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sie nach außen hick den bestmöglichsten Einsatz zur Sicherung des gesamten Volkes darstellen. Um in Deutschland das Vertrauen zur Staatsführung wie­derherzustellen, müßten die Verbrecher am Volks­wohl streng bestraft werden, nicht aus Rache, son­dern um des Prinzip» willen. Wenn die Staats­führung das Vertrauen des Volkes gewonnen habe, müsse sie

das große Problem der Arbeitsbeschaffung lösen, um dem deutschen Menschen endlich wieder Arbeit zu geben. Der Redner sprach sich in diesem Zu­sammenhang dafür aus, jedem Deutschen durch eine Aenderung des § 163 der Reichsverfassung ein obli­gatorisches Recht auf Arbeit zu geben. Weiter for­derte er als organisch richtig die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht. (Anhaltender starker Beifall.) Unter Hinweis auf die deutsche Arbeits­kraft und den deutschen Bodenschotz trat der Redner für die beschleunigte Inangriffnahme von Meliora­tionsarbeiten, Wasserstraßen-, Deich- und Damm­bauten, Landstraßenbau usw. ein, wobei für Millio­nen von Menschen Beschäftigungsgelegenheit gegeben sei. Diese Arbeitsbeschaffung höbe sich nach dem Grundsatz zu richten: Arbeit schafft Kapital, aber nicht erst Kapital und dann Arbeit. Wenn in Deutschland das erste große Projekt der Arbeits­beschaffung ohne Finanzierung durch die Börse durchgeführt worden sei, dann sei die Börse tot. Der Redner forderte weiter

die Schließung unserer Grenze zur linier- bindung aller entbehrlichen Einfuhren an über-

flüssigen Lebensmitteln.

Durch diese Sperre für Luxus- und überflüssige Lebensmitteleinfuhr könne Deutschland jährich 2,5 Milliarden Mark ersparen, die zur Stärkung der heimischen Wirtschaft durch Absatzsteigerung und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit verwandt werden

könnten. Das Arbei^slosenproblem werde im großen und ganzen gelöst sein, wenn zwei Millionen Men­schen wieder in Arbeit kämen. Zur Erreichung dieses Zieles forderte der Redner auch eine energische Senkung des Zinsniveaus, sowohl im Innern/ wie auch nach außen hin, auf einen Satz von 3 oder 4 Prozent. Politische Schulden (Tribute) erkenne die NSDAP, nicht an, private Schuldver­pflichtungen werde sie aber nach Treu und Glauben anerkennen mit der Maßgabe der vorerwähnten Zinssenkung. Dahinziclende Verhandlungen mit unseren ausländischen Gläubigern seien sofort ein- zulciten.

Wenn die NSDAP, die Hilfsmittel des Staates besitze, werde auch das Versailler Diktat ein Mu­seumsstück werden. Dann sei auch das große Pro­blem der germanischen Rasse in Europa überhaupt zu lösen, und damit müsse bei der Uebernahme des Staates begonnen werden. Mit dem Kabinett P a - p e n habe die NSDAP, nichts zu tun. Brüning sei nur deswegen entlassen worden, weil er die Forderung gestellt höbe, auf zwei Jahre den Reichs­tag nicht einzuberufen und diktatorisch zu regieren. Dieser Forderung Brünings habe Hinden­burg nicht stattgegeben, und er habe dabei nur pflichtgemäß nach den Regeln der Demokratie ge­handelt. Das große Ziel des Wahlkampfes bestehe vor allem auch darin, das Zentrum auszu­schalten. Wenn eine nationale Bewegung das Zentrum nicht mehr zur Regierungsbildung brauche, dann sei für das nationale Deutschland seit 1870 zum ersten Male der Weg frei. Auf die NSDAP, werde die Wählerschaft mit Sicherheit rechnen kön­nen. (Langanhaltender stürmischer Beifall.)

Anschließend folgte der genieinsame Gesang der ersten Strophe des Deutschlandliedes. Die Kund­gebung schloß dann mit dem Gesang des Horst- Wessel-Liedes.

