Ausgabe 
16.6.1932 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 159 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (Seneral-Anzerger für G der Hessen)

Donnerstag, (b. Juni 1932

Stenographen-Tagung in Büdingen.

295 Teilnehmer am Wetlfchreiben.

Der Stenographenoerein 1898 Büdingen hatte für vorigen Samstag und Sonntag die Tagung de» Bezirks Gießen des Hess. -Nass. Ä u r 3 schriftoerbandes übernommen.

Am Samstag fand zunächst eine Unterrichts- leiterbefpredjung statt, in der Herr F. Balken (Gießen) die Formkürzuna der Redeschrift behandelte. An den Dortrag schloß sich eine leb­hafte Aussprache an. Um 20.30 Uhr folgte im Hotel Stern die Dertreterversammlung. Aus dem Bericht des Bezirksvorsitzenden K. H. Kuhl (Gießen) ging hervor, daß die Einheitskurzschrist immer weitere Fortschritte macht. Er wies besonders darauf hin, daß in den Schulen nach wie vor nur noch Unterricht nach der Einheitskurzschrift erteilt werden darf. Aus dem Bezirksgebiet haben vier Herren die staatliche Stenographielehrerprüfung in Darmstadt im abgelaufenen Geschäftsjahr bestanden. Der Rechner Ludwig Gravelius (Gießen) trug den Kassenbericht vor. Als Ort für den Bezirkstag 1933 wurde Bad-Nauheim gewählt. Der G e - samtvorstand wurde in der seitherigen Zu­sammensetzung wiedergewählt.

Ein Sonderzug und verschiedene Autobusse brach­ten am Sonntagmorgen große Scharen von Wett- schreibern aus den Kreisen Gießen, Friedberg, Schot­ten, Büdingen und Marburg nach dem malerisch gelegenen Büdingen. Die Prüfung und Wertung der 295 Wettschreibarbeiten erforderte eine riesige Arbeit. Dank der vorzüglichen Organisation konnte unter der Leitung des Prokuristen August Sie­bert (Gießen) mit seinen treuen Helfern das (Er­gebnis noch am Sonntag bekanntgegeben werden.

Nachmittags fand im Fürstenhof eine Versamm­lung statt, in der der Vorsitzende des Büdinger Ver­eins, Otto Schäfer, die Stenographen und Ver­treter der Behörden, Schulen und Organisationen begrüßte und auf den Wert der Stenographie hin- wies. Bürgermeister Dicmer begrüßte die Ste­nographen im Namen der Stadt. Regierungsrat Dr. L 0 tz sprach im Namen des verhinderten Kreis- direktors Dr. Gähner und der übrigen Vertreter der Behörden und wies darauf hjn, daß man die Stenographie in der heutigen Zeit überhaupt nicht mehr entbehren könnte. Professor W e i ß b a r t vom Ernst Wolfgang-Gymnasium sprach kurz über die Stenographie in der Schule.

Der Bezirksvorsitzende Kuhl dankte den Büdin­ger Schristsreunden für die viele Arbeit, die sie durch die Uebernahme der Bezirkstagung geleistet haben. Auch den Behörden und Schulen dankte er für ihre Unterstützung und den Spendern für die Ehrenpreise. Der Verbandsvorsitzende Werner,

Direktor des Landtagsamtes (Darmstadt), sprach dem Landesbildungsamt und den Schulen seine An- ertennung darüber aus, daß sie die Reichskurzschrift in so überaus reichlichem Maße förderten.

Bei den Klängen der Orchester-Vereinigung Bü­dingen unter Leitung ihres Kapellmeisters Büschel herrschte bald in dem großen Saal des Fürsten- Hofes frohes Leben und Treiben.

Oie Ergebnisse:

60 Silben.

1. Preis und Ehrenpreis: G. Müller, Gießen Ges.: H. Blum, Gießen Ges.; Klara Hirsch- mann, Büdingen.

1. Preis: Hch. Wilh Kappes, Hungen: Heinrich Drfel, Gießen Ges., Hilde Decker, Bad-Nauheim: Adam Krug, Gießen Ges.: Hermann Duill, Gießen Ges.: Cent Ditschler, Büdingen: Albert Klinket, Gießen Ges.: Heinrich Diehl, Gießen Verein 1861; Heinrich Heil, Hungen; Albert Weinandt, Großen- Linden; Emmi' Wahl Gießen Ges.; Otto Günther, Gießen Ges.; Ernst Port, Gießen Ber. 1861; Irm­gard Werner, Hungen, Karl Grimmel, Großen- Linden; Hedwig Wetzler, Schotten; Martha Marx, Hungen.

