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15.9.1932 Erstes Blatt
 
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Nr. 217 Erstes Blati

182. Jahrgang

Donnerstag, 15. September 1952

(5r|d)etnt täglich, außer Sonntags unb Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle monatsBejngsprels:

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GietzemrAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Vrvck und Verlag: vrühl'sche Unwer^lütL Buch- und Steindruckerei R. Lange in Sieben. Schristiettung und Geschäftsstelle: Schulstraße 7.

Annahme von Anzeigen für bie Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

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Dr. Friebr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein unb für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Gießen.

Erziehung zur Wehrhaftigkeit

Wehrhaftigkeit bedeutet körperliche und geistige Mannhastigkeit an sich und Opserbereitschaft für die Gesamtheit." Diesem Ziel, wie es in den Richt­linien des Reichsinnenministeriums gekennzeichnet wird, dient die letzt beschlossene staatliche Organisa­tion des Wehrsports. Die Regierung hat fast un­mittelbar nach ihrer Amtsübernahme die große und lohnende Ausgabe erkannt die ihr nach dieser Rich­tung gestellt ist. Frühere Pläne aus den Zeiten der Minister Wirth und Grüner sind im Grunde nicht Über allgemeine Erwägungen über die Schaffung einer überparteilichen Sportorganisation hinausge- kommen. Die neuen Männer haben sich sofort ent­schlossen ans Werk gemacht. Die Durchführung des jetzt verkündeten Planes ist in der Zwischenzeit b e - reite in Versuchslagern erprobt roor- Öen. Die Vorbereitungen sind so vollkommen ab- geschlossen, daß das beschlossene Werk nun schnell- [kns auf breiter Grundlage in Angriff genommen werden kann.

Opferbereitschast für die Gesamtheit" über dem engeren Begriff der Wehrhaftigkeit ist im Ziele eine Entpolitisierung unserer Jugend, eine Befreiung aus den Banden des fanatischen Parteienhasses und dafür eine bewußte und stärkere Rationalisierung, eine Erziehung zum deut­schen Gemeinschaftsgefühl über bie sozialen und parteipolitischen Schran­ken hinaus einbegriffen.

Auf das Gelingen dieses Planes ist zu einem ^gioßen Teile die politische Zukunft Deutschlands gestellt. Ruhige ausländische Beurteiler, die der Ver­wirrung durch den innenpolitischen deutschen Hader entrückt sind, haben die Möglichkeiten und Notwen­digkeiten, die sich im Bereich der deutschen Jugend ergeben, früher unb klarer erkannt als bie beutsch« Oesfentlichkeit selbst. Der Herausgeber ber franzö- fischen RevueNoire Temps", Jean Luchair e. hat soeben eine Schrift überDie brei Deutschland herausgegeben. In einem höchst beachtlichen Schluß­kapitel sagt er, baß bie psychologische und soziale Unausgeglichenheit von spezifisch innerer Ordnung nur von der Seite der deutschen 5 u - gend her überwunden werden könne. Wenn es den Jungen möglich wäre, den Streit der Weite­ren Zu begraben und sich zusammenzuschließen, so könnten sie sich auf die große Aufgabe ihrer Generation werfen. Die Aufgabe ihrer Generation Luchaire spricht von Momenten, wo ein einziges Land die Chancen eines ganzen Kon­tinents auf seinen Schultern trägt, und er ist der Auffassung, daß nach Frankreich und England heute Deutschland an der Reihe sei. Stärker als in dieser Mahnung eines Ausländers kann die Be­deutung eines Werkes kaum unterstrichen werben, 3ii dessen Begründung Hindenburgs Kundgebung einleitend sagt:Die deutsche Jugend ist die Zukunft unseres Volkes!" Der Staat hat feine Aufgabe er­kannt, daß er der Jugend entscheidend helfen muß in ihrem mehr oder weniger bewußten Drange, aus dem Klassen- unb Parteienhaß heraus zu einer neuen Gemeinschaft zu gelangen.

