Ausgabe 
15.9.1932 Frühausgabe
 
Einzelbild herunterladen

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 15. September 1932.

Vögel ziehen südwärts ...

Müde lächelnd geht die Statur zur Ruhe. Ein« feierliche Stille zreht ein. Felder und Wälder fchweigeiu Di« Sommervögel ziehen fort. Auch unser treuer Hausgenosse, der Storch, rüstet sich. Roch einige Tage, und der Wanderruf der Kra­niche wird durch die Luft hallen. Hoch, in sonnen­hellen Lüften, nachts durch Rebel und ziehende Wolken, geht ihre weite Fahrt. Aber durch Rächt und Rebel hindurch sieht das Rogelauge schon das «rs^nte Land, jenseits des Meeres. Die wandernden, scheidenden Rögel, sie künden uns den Herbst. Wer möchte sie nicht begleiten in südlich«, schöne, lachende Gefilde?

Selten noch Hingt ein Rogellied auf. Rur die Stare schwärmen laut und durchziehen die Obstgärten, die Schwalben versammeln sich auf den Drahtleitungen. Doch auch ihr Gezwitscher ist leiser, zum Teil schon zürn Geflüster geworden. Wenn sie uns alle verlassen haben, ist es vollends Herbst.

Wer sagt den Vögeln: 3hr sollt jetzt eure Reise antreten, ihr müßt nach Süden fliegen, dort findet ihr «ine neue Heimat? Wenn im deutschen Raterland der Frühling wiederkehrt, fliegt ihr zurück an die schönen alten Plätze, an denen ihr eure ersten Tage im Sonnenschein ver­brachtet. Wer sagt das all den kleinen Sängern, den langbeinigen Zugvögeln?

Wir wissen, wohin sie reisen. Wir wissen aber nicht, wer ihnen den Weg zeigt in dunkler Rächt. Wir wissen auch, das die jungen, hier in un­serer Heimat geborenen Rögel, sehr ost ohne Begleitung der alten Tiere reisen. Der alte Kuckuck ist schon längst fort. Riel später rüsten sich die jungen Schreier zur Reise. Die Rauch­schwalbe hält es am längsten bei uns aus, und die Stare, diese rechten Schwärmer und Strich­vögel, denken oft nicht daran, Deutschland zu ver­lassen. 3m Frühjahr sind sie di« ersten, die uns die neuen Lieder Vorsingen, auch wenn noch Schnee und Cis die Erde decken.

Sind es Rahrungssorgen, die unsere Zugvögel veranlassen, ihrer Heimat den Rücken zu kehren und den fernen Süden aufzusuchen? Das erscheint zum mindesten sehr fraglich. Denn gerade jetzt im Herbst ist ihr Tisch noch reichlich gedeckt. Auch die Angst vor der Kälte kann es nicht fein, denn es gibt sehr viele kleine Rögel, die den Winter mit uns Überstehen, wenn sie nur etwas Futter haben. Zudem sind die Rögel gerade im Herbst sehr gut genährt. Man hat durch Versuche und Prüfungen festgestellt, daß sie jetzt etwa dreimal so schwer wiegen wie im Frühjahr.

Wer will die Unruhe erklären, die unsere Sän­ger befällt, wenn der Herbst naht? 3a, selbst die Vögel, die in Käfigen gehalten werden, werden erregt und flattern gegen ihre Gitterstäbe. Gab eS vielleicht vor vielen, vielen tausend 3ahren Zeiten, die unsere Rögel zwangen, unser Vater­land zu verlassen, und liegt ihnen das noch im Blute?

Es sind noch gar viele Rätsel zu lösen.

Die Blicke der Menschen richten sich in diesen Tagen nach dem Himmel, wenn wir die Kraniche hören, wenn sie in keilförmigem Flug dem Süden zustrcben, wenn Wildgänse in schräger Linie mit Geschrei am Himmel dahinziehen.

Wandernde Vögel, wandernde WolkenI Es ist ein großes Abschiednehmen. Unser Herz wird erfüllt von Wehmut und leiser Sehnsucht, es den Tieren gleichzutun und dort oben in leuch­tender Höhe über Berge und Täler zu fliegen, weit in ferne, sonnenbeschienene Länder! L.