2. Preis: Karl Schäfer, Gießen Ges.; Joseph Lotte, Gießen, 1861; Wilh. Schäfer, Gießen Ges.; Karl Hans Rodenhausem Wieseck.

3. Preis: Maria Berndt, Gießen, Ges.; Ria Kaiser, Büdingen

80 Silben.

1. Preis und Ehrenpreis: Elisabeth Kla- hold, Marburg; Ludwig Ditschler, Büdingen; Karl Hofmann, Gießen 1861; Werner Schenk, Gießen 1861; Otto Keßler, Gießen Ges.; Heinrich Bittendorf, Wißmar, Gerda Rott, Bad-Nauheim; Resi Schede, Marburg.

1. Preis: O. Kampf, Gießen 1861, Rud. Gün­ther, Gießen Ges ; Marie Gerbig, Gießen Ges.; Anni itompf, Gießen 1861; Mia Hamel, Gießen Ges.; Arnold Auer, Gießen 1861; Willi Ernst, Gießen Ges.; Elfriede lennjnger, Gießen 1861; Karl Pepp- (er, Wieseck; Hans Fuhr, Gießen Ges.; Georg Heier, Bad Nauheim; Otto Mädel, Gießen Ges.; Emilie Schäfer, Hängen; Anna Siefert, Gießen 1861; Phi­lipp Schlamp, Gießen 1861; Hedwig Lehnhardt, Gießen Ges.; Anni Schmittdiel, Gießen 1861; Hein- rich Gehringer, Grünberg; Lina Degen, Grünberg; Martha Grunert, Bad-Nauheim; Walter Rumps, Butzbach; Elvira Spitaler, Friedberg; Lina Theiß, Grünberg; Otto Wilh. Kreuder, Grünberg; Mathilde Kauß, Grünberg; Sofie Bepler, Gießen 1861; Heinz

Tribute und Kriegsschuldfrage.

Don profeffor Larry Eimer Barnes

Wir bringen nachstehend einen Abschnitt au» einem Aufsatz 00a Professor Harry Eimer BarnesDer größte Betrug aller Zeiten", in dem der amerikanische Professor sich gegen weitere Reparationszahlungen Deutschlands ausspricht. Der Aufsatz erscheint In denBer­liner Monatsheften".

Die deutschen Reparationsleistungen stellen die Deutschland von den Verbündeten mit der Begrün- düng auferlegte Strafe dar, daß Deutschland vorsätz- lich und allein für den Weltkrieg die Verantwor­tung trage. Mit dieser Begründung wurde Deutsch­land genötigt, an die Verbündeten einen zur Deckung aller ihrer Zivilbevölkerung während des Krieges xugefügten Schaden, einschließlich der Kriegspen- fionen ausreichenden Betrag zu zahlen Die Schein- rechtfertigung für die Belastung Deutschlands mit dieser Bürde wurde in der berüchtigten Kriegsschuld- klausel des Versailler Vertrages (Art. 231) nieder- gelegt.

Der genaue Betrag her Reparationsleistungen wurde im Vertrage nicht festgelegt, wenn ihn auch ein hervorragendes Mitglied der britischen Dclcga tion mit $ 125 000 000 000 bezifferte. Im Jahre 1921 setzten die verbündeten Machte den genauen Betrag oer Reparationen auf 5 33 000 000 000 endgültig fest. Nachdem es über 25 000 000 000 Goldmark (über 8 6 000 000 000) ausgezahlt hatte, geriet Deutschland im Jahre 1922 in Zahlungsverzug. Frankreich be­setzte das Ruhrgebiet, d. h. den Kernpunkt der deut­schen Industrie. Der Dawes-Plan, der in dem aus der Be etzung entstandenen Chaos vorübergehend Ordnung schuf, enthielt keine Bestimmungen über den Gesamtbetrag, den Deutschland bezahlen sollte. Im Poung-Plan wurde eine neue Gesamtzah- lungsforberung festgestellt, die die frühere auf 8 27 641000 000 herabsetzte.

