Aus Der provmzialdouptfiaD»
Gießen. den 22.3uli 1932.
Notruf des Gaststättengewerbes.
^on Adolf Sauer, Gießen.
Alle Anstrengungen des Gaststättengewerbes In dem langen Kamps um St e u e r g e r e ch t l g- kett sind ergebnislos geblieben. Hunderttau- sende von Angestellten mußten entlassen werden, zahllose selbständige Existenzen sind vernichtet und die restlichen Gastwirtsbetriebe stehen vor dem Ruin, von dem die Kunden des Gewerbes, Lieferanten, Fabrikanten Handwerker mitbetroffen werden.
Unter Anspannung aller Kräfte hat das Gast- stättengewerbe versucht, sich wirtschaftlich aesund zu erhalten. In diesem Kampf geht heute der A p. pell an die Öffentlichkeit und insbeson. dere an die nicht organisierten Berufskollegen! Es geht nicht allein um die Interessen eines Gewerbes, um die Vernichtung von vielen hundert Millionen Kapitalswert, es geht auch um die Existenz einer Wirtschaftsgruppe, die Träger des innerdeutschen und ausländischen Fremdenverkehrs ist. Der Berufsstand der. Gastwirte kann mit Stolz auf eine Vergangenheit zurückblicken, in der der deutsche Gastwirt stets bewiesen hat, daß er stets mit seiner steuerlichen Leistung ein hervorragender Staatsbürger gewesen ist. Und heute! Konkurse ohne Zahl, die größtenteils mangels Masse abgewiesen werden, Selbstmorde, hiervon nicht wenige der tüch- tigsten Berufskollegen, Elend und Verzweiflungsstimmung der Gastwirtsfamilien in den verödeten Lokalen. Zahlreiche Existenzen des Gastwirtsgewer- des, die sich mit dem bescheidensten Einkommen zu- frieden auf die primitivste Lebensweise eingerichtet haben, aber mit Zähigkeit daran festhalten, den Besitz bzw. den Betrieb durchzubringen, gibt man mit großer Geste preis und führt sie dem Heer der Unterstützungsempfänger zu.
Trotz der schweren Zeit gibt es noch Volksschichten, die in der Lage sind, die Lokale zu frequentieren. An diese ergeht hier die Bitte, trotz Radio- musik und Haustrunk im eigenen Heim die ungeheure Notlage des Gewerbes zu erkennen und, wie früher, im Kreise der Freunde die zur Zeit öden Gaststättenräume wieder zu bevöl- kern. Bei allen politischen Parteien möge die Einsicht siegen, daß das Gastwirtsgewerbe nicht vernichtet werden darf, sondern gestützt und wieder aufgebaut werden muß.
Für die nicht organisierten Berufskollegen gilt in diesem Kampfe mehr als je das Wort: Um deine Sache wird gekämpft! Diese Erkenntnis sollte sich heute auch den Berufsgenossen aufdrängen, die der Berufsorganisation noch gleichgültig oder ab- lehnend gegenüberstehen.
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* Der neue Leiter der Heil- und Pflegeanstalt. Zum Nachfolger des in den Ruhestand getretenen Direktors der Heil- und Pflegeanstalt Gießen, Obermedizinalrat Dr. O ß w a l d, wurde der seitherige Direktor der Heil- und Pfleae- anstalt „Philippsbofpital" bei Goddelau^ Obermedi- alnalrat Dr. Schneider ernannt. Der leitende Arzt der früheren Hessischen Heilstätte für Nervenkranke bei Gießen, Medizinalrat Dr. Baufch, wurde Oberarzt an der Heil- und Pflegeanstalt bei Alzey.
•• D i e Beratungsstunden für Geschlechtskranke finden in der Beratungsstelle Gießen, Gasfkystraße 14, der Landesversicherungsanstalt Hessen werktags von 10 bis 12 Uhr und Montag und Donnerstag von 17 bis 18 Uhr statt. Die Beratungsstunden am Dienstag, und Freitagnachmittag fallen dafür aus.
