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22.7.1932 Erstes Blatt
 
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Oer Wahlkampf am Donnerstag.

Maßnahmen des Reichskommissars könne also in keiner Weise gezweifelt werden. Auch die »Deutsche Zeitung" hofft, daß es sich bis­her nur um eine Teilmaßnahme handele, der bald weitere folgen werden.

Aus aller Welt.

Die Strafanträge gegen die Lmher-AttentLiler.

Prozeß gegen die Urheber des Pistolen- Attentats auf den Reichsbankpräsidenten Dr. Lu­ther beantragte der Oberstaatsanwalt gegen D r. R o o s e n wegen Körperverletzung zwei 3ahre sechs Monate Gefängnis und wegen unbefugten Waffenbesitzes und Richtan­meldung einer Schußwaffe sechsMonateGe- fängnis, die zu drei wahren Gefäng- n i s zusammengezogen wurden, und gegen Kertsch en wegen Körperverletzung zwei 3ahre Gefängnis und wegen unbefugten Waffenbesitzes sechs Monate Gefängnis, zu­sammengezogen zu zwei Zähren drei Mo­naten Gefängnis.

Deutsch-nordisches Studenlentreffen in Rostock.

Das erste deutsch-nordische Studententreffen, an dem die studentischen Vertreter aus Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark, Holland, Belgien, Ungarn Spanien und Deutschland teilnahmen, wurde in Rostock eröffnet. Der Aelteste der Deut­schen Studentenschaft, Schade- Hannover, führte aus, die Studentenjugend komme zusammen, weil die Not nicht gefürchtet, sondern weil ihr gesteuert werden solle. Wenn die Deutsche Studentenschaft zu diesem Treffen aufrufe, so deshalb, weil gerade ihre Not als Ausfluß des Vertrags- Werks von Versailles am größten sei. Staatsminister Dr. Scharff würdigte als beson­deres Zeichen für den Geist der akademischen Ju- aend, daß sie trotz ihres Existenzkampfes, in dem sie schon in den Jahren der Ausbildung begriffen seien, Tagungen ins Leben rufe, auf denen kulturelle Probleme zur Erörterung stehen. Er gab der Freude Ausdruck, daß die gegenwärtigen kulturellen Be­ziehungen der jungen Generation Deutschlands und seiner nordischen Nachbarn durch Tage gemeinsamer Arbeit vertieft und ausgebaut werden sollen. Die ausländischen Studenten bat er, Verständnis auf- zubringen für die Verhältnisse des deutschen Volkes, das heute noch in der Welt um seine Ehre und um sein Recht weiterkämpfe. Der Rektor der Universität Rostock, Dr. Poppe, gab der Hoffnung Ausdruck, daß die alten Verbindungen zu der studierenden Ju- gend in den nordischen Ländern wieder ausgenom­men würden. Dann hielten die ausländischen Stu- dentenvertreter Begrüßungsreden.

Riesenfeuer bei Radom. 120 Häuser eingeäschert.

Die Ortschaft Bodlibozyoe bei Radom (Polen) ist einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen. 120 Hauser sind inAschegelegt worden. Zahlreiches Vieh ist in den Flammen umgekommen. Mehrere Personen, darunter drei Feuerwehrleute mußten mit schweren Brandwunden und in be­denklichem Zustande in das Krankenhaus nach Ra­dom übergeführt werden.

Ergebnis der amtlichen Untersuchung über Batas Tod.

Die Kommission des Ministeriums für öffentliche Arbeiten in Prag hat das Ergebnis ihrer Unter- suchungüberdieFlugzeugkatastrophe veröffentlicht, bei der Thomas Bata ums Leben kam. Auch die Kommission hatte die Ursache des rätselhaften Unfalles nicht klarstellen können. Der Bericht spricht von zwei Möglichkeiten, die als Ur­sache für die Katastrophe in Frage kommen könn­ten. Die größte Wahrscheinlichkeit Hot die An- nähme, daß der Pilot im dichten Nebel jegliche Orientierung verloren hat. Bei dem Versuch, sich dem Erdboden zu nähern, Hot er donn im Nebel tne Höhenlage seines Apparates falsch eingeschätzt und ist mit Vollgas gegen die Erde ge- r a st. Als zweite Möglichkeit für die Ursache des Unfalls gibt der Bericht einen Steuerungs­defekt an. Bata hotte beim Start zum Todes- flug neben dem Piloten Platz genommen. Der Be- richt hebt hervor, daß dies zwar nie Batas Ge- pfloaenheit gewesen war, vielmehr habe er stets den für den Fluggast bestimmten Platz eingenommen.