Großbritanniens Kriegsschuldjahresraten, zahlung an die Vereinigten Staaten beträgt etwa das Doppelte der Summe, die es von Deutschland erhält (8 86 800 000). Frankreich behält indessen die Hälste seines Reparationsanteils nach Leistung (ei­ner Zahlungen jowo!' an Großbritannien wie die Vereinigten Staaten ($90 500 000 von $209 500 000) ein. Unter dem Regime des Dawes-Planes behielt es weit mehr als 50 Prozent zurück.

Für die europäischen Länder besteht demnach ein direkter finanzieller Zusammenhang zwischen den Reparationen und den Kriegsschulden. Es ist jedoch vollkommen klar, daß sich keinerlei h i (torischer, moralischer oder juristi- scher Zusammenhang zwischen den ge­nannten beiden Sdjulbengattungen nachweisen läßt. Die Reparationsforderungen grün- ben sich auf ein in einem strafvollstreckenden Frie- bensoertrag enthaltenes moralisches Fehl- urteil Die Kriegsschulben aber ergeben sich aus gutgläubig gewährten Anleihen, deren Mehrzahl bereits vor Kriegsende hingegeben wurde

Es klafft demnach ein breiter Abgrund zwischen den moralischen Grundlagen der Kriegsschulden und der Reparationen. Wir Amerikaner haben heute eine höhere moralische Berechtigung zur lOOprozentigen Einforderung unserer Kriegsdarlehen als im Jahre 1919. In den letzten zehn Jahren sind uns die Augen darüber aufgegangen, wie schweren Täuschungen wir uns bezüglich der Weltkriegs- ziele der Entente hingegeben hoben. Diese Erkennt- nis hat die Grundlagen für jede von idealistischen Motiven diktierte Großzügigkeit unsererseits hin­sichtlich jeder wie auch immer gearteten Schulden- regelung zerstört. Und trostdem machen wir den Versuch, es uns an der Einziehung von weniger als der Hälfte des uns geschuldeten Gesamtbetrages genügen zu lassen

Das altersschwache Argument der Anhänger der Streichung der Ententeschulden, daß nämlich die Entente den Krieg für uns geführt und uns vor der Annektierung durch Preußen ge- rettet habe, haben die Forschungsergebnisse ber Historiker aller ßänber l ä n g ft gründlich ad absurdum geführt. _________

Auch wenn wir Immer noch nicht ganz darauf verzichtet haben sollten, die Deutschen als bösartige Gorilla» zu betrachten, ist die Tatsache nicht aus der öelt zu leugnen daß Frankreich um die Rück- eroberung Elsaß-Lothringens, Ruß­land um die Meerengen und Großbritannien um die Vernichtung de» deutschen Wett- bewerb» im Handel und zur See kämps- ten. Keines dieser Kriegsziele hat für die Bereinig­ten Staaten auch nur soviel Interesse, als die Rück­kehr des Staates Texas in den Besitz Merikos für irgendeines der Ententeländer haben würde. Die Berbünbeten haben auch nicht einen Augenblick dar­an gedacht, den Kriegfür uns" zu fuhren. Sie führten den Krieg für ihre eigenen Inter- elfen und zogen uns hinein, um die Kastanien für sie aus dem Feuer zu holen.

Die gleichen historischen Forschungsergebnisse haben die These von ber alleinigen Kriegs- schulb im Jahre 1914 in alle Winde zerstreut, wo­mit die gesamte moralische Begründung der Repa­

rationsforderungen in nichts zerfallt. Mit anderen Worten, die ganze Reparationspolitik der Entente gründet sich auf einen zweiten großen mo- ralischen Betrug, nämlich auf die Vorspiege­lung der angeblichen A 11ein0erant- wortlichkeit Deutschlands für den Weltkrieg. Denn wir uns bei unseren (Erörte­rungen ben Gesetzen der Logik der Vernunft und der Gerechtigkeit unterwerfen würden, dann würden wir die Beratungen darüber einstellen, wieviel Deutschland bezahlen kann. Wir wurden uns bann vielmehr der Frage zuwenden, warum cs über­haupt etwas zahlen sollte.

