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15.10.1932 Erstes Blatt
 
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m. 243 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 15. Oktober 1952

mit innerer Güte. Ihr Vorzug ist lediglich ihre Festigkeit, ihre zähe Schale und ihre Saftarmut, die verhindert, daß der amerikanische Apsel beim Transport faule Stellen bekommt.

P i r m a s e n s in der Pfalz ist die Hochburg der deutschen Schuhmacherei. Wir ha­ben immer noch eine Einfuhr ausländischer Schuhe von rund 1 Million Paar im Jahr. Da­bei ist die Hälfte der deutschen Schuhfabrikarbeiter arbeitslos. Die ausländische Massenware ist nicht einmal billiger als der gleichwertige deutsche Schuh. Wir haben in Deutschland erstklassige Rohstoffe und die bestausgebildeten Facharbeiter.

Rhein- und Mosellande und das deutsche Saargebiet nicht zu vergessen: Trinkt deutschen Wein aus allen deutschen Weinbaugebieten! Er ist immer gut. preiswert und bekömmlich.

Frankfurt a. M.: Deutschland hat die höchst entwickeltste chemische Industrie der Welt. Daher steigt auch von Jahr zu Jahr in Deutschland und im Auslande die Achtung vor den deutschen Seifen und Parfümerien.Zum guten Ton" gehört heute der Gebrauch deut­scher Parfums und Seifen. Ausländische Kosmetiken machen zwar in unserer Gesamtein­fuhr keinen hohen Posten aus, aber es kommt auf das Beispiel an. Gerade die Gesellschafts­klassen, die noch für ihre Körperpflege kaufen können, was gut und teuer ist, müssen durch die Tat beweisen, daß sie deutsche Erzeug­nisse allen anderen vorziehen.

Rur einen kurzen Streifzug haben wir mit diesem Führer durch die deutschen Erzeugungs- aebiete unternommen; der Inhalt der kleinen, lesens- und beherzigenswerten Schrift ist damit nicht erschöpft. Sie gibt nicht nur den Frauen, sondern allen Verbrauchern ein gutes Bild der deutschen Wirtschaftsnote und zeigt einen Weg zur Hilfe.

Kaust deutsche Ware!

Ein Streifzug durch die deutschen Erzeugungsgebiete.

DerVolkswirtschaftliche Aufklärungsdienst", E. V., Berlin SW 11, bringt in der Reihe seiner Schriften jetzt ein Heft 4 heraus, in dem Dr. Sigurd Paulsen unter dem MottoDenk deutsch kauf deu tsch", einen Reise­bericht über die deutschen Erzeugungs- gebiete erstattet, in dem er jeweils Reisende in Gesprächen sich über die deutschen Waren und die Rotwendigkeit, sie der Auslandware vor- zuziehen, unterhalten läßt. Die leichte Form dieser Gespräche macht die trockene volkswirt­schaftliche Materie schmackhaft und bringt sie dem Verständnis näher. Run wollen wir einmal die Hausftauen von Ost nach West und von Süd n^ich Rord aus dieser Reise mitnehmen und wenigstens über die Waren etwas hören lassen, die sie in erster Linie angehen und von ihnen gekauft werden. In der Lausitz erfahren wir über die Kartoffel, daß die Lausitzer Bauern schon in der zweiten IunihälfteReue Kartoffeln" denen anbieten, die sich nicht mehr mit der vorjährigen Ernte begnügen wollen die Einfuhr der Reuen oder derMalta" ist also für die deutsche Hausfrau entbehrlich.

Am Magdeburg herum wächst die Z u ck e r- rübe. Hier erfahren wir: Der Zuckerverbrauch ist in Deutschland immer noch erheblich geringer als in manchen anderen Ländern, z. B. in den Vereinigten Staaten. Die Hausfrau möge vor allem bedenken, daß Zucker leicht verdaulich und daher ein schneller wirkendes Kräftigungsmittel ist, als schwerverdauliche Fett- und Eiweihstoffe. Bei anstrengender Arbeit, auf Wanderungen und beim Sport erhöht er die Ausdauer. Das mag der Grund sein, warum sein Verbrauch beim sportliebenden amerikanischen Volk so hoch ist. Wir könnten vor allen Dingen in Deutschland unseren Winterbedarf an Obst durch eingemachte Früchte zum größeren Teile decken als bisher. Der deutsche Zucker soll dem deut­schen Obst zum Verbrauch im eigenen Lande helfen.

