Ausgabe 
14.7.1932 Frühausgabe
 
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Der Vorstand des ADGB. wendet sich gegen alle Pläne, die in irgendeiner Form eine Arbeits- d i c n st p f l i ch t vorsehen. Er tritt für eine wirksame Arbcitshilfe für d.ie jugendlichen Er­werbslosen ein, au'fgebaut auf absoluter Freiwilligkeit.

Oer Memelkonflikt vor dem Haager Gerichtshof.

Haag 13. 3uli. (WTB ) In b:r h.ut gen Dor- mittagssihung des Ständigen Internationalen Ge- richtshofes wurden die öfsentlichen Verhandlungen im M e m e l st r e i t mit der Replik der Vertreter der klägerischen Parteien auf das Plädoyer des litauischen Vertreters zu den Punkten 5 und 6 fortgesetzt.

Zunächst ergriff der Vertreter Italiens Pi­lo t t i das Wort. Er betonte, daß die vier ge­gen Litauen als Kläger auftretenden Regie­rungen alle von ihnen vorgebrachten Argu­mente aufrechterhielten, insbesondere

auch ihren Vorwurf, dah derlitauischeGou- v e r n e u r von seinem formellen Recht zur Er­nennung des Präsidenten des Direktoriums und zur Auflösung des Landtages im Falle Simaitis Mißbrauch getrieben habe.

Der englische Vertreter Sir William Malkin ergänzte das Plädoyer Pilottis in mehreren Rich­tungen. Er betonte insbesondere, dah der Gou­verneur, nachdem zutage getreten war, dah die Mehrheitsparteien des Landtages nicht mit Simaitis zusammenzuarbeiten wünschten, diese Er­nennung nicht hätte aufrechterhalten dürfen, so dah die Vildung des Ministeriums Si­maitis gar nicht hätte zustandekommen dürfen.

Der französische Gesandte im Haag Varon de D i t r o l l e s , der an die Stelle des gestern nach Paris zurückgerufenen französischen Vertreters Chargueraud getreten ist. sowie der japanische Ge­sandte im Haag Varon M a t s u m a g a schlossen sich für die beiden anderen klägerischen Regierun­gen den vorstehenden Ausführungen an.

Die Verhandlungen wurden darauf auf 17 Llhr vertagt.

Ernste Zuspitzung im Fernen Osten.

Japan beseht die Hafenumschlagsstelle Charbin der ostchinesischen Eisenbahn.

Moskau (über Kowno), 13. Juli. (XU.) Rach einer russisch-amtlichen Mitteilung haben am 7. Juli Vertreter der mandschurischenRe- gierung in Begleitung japanischer Rat­geber dem Leiter der U in s ch l a g st e l l e des Hafens von Charbin, die der chine­sischen Ostbahn gehört, mitgeteilt, dah sie die s o - fortige Uebergabe der Schlüssel der Lagerhäuser verlangten. Sie erklärten die Hafenleitung als abgesetzt. Der Leiter der Hafenumschlagstelle erklärte dem japanischen Vertreter, dah er die Schlüssel ohne die Erlaub­nis des Leiters der chinesischen Ostbahn, In­genieur Rudy, nicht ausliefern könne. Rach die­ser Absage besetzten die Japaner mit Hilfe der mandschurischen Polizei sämtliche Lagerhäuser und alle Schiffe, die der chinesischen Ostbahn gehören.

Wie weiter gemeldet wird, wurden auch meh­rere russische Barten fe st geh alten. Das Verhalten der Japaner hat in Moskau große Empörung hervorgerufen. Das Auhenkommissariat hat den russischen General­konsul in Charbin angewiesen, gegen die Be- schlagnahmc der Umschlagstelle zu protestie­ren und zu erklären, dah die mandschurische Re- gierung für alle Schäden, die der Sowjetunion entstehen, verantwortlich gemacht werde.

Russischer Protest in Tokio.