** Sperrung der Alicen st raße. Das Polizeiamt Gießen teilt mit: Die Alicenstraße wird vom 22. bis 23. Juli zwilchen Frankfurter Straße und Ludwigstraße wegen Reparaturarbeiten an der Wasserleitung für den Verkehr mit Fahrzeugen aller Art polizeilich gesperrt. Die aufgestellten Sperrschilder sind zu beachten.
•• Die Hundstage kommen. 2lm 23. 3uli ist nach dem alten Bauernkalender Hundstag- Qlnfang. Hundstagende ist am 23. August. Die Hundstage sind die heißesten Tage im 3ahr; sie dauern einen Monat und soUen recht schwül und heiß fein. Ihren Romen haben die Hundstage von dem Hundsstern oder Sirius. Alte Regeln sagen: „Hundstag hell und klar, zeigen an ein gutes 3ahr: wenn sie viel Regen bereiten, bringen sie viel teure Zeiten." „Hundstag hell und heiß, bangt im Winter feder Geiß." Auf heiße Hundstage soll also ein strenger, flarer Winter folgen. Rach altem Volksglauben soll man in den Hundstagen nicht baden, sonst bekommt man die Hundsblattern. Auch soll man auS keinem offenen Wasser trinken, weil darin der HundS- kopf, das ist hie Kaulquappe, schwimmt. Die Kaulquappe ist eine Vorstufe deS Frosches.
Sinn und Aufgabe deutschen Sängertums
Ein Wort an unsere Sönger zum Deutschen Sängerbundesfest.
Don Oberschulrat Heinrich öaffinger, Darmstadt.
Es gibt in der Geschichte jeder Vereinigung Tage, die von besonderer Kraft sind: Tage, die einen aufwärts tragen, die einen wie mit tausend Armen stützen im Kampf und im Ringen um das Ziel, das man sich gesteckt hat. Plötzlich ist man nicht mehr allein, wie man es vielleicht oft in trüben Stunden glaubte. Man sieht in die längst bekannten Gesichter rings um einen her, aber sie sind wie über Rächt anders geworden, sie haben heute einen leuchtenden Schein, sie fügen sich zusammen wie eine einzige Kraft, und man fühlt, hier ist ein Gemeinsames, das uns alle trägt, hier sind Menschen, die dir im gleichen Streben und Bekennen die Hände reichen. Rein, du bist nicht allein. Zu deinen Seiten stehen viele, stehen Hunderte, Tausende, die das eine gleiche Fühlen voranreiht, die dir in diesem Kampf Bruder und Schwester sind.
Cs geschieht vielleicht nicht oft, daß wir solche Tage erleben. Alm so freudiger, um so entschlossener aber wollen wir sie begrüßen und zum Fest für uns alle gestalten. Wann könnten wir besser die andern, Die Lauen, die Zaudernden mitreihen als an solchen Tagen, da uns selbst die Begeisterung, die Freude und das Gefühl der Zusammengehörigkeit tragen? Geben wir dem freudigen und frohen Ausdruck, was uns bindet, lassen wir es alle hören, was uns dieser Tag für unseren Kampf und unser Streben ist. Laht uns unsere Freude mit ihnen teilen. Iaht uns zu ihnen von unserem Sehnen und Streben sprechen.
Unferc großen deutschen Sängerfeste sind solche Tage. 3n diesen Tagen bekennen sich Tausende in der alten Goethestadt am Main zu gemeinsamem Ziel und gemeinsamem Streben. Diese Woche wollen wir kundtun, was diese Tausende bindet. Jawohl, Freunde, bei diesem Fest wollen wir uns erneut und für alle vernehmlich zum deutschen Liede bekennen, und damit zu deutschem Volkstum und deutscher Heimat.
Denn das Lied in der Muttersprache ist wie der Hammer, der an die Glock« schlägt und sie zum Tönen bringt. Kein anderer Ton ist so rein wie der, der aus dieser Glocke klingt. Es ist der Ton, der allen zu Herzen geht, der Ton, den jeder versteht und richtig deutet, fei es, daß di« Glocke klingt in Schmerz oder Freude, in Ernst oder Schmerz, in Glück oder Leid, in Degeisterung oder Entsagung, in Sehnsucht ober Erfüllung. An fernen Liedern kann man den Menschen erkennen. Er jubelt sein Glück, er klagt seinen Schmerz und kündet seine Liebe. 3m Liede birgt sich die ganze Seele des Menschen, und besonders in unserem deutschen Liede.