Oie Politik des Zentrums.

Oer 2. Vorsitzende der Zenirumspariei spricht in Gießen.

Die Gießener Ortsgruppe der Zentrumspartei nahm am Sonntagabend in einer stark besuchten öffentlichen Versammlung im Katholischen Der- einshaus Stellung zu den politischen Fragen der Gegenwart. Als erster Redner sprach der 2. Dor- sitzende der Zentrumspartei,

Reichötagsabgeordneier Zoos.

Reichskanzler Brüning sei nicht gestürzt, weil das Parlament ihm'das Dertrauen entzog, sondern weil ihm überraschend das weitere Der­trauen der höchsten Stelle des Reiches versagt worden sei. Formell habe Hindenburg gehan­delt, tatsächlich hätten aber unverantwortliche Stellen die Karten so gemischt, daß der Kanzler unmittelbar vor seinem Ziele zum Sturz kam. Die Welt könne so wenig wie viele Deutsche be­greifen, warum man diesen Kanzler nicht die letzte Etappe habe zurücklegen lassen, damit er hätte beweisen können, daß er seine Sache richtig geleitet und trotz aller Hindernisse zum erfolg­reichen Abschluß bringen konnte.

Das deutsche Rein in der Reparationsfrage habe nur Brüning sprechen können.

Er war auf dem Wege, Deutschland die Defrei- ung von der politischen Schuldenlast zu verschaf­fen und ihm seine militärische und politische Gleichberechtigung wieder zu sichern. Stichhaltige sachliche Gründe für seinen Sturz seien nicht vor­handen. Seine Politik der Rotverordnungen habe den Sinn gehabt, im Rahmen eines großen Pla­nes der Befreiung Deutschlands und der Wieder­belebung seines Wirtschaftslebens zu dienen. Brü­ning habe dem Volke die falsche Auffassung ge­nommen, als ob wir schon über den Berg hinweg seien, er habe das Volk zur Realität zurück­geführt und zu größter Sparsamkeit gezwungen.

Brüning habe die Bilanz nicht nur gefordert, sondern er habe sie auch gezogen und strenge Selbstdisziplin vom ganzen Dolke verlangt. Er habe auch an der Währung festgehalten und dafür gesorgt, daß der Bankerottgeist im deut­schen Dolke nicht die Oberhand gewann. Der Redner warnte eindringlich vor irgendwelchen Manipulationen, die eine zweite Inflation her- beisühren könnten.

Bei einer Auseinandersetzung mit den Gegnern Brünings betonte der Redner u. a., daß ein so wahrhaft christlicher und konservativer Mann wie Graf W e st a r p von Hugenberg verdrängt worden sei und jetzt aus dem politischen Leben verschwinden werde, sei außerordentlich bedauer­lich. Für die Reichsleitung der Deutschnationalen Volkspartei sei es ein Verhängnis, daß Hugen- berg die Geschicke dieser Partei leite. Sodann pole­misierte der Redner gegen die nationalsozialisti­schen Führer, von denen er behauptete, sie könn­ten niemals eine Bewegung des Aufbaues schaffen, sondern lediglich Propaganda machen. Sie hätten jedenfalls bisher noch nicht bewiesen, daß sie eine Leistung vollbringen könnten, und sie würden unfähig fein, das zu schaffen, was sie der Wäh­lerschaft versprochen hätten. Weiter warnte der Redner die Industrie, die Landwirtschaft und den Mittelstand, der RSDAP. zu folgen, weil deren Sozialismus, wenn er echt sei, den Tod für diese Wirtschaftsschichten bedeute; sei dieser Sozialis­mus aber nicht echt, dann werde auf der anderen Seite eine riesige Enttäuschung eintreten.

Brüning habe sich ehrliche Mühe gegeben, auch die Rechtsparteien mit in die Verantwortung zu nehmen.

Er habe nach den Preußenwahlen Dinge vorberei­tet, mit denen sich auch die Deutschnationalen und

Elisabeth

erobert sich das Glück Roman von Margarete Anlelmanri Copyright by M. Feuchtwanger, Halle.

