Ausgabe 
17.10.1932 Frühausgabe
 
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Gießener Gtadttheater.

Tatterich". Nacht-Kabarett.

I.

'Ser für die Winterspielzeit angekündigte Zyklus hcisischcr Dramatiter wurde gestern abend mit der Darmstädter ÜokalposseDatterich" von Ernst Elias NiebergaIl eröffnet. Sie bildete hier den Auftakt, wie sie als Benefizvorstellung die alte Saison mit einem heiteren Akkord beschlossen hatte: wir kennen die Aufführung und haben sie im Juni d. 3. bereits nach Gebühr gewürdigt. Sie ist, unter Hubs Regie und mit Hub in der Titelrolle, getragen von den guten Geistern boden­ständigen Humors, umgeben von der bürger­lich-behäbigen Grazie des verschollenen Bieder­meier und erwies sich als jung und zugkräftig wie am ersten Lage. Wer sie nicht gesehen hat, wird es bedauern, denn es war eine einmalige Vor­stellung.

Zwei neue Gesichter im alten Ensemble: Fräu­lein Liefe! Bcling als Evchen, sehr frisch und kouragiert, auch der schwierigen ..Mundart der Darmstädter" nicht ohne Talent gewachsen: und Kurt Peter Hamel, der sich in zwei kleinen Partien angenehm in die Aufführung einfügte. Den Löwenanteil des reichen Beifalls erhielt verdientermaßen als Hauptperson des Abends Herr Hub.

II.

Kaum eine Stunde, nachdem sich der Vorhang über dem stürmischen Finale desDatterich" gesenkt hatte, startete das neueingerichtete Nacht- Äabarett unter der künstlerischen Leitung der Herren Hub und Dolck mit einem Riefenwelt- stadtprogramm.

Herr Volck leitete den Abend mit einem Vor­spruch ein; er sprach vom Sinn dieser Veranstal­tung, die der Werbung dienen solle für daS Theater in dieser Zeit den Böten der Zeit zum Troy. Er betonte die Lebensnotwendigkeit der Bühne, er wies auch auf ihre großen Erfolge während des sommerlichen Abstechers nach Darm­stadt hin und bat um Unterstützung in der 3u- bdläumszeit: Unser Theater, es lebe! Es darf Nicht untergehen.

Hub konferierte. Er kündigte die neuen Mit­glieder an, er stellte die Hauskapelle unter Lei­tung von Herrn Moehl vor, er führte ein Telephongespräch vor dem Vorhang und erzählte

das Märchen vom Froschkönig und von Willy Fritsch.

Dann erschien Fräulein Sibylle Flemming und sang zwei Lieder:Duschenka" von Benatzky undCocktail-Fredy": das erste halb seriös und etwas romantisch: das zweite spritzig im Kabarett- Ton: beide mit apartem Vortrag und gutgeschul­ter Stimme. Zugabe:Wenn der Himmel voller schwarzer Wolken hängt" aus der Operette3im und 3ill".

Nächste Nummer, von Hub geleitet, Herr Ha­mel, das Nesthäkchen des Ensembles, mit zwei Chansons:Man müßte wieder" aus .Leben in dieser Zeit" von Kästner undLied von der Familie" ausEin entzückender Mensch". Das Nesthäkchen zeigte eine hübsche Begabung für diese pointierten kleinen Podiumsnummern und machte seine Sache sehr nett. Auch eine Zugabe.

Dann wieder Herr Hub mit Kapelle:Heute Nacht oder nie", anschließend Herr und Frau ulke mit einer mondänen Tanznummer. Hub mit einem prächtig gesungenen Matrosen- liedSchiff ahoi" (Hintergrund: Fliegender Hol­länder") und mit dem gar nicht märchenhaften Schluß vomFroschkömg". Zweites Tonzduett von Herrn und Frau ulke: ein Step mit Song: letzter Schrei aus dem Berliner Winter­garten. Hub mit Vollbart als uraltes Mitglied. Eaxophonsolo von Herrn Würzburger. Dann kurze Pause. (Auch das Foyer hat seine Reize.)

