Ausgabe 
15.10.1932 Erstes Blatt
 
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Jas Mik fanh öeo Beo

Vornan von Gert Gothberg.

Copyright by Martin Feuchtwauger, Halle (Saale)

12 Fortsetzung. Nachdruck verboten I

Es kam nicht in Frage, daß er, Fritz Lohgarten, um dieses Reichtums willen die Tochter heiratete. Aber der alte Herr wollte ihn so gern zum Schwiegersohn und hatte ihm das unumwunden gesagt.

Wozu sich etwas vormachen. Leber Lohgarten? Einmal müssen Sie doch auch heiraten. Sie wer­den doch nicht immer einsam bleiben wollen? Lind ich würde mich freuen, wenn Sie mit meinem Geld Ihre alte Firma wieder zu neuem Glanze brächten."

Oluf dem Geld meines Schwiegervaters richte ich mich nicht auf", hatte er trotzig gesagt.

Da hatte der alte Herr gelacht, so herzlich und erfrischend, dah er schließlich mit in dieses Lachen einstimmen mutzte.

Der Gedanke macht Ihnen Ehre, aber wenn ich nun doch einmal mein Geld hier hineinstecken will und hm! meine Tochter hm..."

Das war sehr deutlich gewesen, und Fritz Loh­garten wußte, datz es jetzt nur an ihm lag, ob und wann er sich mit dem reichsten Mädel der Umgebung verloben würde.

Und er hatte ernstlich daran gedacht.

Ilse war ein hübsches blondes Mädchen, fast ein bißchen zu gesund. Sie würde ihm hübsche, gesunde Kinder schenken, und das war doch schließlich der Wunsch eines jeden Mannes, zu wissen, für wen er arbeitete.

Der Gedanke an eine Che mit Ilse Wiedener hatte immer festere Form angenommen. Er ging auch bei ihnen ans und ein. Sehr viel war man in diesen letzten Wochen zusammen gewesen. Und wenn er es sich recht überlegte, dann hatte Ilse Wiedener jetzt beinahe schon ein Recht, zu ver­langen, datz er sie zu feiner Gattin machte. Er war viel zu viel mit ihr zusammen gesehen wor­den, als daß er sich jetzt noch hätte zurückziehen können.

Wollte er denn das?

Gewiß nicht! Er hatte sich doch an den Ge­danken, Ilse als seine Frau zu sehen, schon ge­wöhnt. Und sie war doch wirklich ein lieber, netter, lustiger Kerl, der einen schon die Grillen vertreiben konnte.

Aber er liebte sie nicht!

Rein! Er wußte nur, datz er wahrscheinlich mit ihr sehr gut auskommen würde, und datz sie sich vielleicht auch noch ein bitzchen nach seinem Wilsen würde modeln und formen lassen, trotz­dem sie sonst gewitz eine sehr selbstbewutzte junge Dame war. Aber aus verschiedenen kleinen An­zeichen wutzte er, daß sie sich von ihm lenken lassen würde, ohne dah da allzuviel Worte darum gemacht werden mutzten.

Und das allein schon hätte ihn bestimmt, Ilse als seine zukünftige Frau zu sehen.

Heute kam ihm plötzlich ein verrückter Gedanke: W shalb hatte er es denn soweit kommen lassen, datz Ilse Wiedener und ihr Vater glauben durf­ten, er trage sich mit ernsthaften Heiratsab­sichten?

Wenn er sich weiterhin ganz allein auf sich verlassen und dieses schöne Menschenkind an sein Herz genommen hätte?

Diese schöne kleine Traute?

Fritz Lohgartens Faust sauste auf die Schreib­tischplatte nieder. Erschrocken zuckte Traute empor.

Er entschuldigte sich, aber sein Blick brannte in dem ihren.

Entschuldigen Sie, manchmal ist man eben doch einen Augenblick lang nicht Herr seiner selbst."

Sie arbeitete wieder, aber ihre Hand zitterte leicht, und sie mutzte heute sogar einiges an ihrer Arbeit ausbessern, ehe sie sie dem Ehef abliefern konnte.

Fritz Lohgarten aber schalt sich verrückt. Wie konnte er, der reife Mann, solche Gedanken hegen? Traute, die ein Kind ihm gegenüber war!

Aber an diesem Morgen sah der Chef der Lohgarten-Werke noch einige Male sinnend zu Traute hinüber.

Irgendein Kaufmann oder Beamter, der die kleine, schone Traute küssen würde? Merkwürdig, welche Wut er auf diesen Unbekannten in sich spürte?

Und was würde beim auch in Kürze geschehen? Traute würde kommen und den Vormund um die Einwilligung zu ihrer Heirat mit Herrn Soundso bitten. Das würde sehr einfach und mit wenigen Worten abgemacht sein.

