Ausgabe 
22.6.1932 Erstes Blatt
 
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Elisabeth

erobert sich das Glück Vornan von Margarete Antelmann Copyright by M. Feuchtwauger, Halle.

16. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Elisabeth war nicht sehr erbaut über diese Mit­teilung. Sie hatte sich auf die Ruhe gefreut, hatte üben wollen. Aber da war nichts zu machen. Er­geben ging sie hinüber ins Musikzimmer.

Elisabeth hörte Eckertsburgs Stimme und er­bebte. Dann trat sie ein. Eckertsburg und der andere Herr, der noch im Zimmer sah, sprangen auf. Eckertsburg begrüßte Elisabeth, dann sagte er vorstellend:

»Erlauben Sie, Fräulein Pfilipp, daß ich Ihnen den Maler Kurt Lampert vorstelle. Es ist der Künstler, der das Bild Ihres Vaterhauses ge­malt hat."

Elisabeth gab dem Maler die Hand und sagte herzlich:

Oh, wie ich mich freue, Sie kennenzulernen! Wundervoll haben Sie das gemacht: ich kann mich gar nicht sattsehen an dem Bild. Mir ist oft, als stände ich wiEich vor dem kleinen Hause am Wassergraben."

Sie sah den Mann mit ihren strahlenden Augen, die jetzt von einem leichten Tränenflor umzogen waren, an. Der Maler nahm die kleine Hand und führte sie galant an die Lippen.

Verwirrt zog Elisabeth die Hand zurück. Es hatte ihr geschienen, als ob der Kuß des Malers ein wenig zu feurig gewesen wäre. Scheu streiften ihre Augen Eckertsburgs Gesicht.

Dieser schien indes von der ganzen Szene nichts gesehen zu haben, tat, als ob er interessiert die Bücherreihen hinter der Glaswand des Bücher­schrankes musterte. Als er sich umwandte, um sich mit den anderen zusammen niederzusetzen, sah sein Gesicht unnahbar aus und eisig wie immer.

Während der ganzen Unterhaltung blieb eine tiefe Falte zwischen seinen Augenbrauen stehen, und Elisabeth kain es vor, als ob er der Unter­haltung nicht richtig folgte. Frau Schelmer hatte Lee servieren lassen, kleine Brötchen und leichtes Gebäck.

Der Maler war ein ausgezeichneter Gesell­schafter, der amüsant zu plaudern verstand. Er hatte viel von der Welt gesehen und erzählte gewandt und lustig von seinen Reiseeindrücken. Begeistert hingen Elisabeths Augen an den Lip­pen des jungen Künstlers. Und es war auch, als ob der Maler nur für das blonde Mädchen er­zählte.

Die beiden anderen sahen stumm dabei. Frau Schelmer war mit einer Handarbeit beschäftigt, während Eckertsburg rauchte und stumm vor sich hin sah. Die beiden jungen Menschen merkten es nicht, daß Eckertsburg sie intensiv beobachtete und seine Blicke immer wieder von einem zum anderen gehen lieh.

Elisabeth erschrak fast und kehrte erst zur Wirklichkeit zurück, als Eckertsburg plötzlich auf­stand und den Maler bat, ihn in Auerbachs Keller zu begleiten. Der Künstler sprang auf und verabschiedete sich von den beiden Damen in seiner scharmanten, liebenswürdigen Weise, nicht ohne Elisabeth einen feurigen Augenaufschlag beim Handkuß zu widmen.

Roch lange unterhielten sich Frau Schelmer und Elisabeth über die seltsamen Dinge, die der Maler berichtet hatte, und amüsierten sich über seine kecke, ungezwungene Art. Und später, als Elisabeth im Bett lag, war noch ein Lächeln um ihren Mund, als sie an die Sprache seiner Augen dachte. Diese großen, glutvollen Augen üb­rigens das Schönste an ' dem Maler, wie konnten sie glänzen! Richtige Feueraugen waren da«, die einem ins Herz brennen konnten.

Sonst war er eigentlich häßlich: aber er war sehr gut angezogen, und seine überschlanke Figur entsprach dem Geschmack der Zeit. Run, er war ja ganz nett, aber ihr konnte er nicht gefährlich werden. Hübsch war er nur, wenn er herzlich lachte. Dann wirkte er stets wie ein großer Junge, dem man gut sein muhte. Elisabeth freute sich jedenfalls, bis sie ihn wiedersah. Er würde ein wenig Abwechslung und Unterhaltung bringen. Es war nett, dah Tante Schelmer ihn für den nächsten Tag zum Mittagessen geladen hatte.

