Ausgabe 
19.11.1932 Frühausgabe
 
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Dunv der Frontsoldaten, haben am frühen Frei- tagnachmittag an den Reichspräsiden­ten, Generalfeldmarschall von Hindenburg, fol- gendes Telegramm gerichtet:

2m Ramen L<s Stahlhelm, Bund der Front­soldaten, der sich dabei eins weiß mit der Mehrheit der arbeitswilligen und aufbaubereiten Deutschen bitten wir Eure Erzellenz inständig, die von den Parteien unabhängige autori­täre Form der S t a a t s f ü h r u n g zu er- halten. Die LInmöglichleit einer in sich ehrlich zu­sammenhaltenden parlamentarischen Mehrheit ist durch das Ergebnis der Reichstagswahl am 6. Ro° vember erneut festgestellt worden. Das deutsche Bolk will keine irgendwie geartete Parteiherr schäft mehr. Cs will eine starke von den Parteien wirklich unabhängige Staats­führung, um endlich die friedliche Aufbauarbeit beginnen zu können.

gez.: Franz S e l d t e, gez.: st erber g." Bit demDolch in die Reichskanzlei Wie Papenzur Kenterung feiner Politik" gezwungen werde« sollte.

Berlin, 18. Rov. (ERD.) Wie sich erst heute durch eine Verhandlung vor demSchnellrichterim P. l zeipräsid'.um her- ausstellte, hat sich a m D i e n s t a g ein aufregen­der Vorfall in der Reichskanzlei ab­gespielt. Als gegen 14 älhr der Portier gerade die Pförtncrloge verlassen hatte, um dem Staats­sekretär Planck bei der Ausfahrt behilflich zu sein, stürmte plötzlich eine Frau in die Reichskanzlei und lief die Treppe hinauf. Der Pförtner eilte ihr nach und konnte sie im zweiten Stockwerk f e st h a l t e n. Als die Frau von dem Portier und einem Kriminalbeamten d u.rch sucht wurde, sand man bei ihr einen 28 Zentimeter langen Dolch. Die Frau wurde sofort festgenommen.

Heute hatte sie sich nun wegen unbefugten Waffentragens vor dem Schncllrichter zu ver- | antworten. Die Angeklagte gab an, Mitglied der j SPD. und ehemalige Funktionärin dieser Partei r zu sein. Auf die Frage des Vorsitzenden nach dem Motiv ihres eigenartigen Eindringens in die Reichskanzlei erklärte die Angeklagte, sie wollt': unbedingt zum Reichskanzler v. Papen, um ihn zur Aenderung seiner Politik zu zwingen. Vor itzender:Wozu brauchten Sie aber den Dolch." Angeklagte:Ent­weder sollte mir der Reichskanzler erklären, das; er seine Politik jetzt ändern würde, oder i ch hätte irgendetwas mit dem Dolch an- g e st e l l t." Trotz eindringlicher Fragen des Staatsanwalts und des Vorsitzenden, was sie mit dieser dunklen Andeutung eigentlich meine, weigerte sich die Frau, nähere Angaben zu machen.

Ter Staatsanwalt.beantragte gegen die An­geklagte unter Zubilligung mildernder Llmstgnde wegen ihrer bisherigen Llnbestraftheit und wegen ihrer politischen Leidenschaft drei Monate Ge­fängnis. Der Schncllrichter erkannte auf drei Monate Gefängnis wegen verbotenen Waffen- tragcns.

Verlängerung des Burgfriedens b s zum r. Januar 1933.

Berlin, 18. Rov. (WTB.) Die Geltungs­dauer der Verordnung des Reichspräsidenten zur Sicherung des inneren Friedens vom 2. Rovember d. 3., die bis zum 19. Rovember befristet war, ist durch eine Verordnung des Reichspräsidenten vom heutigen Tag bis zum Ablauf des 2. Januar 1 9 3 3 verlän­gert worden. Gleichzeitig ist auch die in der er­gänzenden Verordnung vom 3. Rovember d. 3. enthaltene Ermächtigung verlängert worden, wo­nach Ausnahmen für Wahlversamm­lungen zugelassen werden, sofern diese Wahlen bis zum 15. 3anuar 1933 einschließlich stattfinden.