Technische Bilanz des städtischen Gaswerks.

Die technischen Ergebnisse unseres Gaswerks für das Detriebsjahr 1931/32 liegen jetzt vor, danach beträgt die Gesamtabgabe von Gas 3212 180 Kubikmeter. Es entfallen von dieser Gesamtmenge auf Gas für Leucht-, Koch-, Heiz- und 3ndustriezwecke 2 443 089 Kubikmeter, durch Automaten gegen Vorauszahlung geliefert 266 933 Kubikmeter, an die Gemeinde Wieseck abgeliefert 58 496 Kubikmeter. Selbstverbrauch im Werk 122 085 Kubikmeter.

Den größten Monatsumsah brachte der 3uli 1931 mit 399 640 Kubikmeter, den größ­ten Tagesabsatz hatte das Gaswerk am 23. Mai 1931 mit 11800 Kubikmeter, die geringste Mo­natsabgabe wurde abgegeben im Februar 1932, nämlich 237 840 Kubikmeter, der geringste Tages­abnahme wurde am 28. März 1932 geliefert. Der durchschnittliche TageSgasverbrauch stellt sich auf 8776 Kubikmeter.

Die Produktion von Koks belief sich im abgelaufenen Betriebsjahr auf 5818 Tonnen, an Teer auf 358 Tonnen, an schwefelsaurem Ammoniak aus 57 Tonnen, an Graphit auf 6 Ton­nen. Der Kohlenverbrauch in 1931 32 stellt sich für das Werk auf 8250 Tonnen.

Das gesamte Rohrnetz des Gaswerks hatte Ende März 1932 eine Länge von 58 231 laufend« Meter, bei 2438 Hausanschlüssen mit 6737 Gas­messern und 1431 Gasautomaten. Auch der Ver­brauch an Gas ist gegenüber dem Vorjahr, infolge des Darniederliegens der 3ndustrie, aber nur um 7 v. H. zurückgegangen.

Sonntagsrückfahrkarten zur Kölner Herbstmesse.

Anläßlich der Kölner Herbstmesse 1932 können Sonntagsrückfahrkarten für die Besucher der Son­dergruppeHaus- und Küchenbedarf" Dauer vom 18. bis 20. September d. 3. und für die Besucher der Gastwirtsmesse Dauer vom 17. bis 25. September ausgegeben werden. An die mit einem von der Messe- und Ausstellungs- Ges. m. b. H. ausgefertigten Ginkäuferausweis für die Sondergruppe der HerbstmesseHaus- und Küchenbedars" versehenen Besucher können von allen im Umgreife von 200 Kilometer von Köln gelegenen Bahnhöfen also auch von Gießen und umliegenden Bahnhöfen Sonntagsrück­fahrkarten nach Köln an folgenden Tagen und mit folgender Geltungsdauer ausgegeben werden:

17. September (Samstag) geltend ab 12 Uf>r bis zum 19. September (Montag) 12 Uhr (spä­tester Antritt der Rückreise):

18. September (Sonntag) geltend ab 0 Uhr bis zum 19. September (Montag) 12 Uhr (spä­tester Antritt der Rückreise):

19. September (Montag) geltend ab 0 Uhr bis 24 Uhr (spätester Antritt der Rückreise):

20. September (Dienstag) geltend ab 0 Uhr bis 24 Uhr (spätester Antritt der Rückreise).

An die mit einem vomProvinzial-Wirtever- band Rheinland" ausgestellten Delegierteausweis

oder mit einer Eintrittskarte zur Gastwirtsmesse versehenen Besucher der Kölner Gastwirtsmesse tonnen von allen Bahnhöfen, bei denen Sonn­tagsrückfahrkarten nach Köln bereits aufliegen, diese Sonntagsrückfahrkarten abweichend von der sonst geltenden Regelung auch ausgegeben wer­den am:

17. September (Samstag) geltend von 0 Uhr bis zum 19. September (Montag) 12 Uhr (spä­tester Antritt der Rückreise):

22. September (Donnerstag) geltend ab 0 Uhr bis 24 Uhr (spätester Antritt Der Rückreise):

24. September (Samstag) geltend ab 0 Uhr bis 26. September (Montag) 12 Uhr (spätester Antritt der Rückreise).

Daten für Tonnerstav, 15. Leptembcr.

