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teresse befriedigen können, werden sich Ihre Ideen mit weniger Bitterkeit auf die verlorenen Provinzen richten."

Bismarck hielt Wort. Als die Dinge sich weiter zuspitzten und die Franzosen sich zum Zu­greisen entschlossen, fehlte ihnen die deutsche diplo­matische Anterstühung nicht. Mit Erfolg wirkte Bismarck in London, Rom und Konstantinopel dafür, daß diese Mächte dem französischen Ein­marsch in Tunis ruhig zusahen, und die fran­zösische Regierung erkannte Deutschlands loyale Haltung mit Wärme an. England, schrieb der Minister des Auswärtigen an den Botschafter in Berlin, betrachte zwar die französischen Fort­schritte in Rordafrika mit Uebelwollen, aber es werde nichts Feindseliges unternehmen.Wir sind dem deutschen Kanzler tief dank­bar für die offene Unterstützung, die er unserer Sache gewährt, sie wird, wie ich über­zeugt bin, mächtig dazu beitragen, die gegen uns entworfenen Pläne zu vereiteln." (April 1881.) Als dann im Vertrauen auf die wohlwollende Haltung Deutschlands Tunis von französischen Truppen eingenommen war und ein französischer Resident dem Bey die Zügel der Regierung aus

der Hand genommen hatte, hieß es in derselben Korrefpondenz «Mai 1881):Der Präsident der Republik ist sehr gerührt von der wohl- wollendenHilfe, die Fürst Bismarck uns in der tunesischen Angelegenheit leistet: ich bitte Sie, ihm von seiner Seite dafür zu danken."

In den folgenden Iahrzehnten ist es nicht anders geworden. Rie hat Deutschland die fran­zösische Ausdehnung in Afrika oder Asien zu hemmen versucht und nie hat es die Schwächung der heimischen Streitkräfte Frankreichs bei größe­ren überseeischen Verwicklungen zu einem diplo­matischen Druck benutzt. Die Reibungen zwischen beiden Staaten begannen auf kolonialpolitischem Gebiete erst, als Frankreich seine Feindschaft gegen Deutschland von Europa auf die anderen Weltteile übertrug, insbesondere, als es nach dem Abschluß der Entente mit England begann, die wirtschaftliche und politische Stellung Deutsch­lands in Rordafrika zu untergraben. Genug, es kann kein Zweifel sein, wie die oben aufgeworfene Frage zu beantworten ist, und wessen Deutschland sich von Frankreich in der augenblicklichen Krisis zu versehen hat.

LahnkanalisieriW und Arbeitsbeschaffung.

Auf einem Staatsbürgerabend der Iungdeut- fchen Bewegung in Gießen sprach am vorigen Dienstag auf Einladung der hiesigen Orts­gruppenleitung Redakteur D l u m s ch e i n vor einer sehr zahlreichen Zuhitrerscha t über das für unsere engere Heimat bedeutsame ThemaLahn- kanalisierung und A r b e i t s e sch af - f u n g". Der Reoner betonte zunächst, daß es sich hierbei nicht um eine parteipolitische, sondern um eine rein wi.t.chaftliche Ange.egenheit handele und daß er auch nicht als Mitglied der Iung- deutschen Bewegung, nicht a.s Der.ret.'r einer Partei oder eines Bundes, sondern lediglich a s Mitarbeiter an den kommunalw rtschastlchen 2lu,- gaoen unserer Stadt und i-res Inte.e,sen-ereichs spreche. Er begrenzte seine Darlegungen unter be­wußter Ausschaltung der rein technischen Fragen lediglich au, das g.samt-vo kttwlrtscha.t iche und auf das lokal-wirtschaft.iche Interessengebiet.

Oie wirtschaftlichen Grund agen.

