Einzelbild herunterladen

Nr. 19 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 25. Januar 1952

Hiflorifche Fahrt nachÄordindien.

politische Eindrücke von einer Weltreise.

Don Dr. Paul Rohrbach.

Lahor«, Ende Dezember 1931.

Ttorbuxhxen ist nicht so völlig politisch, wie Kalkutta, wo überhaupt nur von Politik und ®e- schüst die Rede ist (und Sport und Gesellschaft natürlich, soweit rein englische Kreise in «Frage kommen). 3n Rordindien gibt « auch Geschichte, alte Kultur, Architektur. alle» das. womit Eal- cutta nur schwach oder gar nicht bedacht ist. Im Augenblick freilich wäre es daS Rächst liegend«, zu sagen- Rordindien ist im Winter ganz un­erwartet kalt! Lahore liegt nahe dem 32. Breiten­grad, so wie Kairo- aber ander- als in Kairo lasse uh hier den ganzen Tag da- Feuer im Kamin nicht auHgehen, und nacht» sind drei gute Wolldecken besser al» bloß zwei.

Rordindien fängt, wenn man von Kalkutta kommt, mit Delhi oder mit Agra an. Agra. Delhi und Lahore sind die drei einstigen Mo- gulresidenzen. oder wie die modernen na­tionalen Inder auch manchmal sagen, die Resi­denzen de» früheren indischen Kaiserreich», ö» ist nicht ganz leicht, mit den Indern über chre Geschichte in» Reine zu kommen. Die Mogul« waren gewaltige Herren, aber sie waren keine Inder, sondern Rachkommen Ti­mur». de» mongolischen Welteroberer», seit 1526. und auch in den Iahrhunderten vorher haben in Rordindien. dem wichtigsten Teil de» Ganzen, mohammedanische sremde Eroberer geherrscht: Iranier. Afghanen. Tataren. Der Tadsch Mahal in Agra, diese unvergeßliche Krone der Schönheit, die Schah Djehan in der ersten Hülste de» 17. (Jahrhunderts al» Mausoleum für seine SHebüngÄgattin erbauen lieb, ist rein i»lamische, nach Indien importierte Kunst (d. h. der Baumeister war nach der Heber- lieserung ein Franzose. Austin von Bordeaux, und daÄelde gilt von den herrlichen Marmor- Hallen, Moscheen und Gemächern in den Zita­dellen von Agra und Delhi, die die Mogulvaläste umschlossen. Rur ein Kaiser, Akbar, hat sich aus einer Art Laune in Agra ein Schloßin indischem Stil" erbauen lassen.

Will man von einer national-indischen geschichtlichen Großmacht sprechen, so must man eigentlich zurück bi» auf den Kaiser Asoka, der im 3 Jahrhundert v. Cht. Rordindien beherrschte, und der für den Buddhi»mu» etwa» Aehnliches war. wie Konstantin der Gröhe für die christliche Kirche de» Römischen Reich». Ich habe in Sar- nath bei Benare» d i« Ausgrabungen be­sucht. die umfangreiche Reste einer Gründung Asoka» blohgelegt haben: Tempel und Kloster, errichtet an einer Stelle, wo Buddha seine erste Predigt hielt und seine ersten fünf Jünger ge­wann. Im 11. Jahrhundert haben eindringende Mohammedaner alle» zerstört, aber es wurden eine zerschlagene Säule Asoka» mit prachtvollem Löwenaussatz und eine vollkommen erhaltene Buddhastatue gefunden, von einer Schönheit, mit der sich selbst die ältesten japanischen Bronze- bilder in den Tempeln bei Rara kaum messen können. 2s wäre sehr zu wünschen, dah Rach­bildungen dieser wirklich erhabenen, nicht bizar­ren indischen Kunst auch in die deutschen Museen kommen.

