Ausgabe 
18.7.1932 Frühausgabe
 
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Kommunistischer Werfall ausSA.-Leute.

Heftige Schieherei und schwerer Kampf bei Homberg.

* Homberg a. d. O.. 18. 3uli. 3n der Rächt zum Sonntag kam es auf der Landstraße zwischen Homberg und Rieder-Ofleiden zu einem folgen­schweren Ueberfall von Kommuni st en auf eine Abteilung SA. - Leute aus Alsfeld. Aus Anlaß der für den gestrigen Sonntag in der hiesigen Stadthalle vorgesehenen Kundgebung der RSDAP. war die Alsfelder Abteilung der SA.-Leute am Samstag spät abends hier eingetroffen und machte sich, nach der Unterbringung ihrer Fahrräder in. unserer Stadt, zu Fuß auf denWeg nochAiedcr- Ofleiden, wo die Leute einquartiert werden sollten.

während diese» Marsches wurde die 54 Monn starke SA.-Gruppe auf der dunklen Landstraße von schätzungsweise 100 Kommunisten aus dem hinterhalt übersatten.

Die Kommunisten eröffneten lebhaftes Revol- v e r f e u e r auf Vic völlig unbewaffneten SA.-Leute, Vic sich im Handlrmdrehen von ihren Gegnern so umdrängt sahen, daß sie sich nur mit Mühe gegen die Angreifer wehren konnten. Die Kämpfe dauerten mehrere Stun­den lang an und machten die Alarmierung des Ucberfallkoinmandos in Butzbach erforderlich, das aegcn 3 Uhr morgens eintraf und für die Wieder- Herstellung der Ordnung sorgte. Durch die Scyieße- rei und durch Stiche von den Kommunisten wurden 12 SA. »Leu t e verletzt, darunter zum Teil schwer; einige Leute haben schwere Kopfwunden, Stiche in die Oberschenkel usw. davongetragen. Ein besoirders fchwer verletzter S A. - M a n n namens Weber aus Alsfeld soll mittlerweile seinen Verletzungen erlegen sein. Durch die Not­wehr der SA.-Leute gab es auch bei den Komnni- nisten eine Reihe von Verletzten, über die näheres aber noch nicht festzustellen war. '

Daß der llebersall durch die Kommunisten plan­mäßig vorbereitet war, geht daraus hervor, daß

nach dem Ergebnis der polizeilichen Gestellungen an den Kämpfen Kommunisten aus Homberg, Rieder-Ofleiden, Gontershausen, Rüddingshausen und Schweinsburg beteiligt waren.

Die Polizei nahm sofort eine umfassende Durch­suchungsaktion vor, bei der sie i n d e n W o h n u n - gen von Kommuni st en eine Anzahl von Waffen b s ch l a g n ah m t c. Der Vorfall löste na­türlich in der Bevölkerung eine gewaltige Erregung aus, die sich dann u. a. darin äußerte, daß eine große Menge erregter Leute nach der Wohnung des kom­munistischen haupträdelssührers B r ü n i n g in Nie- der-Ofleiden zog, um ihn auf frischer Tat zur Rechen­schaft zu ziehen. Dabei drangen die Leute in das Haus des Kommunistenführers ein, den sie, nur mit dem Hemd bekleidet, aber mit einem Revolver und mit einem Dolch bewaffnet, i m Kleiderschrank versteckt vorfanden, heraus­holten und ihn so gehörig verprügelten, daß er schwer verletzt nach Marburg in die Klinik eingeliefert werden mußte.

Noch in der Nacht wurden von Bürgermeister S ch w e i k c r (Homberg) drei verletzte Kom­mun i st e n , die sich auf Umwegen nach Homberg geschlichen hatten, in Haft genommen. Die Polizei nahm weiter 7 Kommunisten fest, so daß am Sonntagnachmittag insgesamt 10 Personen dem Amtsgericht in Homberg vorgeführt wurden. Drei Leute wurden wieder auf freien Fuß gesetzt, die 7 übrigen wurden von der herbeigerufenen Kriminalpolizei in Gießen dem Landgerichts- gefängnis in Gießen zugeführt. Wie wir hören, ist noch mit weiteren Verhaftun­gen zu rechnen. Ebenso ist unzweifelhaft, daß an dem bedauerlichen Vorgang die durchaus diszipliniert und geordnet ausgetretenen SA.-Leute keine Schuld haben.

