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Vornan von Hertha Fricke
Llrheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau 23. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Mit einem Seufzer der Erleichterung drückte sie seine Hand. „Gott sei Dank, das) ich Sie gefunden habe!"
„Es ist ja nicht einmal unwahr! Später darf ich Sie doch so nennen!" sagte Heinrich Andresen mit einem matten Versuch zu scherzen.
„Das gebe Gott!" gab die Dame zurück. Er war ihr ja in dieser furchtbaren Stunde mehr als ein Sohn. Er war ihr Stütze und Trost, und seine feste Zuversicht, sein Vertrauen gaben ihr ein wenig Mut zu glauben, dah alles sich zum Vesten wenden könne.
„Ich gebe Ihnen jetzt ein Brompulver, liebe, gnädige Frau, und Sie legen sich brav nieder. Sie werden schlafen und wieder Mut fassen, und ich werde inzwischen zu erfahren suchen, wer Eva-Maries Verteidiger ist und werde ihn unter allen Umständen sprechen. Dann bekommen Sie Nachricht. Ich telephoniere, wann Sie mich zurückerwarten können!"
Frau von Diemen hatte das sichere Gefühl des Gebovgenseins, der Hilfe und Unterstützung, als Dr. Andresen ihr mit freundlichem Zureden das Drompulver in ein Glas Wasser rührte, sie ver- anlahte, sich auf den Diwan des Hotelzimmers zu legen und sich auszuruhen.
„Verlassen Sie sich ganz auf mich, Exzellenz! Was mit Eva-Marie geschieht, geht mir so nahe wie Ihnen!" sagte er herzlich.
Frau von Diemen fahte in diesem Augenblick eine so tiefe Zuneigung zu dem Mann, die ihm blieb für ihr ganzes Leben. Trotz des grenzenlosen Kummers um ihre geliebte Pflegetochter, muhte sie bewundern, wie sicher und zuverlässig dieser junge Mann war und wie unverbrüchlich treu. Er sorgte für sie und Eva-Marie, ohne das) irgendwelche Verpflichtung es von ihm forderte. Sie dachte daran, das) in ihren Kreisen jeder Mann sich ohne weiteres zurückgezogen haben würde, wenn ein solcher Verdacht auf dem Mädchen ruhte, nur dec Schatten einer solchen Möglichkeit! Dieser aber stand fest und treu wie ein Fels.
Sie sah wohl, wie fein energisches Kinn oft zuckte, wie die stahlblauen Augen manchmal auf* blitzten in verhaltenem Grimm über das, was seinem Mädchen geschah. Da begriff Exzellenz von Diemen, das) ihrer Eva-Marie dieser Bauernsohn aus Schleswig-Holstein hundertmal lieber sein muhte, als der Herr von Bork mit der Glatze und der zierlichen Kavaliersart von Anno dazumal. Sie hatte plötzlich den innigen Wunsch, diesem prachtvollen Mann ihre Sympathie zu zeigen, ihm etwas Freundliches zu tun.
„Herr Dr. Andresen", sagte sie weich und errötete wie ein junges Mädchen, „ich kann es verstehen, dah meine Eva-Marie sie lieben muh!"
Da kam ein froher Glanz in Heinrich Andresens kluge Augen, als ob er einen Augenblick all die Finsternis vergähe, die ihn von seiner Liebe trennte. Er kühte die Hand der alten Dame und sagte mit unendlich gewinnendem Ton: „Herzlichen Dank, kleine Mama! Lind nun schlafen Sie ein wenig, wenn es möglich ist! Wenigstens bis ich wiederkomme!"
Er deckte sie mit der Reisedecke von Fellplüsch zu, nahm seinen Hut, nickte ihr zu und ging.
Zunächst nahm er seinen Weg zu der Redaktion der Zeitung, welche die Notiz gebracht hatte, und es gelang nach verschiedenen telephonischen Anfragen bei dem betreffenden Berichterstatter, Len Namen des Verteidigers zu erfahren. Heinrich Andresen setzte sich mit ihm in Verbindung, und der Anwalt war, nachdem er erfuhr, dah der Arzt möglicherweise Aufschlüsse über die Angeklagte geben konnte, zu einer Unterredung bereit.