Tokio 13.Juli. (TU.) Der sowjetrussi­sche Botschafter hatte mit dem stellvertre­tenden japanischen Außenminister eine Unterredung, in der er darauf hinwies, dah die Besetzung der Umfchlagstelle in Charbin durch mandschurische und japanische Beamte einen Bruch des russisch-chinesischenVertrages be­deutet. wodurch eine weitereDerschärfung derLage im Fernen Osten herbeigeführt werde. Russische Proteste helfen nichts.

Tschangtschun, 13. Juli. (TU.) Don man- dschurischer amtlicher Stelle wird erklärt, dah die Beschlagnahme derUmschlagstellein Charbin auf Grund eines Beschlusses der man­dschurischen Regierung erfolgt sei. die sich ge­nötigt sehe, den Schiffsverkehr auf dem Sungari - Fluh zu kontrollieren, um dadurch den japanischen Truppen zu helfen die Aufstandsbewegung, die besonders in Sachal- jan im Gange sei. niederzuschlagen. Die mandschu­rische Regierung erklärte weiter, dah die Be­schlagnahme trotz aller russischen Proteste nicht aufgehoben werden würde.

Aus aller Welt.

Strenge Paßkontrolle in Ztalien.

Berlin, 13. Juli. (CRD.) Da angesichts der in letzter Zeit erfolgten Attentate auf Mussolini die italienischen Behörden nicht nur einen verschärften Polizeischutz für den Mi- nisterpräsidenten angeordnet haben, sondern auch eine strenge Kontrolle der nach Italien, insbesondere nach Rom reisenden Ausländer durchführen, wird von amtlicher Seite an alle Italienreisenden die dringende Mahnung ge­richtet, für äuherst sorgfältige Inne­haltung der Pahvorschriften Sorge zu tragen, um unliebsame Weiterungen zu ver­meiden.

Neue Oevisenschiebungen in Berlin.

Berlin, 13. Iuli. (CRB.) Wie wir erfahren, ist gegen den in Charlottenburg wohnenden Prinzen Victor Salvator von Vsen- burg und gegen den früheren Rechtsanwalt Dr. Kienitz ein Haftbefehl erlassen worden wegen Devisenschiebungen.

Der Prinz verkaufte vor einiger Zeit bei einem Berliner Bankhaus nach und nach größere Mengen von Wertpapieren in einem Gesamtwert

von über 200 000 Mk. Der Gegenwert wurde ihm bar ausgezahlt, und zwar in Tausendmark­scheinen, deren Rummern der Reichsbank mit­geteilt wurden, die nun ihrerseits darauf achtete, wo diese Banknoten wieder auftauchten. Als man nun feststellte, daß ein Teil dieser Tausend­markscheine in Saarbrücken im Verkehr er­schien, benachrichtigte man die Zollfahndungsstelle. Die Ermittlungen führten zu dem Ergebnis, dah bei diesen Effektenverkäufen des Prinzen auch ein gewisser Dr. Hans Kienitz tätig gewesen ist. Kienitz soll den eigentlichen Besitzern der Wertpapiere den Erlös ausgehändigt haben. Auf Grund dieses Tatbestandes wurden Dr. Kienitz und Prinz Vsenburg gestern nachmittag f e st - genommen und dem Dernehmungsrichter beim Amtsgericht Charlottenburg vorgeführt. Gegen beide wurde Haftbefehl erlassen.