Das Verhalten ber (Entente-Staaten in ben die Kriegsschulden und die Reparationen betreffenden Fragen schließt somit einen dreifachen Betrug in sich. In erster Linie wurden wir bezüglich ber Zwecke, benen unsere großen Anleihen zugeführt werben sollten, betrogen. Zweiten» hat die En­tente den Versuch gemacht, sich der Zahlung dieser Schulden zu entziehen, die ursprünglich aus Grund eines moralischen Betruges ausgenommen wurden. Schließlich haben sie große Summen von Deutsch­land eingezogen, die auf dem Boden einer durch und durch betrügerischen und unhaltbaren Kriegs­schuldklausel im Versailler Vertrage erhoben wurden."

Bismarck als Ratgeber des Bayernkönigs Ludwigs II.

Au- unbekannten Briefen Bismarcks.

Wi< vertraulich do« Derhältnis zwischen Bis­marck und dem unglücklichen König Ludwig 11. von Bayern geworben war, das geht aus den unbekannten Briefen Bismarcks an Ludwig 11. hervor, die Karl Alexander von Müller in den ..Süddeutschen Monatsheften" veröffentlicht. Der große Staatsmann unterrich­tete den Herrscher von Zeit zu Zeit persönlich über wichtig« Fragen der Politik, und den un­mittelbaren Anlaß zu diesen Briefen bildete ge­wöhnlich sein Kuraufenthalt in Bad Kissingen. Der König begrüßte ihn auf bayrischem Boden und gewährte ihm alle Bequemlichkeiten.Aller- höchstdero huldreiche Fürsorge", schreibt Bismarck am 7. 3ult 1874,setzt mich in den Stand, die mir ärztlich empfohlene Einsamkeit jederzeit, schnell auszusuchen, und wenn freudige Eindrücke der iXur. wie man sagt, förderlich sind, so tragen nicht nur die schönen Wälder und die schönen Pferde Eurer Majestät zu dem Erfolg bei, son- dern vor allem di« Freude darüber, daß Sure Majestät mir die huldreiche Gesinnung bewah­ren." In den Schreiben findet der Dank für daS Verhalten des Dayernkönigs im Jahre 1870 und das bundesstaatliche Bekenntnis immer wieder Ausdruck, so am 3. April 1885, zwei Tage nach Bismarcks 70. Geburtstag, in den monumew- taten Worten:Die nationalen Erfolg«, denen ich in den jüngsten Tagen die ehrenvolle Anerken­nung der verbündeten Fürsten und einer großen Anzahl Ihrer Untertanen verdanke, wären un­erreichbar geblieben ohne den mächtigen Bet- stand Eurer Majestät. Die Erfahrung von zwei Jahrzehnten hat gezeigt, daß die Sinigfeit und die auf ihr beruhende defensive Stärke Deutsch­lands mehr von seinen Dynastien als von seinen Parlamenten zu erwarten hat: in dieser Wahr­nehmung allein schon liegt der Beweis dafür, daß das föderative Prinzip, in dessen Betätigung Eure Majestät die bestehenden 6m- richtungen sanktioniert haben, nicht nur der histo­rischen Gerechtigkeit, sondern auch der politischen Rühlichkeit entspricht."

In einem ausführlichen Bericht über die po­litische Lage im Sommer 1883 erblickt Bismarck

