Nr. 2(6 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffem
Mittwoch, 14. September 1952
Kür den Büchertisch.
Moselfahrt ausLiebeskummer.
Rudolf G. BindingS neues Buch.
So klar und knapp und sparsam wie fast alles, was bisher das Werk des Dichters Rudolf ©. Dinding ausmachte, ist auch sein neuestes Buch •), das vor einiger Zeit bei Rütten und Loening in Frankfurt erschien: ein Düchelchen eigentlich nur, schmales Bändchen, noch nicht einmal fünfzig Seiten stark: es heißt ,Mosel- fahrt aus Liebeskummer. Aovelle in einer Landschaft".
Darin wird beschrieben eine kleine Reise durch das Moseltal von Cochem bis nach Trier, und die Fahrt durch diese Landschaft ist zugleich eine Fahrt nach der Weinkarte: alle bedeutenden Lagen und Marken werden, wenn nicht gekostet, so doch mindestens im Borüberfahren genannt und mit der frommen und freundlichen Hochachtung des Kenners gewürdigt. Schmal gewundener Fluh und die Landschaft in ihrer „ruhigen Leichtigkeit": der Dolksstamm, welcher dort siedelt, in seinem Denken und Tun: der Wein, der da wächst und die Gegend berühmt gemacht hat weithin, werden beschrieben — ohne Reberschwang und ohne falsche Romantik, vielmehr mit einer gewissen herben und fast nüchternen, jedenfalls sehr männlichen Bewußtheit und Klarheit, doch so, dah man einen Abglanz des Gesehenen und Erlebten im Duft des betoegten Wassers, im Aroma des rassigen und noblen Weines, in der kulturvollen Eigenart der kleinen schiefergrauen Dörfer und Städtchen beim Lesen mit Freuden empfängt und empfindet.
Was geschieht? So gut wie nichts. 3n Cochem, am Abend, begegnet der einkehrende Dichter einer unbekannten, jungen Dame: „Moselaal blau" stiftet auf eine nicht alltägliche Weise die Dekanntschast.. am anderen Morgen. Unö wie von ungefähr machen sie nun ganz kameradschaftlich ihre Reise äu zweit. Das Mädchen ist „eine Zigeunerin", sie hat ein Erlebnis hinter sich, sie befindet sich auf der Moselfahrt aus Liebeskummer und in Deilstein trinkt sie ihrem Begleiter zu: „Ich wünsche mir, dah ich am Ende der Fahrt geheilt bin — und Sie dann liebeskrank".
Aus diesen Trinkspruch gründet sich die leise Spannung des Lesers. Aber am Ende der Fahrt, in Trier, ist die junge Dame, nach der letzten gemeinsamen Abendmahlzeit, ohne Abschied spurlos verschwunden. Der Dichter fährt ein paar Tage später von Trier aus stromabwärts allein wieder heim, den Weg zurück, auf dem sie gemeinsam gekommen sind. Das ist das Ende, das ist schon alles.
Ein Künstler wie Lindina, dessen Werk sich stets durch klare Gesetzmäßigkeit, Dewuhtheit und strenges Mah auszeichnete, wird es sich wohl überlegt haben, als er seine kleine Geschichte „Rovelle in einer Landschaft" nannte. Aber ist es eine Rovelle in jenem alten, klassischen, doch wohl auch heute noch gültigen Sinne? Kaum. Dazu ist die Fabel nicht gewichtig und tragfähig genug: ihr fehlt das Ungewöhnlich-Einmalige, die dem Drama verwandte Steigerung und Rundung, das Endgültige und in sich Abgeschlossene. Für eine Anekdote wiederum erscheint das, was erzählt wird, nicht pointiert genug: denn alles verläuft ja, wie der Professor Hans Raumann sich ausdrücken würde, nach Art der Raturalisten im Sande.