Berlin, 22. 3uli. (TU.) Zn Rürn- berg sprach der bayerische Ministerprä­sident Dr. Held in einer Wahlversamm­lung der Bayerischen Dolkspartei. An­ter Hinweis auf die Einsetzung des Reichskom­missars in Preußen hob er hervor, er könne sich nicht von der Empfindung freimachen, daß die Reichsregierung irgendwelche Bindungen mit Parteien eingegangen sei. Obwohl er seinerzeit in Berlin seine Ansicht von der rechtlichen An- zulässigkeit der Einsetzung von Reichskommissaren in die Länder kundgetan habe, insbesondere we­gen bestehender Fehlbeträge in den Länderhaus­halten, habe die Regierung v. Papen mit der Ein­setzung des Reichskommissars in Preußen diesen verhängnisvollen Weg beschritten, der ohne An­hörung der Länder und ohne vorherige Anterrich- tung unternommen, auf gewisse diktatorische Ma­ximen schließen lasse. Wenn die Maßnahmen der Regierung v. Papen nicht bald wieder abgebaut würden, werde dieser Zustand zu einer irreparab­len Katastrophe in Reich und Ländern führen.

Auf einer Kundgebung der DRDP. in K a r l s- ruhe sagte Dr. Hugenberg u. a.: Wenn jetzt die Schwarzen und Roten im Reich und seit Mitt­woch auch in Preußen ausgeschaltet seien, so sei damit die Aufgabe der Deutschnationalen doch nicht leichter, sondern unendlich viel schwerer, weil Auf- &au und praktische Arbeit schwerer seien, als Kritik. Es komme der Augenblick, in dem die Rechte in Deutschland vor der ungeheuer schweren Auf­gabe stehe, die Schäden der dreizehnjährigen Miß­wirtschaft wieder zu beseitigen. Der deutsche Staat könne nur aufgebaut werden auf dem Gesichts­punkt der Dezentralisation, nicht auf dem der weitgehenden Zentralisation. Die Länder müß­ten wieder die Träger der Verwaltung sein. Die Deutschnationalen seien mit dem Freiwilligen Ar­beitsdienst einverstanden, aber auch mit einer Ar­beitsdienstpflicht. Zur Frage ReichPreußen be- wnte Dr. Hugenberg, daß in Berlin kein Kriegszustand zwischen den beiden Parteien bestehen dürfe. Die jetzigen Maßnah­men des Reichskanzlers stellten lediglich eine Fort- setzung der Rotverordnungspolitik des Kabinetts Brüning dar.

Adolf Hitler übte in Hannover und in Braunschweig scharfe Kritik an der SPD. Wenn sie jetzt von Freiheit redeten, so vergessen

Geständnis eines Sorengskoffattenläters.

Der am 15. April d. Z. vom Kasseler Schwur­gericht zu sechs Zähren Zuchthaus und zehn Zähren Ehrverlust verurteilte Schlosser Hein­rich Kleinschmidt aus Waldeck hat jetzt im Zuchthaus ein umfassendes Geständnis abgelegt und eingeräumt. den Sprengstoffanschlag auf das Haus des Gemeinderechners Wiegand in Waldeck in der Rächt zum 5. Dezember v. Z. allein ausgeführt zu haben. Zn der Verhandlung vor dem Schwurgericht hatte Kleinschmidt die Tä­terschaft energisch bestritten, schließlich aber eine gewisse Mittäterschaft eingeräumt,' er wollte von zwei unbekannten Männern gegen Geld zur Her­stellung der Sprengfüllung gedungen worden sein. Zetzt hat Kleinschmidt eingestanden, daß er d i e Tat allein ausgeführt hat. Er will aus R ach e gehandelt haben. Für die Sprengladung, die damals erhcbl.che Verwüstungen an dem Hause Wiegands anrichteke, will er zwei Sprengpatro­nen und eine Sprengkapsel, die er noch aus dem Kriege her besaß, verwendet haben. Auf Grund dieses Geständnisses hat Kleinschmidt ein G n a. den ge such eingereicht, das zur Zeit von den zuständigen Stellen geprüft wird.