9 Fortsetzung. Rachdruck verboten!

Mit großen Augen sah Elisabeth auf das In­strument. Ein Iubelruf entfloh ihren Lippen. Der Traum ihrer Seele war nunmehr in Erfüllung gegangen unerwartet und plötzlich. Sie würde auf diesem wundervollen Instrument spielen dür­fen. Das war ja gar nicht auszudenken.

Das Musikzimmer war in Hellgrau gehalten; ein breites, flaches Ruhebett aus silbergrauem Samt stand an der einen Wand, der Boden war mit einem hellgrauen Smyrnateppich bedeckt. Einige Klubsessel und ein niedriger Tisch bildeten die übrige Einrichtung.

Auf der einen Seite des Musikzimmers lag der Wintergarten, der ziemlich groß war und voll von Blumen. Es leuchtete und duftete, daß man nichts merkte von Winter und Kälte, daß man sich in den Frühling verseht glaubte.

Don der anderen Seite des Musikzimmers aus betrat man das dunkel möblierte Speisezimmer, in dem der Frühstückstisch gedeckt war.

Frau Schelmer und Elisabeth waren gerade mit ihrem Rundgang fertig, als es draußen läutete.

Elisabeth wurde blaß. Ietzt, jetzt würde Herr von Eckertsburg kommen. Wie würde diese Be­gegnung ausfallen?

Frau Schelmer ging hinaus, ihren Reffen zu begrüßen. Wenige Minuten später trat Herr von Eckertsburg allein ins Zimmer.

Guten Tag, Fräulein Pfilipp. Ich freue mich, Sie in Ihrem neuen Heim begrüßen zu dürfen. Hoffentlich haben Die die erste Rächt recht gut verbracht."

Elisabeths Blässe war einer glühenden Röte gewichen. Jetzt mußte sie ihren Wohltäter auch noch anlügen, so tun, als ob sie wirklich hier geschlafen hätte. Aber es ging nicht anders sie hätte ihm ihr Fernbleiben nicht erklären können.

Danke, Herr von Eckertsburg. Es gefällt mir fejjr gut hier. Alle sind gut zu mir... ich...

Weshalb fürchten Sie sich eigentlich vor mir, Fräulein Pfilipp?" fragte plötzlich Herr von Eckertsburg, Elisabeth scharf ansehend.

Ich... ich... fürchte mich nicht."

Rein? Dann ist es ja gut. Es läge auch nicht der mindeste Grund dazu vor. Aber wollen wir uns nicht sehen und ein wenig plaudern? Meine Tante wird sicher gleich erscheinen."

Gehorsam wie ein Kind, ließ Elisabeth sich auf einen Sessel fallen. Das Herz klopfte ihn: bis zum

Hals herauf. Stumm blickte sie auf die Hände, die in ihrem Schoß ruhten.

Der Mann betrachtete das Mädchen, ließ keinen Blick von ihr. Studierte die weichen, zarten, mädchenhaften Züge, sah auf die Hände, die sehr nervös miteinander spielten.

Elisabeth Pfilipp hatte keine Angst vor ihm? Ach, du kleines Mädchen, du kannst nicht heucheln, dachte er. Man liest dir jeden Gedanken von der Stirn ab.

Ein Lächeln legte sich um seinen herben Mund. Wenn Elisabeth jetzt aufgesehen hätte, sie würde sich gewundert haben über die Weichheit, die jetzt aus diesem Gesicht sprach. Aber sie wäre sicher zu Tode erschrocken über den Blick, mit dem er ihren Kopf umfaßte und ihre ganze Gestalt. Rur einen Augenblick lang hatte sich der Mann seinen Empfindungen hingegeben, dann hatte er sich wieder ganz in der Gewalt.

Dann gab er sich' einen Ruck, sein Gesicht war kalt und hart wie immer.

Ich hoffe nur, daß es Ihnen hier gefallen wird, Fräulein Pfilipp. Frau Schelmer dürfen Sie sich ganz anvertrauen. Sie ist ein Mensch, der für alles Derständnis hat. Ich bin überzeugt davon, daß Sie beide sich bald ganz verstehen werden.