Die Richtlinien, nach denen die Ausbil- düng erfolgen soll, führen w e g v o n d e r 21 m c - rikanisierung der Leibesü b u ngen , weg von der einseitigen Rekordhascherei auf der Aschenbahn und von der Beschränkung auf die Turnhallen hinaus ins Gelände, wo die körperliche Ertüchtigung im deutschen Sinne gesucht werden soll. Wanderungen, Ordnungsübungen und Geländespiele sollen den jungen Körper stäh­len. Sie sollen körperliche Leistungsfähigkeit, Ge­wandtheit und Härte, Willensstärke, Mut und Entschlußkraft, Zucht, Ordnungsliebe, Kamerad, schäft, Wehr- und Opferbereitschaft für Volk und Land vermehren und stärken und die Jugend in der Liebe zum gemeinsamen Vaterland und zum Boden der Heimat verwurzeln.

Die Verbände sollen zwar in ihrer Unabhän­gigkeit nicht angetastet werden, es wird aber von nun an dafür gesorgt, daß zu einer sorgfälti­gen Führerauslese geschritten und daß die für die körperliche und geistige Ertüchtigung un­serer Heranwachsenden Jugend auserwählten Per­sonen eine entsprechende Vorbildung erhalten. Da. durch wird dem gesamten Wehrsport allmählich ein einheitliches Gesicht gegeben, es wird aber vor allem auch dafür gesorgt, daß gleichzeitig das Trennende in den Hintergrund gc. schoben und das Einigende hervorge­hoben wird. Die Probe aufs Exempel wird schon die Zusammenfassung der aus den verschiedensten politischen Lagern kommenden Unterführer in ge­meinsamen Ausbildungskursen fein. Finden sie sich in guter Kameradschaft und in dem ehrlichen Wil­len, dem Volke zu dienen, zusammen, und daran kenn wohl nicht gezweifelt werden, dann wird die Eemeinsamkeit des Strebens auch bei den Verbänden nach und nach zum Durchbruch kommen. So wird erreicht, daß die aus Partei» politischer Verbohrtheit entstandenen Abgründe zwischen den einzelnen Volksgenossen wieder überbrückt und die Gegensätze gemildert toer» den.

Doch darin allein erschöpft sich die üleberwa. chung des Wehrsportes durch das Reich nicht. Gleichbedeutend mit der Entpolitisierung der Ju­gend ist es auch, wenn im Zusammenhang mit der deutschen Forderung nach Wehrfreiheit unsere mannbaren Jünglinge nach einheitlichen Gesichts­punkten so erzogen werden, daß ihre vermehrte Wehr, und Opferbereitschaft für das Land gege­benenfalls kraftvoll eingesetzt werden kann

Die Mllimeii für die GeländesporiaiiMdimg.

Wie in den Ausbildungslagern gearbeitet werden soll.

Don unserer Berliner Redaktion.

Berlin, 14. Sept. Die Richtlinien des Reichs­ministeriums des Innern für bie Ausbildung im Gelänbefport taffen beutlich erkennen, daß biefe Ausbilbung in einem mobernen folbati- f cf) n Sinne erfolgen soll. Ordnungsübungen, Gewöhnung an Gehorsam unb Unterordnung, Dauermärsche mit schwerem Gepäck, Entfernungs­schätzen, Geländeübungen, Kartenlesen, Meldungen, Anfertigung von Grundriß unb Absichtsskizzen, Orientierung nach Kompaß, Himmelserscheinungen, Karte- unb Wettererscheinungen, Kleinkaliberschie­ßen, Geländespiele unb Gelänbeausnutzung sollen bie körperliche Einzelausbildung frönen. Trotzbem hat ber Reichswehrminister aber selbst Wert barauf jelegt, baß bie staatliche Organisation bes Gelänbe- portes bem Reichsinnenmini st erium ederführenb zugewiesen mürbe, weil einmal dem Ausland ber Borwand genommen werben soll, baß wir eine militärische Ausbilbung auf Umwegen anftreben, zum anbern aber auch, weil mit ber Erziehung zur Wehrhaftigkeit in minbeftens gleichgeordneter Weise bie Entpolitisierung ber I u g e n b. angestrebt wirb. Aus ben amtlichen Richtlinien bürsten zunächst bie Bestimmun- gen über bie Leistungsprüfungen in­teressieren. Für die abschließende Leistungsprüfung werben für Fünfzehn - bis Achtzehnjäh­rige folgenbe Bedingungen gestellt:

1. Lauf: a) 100 Meter in 14 Sekunden, oder b) 400 Meter in 70 Sekunden. Für Neunzehn» bis Fünsundzwanzigjährige sind die Zeiten 13,5 und 68 Sekunden.

2. Sprung: Weitsprung 430 Zentimeter (460 Zentimeter für Neunzehn« bis Fünfundzwanzig- jährige).

3. Wurf: Schlagball 90 Gramm 50 Meter (Speer 80 Gramm 30 Meter, oder Diskus 25 Me­ter für die höhere Altersgruppe).

4. Kraftübungen: a) Kugelstoß 5 Kilogr. 9 Meter (7,25 Kilogr. 7 Meter), oder b) Lasten­tragen 50 Pfund 20 Meter (75 Pfund beidarmig 20 Meter weit), oder c) 5 (6) Klimmzüge bis zur Brusthöhe.

5. Ausdauerübung: a) Gepäckmarsch mit 15 Pfund Gepäck in 3 Stunden 15 Kilometer (20 Kilometer mit 25 Pfund Gepäck), b) 10-Kilome- ter-Laus in 55 (50) Minuten.

6. Kleinkaliberschießen 50 Meter. Je 5 Schuß freihändig liegend, kniend, stehend: offene Visierung 3 Minuten für je 5 Schuß, 10-Ring- scheibe: 60 Ringe, 12-Ringscheibe 75 Ringe (zwei Minuten für je 5 Schuß, 10-Ringscheibe 75 Ringe, 12-Ringscheibe 100 Ringe).

7. Geländeübung: 5 praktische Aufgaben. Entfernungsschätzen zwischen 100 und 400 Meter (1OO und 1500 Meter). 20 Prozent Fehlergrenze.

8. Schwimmen: 300 Meter in beliebiger Zeit (Grundschein der Lebensrettungsgesellschaft für die höhere Altersstufe).

Dazu kommen, wo Gelegenheit geboten ist, Vielseitigkeitsprüfungen im Rei­ten, Melderitte über 20 bzw. 30 Kilometer in 7 bzw. 6 Minuten auf Geländestrecke und Orien­tierungsstrecke, Dressurprüfung und Springübun­gen nach den Erfordernissen der Klasse A bzw. entsprechend den Anforderungen für Erwerb des Reiterabzcichens in Bronze. Die Fahrübun­gen betreffen alle Leistungen in Pflege und Be­handlung des Pferdes und im Fahren vorn Bock, zweispännig und vierspännig auf der Landstraße und im schwierigen Gelände.

