushalts denkt, möchte ich wissen? Jedenfalls anders, als er werden wird. In dieser Beziehung wird Papa Ueberraschungen erleben. Ich denke nämlich nicht daran, unsere Lebenshaltung auch nur im geringsten bescheidener einzustellen als Papa. Er hofft, ich werde die Etage so übernehmen, wie sie eben möbliert ist: Mit Mamas uraltem Hausrat. Ich denke nicht daran! Morgen bestelle ich mir bei Pfaff, was mir gefällt."
„Du sagtest mir einmal, dah du die Möbel, die von deiner Mutter Aussteuer herstammen sehr liebst?"
Sie zuckte mit den Achseln.
„Ja, das sagte ich. Aber, weiht du, es wird auf die Dauer langweilig, diesen alten Kram
immer um sich zu haben. Rein, ich will ihn nicht mehr sehen. Ich kann mich nur in einem Hause wohlfühlen, das stilecht eingerichtet ist. Es muß nach meinem eigenen Geschmack fein.“
Sie spricht nur immer von sich, dachte Hans- Achim. Ob ihr eigentlich nie der Gedanke kommt, dah ich auch eigene Wünsche haben könnte? — Auch von seiner Angelegenheit, für die sie vor der Verlobung so warmes Interesse gezeigt, sprach sie nie mehr. Wie sie sich die Regelung dachte, ahnte er nicht.
Am darauffolgenden Tage, als er gegen neun 51 hr bei ihr erschien, um sie zu der Fahrt zum Standesamt abzuholen, empfing sie ihn mit einem Vorschlag, der ihn unangenehm berührte.
„Achim, ich wär' dafür, wir machten einen Ehevertrag. Ich sprach mit Papa darüber. Er fand das auch in der Ordnung. Er meint auch, man könnte nicht vorsichtig genug fein. Das Vermögen, das ich in die Ehe bringe, muh sicher- gestellt werden. Das liegt in beiderseitigem Interesse."
„Das heiht: damit haftest du nicht für meine Schulden?"
„So ist es. Selbstverständlich werden dir die, die du eben hast, von Papa bezahlt werden."
„Sehr gütig", sagte er, während eine Welle von Rot über fein Gesicht flutete. Er fühlte erst jetzt, wie unsagbar peinlich all diese Dinge waren, die von der reichen Frau, die sich dazu herbeilieh, einen armen Schlucker zu heiraten, gefordert werden muhten.
Rose, die schon fix und fertig zum Ausaehen angekleidet war, trat vor den Spiegel. Während sie mit einer kleinen Puderquaste ihr Gesicht betupfte, fragte sie:
„Run? Also, Achim, dann bist du bereit, mit mir zum Rotar zu fahren?"
„Sofort?"
„Rein, natürlich nicht. Zuerst erledigen wir die Sache auf dem Standesamt; anschließend daran werden die Besorgungen gentacht. Um drei 51hr erwartet uns Papa bei Dressel zum Essen. Zwischen fünf und sieben Uhr müssen wir beim Rotar fein.“
Sie wandte ihm ihr frisch gepudertes Gesicht zu.
„So, das wäre das heutige Programm. Und nun wollen wir uns auf den Weg machen. Ich hoffe, wir werden ihn nie zu bereuen haben."
Sie hob den Blick zu ihm, in dem ein kokette- Blinzeln war. Ihre rot geschminkten Lippen wölbten sich ihm entgegen. Sie im Augenblick zu küssen, vermochte Hans-Achim nicht. Er wandte sich ab, öffnete vor Rose die Tür und folgte ihr zum Wagen.
Die Fahrt zum Standesamt wurde schweigend zurückgelegt. Im Vorzimmer, in dem sie endlos warten mußten, sagte Rose:
daselbst die Markenverkaufstelle bei Gastwirt Theodor Wagner, älntergasse 1, aufgehoben.
EU Lollar, 18. Febr. Der Veteranen - und Kriegeroerein Lollar hielt in Anwesenheit des Bezirksvorsitzenden Prof. Dr. Kraemer - Gießen seine Jahreshauptversammlung ab. Die Has- sia-Jugendgruppe Lollar nahm ebenfalls teil, die Kapelle der Hassia Jugend umrahmte die Versammlung mit musikalischen Darbietungen. Der 1. Vorsitzende M. Zaubert erstattete den Jahresbericht. Die Tätigkeit des Vereins hielt sich im Rahmen des vom Hassia- bzw. Kyfshäuserbundes festgelegten Arbeitsgebietes. Der Verein zählt zur Zeit 116 Mitglieder. Heber die Tätigkeit und die Entwicklung der Äugendgruppe referierte der Iugendabteilungsführer K. Bruck. Als dringende Aufgabe für 1932 habe sich die Jugendgruppe die Schaffung eines Jugendheimes gestellt. Für die dem Verein angeschlossene Ortsgruppe der Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen erstattete deren Obmann W. Fink den Bericht. Der Kassenbericht zeigte einen befriedigenden Abschluß. Der Vorstand wurde wiedergewählt und setzt sich aus folgenden Herren zusammen: 1. Vorsitzender: Martin Taub er t; 2 Vorsitzender: Dr. Limberger; 1.Schriftführer: Adolf Rau; 2. Schriftführer und Kontrolleur: Bürgermeister Schmidt; Rechner: Friedrich Deibel VI., Jugendführer: Karl Brück; Obmann der Kriegsbeschädigten: Wilhelm F i n k- Beisitzer: Johannes Schäfer, Heinrich G e i ß l ef-VIII., Wilhelm ßennarx und Wenzel Zajek. Der Bezirksvorsitzende überreichte den Mitgliedern Bürgermeister Schmidt, Ludwig Schad eck V. und Ludwig Schmidt die Hastia-Ehrennadel für 40- jährige, den Mitgliedern Heinrich Leinweber und Georg K a d e s ch die Ehrennadel für 25jährige Mitgliedschaft.
