20 Jahre Lichtspielhaus Gießen.
Am 19. Oktober kann das Lichtfpielhaus Gießen, eines der schönsten und modernsten Filmtheater Süddeutschlands, auf ein 20jähriges Bestehen zurückblicken. Die Vollendung dieser zwei Jahrzehnte der Gießener Lichtbildbühne ist Anlaß genug, einen Rückblick auf die Entwicklung dieses Unternehmens zu geben, das als Kulturfaktor, in unserer Stadt einen hervorragenden Platz einnimmt.
In der Eröffnungsanzeige der Gießener Licht- bildbühne im „Gießener Anzeiger" vom 18. Oktober 1912 betonte die Leitung des Unternehmens, daß sie dem Gießener Publikum ein
erstklassiges Lichtspieltheater
zur Verfügung stelle und keine Kosten gescheut habe, den Aufenthalt in dem Theater, unter Berücksichtigung aller Steuerungen auf dem Gebiete der Kinotechnik, so angenehm wie möglich zu machen: gleichzeitig wurde erklärt, daß man neben sorgfältig ausgewählten, einwandfreien Filmen auch den belehrenden Film zur Vorführung bringen werde. Schon vor 20 Jahren, als man in der Kinobranche noch weit von dem heutigen hohen Stand der technischen Leistungen und der Aufmachung des Theaters entfernt war, auch die Anzahl der Sitzplätze noch sehr erheblich hinter dem jetzigen Ausmaß zurückblieb, gehörte die Gießener Liärtspielbühne bereits zu den tonangebendsten und modernsten Unternehmen dieser Art in Deutschland. Das Bestreben des Besitzers A. Henrich war von Anfang an darauf gerichtet, mit der fortschreitenden Entwickluna der Filmtheater auf allen Gebieten gleichen Schritt zu halten. Diesen Bemühungen blieb der erhoffte Erfolg nicht versagt. Das Lichtspielhaus Gießen erwarb sich in der Gießener Bevölkerung immer mehr Freunde und hielt auch seine hervorragende Stellung unter den Filmtheatern Süddeutschlands aufrecht. Als der Tonfilm in Deutschland eingesührt wurde, war Herr Henrich einer der ersten deutschen Filmtheaterbesitzer, der sein Lichtspielhaus in Gießen mit einer Tonfilmapparatur ausstattete. Die Kinderkrankheiten des Tonfilms machten sich natürlich zuerst auch hier, wie in allen deutschen Filmtheatern, bemerkbar, aber dank des eifrigen Strebens der Lichtspielhaus-Leitung konnte die Vorsühvungstechnik des Tonfilms immer mehr verbessert werden, zum Vorteil des Unternehmens und zur Freude der Anhänger des Tonfilms. Bei der Gestaltung des Spielplans wurde darauf gesehen,
die Spitzenwerte der Filmproduktion dem Gießener Publikum so rasch und so vollzählig wie möglich vorzuführen.
wodurch die Geltung des Lichtspielhauses in der Öffentlichkeit immer mehr gesteigert wurde.
Das erfolgreiche Wirken des Lichtspielhauses, das von seinem Besitzer mit glücklicher Hand über die Knsgsjahre und die Schwierigkeiten der Nachkriegszeit, insbesondere auch über die Fährnisse der Inflation und der Deflation hinweggesteuert wurde, kam in steigendem Zuspruch des Publikums immer stärker zur Anerkennung. Um den Ansprüchen der Hlmtheaterfreunde nach jeder Richtung hin genügen zu können, wurde das Lichtspielhaus vor fünf
Jahren einem grundlegenden Umbau unterzogen. In wochenlanger Bauarbeit wurde an Stelle der unzulänglich gewordenen Räume auf dem Grundstück in der Bahnhofstraße
ein modernes Filmtheater großslädlischen Stils geschaffen, das zur Vervollkommnung der Lorsüh- rungstecbnik mit völlig neuen Apparaturen versehen wurde. Unter der Leitung des Architekten Burg wurde nach den Wünschen des Herrn Henrich eine Stätte des Films hergerichtet, die bei der Eröffnung im Oktober 1927 vor überfülltem Hause den vollen und bewundernden Beifall des Publikums fand, der ihr auch in der Folgezeit bis in die Gegenwart hinein erhalten geblieben ist. Mit der Geschäftsführung des Lichtspielhauses wurde an Stelle des Herrn Karl H o s vom Zeitpunkt der Neueröffnung ab der Direktor Herr Otto Geyer betraut, da der Besitzer selbst seine Arbeitskraft noch anderen Aufgaben in seiner Branche widmen muß. Unter der zielbewußten Leitung machte das Unternehmen in seiner neugestalteten Form Fortschritte. Insbesondere richtete der neue Geschäftsführer, Direktor Geyer, sein Hauptaugenmerk auf die Pflege eines gediegenen Programms. Nach wie vor wurde die Richtschnur befolgt, die großen Werke der Filmproduktion in unmittelbarem Anschluß an die Erstaufführungen in der Großstadt auch hier zu zeigen.