Dies ist dos einzige, was den Leser nicht vollkommen besriedigt oder ihm doch zum mindesten die Frage nahelegt, ob für die Kunstform der Rovelle ein Stilmittel zulässig sei, das etwa der Aussparung in der Malerei oder der Graphik entspräche — seine Wirkung also aus einer gewissermaßen schöpferischen Regation bezöge.
Der trotzdem unbestreitbare Reiz des kleinen Buches beruht — abgesehen von jener schon angedeuteten zarten Spannung und jener schwer zu beschreibenden Plastik, sinnlichen Rähe und Eindringlichkeit der Schilderung — in der völligen älebcreinstimmung des Landschaftlichen und des Menschlichen: dergestalt, dah dos (allerdings ganz verschleierte, eigentlich nur zu ahnende) Schicksal mit dem Raum, in dem es sich abspielt, auf eine vollkommene und innerlich begründete Art im Einklang steht.
Richt zu vergessen endlich, was zugleich ungewöhnlich. neu und nachahmenswert erscheint, die Bebilderung durch eine ausgewählte Folge schöner Photographien, die dem Leser kennzeichnend und anregend den Weg weisen. —y—
Deutsche Volkstrachten.
— Deutsche Volkstrachten aus der Sammlung des Germanischen Museums in Nürnberg. Herausgegeben von Rudolf Helm, Konservator am Germanischen Museum. I. F. Lehmanns Verlag, München. Mit 115 Trachtenbildern auf 48 schwarzen und 8 farbigen Tafeln. Kart. 4,— Mark. — (205) — Mit der weitberühmten wundervollen Trachtensammlung des Germanischen Museums wird der Allgemeinheit ein besonders reizvolles Feld deutscher Volksart erschlossen: diese Sammlung gibt etwa den Stand der deutschen Volkstrachten um die Jahrhundertwende wieder. Das ist insofern ein großer Vorteil, als bei dem leider so schnellen Verschwinden der Trachten auf diese Weise noch manche Tracht ausgenommen werden konnte, die heute gleichfalls im Verschwinden begriffen ist. Die Reichhaltigkeit der Sammlung zeigt so recht, wieviel das deutsche Volkstum zu verlieren hat, wenn nicht bald der immer weiter um sich greifenden Gleichmacherei Einhalt geboten wird. Das ausgezeichnete Buch von Helm kann jedenfalls viel dazu beitragen, die Volkstrachten von neuem zu beleben, denn es zeigt ihre Schönheit und Eigenartigkeit in vollendeten Darstellungen. Jeder
*) Rudolf G. Binding: Moselfahrt aus Liebeskummer. Rovelle in einer Landschaft. 45 Seiten, Geb. 1.50 Mk. Rütten und Loening, Derlag, Frankfurt a. M.» 1932. (223)
Gau unseres Vaterlandes, auch weit über die augenblicklichen politischen Grenzen hinaus^ hat eigenwüchsige und in ihrer Art immer schöne Trachten heroor- gebracht, wenn es selbstverständlich auch Gegenden gibt, in denen das Volk noch besonders fest an dem Althergebrachten hängt. Diese Teile sind dann auch mit besonderer Liebe behandelt. Auch Obcrhessen ist mit einer Reihe von besonders schönen Trachten aus dem Hüttenberg, der Schwalm und dem Hinterland oetrreten. Die Schönheit und Klarheit der Ausnahmen ist vorbildlich: die Einleitung des Heraus
gebers bringt viel Neues und Aufschlußreiches über die Entstehung und die seelischen Grundlagen der landschaftlich bestimmten Tracht. So ist ein Buch entstanden, das sich an alle wendet, die gewillt sind, für die Erhaltung der bedeutungsvollen Volkstrachten einzutreten, besonders an alle Trachten- und Heimat- vereine, Heimatmuseen. Sammler, an Lehrer und Geistliche, an Mitglieder von Jugend- und Wandervereinen usw. Denn die Trachten sollen ja nicht Museumsschaustücke bleiben, sondern sie erfüllen ihren Zweck erst als Ausdruck lebendigen Volkstums.