Nach der Pause: Herr Hub, der versprochen hatte, einmal heimatlich-sranksurterisch zu kommen, diesmal war's derParre Kännche" von Stoltze. Sehr lustig. Fräulein B e l i ng hatte ihr Herz für den Tonfilm entdeckt und brachte di^ neuesten SchlagerWas kann so schön sein" undEin bißchen Liebe für dich": drohende Konkurrenz für die Alpar. Bäulkes tanzten einen Tango in dreifacher Auslage: modern, auf amerikanisch und auf vberbayerisch: große Heiterkeit. Den Beschluß machte die Hauskapelle mit alten Schla­gern und die Herren Hub, Volck und Hamel in dem Sketsch von der Hasenpfote.

Alles in allem war dieser erste Versuch wohl- gelungen: starker Besuch trotz später Stunde, viel Beifall und Wiederholungen. hth.

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Das Haus des Tizian.

Am Fuß der Dolomiten, im Norden von Venedig, liegt das kleine Bergstädtchen Pieve di Eadore, heute ''in beliebter Ausflugsort und Wintersport, platz. j)icr wurde im Jahre 1477 in einem beschei­denen Häuschen dem Gregor und der Lucia De- ccllio ein Söhnchen geboren, daß sie Tizian nann­ten. Jahrhundertelang war das Geburtshaus des großen Malers der Vergessenheit überantwortet und durch Umbauten entstellt, bis es in diesem August feierlich seiner neuen Bestimmung als Ti­zianmuseum zugeführt wurde.

Nach dem Tode der Eltern und Geschwister Ti- gians ging das Stammhaus der Decellio in den Be­sitz des Malers über, der feine heimatlichen Berge stets liebte und fern Häuschen im Laufe seines fast hundertjährigen Lebens oft besuchte, auch als Ruhm und Reichtum ihn umgaben und er der Freund von Fürsten und Päpsten geworden war.

Nach dem Tode Tizians, der im Jahre 1576, also 99jährig, von der Pest in Venedig hingerafft wurde, fiel das Haus in den Besitz seines nichts­nutzigen Sohnes Pomponio, der es bald verkaufte. Bon nun an ging das Geburtshaus des Meisters aus einer Hand in die andere über, wurde ver­wohnt und entstellt, aber glücklicherweise gelang es nach mehreren Jahrhunderten einem Gelehrten, es der Vergessenheit zu entreißen. Die faschistische Re­gierung erklärte es im Jahre 1922 zum National­denkmal, 1926 erwarb es die Gemeinde von Cadore und ließ es nach noch vorhandenen Spuren in feinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Es ist da­nach ersichtlich, daß die Häuser der Bergbewohner des 15. Jahrhunderts sich kaum merklich von denen der heutigen Einwohner unterscheiden. Ein hölzer­ner Altan, zu dem eine freiliegende Holztreppe hin- aufführt, ein weitausladendes Giebeldach, rm inne­ren ein fflohnraum mit einem gemütlichen Kachel­ofen, ein weiterer Raum mit Holztäfelung und einer Mattierten Decke, eine Küche und mehrere Sam­mern, das ist alles. In diesen Räumen wird eine kleine Sammlung von Dokumenten unterge­bracht, die sich auf den großen Sohn des Hauses beziehen, darunter auch einige Handschriften des Meisters selbst. Ein Ehrenplatz gebührt einer Ur­kunde aus Pergament mit einem roten Wachssiegel, auf der zu lesen steht, daß Kaiser Kari V. zu Bar­celona den Meister zum Pfalzgrafen, zum Ritter der Goldenen Miliz und zum Edlen des Heiligen Römischen Reiches ernannt habe. Außerdem wird das kleine Museum fast 500 Bücher und Schriften in allen Sprachen über Tizian umfassen, die den Tiziansorschein zugänglich gemacht werden sollen.

Kein Handelskrieg mit Italien.

Annäherung in der Kontingeniierungssrage. Aufhebung des italienischen Oevisenerlaffes.