Daneben wurde aber eine besondere Pflege dem Kulturfilm zugewandt, da man sich zu dem Grundsatz bekannte, daß das Filmtheater nicht nur eine Statte der Unterhaltung, sondern auch ein Ort der guten Volksbildung sein müsse.
Dank der sorgfältigen Arbeit auf dem Kulturfilmgebiet, bei der die Leitung des Lichtspielhauses seit einiger Zeit auch die Mitarbeit des Goethebundes genießt, hat sich die Wirkung des Films in die Tiefe noch verstärkt, wofür der planmäßige Ausbau der Kulturfilmarbeit durch Direktor Geyer die Vorbedingungen schuf. Die Ausdehnung des Tätigkeitsfeldes des Lichtspielhauses nach dieser Richtung hin hat dem Unternehmen eine weitere Steigerung seiner öffentlichen Geltung und eine größere Ausdehnung seines Freundeskreises gebracht.
Der Besitzer A. Henrich, der kürzlich auf eine mehr als 20jährige Tätigkeit in der Filmbranche zurückblicken konnte, genießt im Fllm- und Lichtspielgewerbe großes Ansehen. Vor einigen Jahren wurde er zum Ehrenvorsitzenden des Landesverbandes der Lichtspieltheaterbesitzer von Hessen und Hessen-Nassau, Sitz in Frankfurt a. M., ernannt. Aber auch außerhalb des Kreises seiner Berufskollegen wird dem strebsamen und liebenswürdigen Manne allgemeine Wertschätzung entgegengebracht. Mit Befriedigung kann er am Ende der beiden ersten Jahrzehnte des Lichtspielhauses Gießen auf sein Werk zurückblicken, und mit gutem Mute kann er der weiteren Entwicklung des Unternehmens unter der jetzigen rührigen Geschäftsführung entgegensehen. Ein anspornender Auftakt für weiteres gedeihliches Schaffen wird die F e ft w o ch e fein, die am Iubiläumstage, Mittwoch, 19. Oktober, mit einer Festoorstellung eingeleitet wird.
Aus -er provinzialhauptfladt.
Gießen, den 15. Oktober 1932.
*Weh dem, der keine Heimat hat.^
Es ist wohl überall so, daß uns auf allen Wegen Gestalten begegnen, die sich wie schutzsuchend vor der allmählich beginnenden Kalte fester in ihre dünne Kleidung hüllen. Das Leben dieses Sommers war hart. Arbeitslosigkeit überall, Wohnungsnot überall. Der Mutter bangende Sorge, die Lieben warm zu betten, des Vaters Dingen ums tägliche Vrot und ein bergendes Heim, es war vielfach vergeblich. Die Zeit stößt Menschen hinaus auf die Straße, die nicht dazu geboren schienen, einst straßauf und straßab zu wandern und von fremden Menschen Mitleid zu erbitten.
Der Wille helfen und der Wunsch, helfen zu können, sind ja überall rege, aber die Not Hatz Formen angenommen, von denen man ohne eine Statistik vielfach keine Ahnung hat. Lind selbst nackte, tote Zahlen geben noch lange nicht die einschneidenden Zustände wieder, die in den einzelnen Fällen oft zu schweren Tragiken ausgeartet sind.