Heinrich Andresen machte sich unverzüglich auf den Weg. Leider sah in dem Vorzimmer des Rechtsanwalts eine ziemlich grohe Anzahl Leute, die vor ihm abgefertigt werden muhten. Seufzend setzte er sich in einen der wenig bequemen Wiener Rohrstühle und blätterte in Gedanken verloren in den Zeitungen, die auf dem Tisch lagen. Nur wenn wieder einer, der vor ihm dran war, sich entfernte, sah er auf und stellte fest, wieviele er noch vor sich hatte. Mehr als eine Stunde währte die Geduldsprobe, dann war auch er an der Reihe. Reimann hieh der Rechtsanwalt. Der Name war nicht ungewöhnlich, und Dr. Andresen hatte in seinen schweren Sorgen nicht über die Person des Mannes nachgedacht. Hm so mehr war er erstaunt, plötzlich ein bekanntes Gesicht vor sich zu sehen. Der Iurist war in seinem Alter. Ein kräftiger Durchzieher auf der linken Backe dokumentierte seine akademische Würde und korpsstudentischen Schneid.
„Sind Sie das, Andresen? — Kennen Sie mich noch? — Sie habend mir doch damals bei der Westphalia in Kiel denSchmih geflickt!" Erreichte dem Doktor die Hände, die dieser erfreut nahm.
„Reimann, Sie? — Wie geht es Ihnen?"
„Danke, danke, Hinnerk Andresen! Haben wir beide noch unser Ende in der schönen Sünderin Berlin gefunden? Na, nehmen Sie Platz, da ist's bequem! Lassen wir die drei Zahlungsbefehlaufträge und Ehescheidungsklagen da drauhen ein bihchen warten! Nehmen Sie eine Zigarette! Wo arbeiten Sie denn?"
„Ich war bis jetzt in der Hamburger Nervenabteilung, als Assistent natürlich!" Er versuchte zu scherzen. „Bis mir diese ganz abscheuliche Geschichte berichtet wurde, und ich sofort um Ablösung bat, um hier eingreifen zu können!"
„Eingreifen? Ach so, Sie kommen wegen meiner kleinen Raubmörderin!" meinte ruhig der Anwalt. „Das wird ein Sensationsprozeh, der mei
nen Ruf als Verteidiger begründen kann? Tolle Sache, das!"
„Mensch, wie behandeln Sie das!" sagte empört Heinrich Andresen.
„Verzechen Sie, wenn die Dame Ihnen etwa nahestehen sollte! Aber.wir sind nun mal nichts anderes als Kriminalfälle gewöhnt! Sie weinen doch auch nicht jedesmal, wenn Ihnen ein hoffnungsloser Fall vor Ihre medizinischen Augen kommt!"
Der Anwalt steckte sich ruhig seine Zigarette an.
„Hoffnungslos kann dieser Fall mit Fräulein von Diemen, die gänzlich schuldlos ist, doch nicht sein", antwortete Heinrich, direkt auf sein Ziel losgehend.
„Vielleicht nicht ganz hoffnungslos!" Der Anwalt wiegte den Kopf. „Aber es ist eine ganz infame, verzwickte Geschichte! Lind Sie meinen, Doktor, die Angeklagte sei ganz schuldlos?"
„Sie meinen es etwa nicht?" fuhr Andresen auf.
„Wenn Sie mich um meine persönliche Meinung fragen, Doktor, so muh ich Ihnen offen gestehen, dah es mir schwer wurde, dieses angenehme junge Mädchen mit den angstvollen Augen für eine abgefeimte Verbrecherin zu halten! Andererseits ..."
„Run, andererseits?" forderte der Doktor dringend.
„Die Beweise sind fast erdrückend!"
„Das ist nicht möglich!" rief der Arzt.
Der Rechtsanwalt zuckte die Achsel. „Teilweises Geständnis!"
„Sie sind verrückt!" sagte der Doktor beinah brüsk.
Der Anwalt legte begütigend seine Hand auf des anderen Schulter. „Alten Korpskameraden nimmt man ja wohl derartige Ausdrücke nicht übel! Lind eins kann ich Ihnen zur Beruhigung sagen, so ganz aussichtslos ist die Sache nicht, wenn das Fräulein bei ihrer Aussage beharrt, dah sie von einem Giftmord nichts weih. Denn nachweifen läht sich das nicht mehr. Die Tote ist eingeäschert. Der behandelnde Arzt glaubt nicht daran. Das ist viel wert. Lind sie leugnet es!"