Da ich einmal bei den Ausgrabungen bin, so erzähle ich auch gleich, was ich heute hier im Pandschab gesehen habe. 25 Kilometer von dem Städtchen Mongomery, das an der Bahn nach der Jndusmündung. einige Fahrstunden südlich von Lahore, liegt. Dort sind bei dem Dorf Ha- rappa Heberbleibfel einer Kultur ge­funden worden, die bi» gegen 3000 v. Ehr. zurückreicht, und verwandt mit der sume­rischen im alten Babylonien zu sein scheint. Wenn man an kommt, gewahrt man zunächst nur eine grobe zerwaschene und auSgesurchte Schuttmasse,

Arthur Rikisch.

Ium IQ. Todestage des großen Dirigenten. Don Generalmusikdirektor Erich Kleiber.

Erich Kleiber, erster Dirigent der Ber­liner Staatsoper, stellt uns diese Zeilen der Erinnerung an den verstorbenen berühmten Kollegen zur Verfügung.

E» war einer der größten Glücksfälle meines Leben-, daß Arthur R i k i s ch in den Kriegs­jahren zu einigen Opern- und Konzertgastspielen nach Darmstadt kam, wo ich damals als dritter Kapellmeister tätig war.

Rikisch dirigierte eine .Tristan"-Orchesterprobe für mich ein künstlerisches Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Rur wenige Zuhörer sahen im dunklen Zuschauerraum. Die Sängerin der Isolde war noch nicht anwesend, und Rikisch spielte den .Liebestod" mit dem Orchester allein. Und dieses Orchester war plötzlich wie verwandelt. Was er an Ekstase, Leidenschaftlichkeit und Klang­schönheit in einer einzigen Orchesterprobe da her- Donaubertc. war mir und allen Zuhörern un­faßbar. Immer klangen die Partituren bei ihm so, wie man es sich manchmal im einsamen Ar­beitszimmer bei intensivstem Studium träumen läßt. Geradezu unheimlich waren feine gewaltigen a-escendi; wo andere mit beiden Armen turnen müssen, hob Rikisch die linke Hand langsam hoch und das Orchester brauste wie ein Meer auf! Riemals wurden die Singstimmen gedeckt eine besondere Kunst, welche ich späte« in solcher Doll- endung nur bei Richard Straub erlebt habe. Rach der Probe ging der Intendant Dr. Eger und eine Reihe älterer und jüngerer Kapellmei­ster, die aus allen Rachbarstädten herbeigeeilt waren, mit Rikisch in das Hotel .Traube". Auch ich wurde mitgenommen, sah dann am untersten Ende der Tafel als jüngster und letzter und konnte nichts essen! Einmal, weil ich. noch un­ter dem Eindrücke dieser kapellmeisterlichen Offen­barungen stehend, jede- Wort, das Rikisch sprach, verschlang, und zweitens weil mein ganzes Vermögen aus 70 Pfennigen bestand. Dafür konnte mir die Speisekarte des vornehmen Traube- Restaurants höchstens zwei Sardinen mit einem Brötchen bieten. Die bestellte ich mir denn auch anstandshalber. Die anderen Herrschaften aßen je nach Rang und Stand ihres Geldbeutels ent­sprechend nobler. Als dann am Schluß Rikisch in seiner ihm eigenen vornehmen Art die Tafel aufhob und sagte: .Die Herren waren selbstver­ständlich alle meine Gästeentfuhr mir ziemlich

vielleicht zehn Meter hoch und einen Quadrat­kilometer im Umfang. Hier hinein sind an ver­schiedenen Stellen Ausschachtungen vor genommen die Arbeiten gehen noch weiter die in der Tiefe die Fundament« von sehr komplizierten Mauerzügen au» bart gebrannten Ziegeln zeigen Die gefundenen Waffen und Geräte find au» Stein und Kupfer, sehr Weniges au» Bronze. Das Merkwürdigste sind die zylinderförmigen, in Ton abzurollenden Siegel, die genau den sumerischen gleichen. nur daß sie eine andre, bisher auch nicht einmal versuchsweise zur Deutung in Angriff genommene Schrift zeigen. Schrift und Backsteinbau in Rordwestindien 3000 Jahre vor Beginn unsrer Zeitrechnung, 1000 Jahre vor der mutmaßlichen Zeit der arischen Einwanderung? Wem wird e» da nicht deullich. was die arischen Eroberer nach Indien gezogen hat: der Wunsch, die» alte Kulturvolk au unterwerfen und von ihm zu leben, so wie die Germanen der Völkerwanderung über die Romanen in Italien, Gallien. Spanien zu herrschen und sich von ihnen unterhalten zu lassen gedachren,kundig besser de» Erwerben» durch Blut, denn durch Arbeit", wie TacituS von unteren germanischen Dorfahren lagt.