Pünktlich zur Mittagszeit erschien Kurt Lam­pert, mit Veilchen für Tante Schelmer und herr­lichen Rosen für Elisabeth. Sie muhte den Besuch zuerst allein empfangen. Frau Schelmer hatte sich hingelegt, weil sie an entsetzlichen Kopfschmerzen litt. Sie hätte dem Maler am liebsten abgesagt, wollte nur Elisabeth die Freude nicht verderben.

Kurt Lampert sagte Elisabeth viele Schmeiche­leien, wurde so liebenswürdig, dah das Mädchen fast Angst bekam und sich zwang, so gleichgültig als möglich zu tun. Ablenkend nahm sie die Rosen in die Hand und roch daran. -

Oh, gnädiges Fräulein, meine Blumen scheinen Ihnen Freude zu machen? Das beglückt mich sehr."

Der Maler sagte es mit weicher, einschmeicheln­der Stimme, sah Elisabeth heih an. Elisabeth preßte die Lippen fest aufeinander und konnte es doch nicht hindern, dah sie auf diese tiefe Stimme hören muhte, die einen so betörenden Klang besah.

Ach, wenn Sie wühten, Fräulein Pfilipp, was Ihr Anblick für mich bedeutet von der ersten Minute an, als ich Sie sah. Sie können das kaum verstehen. Aber mein künstlerisches Auge sog sich an Ihrer Schönheit fest...

Rein Herr Lampert..

Elisabeth war dunkelrot geworden, suchte feinen Worten Einhalt zu tun. Der Maler ließ sich nicht beirren. Er hatte Elisabeths Hand erfaßt, fuhr leise fort:

Rein, nein, das ist keine Schmeichelei, das ist nichts als die Wahrheit. Sie sind schön, sehr schön."

Wie süßes Gift drangen diese Worte in Elisa­beths Ohr, beglückten sie, machten sie erbeben.

Welche Frau hätte solche Worte nicht gern ge­hört! Und zudem, wenn sie von den Lippen eines Künstlers tarnen, der schon anfing, berühmt zu werden, und von dem man wußte, daß er von Frauenschönheit etwas verstand.

Elisaoeth ahnte in ihrer Unverdorbenheit nichts davon, dah Kurt Lampert nicht nur der Ruf eines Könners voranging, sondern auch der eines Don Juans, dem es auf ein paar gebrochene Herzen mehr oder weniger nicht ankam.

Der Mann küßte die zarten Finger des Mäd­chens. Wieder schoß Elisabeth das Blut ins Gesicht.

Oh, Fräulein Elisabeth, Sie brauchen nicht rot zu werden. Ich möchte Sie nicht verwirren durch meine Verehrung. Aber ich muh Ihnen sagen, was ich empfinde. Und Sie wissen selbst, dah ich etwas von Frauenschönheit verstehe. Frauen aller Länder habe ich kennengelernt: Königinnen der Gesellschaft und Königinnen jener Welt, in der man sich nicht langweilt, Raturkinder und Groß- stadtpflanzen, elegante Pariserinnen und verwahr­loste Zigeunerinnen. Viele, viele schöne Frauen, herrlich anzusehen von Angesicht und Gestalt. Und doch sah ich noch nicht alle Schönheit, die es gibt. Gestern habe ich das zum ersten Male gesehen, und diese reine, keusche Schönheit, die auf Ihrem Gesicht liegt, hat mich restlos be­zaubert ..."

Jetzt müssen Sie aber aufhören, Herr Lampert. Ich muh mich ja schämen, das mit anzuhören..."

Elisabeth stammelte es, verwirrt über diese Worte, die ihr das Blut siedendheih durch den Körper trieben, durch diese Stimme, die sie gefangen nahm. Sie hielt sich die Ohren zu, um nichts mehr zu hören.

Der Maler haschte nach ihrer Hand, zog sie an seinen Mund und prehte seine heißen Lippen auf den Handrücken, die Fingerspitzen, die Innen­fläche.

Vergeben Sie mir meine Worte, Fräulein Elisabeth! Aber sie sagten nur die Wahrheit, nichts anderes. Richt böse sein! Meine Künstler- schaft ging mit mir durch...

Und jetzt küßte er ihre beiden Hände, eine nach der anderen, langsam und andächttg.

Oh Sie böser Künstler..."