Hitlers Tätigkeit

als braunschweigischer Beamter.

Braunschweig, 18. Rov. (Sil.) 3n einer Kleinen Anfrage im braunschweigischen Landtag hatte der sozialdemokratische Landtagsabgeord-

nete Thielemann um Auskunft darüber gebeten, was Regierungsrat Adolf Hitler bis­her für das Land Braunschweig getan habe. Auf Beschluß des Staatsministeriums hat Minister Küchenthal hierauf nachstehende Antwort erteilt: Der Regierungsrat Hitler hat dem braunschwei­gischen Minister des 3nneren nach dessen Mittei­lung als Sonderberater in wirtschaft­lichen Fragen, insbesondere in der Frage der Erhaltung des ilnterharzer Erz­bergbaues, wertvolle Dienste geleistet."

Das Zollsystem bei der Gehalts­zahlung für anhaltische Beamte.

Dessau, 18. Rov. (WTB.) Zw.sehen der an- halt'.schen Staatöregierung und Vertretern der Beamtenschaft fanden im Ministerium Bespre­chungen zu dem Zweck statt, das sog. Rollsystem

Hindenburg schreibt an Braun Für e n ve trägli' cs Zusamm narbrit n.

Berlin, 19. Nov. (BDZ.) An den preußischen Ministerpräsidenten Er. h. c. Braun, hat der Reichspräsident ein Schreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt: Sehr geehrter Herr Minister­präsident! In Ihrem Schreiben vom 3 d. M. haben Sie darauf hingewiesen, daß ich nach Artikel 19 Abs. 2 der Reichsoerfassung zur Vollstreckung des Urteils des Staatsgerichtshofs für das Deutsche Reich vom 25. Oktober 1932 be­rufen sei. Wenn Sie als einen solchen Vollstreckungs­akt die Wiedereinsetzung des preußi­schen Ministerpräsidenten und der preu­ßischen Staatsminister in ihre A em ter und als Landesregierung gefordert haben, so bedarf es dessen nicht. Aus meiner und des Reichskanzlers Erklärung, bei der Besprechung vom 29. Oktober d. I., war deutlich zu entnehmen, daß entsprechend dem Urteil des Staatsgerichtshofes Ihnen und den preußischen Staatsministern die Vertretung Preu­ßens im Reichstag, im Reichsrat oder sonst gegen­über dem Reich oder gegenüber dem Landtag, dem Staatsrat oder gegenüber anderen Ländern zu­stehen soll. Im übrigen haben Sie und die preußi­schen Staatsminister von diesen Befugnissen b e - reits Gebrauch gemacht. Hiernach bleibt kein Raum für einen weiteren Akt des Reiches, durch den die preußisck"n Staatsminister erst wieder in ihre Aemter förmlich eingesetzt werden könnten.

ihn aber die entftanpenea Schwierigkeiten und Meinungsversrnedenheiten auszuräumen, habe ich mich entschlossen, auf Grund des Artikels 48 Absatz 2 der Reichsverfassung die nötigen Maßnahmen zu treffen, wie ich sie aus dem anliegenden an Sie, Herr Ministerpräsident, und an den Reichskanzler als Reichskommissar für das Land Preußen gerichteten Schreiben zu entnehmen bitte.