Fremde Länder und Völker.
— Handbuch der geographischen Wissenschaft. Herausgegeben von Univ.-Prof. Dr. Fritz K l u t e .(Gießen) unter Mitwirkung einer Reihe von anderen Gelehrten. Etwa 4000 größere Textbilder und Kärtchen, gegen 300 Farbenbilder, viele Kartenbeilagen. In Lieferungen zu je 2,40 Mk. Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion m. b. H., Potsdam. Die bisher erschienenen 3 6 Lieferungen des Handbuchs der geographischen Wissenschaft geben einen deutlichen Begriff von Wesen und Wert dieses ungewöhnlich schönen Werks. Eine glücklichere Wahl der Autoren konnte wohl kaum getroffen werden und auch wohl kaum eine bessere, instruktivere Art der textlichen Verlebendigung als die hier geübte, durch auserlesene Photographien auf ieber Seite und reichlich eingestreute, künstlerische Farbtafeln, die wirksam durch ein anschauliches Material an Karten. Skizzen und Diagrammen ergänzt werden. Weite Strecken unserer Erde sind bereits in diesen 36 Lieferungen behandelt: große Teile von Afrika, Südamerika, Europa und Asien. Dazu ist jetzt der erste Band abgescklossen: Sluftralien Ozeanien, Antarktis. — Prof. Dr. Geisler (Breslau) schildert Australien, das Land grotesker Gegensätze mit seinen endlosen Wüsten und Wüstensteppen. der entsetzlichen Plage der Dürren, vielfach kaum noch erschlossen und doch ein Land unbegrenzter Zukunftsmöglichkeiten. Dramatisch wie seine Entstehungsgeschichte erscheint auch seine gegenwärtige und zukünftige Lage. Geopolitische und wirtschaftliche Probleme mannigfacher Art sind hier anaehäuft und harren der Lösung. Modernste Wirtschaftsmethoden und mühseliges koloniales Pioniertum wechseln auf diesem Festland miteinander ab. Tropische Vegetation und Alpenlandschaften von kaum geahnter Schönheit sind in diesem Land der „lebenden Fossilien" vorhanden. Und eine Bevölkerung, die dieses Reservat der weißen Rasse bisher gegen jegliche Einwanderung zu sperren suchte, sieht langsam ein, daß sie die Entwicklung in andere Bahnen lenken muß, sollen nicht schwerwiegende Komplikationen heraufbeschworen werden. — Dazu die meer
durchtränkte Landschaft der ozeanischen Inselwelt in der fesselnden Schilderung Professor Walter B c h r- mann (Frankfurt). Der dritte Teil dieses Bandes ist der Antarktis gewidmet und hat Prof. Dr. E. v D r y g a l s k i (München) zum Verfasser. Der hervorragende Forscher hat als Mitglied der deutschen Gauß-Expedition nicht geringen Anteil an der Erschließung dieser südlichen Eiswelt. — So vereinigt dieser erste Band, der allein 380 Seiten mit 281 Textabbildungen und 22 Farbtafeln umfaßt, schon einen großen und wichtigen Teil unserer Erde in mustergültiger Darstellung.