In Sachsen besuchen wir die deutsche Tex- til-Industrie. Zuerst, liebe Hausfrau, er­fahren wir, daß mehr als 4,5 Millionen Mark jährlich für ausländische Handarbeitsgarne ge­zahlt werden. Das deutsche Handarbeitsgarn ist aber durchaus hochwertig.And dann noch etwas: Warum sprechen wir eigentlich immer noch von Georgette oder Erepe Marocain usw. Die deutsche Hausfrau wird lernen müssen, daß gerade die schönsten und duftigsten Gewebe aus Kunstseide sind."

Aber wenn von der Bekleidungsindustrie die Rede ist, müssen Sie sich doch vor allen Dingen an die Männer wenden. Wieviele tragen wohl einen Anzug aus englischem T u ch."Es gibt keinen Grund, weshalb man in England besseres Tuch sollte herstellen kön­nen als in Deutschland. Etwa deswegen, weil England sich für seine Tuchfabriken die besseren Wollen sichert? Davon kann praktisch nicht die Rede sein. Die Londoner Wollauktionen sind zu­gänglich für jedermann. Der deutsche Einkäufer steht hier neben dem englischen und bietet auf die gleichen Wollpartien. Gerade die feinsten australischen und südafrikanischen Marken wer­den von den deutschen Firmen gekauft."Aber ich denke, das eigenartig gleichmäßig feuchte eng­lische Klima begünstigt die Tucherzeugung. So ein Klima haben wir doch in Deutschland nicht?" Das stellen wir künstlich her. In Deutsch­land hat die physikalische Wissenschaft Apparate zur künstlichen Luftbefeuchtung geschaffen, die die Luftfeuchtigkeit im Betriebe erhöhen und dau­ernd auf der gleichen Stufe halten. Dadurch sind die deutschen Tuchfabriken jetzt selbst Län­dern gegenüber überlegen, deren atmosphärische Luftverhälbnisse an und für sich günstiger als die deutschen sind. Englische Tuche sind vielfach teurer, aber nicht besser als deutsche, wenn man qualitativ gleiche Fabrikate gegenüberstellt."

In Schlesien wählen wir für unsere Be- ftchtigung als Industrieerzeugnis: deutsches Leinen und deutsche Wirkwaren und als Er­zeugnis der Landwirtschaft: deutsche Eier aus. Das Zeichen der deutschen Leinenindustrie, dieSchwurhand", bürgt für deutsches Erzeug­nis aus reinem Leinen, für Qualität und Halt­barkeit. Leinen wird aus Flachs gespon­nen und Flachs ist die einzige Faserpflanze, die in Deutschland in großen Mengen an- gebaut werden kann und von der deutschen Tex- til-Industrie als Rohstoff verwendet wird. 2m Jahre 1931 wurden für 13 Millionen Mark Leinengarne und -waren aus dem Auslande ein- geführt. Gegenüber dem Jahre 1930 wurde der deutsche Bedarf an Leinengarn um ein Fünftel mehr aus der eigenen deutschen Pro­duktion statt von ausländischem Garn gedeckt. Die Wirkwaren-Industrie zeigt ihr eingetragenes WarenzeichenDeutsche Arbeit", das auch sonst im Reich Verwendung findet, und an dem man den tadellosen deutschen Strickstrumpf erkennt.

Das deutsche Ei kann die Hausfrau an dem StempelDeutsch A erkennen. Warum soll man gerade deutsche Eier kaufen? Weil sie frischer sind als die durch lange Reisewege oder Kühlhauslagerung meist oft beeinträchtigten Auslandeier weil sie nun endlich durch die gesetzlich vorgeschriebene Stempelung der Aus­landeier zu unterscheiden sind von fremder Ware, weil wir dadurch 170 Millionen Mark, die wir im Jahre 1931 für eingeführte Eier an das Ausland bezahlten, dem deutschen Er­zeuger zugute kommen lassen, weil wir dadurch die schwer bedrängte deutsche Geflügelzucht, die einen jährlichen Produktionswert von über einer Milliarde Reichsmark dorstellt, unterstützen und somit der deutschen Wirtschaft wieder vorwärts helfen können. Griffen Sie auch, warum Eier so gesund sind? Einmal, weil sie einen hohen Ge­halt an Mineralstofsen, Eiweiß und Fett, d. h. also an lebensnotwendigen Rährstoffen aufweisen und ferner deshalb, _jeil sie in sich alle Vitamine (= lebenswichtige Ergänzungsstoffe) vereinigen und das nevenstärkende Lezithin in großer Menge enthalten.