3ch bedauere, daß die bisherigen Verhand­lungen nicht zu einer Einigung ge'ührt haben. Es erscheint mir aber nicht möglich, die Klärung der Verhältnisse weiter aufzu­schieben. Das 3nteresse des Reichs und des Landes Preußen verlangt vielmehr eine be­schleunigte Bereinigung aller durch das Urteil des Staat' "erichtsßoses entstandenen Schwierigkeiten, um Reibungen für die Zukunst auszuschliehen und ein verträgliches Z u - sammenarbeitenzum Wohle desLan- des und des Reichs zwischen den Kommis­saren des Reichs und den preußischen Staats­ministern im Geiste des Urteils sicherzustellen. Dies bezwecken meine Anordnungen. 3ch bin überzeugt, daß Sie, Herr Ministerpräsident, und die Herren preußischen Staatsminister wie auch die Kommissare des Reichs für das Land alles daransetzen werden, um dieses Ziel zu erreichen. 3n ausgezeichneter Hochachtung

3hr (gez.) v. Hindenburg.

bei der Gehaltszahlung der Beamten einzuführen. Bisher erhielten die anhalt.fchen Staatsbeamten ihr Monatsgehalt im voraus. Die Regierung beab! chtigt nun, die Zahlung derart zu gestalten, daß das Gehalt in der Zeit von acht Monaten nicht am 1. sondern am 5. im Februar, am 9. im März, am 13. im April usw. bezahlt wird, so daß innerhalb von acht Monaten ein Mo­natsgehalt eingespart sein würde. Da­mit würde dann aus der Vorauszahlung eine Rachzahlung geworden sein.

Die Nuivcrsität Breslau bis Mittwoch gc chkosscn

In Zusammenhang mit den Vorfällen am Don­nerstag haben der Senat der Universität und der Universitütsrichter beschlossen, die ganze Universität einschließlich ihrer Institute und Kli­niken bis Mittwochfrüh geschlossen zu halten.

Der Erlaß des Reichspräsidenten-

Berlin, 18. Rov. (WTB.) Der Erlaß des Reichspräsidenten über die Gcwaltenteilung in Preußen sieht u. a. folgende Maßnahmen vor: Um Mißverständnisse im amtlichen Verkehr aus­zuschliehen, haben die Kommissare des Reichs in­nerhalb des ihnen zugewiesenen Geschäftsbereiches die mit dem KopfDer preußische Ministerpräsi­dent .... -. der preußische Minister ... zu versehenden Schreiben zu zeichnen:Der Kom­missar des Reiches'. Verordnungen, deren ' Erlaß nach Reichsrecht oder preußischem Recht I der preußischen Landesregierung, dem preußischen Staatsministerium zusteht, haben ausschließ­lich die Kommissare des Reiches zu erlassen.

Die Zustimmung zu Haushalts­überschreitungen u"d außerplanmäßigen Au gase i uni) de «Beschaffung von Geld- mitreln im Wege uco Kredites steht i)cm für den Geschäst^bc.e ch des Finangministers b'stellten Koinm.ffar des Reiches zu, soweit eine Ermächtigung zur Kreditaufnahme in einem G:seh oder einer Verordnung mit Gesetzeskraft vorl.egt. D.e Komm ffare des Reiches sind zur Durchführung ihrer Aufgaben befugt, mit den Reichsbehörden in Verhandlungen 8 u treten und an den von des en einberusenen S.Hungen und Besprechungen teilzunehmen. Das Recht der Begnadigung gemäß Art. 54 PV. haben die Kommissare des RKches auszuüben.

Zur Ausübung der dem Ministerpräsidenten und den Staatsniinistern auf Grund des Urteils des Staatsgerichtshoses zustehenden Befugnisse werden die aus der Anlage ersichtlichen Amts- räume im Hause des preußischen Mi­nisteriums fürVolkswohlfahrt bereit­gestellt. 3m übrigen stehen d i e Amtsge­bäude des preußischen Staatsmini­steriums und der preußischen Mini- st e r i e n mit allem Zubehör ausschließlich zur Verfügung der Kommissare des Reiches. Dem Ministerpräsidenten und den Staatsministern stehen die Ministerialdirektoren Dr. Dadt, Dr. Brecht und Coßmann als stellvertretende Bevollmächtigte zum Reichsrat imHauptamtständigzurDerfügung: sie erhalten im Hause des preußischen Ministe­riums für Dolkswohlsahrt Amtsräume zugewie­sen. Geschäftsbedürsnisse und das erso.derliche Hilfspersonal sind zur Verfügung zu stellen. Die im Haushaltsplan für die preußischen Staatsmi­nister vorgesehenen Dienstwohnungen stehen, soweit sie von ihnen bisher Gebrauch ge­macht haben, auch weiter zu ihrer Verfügung.