Kreis Schotten.
Rainr 0 d, 21. Febr. Am Freitag verunglückte beim Holzfällen im Gemeindewald der 32jährige Holzhauer Edelmann. Eine stürzende Buche, der er nicht rechtzeitig auszuweichen vermochte, traf ihn am Kopfe und verletzte ihn schwer. Er ft a r b kurz nach seiner Heberführung in das Krankenhaus zu Schotten. Der Verunglückte war verheiratet und hinterläßt Frau und zwei Kinder.
Srieffaften der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)
Abonnent: lleberlaffen Sie uns den Mietvertrag zur Einsichtnahme, da Ihre Anfrage nicht ganz klar ist. Im übrigen» ist schon jetzt zu bemerken: 1. Im Falle der Vereinbarung einer vierteljährlichen Kündigung spielt der Quartalsanfang nur dann eine Rolle, wenn nur auf einen solchen die Kündigung abgestellt ist. 2. Der Tag der Mitteilung des abzugsfähigen Prozentsatzes spielt keine Rolle.
W. Wir sind der Ansicht, daß Sie die betr. Kosten abziehen können, wenn Sie, eventuell durch Sachverständige, nachzuweisen in der Lage sind, daß die von Ihnen vorgenommenen 3n- standsehungsarbeiten notwendig waren, was von Ihrer Vermieterin bestritten wird. Falls letztere auf ihrem Standpunkt beharrt, wird die Sache vor Gericht ausgetragen werden müssen.
A. K. 1. Besteht auf Grund mündlichen ober schriftlichen Mietvertrags eine Verpflichtung des Mieters zur Zahlung von Wassergeld, so ist ein dementsprechend bestehender Rückstand aus 1931 dem Vermieter gegenüber noch nicht verjährt. 2. Der Mieter kann nicht verlangen, daß die Wassergeldforderung des Vermieters mit 3 v. H. der zu zahlenden M'-tte abgegolten wird. Der Vermieter kann nach feinem Belieben 3 v. H. der Miete Nachlassen und Dafür das Wassergeld auf die Mieter ausschlagen. Der Sinn der Bestimmung ist der, fahrlässiges oder gar böswilliges Fortlaufenlassen des Wassers nach Möglichkeit zu unterbinden.
„Ich habe unseren Hochzeitstag auf den sechzehnten Juli festgesetzt. Es ist dir doch recht?"
„Ja, natürlich, wie du bestimmst.“
„Uebrigens, was ich beinah vergaß, dir zu sagen: Papa hat deine Angelegenheit mit Gi- sevius ins Reine gebracht."
Sie sagte taktvoll: ins Reine gebracht, statt: Papa hat deine Schulden bezahlt. Gr dankte ihr, indem er rasch und verstohlen ihre Hand küßte. Einer der Wartenden sah es doch, lächelte und hielt ihn für verliebt.
Eine Weile faßen sie schweigend da, bann klagte Rose in ungebulbigem Ton:
„Zu dumm, daß man hier so witzlos feine Zeit verbringt. Ich muß zwischen elf und zwölf Uhr bei Drecoll fein zur Anprobe. Dann müssen wir zu Braun und danach zu Pfaff. Ich weiß nicht, wie wir das schaffen sollen? Blödsinnig, baß "man nur diesen einen Tag für all die vielen Besorgungen hat: Daß Papa auf diese langweilige Reise besteht und dg,ß sie unbebingt morgen früh angetreten werben muß, finde ich zu dumm."
Hans-Achim sah sie mit nachdenklichem Blick an.
„Vielleicht würde er nicht darauf bestehen, wenn du ihn darum bittest?"
„Da kennst du Papa schlecht! Wenn der sich etwas vorgenommen hat, bringt ihn keiner davon ab.“
Sie sah auf ihre Armbanduhr.
„Cs ist bereits half elf Uhr“, sagte sie. Dann ließ sie ihren Blick über die Paare hingehen, die gleich ihnen hier warteten. Ein Brautpaar, das, Hand in Hand, auf einer Dank faß, fesselte ihre Aufmerksamkeit.
Dann sah sie zu Hans-Achim auf. Ein mokantes Lächeln um die Lippen, flüsterte sie ihm zu:
„Rührend dies Bild! So etwas gibt es noch. Sie halten sich bei den Händen und träumen von ihrem zukünftigen Glück. Man könnte beinahe neidisch werden."
Sie seufzte tief auf. Und Achim, der glaubte, dieser Seufzer sei der Ausfluß eines schmerzlichen Reibes, tastete nach ihrer Hand. Aber er irrte sich. Rose zog ihre Hand zurück und sagte:
„Was gäbe ich darum, jetzt eine Zigarette rauchen zu dürfen. Die Luft hier ist unerträglich."
„Gehen wir doch noch für ein paar Minuten hinaus", schlug Hans-Achim vor.
Sie erhoben sich. In dem Augenblick wurden sie aufgerufen. Run ging die Sache schnell. Rach kaum zehn Minuten faßen sie wieder im Wagen, der schnell und lautlos dahinglitt.
Und nun erledigte sich alles programmäßig: Die Anprobe, die Einkäufe, das Essen zu dritt bei Dressel und der Besuch beim Rotar.
(Fortsetzung folgt)