Wißt Ihr aber auch etwas über die Bedeu­tung des deutschen Süßwasserfisches? Statt ausländischen Delikatessen leiste man sich öfter deutsche Aale, Hechte, Brassen, Plötzen, Zander und vor allem den herrlichen Karpfen. Der Eiweißgehalt dieser Fische reicht teilweise an den des Warmblüte'-fleifches heran, außerdem

sind sie gut bekömmlich. Im ganzen Deutschen Reich wirft die Binnenfischerei 125 Millionen Mark ab und ernährt rund 1700 Fisch-Groß- und 40 000 -Kleinbetriebe.

Von Braunschweig, dem Hauptsih der deutschen K o n f e r v e n - I n d u st r i e, hat sich die Verarbeitung von Obst und Gemüse zu Kon­serven über ganz Deutschland verbreitet. Aeber- all befinden sich heute zahlreiche Konserven­fabriken. Rund 120 Millionen Rormaldosen Obst­und Gemüsekonserven werden jährlich in Deutsch­land erzeugt. Deutsche Obst- und Gemüsekonserven sind nicht nur im Winter und Frühjahr die von der Wissenschaft anerkannten besten Vitamin- und Rährsalzträger, sondern zu jeder Jahreszeit, auch im Sommer, der Hausfrau unentbehrlich durch stets gleichmäßige Frische, hohe Qualität und schnellste Zubereitung ohne jeden Abfall.

Erfurt, die deutsche Blumen st ad t. Kauft deutsche Blumen! Denn es gibt insgesamt 30 000 deutsche Blumen- und Pflanzenbau-Betriebe, zu­meist Kleinbetriebe. Jährlich gehen viele Mil­lionen Mark für Blumen nach Frankreich, Italien oder Holland. Durch den langen Transport sind sie weder billiger noch haltbarer geworden als die ebenso schönen in der Heimat gewachsenen Blumen.

Run nach Südwestdeutschland! Im Boden­see g e b i e t wird deutsches Ob st, voll aus­gereift, geerntet, ist frisch, schmackhaft und gesund. Der deutsche Tafelapfel ist dem amerikanischen an Güte weit überlegen. Das auffallende Rot der oft künstlich gewachsten Schale der in Deutsch­land beliebten Auslandsorten vereinigt sich selten

Aus dem Kongreß der panemopäer.

Don unserem V.-Korrespondenten.

Basel, Oktober 1932.

Die Sonne von Locarno ist seit einigen Jahren untergegangen, und nur noch ein Abglanz ihrer Strahlen lebt in einigen europäischen Politikern fort. Leider befinden diese sich zumeist ziemlich weit vom Schuß. Aber es ist doch festzustellen, daß in einem Augenblick, in dem internationale Roten wie Dolche gekreuzt werden, neben Genf und neben den großen Konferenzorten Tagun­gen internationaler politischer Verbände stattfinden, deren Beratungsgegen­stand die Befriedigung und Einigung Europas ist. Wir meinen nicht jene pazifisti­schen Organisationen, die eher zu einer Störung als zu einer Befriedigung der europäischen Ver­hältnisse beigetragen haben. Sondern re handelt sich um zwei anerkannte internationale Verbände, die in ihren internationalen Gruppen Vertreter aller möglichen Parteirichtungen erfassen: der Weltverband d e r D ö l k e rb u n d s l igen und die Paneuropa-Anion.

Der Weltverboz»d hat dieser Tage eine Ent­schließung angenommen, in der es heißt:Die Debatten der Abrüstungskonferenz haben unsere Auffassung bestätigt, daß es nicht möglich ist, die Staaten in zwei Klassen zu teilen und daß sich der Völkerbund den Grundsatz der Gleichheit fürSieger" undBesiegte" zu eigen machen muh". Gewiß haben die Völkerbundsligen nur eine Stimme im Genfer Chor, aber es muh doch anerkannt werden, daß ihnen ebenso wie der zugehörigenDeutschen Liga für Völkerbund" in der ganzen Welt vernünftige und auch national denkende politische Köpfe angeschlossen find. In dem allgemeinen Wirrwarr, in dem internatio­nalen Streit scheint dieser Entschluß der Völker­bundsligen unterzugehen. Hoffentlich jedoch wird hier ein Feuer wachgehalten, das nach Beendi- gung des Sturms, zu gegebener Zeit einmal wie­der die internationalen Konferenzen entzünden kann.

