Ausgabe 
14.7.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Prvvimialbauptstadt.

Gießen, den 14. Juli 1932.

DerlagSbuchhändler Otto Roth f.

Am Dienstagabend ist, wie wir gestern schon für.3 berichteten, der Verlagsbuchhündler Otto Roth in Gießen im Alter von nahezu 83 Jahren verstorben. Mit ihm ist der Senior der Familie Roth, der an dem Ausjchwung der bekannten Ver- lagsfirma Emil Roth in hervorragender Weise mitgewirkt hat, in die Ewigkeit abberufen worden.

Der Entschlafene entstammte einer Familie, deren Ursprung bis zum Jahre 1530 in Weißen­burg in Bayern nachweisbar ist. Dem durch die Geschichtssorjchung mit Bestimmtheit festgestellten Ahnherrn des Heimgegangenen, dem von 4541 bis 1606 in Weißenburg ansässigen Hans Roth, wurtze von Kaiser Rudolf II. am 5. November 1577 das Wappen verliehen, das die Familie Roth bis auf den heutigen Tag führt und das allen aus dem Berlagshause hervorgegangenen Berösfentlichungen auf der Titelseite aufgedruckt ist. Der Dater des Verstorbenen der Berlagsbuchhändler Emit Roth, verheiratete sich im Jahre 1846 in Gießen mit der Witwe des Buchhändlers Christian Balthasar Fer­ber. Otto Roth erblickte am 6. September 1849 in Gießen das Licht der Welt. Nach dem Besuche der hiesigen Realschule aing er nach Heidelberg, wo er bei der Firma Mohr seine Ausbildung als Buch­händler genoß. Zur weiteren Fortbildung in seinem Berufe war er dann in den Buchhandlungen von Stein in Nürnberg, Baedecker in Essen, Perthes, Besser und Mauke in Hamburg, sowie bei Benda in Vevey tätig. Nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1876 übernahm Otto Roth im Alter von 27 Jahren die Leitung des väterlichen Geschäfts, das sich nach der Abzweigung der Sortimentsabtei­lung an den Sohn des Gründers der Ferberschen Buchhandlung nur noch mit dem Buchoerlag be­schäftigte. Auf den Erfahrungen und Richtlinien seines Vaters aufbauend, konnte Otto Roth seinen Verlag in umsichtiger Arbeit von Jahr zu Jahr er­weitern. Aus seinem Verlage nahmen zahlreiche Werke aus dem Gebiete der Medizin, der Staats­wissenschaften, der Rechtswissenschaft und der Theo­logie ihren Weg in die weite Welt. Zu den Auto­ren, die ihre Werke im Verlage Emil Roth ver­öffentlichten, gehörten u. a. der Naturforscher Ja­kob Moleschott^ der Kirchenrechtslehrer Johann Friedrich von Schulte, der Mediziner Ferdinand Adolf Kehrer, der Jurist Karl Gareis und der Gießener Nationalökonom Magnus Biermcr, denen Otto Roth als Verleger in eifriger Arbeit die Wege an die Oeffentlichkeit ebnete. Neben den wissenschaft­lichen Werken erschienen unter seiner Derlagslei- tung auch viele Gesetzessammlungen im Hause Roth. Auch auf dem Gebiete der Kulturarbeit trat der Verlag unter Otto Roths Leitung im Laufe der Jahre immer mehr hervor. Werke der Heimatdich­tung fanden.hier eine besondere Pflegstatt. Große Bedeutung für die Kulturarbeit in Hessen errang sich der Verlag durch die Herausgabe hessischer Schulbücher, unter denen dasHessische Lesebuch" mit seinen verschiedenen, der jeweiligen Altersstufe angepaßten Bänden eine besonders hervorragende Stellung im Schulbuchwesen gewinnen konnte.

Wenn man jetzt nad) dem Heimgang« Otto Roths sein Wirken als Derlagsbuchhändler überblickt, so kann man feststellen, daß man hier vor einem Le­benswerk von großer Vielseitigkeit und erfolgreicher Mitarbeit an den geistigen Aufgaben unseres Vol­kes steht. Durch seine Werk« als Verleger und För­derer der Wissenschaft wird Otto Roth in der Ge­schichte des deutschen Verlagswesens ein bleibendes Andenken sicher (ein. Mit seinem Tode wird aber das von ihm aufgebaute Lebenswerk nicht zum Abschluß kommen, sondern es wird von seinen Nachkommen in pietätvoller Weise fortgeführt wer­den und dürfte dem Schulwesen, der Heimatpflege und der Wissenschaft noch weitere Befruchtung bringen.

