Ausgabe 
14.9.1932 Erstes Blatt
 
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Wirtschaft.

* Vorerst keine Russenaufträge. An den Besuch einer russischen Regierungskommission im Ruhrgebiet hat man verschiedentlich die Er­wartung geknüpft, daß die Russen diese An­wesenheit im Revier zu neuen Bestellungen bei der deutschen Eisenindustrie benützen würden. Es wird sogar gemeldet, daß ein neuer Auftrag über 20 000 To. erteilt worden sei. Wie WTB.-Han- delsdienst erfährt, sind jedoch lediglich die Spezi­fikationen für 20 000 To. des bereits früher er­teilten Auftrages über 100 000 To. Qaulitäts- erzeugnisse herausgegangen. Die Tatsache, daß die übrigen 80 000 To. noch bis gegen Jahres- schluß zu liefern sind, deutet darauf hin, daß neue russische Aufträge in der allernächsten Zeit wohl kaum zu erwarten sein dürften, wenn sich auch der russische Besuch vielleicht später in der Rich­tung weiterer Bestellungen auswirken kann.

* D i e deutsche Genossenschaft sbewe- gung im August zeigt ein erheblich günstigeres Bild als in den Vormonaten. Zürn erstenmal über» stiegen die Gründungen die Auflösungen, und die Auflösungen selbst weisen einen erheblichen Rück­gang auf. 111 Genossenschaften entstanden im August und 107 traten in Liquidation. Zu den Auslösungen kommt noch eine Zentralgenossenschaft. Die Konkurse mit 10 sind im Berichtsmonat gleichfalls zurück- geaangen. Der Gesamtbestand aller deutschen Ge­nossenschaften stellte sich am 1. September d. I. auf 51901. Kreditgenossenschaften wurden 27 errichtet, davon waren 24 gewerbliche Kreditgenossenschaften. Unter den 27 Auflösungen befinden sich allein 22 landwirtschaftliche, so daß auch in dieser Gruppe die Bestandsentwicklung durch erheblichen Rückgang der Auflösungen günstiger war. Es gab neue Zweckspar­kassen in sieben verschiedenen Orten und in Kiel eine neue Ausgleichskasse. Aufgelöst wurden in Erfurt eine Kaufkraftsparkasse. Handwerkergenossenschaften wurden zwei (eine Kürschner- und eine Tischler­genossenschaft) errichtet, und unter den sieben Auf­lösungen finden sich Genossenschaften der Bäcker, Flei­scher, Korbmacher, Bauhandwerker, Schneider und Schuhmacher. In Liquidation traten ferner die Ka­seinwerke in Glogau und die Kölner Tabakwaren- Grossisten sowie die Neu-Ulmer Sauerstoffwerke. Bei zwei Gründungen und sieben Auflösungen im August zeigte die Baugenossenschaftsbewegung einen weiteren Rückgang, und ähnlich steht es bei den Siedlungsgenossenschasten mit zwei Gründungen und drei Auflösungen. Die Genossenschaften des Klein­handels konnten ihren Bestand mit 11 Gründungen verbessern, denen vier Auflösungen gegenüberstehen. Es gab neue Genossenschaften der Gastwirte, der Radiohändler, Fahrrad- und der Kraftwagenhändler. Unter den Liquidationen waren vertreten die Eisen­waren-, Schreibwaren-, Buch-, Schokoladenhändler.

Berlin freundlich, fest.

Berlin, 14.Sept. (WTB. Funkspruch.) Dach- dem gestern noch die innerpolitische Spannung Hauptmoment für die Börsenentwicklung zu sein schien, wandte sich die Börse heute schon wieder