Ein kleines Lied, wie geht's nur an, daß man so lieb es haben kann, was liegt darin? Erzähle!
Es liegt darin ein wenig Klang, «in wenig Wohllaut und Gesang und eine ganze Seele.
3a, unser deutsches Lied ist wie der Hammer, der an die Glocke der deutschen Seele schlägt und sie zum Tönen bringt. Alnb ihr Gesangvereine, ihr seid die Hüter dieser uns allen heiligen Töne und Weisen. Ob dies« volltönende, dies« gewaltige ewige Glocke, die Seele eures Volkes, mißlingen wird in Harmonie mit euch und eurem Wollen und eurer Tat, das hängt vor allem und zuerst davon ab, mit welchem Maß von Verantwortung und ernster Liebe ihr dieses euer Hüter- amt verwaltet. Alnb das erste Geläut dieser Glocke sei der Gruß an die Heimat. Denn wer je wußte, was Heimat ist, der trägt in sich ein strahlendes Bild, das er sich nicht trüben und verzerren lassen will.
Darum, ihr Sangesbrüder, laßt die Arbeit in euren Vereinen, im Gau und im Bunde auf immerbar fest in bet Heimat verwurzelt fein. Laht bie Kunst eures Gesanges der Heimat bienen, bamit di« Kraft eures Liedes Kraft des heimischen Bodens, damit die Füll« eurer Weifen die immer von neuem unerschöpfliche Fülle eures Volkes fein möge.
Vergeht nicht, ihr Gesangvereine, daß ihr aus dem Volke, aus seiner Sehnsucht nach klingender Freude, aus seiner Liebe zu Lied und Musik geboren seid. Die Freude an Klang und Lied, die in unferem Volke so besonders stark ist, hat euch zusammengeführt zur gemeinsamen Ausgabe, hat die vereint, denen aus Freud« am Lied das Bedürfnis zu seiner besonderen Pfleg« wuchs. Deutsches Lied und deutsches Volk bilden eine untrennbare Einheit. Eine Einheit, di« so wesentlich und bedingt ist, daß beide Teile, Volk und Lied, Rot leiden werden, wenn sie sich voneinander entfernen oder sich gar fremd werden.
Darum, ihr Sangesbrüder, sei das zweite Geläut« der Gruh an euer Volk! Laßt feine Seele aus euren Liedern klingen. Gesellt euch zu den beiden Sängern, wie sie un8 der Dichter schildert, zu fingen
„von Lenz und Liebe, von felget, golbner Zeit, von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit:" zu fingen „von allem Süßen,
was Menschenbrust durchbebt" zu fingen „von allem Hohen,
was Menschenherz erhebt".
Laßt euch nicht irre machen, wenn sich ein gewisser Geschäftsgeist heute breit macht in artfremder Musik und in geistlosen Schlagern. 3hr seid als Hüter bestellt für deutsches Volksgut. Füllt euren Platz tatkräftig aus, trotzt dem Zeitgeist, wenn er sich gegen euer Volk richtet, spätere Generationen werden euch dankbar dafür fein, daß ihr nicht von eurer gefunden und urdeutfchen Basis gewichen seid.
Und wenn ihr so vor eurer Aufgabe steht, ent- schlossen, kraftvoll und mit ernstester Verantwortung, dann seid ihr bereit und fähig zum machtvollsten Geläute, das aus dieser Glocke klingt, zum Geläute für unser Vaterland. Wohl blutet unser Herz, wenn wir erleben, wie sich die Brüder eines Volkes, wie sich untere Brüder zerfleischen in Haß und Mißverstehen. Wohl, wir gehen einen schweren Weg, das Schicksal hat uns tief geschlagen, aber nie soll deshalb die Glocke verstummen, nie soll unser Lied die Weise verlernen, zu fingen von deutscher Einigkeit und Einheit. Wir haben das Vermächtnis übernommen, und für dieses Vermächtnis wollen wir kämpfen und dulden. Greift mit eurem Sang an die Herzen, die vor Sehnsucht krank sind, gebt ihnen den Glauben zurück, stärkt ihre Hoff- nung. Deutschland darf nicht untergehen im Bruder- kampf. Dafür ist die Todessaat unserer gefallenen Brüder nicht in bie Millionen gewachsen. Von neuem, wie immer in unseren schwärzesten Tagen, stehen sie vor uns auf und heben beschwörend die Hände: Laßt von dem Hader, dienet dem Frieden, schirmet euer geistiges Gut, betet zu Gott, daß er euch die Kraft und Stärke Der Ein- heit gebe!