Beide b e st r e i t e n sehr entschieden, sich irgend­wie strafbar gemacht zu haben. Weder Prinz Vsenburg, noch Dr. Kienitz will gewußt haben, daß die Besitzer der Effekten das Geld über die Grenze bringen wollten, sie wollen auch beide keinerlei Vorteile von diesen Verkäufen gehabt haben, bei denen es sich, wie Prinz Vsenburg erklärt, lediglich um eine Gefällig-

NeueSpielerinderOavis-Eup-Mannschast

Frenz und Gustav necke, die jetzt erstmalig der deutschen Davis-Eup-Mannschaft angehören. Voraussichtlich wird Frenz mit Prenn das Doppel in dem Treffen gegen Italien bestreiten, das am Freitag in Mailand beginnt, während Jänicke, der der deutschen Sportgemeinde durch seine Siege in der Eishockey-Nationalmannschaft bekannt ist, eventuell als Ersatzeinzelspieler antreten wird, falls einer unserer Hauptoertreter nicht in Form ist.

feit gegenüber den eigentlichen Besitzern gehan­delt habe. Wem diese Wertpapiere eigentlich gehören, ist bisher nicht bekannt gewor­den, doch wird von den Beteiligten der Verdacht, daß es sich um Effekten aus ausländischem Be­sitze handele, energisch in Abrede gestellt. In­wieweit sich die Vorwürfe gegen den Prinzen und Dr. Kienitz bestätigen, muh dem weiteren Verlauf der Untersuchung überlassen werden. Rechtsanwalt Gollnick, der die Verteidigung der beiden Verhafteten übernommen hat, beantragte bereits Haftentlassung gegen Sicherheits­leistung von 10 000 Mk. für den Prinzen und gegen eine weitere Kation für Dr. Kienitz.

Oie Fälschungen Zvar Kreugers.

Stockholm, 13. Juli. (WTB.) Die Polizei­behörde hat heute zwei weitere Berichte in der Kreugerangelegenheit veröffentlicht. Der eine von ihnen befaßt sich mit der Prüfung der Bücher der Continental Investment Corporation, bei der sich herausgestellt hat, daß mehrere von diesen B ü ch e r n fa l s ch geführt sind. Es zeigte sich, daß Ivar Kreuzer den Namen des italieni­schen Ministers Boselli zu einer bisher un­bekannten Fälschung mißbraucht hat, und zwar auf einem Depositenzertifikat für 1 180 850 Aktien der Fabriche Riunite di Fiammiferi. Die Prüfung hat weiter ergeben, daß die Continental Investment Corporation per 31. Dezember 1930 ein Guthaben bei der Kreuger & Toll in Höhe von etwa 66 Mil­lionen Sfrs. führte, obwohl nach den Büchern der Kreuzer & Toll diese Gesellschaft eine Forderung in Höhe von 61 Millionen Sfrs. an die Continental Investment hatte. Der zweite Bericht gilt der Gesell­schaft Russia, die 1912 gegründet wunde. Als ein­ziges Aktivum wurde eine Schuld Ivar Kreugers durch alle diese Jahre geführt. Die Buchhaltung bestand nur aus einem Buch, und zwar aus einer Gewinn- und Verlustrechnung und einer Passiv- und Aktiobilanz.

Gewitter und Wolkenbruch in Mecklenburg.

Schwerin (Mecklenburg), 13. Iuli. (WTB.) Ein auherordentlich schweresGewittermit Hagelschlag undWolkenbruch hat heute nachmittag die mecklenburgische Stadt Crivitz und ihre Umgebung heimgesucht. Das Wasser

überschwemmte Straßen und Hausflure und drang zum Teil bis in die Wohnzimmer. Der Scha­den, den der Hagel auf den Feldern und in den Gärten angerichtet hat, ist ungeheuer groß. Der Blitz zündete in Crivitz und Umgebung in sechs Gebäuden. In der Stadt Crivitz schlug er in zwei Gebäude, von denen eines, die Scheune eines Ackerbürgers, eingeäschert wurde, während in einem Wohnhaus eines Dersicherungsbeamten das Feuer wieder gelöscht werden konnte. In der Umgebung sind durch Blitzschlag insgesamt vier Wohn- und Wirtschaftsgebäude in Asche gelegt worden. Auch Vieh ist umgekommen.

Unglücks-Wochenend in England.