Die große SA.-Kundgebung im Laufe des gestri­gen Nachmittags, über die wir noch berichten wer- den, verlief dank der einwandfreien Haltung aller Teilnehmer in vollster Ordnung.

Aus der promnzialhaupGavt.

Gießen, den 18. 3uli 1932.

Wahl-Ehrenamt ist Bürger-Ehrenpflicht!

Die gesetzlichen Bestimmungen.

Die Stadtverwaltung Gießen weist darauf hin, daß für die nm 31. Juli stattfindende Reichstagswahl entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen Wahloorstönde für die einzelnen Bezirke, bestehend aus dem Wahlvorsteher, seinem Stellvertreter, den Schriftführer und drei bis sechs Beisitzerii zu bilden'sind. Das Amt eines Mitgliedes des Wahlvorstandes ist ein Ehrenamt und kann nur dann abgelehnt werden, wenn die gesetzlichen Be­stimmungen dies zulassen. Da die Wahrnehmung ge­macht wurde, daß Personen, die zu einem Wahl- ehrenamt berufen wurden, die Berufung ohne An­gabe von stichhaltigen Gründen ablehnten, werden die in Frage kommende» Bestimmungen zur Kennt­nisnahme nachstehend bekanntgegeben:

Jeder Wähler hat die Pflicht zur lieber- nähme der ehrenamtlichen Tätigkeit eines Wahlvorstehers, Stellvertreters eines Wahl­vorstehers, Beisitzers oder Schriftführers im Wahl- vorstand, eines Beisitzers des Kreiswahlausschusses, des Verbandswahlausschusses oder des Reichswahl­ausschusses.

Die Berufung zu einem der Wahlehrenämter dürfen a b l e h n e n :

1. die Mitglieder der Reichsregierung und der Landesregierungen;

2. die Mitglieder des Reichstags, des Reichsrats, des Reichswirtschaftsrats und der Volksvertre- tungen der Länder sowie des preußischen Staats­rats.

3. die Reichs-, Landes- und Gemeindebeamten, die amtlich mit dem Vollzüge des Reichswahlgesetzes oder mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit betraut find;

4. Wähler, die als Bewerber auf einem Kreisvor- schlag oder einem Reichswahlvorschlage benannt sind;

5. Wähler, die das 60. Lebensjahr vollendet haben;

6. Wählerinnen, die glaubhaft machen, daß ihnen die Fürsorge für ihre Familie die Ausübung des Amtes in besonderem Maße erschwert;

7. Wähler, die glaubhaft machen, daß sie aus drin­genden beruflichen Gründen oder durch Krank­heit oder durch Gebrechen verhindert find, das Amt ordnungsmäßig zu führen;

8. Wähler, die sich am Wahltage aus zwingenden Gründen außerhalb ihres Wohnortes aufhalten.

Die rechtzeitige Bildung der Wahlvorstände, das Erscheinen und die Mitwirkung der in den Wahlvor­stand berufenen Personen und die genaue Befolgung der für die Wahl gültigen Bestimmungen sind Vor­aussetzungen für die Durchführung einer Wahl. Per­sonen, die gegen diese Bestimmungen verstoßen, kön­nen in eine Geldstrafe bis zu 1000 RM. genommen werden.

AakionalsozialistischeIrauenversammluirg.

Die Rationalsozialistische Frauengruppe hielt am Samstagabend im Cafe Leib eine öffentliche Frauenversamm-ung ab. die sehr stark besucht war. Frau Elsbeth Zander, die Aeichsleiterin der Aationalsozialistischen Frauenschaft, war als Red­nerin erschienen und führte u. a. aus:3m Rin­gen um des Volkes Freiheit könne die Srau nicht abseits stehen. Das Tun der Gegenwart sei in der Zukunft vor den Kindern zu verantworten. 3n schicksalsschwerer Zeit müsse die Frau mithelfen, das Geschick zu wenden. Rot herrsche überall, sie habe aber das Gute, daß sie zusammenführe. Heute fühle die Frau instinktmäßig, daß die RS.» Vewegung die einzige Hoffnung sei und als ein­ziger Weg in die Zukunft führe. 1918 habe Deutschland ein Diktat unterschreiben müssen, wie die Welt es noch nicht gesehen habe. Man konnte es auch nur von einem entmannten Volke ver­langen. 1918 aber standen die Frauen noch abseits. 3n 14 3ahren habe man immer nur daran gear­beitet, das Volk kraftlos zu machen. Die Arbeiter­frau habe 6D 3ahre lang mitgekämpft, um dann während 14 Jahren in grenzenloser Enttäuschung zu sehen, daß der Kampf nutzlos gewesen sei. Die Führer selbst machten den Erfolg illusorisch. Des- halb ftefre die Arbeiterfrau heute da, wo der Ak- tivismus sei, sie suche da, wo Kräfte sind, das Elend zu wenden. 3m Anfang sei es nicht leicht gewesen, sich zu Hitler zu bekennen. Heute aber sei

