Ausgabe 
16.7.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadl.

Gießen, den 16. 3ult 1932.

Gerüchte gehen um ...

Es gibt Leute, die ein Interesse daran haben, ihre Umwelt in Aufregung zu versehen: eS gibt auch solche, die gern schlauer erscheinen wollen als ihre Umgebung, die sich wichtig machen wollen. Sie alle mischen - absichtlich oder unabsichtlich Wahres mit Falschem und bringen es mit ihren Reden, Schriften und sonstigen Aeusterungen in Umlauf. So entstehen die vielen falschen Ge­rüchte, die gerade in der Gegenwart einen guten Boden haben, denn leichter als bei ausgegliche­nen Verhältnissen sind die Menschen in Zeiten der Not zu beunruhigen: sie sind empfänglich für Gerüchte .aufregende Nachrichten und geheimnis­volle Flüstereien und Andeutungen.

Falsche Gerüchte sind hartnäckig, ihr Inhalt mag noch so falsch und dumm sein. Aber sie haben glücklicherweise einen Feind, gegen den sie immer verlieren: die Sprache der Erfahrung und der Tatsachen. Das gilt auch für Gerüchte über die Währung. Falsche-Gerüchte hinsichtlich der deutschen Währung sind eigentlich im Umlauf, solange wir unsere stabilisierte Währung haben, also seit bald zehn Iahren. Wie zahlreich und eindringlich sind Gerüchte über die Währung ins­besondere im vorigen Iahr gewesen. Die Wäh­rung aber ist allen Gerüchtemachern und falschen Projekten zum Trotz stabil geblieben. Diejenigen waren die Dummen, die sich zur .Flucht in die Sachwerte" und anderen Fehler haben beeinflussen lassen. Erfreulicherweise hat das Publikum doch aus der Vergangenheit gelernt und verhält sich jetzt ablehnender gegen Währungsgerüchte und sonstige Redereien.

Aber da immer noch hier und da Zweifel be­stehen und Gerüchte verbreitet sind, so ist es er­freulich, das; die vcrantwortlicherl Stellen in letz­ter Zeit wieder ausdrücklich betont haben, daß sie j jedes Währungsexperiment und jede Inflations» Politik ablehnen. Sowohl die Reichsregierung wie auch die für die deutsche Währungspolitik ver­antwortliche Reichsbank haben solche Erklärungen abgegeben. Und auch der frühere Reichsbankprä- sident Dr. Schacht hat kürzlich in einer Rede aus­drücklich erklärt, daß die deutsche Währung sta­bil sei.

GA.-Aufmarsch in Gießen.

Wie die Kreisleitung Gießen der NSDAP, uns mitteilt, trifft sich am Sonntag, 24. Juli, die g e - samteSA. derStandartellbinGießen. Man rechnet mit einem Aufmarsch von weit über 3000 Mann. Am Nachmittag wird ein Propagandamarsch durch die Stadt zur Bolkshalle stattfinden. Um 20.30 Uhr spricht in der Bolkshalle der Gauleiter von Hessen, Landtagsabg. Lenz. Wei­tere Hauptredner sind in Aussicht genommen. Ein­trittskarten für die Kundgebung in der Bolkshalle sind irn Vorverkauf vorn nächsten Montag, 14 Uhr ab, im Buchloden der NSDAP., Seltersweg, zu haben. Die Eintrittspreise sind sehr niedrig auf 50 Pf. für den Sitzplatz und 20 Pf. für den Stehplatz fest­gesetzt worden. Näheres wird in den nächsten lagen , im Anzeigenteil noch bekanntgegeben.

Ein prefseprozeß

vor dem Amtsgericht Gießen.

Jin Prioatklageoerfahren stand gestern eine durch die Presse begangene Beleidigung im Sinne der Paragraphen 185, 186, 200 StGB, zur Verhandlung. Der Beschuldigte, Redakteur B. derO b e r h e s s i - schen Volkszeitun g", wurde einer solchen für schuldig befunden und in eine Geldstrafe von ö 0 Mark, die im Falle der Uneinbringlichkeit mit 10 Tagen Gefängnis zu verbüßen ist, und in die Kosten des Verfahrens, einschließlich der dem Privat­kläger erwachsenen notwendigen Auslagen, verur­teilt. Auch wurde dem Beleidigten, Tierarzt Dr. H. in Allendorf (Lumda) die Befugnis zugesprochen, den Urteilstenor innerhalb 2 Wochen nach Zustellung je einmal imGießener Anzeiger" und in derOber hessischen Vvlkszeitu-ng" auf Kosten des Beschuldig­ten zu veröffentlichen.