Zu ben Leibesübungen, bie in ben Ausbildungs- lagern gepflegt werben, gehören G y m n a ft i f mit unb ohne Gerät, Turnen, gymnastische Spiele unb Laus. Die Leistungsschule umfaßt Leichtathletik, Kampfspiele, Nahkampf (Boxen, Mann gegen Mann) unb Schwimmen. Der Zweck b-r Drbnungs- Übungen ist, bie zu Sport ober Wanderungen vereinigten jungen Leute orbnungsmäßig zusammen» zuhalten unb in guter, straffer Haltung unb Orb- nung durch Straßen unb Gelänbe zu führen. Der Wanbersport ist auf bie Ziele ber erwähnten ßeiftungsprüfung eingerichtet. Einrichten von -.ager- vlätzen. Aufschlagen von Zelten unb Abkochen, Augenübungen, Beobachtungs- unb Sinnesübungen, Gebrauch von Karten unb Kompaß, Spurenlesen, Anfertigung von Skizzen, Entfernungsschätzen unb Orientierung, Gelänbekunbe unb Geländebenutzung sinb in biesem Zweig ber Ausbilbung einbegriffen. Geländespiele unter Bilbung von zwei Par­teien sollen Finbigkeit, Aufmerksamkeit, Urteilsver­mögen unb Entschlußkraft fördern. Im Programm dieses Ausbilbungsteiles stehen Versteck- unb Such­spiele, Begegnungsspiele, Flucht- unb Derfolgungs- spiele, UeberfäUc, Hanbhabung ber g c bräuchlichsten Nachrichtenmittel burch Fernsprechen, Winken, Blinken, Radfahrer, Kraft­fahrer unb Reiter. Bei ber Ausbilbung im Klein- kaliberschießen sollen bie Grundsätze ber Reichszentrale für Förberung bes Kleinkaliber- schießwesens als Anhalt bienen. Die Ausbilbung erfolgt in Geländesportschulen (Lager) in benen auch jährlich zwei bis brei Prüfungen ftattfinben. Die Leistungen 1 bis 5 müssen babei an einem läge abgelegt werben, wobei gegebenenfalls 3 Versuche gestattet sinb.

Sozialdemokratie und Wehrfrage.

Oie wehrpolitische Aktion der Reichsregierung wird abgelehnt. Besondere Spitze gegen Schleicher.

Berlin, 14. Sept (TU.) Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion teilt in einem Bericht über zwei­tägige Beratungen ber politischen Lage mit, baß in ben Verhandlungen zur Aktion ber Reichsregie­rung in ber Weyrfrage einstimmig eine Erklärung angenommen worden ist, in ber es u. a. heißt: Die Reichsregierung hält nun den Zeitpunkt für gekommen, für Deutschland bie Freiheit zur Ausgestaltung seiner W e h r m a ch t zu be­anspruchen. Die Sicherheit der Völker kann aber mit den Mitteln der militärischen Rüstung nicht erreicht werden Insbesondere gilt dies für Deutschland an­gesichts seiner geographischen Latze und der mili­tärischen und wirtschaftlichen Kräfte der anderen Länder. Die Sozialdemokratie hält deshalb die wehrpolitische Aktion der Reichsregierung für ver­fehlt. Diese Aktion birgt die Gefahr in sich, daß sic den anderen den Vorwand zu einem uferlosen ffiettrüften gibt, bas am meisten die Sicherheit Deutschlands gefährden und die Völ­ker in eine Katastrophe führen müßte. Nur eine Außenpolitik, bie aus bie 'Berte ibigung der V ö l k er auf den Boden allgemeiner Gleichberechtigung, auf die Erhaltung des Friedens und die internationale Abrüstung gerichtet

ist, bürgt für die wirkliche Sicherheit."

Weiter heißt es in der Erklärung:Jeder Schritt im Sinne der deutschen Rüstungsnote, wie sie ins­besondere durch zahlreiche Erklärungen des Reichs- wehrministers erläutert worden ist, birgt die Ge­fahr in sich, Deutschland in politische Isolie­rung zu führen, die Welt gegen Deutschland zu­sammenzuschweißen und das Versailler Diktat zu verewigen. Die sozialdemokratische Fraktion p ro­te ft i e r t mit aller Entschiedenheit gegen jede Entfesselung nationalistischer und militaristischer Instinkte in allen Län­dern, da sie darin eine Bedrohung der Freiheit der Arbeiterschaft und eine Gefährdung des Welt­friedens erblickt." Daß die Reichsregierung in der größten wirtschaftlichen Krise und sozialen Ver­elendung mit kostspieligen Rüstungs- plänen heroortrete, fordere den entschiedensten Widerstand heraus. Abgesehen von dieser grund­sätzlichen Ablehnung widerspreche die Fraktion den Plänen der Regierung auch schon deshalb, weil sie unter Ausschaltung bes Parlaments unb der öffentlichen Kritik durchgeführt werden sollen.

Empfänge beim Reichspräsidenten.