diese Bewegung die des Aufstiegs. 3n seiner Be­wegung habe Adolf Hitler all das ausgesprochen, wonach sich die Frau längst sehnte. Man spreche davon, Hitler wolle den Frauen Rechte nehmen, Die Frau habe aber kein Recht zu verlieren. Menn sie das Wahlrecht verliere, sei das kein Verlust, denn wenn Hitler ans Ruder komme, werde kein Reichstag mehr zu wählen sein. Die Frau beob­achte die Tlmwelt, sie höre die 3uaend rufen Deutschland erwache!", und so fühle, sie die Der- anttoortung für die Zukunft um so deutlicher. Der künftige Staatsmann werde dafür sorgen müssen, daß der eigentliche Erhalter der Familie, der Mann, Arbeit bekomme. Wenn dann eine Frau weichen müsse, werde es nur jene sein, die es nicht nötig habe, einem Manne das Brot zu nehmen.

Hitler werde bestimmt nicht der Frau das Stu­dium verbieten. Kinderärztinnen werde es immer geben. Die Frau werde beratend zu Gericht sitzen. Hitler sei nicht so unklug, der Frau die Tätigkeit auf ihrem ureigensten Gebiete, der helfenden Liebe, ,ju verbieten. Das Volk, das an den Frauen und Müttern Dorübergebe, sei verloren. Die national­sozialistische Frau bejahe das Christentum. Ober­stes Gesetz müsse in Zukunft wieder die Treue wer­den. Die Lüge dürfe nicht weiter um sich greifen. Das Ehrgefühl- müsse wieder Gemeingut und den Kindern Grundbegriff des Guten werden. Heute bringe die Jugend und mit ihr die Mutter wieder schwere Opfer. Das Geschick, die Söhne von Bru­derhand erschlagen zu sehen, treffe die Mütter zu tiefst. Aus den Augen der kämpfenden Jugend leuchte aber das Morgenrot einer neuen 3eit. Jetzt müsse sich die Mutter helfend und schützend vor den Sohn stellen. Sie müsse am 31. Juli mit dafür ein­stehen, daß Adolf Hitler zum Siege komme. Deutsch- land frei zu machen, die deutsck>e Volksseele zu ret­ten, zu helfen sei die große Aufgabe und das Ziel für den kommenden Wahltag. Die deutsche Frau müsse wieder zu edler Tat begeistern. Die Frau müsse und könne kämpfen für die Nation. Es dürfe ferner nicht sein, daß die Frau mit Gram und Sorge einem Kinde entgegensehe, sondern mit Freude. Deshalb müsse dem Manne die Stimme gegeben werden, der Deutschland aus Elend und Not führen könne. In erster Linie sei aber die Frau der Zukunft ihrer Kinder verantwortlich. Die Frau müsse in der Kampfgemeinschaft mit dem Manne stehen, für Deutschlands Freiheit und Ehre kämpfen und sich einsetzen für das kommende Reich der Arbeit, der Freiheit und der Ehre. (Lebhafter Beifall.) Mit dem gemeinsam gelungenen Deutsch­landlied fand die Versamnilung ihr Ende.

** Sonntags-Rückfahrkarten zum 11. Deutschen Sängerbundesseft in Frankfurt. Um den Besuch des 11. Deutschen Sängerbundesfestes 1932 in Frankfurt a. M. zu er­leichtern, können, wie uns vom Bahnhof Gießen mitgetcilt wird, für die Zeit vom 21. Juli 0 Uhr bis 24. Juli einschließlich von allen Bahnhöfen im Um­kreis von 300 Kilometer um Frankfurt a. M. Sonn­tagsrückfahrkarten 2. und 3. Klasse nach Frankfurt a. M. ausgegeben werden. Die Rückreise wird täg­lich bis zum 26.-Juli zugelassen; sie muß spätestens am 26. Juli 9 Uhr angetreten fein und darf dann nicht mehr unterbrochen werden.