— Dr. Arthur Berger: Mit Sven Hedin durch Asiens Wüsten. Nach dem Tagebuch des Filmoperateurs der Expedition Paul Lieberenz. Rcichillustriert. Preis 2,90 Mark. Dolks- verdand der Bücherfreunde. Wegweiser-Verlag G. m. b. H., Berlin-Charlottenburg 2. — (181.) — Größtes Aufsehen erregte vor einigen Jahren die Expedition Sven Hedins quer durch Asien. Monatelang war man im ungewissen über ihr Schicksal. In der Mitte der zentralasiatischen Wüste wurde sie vom grimmigen Winter überrascht und dadurch gezwungen, den erbittertsten Kampf ums Dasein, den je eine Expedition zu bestehen gehabt hat, zu führen. Fast die Hälfte der gegen 300 zählenden Kamele ging grauenhaft zugrunde. Diesen an Ereignissen hochdramatischen und unerhört spannenden Wüstenzug Sven Hedins schildert Dr. Arthur Berger, der bekannte Forschungsreisende, an Hand der Tagebücher des Filmopera- teure der Expedition Paul Lieberenz. Außerordentlich interessant sind u. a. die Schilderungen über die Begegnungen mit den mongolischen Räubern, die Ausgrabungen längst verschütteter Städte, die Katastrophe und die vorübergehende Entwaffnung und Verhaftung der gesamten Expedition. Hervorragendes Bildmaterial bereichert dieses künstlerisch wie wissenschaftlich hochwertige Werk über jene welt- bedeutende Forschungsexpedition, von der bereits der unter gleichem Titel laufende Film eine plastische Vorstellung vermittelte.
Politik und
— Das Mittelalter bis zum Ausgang der Staufer, 3. Band der Propylaeen- Weltgeschichte herausgegeben von Prof. Walter Goetz, Leipzig. Preis geb. 30 Mk., Halbleder 34,20 Mk. Prophlaeen-Verlag, Berlin, Ullstein- haus. (119) — Die in diesem neuen Bande behandelte weltgeschichtlich-» Epoche ist seltsamerweise vielleicht für die meisten fremd und vergessen und viele werden beim Durchblättern dieses stattlichen Bandes überrascht fein, welcher Reichtum an historischem Geschehen sich neben der Geschichte des deutschen Mittelalters von der Bölkerwanderung über die Reiche der Karolinger, der Ottonen, Salier und Staufer bis zum Ende jenes grandiosen Kampfes zwischen Kaiser- und Papsttum ausbreitet: schon die Schicksale des späten weströmischen Reichs, in dessen Grenzen die landsuchenden Germanenstämme kraftvoll und siegreich einbrechen, sind den meisten unbekannt, die interessante Geschichte des byzantinischen Reiches, die Ausbreitung des Islam von der Religionsgründung des Mohammed über Assas- sinen und Omayaden. den Kalifaten von Bagdad und Cordoba, über Saladin, den großen Gegner der Kreuzfahrer bis zum Mongolensturm und der Gründung des Osmanenreiches, schließlich die fast ganz unbekannte Frühgeschichte Indiens vom zeitlich schwer bestimmbaren, um das 5. Jahrtausend v. Ehr. fallenden vedischen Altertum über die Zeiten der Brahmanas und des Buddhismus bis zur Sanskritkultur und der islamischen Invasion. Eine Fülle historischer Erscheinungsformen sind nebeneinander gestellt und zu einem großartigen Gesamtbild mittelalterlicher Geschichte sinnvoll verbunden. Dazu trägt besonders bei die starke Berücksichtigung und Eingliederung der Kunst und Lebenskultur, der Wirtschaft und Siedelungskunde in den einzelnen Abschnitten, für deren Bearbeitung von dem Herausgeber wiederum beste Kenner der betreffenden Spezialgebiete gewonnen wurden. Die Ausstattung mit Bild- und Kartenmaterial in verschwenderischer Fülle und ausgezeichneten Wiedergaben ist, wie in den früheren Bänden, mustergültig.
