Ausgabe 
16.6.1932 Erstes Blatt
 
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Elisabeth

erobert sich das Glück Roman von Margarete Ankelmann Copyright by M. Feuchtwanger, Hall«.

11. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Nicht doch. Elisabeth, das ist er nicht. Ein Herrenmensch, gewohnt, seinen Willen durchzu­sehen. Das ist er. daran müssen sich alle ge­wöhnen. die mit ihm zu tun haben. Aber Sie willen ja, daß wir nicht allzuviel mit ihm zu­sammen sein müssen. Wenn es Frühjahr wird, dann wird er noch seltener kommen. Er hat dann auf dem Gut zu tun, und vor allem wird er sicher bald wieder irgendeine große Reise machen. Seine Besuche werden selten werden, und diese seltenen Besuche werden Sie schon überstehen nicht wahr, Kind?"

Lachend sah Frau Schelmer ihre Schutzbefoh­lene an. Elisabeth muhte jetzt selbst lächeln.

Wie kann man nur solche Angst haben vor einem Manne, Sie dummes Kind?"

Oh, Tante Schelmer, im allgemeinen bin ich gar nicht so furchtsam. Aber... wenn Herr von Lctertsburg mich so ansieht... als wolle er bis aus den Grund der Seele blicken... dann ver­schlägt es mir immer den Atem. Ich ärgere mich über mich selbst, aber ich kann es nicht ändern."

Nun, das wird sich geben, hoffe ich. Das ist alles nur so stark, weil Sie zum ersten Male in der Fremde sind, Elisabeth. Aber ich möchte so gern, daß Sie sich hier zu Hause fühlen, Und, Kind, wir sind jetzt so gemütlich zusammen Wollen Sie mir nicht etwas von sich erzählen? Bis jetzt wollte ich Sie noch nicht fragen; aber jetzt ist einige Zeit über allem vergangen, was Sie erlebt haben. Vielleicht tut es Ihnen gut. sich mit jemandem aussprechen zu können."

Oh, wie gut Sie sind, Tante Schelmer! Ich habe ja keinen Menschen sonst, der sich um mich kümmert seit mein Mütterchen tot ist. Das ist jetzt acht Wochen her. Ich habe alles mit Mutter verloren; ich habe die ganze Zeit über innerlich gefroren vor Alleinsein.

Dann bin ich zu Ihnen gekommen, Und als ich Sie zum ersten Male sah, als Sie zu mir sprachen, wußte ich, daß ich einen Menschen ge­funden hatte, daß Sie es gut mit mir meinten.

Frau Schelmer preßte das Mädchen innig an sich.

Ja. ich meine es gut mit Ihnen, Sie liebes, goldiges Geschöpf. Ich will versuchen. Ihnen die Mutter zu ersehen; ich will Ihnen immer helfen, so gut ich es kann. Gott hat mir eigene Kinder versagt, jetzt schickt er mir dafür gleich ein großes Mädel in die Arme. Elisabeth, wollen Sie mich

als Ihre mütterliche Freundin betrachten?Wollen

Elisabeth schluchzte auf, lehnte ihren Kopf an die Schulter der warmherzigen Frau.

Weinen Sie nicht mehr, Kindchen. Bedenken Sie, wie gut es Ihr Mütterchen hat, daß sie ausruhen kann von alledem, was das Leben ihr brachte. Auf Sie aber wartet das Leben, Elisabeth, wartet, daß Sie es meistern, Und nur der wird damit fertig, der mit frischem Mut darangeht, mit heiterem Sinn und mit offenen^ Augen. Sie müssen vorwärts sehen, nicht zurück. Danach müssen Sie immer handeln."

Frau Schelmer drückte einen Kuß auf Elisa­beths Stirn. Oh, wie wohl das tat, endlich einmal wieder einen Menschen zu spüren, eine mütterliche Liebkosung, zu wissen, daß da eine Frau war, die sich um einen sorgte.

Eigentlich war sie undankbar, wenn sie unzu­frieden war oder traurig. Das Schicksal hatte es gut mit ihr gemeint, besser, als sie es sich vor acht Wochen hätte träumen lassen.