Absturz in den Bergen.

Dieser Tage wollte eine Partie von drei Tou­risten von der Finsteraarhornhütte aus das Fin­steraarhorn besteigen. Ungefähr auf halber Höhe zwischen der Hütte und dem Hugisattel stürzte einer der Touristen, Amtsgerichtsrat Wirths- w e i I aus Mannheim, in eine tiefe Glet­scherspalte, aus der ihn seine Kameraden nicht zu befreien vermochten. Der zur Hilfe her­beigerufene Hüttenwart der Finsteraahornhütte befurchtet, daß der Verunglückte t o t ist und seine

sie, daß sie 13 Zähre Dersklavungspolitik oetrie- em Die RSDAP hoffe, daß sie in eine geschichtliche Epoche eingehe, in der der Begriff Freiheit wieder respektiert werde und in der Disziplin und Ordnung die Grundpfeiler unseres Lebems sein würden. Am 31. Zuli gehe es nicht um die Regierungsneubildung oder gar um neue Koalitionsmöglichkeiten, sondern um den Kampf zweier Welten, die um den end­gültigen Sieg ringen. An der Berufung des Ka­binetts Papen habe er keinen Anteil. Es sei das Ziel der RSDAP., die mehr als 30 Par­te ie n z u b e se i t i g e n. Rur beiZusammen. fassung der ganzen Ration zu einer politischen Einhei t und bei einer Zusam­menarbeit aller Stände könne eine neue

9 W i 5 f a f t gebildet werden. Die RSDAP. habe Zähre hindurch den Kampf gegen die Verleumdung geführt. Sie werde auch jetzt des Terrors Herr werden. Ganz gleich, wie der 31.Zuli ausgehe, werde der Kampf der Bewegung weitergehen.

Die Wahlpropaganda im Rundfunk.

Berlin, 22. Zuli. (ERB.) Die parteipolitische Rednerreihe für den Wahlkampf im deutschen Rundfunk eröffnen am Montag, 25. Zuli, der christlich-soziale Abgeordnete Simpfenberg und v. H a u s ch i l d von der Deutschen Land- volkpartei; am Dienstag Minister Dietrich von der Staatspartei und Dr. Pfeifer oder Sch Wendt von der Bayerischen Volkspartei; am Mittwoch Drewitz von der Wirtschafts­partei und Dingeldey von der Deutschen Volkspartei; am Donnerstag Hugenberg für die Deutschnationale Volkspartei und Dr. Brü­ning für das Zentrum. Der erste Vortrag f.ndet regelmäßig von 19.00 bis 19.25 Ahr statt, Jet dtoeite dauert bis 19.50 Ahr. Am Freitag, 29. Zuli, folgt dann eine Rundfunkübertragung voraussichtlich von München her, in der der Führer der Rationalsozialisten Adolf Hitler oder der Reichsorganisationsleiter der Rational- soziallsten Gregor Straßer sprechen wird. Am Samstag spricht Otto W e l s für die Sozial­demokraten. - Die Reihenfolge der Vortragen­den wurde paritätisch nach der Größe der Partei vorgenommen.

Bergung nur sehr schwer möglich wird. Vom Zungfraujoch ist sofort eine Rettungskolonne ab­gegangen. Der Fall ist insofern mertoüröig, al« der Verunglückte im vergangenen Zähre mit den beiden am Finsteraarhom abgestürzten Touristen Kahlig und Hentschel zusammen das Finsteraarhom besteigen wollte, dann aber verhindert war, wodurch er damals dem sicheren Tode entging.

10 000 Mark gestohlen.

Einen empfindlichen Schaden erlitt ein Schrei­nermeister in Kassel. Er meldete der Kriminal­polizei daß ihm eine Kassette mit 1 0 000 ^amr9C^°^en Wie er angab, hat er öa« Geld vor einigen Tagen von einer Dank abgehoben und leichtsinnigerweise in seiner Woh­nung aufoewahrt.

Hitzewelle in Amerika. Zahlreiche Todesopfer.

Die in den Vereinigten Staaten ausgebrochene große Hitze forderte an einem Tage allein 21 Todesopfer. Fast ebensoviele Menschen ertranken. Ferner wird eine Riesenzahl von Hihschlägen gemeldet. Laut Voraussagungen der Wetterdienststelle ist für die nächste Zeit mit einer Abkühlung noch nicht zu rechnen.