Anschauungs-Unterricht für Rechtstudierende.

Der Präsident des Landgerichts der Provinz Ober­hessen teilt mit:

Um den Rechtstudenten eine unmittelbare An­schauung von den Einrichtungen der Justiz und dem Geschäftsgang bei den Gerichten zu vermitteln, sollen auf Anregung des hessischen Justizministers auch in diesem Herbst bei dem Amts- und Landgericht Gießen unentgeltlich Lehrgänge statt­finden.

Dec Lehrgang beim Amtsgericht Gießen soll am Donnerstag, 20. Oktober, 15 Uhr (Zimmer 201 im Amtsgerichtsgebäude) beginnen. Er wird ad- gehalten.

1. am Donnerstag, 20. Oktober, 15 Uhr, durch Amtsgerichtsdirektor Keller. (Allgemeine Einführung, Organisation des Amtsgerichts, Zustän­digkeit, Besichtigung der einzelnen Abteilungen des Amtsgerichts und Arbeitsgerichts.)

2. Am Freitag, 2 1. Oktober, 9 Uhr, durch Amtsgerichtsdirektor Keller. (Teilnahme an einer Sitzung des Amtsgerichts in Strafsachen, Besprechung der Fälle im Anschluß daran.)

3. Samstag, 22. Oktober, 10 Uhr, durch Amtsgerichtsrat Schmidt. (Freiwillige Gerichts­barkeit, Nachlaßsachen.)

4. M o n t a g, 2 4. D f f o b e r, 9 Uhr, durch Amts­gerichtsrat S ch u d t. (Teilnahme an Zivilsitzung und Besprechung anschließend.)

5. Dienstag, 2 5. Oktober, 15% Uhr, durch Amtsgerichtsrat Gros. (Iugendsachen und Vor- mundschastssachen.)

6. Mittwoch, 2 6. Oktober, 9 Uhr, durch Amtsgerichtsrat Leun (oder dessen Vertreter). (Teil­nahme an Zivilsitzung, Besprechung anschließend.)

7. Donnerstag,2 7. Oktober,9 Uhr, durch Amtsgerichtsrat B r ü ck e l. (Teilnahme an Zivil­sitzung, anschließend Besprechung einzelner Fülle.)

8. F r e i t a g, 2 8. 0 f t o b e r, 9 Uhr, durch Amts- aerichtsdirektor Keller. (Teilnahme an Strafsitzung sPrioatklagej und belehrende Besprechung an­schließend.)

9. Samstag, 2 9. Oktober, 10 Uhr, durch Amtsgerichtsrat Jöckel. (Registersachen und Grund­buchsachen.)

Der Lehrgang beim Landgericht Gießen soll am Montag, 17. Oktober, 9 Uhr, beginnen. Er wird abgehalten:

1. Montag, 17. Oktober, 9 Uhr, durch Land­gerichtsrat N e u r o t h. (Teilnahme an der Sitzung der II. Zivilkammer, Saal 52; Beschrechung im An­schluß daran.)

2. Mittwoch, 19. Oktober, 9 Uhr, durch Landgerichtsrat Trümpert. (Teilnahme an der Sitzung des Bezirksschöffengerichts, Saal 18. (Be­sprechung im Anschluß daran.)

3. F r e i t a g, 2 1. O k t o b e r, 9 Uhr, durch Land­gerichtsdirektor Cramer. (Teilnahme an der Sit­

zung der Großen Strafkammer, Saal 36; Besprechung im Anschluß daran.)

Gesuche der Studenten, die sich an den Lehrgängen beteiligen wollen, sind bis spätestens 10. Oktober 1932 beim Präsidenten des Hessischen Landgerichts der Provinz Oberhessen einzureichen. An dem land- gerichtlichen Lehrgänge können nur solche Studenten zugelassen werden, die sich bereits an dem im Frühjahr 1932 stattgefundenen amts- gerichtlichen Lehrgang beteiligt haben.

