Ur. 170 Erstes Blatt
182. Jahrgang
Srcitag, 22. Juli 1952
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allein die Verantwortung. Sie treten deutsche Volk und vor die Geschichte Frage: sollen die Paragraphen von leben oder das deutsche Volk und das Reich? Die Folgezeit wird lehren, ob
vor das mit der Weimar Deutsche sie recht
Zurück zu Bismarck?
Eine innerpolitische Entscheidung von unübersehbarer Tragweite ist gefallen. Der in der Verfassung von Weimar verankerte Dualismus zwischen Reich und Preußen ist zunächst durch einen gewaltigen Eingriff von oben beseitigt worden. Es ist kaum anzunehmen. daß er in seiner bisherigen Form einmal wieder erstehen wird. Die brennende Gefahr und die große Rot der Stunde haben eine Lösung erzwungen, die zweifellos anfechtbar erscheint, wenn man sich an den Maßstab der Paragraphen hält. Die Männer, die diesen folgenschweren Weg beschritten haben, tragen
gehandelt haben Ziel und Zweckmäßigkeit des Weges werden sich nur beurteilen lassen, wenn man an. d e n Ausgangspunkt dieser Entwicklung zurückkehrt.
Man weiß, daß die Weimarer Verfassung an einem entscheidenden Punkte nicht die Gestalt gewonnen hat, die ihrem Schöpfer Hugo Preuß ursprünglich vorschwebte. Rach seinem Willen sollte das Reich zu einem viel stärker unitari- fchen Staat mit dezentralisierter Verwaltung in allen Fragen um das Kulturgebiet werden. Er wollte zu diesem Ziel den Umweg über die Zerschlagung Preußens in große Stammes- gebiete wählen. Dagegen lehnte sich nicht nur der Selbständigkeitswille der süddeutschen Länder auf. in denen man sehr schnell heraus hatte, daß Preuß ihnen mit der Aufteilung Preußens ein Kuckuksei ins Rest legen wollte. Den entscheidenden Widerstand gegen eine Verstärkung der Reichsgewalt leistete seltsamerweise eine sozialdemokratische preußische Regierung. Preuß hatte richtig vorausgesehen, daß das Wonnegefühl der Macht, daß das erhebende Bewußtsein der ministeriellen Existenz Lei Menschen, denen das etwas ganz Reues war, politische Grundsätze leicht über den Haufen Aversen könnte. Wenn man seine Auffassung teilen will, so hatte er einen richtigen praktischen Gedanken. Er hat im Rovember 1918, toie er dem Schreiber dieser Zeilen in Weimar einmal persönlich erzählte, den Volksbeauftragten Ebert und Haase vorgeschlagen, daß sie auch sofort die Hand auf Preußen legen möchten, damit sich dort überhaupt nicht eine Regierung konstituieren könne. Aber diese Revolutionäre, die ja überhaupt keine Revolutionäre waren, hatten vor einem wirklich konstruktiven Gedanken, der zur Reichsreform hätte überleiten können, eine beinahe spießbürgerliche Angst.
Was damals, vor vierzehn Zähren, versäumt wurde, war natürlich in der Folgezeit iaum noch nachzuholen. Eines ist auch klar, daß die Widerstände gegen eine Unitarisierung res Reiches, soweit sie aus dem Süden stammen, ein starkes inneres Recht in sich tragen. Das Versprechen einer dezentralisierten Verwaltung hätte leicht ein Schlagwort bleiben können, das nur auf dem Papier gestanden hätte. Die Vereinigung der gesamten Macht in der Reichshauptstadt hätte die kulturellen Zentren im Reich in die Rolle der ewig Fordernden degradiert. Die Möglichkeit zur Entfaltung eines ftammesmäßigen, geistigen und künstlerischen Eigenlebens, dem die deutsche Kultur ihren Reich- tum und ihre Farbigkeit verdankt, wäre in der vollkommenen materiellen Abhängigkeit wo^ noch weiter eingeengt worden als dies durch die Erzbergersche Finanzreform ohnehin schon geschehen ich. Es ist in der Tat sehr schwer, die kulturpolitischen Erfordernisse des deutschen Volkslebens mit der nationalpolitischen Rotwendigkeit in Einklang zu bringen, die auf ein möglichstes Zusammenfassen aller Kräfte und Machtmittel in einer einzigen politischen Willensrichtung nach außen und nach innen drängt.