Zunächst verwies er aus die jahrzehntelange und verdienstvol.e Werbearbeit des Fu.ba La n a a - Vereins, insbesondere auf die in hohem-izidye dankenswerte Vorkämpferarbeit von Direistor Dansa in Limburg, der ihm in bereitwilligster Weise umfangrei^-es A ton* un^ S udiei.mate.ial für diesen Auckürungsaor^rag ü^ee.assen hatte. An Hand einer Karle mit genauen Einzeü-nunaen über die mannigfaltigen Bodenschätze des Lahn- tals und ihre örtliche Verteilung, sowie Kenn­zeichnung der Gruben und Kalkbrüche usw. machte der Vortragende mit den Wirtschaf tlichen Grundlagen desLahnkanalprojck s bekannt. Ergänzt wurden d ese Darlegungen durch die Mitteilung der Ergebnisse einer Untersuchung überDie nutzbaren Bodenschätze des Lahngebie­tes als Grundlage des Lahnkana s", die von Dr. A h l b u r g von der preußischen Geologischen Lan­desanstalt im Iuni 1918 veröffentlicht wurde. Rach den Angaben dieses Gelehrten sind für das Lahn­tal folgende Mengen an Bodenschätzen anzuneh­men : Roteisenstein in der Dillmulde etwa 42 Millionen Tonnen, in der Lahnmulde etwa 43 Millionen Tonnen: wenn der Bergbau aber noch über eine Dautiefe von 103 bis 250 Meter hinausgehe, sei allein für die Mulde bei Schaum­burg, Limburg und Weilburg mit einem E.zvorrat von über 60 Millionen Tonnen und für die ge­samte Lahnmulde mit etwa dem Dreifachen der oben für die Lahnmulde angegebenen Zahl von 43 Millionen Tonnen zu rechnen. An man­ganhaltigen Drauneifenerzen in ge­

winnbarer Form sei nach dem Stande von 1918 mit einer Menge von 15 Millionen Tonnen zu rechnen. Die Vor.at.fchützungen an Vogels­berger Bafalteisenstein beliefen sich auf etwa 10 bis 11 Millionen Tonnen, wahrs<peinlich dürfte aber auch hier die tatsächlich vorhandene Menge bedeutend größer fein. Die Vorräte des Lahngebiets an technisch verwendbarem Kalk könnten als geradezu unersch.pflich bezeichnet wer­den, die Lage der einzelnen Kalkzüge zum Lahn­tal und damit zum Lahnkanal sei durchweg als rocht günstig zu bezeichnen. Auch hinsichtlich des Basalts sei eine unbeschränkte Entwicklungs- Möglichkeit für die Zukunft gegeben, die nur durch das Fehlen eines billigen Transportmittels zu­rückgehalten werde. Ferner seien im Gebiete der Lahn noch praktisch unerschöpfliche Mengen von Ton vorhanden, die nach entsprechendem A sbau der Zufuhrwege für den Transport auf dem Lahn­kanal große Bedeutung haben würden. Weiter wird in dem Gutachten AHBurgs auf die D:d:u- tung der Mineralwasserindustrie und auf das Vorkommen einer ganzen Anzahl weiterer wertvoller Bodenschätze im Lahntal und den be­nachbarten Höhenzügen hingewiefen. Der Red­ner zog ferner die Waldwirtschaft irnDo- g e l s b e r g mit in den Kreis der Betrachtung über die wirtschaftliche Fundamentierung des Lahnkanals, und betonte zusammenfassend, daß die Erschließung der gewaltigen Do- denschähe reiche Arbeitsmögli.ch ket­ten auf vieleIahre h i n a u s biete, wenn für billige Transportmöglichk üt durch die Schiff­barmachung der Lahn gesorgt werde.

Oer erste Abschnitt der Kanalisierung.

Bis jetzt sei die Kanalisierung der Lahn von der Mündung bs n'chS teeden (O'er'ah. k üs), oberhalb von Limburg, durchgeführt. Der Dau dieser Teilstrecke habe 4,7 Millionen Mark ge­kostet, wovon 3 15 Millionen Mark als verlorener Zuschuß und Darlehen aus Mitteln der Erwerbs- losensürs-r^e gege en w '.rd'n Die Kana'isterung bedeute a s) produktive E . we'-bs osen- fürsorge Im rationell stenSinne. Auf dieser Teilstrecke stünden jetzt 13 Schiffe zur Ver­fügung, und zwar 190-Tonnen-Schiffe. Verfrachtet wurden in der Berg- und Talfahrt 1929 zusammen 58 131 Tonnen, im Iahre 1930 insgesamt 74 374 Tonnen und im Iahre 1931 zusammen 105 *82 Tonnen, wobei man jedoch berücksichtigen müsse, daß seit der Inbetriebnahme dieser Teilstrecke vom März 1929 bzw. März 1930 dieWirtschaft

Ich hab dir verzieh«! Vornan von Elotilde von Etegmann- Stein. Copyright by Martin Feuchtwange r. Halle.