— Rud. Sieghart, D i e letzten Jahrzehnte einer Großmacht. Menschen, Völker, Probleme des Habsburger Reichs. Preis gebunden 10 Mk. Verlag Ullstein. Berlin. (87.) — Hier ist endlich aus wirklich sachkundiger Feder die Ehrenrettung des alten Oesterreich, des ob seiner inneren Schaukelpolitik, feiner verkalkten Bureaukratie, seiner schwerfälligen Verwaltung, dem Sprachen- und Verfassungswirrwarr seiner Völker so oft unbedacht geschmähten Habsburgerreichs. Heute, wo die Doppelmonarchie seit fast anderthalb Jahrzehnten zerschlagen und aufgelöst einer Reihe von Rationalstaaten Platz gemacht hat, deren Interessen in steten Konflikten und Reibungen ohne die glättende, ausgleichende Hand der Wiener Zentralregierung in unmittelbarer Schärfe fast unversöhnlich aufeinanderplatzen, heute, wo hier im Donauraum die unmögliche Reuordnung den Kern zu neuer schwerer Krisis gelegt hat und ganz Europa sich müht, zu retten, was noch zu retten ist, heute wächst vielleicht an Hand dieses ausgezeichneten, über 'Dinge und Persönlichkeiten im alten Oesterreich glänzend unterrichteten, höchst fesselnd und instruktiv geschriebenen Buches das Verständnis für die beispiellose staatsmännische Leistung, dank der hier
Geschichte.
in den letzten vier Jahrzehnten vor dem Zusammenbruch der Habsburger Franz Joseph, den als bureaukratischen Trottel zu schelten jetzt Mode ist, und eine Reihe ausgezeichneter Minister das Völkergemisch des Südostens in politischem und wirtschaftlichem Ausgleich hielten. Gewiß ist mancher Tadel verdient, auch Sieghart gibt es offen zu und übt an manchen politischen Maßnahmen des Kaisers und seiner Räte scharfe Kritik. Vieles ging zu schleppend, wurde mit zu wenig Wagemut angepackt, manches Problem glaubte man durch dilatorische Behandlung aus der Welt zu schaffen. Das alles sieht man auch aus den Aufzeichnungen Siegharts, aber angesichts der Ungeheuerlichkeit der Probleme ist Heberheblichkeit schlecht am Platze, zumal wir heute sehen, daß wir in der staatlichen und wirtschaftlichen Organisation des Donauraumes trotz der großen Umwälzung des letzten Dezenniums seit dem Zusammenbruch des Habsburgerreichs kaum einen Schritt weitergekommen sind.
— Karl Silex: Patriot Macdo- n a l d. Der Romantiker von Downingstreet. Preis kart. 3,80 Mark, Hanseatische Verlagsanstalt in Hamburg. — (124) — Der Verfasser ist als langjähriger Vertreter der „DAZ" in London ein guter Kenner englischen Lebens und der englischen Politik. Trotzdem scheint uns das Bild, das er in diesem außerordentlich interessanten, flüssig und spannend geschriebenen Buch von dem britischen Premier entwirft, fast zu einseitig rosig gesehen. Aber die ganze Kompliziertheit, das Widerspruchsvolle in Macdonalds Charakter, die Pro- blematik, die der Verfasser schon im Untertitel „Der Romantiker von Downingstreet" andeutet, wird auch von Silex scharf gesehen und herausgestellt. Macdonald ist gewiß eine der interessantesten Erscheinungen in der an Persönlichkeiten noch immer reichen Politik des Jnselreiches. Seine Lösung von der Labourpartei und sein Kabinett der nationalen Konzentration, das Eng. land durch die Schwierigkeiten der Weltwirtschaftskrisis steuern soll, mag in manchem Deutschen ähnliche Wünsche geweckt haben. Aber anscheinend sind uns vom Schicksal andere, gewiß nicht leichtere Wege vorgezeichnet. Macdonald in Lausanne, das Wiederheranrücken an Frankreich, die Jagd nach dem Erfolg mit allen Registern antiquierter Geheimdiplomatie, das war eine Enttäuschung gewiß auch für den Verfasser dieses Buches, aber der von ihm gezeichnete Macdonald läßt auch diese Möglichkeiten zu. Für uns Deutsche eine fesselnde und sehr lehrreiche Lektüre.