Wenn man diese Dinge einmal durchdenkt und wenn man aus den Erfahrungen von mehr als einem Jahrzehnt die Folgerungen ableitet so zeigt sich, daß die entscheidenden politischen Schwierigkeiten niemals in den Beziehungen zwischen dem Reich und den süddeutschen Ländern gelegen haben. Da hat es gewiß auch manche un- ersreuliche Auseinandersetzung gegeben, bei denen die Schuld einmal mehr hüben und einmal mehr drüben gelegen haben mag. Aber diese Singe haben sich niemals so peinlich und so gefähruch ausgewirkt wie schon des öfteren die Tatsache, daß inder Reichshaupt st adt zwei Regierungen nebeneinander amt ter* ten, die an verschiedenen Strängen zogen. Wie sehnsüchtig mochte sich mancher Kanzler der Republik der verfassungsrechtlichen Formen des Dismarckschen Reiches erinnern! Die geniale Konstruktion dieses wahrhaft schöpferischen Staatsmannes zeigt sich nun erst heute in ihrer ganzen Gröhe, wo wir in den Riederungen eines theoretisch erklügelten und so ganz und gar papierenen Verfassungslebens unsere bitteren Erfahrungen gesammelt haben. Damals waren den süddeutschen Ländern für die Entfaltung des notwendigen Eigenlebens die weitesten Grenzen gezogen. Damals konnte sich Preußen im Bundesrat überstimmen lassen, weil Preußen fest in der Hand des Reiches war. Der Deutsche Kaiser war König von Preußen und der Kanzler des Reiches war, von einer kurzen Ausnahmezeit abgesehen, preußischer Ministerpräsident.
Die Lösung, die man jetzt aus den Schwierig- keiten gesucht hat, scheint V)$*r_ Anleitung auf ben ßinien der Dismarckschen Konstruktion
Die verabschiedeten Staatssekretäre und Oberpräsidenten.
Die zurückgetretenen Staatssekretäre und Oberpräsidenten. Obere Reihe: die Staatssekretäre Dr. A b e g g (Innenministerium) Dr. Weißmann (Staatsministerium), Dr. Staudinger (Handel) und Dr. Krüger (Landwirtschaft). — Untere Reihe: die Oberpräsidenten Haas (Hessen-Nassau), Dr. F a l k (Sachsen), Kürbis (Schleswig-Holstein) und L ü d e m a n n (Niederschlesien).
Stimmen aus Bayern.
M ü n ch e n , 21. Juli. (TU.) Zu der Absetzung der Preußenregierung schreibt der „Völkische Beobachter" u. a., damit habe der Kriegszug der vereinigten marxistischen Terroristen gegen das nationalsozialistische Deutschland einen Erfolg gezeigt, den die Genossen b e ft i m m t nicht erwartet hätten. Der Plan der schwarz-roten Systemoerteidiger, durch die fortgesetzten UeberfäUe und Morde, die Reichsregierung zur Wiedereinführung des Uniformverbots zu zwingen, sei vorbei- gelungen. Es fei notwendig, auszusprechen, daß die Einsetzung eines Reichskommissars für Preußen und die Absetzung der roten Minister nur Öen einen Sinn haben könne, damit den Anfang zu machen für die notwendig gewordene allgemeine Säuberungsaktion und weiter die Voraussetzungen zu schaffen für die notwendige B e w e - güngsfreiheit der nationalsozialisti- s ch e n Partei. Die Nationalsozialisten erwarten jetzt die Säuberung aller preußischen Amtsstellen von den Nutznießern der November-Parteien und die beschleunigte Wiederherstellung der Demonstrationsfreiheit der NSDAP.
Die „Münchener Reue st en Rach richten" schreiben u. a.: In diesen Tagen bricht die von Bayern seit jeher bekämpfte Weimarer Verfassung zusammen, bricht zusammen an ihrem entscheidenden Konstruktionsfehler: der Doppelregierung in Ber- l i n. Wohl besteht die Gefahr, daß das ein- stürzende Gebäude alles mit sich reißt, aber diese Gefahr kann unter keinen Tlmständen dadurch gebannt werden, daß man versucht, das Unhaltbare zu halten. Wir können es deshalb nicht für richtig halten, daß die bayrische Regierung sich protestierend an den Staatsgerichtshof gewendet bat. Eine Länder
front gegen das Reich ist vollkommener Widerspruch: denn die Länder sind das Reich. Jetzt sollten vor allem die süddeutschen Länder bedacht und entschlossen Politik auf weite Sicht und unter höheren Gesichtspunkten treiben, und zwar in dem Sinne, daß sie der Vereinigung von preußischer und Reich sgewalt unter ganz bestimmten vertraglichen Sicherungen ihrer Selbständigkeit z u st i m m e n.