* St er befalle in Gießen. In der Zeit vom 1. bis 15. Juli verstorben in unserer Stabt: am: 1. Marie Müller geb. Hegel, 80 Jahre, Frankfurter Straße 71; 3. Karoline Geiß geb. Krafthöfer, 52 Jahre, Crednerstraße 33; Heinrich Rühl, Postassistent, 68 Jahre, Steinstraße 28; 5. Friedrich Lenz, Schüler, 17 Jahre, Frankfurter Straße 117 6. Maria Höl- jinger geb. Dibelke, Witwe, 66 Jahre, Bismarck­straße 32; 8. Christine Haubach geb. Campus, Witwe, 79 Jahre, Moltkestraße 12; 9. Helmut Licher, 1 Jahr, An der Kläranlage 62; 10. Barbara Wesserlie geb. Lind, 70 Jahre, Liebigstriße 61; 10. Wilhelm Stein, Oberpostschaffner i. R., 59 Jahre, Ebelstraße 39; Wil­helm Rieb, städtischer Arbeiter, 57 Jahre, Kaplans- gaffe 23; Friedrich Weicker, ohne Beruf, 77 Jahre, Liebigstraße 64: 12. Otto Roth, Verlagsbuchhändler, 82 Jahre, Marburger Straße 20; 12. Luise ^Martin geb. Kornmann, 37 Jahre, Wilhelmstraße 63; 13. HZeter Zimmer, Polizeiverwaltungsoberafsistent t. R., 71 Jahre, Ludwigftraße 33; 14. Jakob Nußbaum, Kaufmann, 58 Jahre, Blockstraße 12; Julie Boller geb. Michels, Witwe, 81 Jahre, Keplerstraße 5.

** Schülerkonzert der Musikschule F e l ch n e r. Man berichtet uns: Vor kunstliebendem Publikum gaben am Mittwoch die Schüler und Schü- lerinnen der Klavierlehrerin Frl. Felchner eine Probe ihres Könnens im Klaoierspiel. Die Veranstal­tung nahm einen befriedigenden Verlauf. Sowohl in

technischer Hinsicht wie im Ausdruck wurde» die Aus­übenden je nach ihrem Alter hohe» Anforderungen gerecht. Lotti Sasse spielte dasTlorgengebet" (Niemann) mit viel Innigkeit, recht gut auch das Scherzo von Parlow. Frl. Simpel interpretierte sehr lebendig und frisch dasJagdlied" von Men- delssohn-Bartholdy. Ausgezeichnet spielte Karl Wei­gand eine Sonatine aus den neu aufgefundenen Aylesforder Stücken Händels und ein Impromptu (As»Dur) von Schubert. Auch Frl. Inge P o p p e r t, die eine Romanze von Max Reger zum Vortrag brachte, wurde ihrer Aufgabe mit viel Geschick ge­recht. Zwei Gießener Damen verschönten die Der- anftaltung mit Gesang. Frau Lore Michaelis sang eine Arie aus derHochzeit des Figaro", Pa- mina aus derZauberflöte" undAlte Liebe" von Brahms; Frl. H o r n brachteWer hat dies Liedlein erdacht" (Maler) und Volkslieder aus dem Boch- heimer Liederbuch zum Vortrag. Besonderen Beifall ernteten zwei DuetteFeinsliebchen, du sollst" und Mein Mädel hat einen Rosenmund", beide von Brahms. Frl. Felchner erwies sich, wie immer, als eine verständnisvolle Begleiterin. Die Veranstal­tung brachte im besten Sinne deutsche Hausmusik und gestaltete sich für alle Mitwirkenden zu einem schönen Erfolg.

Buntes Allerlei.

Oie Haffen von Ghropshire.