„Sie hat es nicht getan! Von Leugnen kann gar keine Rede sein! sagte Andresen heftig.
Wieder klopfte der Anwalt beruhigend auf die Schulter des Doktors. „Gut, meinetwegen! Also, wenn sie dabei bleibt, dah sie es nicht getan hat, so wird sie von der Anklage des Giftmordes wegen Mangels an Beweisen frei- gesprochen!"
„Mangel an Beweisen? Das heißt, sie trägt die Schuld an dem Giftmord in den Augen der Leute und verliert ihre Achtung!" Dr. Andresens Kinn zitterte vor Grimm.
Der Rechtsanwalt zuckte bedauernd die Achsel. „Dagegen wird sich nichts tun lassen. Lind mit der Achtung wird es sowieso etwas vorbei sein, denn den Diebstahl hat sie ungefähr eingestan- den!"
„Diebstahl?" Mit funkelnden Augen sah Heinrich Andresen sein Gegenüber an. „Diebstahl? — Fräulein von Diemen hat niemals gestohlen! Das kann sie nicht eingestanden haben!"
„So? Na, lieber Doktor, sie hat eingestanden, dah sie den Schmuckkasten in jener Nacht an sich genommen hat, in der Nacht, in der sie als einzige Wache am Bett der Verstorbenen sozusagen Dienst hatte. Sie hat ihn an sich genommen und schweigt hartnäckig darüber, wo sie ihn gelassen hat. Ein schöner Brillantring, der der Verstorbenen gehört hat, wurde bei ihr gefunden, und das Geld, das in dem Kästchen mit aufbewahrt worden ist, wurde zum gröhten Teil noch bei ihr gefunden. Sogar das Kuvert, in dem es gewesen war. Gestohlen oder weggenommen, ich weih nicht, ob da solch großer Unter* schied ist, Andresen!"
„Wenn sie es genommen hat, ist sie zweifellos dazu berechtigt gewesen. Das Geld kann meine Schwägerin ihr zu irgendeinem Zweck gegeben haben!" sagte der Doktor. „Lind warum nicht in dem Kuvert, das ihre Adresse trug! Was ist ein Stück Papier?"
„Kann, kann!" zweifelte der Rechtsanwalt. „Aber warum sagt sie das nicht? Schweigt darüber, wenn sie irgendeinen Auftrag mit dem Deld auszuführen hatte? — Lind der Brillant- ring? Sie sagt zwar, daß Frau Andresen ihr den Ring als Andenken geschenkt habe ..."
„Dann ist es auch unbedingt so! Ich kann beschwören, dah die beiden Damen eng befreundet waren, und dah meine Schwägerin Renate jede Gelegenheit benutzte, Lern ihr so lieb gewordenen, jungen Mädchen eine Freude zu machen!"
„Ich bin nicht der Richter der Angeklagten, lieber Doktor, ich bin ihr Verteidiger, und mich soll es wahrhaftig freuen, wenn bei der Sache etwas anderes herauskommt, als was es den Anschein hat, werden zu wollen! — Denn der Verteidiger kommt sich immer ein bihchen mit* blamiert vor. Aber was in aller Welt denken Sie sich von der Geschichte?"
„Sie ist das Ergebnis eines bewußt ausgearbeiteten Planes, um Fräulein von Diemen zu verderben", sagte der Arzt fest.
„Lind wer hätte den Plan?"
„Ich kenne den Dämon, der das arme Mädel in diese verworrenen Wege trieb, die damalige Pflegerin Elisabeth ©Untermann!“
„Die hat allerdings die Anzeige gemacht!" sagte der Rechtsanwalt interessiert. „Lind was sollte die Lirsache fein?“
„Eifersucht!" knirschte Heinrich Andresen böse.
Sie sprachen noch manches, aber Licht kam nicht in die Finsternis, die sich um Eva-Maries Haupt zusammenzog, wie ein schweres Wetter, wie ein unerbittliches Verhängnis.
Morgen war Termin!---—
Es war wenig Trost, den Heinrich Andresen der in LInruhe wartenden Mutter mitbringen konnte! — Wenig Hoffnung, die ihm selber wurde!
(Fortsetzung folgt.)
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