Die Kommissare des Reiches nehmen in ihrer Eigenschaft an den Sitzungen des Reichstags, des Reichsrats, des Landtags und Staatsrats sowie ihrer Ausschüsse nicht teil. Sie leiten diesen Kör­perschaften keine Vorlagen zu. Soweit im i

Staatsrat oder im Landtag Anfragen an das Staatsministerium gerichtet werden, die sich auf in den Aufgabenkreis der Kommissare des Reiches fallende Angelegenheiten beziehen, wird der Reichskanzler als Reichskommissar für das Land Preußen dem Ministerpräsidenten die erforderlichen Unterlagen, die zur Abgabe einer Erklärung instandsetzen, zur Der- fügung stellen.

Dem Ministerpräsidenten und den Staatsministern sind zur Bearbeitung der ihnen verbliebenen Auf- gaben der Vertretung Preußens im Reichstag, im Reichsrat oder sonst gegenüber dem Reich oder gegenüber dem Landtag, dem Staatsrat oder gegen­über anderen Ländern, die mit der vorbereitenden Bearbeitung dieser Aufgaben betrauten Beam­ten der Ministerien zum Vortrag zur Verfügung zu stellen und die Akten, die sich auf die genannten Aufgaben beziehen, auf Verlangen oorzulcgen. Zur Aufrechterhaltung des geordneten Dienstbetriebes in den Ministerien erfolgen die Anforderungen durch Vermittlung des zuständigen Staatssekretärs.

Danziger Protestkundgebung gegen polens neuen Anschlag.

Danzig, 18. Rov. (TU.) Gegen die von Polen zum 1. Dezember d. 3. beabsichtigte Ein­führung der Zloty-Zahlung bei den Danziger Eisenbahnen fand am Freitag­abend eine vom Danziger Heimatdienst veran­staltete große Volkskundgebung statt. Der große Saal der Sporthalle war überfüllt und in stürmischer Weise machten sich der Unwille und d.e Empörung der Danziger Bevölkerung gegen die geplante neue polnische Gewaltmahnahme ßuit. Der Redner del Abends, der Geschäfts­führer des Danziger Heimatdienstes. Dr. Ru­dolf, betonte, daß die gesamte Versailler Lösung der Danzig-Frage heute vor dem Zusammenbruch stehe. Zum Schluß der Kundgebung wurde einst.mmig eine Entschließung angenommen, in der gegen d e von Polen beabsichtigte Ein­führung der polnischen Währung und die Aus­schaltung der Danziger Währung an den Dan- z.ger Eisenbahnen flammender Protest erhoben wird. Die Danziger Bevölkerung be­trachte das als eine unerhörte Schikane Polens. Sie erblicke darin den Auftakt zu e nem Generalangriff auf die Danziger Wäh­rung. Die Danziger Bevölkerung lehne die An­nahme jeder aufgezwungenen fremden Währung ab und wende sich geschlossen gegen die Methode, durch Schaffung vollendeter Tatsachen den Aus- gang e ne5 Streitfal es zu beeinflussen. Die Dan­ziger Bevölkerung e warte vom Völkerbund e ne scharfe Zurückweisung des polnischen Anschlages.

Reue Oeuifchenverfolgung in Litauen.

W.gcn Ert il n' de tschcn Religions­unterrichts ve bannt.