Moschusratten stinken, haben aber wertvolle Felle, d. h. die Felle waren wertvoll, als es noch Geld gab. Zur Zeit der Hochkonjunktur kam in die Ge­meinde von Shropshire in England ein Mann aus Kanada und erbot sich, eine Zuchtfarm für Moschus- ratten anzulegen. Die Zuchttiere brachte er gleich mit. Die Gemeinde, hocherfreut über die Aussicht auf Gewinnung eines neuen Gewerbesteuerzahlers, erleichterte dem Kanadier die Einrichtung der Farm nach jeder Richtung hin. Die Farm wurde gebaut und die Zuchtratten erledigten ihre Geschäfte mit der Produktivität, die Ratten, Kaninchen und an­deren Nagetieren eigentümlich ist. Aber einige der

Ratten fühlten sich tn dem für sie bestimmten Ge­hege nicht wohl, entwischten ihrem Heger und mach- ten sich draußen im Lande selbständig im Vermeß- rungsgeschäft. Jrn Laufe eines Sommers wurden die steuerbringenden Pelztiere zur Landplage, die den Bauern das Gemüse wegfrißt, Deiche und Dämme unterhöhlt und zerstört. Die Behörden woll- ten die Geister, die sie gerufen hatten, wieder los fein und verfügten zunächst die Schließung der Zucht- farm. Das geschah. Aber die Ratten, die sich an den Feldfrüchten der Gegend ergötzte», fümmern sich wenig darum, ob ein Gemeindevorstand ihre Exi­stenz verbietet. Sie sind eben da, fressen und ver­mehren sich. In ihrer Not hat die Gemeinde den Importeur der Moschusratten aufgefordert, sie von ihnen zu befreien. Er habe die Tiere eingeschleppt, er möge sie auch wieder ausrotten. Vielleicht ver- sucht es der Farmer einmal mit einer Flöte. In sagenhaften Zeiten soll in Hameln an der Weser ein junger Mann damit recht gute Erfolge erzielt haben.

Glühfäden

fünfmal feiner als Menschenhaar.

Die Glühfädenherstellung für elektrische Birnen ist um eine außergewöhnliche technische Sensation bereichert worden. Die neuen Glühfäden, die aus metallischem Wolfram gefertigt werden, entstehen dadurch, daß ntan sie durch eine Diamantenbohrung zieht. Um welch diffizile Arbeit es sich dabei han­delt, lehrt zur Genüge schon die Tatsack>e, daß die Bohröfsmkw für das menschliche Auge erst bei vielfacher Vergrößerung sichtbar wird. Man er- zielt Glühfäden, die fünfmal dünner als Menschen­haar find. Auf ein Kilogramm gehen nicht weniger als 350 000 Meter solcher Fäden. I» Wirklichkeit wird durch die Länge von 350 000 Meter» die un­gewöhnliche Feinheit der Fäden aber (far nicht ein­mal vollends gekennzeichnet, denn man muß sich vor Augen halten, daß Wolfram überhaupt den schwersten Metallarten beizu.zählen ist, so daß ein Gewicht von einem Kilogramm also bereits wesent­lich früher als bei anderen Metallarten erreicht wird.

Wer mir die rasende Schiffsschraube...!

Abenteuer eines Kriegsmarinetauchers.

Von August wieder, ehemaligem Taucher der österreich-ungarischen Kriegsmarine.

Ein trüber Februarmovgen lag über dem Kriegs- Hafen von Polo. Ein dichter Nebel erschwerte uns die Aussicht auf Wasser und Land. Langsam fuhr meine Taucherbarke im Schlepptau eines Arsenal- tenders dem neuen, großen Molebau zu. Backbord von uns schlug es eben auf einem Schlachtschiff acht Glas, acht Uyr. An Bord meines Taucherbootes befanden sich außer mir noch drei Taucher sowie fünf Dalmatiner als Bedienung für die Luftpumpe. Die Bezahlung wächst mit der Tiefe.

