Wolken sind etwas lichter geworden, so daß man bessere Sicht hat.
Auf dem Gänseberg, den die Gießener 15er schon lange in der Richtung feindwärls passiert haben, treffen wir den „Leitenden". Jnfanterie- • führer Generalmajor Muff mit seinem Stabe, der von hier aus die Operationen längere Zelt verfolgt.
Im Talgrund hinter der Hohe steht eine Batterie. die auf den Helbe-Abschnitt feuert, gegen den eben der Angriff von 'Rot im Gange ist, während die Blauen schon längst befehlsgemäß „die Platt geputzt" haben: dann geht's gegen den Hohenberg. Der Führer Rot hat mittlerweile eine Kräfteverschiebung vorgenommen, durch die sein linker Flügel verstärkt wird. In vorder st er Linie greift das I. Bataillon 3.21.15 (Gießen) an. Auf der weiteren Fahrt durch das Bormarschgelände sehen wir überall eifrigen Drang nach vorne. Rot verstärkt seinen linken Flügel immer mehr. Bon der Kavallerie sieht man nichts, später wird bekannt, daß sie durch das Machtwort eines Schiedsrichters angehalten worden ist. Auf die einzelnen Phasen des Kampfes kann hier nicht näher eingegangen werden, es mag genügen, wenn vermerkt wird, daß Rot überall gut vorankommt, da eben Blau ganz planmäßig abbaut und zurückgeht. Gegen 14 älhr kommt es zu einem Stillstand bei Rot, den das Pressequartier zu einer Imbißpause in Ebeleben benutzt. Borher treffen Hauptmann Faulenbach und ich in der Rähe des Schorfberges die 3. Kompanie der Gießener 15er. die „alte Dritte", wobei es natürlich herzliche Begrüßung auf beiden Seiten gibt.
Gegen 15 Ahr taucht das Pressequartier auf dem Windmühlenberg in der Rähe von All- menhausen, mehr nach Blau hin gelegen, auf. Tausende von Menschen sind hier, wie überall im Manövergelände, auf den hochgelegenen Punkten versammelt, riesige Fahrzeugparks aller Arten und Kaliber sind zusammengestellt, um das Zivil schnell befördern zu können.
Der Vormarsch von Rok ist wieder flokk im Gange. Das Gießener Bataillon hat nach wie vor die Spitze.
Zahlreiche bekannte Herren des Offizierskorps unserer 15er, an der Spitze der Kommandeur Oberstleutnant K l e p k e, mit denen ich tags zuvor auf dem von den Gießener Grenadieren stramm gehaltenen Mehlisch herzliche Begrüßung austauschte, werden auch hier auf dem Windmühlenberg wieder mit herzlichem Gruß und kräftigem Händedruck empfangen, und sie teilen mir das nächste Angriffsziel mit. Auch mit zahlreichen Mannschaften wird freundliche Begrüßung ausgetauscht. Die Offiziere und Mannschaften unserer 15er haben zwar mit dem Anmarsch und auf diesem Dormarsch im Laufe des Tages schon „e i n e n t ü ch t i g e n Stich verdrückt", d. h. eine gehörige Anzahl Kilometer über Sturzäcker, Kraut- und Kartoffelfelder, Wiesen usw. hinter sich gebracht: der Kommandeur und einige andere Offiziere müssen auf Fahrrädern mühselig durch das Gelände ziehen. Wenn sie alle auch schon erheblich strapaziert sind, so gehts aber doch immer flott und wohlgemut weiter vorwärts, bergaufwärts in Richtung des Waldrandes bei Marolterode, wo am Abend von der roten Infanterie dieses Abschnitts noch angegriffen und Der blaue Feind geworfen werden soll.