Zu dem Schritt Bayerns beim Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich stellt die „Bayerische Staatszeitung" fest, daß dieser Schritt nicht als Sekundanten st ellung für Preußen gewertet werden dürfe. Er sei nichts anderes, als ein Schritt zur prinzipiellen Klärung der Frage, ob die Einsetzung eines Reichskommissars an Stelle von Landesregierungen und die Enthebung von Landesministern mit der Reichsverfassung vereinbar sei. Bayern verneinte nach wie vor die Verfassungsmäßigkeit dieser Maßnahmen des Reichskabinetts mit aller Entschiedenheit. Hier handelt es sich um Dinge, die keineswegs etwa nur Preußen angehen. Hier gehe es um die Exi - stenzrechte aller deutschen Länder und damit um den bundesstaatlichen Charakter des Deutschen Reiches überhaupt. Werde heute in Preußen versucht, die Axt an die Wurzel der Eigenstaatlichkeit zu legen, so könne dasselbe, wenn die veifassungsmäßige Rechtslage weiter so außer Acht gelassen werde, trotz der angeblich entgegengerichteten Meinung des Reichskanzlers morgen gegenüber Bayern oder einem anderen deutschen Lande geschehen, wenn die Männer der Reichsregierung die Zeit oder die Rotwendigkeit dafür gekommen glaubten.
zu liegen. 2n den letzten Wochen hat es sich erschreckend gezeigt, wie furchtbar die Gefahren werden können, wenn das Reich und das größte deutsche Land in Zeiten revolutionärer Gärung von Regirungen entgegengefeht e r Willensrichtung geleitet werden. Wenn jetzt die Gleichförmigkeit und die gleiche Richtung aesichert werden, so mögen die Formaljuristen bedenklich mit den Perücken wackeln. Aber wer will denn bestreiten, daß unsere verfassungsrechtliche Entwicklung unter Anlehnung an den Artikel 48 schon längst über bie Buchstaben des Werkes von Weimar hinausgewachsen ist. Hier sind wir durchaus den Weg der englischen Politik gegangen, wo uralte Schäften noch zu Recht bestehen die durch Auslegung, Präzedenzfälle und Entwicklung praktisch längst überholt wurden. Die Reichsregierui^ hat sich of^nbar gesagt, daß Politik vor Recht gehe. Besser würde man sagen: politische Lebensnotwendigkeiten schaffen neues Recht.
In Süddeutschland mag man gewiß Bedenken haben. Sie werden sich zerstreuen lassen wenn die Wegrichtung als zu Bismarck zumickfuhrend erkannt wird. Das Preußen der Rheinlader und der Ostpreußen, der Friesen und der Schlesier ist eben nicht vergleichbar mit den einheitlicheren Stammesgebieten des .Südens. Der Reichskanzler als Reichskommissar für Preußen — das ist eine Lösung, die aus allen angedeuteten Gründen keinen Präz e d enzfallgegen- über den süddeutschen Landern zu
schaffen braucht. Es sollte allerdings noch klarer herausgehoben werden, daß es sich um eine politische Lösung in dem Gegeneinander der Reichshauptstadt, nicht in den grundsätzlichen Beziehungen zwischen Reich und Ländern handelt.
Deutsche Volkspartei und Reichswahlliste.
Berlin, 21. Juli. (Priv.-Tel.) Wie die Deutsche Volkspartei mitteilt, hat die Einreichung der Reichswohlvorschläge zu dem Mißverständnis geführt, als ob die Deutsche Volkspartei nicht mit eigenen Wahlvorschlägen auftrete. Es sei demgegenüber festgestellt, daß die Deutsche Volkspartei in allen 35 Wahlkreisen mit eigenen Wahlvorschlägen, die d ie Rümmer 6 tragen, erscheint, und daß sie lediglich auf die Aufstellung einer Reichs liste verzichtet hat, da aus technischen Gründen eine Verrechnung der volksparteilichen Re st stimm en auf öer deutschnationalen Reichsliste vorgenommen wurde. Die Vereinbarungen mit der deutschnationalen Partei sind so abgeschlossen worden, dcch die Sicherheit besteht, daß alle volksparteilichen Stimmen auch volksparteilichen Kandidaten zukommen.
Heymannsberg erneut verhaftet.
Berlin, 22. Juli. (OB. Funkspruch, eigene Meldung.) Der ehemalige Kommandeur der Schutzpolizei, heymannsberg, sowie Major Luke und das Mitglied des Reichsbanners Larlbergh wurden heute früh in haft genommen wegen dringenden Tatverdachts einer Zuwiderhandlung gegen bie Verordnung des Reichspräsidenten vom 20. Juli 1932. Gegen 4 Uhr früh erschien ein Reichswehrhauptmann mit vier Soldaten im Polizeipräsidium, forderte zwei Beamte der Abteilung I an und verlangte, zur Wohnung des Polizeikommandeurs heymannsberg und zu der des Polizeimajors Enke geführt zu werden. Er hatte einen Ausweis des Militärbefehls- Habers bei sich. Dem Ersuchen wurde stattgegeben. Um 4.55 Uhr hat Polizeikommandeur heymannsberg feine Wohnung, die im Polizeiamt Schöneberg liegt, um 5.45 Uhr Polizeimajor Enke feine Wohnung verlassen, jeweils in Begleitung der Reichswehr. Die Behafteten wurden in bie Mili 1 ärgerest an st alt nach Moabit gebracht.
