Ausgabe 
15.9.1932 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

MMS NWlUiS

Vornan von Hertha Fricke

Urheberrechtsschuh: Verlag Oskar Meister, Werdau

22. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Er sprang auf und ging auf und ab, und seine Gedanken waren so finster, wie sie vorher froh und hell -gewesen waren. Wieder und wie­der las er den Brief der kleinen Gertrud. Eine heiße Dankbarkeit gegen das vernünftige Kind erfüllte ihn, die an Eva-Marie -glaubte und das einzig Richtige getan -hatte, was möglich war. Diesen Hilferuf an ihn zu senden!

In später Stunde ließ er sich bei seinem Chef­arzt melden und um sofortige Ablösung bitten. Da dieser ihn selbst an den bekannten Rerven- arz-t empfohlen hatte, kam es ihm nicht über­raschend, daß Andresen fort wollte, und da dieser ihn von der Rotwendigkeit seiner mög­lichst schnellen Abveise überzeugte, wurde es möglich gemacht. Roch der Rachtzug führte Hein­rich Andresen nach Berlin, wo er in den frühen Morgenstunden anlangte, todmüde und voll Sorgen.

An Gertrud Andresen hatte er ein paar Zeilen rn die Pension geschickt:

Mein liebes Kind!

Ich danke Dir für Deinen verständigen Brief und für Dein Vertrauen zu Fräulein von Die­men! Du hast Recht. Es ist unmöglich, was man von ihr gesagt hat. Ich reise sofort ab und werde eher in Berlin sein, als dieser Brief bei Dir. Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir beide, Du und ich, für Eva-Marie zeugen müssen! Ich erwarte von Dir, daß Du tapfer bist und Dich von niemandem in Deinem vernünftigen Gedanken wankend machen läßt. Ich vertraue Dir, kleine Gerti! Sobald ich kann, besuche ich Dich.

Mit herzlichem Gruß

Dein treuer Onkel Heinrich."

Der Morgen schien schon hell in die Fenster der Billa Andresens, als Heinrich das Haus seines Bruders betrat.

Wie kommst du hierher, Heinrich!" begrüßte Karl Andresen ihn laut und verwundert.

Elisabeth Guntermann, die Hausdame, ver­neigte sich und bot ihm die Hand mit sanftem Lächeln.

Eine große Veränderung, seit wir uns nicht gesehen haben, nicht wahr Herr Doktor! Lind soviel Trauriges inzwischen! Ich habe mich des verwaisten Haushalts einstweilen angenommen!"

Da stieg der Zorn heiß in Heinrich Andresens

Gesicht. Er stieß ihre Hand zurück, wie ein ekel­haftes Tier:

Was habt ihr mit Eva-Marie von Diemen gemacht?" seine Augen funkelten zornig seinen Bruder an, mit tiefer Verachtung die Haus­dame.

Sie spielte verlegen mit der Seidenfranse ihrer schwarzen Schärpe. Dann sah sie auf und sagte mit einer Liebenswürdigkeit, die an der so leicht Beleidigten merkwürdig auffiel:Wir, Herr Dok­tor? Ihr Herr Bruder war fast ebenso erstaunt wie Sie heute, als er von dieser schweren Ver­fehlung des einst so verhätschelten Gesellschafts­fräuleins erfuhr! Ich war vielleicht die einzige, die nicht ganz unvorbereitet war, die das schein­heilige Fräulein schon eher erkannt hat, und ich habe oft ihre Mißbilligung ertragen müssen, wenn ich mein Benehmen ihr gegenWer danach ein» richtete? Soviel wir gehört haben, hat diese von Diemen bereits ein teilweises Geständnis ab­gelegt!"

Sie lügen! Ihr haftete kein Makel an!" Doktor Andresen vergaß jede Höflichkeit.

Die Guntermann zuckte die knochigen Schul­tern.In solchen Sachen sind die Männer, ob alt oder jung, hübschen Frauenspersonen gegen­über ziemlich ahnungslos! Sie kommen aber von der Reise, Herr Doktor, ich darf wohl meiner Pflicht nachkommen, dem Gaste des Herrn An­dresen eine Tasse Kaffee anzubieten!"

Lassen Sie mich in Ruh! Wo ist Fräulein von Diemen?"

In Moabit, in Untersuchungshaft!" antwortete etwas spöttisch Karl Andresen.Glaubst du, man behält sie dort ohne Grund und Anlaß? Etwas muß doch dahinter sein, lieber Bruder!"