Diese allen Indo-Sumerer, ober wie man sie nennen mag, bestatteten die Gebeine ihrer Toten in großen Tongefäßen, von denen viele in kräftiger Linienführung und Flächen­deckung. schwarz auf rot, bemalt und einige ohne Sprung und Derletzung bi» heute erhalten sind. Auf einem Gesäß findet man die Dar­stellung eine» Totenritu» «hx Mann zwilchen zwei Rindern der in den alten ..arischen" Deden vorkommt, und siehe, die Wurzel diese» Ritu» liegt gar nicht bei den Ariern, sondern reicht von den Indo-Sumerern her in die Deden! Mit wieviel Anderem mag da» noch der Fall feint

3m Grunde eint wenig aufregende Sache, höre ich manchen Leier lagen. Der Meinung bin ich doch nicht. ..Aufregend", meine ich. ist alles was uns einen Schritt weiter in der Erforschung der Ursprünge mtnschheitlicher Kul­tur bringt, und nun gar auf einem so unerwar­teten Boden, wie dem de» vorasischen Indien. Harappa ist nicht die einzige Grabung»- und Fundstätte dieser Art in Indien: e» gibt noch eine andre, über 600 Kilometer westlich, jenseits de» 3nbu». und sogar in Süd-Deludschistan sind ähnliche Spuren gefunden worden. Sie würden eine Derbindung zwischen dem älte­sten Indien und Babylonien al» denk­bar erscheinen lassen, sobald sich etwa noch in Südversien ein weitere» Zwischenglied findet - geforscht ist dort nach dieser Richtung noch gar nicht.

Arier und Indo-Sumerer toerben sich ge­mischt haben, so wie Germanen und Römer. Schon die Indo-Sumerer mögen dunkelfar­bige Leute gewesen sein, gleich den Dravida» in Südindten. Ursprünglich war in Indien Kaste soviel wie Farbe: je heller, desto vornehmer Ein Rachklang davon ist es. wenn noch jetzt bei den ziemlich dunklen Bengali» die Geburt eine» hellfarbigen Mädchen» mehr Freude macht, al» die eine» dunklen: da» Kind läßt sich besser verheiraten. 3e weiter nach Rordindien, um so heller ist der Durchschnitt. Ich kenne S.hks. die von hier stammen, und di« hellfarbiger sind, al» Italiener und Spanier. Ieder Inder im Rorden. auch der Bengali, bekennt sich beute al» Ariernachkomme. nur die Sonne habe seine Dor- fahren und ihn gedunkelt.

Run. die Geschichte wird keinen Inder nach seiner Farbe fragen, wenn er Indien ..frei­machen" will, sondern danach, wieviel Ener­gie er hinter seine nationalen Ansprüche zu setzen vermag!

DeMIand als Sieger and Frankreich als Sieger.

Zn welcher Politik herrscht der Geist der Gerechtigkeit und Völkerversöhnung?

Don Dr. Gustav JRoloff, o. ö. Professor der Geschichte an der Universität Gießen.

