Ausgabe 
17.6.1932 Erstes Blatt
 
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Elisabeth

erobert sich das Glück Roman von Margarete Ankelmann Copyright by M. Fcuchtwangcr, Halle.

12. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Als sich der Vorhang nach dem ersten Akt senkte, erwachte Elisabeth wie aus einem Traum. Mein Gott, war das herrlich gewesen! Ohre Dangen hatten sich gerötet, ihre Augen leuch­teten. Sprudelnd kam es von ihren Lippen:

Ach! War das schön! Dieser Gesang... diese Musik... Ich habe noch nie in meinem Leben etwas so Herrliches gehört...

Es hat Ihnen also gefallen, Kind?" fragte Frau Schelmer.

And wie! Ich bin restlos begeistert. Am lieb­sten stellte ich mich auf die Bühne und sänge mit. Oh, diese Carmen! Wer auch so singen und spielen könnte...

Elisabeth faltete die Hände und schaute verzückt vor sich hin. Dis plötzlich eine Männerhand kam, die gefalteten Hände leise heruntcrzog, die Mäd- chcngestalt unmerklich in den Sessel drückte.

_ Ein Cishauch streifte Elisabeth, als sie die leise Stimme hörte.

Nicht so stürmisch, Fräulein Pfilipp! Man wird schon aufmerksam auf uns. Sie müssen sich ein wenig beherrschen, Sie großes Kind."

Elisabeth war dunkelrot im Gesicht, als sie ihre Hände beschämt der Amklammerung Eckertsburgs entzog.

Aber Lothar, wie kannst du Elisabeths harm­lose Freude so stören! Freue dich doch, daß es noch solche Begeisterung gibt. And sie ist sogar berechtigt. Die Aufführung ist ausgezeichnet."

Es tut inic leid, Tante, auch dein Entzücken nicht teilen zu können. Mir gefällt die Auffüh­rung nicht sonderlich gut. Bor ollem die Carmen enttäuscht mich. Hätte ich gewußt, daß die Brauns singt, wäre ich gar nicht mit hierhergekommcn. Sic ist mir viel zu dick für diese Nolle. Dazu gehört eine schlanke, geschmeidige Gestalt und nicht solch ein Mehlsack!"

O Gott, Lothar, wie streng du bist! Ein Glück, daß die Brauns dich nicht hört."

Könnte ihr gar nichts schaden, wenn sie mich hörte. Sic gehört nicht mehr aus dic Bühne, sollte lieber im Konzertsaal auftreten. Die Bühne braucht Idealgestalten."

Elisabeth saß still und verschüchtert in ihrem Sessel und wagte kaum einen scheuen Blick auf diesen Mann, der so vernichtend zu urteilen ver­mochte. Sie konnte ihn nicht ganz verstehen, fand die Carmen keineswegs so unförmig. And dann kam es in erster Linie auf die gesangliche Lei­stung an, das Körperliche stand doch erst an zweiter Stelle.

Diese Meinung äußerte sie auch, als Frau Schelmer sie bot, ihren Eindruck zu schildern.

Das wundert mich, Fräulein Pfilipp", sagte darauf der Baron,ich hatte eigentlich mehr von Ihrem Schönheitsgefühl erwartet. Aber Sic sind noch zu unerfahren in der Bühnenpraxis, um alles das beurteilen zu können."

Nun, ich finde die Carmen sehr schön", sagte Elisabeth trotzig.

Die Carmen ist dick und häßlich", kam Eckerts­burgs lakonische Antwort.

Elisabeth war jäh errötet, fast schnippisch kam es von ihren Lippen:

Es scheint, daß unser Geschmack beträchtlich auseinandergeht."

Plötzlich überfiel sie rasendes Herzklopfen, als sie den Blick sah, mit dem Eckertsburg sie streifte. Dann kam Frau Schelmer ihr zu Hilfe:

Brav, Kindchen, lassen Sie sich nur keine Mei­nung aufoktroyieren. Sich nur nicht kleinkriegcn lassen! Im übrigen, Lothar, hättest du, glaube ich, heute lieber nicht ins Theater gehen sollen. Du scheinst schlechter Laune zu sein!"