Kowno, 18. Rov. (TU.) Auf Befehl dcS Kriegskommandanten ist der Vorsitzende der Orts­gruppe des deutschen Kulturverbandes in dem Orte S i n t a u t a i an der deutscken Grenze bei Schirwindt, 3ohann Speder, v e r h a f- t e t und nach einem entlegenen Dorf an der pol­nischen Grenze versandt worden. Sie Auswei­sung erfolgte auf Grund einer Anzeige des Lei­ters der litauischen Schule. Speder hatte seit eini­ger Zeit den deutschen Kindern an Stelle der verbotene deutschen Schule einen Religions­unterricht in deutscher Sprache einge­richtet und zuletzt eine deutsche Bücherei für die Deutschen der Umgegend in seiner Woh­nung angelegt. Diese Tätigleit, die in keiner Weise den Satzungen des Kulturverbandes widerspricht, nahm der Kommandant zum Anlaß, den Führer der Ortsgru"ve zu verbannen. Einsprüche der Ortsgruppe, sowie des Hauptvorstandes des Kul- turverbandes beim Kriegsminister blieben bisher erfolglos.

Oie Gewaltenteilung in Preußen.

Eine Neuregelung der Geschäfte zwischen Reichskommiffaren und Gtaatöministerium.

Paula Modersohn-Becker.

3um 25. Todestage der Malerin am 20. Rovember.

Von Or. Marga Job.

Als Paula Modersohn - Decker am 23. Rovember 1927, wenige Wochen nach der Geburt ihres Kindes, in Worpswede im 32. Lebensjahre starb, bedeutete ihr jäher Tod Vernichtung eines reichen Menschen'ebens, das noch nicht erfüllt war. Paula Modersohn starb als Werdende, die im nie rastenden Kamp e um ihre künstlerische Voll­endung stand, und hinterließ doch Kunstwerk, die, künstlerisch reif, uns wundersam zu Herzen gehen. Diese Malerin, die den Impreslionismus Über­winden wollte, ging unbeirrt ihre Wege und fand die Ausdrucksformen, die über das rein Malerische hinaus eine starke Wirkung ausüben, vielleicht weil sie den Kern der Dinge enthüllen. Rilke, der Mann ihrer einzigen Freundin, der Dildhauerin Clara W e st h o f f, schrieb nach einem Besuche in Worpswede an einen Freund: Das Merkwürdigste war, Modersohr.s Frau an einer ganz eigenen Entwicklung ihrer Ma.erei zu finden, rücksichts os und geradeaus malend, Dinge, die sehr worpswedisch sind und die doch nie einer scheu und malen konnte. Und auf diesem ganz eigenen Wege sich mit Van Gogh und seiner Rich­tung seltsam berührend."

Paula Decker, wie sie mit ihrem Mädchennamen hieß, wußte schon als Kind, daß sie Malerin werden müßte. Eine frohe, an Liebe und Ver­ständnis reiche 3ugenb verlebte sie im Kreise ihrer Geschwister nach der Versetzung ihres Vaters, eines höheren Beamten, in Bremen. 3n Erfül­lung eines Wunsches ihres Vaters legte sie erst ihre Lehrerinnenprüsung ab, ehe sie nach Ber­lin an ihre künstlerische Ausbildung ging. Später hielt sie sich wiederholt in Paris auf, um un­ermüdlich weiter zu lernen. Aber entscheidend wurde für sie W o r p s w e d e, das Malerdorf bei Bremen, wo sie in Mackensen einen Leh- rer fand, dazu Einsamkeit, Ratur und später den geliebten Mann. Sie wurde die zweite ^rau des Malers Otto Modersohn. 3n ihrer Brautzeit schreibt sie:3ch sitze im Glück, tief und lanft und das Leben umweht mich süß." Cie träumt vom Haus für den Mann, die Kinder

r unö öa für sie Wachsen das Aller- schonste ist, so hofft sie daraus, vereint weiter zu streben. Dabei hat das anmulige Geschöpf nufyte vom Blaustrumpf an sich, sie freut sich wie

ein Kind über das Geburtstagsgeld, das ihr Verlobter schickt, damit sie das ersehnte Helle Kleid anschaffen kann. 3n Berlin bemüht sie sich tap­fer, sich in einer Kochschule die notwendige haus­wirtschaftliche Schulung anzueignen. Es spricht für ihre Herzensgüte und Anspruchslosigkeit, daß sie von den vom Baker zur Verfügung gestellten tausend Mark nur einen Bruchteil zur Aussteuer verwenden und das übrige den Geschwistern zur Ausbildung überlasfen will.