Während des letzten Wochenendes in England ist eine ungewöhnlich große Zahl von Menschenleben Unfällen zum Opfer gefallen. In den Seebädern sind nach den bisher vorliegenden Meldungen insgesamt 20 Personen ertrunken. Bei Straßen- Unfällen fanden acht Personen den Tod. Auf einer Miniatur-Eisenbahn im Vergnügungspark ruSit Scarborough stießen zwei Eisenbahnzüge zusammen. Ein Lokomotivführer wurde getötet; 31 Passa­giere erlitten Verletzungen. Sieben von ihnen mußten ins Krankenhaus gebracht werden.

Der Palast eines Maharadschas erstürmt.

In Simla, der Hauptstadt des indischen Staates Udaipur, kam es zu äußerst schweren Unruhen, die ihren Höhepunkt in der Erstürmung des Pa­lastes des Maharadschas durch eine fanatische Menge fanden. Da die Polizei wehrlos war, muß­ten die Regierungstruppen aufgeboten werden. Diese feuerten auf die Menge, wobei fünf Per­sonen getötet wurden. Erst nach erbittertem Handgemenge gelang es, den Palast von den Ein­dringlingen zu säubern. Als Ursache dieser Un­ruhen wird Unzufriedenheit mit der Herrschaft des Maharadschas angegeben.

Ein Jahr Gefängnis für Curtis.

In Flemington (Rew Verseh) hat das Gericht den Angeklagten Curtis, der in dem Fall Lindbergh denVermittler" spielfe, zu einem Iahr Gefängnis und 1000 Dollar Geldstrafe verurteilt.

Oer Knochenmann mit der Geldtasche.

Von Gustav W. Eberlein, Nom.

Golf von Reapel, im Iuli.

Wenn man so durch die alte Stadt schlendert, die eine Zeitlang am Sarnus lag und Cicero wie Schiller zu Lobsprüchen veranlaßte, deren sich der Reklamechef eines Kurortes nicht zu schämen brauchte, gerät man bald nach der Bäckerei, er­kenntlich durch die Inschrift Salve lucrum (Es lebe der Profit!), und dem Haus zur silbernen Hochzeit bei der Kaserne, wo die verräterischen Liebesbriefe gefunden wurden, in Schutthaufen, die, von einem Brand stammend, der städtischen Straßenreinigung viel zu schaffen machen. Sie verdecken, abgesehen von dem Verkehrshindernis, die Wahlschmierereien an den Wänden und die Zeichnungen, vor denen ein Matrose erröten könnte, und dürfen daher nur sorgfältig abgeschau­felt werden. Wenn gerade niemand hersieht, kann man ja in der Asche ein bißchen herumbuddeln und hinter die Bretter schauen, die von der Polizei aufgestellt werden. In beiden Fällen begegnet man mit Vorliebe klapperigen Skeletten.

Die Wahrheit ist die, daß bei dem Unglück doch eine erhebliche Zahl von Menschen ums Leben ge­kommen sind, die meisten bei dem Versuch, durch nochmaliges Zurückkehren in die brennenden Häu­ser Geld und Gut zu retten. Wie sie dann, erstickt und verschüttet, liegenblieben, so findet man sie jetzt. Ich war gerade in dem nicht recht gastlichen von der Polizei überwachten Hause des Herrn Me- nandro zu Besuch, als ein junger Mann ausge­graben wurde, dessen Skelett jenen schönen gelben Mattglanz alten Elfenbeins hatte, der die Ameri­kanerinnen so gerne verleitet, sich ein kleines An­denken an diese Gegend, very nice indeed, mitzu- nehmen: einen Ringfinger oder einen hübschen Wirbelknochen. Er hatte die Hand fest auf die Geldtasche gelegt und die Geldtasche ans Decken gedrückt, noch im Fallen und Liegen und Sterben. Hübsche Tasche, nach den guterhaltenen Schließen zu urteilen, das Leder allerdings vermodert. Mit ^cht^u hingegen das Geld. Es waren gutgezählte 72 Silberlinge, rechtschaffene Taler, dazu ein Hau­fen Küpser.