Vergwerksunglück in Brasilien. Neun Tote.

Eine schwere Explosion ereignete sich in einem Bergwerk im Staate Minas Geraes. Neun Berg­arbeiter fanden den Tod.

112 Todesopfer dec Cholera in China.

Nach Meldungen aus der südchinesischen Hafenstadt Amoy hat sich dort trotz aller behördlichen Maß­nahmen die Choleraepidemie weiter ausge­dehnt. Im Amoy sind der Krankheit bisher 112 Menschen zum Opfer gefallen.

Aus der Provinzialhoupiffadi.

Gießen, den 22.Zuli 1932.

Besinnung auf die Familie!

(Eine unpolitisch-politische Aerlenbekrachlung.

Die Sonne lacht vorn blauen Himmel und spendet Wärme und Segen, heute wie in jedem Jahr. Die Wälder rauschen, die blauen Berge locken, Welle auf Welle rollt heran und verebbt am sandigen Meeresstrand. Die Ferienzüge verlassen die rnensch- lichen Massensiedlungen und jeder, der heule noch das Glück hat, feine tägliche Arbeit um einige Zeit unterbrechen zu dürfen, erhofft sich Emfamkeit, Stille und Besinnung. Aber die Ferienzeit des Jah­res 1932 bleibt doch immer noch Bestandteil dieses Minzen Zeitabschnittes, der in diesem Iah: eine Krönung seiner Nöte und» Sorgen erfahren hat, wie sie viele Generationen vor uns nicht mehr kannten. Es sind Notferien, die das deutsche Volk in diesem Jahr verzeichnet. Und der Begriff der Fenen selbst ist ein etwas zwiespältiger geworden.

Millionen Menschen sind seit Jahren vom Schicksal zuFerien" verurteilt, über denen von Monat zu Monat mehr s.ch der Schatten einer großen Verzweiflung senkt. Alle Gegensätze haben sich zugespitzt, keiner kennt die Zukunft, die außen- und innenpolitischen Fragen, die nun einmal das Leben des einzelnen bestimmen, sind ungelöst, und m dieser Ferienzeit 1932 winkt dem deutschen Volke ein Wahlkampf, wie es ihn in gleicher Auspeitschung der politischen Leidenschaften noch niemals erlebt hat.

Keiner von denen, denen es noch vergönnt ift, wirklich Ferien, also Urlaub vom Alltag, zu feiern, wnü sich von seiner Umwelt und den Sorgen seines Volkes loslösen können, daß er darüber das graue Geschick dieser Elendszeit vergäße.' Aber noch niemals hat eine Nation mit Selbstanklagen, Hoff­nungslosigkeit und Grau-in-Grau-Malerei ihr Los gewendet. Es kommt in diesem Jahre mehr als je darauf an, sich die karg bemessene Ferienzeit durch Trübsinn und Schwarzseherei nicht verleiden zu lassen. Gerade die Zukunft, über deren Schwere wir uns ohnehin keinen Täuschungen hingeben, braucht an Leib und Seele ausgerichtete und ge­sunde Menschen, die sich als letzte Krastreserve einen nicht klein zu kriegenden Mut zum Dasein bewahrt haben. Die Ferienzeit darf weder banalisiert wer­den durch ein flaches und ideenlosesAmüsement", noch darf sie beeinträchtigt werden durch ein gegen­seitiges snch-Miesmachen und ein Rauben der Le­bensfreude, die heute notwendiger ist denn je. Was jedoch gerade diesen Ferien ihren Wert und ihrs Bedeutung verleihen könnte, wäre eine anzustre­bende Verbindung von körperlicher Entspannung und seelischer Besinnung auf die unvergänglichen Werte, die der Zeit zum Trotz in die Zukunft hin- übergerettet werden müssen.