ülnd jetzt zu Ihrem Studium! Cs steht Ihnen frei, alles zu lernen, was Sie nur wollen, lieber die pekuniären Fragen brauchen Sie sich nicht die leiseste Sorge zu machen.' Das ist alles geregelt. Sie brauchen nichts zu tun als fleißig zu lernen und unsere auf Sie gesetzten Hoffnungen zu er­füllen."

Elisabeth saß da und rührte sich nicht. Wie schrecklich das jetzt wieder war! Sie kam sich vor wie ein Schulmädchen, das vor einem strengen Examinator saß. Dieser Mann war schrecklich.

Richt auszudenken, daß sie täglich mit ihm unter einem Dach weilen sollte.

Schwer seufzte sie auf. Wie sollte sie nur dieses Leben ertragen? Seine Gegenwart legte sich be­klemmend auf ihr Herz; ihr Denken verwirrte sich, sobald er zugegen war. Sie wußte nicht, wie das weitergehen sollte. Sie war glücklich, als Frau Schelmer erschien.

Hast du deinen Schützling begrüßt, Lothar? Wir beide haben uns schon miteinander ange- freundet nicht wahr, Elisabeth? Und wissen Sie, was ich Ihnen Vorschlägen möchte? Sagen Sie doch auch Tante zu . mir, das wird viel netter sein als so eine steife Anrede ja?"

Elisabeth sprang auf, ging hinüber zu Frau Schelmer und ergriff strahlend die daraereichte Hand.

O ja, wie gern ich das tue. Ich hab Sie ja schon so lieb gewonnen .. ."

Eckertsburg hatte erstaunt und stirnrunzelnd zugesehen. Was war das mit' diesem Mädchen? Wie verändert es auf emmal war! War er wirk-

Kundgebung der Eisernen Krönt.

Die Eiserne Front veranstaltete am Sonntag­abend auf der Liebigshöhe eine Wahlkundgebung. Als erster Redner sprach

Herr Richter (Düsseldorf).

Der Redner kennzeichnete zunächst einen der Wahlkundgebung vorausgegangenen Demonstra­tionszug als Ausdruck des einmütigen Willens zum Kampf gegen die Reaktion. Der Wahlkampf sei notwendig geworden, weil die Reaktion der Meinung sei, jetzt ohne Mühe zur Macht im Staate gelangen und die Mehrheit erringen zu können. Tie nationale Opposition sei der Mei­nung, daß ihr in Anbetracht der ständig sich 'steigernden Rot der Sieg leichter zufallen werde. Man gehe einer noch schwereren Zeit entgegen, wenn es der SPD. nicht gelinge, am 19. Ium in Hessen und am 31. Iuli im Reich die Mehrheit zu erringen. Das neue Kabinett lasse für die breite Masse nichts erhoffen. Hitler, der Mann der Groß- und der Schwerindustrie, stehe da­hinter. Die Rationalsozialisten seien die Schritt­macher des Iunkertums und einer neuen Mon­archie. Wenn die RSDAP. angreife, dann werde man ihr die Reihen der Eisernen Front entgegen­stellen. Man bekämpfe die Führer der SPD. mit allen möglichen Verleumdungen in der Hoffnung, daß doch etwas hängen bleiben werde. Die Ar­beiterschaft dürfe jenen Leuten keinen Glauben schenken, sondern müsse in den kommenden Tagen wie ein Mann hinter ihren Führern stehen.