Wenn sich jetzt die Wärmehallen und Ob* dachlosenashle wieder für die Wintergäste vorbereiten, dann ist dies wohl für die Armen eine Zuversicht, die auf Tage oder einige Stunden am Tage warme Räume verspricht, auch wohl für müde Glieder eine Lagerstatt und einen Löffel Suppe, um dem Magen eine Aufmunterung zu geben, doch — es ist nur tageweise, und dann heißt es wieder den Kampf ums Leben in Hunger, Kalte und oft ohne Obdach weiter zu kämpfen.
Es wird gewiß vieles getan, auch von privater Seite, und doch muß einem bangen, denn die Mittel sind vielfach zu gering, um eine „Hilfe" sein zu können: es ist immer nur eine „Abwehr des Schlimm st en". Wer darum in der Lage ist, geben zu können, der soll, au$ wenn es in kleinem Maße ist, jetzt in der schlimmen Jahreszeit nicht Herz und Tür vor der Armut verschließen, sondern weiterhelfen, und sei es auch nur eines Schrittes Länge. So lange uns die Wärme einer Wohnung umfaßt, so lange wir noch satt werden am Tisch, laßt uns immer an das Wort denken: „Weh' dem, der keine Heimat hat...“
Oberhessischer Kunstverein.
Dom Oberhessischen Kunstverein wird uns geschrieben: Sonntagmorgen von 11 bis 13 Llhr ist die Ausstellung der Arbeiten von Dr. Walthari Dietz, Frankfurt, zum letzten Male geöffnet. Es sei deshalb auf das „Lebendige Foto" nochmals besonders hingewiesen, das in mehr als 300 Aufnahmen, die, wie de- starke Besuch bewiesen hat, von vielen Seiten mit großem Interesse besichtigt worden sind, die große handwerkliche Kunst eines Fotografen gezeigt hat.
3n der kommenden Woche ist der Ausstellungsraum geschlossen. Am Sonntag, 23. Oktober, eröffnen 4 Künstlerinnen ihre sehr verschieden gestaltete Ausstellung, und zwar: Agnes von Bülow, Brüssel, Luise K l e m p t, München, Gabriele M ü n t e r, Murnau, und Sulamith Wülfing. Elberfeld. Für diese Ausstellung sind die Besuchszeiten vermehrt worden, und zwar kann sie auch an Wochentagen, Dienstags und Don- nevstags, von 15 bis 17 Llhr, besucht werden.
Date» für Samstag, 15 Oktober.
1582: Einführung des Gregorianischen Kalenders: — 1804: der Maler Wilhelm von .Kaulbach in Arolsen geboren; — 1844: der Philosoph Friedrich Nietzsche in Röcken bei Lützen geboren: — 1924: das Luftschiff LZ 126 landet unter Eckeners Führung nach 70^stündiger Fahrt in Lakehurst.
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** Heute keine Schülervorstellung im S t a d t t h e a t e r. Die Intendanz des Stadttheaters teilt mit. daß sie wegen der heutigen Hin- denburgfeiern in den Schulen und mit Rücksicht auf die gegenwärtig noch andauernden Ferien vieler auswärtiger Schulen, zahlreichen Bitten entsprechend, die für den heutigen Samstag angesetzte Schülervorstellung „Egmont" auf Sonntag, 23. Oktober, 18.30 Uhr, verschoben hat.
* * Die Besuchszeit der Museen. Das Oberhessische Museum im Alten Schloß, das Völkermuseum, die Gemäldesammlung und das Kriegsmuseum im Reuen Schloß sind am Sonntag zwischen 11 und 13 Llhr geöffnet.