L a r l b e r g h ist. wie wir erfahren, Vorsitzen- der des Ortsvereins Lhar(ottenburg des Reichsbanners und gehört außerdem dem G a u o o r st a n d an. Der ebenfalls verhaftete Matz o r e n f e steht mit Larlbergh in freundschaftlichen Beziehungen und ist, wie aus fireifen des Reichsbanners mitgefeilt wird, ebenso roie Oberst heymannsberg, Mitglied des Reichsbanners.
Der Preußenkonflikt vor dem Lleberwachungsausschuß.
Berlin, 22. Juli. (DDZ. Funkspruch.) Die politischen Ereignisse der letzten Tage werden die erste parlamentarische Behandlung in der heutigen Sitzung des ^leberwachungs- ausschusses des Reichstags finden. Der Ausschuß, der infolge der Weigerung des Abgeordneten Straßer von dem ältesten Mitglied, dem Abgeordneten Heimann (Soz.) einberufen worden ist, tritt um 15 Ut)r zusammen, um zunächst einen stellvertretenden Ausschußvorsihen- den und damit einen rechtmäßigen Leiter der Ausschußtagung zu wählen. Die Sozialdemokraten haben dafür den Abgeordneten H ö g n e r, München, vorgeschlagen. Mit Sicherheit sind Anträge auf Aufhebung der Rotverordnung über den Reichskommis- sar in Preußen und den Ausnahmezustand zu erwarten. In Kreisen der Ausschußmehrheit vertritt man die Ansicht, daß der Lleberwachungsausschuß mit allen Befugnissen ausgestattet ist, die das Parlament an sich besitzt, und daß er infolgedessen auch das Recht zur Aufhebung von Rotverordnun- gen hat und die Regierung vor den Ausschuß zitieren kann. Wieweit sich die Regierung an den Ausschuhverhandlungen beteiligen wird, steht noh nicht fest. In der Reichskanzlei jedenfalls wird erklärt, daß man von dort keinen Vertreter in den Ausschuß entsenden werden. Die Rationalsozia- l i st e n werden gemäß ihrer Ankündigung an der Tagung des äleberwachungsausschusses nicht teilnehmen.
Echo der presse.
Berlin, 22. Juli. (CNB.) Die Amtsenthebungen der verschiedenen Staatssekretäre, Oberpräsidenten, Regierungspräsidenten und Polizeioerwal- ter in Preußen werden von den meisten Müttern lebhaft erörtert. Während die in Opposition zur Reichsregierung steyende Presse in teilweise sehr scharfer Form dagegen polemisiert, nehmen die übrigen Blätter den Standpunkt ein, daß durch dieses Vorgehen eine Säuberung des preußischen Verwaltungskörpers von par- teipolitisch gebundenen Beamten erfolgt sei. Die DAZ. betont, daß zunächst mit großer Rücksicht zu Werke gegangen worden sei, alles unter dem Gesichtspunkt, die preußische Verwaltung von parteipolitischen Einflüssen freizumachen und d i e sachliche Vorbildung und Eignung der Höch st en Regierungsbeamten wieder in den Vordergrund zu stellen. Die Länderkonferenz, die der Reichskanzler für Samstag zweifellos mit bestimmter Absicht gerade nach Stuttgart einberufen habe, werde sich von dem streng o erfassungsmäßigen Vorgehen der Reichsreierung überzeugen können. Wenn noch während der Zusammenkunft der Ministerpräsidenten das Urteil des Staatsgerichtshofes in Leipzig bekannt werde, an dessen Inhalt nach dem absolut gesetzlichen Handeln der Reichs- gemalt nicht zu zweifeln sei, so könne das auch unter den Parteipolitikern des Südens die Beruhigung fördern, die die Bevölkerung ohne jede Ausnahme brauche.
Der „Lokalanzeiger" meint, man könne wahrhaftig nicht behaupten, daß Herr v. Papen als Reichskommissar in Preußen irgendwie scharf durchgegriffen hätte. Die jetzt entfernten bisherigen ho§rn Beamten feien sämtlich Partei- ouchbeamte.
Die „B ö r f e n z e i t u n g" stellt fest, daß der Reichskommiffar auf Grund einer vollgültigen Rotverordnung des Reichspräsidenten mit allen Vollmachten des preußischen Ministerpräsidenten ausgestattet sei und demgemäß jederzeit politische Beamte ihres Amtes entheben könne. An der rechtlichen Zulässigkeit der