mehr wirtschaftlichen Betrachtungen zu. Es machte einen guten Eindruck, daß sich das Publikum trotz der starken Rückgänge der letzten Tage nicht von seinem Geschäft trennt, ferner ging von festeren Meldungen der Londoner Börse eine Beruhigung aus, und auch die Befestigung der Metallpreise ließ heute die Hoffnung auf eine allgemeine Erholung an den Rohstoffmärkten aufkommen. Da außerdem noch einige günstige Wirtschaftsmeldungen, besonders aus der Ma­schinen- und Rletällwarenindustrie vorlagen, schritt die Spekulation zu Rüclläufen. Die schwa­chen Kurse der gestrigen Abendbörse und die teilweise noch niedrigeren Taxen des heutigen Bormittagsverkehrs wurden erheblich überschrit­ten, und die Grundstimmung war als durchaus freundlich zu bezeichnen, obwohl gegen gestern verschiedentlich noch Kursrückgänge festzustellen waren. Die Meldung eines hiesigen Mittags- blattes, die von der Ausarbeitung eines Vor­schlages europäischer Dilanzsachverständiger, der als Ablösungszahlung für die Kriegsschulden Europas an Amerika eine Milliarde Dollar vor­sehe, wissen wollte, trug zu dieser freundlichen Stimmung zweifellos bei. Das Geschäft war nicht sehr umfangreich und beschränkte sich auf die Hauptmärkte. Mit besonderen Kursabweichungen sind Contigummi (plus 3,75 v. H.), Lahmeyer (plus 3 v. H.), Siemens (plus 2,13 v. H). Dort­munder Union (plus 2,25 V.H.), Aku (plus 3 v. H) und Deutsche Kabel (plus 2,75 v. H) als fest zu nennen, während Stolberger Zink nach Minus-Minus-Dotiz 3,25 v. H. niedriger, Elek­trische Lieferungen 2,75 v. H. und AEG. 1,25 v. Sy unter gestern eröffneten. 3m Verlaufe setzte sich dann unter kleinen Schwankungen ziemlich allgemein eine Erholung durch, wobei man auch auf Diskontsenkungshoffnungen für die nächste Woche hinwies. Das Geschäft am Schiffahrts- Montan- und Kunstseidemarkt wurde hierbei etwas lebhafter. Die erhöhten Kurse benutzte die Spekulation allerdings dann wieder zu Gewinn­mitnahmen, und ein Zurückgehen des Farben­kurses wieder unter die Parigrenze (er war schon 100,39 Geld) blieb auf die übrigen Märkte nicht ganz eindruckslos.

Fe st verzinsliche Werte hatten ruhiges Geschäft, Pfandbriefe wurden eher schwächer taxiert, auch Industrieobligationen bröckelten et­was ab. Deutsche Anleihen hatten dagegen ziemlich freundliche Veranlagung und auch Reichs­schuldbuchforderungen waren nach unverändertem Beginn erholt. Am Markte der Auslands­renten war die Tendenz eher etwas leichter.

Der Geldmarkt ist nach wie vor weiter steif veranlagt. Man hofft allgemein, daß mitte näch- ster Woche der Diskont um 1 Prozent auf 4 Pro­zent gesenkt werden wird, und infolgedessen herrscht nach wie vor starke Zurückhaltung. 3n Privatdiskonten war eher wieder Angebot fest­zustellen, während Reichswechsel per 5. Dezem­ber, und Reichsschatzanweisungen per 16. 3anuar kaum gefragt blieben. Tagesgeld stellte sich auf

unverändert 5,65 bis 7,65 Prozent, und Monats­geld auf 6 bis 8 Prozent.

Sranffurt leicht gebessert.

Frankfurt a. M., 14. Sepk. (WTB. Draht­meldung.) 3m heutigen Dormittagsverkehr nannte man im Anschluß an die schwache Abendbörse auf Grund der schwachen Auslandbörsen und Waren­märkte mehrprozentig niedrigere Kurse. Da aber zu Beginn des amtlichen Verkehrs von der Kund­schaft wiederum keine Käufe vorgenommen wur­den, sah sich die Spekulation zu Rückkäufen ver­anlaßt, so daß die ersten Dotierungen überwie­gend 1 bis 2 Prozent höher lagen. 3m Verlaufe stellten sich dann weitere Befestigungen von etwa 1 bis 2 Proz. ein, wobei man auf feste Metall­kurse aus London verwies. Auch hinsichtlich der innerpolitischen Lage sah man etwas zuversicht­licher, zumal der Konflikt zwischen der Reichs­regierung und dem äleberwachungsausschuß des Reichstages in wenigen Tagen beigelegt sein dürfte. Das Geschäft war im allgemeinen klein, nur bei einigen Spezialwerten nahm es etwas lebhaftere Formen an. Stärker befestigt waren schon bei Beginn Aku mit plus 4,5 Proz., Lah­meyer in Dachwirkung des Dividendenvorschlags mit plus 4 Proz. und Chadeaktien mit plus 4 Mk. Besserungen bis zu 2,5 Proz. verzeichneten am Montanmarkt Gelsenkirchen, Mannesmann und Rheinstahl, am Elektromarkt Licht & Kraft, Bekula und von Bauwerten Holzmann. 3G. eröffneten mit 98,5 Proz. kaum verändert, waren aber dann bis auf Pari erholt. Schwach lagen zunächst Sie­mens mit minus 1,25 Proz., später konnten sie sich aber um 3 Proz. befestigen. Diedriger setzten noch Harpener Bergbau (miirus 1,5 Proz.) ein. An den übrigen Marktgebieten ergaben sich Besserungen bis zu 1 Prozent.