3n der Abenddämmerung bricht der Angriff, durch Kampfwagen (Attrappe) gut unterstützt, los, und er ist so kräftig, daß der Durchbruch
durch die von Blau im Walde eingerichtete Verteidigungsstellung glatt gelingt, Blau aus dem großen Waldstück nach Lüden in das freie Gelände herausgeworfen und sich unter dem Verfolgungsfeuer von Rot schnellstens davonmachen muh.
Die roten Truppen richten sich für die Rächt in dem Waldstück ein, wo sie bis zum neuen Angriff am folgenden Morgen verbleiben. Run tritt für ein paar Stunden Ruhe ein, in der natürlich auch Patrouillentätigkeit usw. herrscht. Mittlerweile ist auch an den Flügeln der rote Angriff gut voran- gekommen. Der folgende Morgen bringt den Abschluß.
Oer letzte Manövertag.
Mühlhausen, 15. September.
Das Pressequartier rückt am letzten Manövertag (Donnerstag) schon vor 5 Uhr in tockdunkler Nacht aus Mühlhausen ab. um recht rüh im Kampfgelände anwesend zu sein. Nach dreiviertelstündiger Autofahrt kommen wir auf den Höhen zwischen Marolterode und Kirchheilingen an. Starker Bodennebel behindert die Sicht.
Der blaue Kommandeur hat seine Truppen schon um 3 Uhr früh vom roten Gegner abgesetzt und sie in eine Borfeldlinie bei Bothenheilingen und Kirchheilingen zurückgenommen, während die Hauptwiderstandslinie etwas weiter zurück mit dem Hoppenberg, der eine weite Sicht in das Gelände ringsum gestattet, als Schlüsselpunkt liegt.
Der Angriff für Rot ist auf 6.45 Uhr befohlen. Schon eine Stunde vorher klingt vom linken Flügel der roten Truppen starkes Maschinengewehrfeuer herüber: dort sind Teile der linken roten Flanke mit blauen Sicherungen aneinandergeraten. In der Mitte der Front klären rote Patrouillen in dem durch Bodennebel verhängten Dorgelände auf. Das Pressequartier hat seinen Standort auf einem Hügel vor der roten Linie gewählt, etwa halbwegs zur blauen Front, um von hier aus den Beginn des Bormarsches und die Entfaltung der roten Truppen beobachten zu können. Den gleichen Standort hat für einige Zeit auch der Leitende, Generalmajor Muff, mit seinem Stabe inne.
Bald nach 6.45 Uhr sieht man die roten Angriffswellen aus den Waldstücken heraustreten und das freie Gelände in Schützenlinien überschreiten. Lin eindrucksvolles Stück Bewegungskrieg entrollt sich vor den Augen der Zuschauer.
Auf den Landstraßen, Feldwegen und Höhen verfolgen trotz der frühen Morgenstunde schon gewaltige Zuschauermassen das interessante militärische Schauspiel, und im Laufe des Vormittags w-ird der Zustrom der Schlachtenbummler immer stärker; viele Tausende von Männern, Frauen und Kindern beobachten mit starkem Interesse die Kämpfe der beiden Parteien.
Die Mitte der roten Front kommt zunächst ohne Widerstand der Blauen gut voran. Das Pressequartier hat mittlerweile Stellungswechsel vollzogen und beobachtet den roten Anmarsch nun aus der blauen Vorfeldlinie heraus. In ausgezeichneter Kampfordnung kommen die roten Truppen über die Höhenzüge und steigen in den Talgrund vor der blauen Vorpostenlinie herunter. Auf der blauen Seite ist noch alles ruhig, fein Schuß fällt. Die roten Truppen nähern sich in flottem Marsch. Plötzlich fangen blaue Maschinengewehre aus mehreren Strohhaufen heraus zu feuern an. Artillerie mischt sich ebenfalls in das Morgenkonzert ein. Im Handumdrehen ist die rote Marschlinie von der Bildfläche verschwunden, alles liegt in den Sturzäckern, in den Kartoffel-
und Rübenfeldern zum Schützenfeuerkampf bereit. Natürlich kann Rot gegen das MG.-Feuer im ersten Augenblick nicht ankommen. Jedoch sieht man, daß
in der Mitte und am rechten Flügel der rote Vormarsch zunächst aufgehalten ist.