Nicht Wohlstand und äußerliches Glück, nicht staatlicher Glanz und Größe, nicht satte Zufrieden- heit gewährleisten die Härte und Ausdauer eines Volkes im Kampf um fein Dasein, sondern es sind ganz allein die Werte der Seele und Kultur, die jeden äußeren Machtanspruch, die Freiheit und Glück erst innerlich rechtfertigen. Weil es in diesem Jahre Ferien im Schatten der Politik und der Massen-Not sind, hat der einzelne die Pfsicht, ein­mal abseits von allen vorgefaßten Meinungen, von allen Parteidogmen und Gedankenschemen jene Fra­gen zu durchdenken, die heute zur Lösung uns auf­gegeben sind. Es sei keineswegs sogenanntenent­politisierten" Ferien das Wort geredet. Die Politik ist, ob wir wollen oder nicht, nun einmal unser Schicksal. Und die Reichstagswahl am letzten Tag des Juli gibt dieses Schicksal einem jeden von uns in die Hand. Dorgeschlagen sei lediglich als Ferien­aufgabe dieses Jahres eine Beseelung und Ver­tiefung jener aus dem Gefühl geborenen Erkennt­nisse, die der Geist zu kontrollieren hat, urjb die sich im Tageskampf in Wirklichkeit umzusetzen haben.

Es ist heute viel von Staats- und Vejffassungs- reformen die Rede. Die einen versprechen sich alles vom Apparat ihrer Partei, die anderen wollen die Parteien durch die Stände ersetzt sehen, viele träu­men von der Auflösung aller Bindungen, manche erhoffen sich von einem Zwangsstaat die Behebung ihrer eigenen und der Gesamtnöte. Aber nicht der Apparat und nicht die Organisation, nicht der Stand allein, und noch weniger schrankenlose Freiheit oder

Oer unterdrückte Schrei.

Von Hans Natonek.

Das schmale fünfjährige Kerlchen spielte gern auf dem geräumigen Küchenbalkon. Das Klettern war ihm eindringlichst verboten. Ueberbies hatte das Mädchen in der Küche aufzupassen.

Einmal war das Mädchen fortgegangen, und der kleine Hans tummelte sich auf dem sonnigen Küchen­balkon, der im dritten Stock lag und auf einen großen, gartenähnlichen Hof hinausging.

Was haben sie nur, die Leute, drüben an den Fen- ftern?! Sie rufen etwas, sie winken und gestikulieren erregt. Hänschen beachtet es nicht. Er ist vergnügt und intensiv beschäftigt, sich «lrch die gußeisernen Gitterstäbe des Küchenbalkons hindurchzuzwängen. Und, au, fein, es geht! Schon ist er außen auf der schmalen Kante des Balkons und beginnt, die Hände am Eisengitter, ahnungslos feinen vergnügten Spa­ziergang über der Tiefe.

Die Mutter kommt in die Küche, die leer ist und sieht durch die offene Balkontür ihren Jungen draußen, jenseits der Gitterstäbe, auf dem kaum halb- meterbreiten Bord herumturnen. Ihr Herzschlag stockt. Ihr ist, als müsse sie umsinken und, ehe sie umsinky einen Schrei, einen schrecklichen Schrei ausstoßen. Und dann Nacht und Dunkel ... Aber sie schreit nicht, sie sinkt nicht um, sie hält den Atem an, es bleibt hell in ihr, überhell; überwach ist sie. jeder Nero, jeder Muskel übermenschlich gespannt. Lautlos sie sich an den Balkon heran ein Sprung, jetzt hat sie den Jungen am Schopf, umfaßt den kleinen Körper und hebt ihn über das Gitter.

Hänschen weiß gar nicht, warum die Mutter so merkwürdige Augen macht und so bleich ist im Ge­sicht, als ob sie krank wäre. Was sie nur hat! Und im Zimmer sinkt sie um, aufs Kanapee, und kann nicht mehr.

*

Erst viel, viel später habe ich begriffen, was er bedeutet hat, dieser nicht geschriene Schrei, diese nicht erlittene Ohnmacht, diese Sekunde voll Ewigkeit. Der Aufschrei der Mutter, und der Junge hätte sich totsicher erschrocken und das Gitter losgelassen. Der Balkon lag im dritten Stock, und Hofpflaster ist kein Daunenkissen.

Nun, das wäre vorbei gewesen. Es ist nicht meine ^ache, zu überlegen, ob dabei etwas verloren gegan- gen wäre. Mutter hat in jener Sekunde nicht ge- schrien, das ist eine Taffache. Ihre ganze Kraft war m diesem Nichtschrei. Sie hat sich über mich ge­worfen, em Sprungtuch von oben und eine tragende

Wolke; sie hat sich herangeschlichen und hat zugepackt, sie hat ihrem versagenden Herzen das Letzte abge- rungen: sie hat die Ohnmacht in Macht verwandelt. Es war die große historische Sekunde einer Mutter.