Ja!" sagte in höchstem Zorn Heinrich,eine totale Verrücktheit oder eine bodenlose Gemein­heit! Eins von beiden! Und um das festzustellen, werde ich jetzt sofort zu ihr fahren!"

Tu, was du nicht lassen kannst", gab der Kaufmann kalt zur Antwort.Ich verzeih dir deine sehr wenig brüderliche Art, und Fräulein Guntermann wird dir deine Unhöflichkeit ver­zeihen. Denn es ist ja nicht so leicht zu begreifen, wenn man sich in ein hübsches Mädel aus ersten Gesellschaftskreisen verliebt hat und findet sie nachher im Kittchen wieder!"

Heinrich Andresen war in seiner Empörung so rasch wieder hinausgestürmt, daß er die häß­lichen Reden seines Bruders kaum noch vernahm. Er nahm die nächste Fahrgelegenheit nach Moabit. So rasch und ohne Besinnen war er seiner Ein­gebung gefolgt, daß er erst beim Aussteigen aus der elektrischen Bahn gewahr wurde, daß er seinen Koffer von Hamburg noch in der Hand hatte. Er ging über den großen grauen Hof und suchte den Pförtner. Vor der Tür ging eine vor­nehm aussehende ältere Dame, tief verschleiert, auf und ab. Erregt und ratlos waren ihre

Schritte. Ihr Gesicht war nicht zu sehen, denn sie hielt es gesenkt, und der Schleier verhüllte es.

Ein robuster Mensch mit rotem, gutmütigem Gesicht und einer Beamtenmühe kam heraus aus einem der großen, grauen Gebäude mit den ver­gitterten Fenstern. Heinrich Andresen besann sich auf die Macht, die viele Türen öffnet, und drückte ihm einen Schein in die Hand.

Wohin will der Herr denn jern?" sagte der Mann in entgegenkommender Haltung.

Dr. Andresen legte ihm die Hand auf die breite Schulter.Das Doppelte gebe ich Ihnen, wenn Sie es mir möglich machen, das Fräulein von Diemen zu sprechen, das hier in Unter­suchungshaft sein soll!"

Tut mir janz furchtbar leid! Ist janz aus- jeschlossen, mein Herr! Ob Sie nun der Bruder sind oder der Dräutijam, ist janz egal. Heute darf keen Mensch mehr rein? Denn morjen ist Termin, und da jeht es nich! Wenn ick menschlich denke und will Ihnen jern reinlassen, denn sitze ick morjen an der Luft! ilnb bei die Arbeitslosig­keit kann das keener riskieren!"

Dann sagen Sie mir wenigstens, an wen ich mich wenden kann, um es zu erreichen", bat An­dresen.

Der Mann schüttelte den Kopf.Jeht nich und nutzt Ihnen nischt! Sie kriejen keene Erlaubnis! Bei sone schlimme Sachen darf vor die Termine keener rein! Da drüben jeht ne Dame. Die ist die Mutter, sagt se! lind sie darf ooch erst nach dem Termin mit die Tochter reden!"

Wann ist Termin?" fragte hastig Dr. An­dresen.

Morjen früh halb zehne? Ra, und denn is ja die Oeffentlichkeit nich ausjeschlossen. Denn können Se ja beiwohnen. Denn sehen Se ja jleich, wat los is, und können hinterher mit ihr reden."

Ich danke Ihnen! Rein, behalten Sie nur!" wehrte der Arzt ab, als der Pförtner ihm das Trinkgeld zurückreichen wollte, weil er nichts hatte für ihn tun können. Er tat wenigstens so.

Ra, denn danke ich schön! Für'n andermal, wenn Se mich brauchen!" Er legte die Hand an die Mütze, und Heinrich Andresen ging rasch die ziegelsteingepflasterten Wege durch den Hof dex Dame nach, die ihm scheinbar ausweichen wollte. Er stellte sich ihr in den Weg.Verzeihung, ich habe die Ehre, Exzellenz, Eva-Maries Mutter, zu begegnen?" sagte er leise und höflich.

Um Gott? Wer sind Sie?" fragte sie angst­voll und brach in hilfloses Weinen aus.

Dr. Andresen bot ihr in tiefem Mitgefühl den Arm.Gestatten Exzellenz, daß ich als Eva- Maries aufrichtigster Freund Sie hier fortführe! Wir wollen überlegen, gemeinsam überlegen, was zu tun ist, um die Unglückliche zu retten!"