In diesem Sinne hat man die Entschließung der Völkerbundsligen auch hier in Basel aufge­faßt, wogute Europäer" aus allen möglichen Ländern zu einer paneuropäischen Ta­gung versammelt sind. Der Führer der pan- europäischen Bewegung, Graf Couden- hove - Kalergi, hat sich durch die inter­nationalen Schwierigkeiten nicht beirren lassen und das stattliche Fähnlein seiner Getreuen nach Basel zusammenberufen. Für einen Rassenforscher ist der Besuch des Kongresses sicherlich ebenso inter­essant wie für den Politiker. Man trifft hier alle Temperamente, alle Sprachen, alle Rassen. Graf Coudenhove allein vereinigt in sich ein halbes Dutzend Rassen, vom Germanen bis zum Mon­golen fehlt nichts. Einer feiner Getreuen, der frühere englische Kolonialstaatssekretär, ist ein Angelsachse reinsten Wassers und von dem Ru­mänen Herrn Manoilescu bis zu dem Geiger Dronislaw Hubermann sind Europas Völker und Stämme vertreten.

Cs zeigt sich, dah jeder Europäer von

Paneuropa eine andere Auffassung hat, es gibt auch genug groteske Szenen auf diesem Baseler Kongreß. Der Franzose Blon - d e l beispielsweise, der Vertreter Herriots, wel­cher in letzter Minute abgesagt hatte, wußte nichts anderes für Paneuropa zu tun, als Hetz­schriften gegen Deutschland zu ver­teilen, immerhin sah und hörte man auf diesem Kongreß doch eine große Anzahl besonnener Män­ner, die überzeugend klarlegten, dah es in Eu­ropa bei Wahrung der nationalen Eigenheiten eine zumindest wirtschaftlich be­dingte Verständigung geben kann. Sehr wesentlich waren unter diesem Gesichtspunkt die Ausführungen, die der Abgesandte Mus­solinis, Marquis Giorgio Quartara machte, wichtig auch die Erklärungen des deutschen Ban­kiers Hans F ü r ste n berg. Vieles Unzuläng- liche muß man von dieser Tagung abziehen. Auch die Haltung Coudenhove-Kalergis ist nicht im­mer eindeutig. Man kennt seine guten Beziehun­gen zu dem tschechischen Außenminister Bene sch und fragt sich, ob seine große Rußlandfeindlich­keit zum Beispiel nicht zum Teil aus dieser Quelle der Polen- und Tschechenfreundschaft her­rühre. Immerhin hat Coudenhove, ein begabter, glänzender Redner, in Basel eine Anzahl For­mulierungen gefunden, die nicht nur Paneuropa, sondern ebenso der deutschen Forderung nach Gleichberechtigung entsprechen. Und es muh an» erkannt werden, dah dieser Graf Coudenhove länger als ein Jahrzehnt rastlos durch Europa reift und für Paneuropa wirbt.

Es gibt hier in Paneuropa auch sehr kriegerische Pazifisten, wie z. B. den Griechen Profes­sor C a l o y a n n i, der durch radikale Reden dauernd die Konferenzen zu sprengen droht. Was nach diesen Abzügen übrig bleibt, ist immerhin ein gutes Maß von Vernunft, die Erkenntnis einer Schicksalsgemeinschaft zwischen den Agrar- und Industrieländern Europas, der Glaube, dah die europäische Einheit nicht nur gegenüber der ame­rikanischen Wirtschaftseinheit, sondern auch ge­genüber der jetzt noch femliegenden Gefahr einer asiatischen Entwicklung notwendig ist.

Dieser Paneuropa-Kongreh hatte kaum ein po­sitives Ergebnis. Einige der jugendlichen Red­ner bedauerten diese Tatsache außerordentlich und der Belgier Henri de Zurpele beantragte, wenig­stens ein internationales europäi- schesStudienkomitee zu bilden, um etwas Positives von Basel mit nach Hause zu nehmen. Die Auguren lächelten, nicht nur am Dor- standstisch. Cs ist jetzt nicht der Augen­blick , Positives für eine wirkliche europäische Befriedigung zu tun. Es gilt nur, das Feuer im Herd zu erhalten, für eine spätere Zeit, die bei der Kurzlebigkeit der Tagespolitik nicht einmal so fern zu fein braucht. Und immerhin sind, wie diese Tagung zeigt, neben Scharlatanen, doch eine große Anzahl vernünftiger, ernsthafter Politiker in Europa vorhanden, die als Vestalinnen das verdeckte Friedensfeuer bewahren.