Ich werde ihn nie vergessen, diesen unterdrückten Schrei. Ich höre ihn, den keiner gehört. Ich sehe den Küchenbalkon im dritten Stock über dem Hof, wie- rootjl das alles längst aus der Sichtbarkeit gelöscht ist. Ich fühle den starken Arm, der mich emporhebt.

Und ich glaube: so reißen mich Mutters Hände immer und immer von jedem Absturz zurück und tragen mich.

Spielzeug unter Wasser.

Von Paul Eipper.

Als Kind habe ich an der Nordsee zum erstenmal em Seepferdchen gesehen; später traf ich sie Zu Dutzenden, wenn ich an der Mittelmeerkusteauf Beobachtung" ausging. Und hinter der großen, dicken Scheibe des Aquariums erblickte ich an einem heißen Sommermorgen wohl zweihundert dieser entzücken­den Geschöpfe des Meeres. Stunde um Stunde blieb ia) oor dem klaren Becken, heiter gestimmt durch diese knorpeligen humorvoll gedrechselten Schach- fptelfiguren des Ozeans.

Was sind eigentlichSeepferdchen"? Doch wohl keine Insekten, Lurche auch nicht, Molche, Schlangen?

ri$V9e fische, echte Knochenfische, deren Schwanz sich zu einem Greiforgan entwickelt hat. Sie leben aufrecht im Wasser, und so wird die merk- würdige Haltung des Kopfes besonders erkennbar, der nicht, wie bei allen anderen Fischen, die Ver­engerung des Rumpfes ist, sondern sich im rechten Jüintel nad) vorn neigt. Stolz, mit vorgewölbter Brust, stehen die Tierchen im durchsichtigen Naß; sie haben lange Strahlenstacheln über Stirn und Rücken bis zur schonen Ringelkurve unten am Schwanz und bilden neugierig aus sehr beweglichen, fast gestielten Kugelaugen. Zuweilen wandert das eine oder das andere gravitätisch davon, ohne Antrieb scheinbar; doch bei näherer Betrachtung sieht der Mensch an ihrem Rücken wie bei den Engeln Raphaels ein schimmerndes Flügelchen, einen rastlos kreisenden Propeller. Dort, wo bei den Säugetieren die Ohren sitzen, surren noch zwei, aber ganz winzige Privat­propeller. Wenn die Seepferdchen genügend lange in ihrem nassen Reich spazierengegangen sind, vor­wärts und rückwärts, sinken sie langsam auf den Grund, und dann sieht es so aus, als säßen diese langgeschwänzten, fußlosen Tiere auf einem geboge­nen Stahlrohrstuhl, weil sie ihren langen Schweif

nunmehr nach hinten ausschwingen, zur Stütze auf den flachen Sand. Sie machen gleichsam eine Ver­beugung und sinken vornüber bis die lange spitze Pferdeschnauze den Boden berührt.

Schau, eins hat sich um die Rispe der Wasser­pflanze gerankt und turnt. Drei schlingen sich zu­sammen und wiegen ihre Körper pendelnd im Strom; ein anderes äst am Grund, und fein Pro- pellerflosfenschlag wird immer schwächer, ruht schließ- lich ganz. Dafür richtet sich am knorpeligen Rücken und am Hinterhaupt die feine Strahlenmähne steil nach oben. Plötzlich taucht das Tier senkrecht hoch, fährt Auszug" und wird übermütig. Es biegt den senkrechten Strich feines Körpers rückwärts zu einem Kreis und fpielt Akrobat, schwimmt von hinten nach vorn, und die Propeller kreisen gewissermaßen inner­halb ber Manege, die durch den Bogen des ge­krümmten Leibes entstanden ist.

Ein Seepferdchen hat einen zebragestreiften Bauch, es rudert zuweilen horizontal. Unwirklich schön sind die Albmoformen, zwei weiße, milchig durchschei- nenbe, befonbers fein gedrechselte Spielzeugwesen.

Und hier in dieser abgeschlossenen Hut der unteren Ecke kost ein Liebespaar, schmiegt Kopf an Kopf Brust an Brust und Leib an Leib. Ihre Zärtlichkeit treibt anscheinend auch das Fischblut schneller durch ihre Körper; siehe, ihre Haut erglänzt in satter, me­tallisch leuchtender Farbe!