24 Vornetzung Nachdruck verboten

Das rätselhafte Schweigen um Hans Egon löste sich für Birgit noch lange nicht. Sie lebte still für sich in dem abgelegenen Schloßflügel, in dem auch der Konsul seiner Genesung entgegensah.

Roch immer waren seine Gedanken und Erinne­rungen unklar. Es schien, als wenn von einem bestimmten Zeitpunkt an sein Gedächtnis etwas nicht wiedergeben wollte, was ihn furchtbar er­schüttert.

Mer diese leichte Störung war wie eine wohl­tätige Vorsichtsmaßregel der Ratur, denn so ent­gingen ihm die schmerzlichen Veränderungen, die sein altes Handelshaus betroffen.

Er ahnte nicht, daß das Haus Sibelius seine Acrhlungsunfähigkeit hatte erklären müssen, daß das Personal bis auf den alten Claassen und zwei jüngere Leute entlassen war, und daß auch diese drei nur noch die alten Geschäfte abwickelten.

Der Bankier Ericsen hatte einen Drohbrief geschrieben. An Stelle des erkrankten Konsuls hatte Prokurist Claassen ihn geöffnet und dem Grafen Friedrich vorgelegt, der jetzt der einzige War, mit dem er sich beraten konnte.

Rach längeren Besprechungen waren die beiden Manner übereingekommen, daß man die Forde­rung des Schurken erfüllen müsse, wenn man nicht neue Schande auf die Rarnen Sibelius unZ> Rauenstein laden wollte.

Mer mit der Zahlung der DürgschaftSsumme waren die Kräfte des Handelshauses Sibelius erschöpft. Es blieb gerade genug, um nach Erledi- gung aller Verbindlichkeiten eine sehr bescheidene Rente für den Konsul zu retten, während man ernstlich daran denken mußte, das alte Stadthaus zu vermieten.

Auch im Haushalt des Schlosses waren tief­greifende Veränderungen vorgenommen worden. Die stattliche Unterstützung, die der Konsul frei­gebig dem Haushalt des jungen Paares gewährt hatte, fiel nun fort. Graf Friedrich, der die Ver- toaltung von Schloß und Gut nebst seinem Müh­lengut wiederum übernommen hatte, mußte heim­lich Gelder flüssig machen, die den Haushalt auf- rechterhalten konnten. Längst war die Hälfte des Personals entlassen, Hans Egon teures Gestüt aufgelöst. Alle unnützen Ausgaben wurden von der klugen Dedachtsamkeit des Grafen Friedrich beschnitten.

Seine Arbeit war säst übermenschlich. Mehr denn je mußte er sehen, aus seinem Mühlenbetrieb da» Höchstmögliche herauSzuwirtschaften; wollte

er doch nicht nur für sich, sondern auch für die heimlich geliebte Frau und deren verehrten Vater sorgen.

Birgit hatte sich mit stummer Würde in die veränderten Verhältnisse hineingefunden. Sie trug den Schmerz um den flüchtigen Mann mit Schwei­gen. Ernst, sehr ernst war sie geworden, und nur, wenn Graf Friedrich nach der schweren Tages­arbeit abends zu einem Plauderstündchen oder zu einer geschäftlichen Besprechung erschien, glitt ein flüchtiger Strahl der Freude über ihr schmales Gesicht. Wie auf Verabredung fiel nie zwischen ihnen der Rame Hans Egons, wie er auch sonst im Schloß nicht erwähnt wurde.

älnd D'.rgit erschien es mitunter wie ein Traum, daß sie einst lachend und übermütig neben Hans Egon gegangen war.

Rur das Leben, das unter ihrem Herzen zum Licht drängte, erinnerte sie immer neu und immer wieder schmerzhaft an etwas, was einmal glück­liche Wirksamkeit gewesen und nun in Änglück, Kummer und Schweigen untergegangen war.