Der Verhandlung lag folgender Tatbestand zu­grunde: In einer Sitzung des hiesigen Kreisaus- fchufses war vorgebracht worden, daß eine auswär tige Firma Fleijchmehl von der Kreisabdeckerei des Kreises Gießen kaufe und dieses zu einem dreifach höheren Preise mit Unterstützung eines Tierarztes aus Oberhessen an Landwirte vertreibe. Der Kreis- ausschuß hotte Veranlassung genommen, auf dieses angebliche Geschäftsgebaren die Landwirte zwecks Vermeidung jeglichen Zwischenhandels und 3we(fs unmittelbaren Kaufs ihres Bedarfs bei der Kreis­abdeckerei in geeigneter Weise, namentlich durch Zei­tungen, aufmerksam zu machen. Zu den Zeitungen, die den einschlägigen Artikel brachten, gehörte auch dieOberhessische Volkszeitung". Diese ergänzte den Artikel durch eigene Zusätze und behauptete u. a., der betr. Tierarzt sei der Privatkläger, die biedere Firma habe sicherlich gute Beziehungen zu der Nazi- portei, denn wie könne es sonst kommen, daß sie I ausgerechnet auf den Nazikreisleiter als Helfer bei dem Geschäft verfalle, dieser reise mit der Firma umher und drehe den leichtgläubigen Dauern das Fleischmehl zu einem enormen Preise an und der­gleichen mehr. Der Privatkläger, der ehrenamt­licher Kreisleiter der NSDAP, in Gießen ist, hatte mit der ganzen Sache nicht das geringste zu tun und benachrichtigte sofort die Redaktion davon. Diese widerrief alsbald in ihrer Zeitung den einschlägigen Artikel als auf einer Personen- verwechselui^ beruhend, insoweit er Dr. H. be­traf. Dr. H. fand mit Rücksicht auf die Schwere der ohne jede Nachprüfung in die Welt posaunte Ehrenkränkung eine bloße Berichtigung als Sühne nicht ausreichend, und er verlangte Bestrafung des Beschuldigten, der die ihm als Redakteur ob­liegende Erkundigungspflicht gröblich verletzt hatte. , Die Erkundigungen, die er nach Aufnahme des | Artikels eingezogen hat, hätte er auch schon I vorher mit dem gleichen Erfolg einziehen können I und müssen. Immerhin schien Milde angebracht.

Taten für Samstag, 16. Juli.

622: Flucht Mohammeds von Mekka noch Medina: I Beginn der mohammedanischen Zeitrechnung. | 1216: Papst Innozenz III. geft., Einführung der In­quisition, Ketzerverfolgung, Ohrenbeichte. 1834: I Der Großkaufmann und Kolonisator Franz Adolf ! Eduard Lüderitz in Bremen geb. 1872: Der nor­wegische Polarforscher Roald Amundsen in Börse ' geb. 1890: Der Dichter Gottfried Keller in Zürich gestorben.

** Kündigungsmöglichkeit für hoch- , -verzinsliche Hypotheken erstmaligab 1. Juli 1932. In den vom Bucherrevisor und Wirt- fchaftsprüfer Hermann Will zu Gießen heraus- gegebenenAktuellen Steuersachen" (Rundschreiben

Nr. 14) lesen wir: Nach § 247 BGB. kann bekannt- lich jeder Schuldner, der einen höheren Zinssatz als 6 v.H. für Da» Jahr für seine Schuld zugesagt hat, nach Ablauf von sechs Monaten das Kapital unter Einhaltung einer Kündigungsfrist von sechs Monaten kündigen. Diese Bestimmung war bis vor kurzem außer Kraft. Erst die Notverordnung vom 8. De­zember 1931 setzte diese Vorschrift wieder in Geltung. Danach trat die Möglichkeit der Kündigung gemäß § 247 mit dem 1. Januar 1932 wieder ein, und da bcr § 247 nun bestimmt, daß eine Kündigung erst nach Ablauf von sechs Monaten erfolgen kann, konnte der Schuldner erstmalig am l.Juli 1932 unter Ein- Haltung einer Kündigungsfrist von sechs Monaten kündigen. Das Recht ist auch sehr wichtig für alle Grundstückseigentümer, die von Pfanbbriefbanken hochverzinsliche Hypotheken ausgenommen und jetzt durch die Notverordnung das Recht erhalten haben, das Darlehen in Pfandbriefen, die ja bekanntlich weit unter pari stehen, zurückzahlen zu können. Voraus­setzung dafür ist immer, daß der derzeitige Zinssatz mehr als 6 v.H. beträgt. Tilgungsquoten gehören nicht zum Zinssatz^