Elisabeth stammelte es, machtlos seinem Wesen hingegeben. Der Mann lachte, ein leises, glück­liches Lachen.

Elisabeth war auf gestanden, ans Fenster ge­treten. Sie mußte ihr Gleichgewicht wiedererlan- gen. In ihr wogte und stürmte es durcheinander: sie muhte sich wehren gegen diese Sprache, das wuhte sie. Und doch fühlte sie die Wonne, das beglückende Gefühl dieser Huldigung.

Schon stand der Maler neben ihr.

Sie sind eine Venus, Elisabeth. Sie sind schön wie die Schaumgeborene. Blumen müßten zu Ihren Füßen sprießen, die Grazien sollten Ihnen dienen. Sie selbst sind die Göttin der Schönheit..." Flehend klang jetzt seine Stimme an ihr Ohr.Sie müssen mir helfen, Elisabeth! Sie können es. Ihr Anblick hat das wachgerufen, was als Idee schon lange in mir schlummerte, was ich nur nicht zur Ausführung bringen

konnte, wert mir das Modell fehlte. Jetzt habe Ich es gefunden in Ihnen. Sie müssen mir sitzen: es wird ein wundervolles Werk werden, die Krönung meines Schaffens, wird mich in die Hohe schleudern. Helfen Sie mir ich bitte Sie. Stehen Sie mir Modell!"

Sprachlos sah Elisabeth in das vor innerer Erregung verzerrte Gesicht das Malers. Ganz schwindlig war ihr geworden. Was hörte sie da? Der berühmte Künstler wollte sie malen, wollte durch ihr Bild noch berühmter werden? Sie sollte ihm helfen? Sie lächelte matt und mußte die Augen schließen.

Ein berauschendes Gefühl war über sie ge­kommen. Man würde sie beneiden, bewundern. Ein jäher Gedanke schoß plötzlich durch ihr Hirn. Auch er auch Eckertsburg? Sie sah den ge­fürchteten Mann vor sich stehen, sah sein steiner­nes Gesicht, die Augen, die ihr bis auf den Grund der Seele blickten. Sah den erbarmungs­losen, verächtlichen Zug um den Mund. Eine plötzliche Scham überfiel sie.

Rein, Herr Lampert! Diesen Gedanken müssen Sie sich aus dem Kopfe schlagen. Ich will nicht."

Sie wissen nicht, -Fräulein Elisabeth, was Sie mit diesem Versagen zugrunde richten."

Ich kann es nicht ändern, Herr Lampert. Ich würde mich nicht im geringsten zum Modell eignen. Es würde mir leid-ttuo, wenn dieses Intermc^o unsere neue Freundschaft trüben würde. Ich bitte Sie also, diesen Gedanken ein­fach fallen zu lassen."

Wenn Sie es so wünschen, dann Schluß da­von! Verzeihen Sie mir, bitte, die Kühnheit meiner Worte." >

Ich Hape nichts zu verzeihen, Herr Lampert. Sie sind ein Künstler und haben das Recht, Ihrem Künstlertum zu leben. Doch ich höre Tante Schelmer kommen. Sie werden froh fein, endlich etwas zu essen zu bekommen."

Frau Schelmer trat ein, und nach einer herz­lichen Begrüßung begab man sich ins Speise­zimmer. Eine gemütliche Stimmung herrschte un­ter den dreien, um so mehr, da Frau Schelmers Kopfschmerzen sich verflüchtigt hatten und die beiden jungen Menschen sich Mühe gaben, so harmlos als möglich zu erscheinen. Erst gegen siebzehn Ufjr verabschiedete sich der Gast.

Kurt Lampert kam von jetzt an häufig. Frau Schelmer hatte einen Rarren an ihm gefressen, und er verstand es, sie über seine Gefühle Elisa­beth gegenüber vollkommen zu täuschen. Rie sah die alte Dame einen seiner heißen Blicke, nie hörte sie die leise werbenden Worte, die in in den seltenen Momenten des Alleinseins an Elisabeth richtete.

Den ganzen Frühling über machten die drei herrliche Ausflüge. Elisabeth vermied es indes, mit dem Maler allein zu sein. Seine Huldigungen wurden ihr lästig, und es paßte er auch nicht, dah die Kellegen und Kolleginnen anfingen, Be­merkungen über ihren Verkehr mit Kurt Lampert zu machen. Sie hatte keinen Sinn für derlei Dinge, sie wollte keine Liebeleien und keinen Klatsch.

(Fortsetzung folgt.)

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