Auf dem rechten Flügel liegen die hessischen Grenadiere aus Gießen, die ich im Laufe des Tages leider aus dem Blickfeld verlor, die Mitte der Front haben die Thüringer 15er (Eisenach und Weimar) inne, den linken Flügel bildet das Kasseler Jägerbataillon (III./15). Die Konstanzer Jäger (III./14) sind, bis auf die Maschinengewehre, zur Verfügung des roten Führers zunächst aus der Front herausgezogen. Der Schwerpunkt des roten Angriffs liegt in der Mitte bei den Thüringern.
Da es zunächst in der Mitte nicht mehr viel zu sehen gibt, geht die Fahrt des Pressequartiers hinüber zum linken Flügel von Rot zur Auf- flärungsabteilung, ufn dort die rote Kavallerie und natürlich auch die blaue wirken zu sehen. Am Südausgang von Sundhausen können wir beobachten, wie eine blaue Kavalleriepatrouille ganz unvermutet vor einen roten Kavallerie-Unteroffizierposten gerät und wegen Unterlegenheit schleunigst flüchtet. Der rote Kavallerieposten jagt in gestrecktem Galopp hinterher, die wilde Jagd geht durch das Dorf hindurch, aber die Blauen können entwischen; später kommt die gleiche Patrouille quiischvergnügt durch rote Kavallerieschützenlinie hindurchgeritten, es gibt allerlei „Zunder", aber die Blauen machen sich auf und davon. Auf den Höhen südlich von Sundhausen kann man die rote Kavallerie in prächtigem Vormarsch beobachten. Ueberall sieht man die Reiterei ausgeschwärmt gegen die rechte blaue Flanke vorgehen. Da Blau nur ganz schwache Sicherungskräfte hat, kommt Rot natürlich gut voran.
Lin interessanter Kampf zwischen Straßen- Panzerwagen und Tankabwehrgeschüh
(beides leider nur Attrappen) entfpinnt sich im Handumdrehen an einer Straßenkreuzung auf der Landstraße Merxleben — Klett st edt (in der Nähe von Langensalza). Die rote Kavallerie hat hier, nachdem sie gegen blaue Kräfte zum Feuer- gefechtzu Fuß abgesessen und ferner einen wichtigen Hügel bei Sundhäusen besetzt hat, ein Tankabwehrgeschütz zur Sperrung der Straße postiert. Dieses Geschütz wird unvermutet von Straßen-Panzerwagen überfallen, die von rückwärts herangekommen und durch die große Zu- schauermenge der Tankabwehrmannschaft bis zum allerletzten verborgen bleiben. Im Nu wird das Tankabwehrgeschütz herumgeworfen, aber zum Feuern ist es schon z u spät, denn die beiden Kampfwagen sind bereits heran. Uebrigens hat der Führer des vorderen Straßen-Panzerwagens eine nicht erlaubte Kriegslist angewandt, da er an seinem Wagen fein Erfennungszeichen seiner Partei (blaues Band) trug, das er angeblich verloren haben wollte. Den Führern der Kampfwagen ist jedenfalls die Sache auch zu sengerig geworden, da sie bei der zufällig anwesen- den Presse unparteiische Offiziere sehen; die beiden Kampffahrzeuge machen sich denn auch schleunigst aus dem Staube.