. Wahrscheinlich also ein Diener, es handelt sich e.lP Aches Haus, dessen Besitzer sich sicher "Ä mi- Älcm9clb abgab. Reben ihm kam Tin Stecker lunger Mann zum Vorschein und dann

noch ein Gerippe und wieder eines, dazwischen Scheren, Aexte, Schaufeln, Werkzeug und Rägel, eine wunderbar verzierte Bronzevase, ein moder­ner Eimer, Fruchtschalen, Küchenmesser und son­stiges Hausgerät, wie man es wahllos in der Panik zu raffen pflegt.

Früher hat man alles sorgfältig wie für eine Erbteilung zusammengetragen und unter Glas ins Museum gestellt, jetzt läßt man's an Ort und Stelle und daher kommt es, daß man sogar in Speise­zimmern Skelette liegen sieht und der Führer in Öen Küchen die Damen durch eifrigen Hinweis auf die Speisenreste in den Kochtöpfen von den Dingen ablenkt, die er mittlerweile den Herren zeigt.

Auf die Dauer ist solches Bemühen natürlich umsonst, denn die Stadt hat immerhin einen weit­aus größeren Umfang als die Vatikanstadt und es ist sicher darin auch freier zugegangen als in dieser. Wie denn überhaupt die Moral ein zeit­licher und oft nur ein geographischer Begriff zu sein scheint. Wir leben jetzt in einem anderen Jahrhundert.

Uebrigens, so schwer es oft fällt, sich daran zu erinnern, dah der alte Kalender nicht mehr gilt, ich muß doch sagen, der oben erwähnte, kürzliche Brand liegt natürlich allem Anschein zum Trotz schon länger zurück. er ereignete sich am 24. August 79. Pompeji, die alte Stadt, durch die man jetzt so gemütlich schlendert, weil man wie in Venedig keine Autos im Rücken weiß, liegt in der Luftlinie zehn Kilometer vom Vesuvkrater entfernt und durste daher überrascht sein, als seine Rauchfahne über sie hinwehte.

Gefahren der Seefahrt.

Don Georg Mühlen-Schulte.

In der Elektrischen erlauschte ich die folgende Unterhaltung zweier Frauen:

Wie geht's denn Ihrem Aeltesten, dem Emil?"

Das ist nicht mein Aeltester, das ist mein Jüngster."

Na, wie geht's ihm denn?"

Wem?"

,^IHrem Aeltesten."

Ach, Sie meinen wohl den Willi?"

Willi? Ich denke, Emil heißt er."

Nein, was der Aelteste ist, der heißt Willi."

Na, wie aeht's ihm denn?"

Dem geht s gut. Der ist Matrose."

Bei der Schtffsschaukel oder richtig?"

Nichtig. Er liegt jetzt da unten in der Nähe von Australien bei den Mariannen und Karolinen."

Ja, ja, die Weisleut!"

Das sind keine Weibsleut, die Mariannen und Karolinen. Das sind Inseln."

Marianne ist eine Insel?"

Ja."

Und Karoline ist eine Insel?"

Ja."

Machen Sie keine Sachen! Ich heiße Auguste. Bin ich vielleicht auchne Insel?"

Also wenn Sie mir nicht glauben wollen ..."

Ich glaube Ihnen ja. Was macht er denn da unten, der Emil?"

Sie meinen der Willi."

Ich meine Ihr Aeltester."

Das ist der Willi. Der Matrose. Der macht da Tiefseeforschungen."

Ach nee! Sind denn seine Augen scharf genug fürs Tiefsehn?"

Dazu braucht er keine scharfen Augen. Die Tief­see, das hat nichts mit Tiefsehn zu tun. Die Tief­fee, das ist das, was sich ganz unten auf dem Meeresboden befindet und wird mit Schleppnetzen raufgeholt."

Gucken Sie mal an! Ich habe immer schon zu meinem Mann gesagt, der Emil, der kommt ganz nach seinem Vater."