..Wenn die Franzosen sich nach dem Kriege anständig benommen hätten, so würde es jetzt besser um die Welt stehen", schrieb vor einigen Wochen der englische General W. H. H. Water», ein guter Kenner Deutschlands und Frankreichs. Daß diese Worte den Ragel auf den Kopf treffen, wird außerhalb Frankreichs heute schwerlich je­mand ernstlich bestreiten, und wer den Dingen in unbefangener Prüfung auf den Grund geht, wird finden, daß die heutigen Zustände Europas, ja in der ganzen Welt, die Folge eines ur­alten französischen politischen Sy­stems sind, daS die Franzosen in Versailles ihre Bundesgenossen mit List unter Dorspiege­lung falscher Tatsachen aufgezwungen haben. Richt um der Welt einen dauernden Frieden zur Heilung der Wunden zu geben, sondern um Deutschland in Verkümmerung und Ohnmacht au versetzen, sind die Be­dingungen von Versailles geschaffen worden. Es ist ja daS Ziel der französischen Politik seit Heinrich IV. und Richelieu, die französische Vor­machtstellung auf der Schwächung Deutschlands aufzubauen-, ein Deutschland, wie es der West- fälische Friede geschaffen habe, fromme Frank­reich am besten, war z. B. unter Rapoleon 111. das Glaubensbekenntnis der öffentlichen Meinung. In der dritten Republik ist diese Anschauung nicht verschwunden: sie ist vielleicht noch konse- quenter und brutaler in dem bekannten Wort Elemenceaus, des Vertreters Frankreichs in Ver­sailles, eS gebe 20 Millionen Deutsche in Europa z u viel, zutage getreten, Und vor kurzer Zeit schrieb noch dieAction fran^aise", die beste Lösung der gegenwärtigen Schwierig­

laut der Herzensrus: .Wenn ich das gewußt hätt', hätt' ich waS anderes gegessen!" Alles lachte, am meisten Rikisch, der diese Geschichte, wie er mir später gestand, »ft und mit Erfolg weitererzählt hat.

Am Morgen nach der ,Tristan"-Aufführung, die für ganz Darmstadt ein unvergeßlicher Abend wurde, wagte ich mich ins Hotel Traube mit der Absicht, dem Meister die Dankbarkeit und Be­wunderung von uns jüngeren Musikern auszu­drücken, die wir ihn zum erstenmal hören durf­ten. Ich bin aber über die ersten Worte nicht hinausgekommen: Rikisch, der meine tiefe Be­wegung merkte, war unendlich lieb und fragte mich, was ich denn nächstens dirigierte. Ich sagte, .Ach Gott, Herr Professor, ich muß der erste sein, der morgen hier nach Ihnen zu dirigieren wagt und noch dazu den .Trompeter von Säckingen". 3a, wissen Sie denn auch, dah der mir gewid­met ist?" Das hat mich nun etwas getröstet, aber ich hatte zum erstenmal in meinem Leben an jenem Abend keine rechte Lust, das Dirigenten­pult zu besteigen, an dem dieser Mann kurz vor­her .gezaubert" hatte.

Der wunderbaren ..Tristan"-Aufführung folgte nun eine Reihe von Opern und Konzerten unter Rikisch» Leitung. Und da saßen wir nun in den Proben und sogen alles in uns auf, was dieser prachtvolle, unerreichte Musikant dem Orchester und den Sängern gab. Und seltsam: die Ver­ehrung und Bewunderung für Rikisch steigert sich heute noch nach so vielen Iahren in mir immer mehr, je mehr ich in meinen Beruf hinein- wachse. Einzelne Stellen aus demTristan", demTannhäuser" oder derLärmen" habe ich klanglich von ihm so im Ohr. dah ich sie nie ohne einen Gedanken an ihn dirigieren kann. Seine immer gleichbleibende Liebenswürdigkeit und vor allem seine väterliche Freundschaft, die er mir. einem tastenden Anfänger, entgegenbrachte, hat mir immer wieder neuen Mut für meinen Weg gegeben. Als ich 1919 erster Kapellmeister in Barmen und später in Düsseldorf wurde, bekam ich einen rührenden Gratulationsbrief, der zu meinen kostbarsten Andenken gehört. Ich habe Rikisch dann nie mehr hören dürfen, denn zu einer Reise nach Berlin und Leipzig fehlte während der Saison die Zeit, Und al» vor zehn Iahren an einem trüben Ianuarmorgen die Rachricht von Rikifchs Tode nach Düsseldorf kam, da saßen ein erster Kapellmeister und sein Chordirektor im Probezimmer und weinten wie die kleinen Kinder, ilnb die Beiden waren sicher nicht die einzigen Musiker, denen e» an diesem Tage so zu Mute toatl

feiten würdedie völlige Zerbrechung und der Ruin Deutschland» sein".