Dm Rentenmarkt konnten sich die gestern abend stärker gedrückten Deutschen Anleihen bis zu 0,30 Prozent erholen. Don fremden Werten gingen Ängarische Goldrente weiter zurück. Am Markte der 3ndustrieobligationen verloren Stahl­vereinbonds 2 Prozent.

Am Rentenmarkt war das Geschäft sehr ruhig. Gold- und Liquidationspfandbriefe neigten von 0,25 bis 0,5 v. H. zur Schwäche, während im übrigen nur unwesentliche Veränderungen zu verzeichnen waren. Von fremden Werten bröckel­ten Ungarische Goldrente weiter ab. 3m späteren Verlauf waren 3G.-Farben etwas lebhafter, die bis auf 100,75 v.H. anzogen, während an den übrigen Marktgebieten das Geschäft ziemlich klein blieb, die Kurse auf dem erhöhten Diveau aber unter Schwankungen behauptet waren. Tages- geld war zu 4,25 v.H. unverändert.

Frankfurter Getreidebörse.

Frankfurt a. M., 14.Sept. (WTB. Draht- meldung.) An der Getreidebörse herrschte infolge der innerpolitifchen Situation sowohl bei den Mühlen als auch bei den Händlern ftarfe Zurück­haltung. 3n Weizen war das Angebot reichlich, dagegen wurde Roggen nur wenig offeriert. Daneben wollte man auch die stützende Hand bemerken. Sommergerste für Drauzwecke lag wei­terhin still, während Hafer bei starkem Angebot

im Preise abgeschwächt war. Am Futter­mittelmarkt blieb Weizen- und Roggenkleie bei kleinem Geschäft ziemlich unverändert, für öl­haltige Futterartikel bestand besonders für Lein­saat und Leinkuchen stärkeres 3nteresse bei an­ziehenden Preisen. Gegen 14 Uhr nannte man folgende Dotierungen:

Weizen 215 Mark, Roggen 175, Sommergerste für Brauzwecke 175 bis 180, Hafer (inländischer) 140 bis 147,50, Weizenmehl (süddeutsches, Spezial 0) 33,40 bis 34,25, Weizenmehl (niederrheinisches) 33,40 bis 34. Roggenmehl 25,25 bis 26,50, Weizenkleie 8,30 bis 8,35, Roggenkleie 8,25, Leinsaat 15,75 bis 16,25 Mark.

Aufhebung der Oberpostdirektion Darmstadt?

WSD. Frankfurt a. M, 13. Sept. Zu den in der Oeffentlichkeit verbreiteten Gerüchten über die bevorstehende Aufhebung einzelner Oberpost­direktionen, u. a. auch Darmstadt, wird von amtlicher Stelle mitgeteilt, daß allerdings eine allgemeine Verwaltungsreform im Deiche geplant sei. Darüber habe ja Reichskanz­ler von Papen auch bereits öffentlich ge­sprochen. Bei dieser Verwaltungsreform würden auch eine Reihe von Mittelbehörden des Reiches, also nicht nur bei der Post, sondern auch bei an­deren Verwaltungen, aufgehoben werden Aber irgendeine Entscheidung über das Ausmaß die­ser Derwaltungsreform sei noch nicht getroffen Die Aufhebung verschiedener Oberpostdirektionen und Landesfinanzämter fei übrigens vom Reichs­tag wiederholt gefordert worden.

Auiounfall Max Pallenbergs.

WSD. Worms, 12. Sept. Auf der Franken­thaler Chaussee ereignete sich gestern zwischen Bobenheim und Worms ein Autounfall. Der bekannte 3mprovisator der deutschen Bühne. Max Pallenberg, fuhr mit seinem Personenwagen von Ludwigshafen nach Frankfurt. Kurz vor den letzten Häusern von Worms verlor das Auto ein Rad, wodurch sich der Wagen zweimal überschlug. Wie durch ein Wun- oer wurde niemand bei dem Unfall verletzt. Der Wagen mußte abgeschleppt werden so daß Max Pallenberg seine Fahrt erst nach etwa zwei Stunden nach Frankfurt fortsetzen konnte.

SchwereSiurmschädenimWesterwald.

Lahr, 12. Sept. (WSN.) Schweren Schaden verursachte der orkanartige Sturm auf dem Westerwald, wo in den Wäldern Bäume reihen­weise entwurzelt wurden. Die Obstbäume haben in besonderem Maße unter dem Orkan zu leiden gehabt; in verschiedenen Gegenden wurde das Ob st nahezu vollständig von den Bäumen gerissen. In den Orten Niederzeuz­heim und Lahr wurden Hochspannungs» maste der Mainkraftwerke vom Sturm umge­worfen, so daß stundenlang verschiedene Dörfer im Dunkel lagen.

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Göbelnrod, den 13. September 1932.

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