Die Dame sah zu ihm auf. Die ehrliche Stimme, das sympathische Gesicht des Mannes, gaben ihr

ein wenig Mut.Darf ich um Ihren Rarneq bitten?"

Ich bin Dr. Andresen!" Er nahm den Hut ab. Aber bei dem Ramen wandte sich die Dame trostlos ab.Sie werden mir verzeihen, Herr ' Doktor, daß Ihr Rame mir furchtbar ist. Ich wünschte, das Kind wäre nie, niemals in das Haus Andresen gekommen, das nun ihr Un­glück geworden ist!"

Das kann ich verstehen, gnädige Frau!" ant­wortete er traurig.Aber ich habe nichts mit dem zu schaffen, was man Ihrer Tochter im Hause meines Bruders angetan hat, und ich bin mit dem nächsten Schnellzug von Hamburg ge­kommen, als ich davon erfuhr, um sie so schnell zu erlösen, als es möglich ist!"

Und warum taten Sie das, Herr Doktors fragte Exzellenz von Diemen erstaunt.

Er führte sie durch den düsteren Hof durch die Vordergebäude auf die freie Straße, ehe er antwortete.Weil ich Eva-Marie vom Grunde meines Herzens liebe und beabsichtige, Sie, gnä­dige Frau, um ihre Hand zu bitten!"

Run wird mich wohl keiner mehr darum zu bitten wagen!" sagte mit tiefem Gram die Dame.Herr Gott, es ist doch nicht möglich, daß Eva-Marie so etwas tat, aber die Schande, die Schande! Die bleibt auch, wenn sie unschuldig ist!"

Die Schande wird von ihr abfallen wie welke Blätter im Herbst, wenn erst Licht in diese Fin­sternis gebracht ist!" tröstete Heinrich.Und um Eva-Maries Hand bitte ich heute schon! Daß sie mich lieb hat, das weiß ich, und mit Ihrer Einwilligung, gnädige Frau, geben Sie mir noch ein größeres Recht, für sie einzutreten, moralisch wenigstens! Vor Gericht ist es besser für sie. wenn ich mit gutem Gewissen beschwören kann, daß ich ihr noch fremd gegenüberstehe! Meine Gefühle für das liebe Mädchen gehen keinen Ge­richtshof etwas an!"

Das lohne Ihnen Gott! Daß Sie auch heute treu zu ihr stehen!" sagte die Dame. Es war ihr ein großer Trost, daß sie dem Schweren nicht mehr so ganz allein gegenüberstand. Ihr Bruder hatte ja sogar verhindern wollen, daß sie hierher fuhr. Und sie liebte doch Eva-Marie mit echter Mutterliebe, wie ein eigenes, leibliches Kind.

Dr. Andresen nahm den nächsten Wagen, hv8 die Dame hinein und fuhr in ein Hotel.

Ich mag meinen Ramen gar nicht einschreiben, wo er jeht durch jede Zeitung gezogen toirb?** schluchzte sie, als ber Kellner bas Anrneldebuch vor sie hinlegte und wieder verschwunden war. Da nahm ihr ber junge Mann den Stift aus der Hand und schrieb, daß sie es sehen konnte: Dr. Andresen, Rervenarzt aus Hamburg, nebst Mutter."

(Fortsetzung folgt.)

am 12. September 1932 zu Dortmund-

im 84. Lebensjahre.

u. v. a.

fl47OD

gestorben Marten.

Für die trauernden Hinterbliebenen:

Berta Simon, geb. Joseph.

Ordentliches 05397

Mädchen das perfekt kochen kann, für kl. Haush. (2Perf.)z.l.Okt.ges. Seltersweg 10 (Lad.)

Beerdigung:Freitag.den 16. Sept.,ll.SOUhrvorm.

_______________________________________________64G7D

Londorf, Aliendorf a. d. Lda Paris, den 14. September 1932.

Es gibt vieles- für Ihre Ge- sundheit I Aber nur ein "" »Lebewohl« für Ihre Htih- neraugen.

4939 V

L. Alchoff

Gericht!, beeidigter Tax. u. Auktionator

Stellengesuche,

21jährig. Mädchen, welches schon groß. Haush. geführt hat, sucht Stelle als HAUSTOCHTER Schrift!. Ang. unt. 6475 D a. d. G. A.