Mit um so größerem Recht darf Deutschland immer wieder auf diesen Zusammenhang der Dinge und nicht nur auf die Torheit, sondern vor allem auch auf die Ungerechtigkeit der Versailler Bedingungen Hinweisen, weil e» selbst nach seinem Siege über Frankreich das entgegengesetzte politische Beispiel gegeben hat. Keinen Augenblick haben Wilhelm I. und Bismarck im Iahre 1871 dem Gedanken Raum gegeben, Frankreich von seiner Groß­machtstellung verdrängen zu wollen. Man weih, mit welcher Vorsicht die Friedensbedingungen erwogen worden sind: nur solche Opfer wollte man Frankreich auferlegen, die die Verteidi­gungsfähigkeit des so oft von Frankreich angegriffenen Deutschlands stärkten und zugleich als Wiedererlangung alten, geraubten Besitze» historisch zu rechtfertigen waren. Rie ist eine finanziell« Ausbeutung Frankreichs ver­sucht oder geplant worden: ohne nachhaltigen Schaden für seine Wirtschaft konnte Frankreich die Kriegssteuer bezahlen, und fo bald als mög­lich verlieh die deutsche BesatzungSarmee den französischen Boden. Von einer Mißhandlung des Besiegten kann keine Rede sein. Man ver­gleiche nur da» Verhalten der Okkupa­tionsarmeen hüben und drüben: wäh­rend der zweieinhalbjährigen Besetzung Frank­reichs durch deutsche Truppen fand ein einziges Sittlichkeitsverbrechen statt, von der französisch­belgischen Armee sind an 200 begangen wor­den ungerechnet die, die nicht offiziell bekannt geworden sind. Und in aller Erinnerung ist noch

Seien wir froh und glücklich, daß wir ihn er­leben durften, aber vergessen wir nicht, dah daS andere große Dirigentengenie dieses Iahr- hunderts glücklicherweise noch unter uns weilt und uns hoffentlich noch viele Iahre lehren, führen und beschenken wird: Arturo ToScanini!

Dah Arthur Rikisch nie vergessen wird, dafür sorgen schon alle Orchestermusiker, die je unter ihm musizieren durften Ob in Kopenhagen oder Buenos Aires, ob in Reuhork oder Peters­burg immer erglänzen den Musikern die Augen, wenn man seinen Ramen nennt.

Lieber Meister Arthur Rikisch. Du brauchst kein Denkmal aus Stein: Du hast Dein schönste» Denkmal in den Herzen der Orchestermusiker der ganzen Welt!

Vom Knaben, der den Mond ansang.

Don Victor Mages.

Alter Mond, längst über das pensionsfähige Alter hinaus: wenn du so weih und pausbäckig vom Himmel guckst, wie ein fetter geschminkter Sloton, ist es gar nicht zu begreifen, dah man dich einmal gehaßt hat. Zwar nur für eine Stunde, aber immerhin gehaßt. Mit der hem­mungslosen Leidenschaft eines etwas verwilder­ten Siebzehnjährigen.