Rom, 15. Off. (MTB.) Lin heute abend her- ausgegebenes, zwischen den deutschen und italienischen Vertretern vereinbartes Eom- muniqus über die deutschen und die italienischen Devisen - und konfingentierungsver- handlungen hat folgenden IDortlaul:

Die seit einigen Tagen zwischen Vertretern der deutschen und der italienischen Regierung in Rom g führten Besprechungen über Fragen des Warenverkehrs sind heule zum Abschluß gekommen. Zur Frage der Linfuhrkonlin- gentierung haben die deutschen Vertreter die Auffassung ihrer Regierung eingehend dargelegt und die Ansichten der italienischen Regierung hier­über zur Kenntnis genommen. Sie werden ihrer Regierung über das Ergebnis der Besprechungen berichten. Hinsichtlich der Regelung der Zahlun­gen aus dem Warenverkehr dauern die Verhandlungen noch fort. Es besteht Aus­sicht auf eine baldige befriedigende Lö­sung."

Die deutsche Delegation für die Kontingentie­rungen wird sich von Rom nach Paris begeben. OieVerständigungsgrundlage

Rom, 15. Oft (CNB.) Die deutsche Delega­tion für die De Vifenfrage und die deut­schen Kontingentierungsabsichten verläßt heute die italienische Hauptstadt. Mit der baldigen Unterzeichnung eines Hier ver­einbarten neuen deutsch-italieni­schen Devisenabkommens, und zwar schon vor weiteren Kontingentierungsbesprechun­gen, ist zu rechnen. Ein abschließendes Ergebnis über die Kontingentierungsfrage liegt nicht vor, war auch nicht das Ziel der hiesigen Beiprechungen. Es haben sich in dieser Frage selbstverständlich Meinungsverschiedenheiten nicht leichter Art ergeben. Die Besprechungen haben sich aber, wie übrigens auch die Devisenverhand- lungen, in einer sehr angenehmen und freundschaftlichen Atmosphäre abge­spielt. Bon einem Scheitern der Verhandlungen über die Kontingentierungsfrage kann keines­wegs gesprochen werden. Aus unterrichteten

deutschen Kreisen erfährt man über das Abkommen folgende Einzelheiten:

3n bas neue Deoifenabfommen soll eine neue Bestimmung ausgenommen werden, die die Bei­behaltung des Verhältnisses von Aus- und Ein­fuhr ermöglicht, wie es sich aus der handels- statistif von 1931 ergibt. Italien würbe damit die Möglichkeit gegeben, über den Rahmen der allgemeinen Dcvisengesehgebung hinaus den Warenverkehr nach Deutschland aufrechtzuer­halten, während Deutschland gewisse Sicherungen erhielte, daß seine Handelsbilanz mit Italien weiterhin aktiv bleibt. Das vor einigen Wochen erlaßene italienische Devisendekret soll mit rück­wirkender Kraft ausgehoben werden.

Bei den Besprechungen über die deutschen Kontingentierungsabsichten konnte in einer Reihe von Fällen eine Annäherung erzielt werden. Auch wurde die Möglichkeit von deutschen Gcgenleistunge n erörtert. Konnte dieses Problem auch nur in großem Rahmen gestreift werden, so wird sich doch er­geben können, in welcher Weise gegebenenfalls die Besprechungen fortgeführt werden können. Mit Interesse sieht man solchen in Berlin geplanten Besprechungen entgegen, so z. B. in bezug auf bit Möglichkeit einer

verstärkten Einfuhr von italienischem Reis nach Deutschland,

das im vergangenen Iahr bei einem Gefamt- bezug im Wert von 38 Millionen Mark von Italien nur für 70 000 Mk. bezogen hat.

Einigung im deutsch-italienischen Zahlungsverkehr.

Rom, 16.OIL (CNB.) Wie verlautet, ist bei den weiteren Besprechungen zwischen deutschen und italienischen Vertretern über die Frage der Zahlungen im Handelsverkehr eine völlige Einigung erzielt worden. Danach können die Zahlungen von beiden Seiten vom 17. d. W. ab in der Form wieder ausgenommen werden, in der sie sich bis zum 30. September abgewickelt haben.

Die Wahrheit über die deutsche Polizei.

Erklärungen des Vorsitzenden der Deutschen Völkerbundsdelegation vor der Weltpresse.

Gens. 15. Oki. (WTD.) Der Vorsitzende der deutschen Völkcrbundsdelegation, Gesandter v. Rosenberg, nahm heute vor den Vertretern der Weltpresse zu den gestrigen Ausführungen des französischen Delegierten M a s s i g l i über die deutsche Polizei Stellung. Gesandter v. Rosenberg führte u. a. aus:

Der französische Delegierte M a s s i g l i hat gestern in dem ilnterfomitee der Abrüstungs- konserenz für die Personalbestände Ausführungen über die deutsche Polizei gemacht, die er vorsichtigerweise unterließ, solange deutsche Vertreter an der Abrüstungs­konferenz teilnahmen.