Der Reichsbannerführer höttermann erklärte, die Arbeiter würden in den kommenden Wahltagen um ihre Freiheit zu kämpfen haben. In Hessen falle eine Vorentscheidung für die Reichstagswahl, die entscheidend sein werde nicht nur für das Geschick Deutschlands allein, sondern mitbestimmend für das Geschick Europas. Im Osten, in Asien wetterleuchte es wieder. Das Gewitter werde an Europa nicht spurlos vor­übergehen, und es gebe Kreise, die das Volk

wieder skrupellos in einen Krieg Hetzen würden. Die 100 000 Mann Reichswehr werde es nicht schaffen können, vielmehr werde es die Arbeiter­schaft wieder sein, die breite Masse, die den Krieg zu führen haben werde. Die Regierungsgewalt sei wieder in den Händen der Aristokratie und der Militärs. Das sei schon einmal so gewesen, und Deutschland schlitterte damals in den Krieg. Diese Gefahr liege wieder nahe. Cs würden dann wieder Opfer verlangt, die dann sehr leicht wie­der umsonst sein könnten. Man spreche bei den Rationalsozialisten immer wieder vomSystem". Es werde aber auch unter dem Regime der Rationalsozialisten nicht besser werden. Cs gelte endlich, sich in Deutschland auf die eigene Kraft, sei es auch auf die außerparlamentarische Kraft, zu besinnen. Cs müsse endlich gezeigt werden, daß es nicht möglich sei, die SPD. auszuschal­ten. Cs gelte endlich, dem" Vater Arbeit und den Kindern Brot zu geben. Es sei notwendig, gründlich zu sozialisieren. Die Rationalsozialisten hätten bewiesen, daß sie nicht gewillt seien, sozial­politische Forderungen zu erfüllen. Deshalb gelte es umsomehr, die in dieser Hinsicht Unzufriedenen' aus den Reihen der Rationalsozialisten zu ge­winnen. Hessen von Hitler frei zu machen, sei Rotwendigkeit und große Aufgabe. Die Iugend müsse sich Deutschland erobern und als Staat so gestalten, wie sie ihn haben wolle. (Lebhafter Beifall.)

Dor Beginn der. Versammlung bewegte sich ein Demonstrationszug der Versammlungsteil­nehmer unter Vorantritt von Marschmusik durch eine Anzahl Straßen unserer Stadt nach der Liebigshöhe. In dem Zuge wurden neben einigen Fahnen in den Farben Schwarzrotgold auch eine große Anzahl roter Parteifahnen der SPD. mitgeführt, die zum Teil mit den drei Pfeilen der Eisernen Front ver­sehen waren.

die RSDAP. hätten einverstanden erklären kön­nen; aber in diesem Augenblick sei er gestürzt worden, weil man ihn nicht mehr habe stürzen können, wenn er in Lausanne und auf der Welt­wirtschaftskonferenz erfolgreich gewesen sei. Das Verbot der SA. und SS. sei auf das dr'i ngende Verlangen der zwei maß­gebenden Führer der deutschen Reichswehr erlassen und durchgeführt worden; acht Tage später seien diese Herren aber umgefal­len. Brüning habe in dieser Sache mildernd einge­wirkt, aber die Reichswehrführung habe das SA- Verbot verlangt. In der Frage der Siedlung habe Brüning keine Reigung zu Experi­menten gezeigt, obwohl von der RSDAP. auch an Enteignung ohne Entschädigung gedacht wor­den sei. Brüning habe die Großgüter im Osten, etwa zwei Millionen Morgen, die nicht mehr ge­sund zu machen seien, für das Reich erwerben und zu einem bestimmten Preise als Siedlungs­land verwenden wollen. Der östliche Großgrund­besitz habe sich gegen Brünings Plan gewehrt, weil er einen höheren Preis für die Landabtre­tung herausholen wollte. Zur sozialen Frage be­merkte der Redner, jedermann müsse sich darüber llar fein, daß, wenn die Bindungen im Tarif- Wesen fielen, auch keinerlei Bindungen für Preise und Zölle mehr bestehen bleiben könnten. Die Re­gierung P a pen werde in ihren kommenden Rot- Verordnungen die vom Kabinett Brüning vorge­sehenen Bestimmungen zur Einschränkung auf so­zialem Gebiet noch ganz außerordentlich ver­schärfen.