Ein reifer, strahlender Tag im August war es, als nach bangen, schweren Wochen der Todesge­fahr und der Krankheit Birgit zum ersten Male auf der Terrasse des Hauses saß, neben sich, in einem spitzenverhangenen Körbchen, ihr Kind. Ihr Kind, das sie in Schmerzen der Seele getragen und unter namenlosen Qualen des Körpers ge­boren hatte. Sie sah still da und blickte In das blumengleiche Antlitz ihres Töchterchens, das mit rosigen Wangen und zusarnmengeballten win­zigen Fäustchen in den Sommer hineinschlummerte.

Birgits Erscheinung war von einer rührenden Anmut und erschien dem Grafen Friedrich, der jetzt langsam von der Mühle her herankam, schöner und holdseliger denn je.

Konnte er es wirklich auf sich nehmen, in dieses geliebte, glücklich gelöste Gesicht wiederum einen Fug des Schmerzes zu fügen?

Wie Feuer brannte in seiner Tasche der Brief mit den ausländischen Marken, der Hans Egons Schriftzüge trug und an Birgit adressiert war. Was würde dieser Dries enthalten? Der Brief des unglückseligen Bruders, der schon so viel älnheil über diese unschuldige Frau gebracht hatte? Aber gerade weil er es nicht wußte, durfte er nicht länger zögern. Birgit hatte ein An­recht auf die Worte dessen, der dem Gesetz nach und ihrem Herzen nach immer noch ihr Mann war.

Birgit sah dem Gesicht des Schwagers an, daß er ihr etwas Besonderes zu sagen hatte, And als er letzt nach herzlicher Begrüßung mit einer zögernden Bewegung in die Tasche griff, ahnte & Hr bringen mochte. Mit hellseherischer Deutlichkeit sah sie vor sich den Brief Hans Egons diesen Brief, auf den sie unter Schmerzen und Mgst, In Tränen und Rot gewartet hatte, Tag um Tag, damit er das Rätsel lösen sollte.

krise sich außerordentlich verschärf t und die heimische Industrie stark zum Rieder- gang gebracht habe. Dennoch sei das Ergebnis der bisherigen Verfrachtung auf dem Lahnkanal als sehr befriedigend und verheißungsvoll für die Weiterarbeit an diesem Pro ekt zu betrachten. Von Bedeutung fei in diesem Zusammenhänge auch die Möglichkeit drElektrizitätsgewinnung durch Rutzbarmachung der Lahnwasserkra t wie dies jetzt schon bei dem Elektrizitätswerk Kram­berg vorhanden sei. Richt minder bedeutungsvoll erscheine die F r a ch t e r sp a rn i s der Wirt­schaft bei der Inanspruchnahme des billigeren Wasserweges gegenüber dem teureren Schienen­transport.

Oie Kanalisierung bis Gießen.

Erst wenn die obere Lahn bis Gießen ausgebaut sei, könne der Zweck der ganzen Lahn­kanalisierung als erreicht angesehen werden. Dies habe Direktor Dansa Im Juni 1930 auf der Hauptversammlung des Fulda-Lahnkanal-VereinS in Oberlahnstein mit Recht festgestellt. Direktor Dansa schätze die Kosten der Kanalisierung von Steeden bis Gießen auf etwa 10 Mill-Mk. Aus der Strecke Steeden-Gießen müßten zu 11 vorhandenen Staustufen 5 neue geschaffen werden, wozu möglicherweise ein vollkommener Ersatz der Wetzlarer Schleuse hinzukomme. Aus einem um­fangreichen Kostenvoranschlag, in dem die Bauten der einzelnen Haltepunkte in allen Einzelheiten verzeichnet sind und auf die an dieser Stelle nicht naher eingegangen werden kann, ergibt sich die Tatsache, daß sich bei der Verwirklichung dieses Projektes durch Erdarbeiten der verschie­densten Art, durch Maurer» und Detonarbeiten, Schleuseneinrichtung, große Materiallieferungen usw. direkt und indirekt eine Fülle von Arbeitsmöglichkeiten schaffen läßt. Ie nach der Fristbestimmung für die Bauzeit könne man eine große Menge Arbeits­kräfte für lange Zeit wieder in den Produktionsprozeß einschalten. Re­ben diesem Vorteil für die Arbeitsmarktlage der Gegenwart stehe der noch größere Gewinn der Schaffung günstigerer Produktions- und Absah- verhältnisse der heimischen Industrie für die Dauer. Hiervon könne unser Wirtschaftsgebiet durch Erhaltung und Aufblühen der Industrie eine Hebung des allgemeinen Wohlstandes und vermehrte Steuerkraft der Kommunen erwarten. Für den Gießener Bezirk komme außerdem noch durch die Schaffung eines geregelten Ablaufs der Wassermassen der Lahn bei Hochwasser die schon lange gewünschte Minderung der Hochwasser­schaden hinzu. Es handele sich also bei der Ver­wirklichung dieses Projektes um die Schaffung von Zukunstswerten größten Aus­maßes.