3m Frühling 1901 sand die Trauung statt, und das Merlwürdige geschah: in einer glücklichen Ehe wurde die junge Frau unglücklich. Sie ringt um ihre Persönlichkeit, für sie ist charakteristisch, daß sie in einem Briefe an Clara Wcsthoff ein­mal ausruft: Fordert das denn die Liebe, daß man werde wie der andere! Rein und tausendfach nein!" Fast alljährlich geht sie auf einige Wochen nach Paris, sie bittet dann ihren Mann, nicht so viel von der Liebe zu schreiben, um nicht die, Trennung so schwer zu mähen, auch brauche sie Zeit, um die Eindrücke zu verarbeiten. Ais sie im Februar 1906 in Paris eintraf, sollte es eine dauernde Trennung sein: nicht Grausamleit und Härte treiben sie dazu, nicht nachzugeben, son­dern der 3trangjimeren Wachstums, die Rot­wendigkeit, ihre Sturm- und Drangperiode allein zu verbringen. Sie findet den Weg zurück: aus der Wiedervereinigung erwächst ihr ein neues Glück: Mutterschaft. Rur daß sie es nicht aus- kosten darf, ein jäher Tod war stärker als ihre Freude.

Paula Modersohn hat das Leben geliebt: ,ie dankte es ihrer Mutter, daß sie ihr das Dasein geschenkt hatte. Stille Heiterkeit und leiser Hu­mor, Einsscin mit der Ratur, warmherzige Zärt­lichkeit gegen ihren Mann, gegen sein Kind aus erster Ehe, gegen ihre Familienangehörigen, An­mut in Erscheinung und Bewegung sind ebenso kennzeichnend für sie wie der eiserne Wille, ihre künstlerische Entwicklung durchzusetzen und das Bedürfnis, einsam zu fein. Heute wissen wir, daß ihr Opfer, ihr Streben nicht vergeblich war, ein Haus in der Böttcherstraße in Bremen trägt ihren Vamcn, dort und in deutschen Staatsgalerien grü­ßen uns ihre Bilder. Der ihr im Leben versagt gebliebene Ruhm ist ihrem Werk nach dem Tode beschieden. 3hre Briefe und Tagebuchblätter, jetzt in einer Volksausgabe vom Verlage Kurt Wolff herausgegeben, sind ein Dokument einer einzig­artigen Seele, sie spiegeln das Wesen dieser wun- derbaren Frau und erwecken in uns eine Liebe -u ihr, die niemals sterben kann.

Gießener Konzsriverein.

Symphonie-Konzert: Schumann, Haydn, B:ahmö.

Als ein Ergebnis der schon von früher 3ugend an genährten Byron-Begeisterung Schumanns ist die Manfred-Musik anzusehen.Roch nie habe ich mich mit der Liebe und dem Auf­wand an Kraft einer Komposition hingegeben als der zum Manfred." Diese Worte finden ihre volle Bestätigung in der Manfred-Ouvertüre, tie als eine der glücklichsten Eingebungen SHu- mannscher Orchestermusik glt; denn in der Man- frcdgestalt Byrons fand Schumann den Wider­schein des eigenen 3chs. Der Eindruck, den das W:rk hinterließ, war ungemein stark und nach­haltend durch das starke Aufwallen des 3m- pulses, durch den Schauer jener Szenen, die durch ihr eigentümliches 3nfKumentarkolorit von einer übersinnlichen Welt künden. Schon hier trat der weiche nachgiebige Ton der Holzbläser ebenso vorteilhaft in Erscheinung, wie die Sättigung und der klangliche Ausgleich des Streicherchors. Richt vergessen seien die Trompetenstellen, die in bezug auf Klangreinheit und 3ntonation be­sondere Schwierigkeiten bieten, die man aber selten in so feinen dynamischen Graden abgestuft und ausgeglichen zu hören bekommt, wie diesmal bei den Darmstädtern.