— Wilhelm Stapel, „Preußen muß s e i n“, eine Rede für Preußen. Hanseatische Der- lagsanstalt, Hamburg 36 (Preis 1 Mark). (220) — In diesen Tagen der Erwartung, was mit Preußen geschehen wird, ob es im Reich aufgehen, ob es in seine großen Landschaften zerschlagen werden soll, greift Stapel ein in den Kampf um die Reichsreform! Schon der Titel zeigt, in welcher Richtung Stapel, der eben erst mit seinem Buch „Der christliche Staatsmann" leidenschaftliche Diskussion entfesselt hat, wirken will. Mit eindringlichem Ernst tritt er den Gegnern Preußens entgegen, um für das echte Preußen und seine Gesinnung, für das, was feiner Größe zugrunde lag und was seine gewichttge Rolle in der deutschen Geschichte noch lange nicht aus- gespielt sein läßt, einzutreten.
Neue Romane.
— Schattenfänger. Roman einer Familie. Von Walther von Hollander. (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und ‘Berlin. Gebd. 7,25 Mark.) 160. — „Schattenfänger" sind die alten Leute, die dem Vergangenen nachtrauern und nur noch mit den Schatten von gestern, den Schatten der Erinnerung umgehen. „Schattenfänger" die Menschen der Kriegsgeneration, die mit den Schatten des Todes nicht fertig geworden sind, der sie millionenfach bedrohte, und mit dem wechselvollen Leben von heute erst recht nicht, und die jetzt erst nach einem Jahrzehnt betäubenden Grübelns beginnen, ihr Schicksal bewußt und mit voller Verantwortung auf sich zu nehmen. „Schattenfänger" auch die Zwanzigjährigen, die, mit einer neuen Idee im Herzen, den alten Phantomen der Gewalt und des Kampfes nachjagen und von denen nur einige Wenige etwas ahnen von der untergründigen und überwirklichen Kraft, Klarheit und Schönheit des Lebens. So schildert der interessante Roman Schicksale der drei Generationen von heute, ihre Wünsche, Möglichkeiten und Schwächen, ihre Stärken, Erfüllungen und das langsame Wachwerden eines neuen Lebens- und Weltgefühls.
— Das Rentendorf. Ein Roman von Gustav Sondermann (Derlag der I. G. Cot- taschen Buchhandlung Rachfolger, Stuttgart und Berlin. Gebd. 4,80 Mk.). 140. — Ein Spekulant stachelt die ‘Bauern eines Dorfes auf, von den Versorgungsämtern wegen alter, größtenteils verheilter Kriegsschäden möglichst viel Renten herauszuschinden. Diesem Unfug sucht der Arzt dieses „Rentendorfes" zu steuern. Wahrhaft heißes Sorgen um die Heimat und daS Bestreben, mit allen Kräften zu helfen, beseolt ihn, der durch seinen Beruf täglich und stündlich tiefe Einblicke in Leben und Schicksale seiner leidenden Volksgenossen hat. Mit starkem psychologischem Einfühlungsvermögen schildert Sondermann das Ringen dieses Arztes um Gott, um Halt und Stütze in unserer chaotischen Zeit, und er zeigt, wie dieser Mann sich durchkämpft zu der Heber- zeugung, dah Rettung nur zu erhoffen ist in gemeinschaftlicher Arbeit für das große Ganze.