Sonntagskücksahlkarten zum SezirlStmn- fefl des Ardeiter-Tuln und Sporldundes.

Dom Bahnhof Gießen wird uns milgeteilt: An- läßlich des am 16. und 17. Juli in Grohen-Lin- den stattfindenden Bezirksfestes des Arbeiter-Tum- und Sportbundes werden von den Bahnhöfen der Strecke Nieder-WöllstadtMarburg, MückeGießen, Ober-WiddersheimGießen, GrünbergLondorf Lollar (ausgenommen Beltershain, Kesselbach und Daubringen), WetzlarLollar (ausgenommen Gar­benheim, Atzbach, Krofdorf-Gleiberg und Launsbach), Stockhausen (Lahn)Gießen, EdingenGießen, HungenFriedberg (ausgenommen Melbach, Will- fersheim-Södel und Berstadt-Wohnbach) und von den Bahnhöfen Assenheim, Lohra, Neukirchen (Kreis Wetzlars; Rosbach v. d. $)., Bilfingen und Weckesheim Sonntags rückfahrkarten mit normaler Geltungsdauer (Hinfahrt Samstag ab 12 Uhr, Rück­fahrt Montag bis 9 Uhr) nach Großen-Linden aus- gegeben.

Theater im Eaf6 Leib.

Die Notgemeinschaft oberhessischer Bühnenkünstler hatte für den gestrigen Abend zu einer Unterhaltungsoeranstaltung eingeladen. Die Künstler riefen nicht umsonst. Es hatte sich eine statt­liche Anzahl von Zuhörern eingefunden. Paul Nie- r e n vom Gießener Stadttheater, hatte das Amt des Ansagers übernommen und unterhielt die Gäste pflichtgemäß und auf [eine eigene humorvolle Art während den Pausen. Zunächst gelangte ein kleiner Sketch zur Ausführung, dessen Thema zweifellos nicht Anspruch auf Originalität erhob, immerhin aber zum Lachen zwang und damit feinen Zweck erfüllte. Es tauchte da wieder jener Rentier auf, der Seiten- prünge macht, sich dabei zufällig in die Freundin einer Frau verliebt und bei dem Besuch der all- eiligen Freundin in die tollsten Verlegenheiten ge­rät. Sodann sang Herr Kurt Richter mit seiner sympathischen Stimme das Auflrillslied aus dem Zigeunerbaron" und dasLagunenlied" ausEine Nacht in Venedig" und erntete verdienten Beifall. Frau Maria W i l h e l m i sang eine Arie und ein Lied, offenbarte dabei viel stimmliche Kultur und reife Technik, so daß auch hier der lebhafteste Bei­fall nicht ausblieb. Einen weiteren Erfolg erzielten Herr Kurt Richter und Frau Maria W i l h e l m i mit dem DuellWer uns getraut" aus demZigeu­nerbaron" und dem Duell aus derGräfin Maritza". B u ch w a l d , eine in Gießen nicht unbekannte Per­sönlichkeit, offenbarte in seinen humoristischen Vor­trägen große Vielseitigkeit des Ausdrucks, der Mimik in Verbindung mit Musik einem zum Teil sehr feinen Humor und erntete auch seinerseits viel An­erkennung. Zum Schluß gelangte unter der Mitwir­kung einiger Herren des Orchestervereins eine kleine Parodie auf die Operette zur Aufführung, zu der Paul B u ch w a l d die Musik schrieb und die qun am gestrigen Abend 3um ersten Male zu Gehör gebracht wurde. Eine Fülle grotesker Situationen, humo­ristischer Couplets (auf der Bühne wurde das Stück nur von Herrn Kurt Richter und Frau Maria Wil- helmi bestritten) reizten zu freiwilligem und unfrei- willigem Lachen. Mit einem kurzen Schlußwort des Ansagers fand der Abend sein Ende.

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** E i n Siebzigjähriger. Ein in Gießen bei den Hausfrauen bekannte Persönlichkeit, der Milchmann Philipp Wild, wohnhaft Bahnhofstraße Nr. 33, feiert am morgigen Freitag, 15. Juli, seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar hat 47 Jahre lang in der hiesigen Dampfmolkerei gearbeitet und 40 Jahre lang als Milchverkäufer seinen Karren durch die Straßen gedrückt. Zahlreichen Familien brachte er die Milch ins Haus. Der Siebzigjährige, der fid) feit seinem 40. Arbeilsjubiläum einer leichteren Arbeit zuwandte, wurde weiterhin in der Molkerei Grieb beschäftigt und trat erst Anfangs dieses Jahres in den Ruhestand.