Das französische Fragezeichen im Orient

Warum Syrien französisch wurde.

Don unserem P. P.-Korrespondenten.

Damaskus, Oktober 1932.

Wozu ist Syrien eigentlich französisch? Ich habe die Frage hier öfters gestellt, und habe immer dieselbe, manchmal lächelnd, manchmal mit Ach­selzucken gegebene Antwort bekommen: Das weiß kein Mensch! Es klingt überraschend, aber der Zweck des französischen Mandats ist wirk­lich nicht so leicht einzusehen.

Was England im Vorderen Orient will, ist flar. England will zunächst den Hafen von Haifa mit dem Anhängsel Palästina als maritimen Brückenkopf für .die Verbindung nach Bag­dad und Indien haben. Bagdad und das Irak- gebiet muhten englisch werden, weil die alte Türkei und die türkisch-deutsche Dagdadbahn eine Flankendrohung gegen die Ueberlandroute nach Indien bildeten. Transjordanien gehört selbst­verständlich zum englischen Block, und das Mos- fulgebiet darf gar nicht anders als englisch sein, weil es dort Petroleum gibt!

Warum aber in aller Welt ist Syrien französisch? Geopolitisch liegt es isoliert zwischen der Türkei im Rorden und den englischen Gebieten im Süden. Ein Hinterland hat es nicht, die Franzosen nennen selbst das schmale spitze Dreieck, mit dem daslevantinische Frankreich" bis an den Tigris vorstöht, den Entenschnabel. Raturschähe, eine reiche und dichte Bevölkerung, eine handelspolitisch wichtige Lage finb~ nicht vor- Händen und man sieht auch keine Möglichkeiten einer größeren, wirtschaftlichen Entwicklung, am allerwenigsten unter französischer Verwaltung. Die Handels- und Zahlungsbilanz sind pasftv, das Wirtschaftsgebiet ist zu klein, um durch sich selbst etwas zu bedeuten, zwei Drittel sind Trocken­steppe oder Wüste. Also wozu diesMandat" für Frankreich? __ _

Es ist zunächst ein Mandat des Pre­stiges. RapoleonHI. hat einmal den christ­lichen Maroniten im Libanon gegen ihre Feinde, die Drusen, militärisch geholfen, als die Türken

Oer Dichter Herbert Eulenberg schwer verunglückt.

Der in Kaiserswerth a. Rh. lebende, bekannte rheinische Dichter Herbert Eulenberg wurde auf der Kaiserswerther Straße in Düsseldorf von einem Auto angefahren und zu Boden geschleu­dert; er erlitt dabei schwere Verletzun­gen und wurde besinnungslos zur Holzheimer Klinik gebracht, wo er sofort operiert werden mußte. Sein Zustand ist ernst, doch sind nach Auskunft der Aerzte die Verletzungen nicht lebens­gefährlicher Ratur.

nicht einschritten. Dafür setzte er eine prunk­volle französische Inschrift an die berühmte Fels­wand am Hundsfluß bei Beirut, wo die assyri­schen Keilinschriften und die ägyptischen Pharao- nenbilder eingegraben sind. Beirut bekam auch eine französische, von den Jesuiten geleitete Uni­versität, und die reichen syrischen Familien ließen ihre Söhne und Töchter in Paris erziehen. Da­durch wurde ein gewisser frankophiler Stamm ge­schaffen, der sogar vom einheimischen christlichen ins muhammedanische Lager Übergriff.

Sv entstand die These vom französischen Kul­turgebiet Syrien und von Frankreichsge­heiligter syrischer Missio n. Den Jar­gon kennt man. Im Weltkrieg gestand England den Franzosen außer Syrien auch das kleinasia­tische Cilicien und das Petroleumgebiet von M o s s u l zu. Aus Cilicien wurden sie aber von den Türken hinausgeworfen, und Mossul nahmen die Engländer später für sich. So blieb nur das heutige beschränkte Gebiet übrig, mit demEnten- schnabel" statt der schönen Petroleumfelder. Auch aus dem anderen Plan, das französische nord- syrische Alexandrette zum Seehafen der Bagdadbahn zu machen, ist nichts geworden. Die alte Dagdadbahn endet als toter Stumpf im nördlichen Mesopotamien, und die neue, eng­lische, wird von Haifa aus gebaut.