Oie Finanzierung.

Unter den gegenwärtigen und für die nächsten Iahre gegebenen Verhältnissen werde mit einer Verwirklichung des Projektes durch Aufnahme von Anleihen wohl nicht ju rechnen sein. Durchaus möglich erscheine aber die Finanzierung dieses Kulturbauwerkes durch Rutzbarma­chung der Geldmittel der Arbeits­los e n v e r s i ch e r u n g, wie beim Dau der ersten Kanalstrecke. Der Präsident der Reichsanstalt der Arbeitslosenversicherung, Dr. S h r u p, habe im Ianuarhcft des Reichsarbeitsblattes u. a. mitge­teilt, daß im Iahre 1931 für die Arbeitslosen im Deutschen Reiche rund 3 Milliarden Mark aufge­wandt worden seien (von der Reichsanstalt 1436 Millionen, vom Reich 801 Millionen, von den Gemeinden 736 Millionen, zusammen 2933 Millio­nen Mark). Der Redner meinte, wenn von diesen rund 3 Milliarden Mark nur 1/3. also IMil- liarde zur Finanzierung von volks- wirtschaftlich notwendigen Dauten verwandt worden wäre, hätte man die Rot der Arbeitslosen durch Schaffung von Arbeit und damit durch Wiederbelebung weiter

Mer merkwürdig, jetzt, wo sie die einst so ge­liebten Schriftzüge in den Händen hielt, war eine eigentümliche Kühle in ihr. Es war, als hätten die schweren Wochen der Krankheit, als hätte das heilige Erlebnis der Geburt ihres Kindes das strahlende Bild des einst so Geliebten matter werden lassen. Rur wie hinter Schleiern konnte sie sich das schöne Männerantlih vorstellen, den Laut jener Stimme sich zurückrufen, die einst so betorenbe Worte in ihr unerfahrenes Herz ge­flüstert hatte.

Das Leid hatte sie gereift. Die Mutterschaft hatte sie sehend gemacht für Wert und Unwert eines Menschen. Und das tägliche Zusammensein mit Friedrich hatte ihr klar gezeigt, wie wertlos äußere Schönheit ohne inneren Adel war.

Sie nahm den Brief:

Willst du mein Kind einen Augenblick be­wachen und mich einen Augenblick alleinlassen?" fragte sie.Fürchte nichts. Was in diesem Briefe steht, kann mich wohl erschüttern, aber nicht noch einmal vernichten."

Sie strich noch einmal mit leiser Hand über den goldenen Flaum des zarten Kinderköpfchens, ehe sie in der kühlen Halle verschwand. Graf Friedrich saß still neben dem Kinde und blickte mit liebevollen Augen auf dieses unschuldige Wesen, auf das Kind der geliebten Frau.

*

Hans Egon hatte sein Versprechen wahr ge­macht. Er hatte in kurzen Umrissen Birgit sein Vergehen gebeichtet. Er hatte alle Schuld reu­mütig auf sich genommen. Das war das letzte Lebenszeichen von ihm gewesen.