** Schrotschuß-Verbot auf Rot - und Damwild. Der Landesverein Hessen des Allgemei­nen Deutschen Iagdschutzvereins weist in einer Zu­schrift darauf hin, daß während des ganzen Jahres Schrotschuß-Verbot auf Rot- und Damwild und auf den Rehbock während der Schonzeit des weiblichen Rehwildes herrscht. Gegen dieses Verbot wird noch verschiedentlich verstoßen. Der Landesverein hält es für feine Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, daß sich jedermann strdfbar macht, der gegen dieses Ver­bot handelt. Die Aufsichtsorgane sind angewiesen, strenge Kontrolle auszuüben.

** VH C. Gießen. Dom schönsten Sommer­wetter begünstigt, unternahm am Sonntag der VHC. Gießen in der Stärke von rund 80 Teil­nehmern seine Juliwanderung in das liebliche Biebertal. Gleich hinter Bieber setzte der Auf­stieg kräftig ein, um die Wanderer auf die Höhe des Großen Rothenbergs zu bringen, wo sich prächtige Rück- und Ausblicke auf die reizvolle Umgebung boten. Aach einer kurzen Aast, an einem idyllischen Auheplätzchen ging es über Königsberg, wo der Auine ein Besuch abgestat- tet wurde, zur Mittagspause nach dem hochgelege­nen Hohensolms. Der Weitermarsch führte über denHals", mit wiederum hübschen Blicken nach den Westerwaldbergen, durch das bewaldete Helf­holz und über dessen aussichtsreiche Höhe nach einer anmutig gelegenen Jagdhütte, von der man einen entzückenden Blick auf den Dünsderg genoß. Der vor zwei Jahren neu angelegten weißen Strichmarkierung nach ging es nunmehr, nachdem das Dünsbachtal durchquert war, am kleinen Dünsberg vorbei über den Kreuzbuchenplatz zum Dünsderg. Die Ruhepause auf der Höhe wurde auch zur Besteigung des allerdings noch nicht ganz fertiggestellten Turmes benutzt. In dankenswer­ter Weise hat der Dünsderg-Derein den repara­turbedürftigen Turm um drei Meter erhöhen las­sen so daß nunmehr die Aussicht eine weit um­fassendere als seither ist, was die Wanderer an­genehm empfanden. Der Abstieg führte zum Aus­gangspunkt Bieber zurück, von wo nach einer Schlußrast die Heimfahrt erfolgte.

Oie Zusammenstöße in Naunheim.

WEN. Wetzlar, 13. Juli. Die Meldung, daß der bei den politischen Zusammen st äßen in Naunheim (Kreis Biedenkovf) durch einen Schuß schwer verletzte junge SA.-Mann seinen Ver­letzungen erlegen ist, trifft nicht zu. Der junge Mann befindet sich im Wetzlarer Krankenhaus; Lebensgefahr besteht zur Zeit nicht.

Die Post unter der Erde.

250 Kilometer Rohrpost in Berlin. 50 Minuten von einem Stadtende zum andern ist zu lange! Weichensteuerung bei der Schnellrohrpost.

Don Dr. Felix Petri.

Wer einmal Gelegenheit hat, an einer Bau­stelle im Zuge einer Großstadtstrahe das unter­irdische Versorgungssystem der gewaltigen Men­schenansiedlung. die Eingeweide des Großstadt- pslasters, kennen zu lernen, der findet zuweilen neben den imposanten Wasser- und Abwasser­rohren, den Gasleitungen, den elektrischen Stark­stromkabeln, den unterirdischen Anlagen des Tele­graphen- und Fernsprechverkehrs, den Rohr­leitungen der Fernheizung usw- noch eine weitere, besondersartige Rohrleitung. Eie befördert weder Gas noch Dampf noch Wasser noch auch elek­trische Energie in kleinen und größeren Quanten, sondern dient dem raschen schristlichen Rachrichtenaustausch und heißt das Fahr- rohr-der Rohrpostanlage. 3n diesem Fahrrohr werden Briefsendungen mit verhältnismäßig großer Geschwindigkeit dadurch von einem Rohr­postamt zum andern befördert, daß man sie in einem geeigneten Behälter mit Hilfe von Luft, die druckt oder saugt, durch die Rohrleitung jagt. Dieser einfache Deförderungsvorgang macht die Rohrpost zu einem sehr zuverlässigen und raschen Beförderungsmittel für den inner städtischen Schnellbrief verkehr und die großen deut­schen Städte, neben München und Hamburg vor allem Berlin, verfugen denn auch seit vielen Jahren über ausgedehnte Anlagen dieser Art.