Herr Massigli gibt die Gesamtstärke der deut­schen Polizei mit 140 000 Mann an und erwähnt nur beiläufig, daß hiervon 35 000 Mann als rein kommunale Polizei abgehen und daß ferner 18 000 Beamte in Zivil sind, die nur in den Büros und im Kriminaldienst tätig sind. Er unterläßt es dabei zu betonen, daß die deutsche Polizei keine einheitliche Organisa­tion unter einheitlichem Kommando ist. Die

Polizei untersteht bekanntlich nicht demReich, sondern den 17 deutschen Ländern.

Die gesamte Organisation und Bewaffnung der Polizei ist in jahrelangen Verhandlungen mit der votschasterkonferen; und der Interalliierten Militärkontrollkommission unter dem besonderen Gesichtspunkt festgelegt worden, daß eine mili­tärische Verwendung der Polizei ausgeschlossen ist. Die Schutzpolizei besitzt demnach keine schweren Waffen, wie Minenwerfer und Ge­schütze, ohne die eine militärische Verwendung undenkbar ist. Die von Massigli erwähnten Ma­schinengewehre sind in einer beschränkten Zahl von der Interalliierten Militärkontrollkommis­sion zugeslanden worden, weil sie für die polizei­lichen Ausgaben erforderlich sind. Bei den Pan­zerwagen handelt es sich nicht um kriegsmäßig verwendbare Tanks, sondern um geschützte Auto­mobile, bre nur auf guten Straßen fahren können.

Die Ausbildung der Polizei in allen deutschen Ländern dient lediglich polizeilichen Zwecken,

wie aus dem Inhalt der Polizeivorschriften ohne weiteres hervorgeht. Disse werde keineswegs ge­heimgehalten.

Eigenartig ist es, daß Herr Massigli die Polizeischulen als Organisation mi­litärischen Charakters bezeichnen will, ob- wohl die französische Abordnung auf der Abrüstungs­konferenz den Standpunkt vertreten hat, daß die Rekruten des französischen feeres, die doch ,zweifellos eine rein militärische Ansbilduna genießen, nicht als militärisch oerroe nobar angesehen werden können.

Es ist unverständlich, wenn Massigli daran Anstoß nimmt, daß die Polizei auch im Gelände ausgebildet wird. Leider hat die Polizei der deut­schen Länder im Lause der letzten 12 Jahre wieder­holt bei Aufruhroersuchen und Störungen der öffentlichen Ordnung in geschlossenem Einsatz Aktionen größeren Stils zur Wiederherstellung der Ordnung durchführen muffen. Es versteht sich von selbst, daß sich ihre Ausbildung auf derartige Verwendungszwecke ausdehnen muß. Die Ausbildung für solche Aufgaben trägt aber rein polizeilichen und keinen militärischen Charakter.

Wenn Massigli in dem Bestreben, polizeiliche Hebungen im Gelände als militärische Hebungen dgrzustellen, eine Anzahl von Äußerungen und Illustrationen aus der deutschen Presse oorgelegt hat, so kann ihm nicht entgangen sein, daß in einer

Fülle von anderen deutschen Presseäußerungen leb­hafte Klage darüber geführt wird, daß die PolizH für den Fall größerer Unruhen nicht genügend aus? gebildet werde. Herr Massigli ist ein Opfer der Romantik der Lokalberichterstatter geworden.

Wie wenig zuverlässig die Quellen find, auf die er sich stützt, geht schon daraus hervor, daß er von einer Hebung der badischen Polizei in einer Stärke von 2000 Mann spricht, während die ganze badische Vereitschafkspolizei nur 1700 Beamte zählt, hierbei ist nicht zu vergessen, daß im demilitarisierten ©ebieL zu dem säst ganz Baden gehört, die Polizei Vas einzige Mittel zur Aufrechterhaltung der Ordnung darslelll.