Du irrst, Tante. Ich bin keineswegs schlecht aufgelegt, und ich bereue es nicht, mit Ihnen, meine Damen, hierhergekommen zu sein. Ich* habe aus diese Weise doch Fräulein Pfilipps neues Gesicht gesehen. Ich hätte gar nicht geglaubt, daß sie überhaupt widersprechen kann. Acbri- gens, Fräulein Pfilipp. Sie möchten später wohl auch gern die Carmen spielen?"

Oh, ich wünschte es sehr!."

Sie werden nie eine Carmen sein, Fräulein Pfilipp."

Aber Lothar!" fiel Frau Schelmer ein und machte ein ganz böses Gesicht.

Elisabeth war blaß geworden, schaute mit flackernden Augen auf den Mann, der ein so vernichtendes Arteil sprach.

Eine Empörung überkam sie, heftig sprudelte es von ihren Lippen:

Ich glaube, Sie kennen mich nicht, Herr von Eckertsburg. Sonst würden Sie nicht so schnell den Stab über mich brechen. Ich bin noch jung und eine Anfängerin, aber ich weiß, daß ich etwas kann und daß ich es, wenn ich fleißig bin, zu etwas bringen werde."

Davon bin ich felsenfest überzeugt, Fräulein Psilipp. Nur eine gute Carmen werden Sie nie­mals sein."

Die Tränen traten in Elisabeths Augen. Sie konnte nicht mehr antworten, es wäre sonst mit ihrer Fassung vorbei gewesen.

Lothar, ich bitte dich! Wie kannst du nur so grausam sein und Elisabeths ganze Hoffnung zerstören ..."

Wer tut denn das, Tante? Ich sage Fräulein Pfilipp nichts als die Wahrheit. Wer so viel Zartheit besitzt, und Süße und Kindlichkeit, aus dem kann keine Carmen werden. Carmen ver­langt Feurigkeit, Nasse bis in die Fingerspitzen." I

Es- war ein Glück, daß es jetzt wieder dunkel |

wurde. Elisabeth hätte die Tränen nicht mehr zurückhalten können, die langsam ihre Wangen herunterrollten.

Frau Schelmer hatte ihre Hand ergriffen und drückte sic warm. Die wohltuende Berührung dieser Hand gab Elisabeth allmählich ihr Gleich­gewicht zurück, wenngleich ihr alle Freude an der Aufführung verdorben war.

Während des dritten Aktes Carmen war Joses Liebe überdrüssig geworden, hatte ihr Herz Escamillo zugewandt spürte Elisabeth dicht an ihrem Ohr plötzlich Eckertsburgs Lippen, hörte ihn flüstern:

Nun. habe ich recht, daß Sie nie eine Carmen sein werden? Eine Frau wie Sie liebt doch nur einmal ...

Entsetzt wollte Elisabeth auffahren. Sie sah zu ihm hinüber. Da saß er in seiner ganzen Gelassen­heit in seinem Sessel, seine Augen sahen sie an wie immer. Stumm wandte die Frau sich ab, der Bühne zu.

Ein Aufruhr tobte in ihr. Was wollte dieser Mann von ihr? Was meinte er mit seinen selt­samen Worten?

Eine plötzliche Verlassenheit hatte sie überkom­men. Anwillkürlich glitten ihre Gedanken in die Vergangenheit, zu Hubert Heilmann. In allen diesen Wochen hatte sie mit aller Energie jeden Gedanken an ihre Liebe und an Hubert ausge­schaltet. Sie wollte nichts mehr zu tun haben mit diesen Dingen, sie war fertig mit ihnen.

Jetzt aus einmal standen sie wieder auf, her­vorgerufen durch die Worte Eckertsburgs. Ja, er mochte recht haben. Sie liebte nur einmal, sie würde nie wieder lieben können, da man ihre Liebe getötet hatte. Mit Huberts Treubruch war ihr Herz erstorben,' nie wieder würde sie einen anderen Mann lieben können...

Elisabeth hatte eine Zeitlang wie geistesab­wesend auf die Bühne gestarrt. Plötzlich wurde sie wieder von den Vorgängen gepackt, die sich dort abspielten, und von der leidenschaftlichen Begleitmusik. Sie war so völlig unverdorben, daß das, was da unten geschah, ungeheuren Eindruck auf sie machte. Fast hätte sic aufgeschrien, als Jose Carmen mit feinem Messer erstach. Es war ihr fast, als wenn sie selbst das blanke Eisen in der Brust gespürt hätte.