Die Anfänge der Berliner Stadtrohrpost reichen etwa 55 Jahre zurück. Seither ist ein umfangreiches Retz entstanden, das aus 250 Kilometer- Fahrrohr besteht und 8 9 Rohrpostämter umfaßt. Es dient zu 60 Prozent dem Dries- und zu 40 Prozent dem Telegramm-Transport und bewältigt täglich etwa 25 000 Sendungen. 3n ihrer ein­fachsten Form besteht eine Rohrpostanlage aus einer Reihe völlig in sich geschlossener Rohr­leitungen. von denen jede zwei Rohrpostämter miteinander verbindet. An jedem Ende der Lei­tung befindet sich die Sende- und Empfangs­kammer. Je 10 bis 20 Briefe werden in eine zylindrische Aluminiumbüchse eingelegt, über die eine Lederhülle gestülpt wird. Zur Absendung öffnet man die Sendekammer, legt etwa fünf bis sieben Büchsen, von denen die letzte mit einem sog. Treiber, d. h. einer sich gegen die Rohr- wandung eng anliegenden Ledermanschette ver­sehen ist, ein, signalisiert den bevorstehenden Sendevorgang zur nächsten Station und schaltet die Triebluft ein. Die Druckluft, die eine Span­nung von etwa einer Atmosphäre hat, treibt die Büchsenreihe mit etwa 10 Meter Sekunden­geschwindigkeit in wenigen Minuten zur nächsten Station, wo sie aus der Empfangs- Jammer entnommen wird- Für die Rückfahrt, die im gleichen Rohr vonstatten geht, verwendet man meist Saugluft, da es dann genügt, nur eine der beiden Sendestellen mit Drucklust- anschluh zu versehen.

Diese einfachste Art der Rohrpost hat den Rachteil, daß man mit ein und demselben Trans­portvorgang immer nur bis zur nächsten Station kommt. Dort müssen die für den Durchgang be­stimmten Büchsen der Cmpfangskaminer entnom­men und in die Sendekammer der nächstfolgenden Rohrleitungsstrecke eingelegt werden. Das be­deutet einen erheblichen Zeitverlust. Um eine Rohrpostbüchse von einem äußersten Ende des Berliner Rehes zum anderen, beispielsweise von Pankow nach Steglitz, zu befördern, werden nicht weniger als neun Umladungen erforderlich und die Büchse braucht dann rund 50 Minuten, bis sie am Ziel anlangt. Für die Zustellung von Telegrammen vom Haupttele­graphenamt nach den äußeren Rohrpoststationen wird vielfach über eine halbe Stunde gebraucht.

Das ist, verglichen mit dem Zusprechen des Tele- grammes durch den Fernsprecher reichlich viel Zeit, und die Post ist daher schon seit Jahren dazu übergegangen, die Rohrpost für diese Zwecke nur dann zu benutzen, wenn die Desörderungs- zeit 10 Minuten nicht überschreitet. Damit wären sämtliche Rohrpoststationen, die weiter als zwei Kilometer vom Haupttelegraphenamt liegen, für den Telegrammtransport ausgeschaltet. Es er­gab sich die Ausgabe, die Rohrpost leistungs­fähiger zu machen.

In den letzten zehn Jahren wurden eine An­zahl von Rohrpostlinien unter diesem Gesichts­winkel umgebaut. Man hat dabei die erhöhte Leistung vor allem durch den Richtungsbetrieb, d- h. durch Derwendung von zwei Fahrrohren auf den Hauptlinien, von denen eines dem Hin- und eines dem Rücktransport dient, ferner durch selbsttätig arbeitende Empsangsapparate und schließlich durch den Einbau von Weichen für das aufenthaltslose Durchfahren von Zwischen­stationen erzielt. Unter diesen Maßnahmen ist die letztgenannte die interessanteste und wirkungs­vollste, durch sie fällt die Handumladung der Durchgangssendungen fort.