Seit der Sommerpause der Abrüstungskonferenz ist offenbar das Ziel und die Ausgabe die­ser Konferenz in Vergessenheit geraten. Es handelt sich nicht um die 35 000 oder 140 000 Beamte der deutschen Polizei und nicht um die Ausbildungsvorschriften für die Polizei von Anhalt und Lübeck, sondern um die Abrüstung von Millionenheeren und die Friedenssicherung durch Beseitigung der gewaltigsten Wehrsysteme und riesigsten Bestände an mo­dernen Kriegsmitteln, die die Welt je gesehen hat.

Bor derEinheit der deutschen Wirtschaft" Oie Kanzlerrede in Dortmund.

Dortmund. 16.01t. (TU.) Die Veranstaltung des Zweckoerbandes der Industrie- und Handels­kammern Bochum, Dortmund, Essen und Münster auf der Reichskanzler von Papen «sprach, wurde vom Vorsitzenden des Zweckoerbandes, Bergassessor a. D. Stein (Recklinghausen), mit einer Be­grüßungsansprache eingeleitet, in der er einige Wünsche und Forderungen der westdeutschen In­dustrie oorbrachte. Der Zweckvervanid «sehe in dem Programm der Reichsregierung einen e r n ft e n und erfolgversprechenden Ver­such. die Wirtschaftslage zu bestem. Er freue sich, feststellen zu -können, daß der Standpunkt des Zweckoerban'des von allen Kreisen der Wirtschaft geteilt werde. Warnen müsse er vor einer zu ein­seitigen Außenhandelspolitik.

Bei seiner Rede in Dortmund l lt sich der Reichskanzler im wosenttichen -m Rahmen der Ausführungen, die er am Vormittag in Pader­born gemacht hatte. Darüber «hinaus brachte die Robe noch einen kurzen Hinweis auf die beson­deren Verhältnisse im Ruhrgebiet. Hier ist, so betonte der Reichskanzler, der Ort. wo ich über die wirtschaftlichen Probleme zu der Ein­heit der deutschen Wirtschaft, dem Arbeiter un«d Hnternehmer, sprechen kann. Im Zusammenhang mit seinen Ausführungen über

die öffentliche Auftragserteilung erklärte der Reichskanzler, daß diese in erster Linie dort in Frage komme, wo die Wirtschaftsnot Ausmaße angenommen hat, die über den allgemeinen Durchschnitt weit hinausgehen.

Wenn in der Stadt Dortmund die Zahl der Wohl­fahrtserwerbslosen auf 72 gerechnet auf 1000 Köpfe der Bevölkerung gestiegen ist, während die gleiche Ziffer für das ganze Reichsgebiet 33 beträgt, so zeigt das mit grausamer Deutlichkeit das Elend dieser Stadt. Darum wird in Fällen dieser und ähnlicher Art versucht werden müssen, die Auftragserteilung der öffentlichen Hand so­weit irgend möglich der Linderung dieser beson­deren Not dienstbar zu machen. Der Reichskanzler ging dann noch auf die Frage der P r e i s b r l - düng ein. Ich möchte nicht den geringsten Zwei- fel darüber lassen, erklärte der Reichskanzler, daß

die Reichsregierung keinerlei ungerechtfertigte Preissteigerung zulasten wird.

Sie wird jeden Versuch in dieser Richtung un- nachsichtlich unterbinden. Ganz allgemein muß zur Frage der Preisbildung mit allem Nachdruck ge­

fordert werden, daß auf dem Wege vom Er­zeuger zum letzten Verbraucher dieEpannedcs Zwischengewinnes auf das äußerste kalkulatorische Maß beschränkt wird, denn nur so kann der Mittelstand auf die Dauer mit einer Aufrechterhaltung und Besserung feines Umsatzes rechnen.

Lieber 200 000 Arbeitsdienstfreiwillige

Berlin , 15. Oft. (WTB ) Nach Mitteilungen des Reichskommissars für den Freiwilligen Arbeitsdienst waren am 30. September 1932 2 0 7 3 7 5 2£ r b c i t s- dien ft willige beschäftigt, also doppelt so viel als am 1. August und die fast dreifache Zahl gegenüber den vor Erlaß der Verordnung vom 16. Juli Beschäftigten. Unter den Landesarbeits­amtsbezirken .steht bas Rheinland an erster Stelle. Ihm folgen Hessen und Westfalen.

Landkreis-Neugliederung in preuhen abgeschlossen.