Als wir uns an den Bojen vertäut hatten, be­kamen wir unsere Arbeit zugewiesen. Wir mußten die großen Betonblöcke auf dem aufgeschütteten Material verankern. Eine Arbeit, die bei ruhiger cce und klarem Wetter fast ungefährlich war und uns Tauchern ein gutes Einkommen brachte. Hat­ten wir doch in der Vorkriegszeit einen Stun- denlohn von zwei Kronen bis zu zehn Meter Tiefe. Von zehn bis zrvanzig Meter um 40 Heller mehr. Und in der Tiefe von dreißig Me­ter drei Krone». Uebcr 35 Meter tief zu tauche» war wegen der vielen Drucklufterkrankungen sowie der großen Lebensgefahr verboten. Erst während des Krieges gelang es mir, zu beweisen, daß man in einem normalen Taucheranzug aus Gummi auch eine größere Tiefe erreichen kann, wenn der Tau­cher vollkommen gefunb und von besonders starker Konst-itution ist, da doch in einer Tiefe von 50 Me­ter fünf Atmosphären Druck auf dem Ouadrat- zentimeter liegen. Und im Jahre 1917 gelang es mir sogar, bei der Untersuchung des ge s u n k e n e n italienischen UnterseebootesGia- cinto P u l i n o" eine Tiefe von 52 Meter zu er­reichen, dort unten eine Viertelstunde zu verwei­len, um das gesunkene U Boot zu untersuchen. Nach dem Aufstieg an die Oberfläche wurde ich knapp unter dem Taucherboot von einem Torpedo, den ein feindliches U-Boot lanciert hatte, doch der glücklicherweise fehlging, begrüßt.

2lber kein Mensch hat eine Ahnung, wie schwer es ist, eine Tiefe von 40 Meter zu erreichen. Ab­gesehen von dem kolossalen Druck auf den Körper, leidet man unter einem furchtbaren Schmerz im Trommelfell. Und es ist wiederholt oorge- kommen, als ich mit einem zweiten Taucher in einer größeren Tiefe ankam, daß ich einige Minuten warten mußte, bis dieser sich erholt hatte.

Be.m Verankern der Betonblöcke.

Ich schlüpfte also in meinen Anzug, um als erster den Beton zu untersuchen. Unten bemerkte ich sofort, daß,uns heute eine heftige Grundströmung das Arbeiten fehr erschweren würde. Schon im Sommer bei ruhiger See und warmem Wasfer mußte man besonders vorsichtig sein wie sehr erst heute! Nach kurzer Zeit kam mein zweiter Taucher nach. Er war erst aus der Taucherfchule herausgekommen und sollte heute zum erstenmal mit uns Alten zusammen arbeiten. Ich zeigte ihm unten, wo die Betonblöcke verankert werden soll­ten, als schon der Schwimmkran mit dem ersten dieser Riesenblöcke ankam. So ein Betonblock wog hundert Tonnen und auch noch r e-hr. Vor- sicktig gab ich das Zeichen zum Senken des Blockes, währenddessen gab der zweite Taucher acht darauf, daß keine unserer Signalleinen ober kein Luft­schlauch unter den Riesenblock käme.

Von der Grundströmung abgetrieben.

Nach zweistündiger Arbeit hatten wir vier von diesen Erundblöcken verankert. Die Grundströmung war indessen immer stärker geworden, und mein Kollege, der nun durch diese ungewohnte Arbeit in dem eisigen Wasser schon übermüdet war, ver­suchte, sich etwas auszuruhen und machte einige Schritte seitwärts, um sich auf die Anschüttung zu legen. Aber kaum war er aus dem Bereich der Blöcke gekommen, als ihn die Strömung er­faßte und langsam mit sich zog. Vergebens ver­suchte er, sich am Boden festzuhalten; jeder Stein gab nach, und langsam näherte sich fein Körper dem mehr als 40 Meter tiefen Abgrund im Meeres­boden. Ich verfolgte gerade das Senken des nächsten Blockes, als icy zufällig nach meinem zweite» Tau­cher sah, ob er auch auf passe, daß uns keine Signal* leine und kein Luftschlauch unklar werde. Da be­merkte ich, daß sein Plag leer fei. Ein kurzer hef­tiger Ruck an meiner Signalleine, das Signal Hakt, und schon hält oben der Maschinist mit dem Ver­senke» ein. Ein rascher Blick um die Ecke der Blöcke, und ich sehe die verzweifelten Anstrengun­

gen meines Kollegen, sich am Rande des Abgrundes festzu halten.

Oie Rettung des Kameraden.