1834: der Geschichtsschreiber Heinrich v. Treitschke in Dresden geboren; 1882: der Unterseebootführer Otto Weddigen in Herford geboren; 1926: der Philosoph Rudolf Eucken in Jena gestorben.

Taten für 16 Leptembcr.

1858: der englische Politiker Sonar Law in Neu- Braunschweig geboren, 1927: der Hygieniker Max von Gruber in Berchtesgaden gestorben.

** Zum Beginn der Spielzeit des Stadttheaters schreibt uns die 3ntendanz: Das Stadttheater Gießen stellt in seinem 1907 vollendeten Prachtbau ein Dokument theater­liebenden Opferwillens dar. Eine stetig wachsende Abonnentenzahl biwies im Verlauf der 25 3ahre sichtbares 3nteresse und die mit regem Besuch bedankten Leistungen der Künstlerschaft haben den Bau vor 25 3ahren gerechtfertigt. Die Tradition des Gießener Theaterlebens bürgt für die allgemeine Erkenntnis, daß unser Theater auch in den kommenden 25 3ahren fortbestehen muß. Sichern Eie sich einen festen Platz an be­stimmten Tagen und uns die künstlerische Arbeit durch Erwerbung eines Abonnements. Die Kasse nimmt ab 25. September täglich in der Zeit von 10 bis 13 Uhr Anmeldungen entgegen; schrift­liche Bestellungen werden täglich erledigt. Er­öffnet wird die 3ubiläumsspielzeit am 2. Ok­tober mit einer Festvorstellung von Goethes E g m o n t" in der 3nszenierung von 3ntcn- bant Dr. Prasch; die musikalische Leitung liegt in Händen von Universitätsmusikdirektor Dr. Temesvarh. Die vorjährigen Abon­nenten, die in der kommenden Spielz«it 1932/33 ihren alten Platz beibehalten wollen, werden dringend gebeten, ihren Anspruch bis Samstag, 17. September, geltend zu machen. Die Kasse hat ausnahmsweise die Meldefrist bis zu diesem Tag« als den letzten Termin verlängert; ab 18. September muß über die Plätze anderweitig verfügt werden. Theaterabend« wie zum Bei­spiel im Rahmen der vorjährigen geschlossenen Deamtenvorstellungen finden in der kommenden Spielzeit 1932/33 nicht statt.

Mondfinsternis gut beobachtet. Allen Pessimisten zum Trotz, di« noch um die Mittagsstunde glaubten, daß von der Mondfin­sternis ja doch nichts zu sehen sein werde, weil die Wolken neidisch die Sicht verbergen würben, war die Monbfinstemis gestern abenb doch ausge­zeichnet zu verfolgen. Bald nachdem der Mond über den Horizont heraufgekommen war, schob sich der Kernschntten, der sich verhältnismäßig klar von der Hellen Fläche des Rachtgestims abzeich­nete, über die Mondscheibe. Allmählich, gegen 22 Uhr, bedeckte der Schotten der Erde die Mond­scheibe soweit, baß nur noch ein feiner, glänzender Saum den ursprünglichen Glanz der Vollmond­scheibe verriet. Alles andere war anfänglich nahe­zu schwarz, später, bei der fast vollständigen Be­deckung des Mondes durch den Schatten der Erde, in ein dunkles, bräunliches Rot getaucht. All­mählich aber wurde die glänzende Fläche wieder größer, und wer kurz vor Mitternacht wieder zum Himmel emporsah, konnte den Mond wieder in klarer Pracht am nächtlichen Himmel sehen. Die Mondfinsternis war viel beobachtet worden. Auf allen Straßen und Plätzen standen die Menschen in kleinen Gruppen beisammen und besprachen das Ereignis, das, so natürlich es auch fein mag und so gar nicht außerordentlich, doch einen geheimen Reiz ausübt und viele in seinen Dann zog. Für einige Stunden waren die Menschen, mehr oder weniger, dem Weltraum und seiner Unendlichkeit im Geiste näher, als es vielleicht sonst der Fall fein mag.