Birgit hatte sich in schweren seelischen Kämpfen zu dem Entschluß durchgerungen, Hans Egon trotzdem die Treue zu halten. Sie mutzte an die Worte des Vaters denken, die er ihr einst in einer ernsten Stunde gesagt hatte, als es um ihre Verlobung mit Hans Egon ging. Die Frauen der Sibelius' wurden nicht fahnenflüchtig, sie hielten aus auf dem Platze, auf den die Pflicht sie gestellt hatte, hielten aus bis zum letzten Schlag des Herzens.

Wer konnte wissen, wie geheimnisvoll dennoch die Bande zwischen ihr und ihrem Gatten sein mochten? Vielleicht war es die Ehefessel, die den Herabgesunkenen noch vor völliger Vernichtung bewahren, ihn vor einem völligen Verlust an die dämonische Frau dort unten bewahren konnte? Was Hans Egon auch getan haben mochte er war der Vater ihres Kindes.

Birgit wollte diesem Kinde einmal frei und klar in die Augen schauen können. Richt sie wollte es sein, die dem geliebten Wesen den Vater ge­nommen hatte. Das Schicksal hatte es so gefügt datz es Birgit die schwere Bürde einer verrate­nen Liebe auf die Schultern gelegt. An Birgit war es, stillzuhalten und eigene Wünsche immer wieder zum Schweigen zu bringen.

Teile der Wirtschaft besser als bisher bekämpfen können. Der gleiche Gesichtspunkt sei für die Zukunft geltend zu machen. Bei aller Anerkennung der Verpflichtung der Allgemein­heit, für unverschuldet in die Rot der Arbeits­losigkeit geratene Mitbürger zu sorgen, müsse doch endlich der Anfang gemacht werden, wenig- stenseinenerheblichenTeilderGe l fr- mittel fr erArb ei ts lösend ersieh er ung produktiv zur Finanzierung von öffentlichen und der Förderung der Volkswirtschaft dienenden Bauten zu verwenden. Die praktische Fürsorge für die Erwerbslosen sei eben doch die Schaffung von Erwerbsmöglichkeiten. Unter diesem Ge­sichtspunkt der Baufinanzierung könne das Lahn- kanalprojekt auch unter den jetzigen Verhältnissen als durchführbar erscheinen. Selbst wenn dabei die Arbeitslosenversicherung die Hälfte der Bau­kosten als verloren e-n Zuschuß und die andere Hälfte als langfristige Anleihe zu mäßigem Zinssatz hergebe, sei vom Standpunkt fr er Erwerbslosenfürsorge sowohl wie deS Allgemeininteresses durch die Schaffung des Lahnkanals viel zu gewinnen, für die Gegenwart und auch für die Zukunft. An der baldmöglichen Lösung dieser Ausgabe sollten alle eifrig Mit­arbeiten, denen die Ueberwindung der Rot un­serer Zeit besonders am Herzen liege.

Oie Aussprache.

Im Anschluß an den Vortrag fand eine sehr rege Aussprache statt, bei der noch zahlreiche wertvolle Gesichtspunkte für die Beurteilung und die praktische Förderung dieses Projektes zutage traten. Wenn auch in der Erörterung gewisse Einschränkungen des Ahlburgschen Gut­achtens über die Bodenschätze des Lahngebietes gemacht wurden, so verbleiben dennoch so viele wichtige Argumente für die Verwirklichung des Kanalprojektes des Fulda-Lahnkanal-Vereins, fraß es sich reichlich lohnt, alle Kräfte dafür ein­zusehen.

Hm im Kreise der Gießener Bürgerschaft die Pläne des Fulda-Lahnkanal-Vereins nach Kräf­ten weiter zu fördern, wurde ein Ausschuß be­stimmt, der sich mit der Ditte um Mitarbeit an weitere im öffentlichen Leben stehende, berufene Herren wenden und Im Einvernehmen mit dem Vorstand des Fulda-Lahnkanal-Vereins, sowie anderen maßgebenden Stellen für das großzügige Projekt eintreten soll.

Aus der provinzialhauptstavt.

Gießen, den 23.3anuar 1932.

Geh' auch 'mal aus!"

Als Plakat, als Tischkarte und als Postkarte kommt in den Gaststätten ganz Deutschlands gegenwärtig ein Bild zur Verwendung, das ein junges Paar am gedeckten Tisch in behaglicher Gaststätte darstellt, mit folgendem erläuternden Text:

Geh' auch 'mal aus!