Weiter geht die Fahrt. Wir bemerfen auf den Höhen beim Hoppenberg, dem Mittelpunkt der blauen Front, starke blaue Flankensicherung durch Artillerie und Maschinengewehre und kommen schließlich zum Standort des Leitenden auf dem Hoppenberg. Von hier aus beobachtet das Pressequartier die nun einsetzenden Schlußkämpse. Unter dem Eindruck der ständig anwachsenden Bedrohung seiner rechten Flanke hat der Führer von Blau, noch vor der Wiederaufnahme des roten Frontalangriffs, einen
Vorstoß der blauen Kampfwagen zur Entlastung seiner Front angeordnet. Unter dem Schutze dieses Kampfwagenoorstoßes über Sundhausen auf Kirchheilingen will er feine übrigen Truppen hinter den Unstrut-Abschnitt Thamsbrück — Altengottern zu- rücknehmen. Dieser Kampf soll um 10 Uhr eingeleitet werden. Noch ehe es aber dazu kommt, läßt der Leitende, Generalmajor Muff, das Signal „Das Ganze halt!" blasen, womit das Ende des Manövers gekommen ist.
Oie Schlußlage
ist nach der Erklärung der Begleitoffiziere des Preffe- quartiers folgende: Es kann angenommen werden, daß es dem blauen Führer unter dem Schutze des Kampfwagenangriffs an seinem rechten Flügel gelungen ist, ohne schwere Verluste das Südufer der Unstrut zu erreichen. Dagegen ist anzunehmen daß auf dem linken blauen Flügel, gegen den sich Der rote Hauptstoß richtete, es Roi gelungen ist, namhafte Teile von blauen Truppen auf dem Nordufer der Unstrut noch zu fassen.
Bei dieser Sachlage wäre also der Wettlauf um die Unstrut-Linie auf dem roten rechten Flügel von vollem Erfolg gewesen.
OaS Ende.
Die Kritik über den zweitägigen Kampf geht im Kreise der Offiziere vor sich. Die Presse versammelt sich zur Schlußkonferenz in Groß-Welsbach, wo Major Jahn der Presse den Dank und nochn'aligen Gruß des Divisionskommandeurs, Generalleutnant Liebmann, übermittelt. Ferner teilt Major Jahn mit, daß
die Truppen überall im Manövergelände bei der Bevölkerung in herzlichster weise ausgenommen wurden,
wofür der Divisionskommandeur den Ortseinwoh- nern noch besonderen Dank übermitteln ließ. Dann nahmen die beiden Offiziere, Major Jahn und Hauptmann Faulenbach, vom Pressequartier Abschied, nachdem zuvor der 23ertretet eines Erfurter Blattes, Major a. D. Wiese, als Ael- tefter des Presfequartiers, den beiden Offizieren für die aufmetifame, stets hilfsbereite und liebenswürdige Führung den wohlverdienten herzlichen Dank ausgesprochen hatte.
An dem Manöver nahmen nach Mitteilung in der Pressekonferenz etwa 6 bis 7 000 Mann aller Waffengattungen teil. Die Truppen bezogen im Raume Langensalza-Mühlhausen in Stadt und Dörfern Quartier bis zum Abtransport am Freitag. In zahlreichen Orten sah man die üblichen Manöverbälle für den heutigen Abend bereits angekündiat. Die Soldatenuniform übt eben immer noch erfreulicherweise ihren starken Reiz aus, wenn sie auch mittlerweile schlichter geworden ist als früher.
Das Manöver ist vorbei. Es hat gezeigt, daß
unsere Reichswehr vom obersten Führer bis zum letzten Mann in eifrigster Weife an der Erfüllung ihrer hohen Aufgabe arbeitet.
Reiche Früchte dieses unermüdlichen Strebens nach bester militärischer Schlagfertigkeit sind bei diesen Manöverübungen erneut sichtbar geworden. Möchte unsere Reichswehr auf diesen guten Wegen weiterhin von Erfolg zu Erfolg schreiten und dabei immer dievolleLiebe>und rückhaltlose Llnterstützung der Bevölkerung finden! Darrn wird es auch um unser Vaterland in absehbarer Zeit wieder besser bestellt sein.
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