Du bist ein Chamäleon. Aber das wissen die Leute hier in Mitteleuropa nicht. Sie sehen nur dein gepuderte» Antlitz, und da» hat soviel von singendem Leid, von der Sehnsucht, die gläsern zwischen den Zeiten steht. Du bist ein Führer zu traurigem Schwärmen, milde nennt man dein Licht, und niemand ahnt, daß du auch ganz, ganz anders fein kannst

Der Knabe, der vor 26 Iahren auf der Back eine» Viermasters stand, um Ausguck zu halten, ahnte es auch nicht. Leise hatte sich die Rächt gebreitet, die Sterne glitzerten, wie sie das berufs­mäßig zu tun haben, zumal in der Südsee. und das Rauschen des Meeres machte den Kopf ein wenig taub. Schläfernde Stimmung umwehte den Knaben, jene Stimmung, die ihn tief eingelullt batte, al» er zum erstenmal die Ofsenbachsche Barcarole hörte. Hier aber waren keine Theater­kulissen. Hier sollte er Ausschau halten nach den Lichtern fremder Schiffe: Feuer an Steuer­bord ein Schlag gegen die Glocke, Feuer an Backbord zwei Schläge, Feuer voraus drei.

Wir schwimmen mitten in der Südsee. Die Inseln, die auf der Landkarte, Pünktchen an

da» rigorose und barbarische Vorgehen gegen die deutsche Bevölkerung im Rheinlande und im Ruhrgebiet, die brutalen Strafen wegen barm- loser oder angeblicher Vergehungen die deutsche BesatzungSarmee hat dagegen 12 Mann durch heimtückische Uebersälle verloren, und die französische Preise verherrlichte derartige Schandtaten. |a. die französischen Gerichte sprachen überführte Schuldige, die sich ihrer Tat gerühmt hatten, frei. Trotzdem lind durch die deutschen Truppen nur örci Mörder hingerichtet worden, und gegen die Zivilbevölkerung sind Vergel­tungsmaßregeln überhaupt nicht er­griffen worden

Bor allem hatten die Zranzofen in her aus­wärtigen Politik die Hände frei. Gewiß war Bismarck eifrig bemüht, jede» französische An- grifsSbündm» gegen Deutschland zu vereiteln, aber nie hat er daran gedacht. Frankreich in absoluter Isolierung zu erhalten, z B eine An­näherung an England, die der französischen über­seeischen Expansion zugute kommen mußte, bat er mit Wohlwollen betrachtet, weil ihr eine Ossen- sive gegen Deutschland nicht innewohnte Von einer systematischen Einschnürung der französi­schen BewegungSsreiheit. um die französische Ration politisch und geistig zu lähmen, war er weit entfernt. Gerade auf Dem Gebiete, auf dem sich die französische Rationalkraft allein positiv entfalten konnte, in der Kolonialpolitik, war er bemüht, den Franzosen die Wege zu ebnen: so hat er zu einem ihrer wichtigsten Er­folge, der Besetzung von Tuni». erheblich beigetragen Da» geht mit voller Deutlichkeit au» authentischen französischen Zeugnissen, die soeben veröffentlicht worden sind, hervor

Seit der Eroberung Algiers (1830) war Frank­reich al» Rachbar von Tunis an den Vorgängen in diesem Lande lebhaft interessiert Die Rot­wendigkeit, die algerischen Grenzen gegen räube­rische Einsälle von Tunesiern zu schützen und französische wirtschastliche Unternehmungen in Tunis zu vertreten, lieh bald eine Beschlagnahme diese» wichtigen aber nach europäischen Begriffen schlecht regierten Lande» wünschenswert erschei­nen. Allerdings mußte man mit dem Wider­stand« Italiens, der Türkei und vielleicht auch Englands rechnen, vor allem aber scheute man in Paris eine größere koloniale Verwicklung, weil man bei der Entsendung größerer Streit­kräfte über das Meer eine Bedrohung durch Deutschland fürchtete. Da man sich stets mit der Hossiiung auf einen Revanchekrieg trug, so traute man auch der deutschen Regierung kriege­rische Absichten zu. Hier hat Bismarck ent­scheidend eingegrifkn. Schon zur Zeit des Ber­liner Kongresses (1878) hat er der französischen Regierung rund heraus erklärt, nach seiner Mei­nung sei die Erwerbung von Tunis die folge­richtige Fortsetzung der algerischen Kolonial­politik, und die Herstellung einer besseren Regie­rung in Tunis liege ebenso im Interesse Euro­pas wie Frankreichs. Er werde daher gegen die Besetzung von Tunis keinen Widerspruc^ erheben, noch andere Staaten zur Opposition ermutigen. Frankreich möge doch den günstigen Augenblick, in dem der Kongreß im Orient mo­hammedanisches Gebiet verteile, benutzen: Eng­land, da» soeben Zypern an sich gebracht habe werde nichts eintoenöen können, wenn Frankreich sich in TuniS eine Kompensation für diese neue Machtverstärkung Englands im Mittelmeer sichere.