* * Fahrteneinschränkung derKraft- posten Gießen — Wieseck — Alten-Du- f e ck. Vom Postamt Gießen wird uns mitgeteilt: Infolge Verschiebung des Beginns und des Endes der Arbeitsschichten ist eine Abwanderung der Fahrgäste aus den bisher frühesten und spätesten Kraftposten in die übrigen Fahrten eingetreten, so daß nach den neuesten Verkehrs- ermittelungen folgende Fahrten der Kraftpost Gießen—Wieseck—Alten-Buseck vom 17. Oktober ab aufgehoben werden muhten: W ab Wieseck 5.40 nach Alten-Buseck, W ab Alten-Buseck 5.53 nach Gießen, W ab Wieseck 7 nach Gießen, W ab Gießen Walltor 7.22 nach Wieseck, W ab Wieseck 15 nach Gießen, W ab Gießen Walltor 15.45 nach Wieseck, 8 ab Alten-Buseck 20.45 nach Gießen, 8 ab Gießen Bahnhof 21.15 nach Wieseck. täglich ab Wieseck 21.35 nach Gießen und täglich ab Gießen Bahnhof 22.33 nach Wieseck.
* * E i n Achtzigjähriger. Am Montag. 17. Oktober, kann der Lokomotivführer i. R. Wilhelm Ludwig, wohnhaft in Wieseck, in voller geistiger und körperlicher Frische seinen 80. Geburtstag feiern. Der Jubilar wohnte nahezu 60 Jahre lang in Gießen.
* S ilberne Hochzeit. Die Eheleute Schneidermeister Theodor G e r l a ch, Alicen- straße 22, begehen am Montag, 17. Oktober, ihre Silberne Hochzeit.
* * Der „Hubertus", Verein weidgerechter Jäger, Sitz Gießen, hielt seine Monatsversammlung, wie man uns berichtet, am Mittwoch im „Hessischen Hof" ab. Rach Bekanntgabe von Reuaufnahmen und Reuanmeldungen erstattete der Vorsitzende Bericht über den erfolgreichen Verlauf der Verbandsgebrauchssuche, durch die erneut der hohe Stand der einheimifchen, von dem Verein seit seinem Bestehen geförderten Gebrauchshundezucht bewiesen wurde. Lieber die Versammlung des Bezirks-Vereins Oberhessen des ADID. am 8. Oktober in Gießen berichtete Studienrat H ö l z e l, der auch zum Vertreter für die Hauptversammlung des Landesvereins Hessen des ADIV. ernannt wurde. Besprochen wurden ferner die bevorstehende Hubertusseier, ein Vortrag eines Afrikaforschers und Kolonialjägers, dann die Verhältnisse auf dem Wild- und Rauchwarenmarkt. Die verschiedenen Schon- und Schuß-
T zelten in Hessen und Preußen, der hohe, die Gemeinden vor allem schädigende hessische Iagd- pachtstempel, der viel zu hohe Preis für den Iagdpah gaben Anlaß zu lebhafter Aussprache. Rach Beendigung der geschäftlichen Tagesordnung behandelte Herr Aug. Pascoe das Thema: „Herbstjagd", wobei er vor allem die jagdwirtschaftlich vorteilhaftesten Iagdarten und Jagdzeiten von Hase, Fasan und weiblichem Rehwild in den Vordergrund rückte. Der Vortrag wurde durch eine angeregte Aussprache ergänzt.
Oie spinale Kinderlähmung in Hessen.
Falsche und übertriebene Vorstellungen.
WSR. D a r m st a d t, 14. Oft. Don amtlicher Stelle wird mitgeteilt: Das Auftreten der fpi'nalen Kinderlähmung hat eine gewisse Beunruhigung in der Bevölkerung hervorgerufen, da über die Zahl der Erkrankungen und den Umfang ihrer Verbreitung völlig fal - sche und übertriebene Vorstellungen herrschen. Von einer „Epidemie" kann in Hessen überhaupt nicht die Rede sein. Fälle von Kinderlähmung sind auch in früheren Jahren zur Herbstzeit immer schon beobachtet worden. So liegen diesmal nur vereinzelte Fälle, hauptsächlich in Landgemeinden, vor. Insgesamt sind bisher aus O b e r h e s s e n 18, aus Starkenburg 8 und aus Rheinhessen nur 3 Fälle gemeldet worden. Tödlich verlaufen sind von den genannten Fällen bisher vier. Von größter Bedeutung sei es. so wird weiter erklärt, daß die
Erkrankung schon vor Eintreten der Lähmung zur Feststellung kommt und der Arzt bei verdächtigen fieberhaften Erkra« kungen der Kinder möglichst frühzeitig zu Rate gezogen wird.