die größte Gefahr für den europäischen Frieden in der Haltung Rußlands.Linzweiselhaft würde der russische Friedensbruch und Angriff, wenn er Nattsindet", führt er aus,sich zunächst gegen Oesterreich richten, aber das Deutsche Reich wird seinen befreundeten Rachbar nicht im Stich lassen können, und den Angriff auf Oesterreich alS eigen« Sache ausnehmen müssen. Wenn es zu dieser beklagenswertsten Entwicklung käme, so ist nicht anzunehmen, daß Frankreich ruhiger Zu­schauer bleibt, wenn Rußland die deutschen Mächte angreift, auch ohne daß zwischen beiden ein verabredetes Bündnis bestände. Dagegen ist zu hoffen, daß Oesterreich in solchem Falle keiner Aufstellung gegen Italien bedürfen wird, wenn auch auf einem aktiven Beistand Italiens außer­halb seiner Grenzen kaum zu rechnen ist. Ich glaube keineswegs an einen baldigen Eintritt solcher bedauerlichen Eventualität, aber die Tat­sache bleibt bestehen, daß die Rolle, welche Frank­reich früher spielte, Europa durch Friedens­störungen au beunruhigen, auf Rußland über­gegangen ist, und daß niemand wissen kann, wann di« Leiter der russischen Politik den Augen­blick für gekommen halten werden, den fried­liebenden Minister von Giers, der den Deck­mantel kriegerischer Gelüste bildet, fallen zu las­sen und zunächst mit Oesterreich Händel zu su­chen." ..Denn auch die Beziehungen zu Frankreich friedlicher seien als zu irgend einer Zeit seit 1870. schreibt er 1885. würden wir. sobald wir mit einer anderen Großmacht erst desinitiv im Krieg wären, schwerlich darauf rechnen dürfen, daß irgend eine noch so friedliebende Regierung wie in Frankreich imstande fein würde, die Ration im Frieden mit Deutschland zu erhalten. Richt daß der Haß in den Mallen noch fo groß wäre: aber als Dorwand zur Agitativn gegen jede Regierung ist die Idee der Revanche noch kräftig genug, um das Land durch den Einfluß der Press« und der Rede in den Krieg zu stür­zen. sobald di« Gelegenheit und der Beistand einer andern großen Macht dazu verlocken. W:r vermeiden daher den Bruch auch mit England, ohne uns von letzterem gegen Frankreich benutzen zu lassen, wozu die Reigung nach alter Gewohn­heit allerdings sehr lebhaft ist." Roch in den letzten Tagen vor der Katastrophe, die zu der Entmündigung Ludwigs führte, wandte sich dieser in seiner Rot an Bismarck um Rat. der ihm daraufhin telegraphierte:Seine Majestät soll

sofort nach München fahren, sich seinem Dolke zeigen und selbst sein Interesse vor dem ver­sammelten Landtag vertreten." Dm diesen Rat zu befolgen, war aber die geistige Spannkraft des unglücklichen Herrschers nicht mehr groß genug.

Oie Kahri ins Blaue.

Don Herbert (Steinmann.

(Eine (Eifenbafjnbirehion Deutschlanbs kündigte kürzlich für die Reisezeit die Verwirklichung einer sehr netten unb für jeben Reifekünstler gerabezu begeisternden Idee an. Sie wirb in der Einführung sogenannterUeberraschungszüge" bestehen, b. h. Zuge, die irgenbwohin nach einem kleinen, aber landschaftlich schonen Ort gehen, ohne daß die Reisenden vorher über dieses Ziel unterrichtet werden.

Eine richtige Fahrt ins Blaue! Umwittert gerade genug von der Romantik des Ungewissen, um bas Abenteuerliche angenehm zu empfinben unb doch noch von beruhigender Zuverlässigkeit, denn auf unsere Reichsbahn ist Verlaß Ihr wird es nicht etwa einfallen, die arglosenUeberraschungszug- Passagiere" in irgend einer nahrungs- und vege­tationslosen wüsten Gegend auszusetzen.

Bravo, Reichsbahnbirektion! Selbst, wenn ber Gedanke nicht ganz neu ist in Europa. Denn in England gibts verreichen schon seit langem.

Zu Nutz unb frommen derjenigen, die auch dieser Kunst mit Genuß teilhaftig werden wollen, dürften vielleicht einige allgemeine Rotfchläge am Platze sein.

Zur Fahrt ins Blaue sollten sich nur möglichst gleichgclinnke Menschen zusammentun, die einander erprobt haben unb bie bas Ungewisse lieben. Menschen, die auch Unannehmlichkeiten, schlechte Nachlquarttere, grundlose Wege, dichte Gebüsche, schlechtes Essen und dergleichen Dinge, die abseits der Reisezivilisation existieren, nicht scheuen. Die Unannehmlichkeiten mit gesundem Humor ver- lochen unb zur späteren schmunzelnden Erinnerung aufbewahren.