Berlin, 15. Sept. (WTB. Funkspruch.) Der Herr Reichspräsident empfing heute den metflen- burg-schwerinschen Ministerpräsidenten Granzow, der von dem mecklenburg-schwerinschen Gesandten Dr. Tischbein begleitet war. Ferner empfing der Herr Reichspräsident heute den Präsidenten des Deut- schen Landwirtschaftsrates Dr. Brandes. (Oran- zow gehört der NSDAP, an.)

Oer Völkische Beobachter zum Ertüchtigungserlaß -erReichSregierung

München, 15. Sept. (CNB. Funkspruch.) Zur Berufung des Reichskuratoriums für Ju- gendertüchtigung erklärt derVölkische Be­obachter", es werde notwendig sein, diese neue Grün­dung der Reichsregierung mit dem in solchen Fällen gebotenen Mißtrauen zu beob­achten. 2Ius ben vorsichtigen Anbeutungen gehe her- vor, daß bas Reichskuratorium eine Behörbe werden soll, die sich vor allem für d i e politischen

Verbände zu interessieren habe. Wie man sich allerdings in den Kreisen der Regierung vorstelle, etwa marxistische oder nationalsozialistische Organisa­tionen zu gemeinsamer Arbeit zusammenzufassen, bleibe ein Geheimnis. Wenn die Regierung glaube, mit ihrer Neugründung so etwas wie einenst a a t = l i ch konzessionierten Wehrverband" etwa gegen d i e SA. aufziehen zu können, so werde das Ergebnis negativ sein.

Appell -er gesamten Münchener SA. un- SS.

München, 15. Sept. (CNB. Funkspruch.) Auf Befehl bes Truppenführers Hochland, Freiherrn von Eber st ein, findet im Zirkus Krone heute abend ein SA.-Appell der gesamten SA. und SS. des Standortes München statt, bei dem Gauleiter Wagner über die politische Lage spricht. Zuschauer aus berzivilen Parteigenossenschaft" haben, wie es im Völkischen Beobachter" heißt, mit Zustimmung ber (Bauleitung keinen Zutritt.

0ie Abrüstung.

tLnqland schlägt ein Kompromiß vor.

ß o n b o n , 15. Sept. (WTB- Funkspruch.) Daliy Erpreß" erfährt, baß bie britische Regierung im Begriff sei, eine Vertagung ber Sitzung des Bureaus ber Abrüstungskonfe­renz nach dem Zusammentritt am 21. September vorzuschlagen. Danach soll zwischen den Haupt­mächten eine Beratung stattfinden, an der wahr­scheinlich die Vertreter Großbritanniens, Frank­reichs, Deutschlands, Italiens, Belgiens und Polens teilnehmen werden, die ja auf jeden Fall wegen der Session des Völkerbundrates und der 'Abrüstungs- Verhandlungen in Genf sein würden. Die Initiative zu diesem Vorschlag soll von Macdonald kommen. Die jetzt von der britischen Regierung getriebene Politik werde in der Hauptsache darin bestehen, Deutschland im Prinzip die Gleichberechtigungs­stellung zu gewähren, womit zunächst eine Verein­barung verknüpft wäre, durch die Deutschland sich verpflichten würde, tatsächlich nicht a u f z u r ü st e n und dann eine Abrüstungs- konvention, in der sich d i e anderen Mächte verpflichten würden, in weiter- gehendem Maße abzurüsten, als sie es bisher getan haben.

Gegen diese Formel wendet sich bereits ein Teil der französischen Presse mit schärfstem Pro- t c ft.Journal" erklärt, dies würde auf nichts an­deres als auf eine Schwächung Frank­reichs hinauslaufen. Herriot dürfe sich nicht dar­aus einlaffen. AuchTemps" glaubt nicht an die praktische Wirksamkeit eines derartigen Vorschlages, warnt aber davor, allen diesen Nachrichten eine zu große Bedeutuntz beizumessen, weil sie auf nicht- verantwortliche Kreise zurückgingen. Dies gelte auch von der Nachricht der eventuellen Einberufung einer Konferenz der europäischen Hauptmächte. Das Blatt ist im übrigen davon überzeugt, daß die franzö­sische Note allenthalben abgesehen von Berlin, eine günstige Aufnahme gefunden habe. Die Regierung sei fest entschlossen, ihre Haltung gegenüber der deutschen Gleichberechtigungsforderung nicht zu ändern, gleichgültig, wie sich die Regierungen Amerikas und Englands dazu stellen sollten.