** Kaplan wremm nach Worms ver­setzt. Kaplan Martin .Gremm, der bekannte Geistliche der Katholischen Kirchengemeinde unserer Stadt, ist mit Wirkung vom 25. Juli ab an den Dom zu Worms versetzt worden. Diese Versetzung bedeutet für den Geistlichen eine Auszeichnung. Kaplan Gremm erfreut sich in Gießen und in der Katho- lischen Gemeinde großer Beliebtheit, sein Fortgang wird sehr bedauert. Besonders machte sich Kaplan Gremm auf dem Gebiete der Jugendpflege ver­dient.

** Eine Achtzigjähri g e. Frau Mathilde Orth, Witwe des Gießener Photographen Orth, wohnhaft Moltkestraße 20, konnte am 14. Juli ihren 80. Geburtstag feiern.

** Die Museen und der Heidenturm sind am Sonntag zwischen 11 und 13 Uhr bei kleinen Preisen geöffnet.

** Ferien des Kreisausschusses. Der Kreisausschuß des Kreises Gießen hält während der Zeit vom 15. Juli bis 15. September Ferien. Wäh­rend der Ferien können nur besonders eilige Sachen zur Verhandlung kommen. Auf den Lauf der ge­setzlichen Fristen sind die Ferien ohne Einfluß.

** Festzug der Landsmannschaft E h a 11 i a. Anläßlich des 50. Stiftungsfestes der Landsmannschaft Ehattia findet am morgigen Sonn­tag, 17. Juli, um 12 Uhr ein Festzug statt, bei dem die Teilnehmer am Festakt vom Hause der Lands­mannschaft zur Neuen Aula der Universität mar­schieren wird. Die Ausstellung des Zuges erfolgt in der Georg-Philipp-Gail-Straße, der Weg führt durch die Licher Straße, Kaiserallee, Ludwigsplatz, Garten­straße, Südanlage, Bleichstraße, Ludwigstraße.

** Pedeloerkehr der Butzbach-Licher Bahn zur Rosenschau in Steinfurth. Man schreibt uns: Aus Anlaß der morgigen Rosen- schau in Steinfurth wird von der Butzbach-Licher Eisenbahn am Sonntag, 17. Juli, zwischen Bad-Nau­heim und Steinfurth in dichter Zugfolge ein Pendel­verkehr eingerichtet werden. Besucher der Rosenschau, die mit den ReiHsbahnzügen in Bad-Nauheim ein- treffen, haben möglichst sofort Anschluß nach Stein­furth: sic können außerdem jederzeit nach Bad-Nau- heim zurückfahren.

Schweinezählung am 1. Septem­ber. Aus Anordnung des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft finder im Einver­nehmen mit den Landesregierungen am 1.Sep­tember die nächste Zählung der Schweine und der nicht beschaupflichtigen Hausschlachtungen an Schweinen in den vorhergehenden drei Monaten statt. Die schweinehaltenden Landwirte selbst ha­ben das- größte Interesse Daran, dah die gestell­ten Fragen in richtiger und vollständiger Weise beantwortet werden. Dafür wird ihnen auf der anderen Seite die unbedingte Sicherheit gewähr­leistet, daß ihre statistischen Angaben geheimgehal­ten werden und keinesfalls zu steuerlichen Zwecken Verwendung finden.

Die Srantfurfer Wirtschaft gegen die Demonstrationen.

WSN. Frankfurt a. M., 15. Juli. Die Ar­beitsgemeinschaft Frankfurter Wirtschoftsverbände hat sich in einer Eingabe an ben Polizeipräsidenten gewandt und um Schutz vor politischen Demonstrationen und Ausschreitun- gen nachgesucht. Sie weist im Namen Der gesamten Frankfurter Wirtschaft darauf hin, welche Schä- ben s i ch bereits ergeben haben, unb daß gerade in der Zeit ber Wirtschaftskrise es notwen­dig ist, sowohl ben Geschäftsmann als auch das Publikum zu schützen.