Wir betrauern den Tod unseres lieben A. H.. des

Pfarrer Reinhard Deife (Gi. 09)

Heute vormittag entschlief sanft nach kurzem Krankenlager mein geliebter Mann, unser lieber Vater, Schwiegervater, Großvater, Schwager und Onkel

Herr Anselm Simon II.

Der Gießener Wingolf

I. N. u. A.

Heinrich Schneider F. V. theol.

o|

Hühnerauften-Lebewobl u. Lebewohl-Ballen- cheiben. Blechdose (8 Pflaster)68Pf.. Lcbewobl- Fubbad fleßen empfindliche Fübe und Fufischweifi, Schachtel (2 Bäder) 45 Pf., erhältlich In Apotheken und Drogerien. Sicher zu haben: Med.-Drog. Hau» Hindenburg, H. Eines, Selteraweg 68a; Löwon-Drogerle W. Kilbmger Nacht., Seltersweg 69; H. Noll, Ludwigspl.- Drog. und Neustadt-Drog., Germania-Drog. C. Seibel, Frankl. Str. 39; 0. Winterhoff, Grog., Kreuzplatz 9/10.

[Vermietungen |

Herrsch, geräumige 6-7-Zimm.-WohniiDg Balk., Aliceustr. 201 sof.zuvermiet. 05311 Näheres A. Becker, Kevlerstr. 9.

Wirksame erbe-Drucksachen bei Brühl. Schulstraße 7

Umbau

von alten Radio- empfängern i.trenn- scharfe Netzanschluß- geräte, konkurrenzl. billig. Schr.Anfr. u. 05306 a. d..Anz.

Schöne, große 4-Zimmer-Wolinung mit Bad, in guter Lage, per 15. Ott. zu vermieten. Schr. Anfragen urtt.05296 an den Gieß. Anz. | Mietgesuche | 6-7'ZimmJohDOoy mit Zubehör in gut. ruh. Haus, ferner 2 Zimmer für Amts­räume im gleichen Haus oder "Nähe, November od.später gesucht. Bald. Ang. an Forstamt Gießen ««iMWilhelmstr.56. Kdl. Ehev. s. schöne 3-4'3imnierlDot)nung nur in ruh. Hause. Miete 36 Monal. voraus, cvtl.Tausch mit 5-Z.-Altwohn. Schrift!. Ang. unt. 05314 an d. G. A.

[Stellenangebote]

Gel. Schlosser auch Autoschi od.Elektrik. welch, sich inBürou. Ladenarb.weiterbe- tnt. will, bei Iam.- Anschl.Kostu. Logis ges.Zuschr.m.Lohn- ang.u.6474I)a.G.A.

1823jähriges gesundes fleißiges Alleinmäfltlien per 1. Ott. gesucht. Vorzust.nur m.gut. 3eugn.Sttdanlagel7I

Mädchen 20 I., in all. Haus- arb. erfahr, sow. im Kochen, Bügeln u. Kleiderm.suchtStel» lung i.bess. Hause z. l.od.!5.Ott.Zeugn. vorb. Schr.Ang.unt. 05304 a. d..Anz.

[Verschiedenes |

IW

taleigenmg Freitag, den 16. d. M., versteigere ich Bahnhofstr. 29 II, meistbietend yegen Barzahl., bestimmt 2Uhr nachmittags:

1 Sofa, 1 Kom­mode, 1 Regnla- tor,Tische,Stiih!e, 1 (5'isschrank,einen Waschtisch m. M. n.2vregelanfsatz, 3 komvl. Betten

1-2 oder 3 Zimmer m. K. in Gießen sof. oder später gesucht. Schr. Ang. m. Preis u. 05310 a.d. G. A.

!III»iI»IIIII»I»IIIIIIll»IIIIU Mbl.Zimmer (mögl. Wohn- und Schlafz.) billigst in Dauermietegesucht. Schr. Ang. nur mit Preisangabe unter 05299 an den G.A. Üllllllllllllllllllllllllllllllllll

MblZimmer möglichst innerhalb der Stadt und mit Zentralheizung zum 1. Ott. von Referen­darin ges.Schr.Anz. u.05313 a. d. G.A.

[Wohnungstausch|

Biete

4- Zimmer -Wohnung ruhige Lage, Preis 42 RM., suche

4- Zimm.-Wohn, parterre ob. l. Etage Preis zirka GO NM. msod Angeb. unter

Fernen! 4167.

FürWäsche und Haushalt seit über 50 Jahren bewährt

s