" 10. Herbstfreizeit d es Vereins evangelischer Lehrer und Lehrerin­nen in Hessen. Dom 1. bis 8. Oktober findet im lieblich gelegen, christlichen Erholungs­heimWaldesruhe" in Auerbach an der Derg- straße die 10. Herbstfreizeit desVereins evan­gelischer Lehrer und Lehrerinnen in Hessen" statt. Konrektor im Ruhestände Weimar aus Frank­furt a. M. wird jeden Morgen einen zeitgemäßen, biblischen Vortrag halten, an den sich eine De- sprechung anschlieht. Die Rachmittage sind ganz der Erholung gewidmet. Zur Teilnahme sind alle hessischen Lehrer und Lehrerinnen willkom­men.

" Derufswettkampf im DHV. Der deutschen Volkswirtschaft tüchtige kaufmännische Mitarbeiter heranzubilden, hat sich der Deutsch­nationale Handlungsgehilsenverband zur vor­nehmsten Ausgabe gemacht. Richts kann den Ehr­geiz zu beruflicher Leistungssteigerung mehr wecken und fördern, als Derufswettkämpfe, bei denen die junge Kaufmannsgeration zeigt, was sie kann. Am 6. Rovember 1932 finden in rund 75 Orten des Freistaates Hessen und der Pro­vinz Hessen-Rassau kaufmännische Derufswett­kämpfe statt, an denen jeder 3ungfaufmann teil- nehmen kann.

Oie Autostraße

Frankfurt - Heidelberg - Mannheim.

WSR. F r a n t f u r t a. M. 14. Sept. Wie aus Karlsruhe gemeldet wird, hat der badische Staats­präsident gestern in Berlin den Reichskanzler aufgesucht und mit ihm eine Reihe von Fragen erörtert, die das Land Baden betreffen. 3n erster Linie wurde der Plan einer Autostraße FrankfurtHeidelberg-Mannheim besprochen, welche mit einem Kostenaufwand von 8 Millionen Mark erbaut werden soll. 75 Prozent dieser Ausgaben sind Arbeitslohn. Finanzielle Auf­wendungen dafür find weder vom Reich noch von den Ländern zu machen, es bedarf nur der Zu­stimmung des Reiches dafür, daß für die Be­nutzung dieser Autostraße eine Gebühr erhoben werden darf. Der Reichskanzler hat eine wohl­wollende Prüfung dieser Frage zugesagt.

Nachtübung im Herbstmanöoer. Tas Gießener Bataillon kehrt am Freitag zurück.

Mühlhausen (Thür.). 14. Sept.

Seite heute, Mittwoch früh, sind im Brigade- Manöver der 5. Division umfangreiche Kampf­handlungen im Gange, die ununterbrochen, also auch nachts, bis zum Donnerstag gegen mittag anbauem werben. Das Pressequartier rückte heute früh gegen 7.30 Uhr aus unb kam erst heute abenb gegen 19 Uhr toiebet in bas Quartier zu­rück. Unser Gießener Bataillon war toicber hervorragend an den Kämpfen beteiligt. Am Donnerstag rückt es nach Langensalza ins Quartier, wird bort am Freitag srüh verladen und trifft am gleichen Tag um 17.34 Uhr wieder in Gießen, ein. Wenn die Sol­

daten in Gießen ankommen, haben sic an­strengende Tage hinter sich gebracht. Die Be- Dollerung unserer Stadt, die der Reichswehr schon bei ihrem Auszug in bas Manöver einen herzlichen Abschied bereitete, wird sicherlich nicht verfehlen, die Soldaten ebenso herzlich zu emp­fangen.

Kirchliche Nachrichten.

Israelitische Gemeinden.

Israelitische Rcligionsgemeinde. Gottesdienst in der Synagoge (Südanlage). Samstag, 17. September. Vorabend 6.15 Uhr; morgens 8.30, abends 6.45 und 7.25 Uhr.