Zunächst hatte Bismarcks Rat keinen Erfolg. Mehrere Iahre zögerte die Pariser Regierung aus den alten Gründen mit einem Entschluß, aber wenn der französische Botschafter in Berlin mit dem Reichskanzler die Angelegenheit be­sprach, erhielt er immer dieselbe Antwort: über­all, wo die französische Politik sich nicht gegen Elsaß-Lothringen wende, könne sie auf warme Unterstützung _ Deutschlands zählen, speziell in Rordafrika wünsche er den Franzosen das Beste. Ich glaube", sagte der Fürst dem Botschafter -wenn Sie im Mittelmeer Ihr natürliches In-

Pünktchen, nebeneinander liegen, sind fern und nicht zu sehen. Die Dampser sahren einen an- Heren Kurs In der letzten Woche war nicht ein einziges Licht zu melden. Auch heute nacht wird keinS auftauchen. Wasser, Rächt, Sterne. Und dieses unendlich weit schwingende Rauschen, das müde macht. Die Augenlider sind wie Blei.

Da reiht der Knabe die Augenlider jäh hoch. Rotes Feuer voraus. Es tanzt. Ein Schifs. Oder tanzt es nicht? Doch. Die Augen mühen sich, sie sehen immer -dasselbe

Dreimal tönt die Glocke. Eine junge Stimme singt:Rotes Feuer voraus!"

Der Steuermann kommt von hinten. Langsam schlurrt sein Schritt über den Laufsteg.Wo?" fragt er Die Hand weist die Richtung.

Im nächsten Moment hat der Knabe eine Ohr­feige sitzen Sie knallt durch die träumerische Rächt. Langsam schlurrt der Steuermann den Weg zum Achterdeck zurück.

Warum? Weshalb? Wieso? fragt sich der Knabe. Er ist fassungslos: in ihm jammert da» Leid dessen, der für Achtsamkeit getreten worden ist Er soll Ausguck halten und melden. Da vorn tanzt ein rotes Licht ...

Ranu? Das rote Licht steht jetzt viel höher. Es ist gröher geworden. Es steigt. Es steigt. Es wird immer größer. Das rote Licht ist der Mond.

Rot wie die Sünde bist du gewesen, Mond. Kein Mensch hatte uns in der Schule je erzählt, daß du glatzköpfiger Greis so teuflisch blutig aussehen kannst und dich klein machst wie die Seitenlampe eines Schiffes, wenn du aufgehft- Der Knabe hat dich gehabt, solange die Ohrfeige auf feinet Wange brannte, und da die Ohr­feige ein Originalprodutt des Steuermann» Iessen war, brannte sie eine Stunde lang.

Am anderen Abend, bei der Musterung der Wache, sagte Herr Iessen.Wenn du wieder den Mond ansingst, schmeiß ich dich über Bord '

Und da kam nun wirklich das rote Feuer eine» Schiffes in Sicht, aber der Knabe lachte: diesmal laß ich mich nicht veralbern und die Glocke schwieg, und Herr Iessen verabreichte eine neue Ohrfeige, verbesserte Auflage.

Oochschulnachnckten.

Dem Professor Dr. jur. Karl Aug. Eckhardt an der Handels-Hochschule Berlin ist der Lehr- stuhl für deutsche» Recht und bürgerliches Recht an der Universität Bonn als Rachfolger de» Ge­heimen Iuftizrats Prof. H. Sch reuet angeboten worden.