Das Zentrum verlange mit Entschiedenheit, daß die staatsbürgerliche Freiheit und die freiheit­liche Gesinnung in vollem Umfange gewahrt bleibe.

lich ein so bärbeißiger Mensch, daß man Angst vor ihm haben mußte? Daß Elisabeth Pfilipp sich vor ihm fürchtete, nicht wagte, den Mund aufzutun?

Oh, Fräulein Elisabeth, ich sehe, wie schnell Sie sich mit Tante Liese angefreundet haben. Warum find Sie zu mir so ganz anders? Din ich wirklich so schrecklich?"

Elisabeth war dunkelrot geworden; scheu und verlegen stand sie da, fand keine Antwort. Frau Schelmer kam ihr zur Hilfe.

Was frägst du da für dummes Zeug, Lothar? Das kannst du dir doch denken, daß zwei Frauen schneller miteinander Freundschaft .schließen können als ein Mädchen und ein fremder Mann. Elisabeth muß sich doch erst an dich gewöhnen. Du wirst sehen, wie gut ihr euch dann verstehen werdet.

Du weißt doch selbst, wie schroff du manchmal sein kannst, und wie finster du oft aussiehst. Daran muh man sich erst gewöhnen; aber dann weiß man um so besseq was für- ein guter Mensch du bist."

Ietzt war es Eckertsburg, der verlegen wurde. Was fiel Frau Schelmer ein, sein Loblied zu fingen? Das sah ja aus, als ob er sich bei Elisa­beth einschmeicheln wollte. Und das war, weiß Gott, nicht seine Absicht. Sie war eine von den Vielen jungen Geschöpfen, deren Leben er der Kunst erschließen wollte, weiter nichts. Rur, daß sie ganz allein in der Welt stand, keinen Menschen mehr hatte, und daß man sich ihrer intensiver annehmen mußte als ihrer Kolleginnen.

Wanda kam, die Herrschaften zum Frühstück zu bitten.

Siebentes Kapitel.

Gleich nach dem Frühstück mußte Elisabeth sich auf den Weg ins Konservatorium machen. Cs war ihr ein wenig bange. Aber sie dachte an ihre Kunst und hoffte, gut abzuschneiden.

Sie durste nur den Mut nicht verlieren.

Sie- wurde von Professor Walter empfangen, der sie begrüßte und sie ins Prüfungszimmer begleitete. Man prüfte lange und eingehend. Cs waren anstrengende Stunden für Elisabeth. Sie war völlig fremden Menschen ausgeliefert, die keine Rücksicht kannten und bei denen es um nichts ging als um das Können des Prüflings.

Das Resultat war gut für Elisabeth. Sie wurde der Opernschule des Kammersängers Perlberg zugeteilt, dessen Schüler schon am Ende ihres Studiums an gelangt waren.

Der Unterricht wurde zu einer Freudenquelle für Elisabeth. Gesanglich brauchte sie nicht mehr viel zu lernen, Professor Landar hatte da wun­dervoll vorgearbeitet. Es handelte sich hauptsäch­lich um den dramatischen Unterricht, und der machte ihr viel Freude. Spielend begriff sie, was Kammersänger Perlberg seinen Schülern vor- mtmte, was er unter Technik und unter dem Ge-

Der Redner warnte weiter vor Autarkie-Bestrebun- gen und forderte unbedingte Sicherung der Gleich­berechtigung aller Katholiken, die auf dieser Grund­lage gerne mit den anderen Konfessionen in Frieden Zusammenleben und gemeinsam den Kampf gegen Gottlosigkeit und andere liebel unserer Zeit führen würden? Jedoch sei dazu gleiches Recht für alle Kon­fessionen erforderlich. Er wies weiter darauf hin, daß Brüning niemals vom Parteibuchbeamtentum etwas habe wissen wollen, sondern immer für das rein sachliche Berufsbeamtentum ohne Berücksichti­gung der Parteizugehörigkeit gewesen fei. Nach dem Verschwinden der übrigen Mittelparteien fei das Zentrum der Sammelpunkt aller p o - litjsch Heimatlosen, die nicht die Herr­schaft einer einzigen Partei wünschen und einen Fels suchten, an dem sich die Wogen des Radikalis­mus brechen können. (Langanhaltender stürmischer Beifall.)