— Rur ein Bauer. Roman unserer Bauernnot. Von Artur Brausewetter. Bergstadtverlag, Breslau. Gebd. 3,75 Mk. (91.) — Artur Brausewetter ist bekannt als der erfolgreiche Romanschriftsteller, der über der Gabe, den Leser bis zum Schluß durch die Handlung völlig zu fesseln, nie die Aufgabe vergißt, als Warner und Wegweiser dem Volke zu dienen. Besonders sein neuer Roman „Rur ein Bauer" greift in ein Thema hinein, das als „Heißes Eisen" gerne umgangen wird und das doch das volle unverbildete Leben zum Urgrund hat. Die Handlung spielt in Ostpreußen. Alle sind von der Rot der neudeutschen Verhältnisse in ihrer Existenz bedroht. Schuh erfahren sie kaum, und so konnte Brausewetter dem Leben jene Blutsauger nachzeichnen, die heute rigoros die unschuldig verschuldeten Bauern in ihre Rehe ziehen. Brausewetter zeigt aber auch die aufregenden mutigen Gegenmaßnahmen der Bauern, von denen er prächtige Gestalten darstellt. „Rur ein Bauer" sagt im Herzen auch eine adelige Gutsherrin und muß im Laufe des Kampfes aller betroffenen Bauern und Gutsherren erfahren, dah der Adelsstolz der freien Bauern hartnäckiger und imponierender ist. als sie zu denken gewohnt war. Zum Verständnis der tatsächlichen Lage des deutschen Bauerntums in der Gegenwart im allgemeinen und im Osten insbesondere lese man dieses packende Buch und man wird neben dem spannenden Erlebnis deutscher Bauernnot als Ruhen Verständnis für die zwangsläufige politische und geistige Entwicklung des Bauerntums erhalten.
— Susanne Christolais, d i e Frau, die nicht betrügen konnte. Roman von Helene C l i a t. (Verlag Ullstein, Berlin. Gebd. 4,80 Mk.) 176. — Helene Eliat, eine junge deutsche Schriftstellerin, lebt in Paris. In diesem Roman greift sie mitten hinein in das Pariser Gesellschaftsleben von heute. Ihre Heldin ist Deutsche, an einen Börsenspekulanten in Paris verheiratet. Sie liebt ihn, sie wird von ihm beschützt, sie lebt so dahin, ohne große Erregungen und Sehnsüchte, bis sie eines Tages merkt, dah das Geben ganz anders ist, dah es viel mehr zu bieten hat, bis die große Entscheidung vor ihr steht, ob sie andere Liebe suchen und erwidern darf oder nicht. Die Verfasserin hat mit ihrer „Susanne Christolais" ein interessantes Frauenbuch -geschaffen.
Aus fremden Literaturen.
— D. H. Lawrence: Die gefiederte Schlange. Roman. Im Insel-Verlag zu Leipzig. Preis in Leinen 8 Mark, liebertragen von Georg Goyert. — 144 — Adler und Schlange, die Wappentiere Mexikos, sind die Sinnbilder ter in diesem Roman geschilderten Erhebung, die die alten gestürzten Götter des Landes wieder einsehen will. In die sinnverwirrende Atmosphäre hat der Dichter eine angelsächsische Frau gestellt. Sie kämpft gegen die dämonische Gewalt dieser Umwälzung, in die sie von deren Führern hineingezogen wird, um ihr endlich doch zu erliegen. Selten ist ein Dichter so tief in das Geheimnis eines fremden Volkes eingedrungen, wie Lawrence in die rätselhafte, zerklüftete, glühende, sinnliche Seele des mexikanischen Volkes, selten ist die Mischung von Seelenhaftigkeit und — manchmal unheimlichem — Scharfsinn so vollkommen wie in diesem Buche.
— Hauptmann Sorrell und sein Sohn. Roman von Warwick D e e p i n g. Deutsch von Curt Thesing. (Carl Schünemann, Verlag, Bremen. Gebd. 2.85 Mk.) 165. — Die ideelle Verkörperung einer seelenvollen, selbstlosen Kameradschaft zwischen Vater und Sohn zeigt Warwick Deepiwg in der Darstellung des Lebensweges zweier prächtiaer Menschen, des Hauptmanns Sorrell, dem der Krieg den letzten sozialen und wirtschaftlichen Halt geraubt, den ein unerbittliches Schicksal um Weib, Liebe und Lebensglück schändlich betrog, und seines Sohnes Kit. Diese .tapfere heldenmäßige Geschichte", dieses „Er- zwhungsbuch von hohem Wert", das „verdient von allen Vätern gelesen zu werden", errang in kurzer Zeit einen Welterfolg. Die preiswerte deutsche Ausgabe des fesselnden Buches verdient eine gute Empfehlung.