Der Grundgedanke dieses an die Eisenbahn erinnernden Weichenbetriebes ist überaus einfach: an der Empfangsstelle befindet sich eine Weiche, die je nach ihrer Lage die ankommende Rohrpostbüchse auswirft oder unmittelbar in die Sendekammer der anschließenden Rohrpoststrecke gelangen läßt. Diese Weiche muß so gesteuert werden, daß nur die für die eigene Station be­stimmten Sendungen ausgeworfen und alte an­deren automatisch weitergeleitet werden. Da aber der Dedienungsmann die jeweilige Bestimmung der ankommenden Büchse nicht kennen kann, muß man die Anlage so durchbilden, daß die Büchse selbst die Weiche im gewünschten Sinne steuert. Dazu hat man drei verschiedene Der - fahren entwickelt, die gegenwärtig im Betrieb der Berliner Stadtrohrpost erprobt werden. Bei dem einen, dem genialsten davon, enthält jede Büchse mehrere elektrische Schwingungskreise und wird je nach ihrem Bestimmungsort auf einen von ihnen eingestellt. An jedem Empfangsort befindet sich ebenfalls ein Schwingungskreis, und zwar hat jeder Empfangsapparat einen anderen Schwingungskreis. Erst dann, wenn die Büchse auf ihrem Lauf zu jenem Schwingungskreis gelangt, der dem auf ihr eingestellten entspricht, wird die be­treffende Weiche so gesteuert, daß die Büchse aus- geworfen wird. Alle anderen Weichen leiten die Büchse jeweils in den folgenden Streckenabschnitt.

Bei einem zweiten Selbststeuerungsoerfahren wird der gleiche Effekt auf dem Wege der magnetischen Induktion erreicht. In beiden Fällen sind die Büchsen mit zusätzlichen Einrichtungen versetzen, die natur­gemäß störungsanfällig sind. Um auch die gewöhn­lichen Büchsen ohne irgendwelche Einstell- oder son- fügen Zusatzeinrichtungen in dem geschilderten Sinne durch das Rohrpostnetz befördern zu können, hat man noch ein weiteres, drittes Verfahren zur Steuerung der Weichen entwickelt. Bei ihm wird der Weg der Büchse durch eine Art von Fern­steuerung vom Absenderohrpostamt aus bereitet; der absendende Beamte betätigt entsprechende Druck­knöpfe und bewirkt dadurch, daß die Weichen sich so legen, wie es der Weg der abzusendenden Büchse erfordert. Gleichzeitig werden die anderen Wege ge« perrt. Durch diese Maßnahmen konnte man eine ehr beträchtliche Erhöhung der Beförderungs-Ge- chwindigkeit erzielen. Strecken, für deren Bewälti­gung nach dem früheren Verfahren 40 Minuten er­forderlich waren, werden jetzt in zwölf Minuten zurückgelegt.

Buntes Allerlei.

Eine Hellseherin findet bas Apostelgrab.