Israelitische Religionsgcsellschajt Sabbatseicr den 17. September. Freitag abend 6.10 Uhr; Samstag vormittag 8; nachmittags 4; Sabbatausgang 7.25. Wochengottesdienst: morgens 6.30; abends 6 Uhr.

Ich bin Cariouche!"

Oer Verbrecherkönig des französischen Rokoko.

Die berühmten Verbrecher der Weltgeschichte sind stets von einer gewissen Gloriole umgeben gewesen, denn die Bewunderung kühnen Mutes und romantischer Abenteuer ist nun einmal tief eingewurzelt im Menschenherzen, wie u. a. die Vorlieb« für Kriminalgeschichten zeigt. Diese Räuber-Häuptlinge der Vergangenheit besaßen aber auch sympathischere Züge als die heutigen Unterwelt-Könige", die ihren Beruf als reines Geschäft betreiben; sie waren edelmütig ober er­schienen wenigstens so, hatten ein Herz fürs Volk und plünderten nur die Reichen aus. Sie sind daher zum Teil sehr volkstümlich gewesen, wurden in Dänkelgesängen verherrlicht, auf die Bühne gebracht und leben noch heute in einer rei­chen Literatur fort.

Dies ist auch bei dem berühmtesten Räuber- hauptmann des französischen Rokoko der Fall, bei Louis Dominique Cartouche, der ums 3ahr 1693 geboren wurde unb in der kurzen Zeit von 1719 bis 1721 derberühmteste MannvonPa- r i s war. Leider sind die Akten seines Prozesses bei den Brandstiftungen der Commune verbrannt, und wir besitzen nur eine Studie von D. Mau­rice, die auf dem Studium dieser Dokumente beruht. Es gibt aber eine größere Flugschrhten- Literatur. deren wichtigste Stücke jetzt in einem Reudruck von Fernand Fleuv.t neu gedruckt wor­den sind.

Wenn die Taten und Abenteuer Cartouches in vielem an das Unwesen der heutigen amerikani­schenGangsters" erinnern, so wirken sie doch lustiger und graziöser, wie es dem Geiste der da­maligen Zeit entsprach. Cartouches Vergangen­heit dis zu der Zeit, da er als genialer Verbrecher in Paris aus tauchte, liegt ziemlich im Dunkeln. Er soll mit zwölf 3ahren von Zigeunern entführt worben sein, war bann Lakai und dann Soldat und lebte mehr schlecht als recht so dahin, bis man 1719 von ihm zu sprechen anfing. 3n diesem 3ahre sah er eines Rachts, als er auf dem Pont-Reuf spazieren ging, einen Mann, der sich gerade über das Geländer schwingen wollte, um sich in die Seine zu stürzen. Cartouche hielt ihn am Deine sest und zog den Verzweifelnden zurück, der ausrief:3ch will mich lieber ertränken als bankrott machen!" Der Retter wurde zu dem Selbstmord-Kandibaten, der sich als ein gewisser Perrichvn vorstellte, von solcher Zuneigung ergriffen, daß er ihm 3000 Livres gab, die er gerade in der Tasche hatte, und ihm versprach, den Rest seiner Schuld zu Hause auszuhändigen, indem er bemerkte:Die Straßen sind nicht recht sicher", gewiß ein sach­kundiges Urteil. Am folgenden Tage berief der Wohltäter eine Gläubiger-Versammlung und be­friedigte alle Ansprüche mit 24 000 Livres, indem er erklärte, das Geld stamme von seinen Freun­den. die kein sehr ehrbares Geben sührten, und sich das Gebet eines ehrlichen Mannes sichern wollten. Als aber die Gläubiger mit ihrem (Selbe das Lokal verlassen hatten, wurde es ihnen von der Dande Cartouches sofort wieder ab. genommen. . .