Fritz Lohgarten ging gegen elf älhr plötzlich zu einem Rundgang in die Fabrik hinüber. Er hielt es nicht mehr aus, Traute im Laboratorium gegenüberzusihen. Und gerade heute hatte er noch einmal die neuen Farbstoffe vornehmen wollen. Aber es war ihm unmöglich.

Und drüben ging er dann mit Bolscher durch die Säle. Einmal blieben sie miteinander an einem der groben, breiten Fenster stehen. Drun­ten im Hof wurden Ballen aufgeladen. Ein großer, schlanker Mensch bewältigte spielend die größten Lasten.

Wer ist das?" fragte Lohgarten.

Das ist der Rudolf (Stier, Herr Lohgarten. Er möchte sich gern um die Traute bewerben, aber sie will ihn nicht."

Ja, da kann man nichts machen. Die junge Dame wird sich eben den zukünftigen Gatten selbst wählen wollen", sagte Lohgarten leichthin.

Und er täuschte den alten Mann so darüber, wie es in Wirklichkeit in ihm aussah.

Und Bolscher dachte: Er ist ganz ruhig, und meine Angst war umsonst. Wie konnte ich aber auch auf solch verrückte Gedanken kommen?

Ra. Bolscher, ich denke, datz wir so Anfang Januar den gesamten Betrieb von früher wieder aufnehmen können. Es wird sich einiges ändern."

Bolscher lächelte ein bitzchen verlegen. Er wutzte nun nicht, ob er eine kleine Bemerkung auf die Ehegedanken des Chefs machen sollte, oder ob sich das nicht gehörte. Schlietzlich schwieg er aber doch, denn er war schon alt und wutzte, datz Schweigen in jedem Falle immer das Klügste war.

Aber diese kleine Bemerkung des Chefs zielte doch auf seine baldige Hochzeit mit der einzigen Tochter des schwerreichen Wiedener. Das war doch klar, datz dann sofort die Lohgarten-Werke wieder im alten Glanz erstanden, wenn erst Wiedenersches Geld hineingesteckt werden konnte.

Und der alte Werkmeister Bolscher war nun ganz und gar heruhigt.

Siebentes Kapitel.

Die ganze Stadt sprach von dem Skandal im Hause Heinz Altendvrfs. Die beiden Damen wagten sich kaum noch auf die Straße, weil sie neugierige Fragen, mitleidige oder schadenfrohe Blicke fürchteten. Zudem war Hilma ernstlich erkrankt. Es war keine Krankheit, die aufs Kran­kenlager warf, es war eines dieser schleichenden

Leiden, die sicher und langsam den Tod herbei­führen.

Hilma litt unsagbar unter der Trennung von ihrem Wanne. Das heißt, die Trennung war so gut wie nicht da, denn Altendorf wohnte noch mit in der schönen alten Villa am Pfeilsring, und vorläufig machte er auch durchaus keine Anstalten, woanders hin überzusiedeln.

Er ah außerhalb, verreiste wohl auch ab und zu einige Tage, und er kam den beiden Damen nicht zu Gesicht. Hilma stand aber stundenlang am Fenster und w:r ete, b.s er kam. Dann z tterte sie am ganzen Körper und konnte sich kaum noch auf den Fühen halten, so sehr erregte sie sein Anblick.

Tenn sie liebte ihn noch immer. Vielleicht liebte sie ihn sogar mehr denn je. Aber ihr Stolz war endlich erwacht. Sie durfte sich ihm nicht immer wieder anbicten.

Eines Morgens, Hilma sah allein im Wohn­zimmer, klopfte es kurz, und gleich darauf trat ihr Gatte ins Zimmer.

Schön, elegant, liebenswürdig, ganz der Her­zensbrecher, der er immer gewesen. Er hielt prachtvolle dunkle Rosen in der Hand und über­gab sie Hilma mit den Worten:

Guten Morgen, mein Schatz. Ich denke, nun ist's genug mit der Komödie. Ich möchte mich mit dir aussöhnen, Hilma."

Fassungslos blickte sie ihn an. Ihr armes, zertretenes Herz wand sich.

Was sollte sie tun?

Da brannten seine Lippen auf den ihren.

Hilma, Iah doch die Leute reden und nimm mich, wie ich bin. Schlietzlich waren doch auch sehr viele nette Stunden in unserer Ehe nicht wahr?"

Er setzte sich dicht neben sie und legte den Arm um sie. Lind Hilma fand kein Wort. Sie fühlte, wie sie diesem Manne gegenüber machtlos wurde, immer machtloser.

Ein triumphierendes Lächeln stand um den Mund Altendorfs.

Das hatte er ja gewußt.

Jetzt gehen? Jetzt, wo fein bester Freund die Situation genützt und ihn arm gemacht hatte?

Situation?

Rein!

Den Haß, den grenzenlosen Hatz, den Heinz Altendorf und seine Mutter gegen die Loh­gartens fühlten, den hatte der falsche Freund genützt und hatte alles durchgebracht. Lind nun sollte er, Heinz, mittellos in die Welt hinaus?