Berlin, 15.Okt. (TU.) In einer Kleinen An- frage der deutschnationalen Landtagsfraktion war bas Preußische Staatsministerium gefragt worden, ob es bereit sei. die Aufteilung des Kreises Biedenkopf rückgängig zu machen, wie bas in der Bevölkerung gewünscht werbe. Daraufhin hat ber mit der Wahrnehmung der Geschäfte des preußi­schen Ministers des Innern beauftragte Reichskom- miffar Dr. Bracht geantwortet, daß die N e H« glieberung der Landkreise mit der die Verordnung vom 1. 8. 1932 ergänzenden Verord­nung vom 27. September 1932 endgültig ab- geschloffen worden ist.

Nationalsozialistische rheinische presse verboten.

Berlin, 15. Okt. (TU.) Der Oberpräsident der Rheinprovinz F u ch s hat diegesamtena- tionalsozialistischerheinischePre)se auf die Dauer von fünf Tagen verböte n

Wie die Pressestelle des Oberpräsidiums mit­teilt, erfolgte das Verbot wegen Beschimpfung und böswilliger Verächtlichmachung der Gerichte und der gesamten Iustizgewalt in einem aus An­laß des Berliner Kommunistenprozesses wegen der Ausschreitungen in der Röntgenstraße in Char- lottenburg veröffentlichten Artikels vom 7. Ok­tober.

Die unsterblichen Werke des Meisters aber fehlen; sie schmücken die berühmtesten Museen der Welt...

Das älteste Lehrbuch der Chirurgie.

Ein Amerikaner namens Edwin Smith, der sich sehr für Aeghptologie interessierte, kaufte vor 40 Iahren in Luxor eine gut erhaltene Papyrus- Rolle, die von Gelehrten als eine medizinische Handschrift erkannt wurde. Doch vermochte man damals die Hieroglyphen nicht recht zu entziffern, und so blieben die Geheimnisse einer fast 5000 Iahre alten Heilkunst zunächst verborgen. Erst nachdem die kostbare Handschrift aus dein Nachlaß des Besitzers an die Neuyorker Historische Gesell­schaft gekommen war, wurde von dieser der ame­rikanische Aegyptologe Professor Breasted mit der Bearbeitung des Werkes beauftragt, die er nach achtjähriger Arbeit jetzt vollendet yat. Wie Dr. I. Seide in der LeipzigerIllustrirten Zei­tung" mitteilt, erregt der Inhalt des Buches besonderes Aufsehen bei den Historikern der Medizin, denn wir haben hier das älteste Lehr­buch der Chirurgie vor uns, das ums Iahr 2800 vor Christi verfaßt wurde. Leider ist die Hand­schrift unvollständig und bricht mitten in der Besprechung des 48. Krankheitsfalles ab. Die aufgezählten Fälle behandeln chirurgische Erkran­kungen und beginnen mit der Verletzung des Scheitels: dann folgen, nach den Organen ge­ordnet. die Beschreibungen verschiedener Krank­heitsfälle. Da nur von Männern die Rede ist und es sich fast nur um Verletzungen handelt, nimmt man an. daß man es hier mit einem Lehrbuch der Kriegs-Chirurgie zu tun hat. Augenscheinlich sollten die Wundärzte, die die Heere der Pharaonen begleiteten, eine Anleitung für die Behandlung der Verwundeten erhalten. Iedesmal wird zunächst eine genaue Bezeichnung der Krankheit, bann eine Voraussage und schließ­lich eine Vorschrift für die Behandlung gegeben. Einer sorgfältigen Untersuchung der einzelnen Erscheinungen folgt die Prognose-Stellung: ist sie günstig, bann heißt es:Ein Leiden, das ich behandeln werde": ist sie zweifelhaft:Ein Lei­den, das ich bekämpfen werde": ist sie ungünstig: Ein Leiden, das nicht behandelt werden soll". Die Krankheiten sind u. a Wunden der Weich­teile. Knochenbrüche, Verstauchungen, Blutungen. Geschwüre. Als Heilmittel werden Auflegen von rohem Fleisch, Verbände von Fett und Honig, warme und kalte Umschläge usw empfohlen. Auch die Wundnaht und das Ausbrennen mit einem Feuerbohrer ist bekannt. *.

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