Kurz entschlossen, werfe ich mich zu Boden und lasse mich von der Strömung bis in seine Nähe abtreiben. Während dessen hatte ich mein Taucher Messer gelockert und dieses zwischen den Steinen in die Anschüttung gebohrt. Ich band meine Signal­leine daran fest, reichte ihm bann meine Hand und Zog ihn zu mir heran. Durch sein oorbercs Helm- scnster konnte ich in fein angstverzerrtes Gesicht sehen unb ihn durch Niederdrücken auf den Bode» beruhigen. Ich gab ihm bann durch Zeichen zu ver- stehen, sich an meinem Tauchennesser festzuhalten, nahm das seine aus feinem Gürtel, schob mich nup, meinen Körper fest an ben Boben pressend, einige Meter vor, stieß bann bas Messer wieder in Sie Anschüttung, hakte^mich fest, um nun meinen Kol­legen an feiner Signalleine, bie ich an meinen Tauchergürtel befestigt hatte, wiober an mich zu Ziehen. Langsam kamen wir nun in ben Bereich der Blöcke, unter deren Schutz wir dann etwas ruhigeres Wasser sanden.

Indessen hatte oben der Wind aufgefrischt, bas Taucherboot schaukelte wie eine Nußschale auf unb nieder. Mein Kolleae gab mir Zeichen, daß er aus­steigen wolle, die Anstrengung war zu groß ge­wesen. Das Zittern seiner bläulich angelaufenen Hände verriet mir, daß er am Ende seiner Kraft sei. Ich gab an feiner Signalleine das Zeichen zum Aufholen. Und der Signalmann oben hatte Mühe genug, um den gänzlich kraftlosen Taucher in das Boot zu ziehen, denn der Seegang war »och stär­ker geworden. Der Schwimmkran neigte sich trotz feiner Schwere bald Backbord, bald Steuerbord, so daß ich unten nie den Betonblock auf feine richtige Stelle bekam. Es war jetzt der Augenblick gekom­men, wo ich .zugleich auf meine Signalleine und meinen Lustschlauch aufpaffen mußte, und auf den Moment wartete, wann der Betonblock ; rich­

tige Stelle erreicht hatte, um durch einen hnel- len Ruck an der Signalleine zu zeigen,-da,, ,.c oben ben Block an ber Kette losließen.

Gefährliche Llnachtsamkeii.

Vier von biefen Riesenblöcken waren nun gelegt; als ich von oben das Zeichen erhielt, aufjufteigen. Der Tender war eben vom See-Arsenal mit der Order gekommen, die Arbeit wegen des starken Seeganges einzuftellen. Der Schlepper arbeitete sich langsam gegen ben Winb uns immer näher, um uns eine Schleppleine zuzuwerfen. Ich war indes­sen unter der Taucherbarke am Grunde angelangt und gab Signal eins, mich aufzuholen. Da machte ber Signalmann ben Fehler, meine Signalleine aus der Hand zu legen, um meinen Luftschlauch aufzu­holen. Die Strömung nahm nun die lose über Bord hangende Leine mit unb trieb sie gegen den Schlepptender, dessen Maschine langsam vorwärts arbeitete. Da plötzlich verspürte ich einen heftigen Ruck an meiner Signalleine: sie wurde mit einer ungeheuren Kraft eingeholt.

An die Schiffsschrauben gezogen!

Ich werfe meinen Oberkörper zurück, um zu sehen, was eigentlich los fei, da gewahre ich zu meinem Entsetzen, daß acht bis zehn Meter über mir meine Signalleine in bie Schraube des Schlepptenbers geraten war. Wie ber Blitz durchfuhr es mein Gehirn: Signalleine abfchneiden! Meine Hände tasteten rückwärts nach dem Taucher- meffer, das ich aber ins Gestein eingerammt hatte. Immer näher kommt bas Geräusch des sich lang­sam drehenden Propellers, rückwärts zieht man mich vergeblich am Luftsch4auch, aber im letzten Augenblick bemerkt der Signalmann bie Gefahr, in ber ich schwebe.M aschine halt!" brüllt er wie wahnsinnig über Deck. Der Steuermann springt entsetzt zum Sprachrohr unb schreit laut in ben Maschinenraum hinunter:Maschine stopp! Ma­schine stopp!"

Und nur ein Meter war mein Körper vom Pro­peller des Schlepptenders entfernt, der mich glatt zermalmt hätte. Langsam wich die Spannung in meinem Körper, das Herz begann roieber rascher zu schlagen, zitternd löste ich oben Ring um Ring von ber Propellerwelle, während oben Schlepptenber unb Taucherboot Bord an Bord langsam in die See trieben, alle oben an Bord erleichtert aufat­meten, als ich das Zeichen zum Aufholen gab.