Zwischen den beiden mit schwerem Schicksals­geschehen gebundenen Werken erschien 3osef taydns Konzertante Symphonie in

-Dur als ein geistiger Ruhepunkt. Aus Musi- z:erfreude geboren, eingängig durch seine orga­nische Cewachsenheit ohne irgendwelchen beschwe­renden Rest ungelöster Problematik, läßt dieses lieberswärvige Werk in le ner gewäh'trn, esprit­voll konversierenden Art doch des öfteren hinter öcm scheinbar Konventionel.en persönliche geistige Hintergründe erahnen: noch dazu, wenn es so stil- gerecht und musikalisch ausgeschliffen dargeboten

0-cr mit seinem reizvollen und vielfälti­gen Wechselspiel der Solisten unter sich und im -herein mit dem Orckestertutli. Hervorragend toa- ven die beiden Holzbläser (Walker Wun sch, Emil Wi schert), von starker Verinnerlichung zeugte die erste Geige (Otto Drum in), nur stellenweise von au großer Zurückhaltung: der Cellopart (Hugo Andreae) war verschiedentlich beeinträchtigt durch störende Bogengeräusche. Das begleitende Orchester schmiegte sich mit klanglicher Feinheit an, zumal in den Hörnern.

_ Stellt man die Aufführung der Brahms- Symphonie zu der vor fünf Jahren in Ver- gicich, so wird man, selbst wenn man die geistige Tradition des Darmstädter Landestheater-Orchesters berücksichtigt, in der Zntcrpretationskunst von Herrn Universitätsmusikdirektor Dr. Stefan Temes- v a r y einen sehr bedeutenden Fortschritt erkennen müssen. Wenn ihm auch ein Klang,orper von so hoher Kultur entgegenkommt, so wird man doch gerade in jenen Momenten, die sich auf suggestiver Kraft des Augenblicks gründen, das Große [einer dirigentischen Geistes- und Erlebnisleistung ganz besonders veranschlagen müssen, das tiefgründige Eindringen in die geistigen Gegebenheiten, die sich jenseits des Formalen nur dem Berufenen erschließen. Da wurde im Andante sostenuto der elegische Brahms wach, voll Resignation, in seiner herben Lyrik, innerlich beschwert und doch Beglückung gebend: da wurde im Nach­gehen der Pulsschlag einer jeden Regung spür­bar. Ein Ergebnis für das ihm und den führen­den Solisten des Orchesters besonders gedankt fei. So schön auch der dritte Satz erklang: beim Ein­treten des zweiten Themas (als schmerzliche Rück­erinnerung gedacht) fordert Brahms wohl ein espressivo. aber eine Beschleunigung des Zeitmaßes an dieser Stelle wurde von ihm nicht geboten. Groß­zügig erwuchsen die Ecksätze. Die (Einleitung ihrem unheimlichen Drohen: die Energiegeladenhest der Themen im Allegro, ihre Ausbreitung in der Durch­führung: das war ein Entwickeln, mit lebensnahem Atem erfüllt: ein Ausklingen in Gehobenheit Ebenso das Finale in hehrer Klarheit mit Momenten, die zeitweilig dem Monumentalen, Gigantischen zustreb­ten. Nur das Hornsolo im Piü andante überschritt das klangliche Maß: hier muß auch bei einem vor- geschriebenen sempre forte e passionato der ur­sprüngliche Charakter des Horntones mit seiner Ausdrucksgebundenheit gewahrt bleiben.

Der Besuch des Konzertes entsprach leider nicht der Höhe des Gebotenen: eine tief bedauerliche Tat­sache, denn nur durch vollste Unterstützung von allen Seiten lassen sich solche Höhepunkte im Kunstleben

? ermöglichen! Dr. H.

Aochschulnachnchten.

Professor Dr. Leopold Wenger in München wurde an Stelle des verstorbenen Botanikers von Goebel zum Präsidenten derBayerischenAka- demie der Wissenschaften gewählt. Wenger ist einer der hervorragendsten Kenner des römischen Rechts und der antiken Rechtsgeschichte.