Oer Friedberger Voranschlag verabschiedet.

WSN. F r i e b b e r g , 15. Juli. Der hiesige Stadt- rat Hai in seiner gestrigen Sitzung ben Voranschlag für 1932, ber mit einem ungeberften Fehlbe - tragvonl41 652Mark abschließt, gegen eine Stimme angenommen. Die Annahme erfolgte mit Ausnahme ber in Aussicht genommenen Erhöhung der Realsteuern. Nach ber gegenwärtigen Sachlage ist nun mit ber Erhöhung einzelner Real- steuern durch Entscheid b e s Bürger- m e i ft e r s zu rechnen.

Fahnen und Waffensaal im Marburger Kunstinstitut.

WSN. Marburg, 15. Iuli. Im Iubi- läums-Kunstinstitut der hiesigen Universität, das bekanntlich schon Räume für kirchliche Kunst und bürgerliches Kunstgewerbe birgt, ist jetzt auch ein Fahnen - und Was­sens aal eingerichtet worben, in dem militä­rische Denkwürdigkeiten des Hessenlandes auf» gestellt sind. So erblickt man u. a. mittelalterliche Schwerter, Hellebarden, Armbruste, Gewehre, Musikinstrumente und llniformstücke aller Art. Unter den Fahnen ist besonders bemerkenswert eine kurmainzische Fahne aus dem 18 Iahrhunoert. Alte Iagdwaffen und Altertümer aus den Anfängen der Post vervoll­ständigen die von Museumsleiter Dr. Kippen­berger in die Wege geleitete Sammlung, die den Freunden hessischer Geschichte reiche Anregung und Belehrung bietet.

Rheinhessen.

WSN Mainz, 15. Juli. Die Ersten Arbeiten .zur Aufschlitzung des Mainzer Tun­nels haben begonnen. Für die Erbbewegung bient ein mächtiger Bagger, ber über 1000 Kubikmeter Erbe bei achtstündiger Tätigkeit aushebt. Insgesamt sind 130000 Kubikmeter Erde abzu- transportieren. Der Tunnel wird in 300 Meter Länge aufgeschlitzt. Die lichte Hohe des Tun­nels beträgt etwa sechs Meter, |o daß etwa 18 bis 20 Meter hoch Erde über dem Tunnelschacht liegen.

Frankfurt in Erwartung der Sanger.

F r a n k f u r t a. M., 15. Juli. (WSN.) Die 40 000 Sanger unb 100 000 sonstigen Gäste, bie man zum XL Deutschen Sängerbunbessest in Frankfurt a. M. erwartet, werben nicht nur Spitzenleistungen beut- schen Männergesanges unb bie «chonheitea Frank­furts unb (einer Umgebung genießen, fonbern sie werben auch überrascht sein über bie Reichhaltigkeit, mit ber bie Festleitung aus bem Gebiete bcr Unter­haltung aufwarten wirb. Schon am heutigen Sams­tag erfahrt das Bunbessängerfest mit ber Eröffnung bes Festgelänbes hinter ber Festhalle seinen Auftakt. Unter Mitwirkung bcr bekannten Firma Hugo Haase ist hier ein Vergnügungspark ge­schaffen worden, ber zwar ben Zeitverhältnissen ent- sprechenb nicht überwältigend, aber immerhin reich­haltig genug ist, um den Festbesuchern eine Fülle von Unterhaltung zu bieten. Dazwischen laben große Restaurationsräume zum Verweilen ein.