Darum ihr Sangesbrüder, laßt in diesen Tagen euer machtvollstes Geläute ertönen, wenn sich die Herzen verhärten und Die Ohren dem Geiste vor» schließen wollen. Lasset sie läuten von Freiheit unD Einheit und Liebe zum Vaterland. „ .
Trennt uns Glauben, Streben, Meinen, Eins soll, eins uns doch vereinen — Hebt zum Schwure auf die Hand: Deutschlands Freiheit, Deutschlands Einheit, Und in ihrer schönsten Reinheit Liebe für das Vaterland!
Ob ihr seid beim Feftgesange Bei der Freude hellem Klange, Hier vereint mit Herz und Hand — Auch in ernsten, bangen Stunden Laßt uns innig sein verbunden Für das deutsche Vaterland!
Deutschlands Freiheit, Deutschlands Einheit, Und in ihrer schönsten Reinheit Liebe für das Vaterland!
Trennt uns Glauben, Streben, Meinen, Dies soll immer uns vereinen!
Hebt zum Schwure auf die Hand!
Napoleons Sohn.
Zum 100. Todestage des Herzogs von Reichstadt: 22. Juli.
Don Dr. Georg Kuhn.
„Endlich muß öie Trennung des großen und des kleinen Adlers, die dem Tlärtnrer von St. Helena die größte Wunde schlug, ein Ende nehmen!" Mit diesen Worten hat vor tu non Prinz Joachim M u • rat bei der Gedächtnisfeier vor Dem Grabmal Napoleons Die Ueberführung der Leiche feines Sohnes nach dem Jnvalidendom gefordert. Dieser Plan besteht n-icht nur bei den französischen 'Bona- parieften, sondern bei weiteren Kreisen, und die 100. Wiederkehr Des Todestages des unglücklichen Napoleoniden hat diesen Bestrebungen einen neuen Antrieb gegeben. Die Forderung nach Auslieferung der Leiche war bereits in dem ersten Entwurf des Friedensvertrages von Saint-Germain erhoben worden, mußte aber von der öfter- reichischen Regierung abgelehnt werden, da das Grab des Prinzen sich in der Wiener Kapuziner- Gruft befindet, die Privateigentum der Habsburgischen Familie ist. Die Erlaubnis kann also nur von Dem jetzigen Oberhaupt des Geschlechtes, der Ex- Kaiserin Zita, erteilt werden, und mit ihr sind auch schon Verhandlungen angeknüpft worden. So werden also doch vielleicht noch einmal Vater und Sohn, die sich im Leben so wenig gekannt haben, wenigstens im Tode vereinigt werden.