Die Angaben einer Hellseherin, die zur Auf­findung der bisher unbekannten Grabstätte des Slawen-Apostels St. Methodius geführt haben, erregen in der Tschechoslowakei großes Aufsehen. In der Rähe des mährischen Ortes Duchlau be­findet sich die Stääte der früheren Hauptstadt des alten mährischen Slawenreiches, das gegen Ende des 9. Jahrhunderts durch die von Osten her vordringcnden Magyaren vernichtet wurde. In dieser Gegend lebt eine alte Bäuerin, die als Hellseherin bekannt ist, und sie gab kürzlich einen Ort an, an dem sich das Grab des ersten christ­lichen Missionars und Bischofs von Mähren, des heiligen Methodius, befinden sollte. Aus­grabungen, an der von ihr bezeichneten Stelle brachten in beträchtlicher Tiefe einen Grabstein ans Licht, der die InschriftSanctus Methodius und die Bischofs-Insignien zeigt. Die Oeffnung des Grabes ist vorläufig noch nicht vorgenommen worden, da sie unter der Aussicht besonderer Sachverständiger erfolgen soll. St. Methodius und sein Bruder St. Cyrillus, die in der Geschichte als die Slawen-Apostel bekannt sind, waren zwei griechische Mönche aus der Rähe von Saloniki, die in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts lebten und in der Christianisierung von Osteuropa eine hervorragende Rolle gespielt haben. St. Cy­rillus brachte zuerst die altslowenische Sprache in Schriftform und das von ihm geschaffene Alphabet wird mit einigen Abänderungen noch heute in der Ukraine, in Bulgarien und Serbien verwendet. Obwohl St. Methodius die Tschechen und Slawen jener Gebiete zum griechischen Christentum bekehrte, wurde doch dann ihre Ver- bindung mit der byzanthinischen Kirche durch den Einfall der heidnischen Magyaren unterbrochen, so daß die Bewohner später der römisch-katho­lischen Kirche angehörten und infolgedessen das lateinische Alphabet benutzten. Daß die Inschrift auf dem neuaufgefundenen Grabstein in lateini­scher Sprache gehalten ist, muß jedenfalls Be­denken gegen die Echtheit des Fundes erregen.

Panzerglas im Dienst der Verbrecherbekämpfung.

Die fortgesetzten verbrecherischen Ueberfälle auf Schalterbeamte haben in jüngster Zeit Veranlassung gegeben sogenanntes Panzerglas zur Sicherung von öffentlichen Kassen heranzuziehen. Das Panzerglas setzt sich aus drei Spiegelglasscheiben

zusammen, die aufeinandergepreßt und mit zwei durchsichtigen Zwischenschichten verbunden sind. Die Zwischenschichten dienen als Fangschicht. Bei dieser Zusammensetzung erreicht das Panzerglas eine Dicke von zwanzig Millimeter. Zahlreiche Dersuche, die von der Deutschen Versuchsanstalt für Handfeuerwaffen in Berlin vorgenommen wurden, haben gezeigt, daß die Panzerglasschicht nicht nur Stahlmantelgeschossen von neun Milli- meter Stärke unbedingt Widerstand leistet, selbst bei Schnellfeuer hat sich das Panzerglas vollauf bewährt. Nicht nur, daß bei den Beschießungen mit Stahlmantelgeschossen aus drei Meter Entfernung ein Durchschlagen der Panzerglasscheibe vereitelt wurde, die Geschosse zertrümmerten sogar, sobald sie auf das Panzerglas auftrafen. Das neuartige Ver­fahren, das hier angewandt wurde, macht eine all- mähliche Gelbfärbung des Glases, wie dies früher bei ähnlichen Glaszusammensetzungen beobachtet wurde, auch bei längerem Gebrauch vollständig un­möglich, so daß die Durchsicht in keiner Weise be­einträchtigt werden kann.

Ein Hund tötet 16 Schlangen.

Ausgräber, die in der Rähe eines etruskischen Grabes bei der altetrurischen Siedlung Popu- lonia an der Küste nicht weit von der italienischen Stadt Livorno arbeiteten, waren Zeuge eines merkwürdigen Kampfes zwischen einem Hunde und Schlangen. Die Einzelheiten dieses wilden Gefechtes sind römischen Blättern von vertrauens­würdigen Personen mitgeteilt worden. Der Hund suchte in dem hohen Gras in der Rähe des Ein­gangs zu dem alten Grabe umher, als er plötzlich von einer zwei Meter langen Schlange angegrif­fen wurde, die aus der unterirdischen Grabstätte hervorschoh. Der Hund ging zum Gegenangriff über und besiegte schließlich seinen Gegner, indem er die Schlange in den Rücken biß und ihr dann den Kopf mit seinem Gebiß zermalmte. Unmittel­bar danach schoß ein ganzer Strom von Schlan­gen aus der Tiefe hervor und umzingelte den Hund. In der nun folgenden Schlacht zeigte das Tier, ein deutscher Schäferhund, eine außerordent­liche Schnelligkeit, Beweglichkeit, Tapferkeit und Schlauheit. Racheinander wußte er alle seine Geg­ner zu überwinden, und als das ganze aufregende Schauspiel vorüber war, lagen 16 große Schlan­gen tot rings um den erschöpften Hund.

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