Die Bheingauer winzcrgenosscnfchaft hat eine große Rheingauer werbeschänke errichtet, in bcr bie erlesensten Weine des Rheingaues zu billigen Preisen krebenzt werben. Eine große An­ziehungskraft wirb auch bie F e st h a 11 e Ober- b a i) e r n ausüben, bie Platz für 12 000 Personen bietet. Mit welchen Bierumsatzen man hier rechnet, geht daraus hervor, daß die Waggons auf besonderem Gleis bis in die Halle hineingefahren werben. Ochsen- unb Hüh­

nerbraterei bayrische Originalkapellen, Jodler usw. sorgen dafür, baß sich hier ein Stück echt bäurischen Lebens entwickelt. Natürlich fehlen auch nicht die Hallen, die bem Frankfurter National- getränt, bem Aepfelwein, gewidmet sind. Sängercaf<S, Sängerbierhalle Sängerbar usw. ver- vollständigen den Rummelplatz, bcr ganz auf Maisenbetrieb eingestellt ist. Don Samstag ab wer­ben täglich auf bem Fcstgelänbe Konzerte, Sänger- ferenaben, Illumination, Feuerwerk, Tanz, Kinder- feste, italienische Nächte usw. ftattfinben. Die Ein­trittspreise betragen nur wenige Pfennige unb auch bie übrigen Preise finb zeitgemäß.

Inzwischen schreitet bie Herrichtung ber Festhalle, in bcr bie großen Konzerte ftattfinben, rüstig fort.

Das bereits fcrtlggeftcUte Podium gewährt platz für 10 000 Sänger.

Die Zugänge zum Pobium finb so eingerichtet, baß blese Sangerrnassen innerhalb zehn Minuten ohne jebe Reibung besetzen können. Der Zuhörerraum ist so gestellt, daß 1 4000 Zuhörer bequem Platz finben können. An bcr Herrichtung bcr übrigen Konzertsäle auf bem Festhallengclänbc, wie Schubert- saal unb Bachsaal, wirb eifrig gearbeitet, so baß es nur noch weniger Tage bebarf, um alle Vorberei­tungen für einen mürbigen Empfang ber beutschen Sänger zu beenden.

Geschichten ans aller Welt.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Ter Hufe an die falsche Adresse.

Paris.

Vor etwa Monatsfrist fand in EanneS eine Wohltätigkeitsveranstaltung statt. Herr Andrä M., Großkaufmann aus Paris, beschloß, diesen Genuß mitzunehmen, warf sich in Wichs und erschien unternehmungslustig auf dieser Wohl­tätigkeitsveranstaltung, wo die Damen in Zelten alles erdenkliche verkauften, dessen Erlös irgend­einem mildtätigen Zweck dienen sollte. Besonders abgesehen aber hatte es Monsieur AndrS auf die bekannte Filmschauspielerin Nine de G., von deren Teilnahme an dem Feste er wußte und deren Photo in irgendeinem Magazin eS ihm besonders angetan hatte.

Uni) er hatte Glück. Er erblickte die heimlich Angebetete in der Nähe eines Sektzeltes, wo sie Blumen feilhielt. Fromm und gottesfürchtig nä­herte er ihr sich, stellte sich vor und bat die erstaunte junge Dame, sich zu seinem Vorschläge äußern zu wollen, ihr einen Kuh gegen einen Wohltätigkeitsentgelt von 1000 Franks, auf der Stelle bar zahlbar, geben zu dürfen. Nach einigem liebreizenden Zaudern willigte die junge Dame ein, ließ sich von Herrn Andre küssen und nahm die 1000 Franks für die Mildtätigkeit ein. Als Herr Andrä sie jedoch nunmehr zu einem Glase Sekt einlud und sie dabei mit dem Namen der berühmtesten Filmschauspielerin anredete, klärte fie ihn sofovt über seinen Irrtum auf: sie sei lediglich die Privatsekretärin eines in EanneS weilenden belgischen Industriellen. Zuerst war Herr Andre wie aus den Wolken gefallen, dann empörte er sich, wurde laut, verlangte seine 1000 Franks zurück, die ja dem Kusse einer ganz anderen gegolten hätten, kurz, benahm sich der­art, daß er von der Festleitung vor die Tür ge­setzt werden mußte. Wutschnaubend lief er zum Kadi und klagte auf Rückgabe der 1000 Franks, die er ja unter völlig anderen Voraussetzungen hlngegeben habe, und dieser Tage standen sich Monsieur Andre und die junge hübsche Privat­sekretärin im Gerichtssaale gegenüber. Andrö M. verlor selbstverständlich den Prozeß. Denn er hätte, wenn er willens gewesen sei, nur einen Kuß der Filickschauspielerin Nine de G. mit der Summe von 1000 Franks zu bewerten, die junge Dame, die er in Wirklichkeit küßte, vorher fragen müssen, ob sie mit dieser identisch fei. Dies sei nicht geschehen, von eln?r Vorspiegelung fal­scher Tatsachen seitens ber jungen Dame könne daher keine Rede sein, und Herr Andr6 M. müsse sich sowohl die Abweisung seiner Klage wie auch die Verurteilung in die Kosten gefallen lassen.UebrigenS", so schloß der Richter, würde ich einen Kuß dieser jungen und lieb­reizenden Dame mit 1000 Franks nicht für über­wertet halten und diese Summe sofort und jeder­zeit für diesen Zweck ausgeben!" Unb setzte seufzend hinzu, während die junge Dame tief errötete:Wenn ich diese 1000 Franks nur hätte!"