Die Gestall des „kleinen Adlers", „I/Aiglon", wie man Den einzigen Sproßling des großen Kor- fen getauft hat, ist in zartester Kindheit von mär- chenhaftem Glanz umgeben und dann nach Der tragischen Wendung seines Schicksals bald von einem romantischen Schimmer verklärt worden. Die Le- aenDe hat ihn früh mit ihrem dichten Gerank um- fponnen, und sie beherrscht auch heute noch die allgemeinen Vorstellungen, die man sich nach phantastischen Dichtungen, etwa Dem tendenziösen Drama Rostands, macht. Desto wichtiger ist es, sich Die Tatsachen vor Augen zu halten. Die jetzt in neuester Zeit von Der Wissenschaft klargestellt worden sind. 2lls Die Kaiserin Marie Luise Napoleon den so lange ersehnten Erben gebar, Da legte er ihm den Titel Des „Königs von Rom" in die Wiege, und sein Großvater, Kaiser Franz von Oesterreich, füate alle österreichischen Ordensbänder hinzu. Der Kaiser vergötterte das Kind, das er freilich selten sah, und unter Der Pflege hochgebildeter Damen des Hofes entwickelte es sich rasch. Schon der Dreijährige Knabe konnte ganze Steilen aus Racine unD Fabeln von Lafontaine hersagen. _
Als Die Verbündeten Ende 1813 sich Paris näherten, floh Marie Luis« mit dem Kinde nach Blois und Dann nach Rambouillet. Napoleon dankte zunächst zugunsten seines Sohnes ab, und der König von Rom, der ahnungslos mit feinen Soldaten spielfe, wurde tasächlich zum Kaiser der Franzosen gewählt und führt« einige Stunden Den Namen Napoleon II. Doch Dann war der Kaisertraum für immer zu EnDe: er kam mit der Mutter nach Schloß Schönbrunn bei Wien und hat niemals wieder französischen Boden betreten. Von der Mutter getrennt, als die Herzogin von Parma sich in einer Neigungsehe mit Dem Grafen Neipperg verband und sich nur noch wenig um ihren Sproßling aus Der Verbindung mit Dem ungeliebten Napoleon kümmerte, wuchs der jung« Prinz nun am österreichischen Kaiserhofe auf, zunächst noch von Der Gräfin Montesquio weiter erzogen; Dann aber wurde er Der Obhut Des Grafen Dietrichstein und verschiedener Lehrer, Darunter Des Dichters Matthäus von Collin, übergeben. Die große Politik spielte weiter um seinen blonden Scheitel und warf ihre dunklen Schat- ten über feine Entwicklung. Da man während der hundert läge feine Entführung fürchtete, wurde er ängstlich bewacht, und vergebens wartete Napoleon aus Den Sohn, um ihn auf Dem Maifelde krönen zu lassen. Napoleon dankte nach Waterloo endgültig „zu Gunsten Napoleons II. ab. Aber als Die Bourbonen wieder Den französischen Thron bestiegen hatten, schwanden diese Aussichten ins Wesenlose. Sein Großvater schuf für ihn in Böhmen ein Herzogtum Reichstadt, so daß er nun Den Titel „Herzog von Reichstadt" führte unD im Rang unmittelbar nach Den Erzherzogen kam. An der Stelle Des Namens Napoleon erhielt er Die Namen Franz Joses Karl. Verschiedentlich tauchten noch Aussichten für eine Thronbesteigung während seines Lebens auf. Bald dachte man an Polen, bann wieder an Griechenland, schließlich nach Der Juli-Revolution sogar an Frankreich. Damals arbeiteten Die Bonapartisten für ihn, aber er wies ihre Geheimagenten zurück, weil er nicht als „Abenteurer" seiner Familie, in der er ausgewachsen war, in Den Rücken fallen wollte.
Diese widerspruchsvolle und zwiespältige Lage mußte aber natürlich auf den jungen Geist ein- wirken. Dazu kam in seiner Veranlagung ein W i - der st reit bedeutender Gaben mit angeborenen Fehlern. Der Herzog von Reichstadt zeigte früh scharfe Fassungskraft und große Phantasie, Festigkeit und Mut, Würde und Unbefangenheit. Aber er war zerstreut und träge, hing feinen Träumereien nach und legte seinen Erzieherinnen gegenüber einen passiven Widerstand an Den Tag. Wir sind erst in jüngster Zeit durch Die Der- öffentlichung „Aus Den Papieren Des Herzogs von Reichstädt" von Jean De Bourgoing über feine innere Entwicklung genau unterrichtet worden und
können aus den hier zum erstenmal bekgnntge- machten Aussätzen, Tagebuchblättern unD Briefen einen Einblick in fein Geistesleben gewinnen. Man kann hier »erfolgen, wie das ungeheure Bild des erst verbannten, Dann toten Vaters immer stärkere Gewalt über ihn gewinnt; Die napoleonischen Trommelwirbel klingen immer lauter in seinen Ohren und nehmen seine Gedanken gefangen.