Denn: auf gebahnten Straßen kann schließlich jeder wandern. Die Fahrt ins Blaue aber, ins Unbekannte, oft noch nicht Benannte, soll eine Ent­deckungsfahrt sein auf unbetretenen Wegen. Es gibt doch Io manche Stelle in unserem weiten Da- terlanb, bie selten eines Wanderers Fuß betrat

Medenbach, Gießen 1861. Liefet Schäfer, Bübingen; Elsc Jung, Grohen-Linben; Ferdinand Dörfner, Gießen Gcf; (Erna Dietz, Bad Nauheim

2. Preis Johanna Fabritiu», Bübingen. Hans Breibenbadj, Bübingen; Ludwig Kuhnemann Bü­dingen. Emely Schneider, Wieseck; Hermann Pauli, Bad-Nauheim.

3. Preis: Willi Horn, Bab-Nauhelm.

100 Silben.

1. Preis und Ehrenpreis: Adolf Schmidt. Wieseck; Lina Botz. Wieseck; Ihcobor Knaf. Bü­bingen; Grete Dehler, Gießen 1861.

1. Preis Gretel Jubith, Butzbach; Willi Freiberg, Gießen 1861; Ida Fetß Großen-Linden; Karl Schäfer, Hungen; Friedrich Gunkel, Bübingen; Georg Mann, Bübingen, Alfred Wisscmann, Gießen Ges.; SUi Schick Gießen Ges.; Friedrich Hildebrand, Wieseck; Hans Moller, Gießen 1861, Helmut Zeschky, Scholten; Elsa Rohm. Grünberg; Tilla Schmidt, Butzbach. Emma Reitz. Mücke; Anna Magold, Gie­ßen Ges.. Otto Krumm. Grünberg.

2. Preis: Otto Hahn, Butzbach. Heinrich Mo- thes, Bad-Nauheim. Reinhold Hahn, Grunberg: Luise Metz, Gießen Ges.; Emmy Roth, Gießen Ges.; Wilh. Becker, Wißmar; Liesel Reiber, Schotten; Käthe Schneller, Gießen 1861; Karl Hansen, Hun­gen; Klara Werner. Hungen; Ludwig Herbert, Gie- ßen 1861; Elfriede Kaiser, Wieseck; Wilhelm Doll, Bad-Nauheim; Luise Reinhardt, Gießen Ges

3. Preis: Gerda Hüter, Gießen 1861; Wilhelm Rullmann, Bübingen, Berta Stimpel, Bübingen; Walter Dpper, Friedberg; Minna Zimmermann, Gießen 1861; Ilse Schmoll, Gießen 1861; Lotte Koh- Hnger, Gießen 1861.

120 Silben:

1. Preis und Ehrenpreis: Han» Kohler, Friedberg; Wilhelm Honig, Gießen 1861; Friedel Großmann, Bübingen; Gertrud Schäfer, Gießen Ges., Karl Brse Gießen Ges.; Emmi Schäfer, Wie- seck.

1. Preis: Karl Nicolaus, Marburg; Emil Jost- Gießen 1861; Albert Best, Wißmar; Elise Daab, Hungen; Dina Heuser, Marburg; Gretel Muth, Mar. bürg; Wilhelm Weiß. Großen-Linden; Heinz Becker, Gießen 1861; Otto Wilhelm, Gießen Ges.; Friedel Holzmann, Marburg; Hanni Iacobsohn, Gießen 1861; Heinrich Volk, Gießen 1861; Willi Brückmonn, Gießen 1861, Maria Eckert, Bübingen; Wilhelm Hofmann, Gießen Ges.; Elli Jmmel, Gießen 1861; Kurt Horeyseck, Gießen 1861; Karl Marth, Gießen Ges.; Joachim Stübner, Bab-Nauheim; Irieba Do- ringer Wieseck; Hans Werner, Gießen 1861.

2. $ r e i s: Maria Derzbach, Gießen 1861, Alois Hahn, Bad Nauheim. Dora Kern, Gießen 1861; Ad. Mäser, Büdingen; Emil Hübner, Büdingen; Esse Leinweber, Gießen Ges.

140 Silben.

1. Preis und Ehrenpreis: (Elfe Buchheim, Marburg; Johanna Stübner, Bad-Nauheim; (Erna Reininger, Gießen Ges.; Theo Schwarz, Gießen Ges.; Wilhelm Paulus, (Hießen 1861.