Der ehrliche Finder findet sein Glück.

(avk) Budapest.

Der Husarenoberleutnant Alexanber von Satory war zeitlebens ein schneidiger Kerl. Daß er in ben letzten Jahren nicht mehr so ganzfest im Sattel" saß wie früher einmal in ber guten alten Zeit, lag nicht an ihm, fonbern an ben oeränberten Verhält- niffen. Der zwangsläufig verabschiebete Offizier, jung unb arbeitsfreubig, versuchte vergeblich, eine ent- sprechende Beschäftigung in ber Heimat zu finben, merkte aber gar halb, baß ber gute Wille allein nicht genügte. Da packte er feine sieben Sachen, machte bie Reste feines Vermögens zu Geld unb bestieg in Cherbourg bieEuropa", um in Kanaba ein neues Leben zu beginnen unb feine agrarischen Kenntnisse zu verwerten.

Das war nichts Besonberes unb in ber heutigen Zeit etwas burchaus Alltägliches. An Borb ber Europa" begann aber ber persönliche Roman bes ungarischen Auswanberers, unb zwar mit einem Vorfall, ber in irgenbeinem Buch gelesen, bestimmt unwahrscheinlich unb konstruiert anmutete. Im wirk­lichen Leben jeboch bestimmen häufig gerabe bie Un­wahrscheinlichkeiten Menschenschicksale.

Miß Elsy Allloson verlor also ihr teuerstes Klelnob: Ein Mebaillon mit bem Silbe ber ver- ftorbenen Mutter. Die junge Dame war trostlos unb ließ verkünden, daß fie dem ehrlichen Finder tausend Dollars auszahle. Eine helle Aufregung bemächtigte sich des ganzen Schiffes. Insbesondere die Passagiere der dritten Klasse gerieten geradezu in Aufruhr: für die Leute hätte der Finderlohn der reichen Ka­nadierin die Basis für ihre ganze Zukunft bedeutet. Ein aufgewühlter Ameisenhaufen suchte nach dem kostbaren Medaillon. Ohne Erfolg.

Zu den Nichtsuchern gehörte Herr von Satory. Er war an der Affäre uninteressiert. Nach Absol­vierung seines täglichen Spazierganges klappte er einen Liegeftuhl auf, um sich in ein Buch $u oer- tiefen. Aus dem Liegestuhl fiel ein kleiner, unschein­barer Gegenstand. Aus Gold. Satory be^ah stch den Anhänger: er war bas fieberhaft gesuchte Medail-

[an. Der Herr Oberleutnant nahm einen Briefbogen, abressierte das Schreiben an Miß Elsy Allloson, zur Zelt an Bord derEuropa", fügte dem Brief das Familienstück bei und teilte der Inhaberin mit, daß er in seiner Eigenschaft als ehrlicher Finder auf die Belohnung verzichte. Die selbstverständliche Folge dieser Kavaliergeste war natürlich, daß Elsy sich himmelhochjauchzend bei dem jungen Mann bedankte. Wenn die Bekanntschaft einer jungen Dame mit einem jungen Mann so beginnt, pflegen die jungen Leute meist Gefallen aneinander zu finden. Auch in diesem Falle. Bald waren Miß Elsy, bcr junge Un­gar unb bas oermittelnbc Mebaillon eine unzer­trennbare Dreieinigkeit. Elsy machte sich nicht viel baraus, bah ihr Verehrer nicht reich war, unb in Anbetracht ber jugenbllchen Frische unb Schönheit bes Mäbchens war auch bcr Magyare großzügig ge­nug, Miß Allloson zu verzeihen, baß ihr Herr Papa ausgebehnte Besitzungen in Kanaba unb auf ber Jnstl Jamaika besaß.