0er Geßler-Hui im Elsaß.

Am 5. Januar 1675 wurde die elsässische, damals noch Freie deutsche Reichsstadt Türkheim durch den sranzösischen Marschall lurenne einer mehrwöchigen Plünderung preisgegeben. Jetzt soll an einem der nächsten Sonntage in diesem Städtchen eine Turennesäule durch den Ge­neral Weygand eingeweiht werden. Die Türkheimer und damit die Elsässer überhaupt werden durch diese Erinnerungssäule erneut darauf gestoßen, daß ihre Heimat in den Augen der Franzosen nichts weiter als ein erobertes Land ist, in dem sich die Er­oberer alles Herausnahmen und selbst eine Art Geß- ler-Hut aufrichten dürfen. Die Elsässer haben vom Tage ihrerBefreiung" an viel Leid ertragen müssen, daß man aber sogar dazu übergehen würde, einen Marschall zu verherrlichen, der das Elsaß i n Schutt und Asche legte, haben sie sich wohl niemals träumen lassen. Wir nehmen an, daß die Franzosen zahllose Gäste zur Einweihungsfeierlich­keit nach Türkheim laden werden. Hoffentlich ver- geffen sie nicht, möglichst viele Ausländer heranzu- holen, damit man endlich einmal außerhalb der fran­zösischen Grenzen erfährt, wie das Verhältnis der Franzosen zu den Elsässern in Wirklichkeit aussieht.

Keine Verhandlungen zwischen Zentrum un- Nationalsozialisten.

Berlin, 14. Sept. (CNB. Eigene Meldung.) Wie wir aus parlamentarischen Kreisen erfahren, werden die Verhandlungen zwischen Nationalsozialisten und Zentrum vorläufig nicht weiter fortge­setzt, da man erst die Entwickluntz im Reich verfolgen will bzw. da die Nationalsozialisten den Ausgang der Reichstagswahl abwarten wollen.

Zuchthaus für politischen Mord.

Wuppertal, 14. Sept. (WTB.) Das Sonder­gericht verurteilte in der vergangenen Nacht nach 14stündiger Verhandlung zwei Kommuni st en zu sieben Jahren sechs Monaten und zu vier Jahren Zuchthaus. Beide hatten in der Nacht zum 19. Juni einen Nationalfozia- listen durch Schüsse getötet und zwei verletzt. Das Gericht nahm Totschlag in dem einen Falle und Totschlagsoersuch in den beiden anderen Fällen an und erklärte bei der Urteilsver­kündung, nach der Notverordnung vom 9 August wäre die Tat wahrscheinlich mit dem Tode zu sühnen gewesen.

Oer Reichselternbund verlangt die Konfessionsschule.

Berlin, 15. Sept. (ERD.) Der Evangelische Reichselternbund hat an den Reichsinnenminister Frhr. v. Gayl ein Schreiben gerichtet, das sich vor allem mit der Frage des Reichsschul- g e s e tz e s beschäftigt. Rach Auffassung der evan­gelischen Elternschaft bedeute es eineTleber- spihung des Toleranzgedankens", wenn wegen Minderheiten, die zahlenmäßig für das Dolks- ganze von ganz geringer Bedeutung seien, die christliche Grundlage des deutschen Schulwesens aufgegeben werde. Der Ge­danke der christlichen Erziehung lasse sich auf die Dauer mit Erfolg nicht in einer christlichen Gemeinschaftsschule, sondern unter Anpassung an die deutschen Gegebenheiten allein in dee