Zeitschriften.

Das Augustheft derK u n ft" (Verlag F. Bruck- mann AG., München) ist reich an großen vorzüg­lichen Abbildungen. Den Rahmen geben eine Reihe fesselnder Textbeiträge z. B. das Gespräch mit einem jungen Bildhauer die Kunst in Düsseldorf es begegnen sich Düsseldorf und München die Be­schreibung des projektierten Kunstausstellungsgebäu­des in München, das als Ersatz für den abgebrann­ten Glaspalast dienen soll, eine illustrierte Bespre­chung der viel umstrittenen Rossebändiger vor der Technischen Hochschule in München Die Berliner KunstausstellungSonne, Luft und Haus für Alle", die als Hauptattraktion daswachsende Haus" behandelte, ist mit einer großen Bilderzahl vertre­ten. Weitere Aufsätze handeln über Maß und Un- maß in der Architektur, über neue französische Wohnungskunst, über den schön gedeckten Tisch, moderne Uhren und über ein Landhaus in Meers- bürg om Sobenfee, das sich durch ausgewogene Verhältnisse und handwerkliche Gediegenheit seiner Ausstattung auszeichnet.

Was jugendlichen Lesern gefällt.

Wie verbringe ich meine freie Zeit?" Diese Frage wurde 2637 männlichen und 2554 weiblichen Ju- gendlichen oorgelegt, und aus den sehr aufschluß- reichen Antworten, die in der Schriftenreihe des Deutschen Archivs für Jugendwohlfahrt verarbeitet werden, finden sich schon jetzt einige interessante Mitteilungen in derLiterarischen Welt". Bei 73 Prozent aller Antworten stand das Bücherlesen an erster Stelle. Unter den Schriftstellern, die am beliebtesten sind, wurden von den Jungen am häu- figften Karl May, nämlich 91mal, von den Mäd­chen die Courths -Mahler, 93mal genannt An zweiter Stelle steht bei den Jungen Jack London mit 55 Erwähnungen, bei den Mädchen Gang- Hofer mit 62. Dann folgen bei den männlichen Jugendlichen: R e m a r q u e mitIm Westen nichts Neues" 47mal, Edgar Wallace 32mal, Frank Allan 30ma(, der ältere Dumas 29mal, mit ebensoviel Stimmen Gustav Frey tag, Zane Grey 22mal, Lons 9mal. In der Gunst der Mädchen steht Gustav F r e y t a g mit 37 Benennungen an dritter Stelle, dann kommen Theodor Storm 25ma(, Richard Voß 20mal, Thomas Mann 20mal' Dumas 19mal, ß a g e r l ö f llmal. lieber die Gründe für diese Vorliebe werden einige typische Ank. worten mitgeteilt. So schreibt ein 17jähnger Rad- sahrer:Die Bücher von Karl May sind sehr span­nend und klingen, trotzdem sie es vielleicht nicht sind, glaubhaft. Die Bücher sind auch sehr lehrreich." Ein Bureaubote von 15^ Jahren meint: -Ich lese sehr gern Bucher, namentlich Jack London, Seereisen, Abenteuer und Reiseberichte. Das letzte Buch, web ches ich las, heißt ,Herry der Insulaner" von Jack London. Besonders hat mich daran gefreut, wie Jack London die feinen Gefühlssinne eines Hundes zu schildern weiß." Ein 16jähriger Arbeiter betont, daß ihm anIm Westen nichts Neues" am besten die Kameradschaftlichkeit der genannten Personen" ge­fallen habe.Mein letztes Buch, das ich gelesen habe, hießSeefahrt ist Not", bemerkt ein 16jähriger Auto- schlosser.Mit hat besonders daran Die Tapferkeit der deutschen Flotte gefallen. Wie sie das Schiff bis Zum letzten Augenblick verteidigen und sich nicht er­geben, sondern es versenkten." Eine 16^jährige Ar­beiterin bekennt sich als eifrige Leserin der Courths- Maler.Da habe ich zuletzt gelesenDie Kraft der Liebe", und bann habe ich gelesenMenschenherz, was ist dein Glück?" Das fand ich sehr traurig, und sowas lese ich zu gern." (Eine 16>4 jährige Verkäufe­rin schreibt über FreytagsSoll und Hoben":Es hat mir besonders darum gefallen, weil ich Ver­käuferin lerne."