Sie durste ihrer Musik leben, durfte lernen und arbeiten, Klavier spielen und Singen nach Herzenslust. Sie hatte ein schönes Heim, einen Menschen, der sie betreute. Sie hatte wirklich alle Ursache, froh und dankbar zu sein.

ilnö alles wäre ja auch gut gewesen, wenn dieser Mann nicht dagewesen wäre! Sie kam nicht los von ihm, ihre Gedanken kreisten um ihn, den ganzen Tag über.

Es war seltsam, wie wenig fie an Hubert Heilmann denken mußte. Es war fast, als ob er ausgelöscht, als ob er nie dagewesen wäre. Nur eine flüchtige Erinnerung an seine Liebkosungen, an seine Schwüre zogen manchmal durch ihr Him, und sie bedauerte nicht einmal, daß das alles vorbei war. Es mochte vielleicht doch nicht die richtige Liebe gewesen sein, die sie für Hubert gefühlt hatte. Sonst hätte sie ihn nicht so leicht vergessen können.

Achtes Kapitel.

Elisabeth hatte lange geschlafen. Sie war gestern nachmittag noch mit Frau Schelmer in der Stadt gewesen; beide hatten den weiten Heimweg zu Fuß zurückgelegt. Waren rechtschaffen müde ge­wesen, bald zu Bett gegangen.

Köstlich hatte Elisabeth geschlafen. Es war jetzt zehn Uhr. die Helle Wintersonne schien durch eine Ritze des Vorhangs. Heute war Sonntag, da brauchte sie nicht ins Konservatorium.

Elisabeth dehnte und reckte sich, sah sich dann im Zimmer um. Es erschien ihr immer noch wie ein Traum, daß sie in diesem reizenden Zimmer wohnen durfte. Alles war noch neu und ent­zückend wie am ersten Sage, an dem sie hierher gekommen war.

Dann stand sie auf, ging hinüber ins Bade­zimmer. Sie lieh sich lange Zeit zur Toilette. Es

war ein halb zwölf älhr, als sie hinüberging in die Wohnräume.

Oh, da kommt sie ja endlich, unsere kleine Langschläferin! Aber ich freue mich über Ihren guten Schlaf, Elisabeth. Ich hatte um neun Ubr nach Ihnen gesehen, da schliefen Sie noch so fest, daß kaum ein Kanonenschuß Sie hätte wecken können. Ein Zeichen, daß Sie innerlich ruhig ge­worden sind. So, und jetzt werden wir früh­stücken."

Während die beiden Frauen beim Frühstück sahen, klingelte es an der Wvhnungstür. Ein Bote war da, mit einem großen Strauß gelber Rosen für Elisabeth. Ein Brief lag bei, von Herrn von Eckertsburg, mit zwei Eintrittskarten zur heutigenCarmen"-Vorstellung. Herr von'Eckerts- burg würde sich erlauben, hieß es in dem Briefe, die Damen eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung abzuholen.

Elisabeth war es ganz heiß geworden. Sie verbarg ihr Gesicht in den Blumen. Er würde sie abholen ins Theater? Er schickte ihr Blumen! Warum schlug nur ihr Herz so wahnsinnig? Scheu sah sie zu Frau Schelmer hinüber.

Freuen Sie sich, Kindchen? Sie kommen doch zum ersten Male in ein so großes Theater?"

Ob... ja...!"

Es wäre Ihnen wobl lieber, wenn wir beide allein bingeben könnten? Soll ich Lothar anrufen, ihn bitten, nicht zu kommen?"

Nein, nein, das geht doch nicht! Da würde er furchtbar böse werden. Ich muh mich doch daran gewöhnen, mit ihm zusammen zu sein; da hilft

alles nichts."

Mit verstohlenem Lächeln beobachtete Frau Schelmer Elisabeths Gesicht. Sie war erfahren genug, zu sehen, was in dem Mädchen vor sich ging. Das war nicht Haß, was sich da wider­spiegelte. Das war nichts anderes als Liebe, eine scheue, uneingestandene Liebe, die sich langsam zum Erwachen vorbereitete. Hoffentlich merkte Lothar nichts davon; er würde über diese Liebe nur spotten, und das hatte Elisabeth nicht ver­dient.