Freude tut Rot.

Was Du verzehrst, Gibt andern Brotl"

Durch diese Werbung sollen weitere Kreise zu folgenden Üleberlegungen geführt werden: In diesen schweren Zeiten müssen der gewaltigen Anspannung aller Kräfte durch Arbeit und Sorgen auch Stunden der Entspannung gegen» überstehen:Freude tut Rot". Rur durch solchen Ausgleich können sich die nötigen geistigen Kräfte frisch erhalten. In Amerika yat dieRew Vork Times" eine Umfrage veranstaltet, ob in dieser Periode arger Wirtschaftsdepression noch Geld für Erholung und Zerstreuung aufgewandt wer­den solle. In den Antworten läßt der praktische Amerikaner Zahlen reden: es wird auf geführt, datz in den Vereinigten Staaten jährlich 20 Mil­liarden Dollar ein Viertel des Gesamtein­kommens für Zerstreuung und Erholung ver-

Stille Winterabende kamen. Der Konsul hatte sich langsam wieder erholt. Die Freude über das glückliche Gedeihen des Enkelkindchens verscheuchte die schwermütigen Dilder und Visionen allmählich aus seinem ©cmüt. Rur vom Geschäft wollte er nichts hören. Seine Gedanken verschlossen sich eigensinnig vor dem Ruin seines alten Hauses.

Birgit ging still und mit stets freundlichem Lächeln umher, das sich vertiefte, wenn Graf Friedrich bei ihnen weilte.

Sie hatte sich von allem Verkehr ihrer früheren glücklicheren Zeit zurückgezogen. Sie lebte nur ihrem Kinde und den Pflichten als Hausfrau und Gutsherrin. Von Mamsell Stülpnagel» der Ge­treuen, ließ sie sich willig unterweisen, und ball» verstand sie es, in Haus und Hof nach freut Rechten zu sehen. Daneben vergaß sie aber nicht, daß sie als Schloßherrin auch Verpflichtungen gegenüber den Hofleuten hatte. Wo Rot am Mann war: eine Frau erkrankte, ein Kindchen zur Welt kam, überall half Birgit mit Rat und Tat.

Allwöchentlich einmal versammelten sich die jungen Mädchen aus dem Dorfe unten in der großen Rähstube, und Mamsell Stülpnagel und Schwester Helene, die mit dem Gutswagen aus der Stadt herauskam, unterwiesen die jungen Mädchen in Rähen, Flicken und Handarbeit. Oft hatte Schwester Helene ein gutes Buch, aus freut sie vorlas, oder die Tochter des Schullehrers, die luftige blonde Elfriede, fang zur Gitarre fröh­liche Volkslieder.

An allem nahm Birgit tätig und freundlich Anteil. Die große Schüchternheit, die sie als Mädchen und auch noch als Frau an der Seite Hans Egons so oft bedrückt hatte, wich einer stillen Selbstsicherheit, die fit für das wirkliche Leben tauglicher machte.

Ülnd wenn sie am Abend nach erfülltem Tage­werk mit Friedrich zusammen über den Wirt­schaftsbüchern saß, gemeinsam mit ihm rechnete, überlegte und Pläne für den Haushalt des Gutes machte, bann staunte der ernste Mann, wie reif und klar Birgits Urteil geworden, mit wie offenen Augen sie gelernt hatte, in die Welt zu sehen.

Längst batte sich Friedrich daran gewöhnt, all seine geschäftlichen Sorgen mit Birgit zu be­sprechen. Immer mehr lernte auch "Birgit die Arbeit des Schwagers zu begreifen. Immer mehr fühlte sie sich in sein Leben ein. Immer notwen­diger wurden sich diese beiden einsamen Menschen.

Mehr unfr mehr begann sich Birgit auf jene stillen Abendstunden zu freuen, in denen man zu dreien zusammensatz, arbeitend, plaudernd, der Lektüre eines guten Buches hingegeben ober den Tönen fror Musik, bie Birgit endlich einmal wieder aus dem schönen Flügel im Wohnzimmer hervorzauberte, lauschend. Solche Abende waren Feierstunden der Seele.

(Fortsetzung folgt)