Die von Franzosen schon bald ausgeftreuten Gerüchte, daß der „junge Adler" absichtlich den Vater entfremdet, schlecht behandelt, ja körperlich und geb ftig unterdrückt und behindert worden fei, daß Schönbrunn „fein St. Helena" geworden, sind durch Die Forschung als falsch erwiesen. Der Herzog wurde ganz so wie die Erzherzoge erzogen; fteilich war man Durch fein« eigentümliche Stellung zu gewissen Vorsichtsmaßregeln gezwungen. Nachdem seine ersten französischen Erzieherinnen ihn verzärtelt und phantastische Iräumereien in ihm genährt hat- ten, suchte man zunächst Die Erinnerung an den Vater von ihm möglichst fernzuhalten. Aber Das war ein unmögliches Beginnen. Da ihn alles Napoleonische allein interessierte, so mußte man ihm nachgeben, und so hat er sich viel mit Dem Vater beschäftigt. Daneben tritt eine ausgesprochene Vorliebe für alles Militärische hervor. Der „junge Adler" glaubte sich zum Feldherrn berufen, und Darin wurde er durch die Ähnlichkeit bestärkt, die man schon früh an ihm mit seinem Vater feststellte. So schreibt z. B. bie Marquise Du Montet: „Dom Herzog Franz sind alle Bewegungen sowie Die bekannte Haltung seines Vaters eigen; das ist seltsam, denn er konnte ihm diese nicht abgucken. Da er ihn fast niemals gesehen hat unD seine hiesigen Erzieher bestrebt sind, ihm dergleichen abzugewöhnen."
sicherlich spielte Dabei auch ein komödiantischer Zug mit, Den besonders fein ärgster Feind Metternich, Dem das Schicksal Des Prinzen ein ernt- ger Vorwurf war, an ihm getadelt hat. Der Herzog dachte aber nicht an eine Prüfendenten-Laufbahn, sondern er wollte „Der neue Prinz Eugen von Oe st erreich" werden, Das Vaterland feiner Mutter verteidigen und zu neuem Ruhm fuyren. Dem Vorbild Des Vaters entsprechend, zeigte er, als er im Heere rasch vom Leutnant zum Obersten aufgesttegen war, eine betont demokratische Haltung; er verkehrt« leutfclig mit feinen Soldaten, kopierte den familiären Ton des großen Napoleon und machte sich überall beliebt. So hat er zweifellos «inen faszinierenden Reiz ausgeübt. Das zeigen u. a. Die Aufzeichnungen eines so bedeutenden Men- schen unD vornehmen Staatsmannes wie Pro- kesch - Osten , der sein einziger wirklicher Freund wurde. Auch Di« Frauen erlagen seinem Zauber, und wenngleich Die berühmte Beziehung zu der schönen Tänzerin Fanny Elßler Der Sage angehört, so hat er doch so manche Herzen Der Wiener Bürgermädchen gebrochen und soll sogar nach neuesten Behauptungen, Die von dem italienischen Historiker Lumbroso mit einigen Gründen gestützt wurden, ein« innige Freundschaft mit Der Erzherzogin Sophie, Der Mutter Des Kaisers Franz Joseph, unterhalten haben.
Aber Dem Fluch, Der so oft Die Sohne Der Großen verfolgt, konnte er nicht entgehen. Das antike Wort, daß „Di e Sohne der Helden nichts taugen", bewahrheitete sich auch an ihm insofern, als er eine Treibhauspflanze war, körperlich und geistig eine in gegensätzlichen Farben schillernde Persönlichkeit, Die es zu keiner normalen Reife brachte. Zur Erklärung seines frühen Endes braucht man nid# an jene Verleumdung zu glauben, Die von den Bonapartisten ausgefprengt rourDen, daß er als „Gefangener Metternichs" in all feinen Lcbensäutzerungen unterdrückt, ja sogar vergiftet worden sei. Es genügt, als Gründ« ^dieses tragischen Sterbens den inneren Zwiespalt seines Wesens, die Zerrüttung feiner sich in unfruchtbaren Träumen und Sehnsüchten verzehrenden Natur anzuführen. In feinem Drang, sich auszuzeichnen, legte er seinem schwachen Körper, Der durch ein überrasche- Wachstum den Krankheitskeim in sich trug, Die härtesten Strapazen auf. Er begann zu kränkeln, unD Die körperliche Schwäche ließ sich auch durch Die größte Willensanspannung nicht überwinden. Eine Lungenkrankheit, wie sie damals bei der Wiener Jugend besonders häusig auftrat, ließ ihn langsam Dahinsiechen.