Sie meinen der Willi."

Ihr Aeltester."

Das ist der Willi. Wieso kommt denn der ganz nach seinem Vater?"

Na, der hat doch auch immer so gerne ge­angelt ... Ist ja fein, daß der Junge sone schöne Stelle hat."

Ja, aber sie haben da sebr unter den Polypen zu leiden."

Polypen? Bäx! Das kenne ich von unserem Trud- chen. Eine eklige Sache."

Und ob! Der Willi schreibt, sein erster Offizier hätte einen, der ist vier Meter groß und zwei Zent­ner schwer."

Um Gotteswillen, das ist ja schrecklich! Kann er sich denn das Biest nicht rausnehmen lassen?!"

Leider mußte ich an dieser Stelle aussteigen.

Perlen bedeuten Tränen.

.Es ist eine alte Weisheit, daß man Perlen nufjt vor die Säue werfen soll; aber auch Häh­nen soll man es besser nicht, wie der Fall Siegfried lehrt. Doch damit nicht genug: die Juristen ha­

ben mit dem ebenbenannten Fall" Siegfried eine harte Ruß zu knacken bekommen.

Der Siegfried, von dem wir.sprechen, ist zwaj: ein Recke, aber er stammt nicht aus der Hel* densage, sondern aus einem Hühnerhof in Scho* nen. Don dort aus wagte er den Sprung auf die Dretter, die für manchen Menschen die Welt bedeuten. Siegfried der Hahn ist also zur Zeit wohlbe stall" tes Mitglied einer Schauspieler^ truppe, die im Komödienhaus in einem Lustspiel Menagerie" auftritt. Siegfried war beliebt, sehj beliebt sogar, auch bei den menschlichen Kolle­gen, was sich darin äußerte, daß sie ihn nach Belieben in den Garderoben herumspazieren ließen, und, was ihm wichtiger erschien, ihm manchen guten Dissen zukommen ließen. Aber offenkundig genügten diese Brocken unserem Freund nicht, der darauf ausging, sich einen Ribelungenfchatz in kleinem Maß­stab zuzulegen. Weshalb er nicht nur Brotkru­men, sondern auch Kragen- und Manschetten­knöpfe, die er in den Garderoben fand, sich zu Gemüte führte. Richt weiter verwunderlich, daß diesem Fraß eines schönen Tages auch eine Perle, die das Eigentum der Hauptdarstellerin war, zum Opfer fiel. Richt zu Llnrecht war die Dame entrüstet, sie schimpfte, tobte und drohte der Direktion mit einer Schadenersatzklage. Sollte man diesem Hahn, zwecks Wiedererlangung der Perle, den Hals umdrehen? Auf diese Weise einen so wertvollen Mitarbeiter verlieren nein! Dazu konnte sich die Direktion nicht entschließen. Lind so brachte sie ihn denn zum Tierarzt, der seinem Kropf die diversen Manschetten- und Kra­genknöpfe und auch die Perle mit vielem Ge­schick und ebenso viel Instrumenten entnahm. Aber o weh! Die scharfe Säure im Kropfe Sieg­frieds hatte die Perle um ein Bedeutendes ihres Llmfangs gebracht, und die Schauspielerin will nun die Direktion um den Betrag des vermin­derten Wertes verklagen. Aber durch alles Wei­nen und Zetermordio-Schreien läßt die Direktion sich nicht von dem Standpunkt abbringen, daß sie wohl für die Perle, nicht aber für deren Llm- fang haftbar gemacht werden kann. Wer wird also diesen Schaden tragen? Iuristen zerbrechen fich, ob der Merkwürdigkeit des Falles, ihre wer­ten Köpfe. Siegfried, der Hahn entgegen, ist schon wieder wohlauf, stolziert in den Garderoben und schreit Kikerikiiii! Was wohl in der Hahnen- sprache heißen soll: Paßt ein bißchen besser auf eure Wertsachen auf!