1. Preis: Willy Lampert, Bad-Nauheim; Otto Wack, Gießen 1861; Karl Breidenbach, Bübingen; Heinricb Barth, Friedberg; Lissi Kröll, Friebberg; Stefan Smarzynski, Bab-Nauheim; Johanna Graf, Gieren Ges.; Heinz Strauch, Büdingen; Luise May, Bad-Nauheim; Ludwig Schon, Wilhelm Brück, Lina Hucke, sämtlich Gießen 1861; Käthe Demuth, Gießen Ges.; Margarete Brettor, Bad-Nauheim; Wilhelm Schardt, Gießen Ges.

160 Silben.

1. Pr«is undEhrenpreiS : Maria Horn, Bod-Rauheim; Ernst Eckhardt. Gießen 1861; Minna Gerbig. Gießen Ges.

1. P re i s : Konrad Heuser, Marburg; Johanna Bohl, Gießen Ges.; Friedrich DorgeS, Gießen 1861; Karl Berg, Gießen Ges.; Gertrud Müller, Elly RieS. beide Gießen 1861.

2. Preis: Liselotte Ehateau, Marburg; Karl Drücke!, Gießen Des.

3. PreiS: Friedrich Riedernhöser, Dad-Rau- heim.

180 Silben.

1. Preis und Ehrenpreis. Friedel Heinze, Friedberg.

2. Preis: Richard Strauch, Fritz Reh, beide Gießen 1861; Karl Preib, Dad-Rauheim

und bie das Kleinod ihrer Schönheit nur dem of­fenbart, der ernsthaft unb sehnsüchtig banach sucht. Das ist bann ber Sinn unb der Lohn der Fahrt ins Blaue. Zwei, höchstens drei sollen sich also zusammentun. Hinausziehen aus ihrem Ort und bald von der bekannten Straße abweichen auf heimliche unbekannte Wege und Pfade, an Dörfern und Weilern vorbei, die nicht berühmten Namen» sind. Die Wanderer sotten suchen unb rasten, wo sie mögen, unb ihren Mögen nach ber Sonne unb noch ber Gelegenheit stellen. Ober sie mögen mit bem ersten besten Zug vom Bahnhof abfahren, noch irgenb einer bedeutungslosen Station an der Strecke, und von dort aus ihr Wanderheil ver­suchen. Oder: man nehme eine Karte, möglichst großen Maßstabes, und werfe einen Blick in eine, schätzungsweise zu erreichende, beliebige Gegend. Irgend ein merkwürdiger selten gehörter Ortsname wird schon ins Auge fallen.Da müssen wir hin!" heißt's dann. Und nun wird die Karte nicht mehr angcschaut. Streng verboten! Man schlägt sich einfach bis zu dem Ort durch und möglichst ab­seits der großen Straßen.

Sonst gibt es keine weitere Vorbereitung, als die Mitnahme der gewöhnlichen Wanderousrüstung. Es versteht sich fast von selbst, daß man auf sol­cher Fahrt ins Blaue natürlich mit eisernen Ratio­nen, mit Taschenapotheke, elektrischen Lampen und dergleichen versorgt sein muß. Aber nur keine Der­zeitige Angst! Es passiert bestimmt nichts, wenn diese Dinge tatsächlich zur Stelle sind. Totsicher aber gibts Nasenbluten und wunde Kniescheiben, appe- titverschärsendes Lausen und dickste Finsternis, so­bald etwas von diesen nützlichen Gegenständen ver­gessen wird. Wos noch dazu gehört? Humor und Geduld und Lust zum Umhcrftreifen. Freude an eigenmächtigen, natürlichen Menschen. (Ein Blick für stille, keusche unentdeckte Naturschönheit und eine große Sehnsucht, sie zu finden. Sonnentage sind flüchtige Tage, die nur allzu schnell dahin- eilen. Man soll sie gut nutzen. Nicht vielen mag es gegeben fein, eine Fahrt ins Blaue unb damit ins Ungewisse zu versuchen. Und doch mag man­chem dieses Kapitel Reisekunst eine Anregung geben, Wanderungen auf dies Weise auszuführen. Vielleicht wird man viel Schönes, Neues und Wert­volles erleben, das unser Erinnerungsgut unend­lich bereichert

Wie es auch (ei: Viel Glück auf der Fahrt ins Blaue l