So fanb ber ehrliche Finber noch vor bcr Lan­dung in Kanada sein Glück. Allen Glücksjägern sei daher wärmstens empfohlen, auf Belohnungen zu verzichten in angebrachten Fällen! ...

In Bukarest fällt eS auf...

(ht) Bukarest.

daß ber rumänische Runbfunk eine großzügige Be- horbe ist, bie häufig rein beutsche zlbcnbc veran- ftaltet,

baß bie staatlichen Fahrpläne alle 14 Tage in aller Stille geänbert werben,

baß sehr viele (Schäube wohl angefangen, aber nur zu 80 Prozent fertiggebaut unb trotzbem bewohnt werben,

baß bie In allen Badewannen herumlaufenden großen Käser ganz harmlose Tiere sind unb baß niemand weiß, wovon sic leben. Nicht einmal bie Direktoren der besten Hotels,

daß man imKaffee" keinen Kuchen bekommt, daß man Kuchen in derEofetarie" ißt und dazu keinen Kaffee, sondern kaltes Wasser trinkt ,

daß es kein Adreßbuch gibt,

daß eine ArtEinwohnermeldeamt" erst seit ber deutschen Besetzung besteht, '

daß der Radiosender nur mittags, und abends von 6 bis 11 spielt,

daß man 10 Minuten vom Zentrum entfernt Zigeunerlager finden kann,

daß jeder Polizist wie ein argentinischer General in Paradeuniform aussieht,

daß es als unfein gilt, nachmittags mit einem Paket über die Straße au gehen,

daß der Straßenbahn-Anhängerwagen billiger als der Triebwagen ist,

daß in fast allen Geschäften deutsch gesprochen wird,

daß es kein Nachtleben gibt, auch wenn phanta- siebegabte Reporter es immer wieder behaupten,

daß in den zweiNepp-Lokalen" keine Rumänen, sondern nur diefremden dtrangers von auswärts" hochgenommen werden,

daß es mitten in der Stadt große sechsstöckige Autogaragen gibt,

daß in manchen Kinos vor jedem Platz ein kleiner Bonbonautomat angebracht ist,

daß man nur deutsche Lokomotiven sieht, daß Dienstmädchen, Kellner und Hoteldiener mit Du" angeredet werden,

daß Bukarest trotz allem nicht auf dem Balkan liegt und daß diese Behauptung einer persönlichen Beleidigung gleichkommt ...

Dauben auf dem Petersplatz.

(g) Rom.

Einigen Prälaten des Vatikans ist es mit Hilfe mehrerer Tierfreunde durch geduldige Arbeit gelun­gen, römische und päpstliche Tauben an den Peters- platz zu gewöhnen. Wie auf dem Obeonplatz in München ober in Benebig, Mailanb, Bologna, lassen bie weiß- unb buntgefieberten Fricbcnsvögel sich jetzt auch auf bem Petersplatz von ben Fremben füttern unb mit ihnen photographieren. Nicht, baß es in Rom keine Tauben gegeben hätte, aber bie Tauben, bie fo zahlreich an historischen Stätten nisten, wie etwa im Kolosseum ober auf dem Pan­theon, waren bisher scheu, suchten ihre ^aflLun8 draußen in der Campagna und mieden die Men­schen. Dor einigen Monaten begannen nun Tauben- freunde aus dem Petersplatz regelmäßig Futter zu streuen. Ganz allmählich bildete sich eine Gruppe von wagemutigen Tauben, die an ben ftornern, bie ihnen zwischen ben berühmten Arkaden Berninis geboten wurden, Geschmack sanden. Schließlich haben fie eingesehen, daß es bequemer ist, sich fertige Nah- rung auf dem Petersplatz reichen zu lassen, als sie mühsam in ber Campagna zu suchen. Das Beispiel wirft, und so wächst die Zahl der Petcrstaubcn stan- big. Diese Neuerung ist natürlich befonbers von ben Kindern mit Freuden begrüßt worden.

Einige Romer stellen übrigens tiefsinnige Be- trachtungen darüber an, daß bie klassischen milben Tauben ber ewigen Stabt nun degenerieren wür­den, wenn sie nicht mehr darauf angewiesen finb, selbst für ihre Nahrung zu sorgen. In bcr Tat konnte beobachtet werden, daß die ersten Tauben, die zutraulich wurden, nicht zu den klassischen Be-