Sturm verhindert den Start von Oo X.
WSN. Frankfurt a. M., 14. Okt. Heute um 14 Uhr sollte der Start des bei der Staustufe bei Griesheim vor Anker liegenden Riefenflugschiffes Do X nach Wiesbaden-Schierst e i n erfolgen. Der seit gestern herrschende starke Südmeststurm veranlaßte aber den Kommandanten, Kapitän E h r i ft t a n f e n , das Flugschiff bis zum Eintritt besseren Wetters noch in Frankfurt zu belassen.
Briefkasten der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)
ft. 78b. Sie können das Gut auf Ihre noch minderjährige Tochter überschreiben lassen, bedürfen jedoch hierzu die Genehmigung des für Sie zuständigen Vormundschaftsgerichts (Amtsgerichts). Vielleicht erklärt dieses auch auf Ihren Antrag hin Ihre Tochter bei deren Alter für volljährig. Wenden Sie sich in jedem Falle an das Vormundschaftsgericht, das nach Prüfung 'ber Verhältnisse seine Entscheidung treffen wird.
Sprechstunven Der Redaktion.
11.30 bis 12.30 Uhr. 16 bis 17 Uhr. Samstag nachmittag gefdjloffen.
350 Zähre Gregorianischer Kalender.
Eine Zubiläumsbetrachtung zum 15. Oktober 1932.
Von H. Eckerts.
In der Staatsbibliothek in Berlin ist „Der älteste gedruckte deutsche Kalender" zu bewundern, vielmehr die gewaltigen Holztafeln, mit seltsamen Kerben und Schnitzereien bedeckt, mit Zeichen und Tierbildern und sehr sonderbaren Buchstaben, von denen der Kalender gedruckt wurde. Er trägt die stolze Zahl von 1439 und ist errechnet und geschnitzt von Herrn Johannes deGamundia, Hans von Gmünd, der den Ruhm genoß, ein weiser Mann, ein Mathematiker und Tierarzt zu fein. Seine Leistung war und ist einzigartig, wenngleich auch Regio- m o n t a n u s schon 35 Jahre später auf ähnliche Holztafeln eine „Anweysung für jedermann, die Täg und Jahr zu messen" schnitt. Lind Knobloch h e r und Pflaum gingen gar so weit, den „immerwährenden Kalender" für dazumal und alle Ewigkeit herzustellen. Cs sind zwar „Daurenkalender", aber wir verstehen uns heute nicht ganz leicht darauf, sie zu lesen. Leichter ist es schon, sich in dem Iahreskalender des Herrn Pepyus zurechtzufinden, der 1513 in Rürnberg erschien. Die Daten sind kaum fa wichtig, wie die vielen „Praktiken", die die Seiten füllen. Man liest da haargenau, an welchem Tage es sich empfiehlt, sich zu rasieren, zur Ader zu lassen und Spritzen zu gebrauchen, und daß man um's Himmels willen des Samstags keinen Knoblauch essen solle. Lind gar der hundertjährige Kalender oes Abtes Knauer ist eine Fundgrube für alle die, die nach Aberglauben und astrologischen Zeichen suchen.
Warum aber eigentlich 1. Januar und warum „Kalender"? I u li u s C ä s a r ist daran schuld. Vor seiner Zeit herrschte eine bemerkenswerte Verwirrung in den verschiedenen Systemen, die Zeit zu bestimmen. Die Griechen feierten den Jahresbeginn zu manchen Zeiten bei der Herbstnachtgleiche in anderen Jahrhunderten zur Winteroder Sommersormenwende. Im alten Rom beging man das Reujahrsfest vor Julius Cäsar am 1. März, und die Juden hatten von Anbeginn ihrer Zeitrechnung an bis zum heutigen Tage den Reumond zum Reujahrstag gewählt, der dem Herbstäquinoktium zunächst liegt. Also den Reu- mond im September oder Anfang Oktober.