Es war in der Zeit der kurzen Scheinblüte, die durch das Papiergeld desSchottenLaw hervorgerufen war. Alles spekulierte und ver­diente Geld, das man in kostbarem Schmuck zur Schau trug. Die Spießgesellen Cartouches sahen also ein reiches Arbeitsfeld vor sich. Einige von ihnen erwählten zu ihrer Spezialität, die golde­nen und silbernen, oft mit Diamanten besetzten

Degenknäuse der vorübergehenden Herren mlt einem festen Griff von der schwachen Klinge ab- zubrechen und dann zu verschwinden. Diese Dieb­stähle wurden so zahlreich, daß man d i e Mo de wechselte und nur noch einfache Stahllnäuse trug. Der Führer aber begügte sich nicht mit sol­chen Kleinigkeiten: er stahl im Großen und wagte sich an die höchsten Herrschaften heran. Einer sei­ner Vertrauten, den er dem neuen türkischen Ge­sandten entgegengeschickt hatte, arbeitete so treff­lich. daß der Pascha, als er in Paris anläm, die Hülste der kostbaren Geschenke für Ludwig XV. vermißte. Ein anderer, der die Wegelagerei zur Kunst ausgebildet hatte, erbeu­tete bei einer Gelegenheit 462 000 Livres, ein an­dermal 50 000 usw., riesige Summen für dama­lige Zeit. Cartouche selbst, ein Heiner, u n - scheinbarer Mann, ein richtiger Pariser Gamin", zeigte sich ebenso keck wie galant. Eines Rachts, von den Wachen verfolgt, flüchtete er sich in das Schlafzimmer der Frau Marschallin von Doufflers undbat sie mit vorgehal­tenem Revolver, ihm Unterkunft zu gewähren und ein Souper zu verschaffen. Die Dame, die schon in den Sechzigern war, brauchte für ihre Unschuld nicht zu sorgen, versteckte ihn hinter einen Wand­schirm und ließ voller Angst das Beste auffahren, was Küche und Keller bot. Am Morgen verließ sie ihr nächtlicher Gast und revanchierte sich mit 100 Flaschen des besten Champa­gners, die er aus dem Keller eines reichen Fi- nanzmannes stehlen ließ und ihr zuschickte.

Cartouches Bande bestand aus einerunbe­grenzten Zahl von Personen", jedensalls aus mehr als 365, von denen 35 Frauen waren. Außer diesen gigantischen Spießgenossen arbeitete er aber noch mit einer Füll« von Zuträgern zu­sammen, die ihn aufgroße CoupS* aufmerlfam machten, mit Gastwirten, die ihm reiche Gäste verrieten, und vor allem mit den Hütern des Ge­setzes. Daß er feine Räubereien so unverschämt lange Zeit durchführen konnte, war nur möglich, ebenso wie bei den amerikanischen Gangsters, in­folge der D e st e ch l i ch k e i t d e r P o I i z e i. Er konnte sich ruhig einmal gefangennehmen lassen, denn er wußte, daß er durch ein reichliches Geld­geschenk doch wieder freikommen würde. Außer­dem flößte schon sein Rame eine panische Furcht ein. Als der Verhaftungsbefehl gegen ihn von einem Ausrufer öffentlich verlesen wurde, erhob sich plötzlich in der dichtgedrängten Menge eine Stimme, die rief:3ch bin Cartouche!" Eine Sekunde später war alles auseinandergesto- ben, und allein auf dem Platze stand ein kleiner Mann, umringt von ein paar Kumpanen.

Schließlich aber ereilte ihn hoch das Schicksal. Er wurde von einem Gardisten verraten und barsuß. nur mit dem Hemde bekleidet, aus dem Bette geholt. Man erzählt, daß der Dichter Le­grand, der ihn damals auf die Bühne brachte, zusammen mit dem Schauspieler Quinault bei dem Gefangenenaufseher erwirkte, daß Cartouche ihnen all« seine Streiche im Pariser Argot erzäh­len mußte, um einen möglichst realistischen Ein­druck für die Dichtung und das Spiel zu erhalten. Beinahe wäre er aus dem Chatelet-Gesängnis ent­flohen: er war schon durch ein Abzugsrohr auf die Straße gedrungen, als das Dellen eines Hünd­chens ihn verriet. So ereilte ihn das Schicksal. Er wurde am 26. Rovember 1721 öffentlich a u f dasRad geflochten, nachdem man ihn nach dem damaligen Drauch erwürgt hatte.