Pünktlich eine halbe Stunde vor Vorstellungs­beginn fuhr Lothar von Eckertsburgs Auto am Hause vor. Elisabeth stand im Musikzimmer, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, während sie auf Lothar warteten.

Auf besonderen Wunsch Frau Schelmers hatte Elisabeth große Toilette gemacht. Anfangs hatte sie sich gesträubt, jene Kleider anzuziehen, die Frau Schelmer im Auftrage Lothars für Elisa­beth besorgt hatte. Sie wollte viel lieber ihre alten Kleider tragen, sie wollte auch vorläufig nichts anderes tragen als Schwarz.

Die Trauer liegt nicht in der schwarzen Farbe, Kind, das können Sie mir glauben", hatte Frau Schelmer erwidert.Sie machen Ihrer guten Mutter viel mehr Freude, wenn Sie das tun,

was Ihrem Fortschritt taugt. Sie müssen trachten, so gut als möglich auszusehen. Das gehört zu Ihrem Beruf, Und Ihre alten, unmodernen Fähnchen passen in Ihre Kleinstadt, aber nicht hierher nach Leipzig. Professor Walter, der es so gut mit Ihnen meint, hatte das alles mit meinem Neffen besprochen, ehe Sie zu uns tarnen.

Sie vergeben sich nichts, wenn Sie diese Klei­der tragen. Sie werden sehen, wie bald Sie sich wohl darin fühlen, wie gut Sie darin aussehen werden."

Elisabeth hatte sich gefügt, sich langsam daran gewöhnt, schick und gut gekleidet zu fein. Heute hatte sie zum ersten Male eines der Abendkleider angezogen, die man für sie gekauft hatte.

Es war ein grünes Spihenkleid, gerade und ganz schlicht gearbeitet, ohne irgendwelchen Aus- putz. Sie grüne Farbe wirkte wundervoll zu Elisa­beths blondem Haar, die gerade Form brachte ihren schmalen Körper zu reizvollster Wirkung.

Eckertsburg blieb überrascht an der Tür stehen, als er sie so sah. Ein schnelles Rot lief über sein Gesicht. Aber er sagte nichts.

Gleich daraus saßen alle drei' im Auto, das sie zum Theater brachte. Elisabeth war wie von einem Fieber gepackt. Zum ersten Male würde sie in einem richtigen, großen Theater sitzen, würde sie eine herrliche Opernvorstellung er­leben dürfen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt vor Erregung; sie hatte für eine Weile sogar Lothar von Eckertsburg vergessen.

Dann sahen sie in den tiefen Sesseln der Pro­szeniumsloge. Elisabeth wußte nicht, wohin sie zuerst blicken sollte.

Hm sie herum sahen festlich gekleidete Men­schen; es schwirrte und flutete hin und her. Da unten saßen die vielen, vielen Musiker und stimm­ten ihre Instrumente. So ein großes Orchester hatte Elisabeth noch nie gesehen.

Endlich erloschen die Lichter, das Summen der Menschen verstummte. Der Kapellmeister klopfte mit seinem Taktstock; eine tiefe Stille war ein» getreten, als der erste Ton aufklang.

Das Blut schoß Elisabeth zu Herzen, als die Ouvertüre begann, als die feurige, berauschende Musik an ihr Ohr drang. Ihr Atem stockte, als sie jene bekannten Melodien ernannte, sie sie selbst so oft gesungen hatte.

Lind bann, auf einmal teilte sich der Vorhang, ein buntes Bild erschien vor ihren entzückten Augen: spanisches Volk, -Soldaten, Kinder und Zigeuner tummelten sich auf einem Platze in Sevilla. Miceala, das Bauernmädchen, trat zu Jose ihm das Bild der Mutter zu bringen und einen Dank zu bekommen, und vielleicht sogar einen Kuß. Ioss aber hatte nur Augen für die schöne Zigeunerin, die mit seiner Liebe spielte...

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