Aber nähern wir uns der eingangs aufgeworfe­nen Frage von einer anderen Seite her. D a m a s- kus hat seit kurzem ein Kabarettgroßen Stils", in dem die ausführenden Damen vor und nach der Dorstellung mit den Herren aus dem Publikum tcmzen. Dazu kommt eine Menge fran­zösischer Offiziere, und man muß sagen: die Ar- tillerieleutnants tanzen glänzend. Man machte mich darauf aufmerksam, daß kaum einer der Herren etwas ausgab. Die französischen Offiziere und Beamten leben sehr sparsam. Wie in allen französischen Besitzungen gibt es sehr viele Funktionäre. Französisch-Indochina mit 20 Mil­lionen Einwohnern hat viel mehr weiße Beamte, als Dritisch-Indien mit 300 Millionen. Die Ge­hälter sind gut. Der Kapitän oder Zivilkommissar kommt abends vom Dienst nach Hause in seine höchst bescheidene, nicht allzu saubere Wohnung, wirft den Rock ab, und setzt sich in Hemdsärmeln ohne weitere Kulturpräliminarien an das einfache Essen, das ihm seine Frau oder Maitresse zusam­mengekocht hat. Die Frau hat ihre Puderdosen, Schmink- und Lippenstifte, und e i n eleganteres Fähnchen, wenn Einladungen beim Vorgesetzten und offizieller Ball ist, außerdem einen Kochtopf, drei Teller und ein Tischtuch. Soökonomisch" wird gewirtschaftet, um mit hübschen Ersparnissen nach Hause zu kommen, toenn die Jahre in Syrien um sind. Echt französisch; der Franzose ist gar nicht der Viveur, wie er im Buch steht, er ist sparsam bis zum Mangel an Körper- und Wohn­kultur Insofern also kann man sagen: Mag auch Syrien für Frankreich keinen großpolitischen oder wirtschaftlichen Zweck haben für Tausende von Franzosen ist es eine nützliche Spar­kasse!

Riemand weiß, wieviel französisches Militär in Syrien steht. Die wahrscheinlichste Schätzung lau­tet auf drei Divisionen, zirka 20 000 Mann: Fran­zosen, Fremdenlegionäre, Marokkaner, sogar Ma­dagassen. Bei der Uebernahme wurde Syrien in vier gesonderte Teile zerstückelt, um es bequemer zu verspeisen; von Freiheiten für dieDe - völkerung, wie die Mandatsidee sie vorsieht, war keine Rede. Der zweijährige Aufstand 1926/27 hat die Franzosen vorsichtiger gemacht. Es gibt jetzt eineRepublik Syrien", und eine Libanon-Republik", mit Staatspräsidenten, Mi­nisterien, Parlamenten, die aber meist außer Funktion sind, und es gibt zwei direkt ver- waltete Territorien, das der Drusen und das der Alviten oder Rossairier. Beides sind eigentüm­liche Sekten, die zugleich eine nationale Gemein­schaft bilden . Die Drusen haben vor sechs Jah­ren den Franzosen den großen Aufstand bereitet, der bis nach Damaskus Übergriff. Don der Be­schießung der Stadt durch den General S a r r a i I liegt jetzt noch ein ganzes Quartier in Trüm­mern. Daß es nicht wieder aufgebaut wird, zeugt von der geringen wirtschaftlichen Lebendigkeit des Landes unter den Franzosen. Jetzt sind auf den Höhen westlich von Damaskus mehrere Forts ge­baut, die es ermöglichen, bei jeder neuen Un­ruhe die Stadt gleich unter Feuer zu nehmen.

Wenn von der syrischen W i r t s ch a s t die Rede ist, so muß übrigens gesagt werden, daß es mit zum französischen System gehört, alles, was es am öffentlichen Arbeiten, Unternehmungen und Konzessionen gibt, französischen Gesell­schaften zuzuschanzen. Insofern bedeutet Sy­rien, in mäßigem Umfang, ein Ausbeu­tungsobjekt für das französische Ka­pital. Auch die ganze Finanzverwaltung ist auf den einseitigen Ruhen Frankreichs zugeschnillen.