Buntes Allerlei.

Wenn der Mond seinepflicht nicht tut..

Der Gemeinderat des Ortes Coalville in der englischen Grafschaft Leicestershire hatte eine Be­schwer de erhalten, durch die ein Arzt darüber Klag« führte, daß die Straßen des Ortes bei Rächt so dunkel wären, daß man nur mit Hilfe eines Lotsen nach Hause gelangen könne. Die Be­schwerde mußte als berechtigt anerkannt werden, aber die Gemeinderäte erklärten sich selbst für schuldlos. Der Uebeltäter sei niemand anders als der Mond. Er hatte in der fraglichen Rächt eigentlich die Pflicht, zu scheinen, aber er hatte diese böswillig verletzt und sich hinter Wolken verborgen. Der Gemeinderat beschloß daher, diesen unzuverlässigen Straßenbeleuchter abzu­setzen und statt dessen sofort die Zahl der Later­nen zu vermehren, auf die man sich besser ver­lassen könne.

Herr und Hund als gegenseitige Lebensretter.

Innerhalb einer Minute hat ein Herr seinem Hund das Leben gerettet und hat von diesem den gleichen Dienst empfangen. Der Herzog von Zelies, ein früherer Anwärter auf den Thron von Albanien, der jetzt als Rechtsanwalt an den Pariser Gerichten tätig ist, unternahm in früher^ Morgenstunde mit seinem Terrier Echerif einen Spaziergang an den Seine-Kais. Scherif entdeckte eine Wasserratte und sprang ihr von seinem Herrn ermutigt, in den Fluß nach. Nachdem er das Tier getötet hatte, geriet er beim Zurückschwimmen in die Schlingpflanzen des Flusses und ging unter. Der Herzog, der die Not des Hundes beobachtete, zögerte keinen Augenblick, sondern sprang ins Wasser, befreite den Hund und brachte ihn ans Ufer. Aber während Scherif sich be­haglich das Wasser abschüttelte, verletzte sich der 1 Herzog eine Schlagader am Sein an einem spitzen

Flaschensplitter und brach ohnmächtig unter großem Blutverlust zusammen. Nun war die Reihe an dem Hund. Er heulte und kläffte so jämmerlich, daß ein Bootsmann aufmerksam wurde und mit seinem Fahrzeug herbeiruderte. Er kam dem Bewußtlosen zu Hilfe, legte ihm einen vorläufigen Verband an und brachte ihn dann ins Krankenhaus. Ohne die Aufmerksamkeit des Hundes wäre fein Herr wahr­scheinlich verblutet.

Oas nennt man Berufung.

Man soll einen Menschen stets an die Stelle sehen, für die er seine überragende Begabung bereits bewiesen hat. Dieses gesunde Prinzip hat sich auch die Verwaltung eines italienischen Gefängnisses zu eigen gemacht. Unter ihrer Fuchtel waren unter anderem drei Falschmünzer interniert. Wie sollte man diese begabten Fun­gens beschäftigen? Der Herr Direktor kam zu der Ueber^eugung. daß sie sich, ihremZivil­beruf" entsprechend, am besten vermutlich in der mechanischen Werkstatt bewähren würden. Und dieser Uederzeugung haben denn die ehrenwerten Drei auch bestens entsprochen... Eines Tages wurde nämlich im näheren Umkreis des Gefäng­nisses ein Mann festgenommen, der falsch« Mün­zen in beträchtlichem Umfange umzusehen ver­suchte. Cs stellte sich heraus, daß man es in ihm mit einem Gefängniswärter zu tun hatte, unter dessen Oberhoheit die drei Gauner zu arbeiten pslegten. Sie hatten, dem überstarken Trieb ihrer Begabung folgend, selbst im Kittchen ihren eigent­lichen Beruf wieder ausgenommen und munter Falschgeld hergestellt! Run haben sie Gelegen­heit, länger, als ursprünglich vorgesehen war, über die Vervollkommnung ihrer scheinbar doch noch nicht ganz einwandfreien Methoden nach­zudenken. 3n die mechanische Werkstatt aller­dings wird man sie vermutlich nicht wieder ein- stellen