In jenem Napoleonszimmer zu Schönbrunn, Das fein Vater im Jahre 1809 bewohnt hatte, lag er auf dem Krankenbett und hauchte am 22. Juli 1832 sein 21jährig«s Leben aus. Die Mutter war nur kurze Zeit vorher zu einem flüchtigen letzten Wieder- fefjTt erschienen. Sie wohnte feiner Beerdigung nicht bei. So hatte der „Aiglon" nach kurzem Er- dentum sich in jene festigen Höhen emporgefchwun- gen, nach Denen immer fein Sehnen gerichtet war. In Legende und Dichtung lebte Napoleon II. fort, auf immer verknüpft als ein romantisches Schattenbild mit Der Riesengestalt seines Vaters, und wenn diese Gemeinschaft heute hauptsächlich in Dem nod) im alten Zustand befindlichen „Napoleons-Zimmer' von Schönbrunn ihre sichtbare Stätte hat, so würde sie ein großartigeres Denkmal erhalten, wenn Der Sohn im Pariser Invalidendom neben Dem Vater schlummern würde...
Wieder 14 Verhaftungen in und bei Homberg.
• Homberg, 22. 3uli. 3m Verlaufe Des gestrigen Tages wurden wegen Des bekannten kommunistischen Ueberfalls auf SA.-Leute bei Homberg weitere 14 Kommunisten auS Rieder- unD Ober-Ofleiden und Homberg festgenom- men und vom hiesigen Amtsgericht unter Haftbefehl gestellt. Die Verhafteten wurden Der Zellenstrafanstalt in Butzbach zu geführt. Bis jetzt sind von der hessischen Behörde wegen Dieser Vorgänge insgesamt 41 Personen, sämtlich Kommunisten, inHaft genommen toorDen.
Wie wir von zuständiger Seite Der preußischen Gendarmerie in Kirchhain erfahren, wurden in dieser Angelegenheit bisher von der Landjägerei des Kreises Kirchhain 5 Personen verhaftet und nach richterlichem Haftbefehlsdem Un- tersuchungsgefängnis in ^arbutfl zugeführt. Waffen wurden bei den Verhaf- toten nicht vvrgefunden.
Unter Der Bevölkerung Der Umgegend von Hom- berg und Nieder-Ofleiden wird feit einigen lagen Die Behauptung verbreitet, bie sog. Schwarze Brücke über die Ohm zwischen Nieder-Oflei- Den unD Horhausen, unweit Des Bahnhofes Nieder- Ofleiden, fei mit D y n amitpatr o n« n ver
sehen worden, weil Die SA.-Leute Diese Brücke bei ihrem Anmarsch nach Nieder-Ofleiden benutzen wollten. Sehr gründliche Nachprüfungen aller Brücken- teile durch die .zuständige Gendarmerie haben, wie wir zuverlässig hören, ergeben, Daß an Der Brücke alles in b efter Ordnung ist, keinerlei Sprengstoff oorzufinden war und zur Beunruhigung der Bevölkevung nicht Der gering st e Grund besteht.
Langfristige Wettervoraussage.
IDIfferungsoorausfage für Rorddeulschland, westlich Der Oder, west-, Mittel, und Süddeutschland (ohne Alpenvorland) für die Zeil vorn 22. 3uli bis 31. 3ulL Herausgegeben von der Staatl. Forschungsstelle für langfristige Witterungsvorhersage in Frankfurt a. M.
Fortdauer des leicht unbeständigen, in Bewölkung und Temperatur veränderlichen und zu zeitweiligen Niederschlägen geneigten Wetters. Im ganzen kann jedoch zuerst und vor allem in West- und Süddeutsch- land mit einer allmählichen Besserung Des Wetters gerechnet werden.
Talen für Freitag, 22 Juli.
1872: Der Staatsmann Karl Helsferich in Neustadt (Hardt) geboren; — 1909: der Dichter Detlev von ßtfiencron in Alt-Rahlsfedt bei Hornburg gestorben.