Julius Cäsar entschied: das Jahr beginnt am 1. Januar, Calendae heißt der erste Tag jedes Monats, Punktum. Das war 46 Jahre vor Christi Geburt. Kaum aber schloß Cäsar zwei Jahre später die Augen, als schon von ßeuten, die die Sache nicht verstanden hatten, die saubere Zeitrechnung wieder in Llnordnung gebracht wurde, bis Augustus 8 Jahre nach Christi Geburt wieder etwas Ordnung in die Angelegenheit brachte. Bis 1582, wo Papst Gregor XIII. seine berühmte Reform durchführte, nahm der alte Cäsarenkalender die christlichen Feste und Heiligen-Ramen auf, und zeigt sich nun in veränderter äußerer Gestalt.
Die Grundlage aller Kalender ist die Sonnenbahn und die Mondbahn, die „Monde", die Tage und Rächte, die Jahreszeiten und die Wiederkehr der verschiedenen Sternstellungen. Die alten Aeghpter hatten schon das Sonnenjahr wie wir, mit 365 Tagen zu 12 Monaten zu 30 Tagen und fünf Ergänzungstagen. Die Griechen hingegen, vermutlich auch vor ihnen die Babylonier, rechneten nach glatten Mondmonaten, 12 Monate
im Jahr, je 6 Monate zu 30, je 6 weitere zu 29 Tagen. So entstand das Jahr zu 354 Tagen, und man muhte alle paar Jahre die fehlenden Tage durch einen Schaltmonat hinzufügen. Es war eine schöne Verwirrung, zumal eine Reihe von klugen Leuten sich über Verbesserungen den Kopf zerbrach. Da gab es Anhänger der Kallip- pischen Periode, die alle 76 Jahre einen Tag ausfallen ließen, und Verehrer der Hipparchischen Periode, die die Verkürzung nur alle 304 Jahre vornahmen. Da unterschied man zwischen dem „Bürgerlichen" und dem „Raturjahr", zwischen Mondzirkeln und Sonnenkreisen, und auf einen Synode entschloß man sich gar. die Zeitrechnung der Erde in große Epochen zu 3200 Jahren einzuteilen. Alle 3200 Jahre mußte eine einschnei- oende Veränderung vorgenommen werden, darüber wurde viele Mondzirkel lang beraten. Obwohl die Frage doch kaum aktuell zu nennen war.
Auch Julius Cäsars Reform war kaum umwälzend, bis Papst Gregor XIII. im 16. Jahrhundert auf vielen Konzilen unter Mitarbeit der größten Gelehrten der damaligen Zeit die Grundlage unseres heutigen, gregorianischen Kalenders schuf. Daß auch er mit seinen Schaltjahren, mit seinem verkürzten Monat Februar nicht vollkommen ist, beweisen die zahl- losenReformvorschläge, die heute an bett Tagesordnung sind. Die Einführung des neuen Kalenders sollte mit strengsten Maßnahmen erfolgen, es war aber nicht immer in dieser Form durchführbar. Am 15. Oktober 1582, vor genau 350 Jahren, trat der gregorianische Kalender in Wirksamkeit: die letzte christliche Gemeinde der damaligen Zeit. Graubünden, bekannte sich 1810 dazu. Im Jahre 1700 übernahm auch Deutschland den Kalender ganz offiziell. Es erging das Gesetz, daß in diesem Jahre auf den 18. Februar sofort der 1. März zu folgen habe. In der Zwischenzeit herrschte eine Art babylonischer Zeitverwirrung. Cs liefen in zwei benachbarten Ländern mindestens zwei verschiedene Kalender nebeneinander her, so daß die Angabe eines Datums meist in Form eines Bruches erfolgte: beispielsweise 18./28. Juni 1648.
Im Erzbistum Trier lebte man im „Marien- jahr", das am 25. März. Mariä Verkündigung, begann. Cs wurde allgemein als Entweihung angesehen. dieses Datum aufzugeben. Ganz ähnlich verhielt es sich am Obermain, wo man im „Oster- oder Paschaljahr" den Karfreitag als Jahresbeginn feierte. Am weitesten verbreitet toatt das „Rativitätsjahr", das den Weihnachtstag zum ersten Tag des Jahres stempelte. Lind als man endlich die Stellung des neuen Kalenders nach dem kaiserlichen Dekret im Jahre 1776 gefestigt glaubte, da brach die französische Revolution aus und nahm, zum Glück nur vorübergehend. den 22. September als Jahresbeginn an.