Riemals! Er blieb!

Jetzt war er einmal so schön mit drinnen im Sch oh der Lohggrtenschen Familie, und nun wollte er auch mit darin bleiben.

Lind das, was man in der Stadt und in der Gesellschaft redete, das wußte natürlich auch Heinz Altendorf.

Fritz Lohgarten würde die reiche Ilse Wiedener heiraten! Tort also suchte der ideale Fritz Loh- garten nun doch noch seine letzte Rettung, um wieder reich zu werden, weil seine anderen Be­mühungen stets im Keime erstickt worden waren.

Ja, ja, mit Geld konnte man alles! Mit Geld konnte man einem Menschen alles zunichte machen, denn für Geld verrieten die meisten Menschen, was sie nie verraten durften.

Jetzt galt es, sich auf dem Platz zu behaupten, den man erst nur durch Lieberwindung einge­nommen, denn er hatte ja Hilma nie geliebt. Sie war ihm manchmal geradezu widerwärtig gewesen mit ihrem Liebesgegirre.

Doch jetzt?

Jetzt war es gut, daß sie ihn liebte: beim jetzt war ja gerade ihre Liebe die Waffe, die er gegen die Lohgartens besah, nachdem er sein eigenes Vermögen durch die Schlechtigkeit und Falschheit seines Freundes Eugen Mittelbach verloren Jetzt sollte Hilma diejenige fein, die wieder Geld ins Haus trug. Sie muhte eben zu irgendwelchen Zwecken größere Summen von ihrem Stiefbruder verlangen, sobald er im Besitz des Wiedenerschen Geldes war.

Wie weit man dann noch für Zersetzung sorgen konnte, war heute noch nicht vorauszusehen. Die gute Mama hatte nicht damit gerechnet, dah ihr einziger, geliebter, vergötterter Sohn Heinz da­bei mitocrarmen könnte, als er ihren Willen erfüllte und Fritz Lohgarten ruinierte. Run muhte man eben weiter sehen.

Lind das Leben war ja so schön. Wunderschön war es. Lind wunderschön war es, daß man da ein Mittelchen besah, das einem immer wieder auf die Deine half, wenn einmal die allerdings etwas sehr mitgenommenen Rerven und Kräfte revoltierten.

Das Morphium! Der Freund und Retter!

Heinz Altendorf rih sich gewaltsam aus seinen Gedanken. Seine schöne, gepflegte Hand strich über Hilmas Haar.

Wir werden uns wieder vertragen, Hilma. Möchtest du mit mir ausfahren? Ich rufe dann bei Peters an, damit er einen guten Wagen und einen zuverlässigen Chauffeur schickt."

Ich möchte heute noch hierbleiben. Aber mor­gen, morgen gern, sagte Hilma leise.

In diesem Augenblick trat Frau Lohgarten herein. Entsetzt blickte sie auf das Bild, das sich ihr bot. Hilma in den Armen ihres Gatten! Sie hatten sich also ausgesöhnt! Der Augenblick, den sie so sehr gefürchtet, war also doch gekommen.

Daß Altendorf den Versuch machen würde, hatte sie immer gefürchtet, aber sie hatte ihrer Tochter doch mehr Charakter zugetraut. Wie konnte sie Altendorf verzeihen, daß er sie mih- handelt und mißachtet, dem Gespött der Men­schen preisgegeben hatte?

Hilma, möchtest du mir nicht erklären?" fragte sie außer sich.

Heinz Altendorf erhob sich lächelnd, Hilma mit sich emporziehend.

Gestatte, liebste Mama, dah ich dir erkläre. Wir haben uns versöhnt. Der Gedanke einer Trennung war ilnfinn, und nun siehst du eben zwei glückliche Leutchen."

Spöttisch ruhte der Blick seiner dunklen Augen in den ihren.

Frau Lohgarten blickte auf ihre Tochter, und als die wie selbstverständlich an der Seite Alten­dorfs verblieb, verlieh sie wortlos das Zimmer.

Drüben telephonierte sie sofort an ihren Stief­sohn. Er war selbst am Apparat.

Roch ganz aufgeregt berichtete sie ihm die Tatsache, daß Hilma sich mit Altendorf aus- gesöhnt habe und dah nun der ganze Trennungs- fkandal umsonst gewesen sei. Run gingen die Aufregungen von neuem los, sie fühle es. Denn niemals meine Altendorf diese Versöhnung auf­richtig. Lind sie fragte ihn, was nun zu geschehen habe?

Richts, liebe Mama. Wir sind machtlos. Ich aber schlage dir vor, wegzugehen. Ich will gern für dich ein gemütliches Heim schaffen, damit du Ruhe hast. Zu mir kann ich dich allerdings nicht bitten, weil ich weil sich hier auch einiges ändern wird."

(Fortsetzung folgt.)

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