_ Ganz blaß war sic, als es wieder hell wurde. Sie sah nicht, daß ein fast mitleidiges Lächeln um die Lippen Lothar von Eckertsburgs huschte. Niemand sprach ein Wort, bis man wieder im Da gen sah. Dann erst wandte sich Lothar von Eckertsburg an Elisabeth:

3d) würde es für sehr gut halten, Fräulein Pfilipp. wenn Sie recht oft die Oper besuchten. Sie müssen alle diese Musikdramen kennenlernen, sich an diese Geschichten gewöhnen, in denen Naub, Mord, Gift, Kerker eine große Nolle spielen. Sie werden dann bald erkennen, daß es hier nicht aus die oft groben und unsinnigen Texte ankommt, sondern nur auf die Musik, die

1 das Ganze verklärt. Ich werde dafür sorgen, daß | Ihnen und Tante Schelmer immer Karten zur Verfügung stehen, so oft Sie in die Oper gehen wollen. Mich müssen Sie entschuldigen; ich hab« alle diese Opern schon zu oft gehört, und ich werde sie mir erst wieder anhören, wenn Elisa­beth Pfilipp uns ihre große Kunst offenbaren wird."

Er hatte Elisabeths Hand ergriffen, sie an seine Lippen gezogen. Dabei sah er sie mit einem seltsamen Blick an.

Elisabeth konnte nicht wegsehen. Sie wußte nicht, wofür sie diesen Blick nehmen sollte, ob Spott darin tag, Ironie oder etwas anderes. Es war ihr beklommen zumute.

Dieser Dttann war schrecklich. Man konnte nicht klug aus ihm werden.

Ihr Wille bäumte sich auf gegen den seinen. Fast schien es ihr in diesem Augenblick, als ob sie ihn haßte, der so nüchtern und grausam bet- suchte, ihre Ideale zu töten. Wie häßlich waren seine Worte gewesen, diesen ganzen Abend über, wie wehe hatte er ihr. damit getan!

Eckertsburg sprach jetzt mit seiner Tante, ohne seinen Blick von Elisabeth zu lassen. Cs war, als ob cr sie mit seinen Augen durchdringen wollte. Heiß flutete Elisabeth das Blut zum Herzen, als sie diesen Blick sah. Sie fühlte die Macht, dic von ihm ausging.

Ganz klein wurde ihr Wille; es half nichts, daß sie sich gegen diese Macht aufbäumte. Ein leises Zittern ging durch ihren Körper. Was war nur mit ihr los? Verstört wandte sie den Kopf, sah zum Wagenfenster hinaus.

Das Auto hielt mit kurzem Ruck. Eckertsburg half den Damen aus dem Wagen. Fest ergriff er Elisabeths kalte Hand, führte sie an die Lippen.

Bose?" fragte er, kaum die Lippen bewegend.

Frau Schelmer war schon vorausgegangen. In tödlicher Verlegenheit stand Elisabeth da, vcr- suchte ihre Hand aus der seinen zu ziehen. Er hielt sie fest, sah sie mit zwingendem Blick an. Stammelnd kam es von Elisabeths Lippen:

Nein nein weshalb sollte ich böse fein?" Gute Nacht, Elisabeth", sagte er da leise.Ich wünsche Ihnen gute Ruhe und hoffe, daß Sic die Carmen nicht bis in die Träume verfolgt...

Elisabeths Herz schlug bis zum Halse, während sie nun die Treppen hinanstieg. Dieser Mann brachte sie um ihre Ruhe. Sein Spott und seine Güte waren gleichermaßen geeignet, sie um den Verstand und um jede Aeberlegung zu bringen. Wie sollte sie nur diese ganzen Wochen über­stehen, wo sie ihn immer wieder sehen würde?

Sie fühlte eine sonderbare Gereiztheit gegen Eckertsburg. Er flöhte ihr durch seine Art und Weise Abscheu ein, und sie wußte doch, wie sehr sic ihm zu Dank verpflichtet war. And wenn das nun so weiterging, so mußte eines Tages ein Zusammenstoß kommen. And was würde dann aus ihrer Karriere werden?

(Fortsetzung folgt.)

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Gießen, den 1. Juni 1932.

I A. des hessischen Amtsgerichls Gießen.

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