Heute ist Oer Gregorianische Kalender Allgemeingut fast der gesamten Kulturwelt. Japan und Korea schlossen sich der westlichen Zeitrechnung bereits vor vier Jahrzehnten an, während Rußland im Jahre 1918 den gregorianischen Kalender einführte. Die jüngste Anhängerin des Kalenders ist die Türkei, die erst im Jahre 1927 zu ihm überging.
Buntes Allerlei.
42 Zahre als Leuchiiurm-Wcirierin.
Als die tapferste Frau in Frankreich wird Marie-Perrine Durand gefeiert, die jetzt mit 80 Jahren ihren Posten als Leuchtturm-Wärterin aus der Insel Brehat an der Küste der Bretagne auf gegeben hat. 42 Jahre hat Frau Durand die mächtigen Lichtwellen über das weite Meer hinausgefandt. die an dieser gefährlichen und stürmischen Küste den Schiffern zur Warnung und Orientierung dienen. Seit ihr Mann, an dessen Stelle sie trat, vor 42 Jahren starb, hat sie täglich die 70 Stufen zur Turmspitze er- klommen und die Riesenlampen in Ordnung gehalten, nur von ihrer Tochter unterstützt. Die greife Leuchtturm-Wärterin weiß aus ihrem Leben viele Geschichten von grausigen Llnglücks- fällen zu erzählen, wenn sie das Sinken der Schiffe in der Rächt beobachten mußte und durch das Heulen des Sturmes die Derzweiflungsschreie der Ertrinkenden hörte: aber sie hat auch freudige Erlebnisse gehabt, wenn die Schiffe in Seenot den Leuchtturm sichteten und glücklich ihn erreichten, um gaistfreundlich dort ausgenommen zu werden. „Ich legte nach dem Tode meines Mannes ein Examen ab“, so erzählt Frau Durand in einem Pariser Blatt, „und wurde die erste Frau in Frankreich, die damit beauftragt wurde, den Dienst in einem Leuchtturm zu versehen. Manchmal war es nicht leicht, die Lampen des Nachts immer brennend zu erhalten. Vor
zwei Jahren, als meine Tochter gerade fort war, bekam ich einen Anfall von Blinddarm-Entzündung, aber trotzdem kroch ich die 70 ©ranrtftufen auf Händen und Knien mühsam hinauf, um meine Arbeit zu verrichten. Während des Winters schlagen riesige Sturzwellen über das Wärterhaus am Leuchtturm hin, und wenn ich durch die von den Wellen benähten Fenster blickte, dann fuhr ich oft instinktiv zurück, wenn eine solche Riesenwoge sich aufbäumte und das ganze Haus zu verschlingen schien. Während des Krieges wurde ein Schiff dicht vor dem Leuchtturm von einem Llnterseeboot versenkt. Ich sah im Schein der Lichtstrahlen die armen Jungens über Bord ins Meer springen. Auch andere Schiffe tauchten in solchen Sturmesnächten plötzlich auf und zerschellten an den Felsen zu Trümmern." Frau Durand war vom Staat mit der Ausbildung von fünf anderen Frauen, unter denen sich ihre Tochter befand, zu Leuchtturm-Wärterinnen beauftragt.
380 Millionen ledige Krauen.
Nach den neuesten ftatifüfd^n Angaben beträgt die Zahl der unverheirateten Frauen in aller Welt nicht weniger als 380 Millionen. Es ist interessant, daß diese Zahl feit dem Kriegs, ende bereits um ein Beträchtliches gesunken ist, denn damals gab es über 400 Millionen unverheiratete Frauen. Gleichzeitig bestätigt die Mufftet« lung, daß Männer zur Ehe Frauen bevorzugen, die noch nicht das 30. Lebensjahr erreicht haben.