Landiagsabg. Weckler-Rockenberg behandelte kurz einige Fragen der hessischen Politik. Er beschäftigte sich zunächst mit dem 12-Punkte- Brief der NSDAP, in Hessen gelegentlich der Re­gierungsbildung nach den vorjährigen Landtags­wahlen und machte die Fraktion der NSDAP, für das Scheitern dieser Verhandlungen verantwortlich. Der Führer der NSDAP, in Hessen habe übrigens selbst erklärt, daß sie nicht die Absicht hätten, in die Regierung einzutreten. Wenn eine Fraktion von 27 Mitgliedern eine solche Stellung einnehme, könne man nicht mehr von Verantwortungsbewußtsein sprechen. Er erörterte weiterhin die Verhandlungen im Finanzausschuß des Landtags bei der Frage der Diäten-Festsetzung und kam dabei zu dem Ergebnis, daß die von der Fraktion der NSDAP, oorgeschla- gene Regelung mehr Geldaufwendungen erfordert habe, als der alte Modus. Der Redner behandelte bärdenspiel verstand. Alles mußte ineinander­greifen, um ein vollendetes Kunstwerk erstehen zu lassen.

Elifabeth war eine aufmerksame Schülerin. Ihr Auge, ihr Ohr nahm all das Reue auf, was ihr Professor Landar nicht hatte lehren können, weil er nur das Gesangliche beherrscht hatte. Hier aber trat etwas in ihr Leben, was schon von der Schulzeit an ihre Phantasie beschäftigt hatte. Schon damals, als sie die kleinen Wandervorstel­lungen in ihrer Heimatstadt besuchen durfte, als sieDie Jungfrau von Orleans" undWilhelm Teil" sah, schon damals war ihr Wesen ganz er­füllt worden von dem, was droben auf der Bühne vor sich ging.

Kammersänger Perlberg hatte großes Interesse an seiner neuen Schülerin, die alle seine übrigen Schüler in den Schatten stellte, dank der genialen Begabung, die sie in sich trug.

Auch zu Hause fühlte Elisabeth sich sehr wohl, hauptsächlich deshalb, weil sie allein mit Frau Schelmer lebte. *

Ein Stein war ihr vom Herzen gefallen, als sie gehört hatte, daß Herr von Eckertsburg nicht in seiner Leipziger Stadtwohnung zu wohnen pflegte, sondern draußen, auf seinem Gut CckertS- berge.

Sie verlor nie die Scheu vor ihm, auch dann nicht, als Frau Schelmer ihr allerlei aus dem Leben des seltsamen Mannes erzählt hatte.

Lothar von Eckertsburg war sehr reich und sehr .einsam. Seine Eltern waren früh gestorben, Ge- 'schwister hatte er nicht. Frau Schelmer, die Schwester seiner Mutter, hatte nach dem frühen Tod ihres Mannes lange Jahre mit ihm zu- sawmengelebt; häufig war er auch unterwegs gewesen, hatte die halbe Welt bereist.

Aus Frauen schien er sich nie viel gemacht zu haben. Sein ganzes Interesse galt der Kunst, und einen großen Teil seines Vermögens verwandte er dazu, junge Talente auszubilden.

Er hatte indes in dieser Hinsicht viele traurige Erfahrungen machen müssen, so daß er der kalte,' egoistisch scheinende, spöttische Mensch geworden war, als der er sich den Menschen gegenüber zu zeigen pflegte. Er hatte sehen müssen, daß das Entgegenkommen, die Gunstbezeugungen der Mäd­chen, die er förderte, viel weniger seiner Person galten als seinem Reichtum, und er war nun so weit, nicht mehr an uneigennützige Liebe glauben zu können.

Im allgemeinen pflegte er sich um seine Schütz­linge persönlich nicht zu kümmern, überwachte nur ihre Ausbildung. Daß er bei Elisabeth eine Aus­nahme gemacht hatte, daran waren Professor Landar und Professor Walter schuld, die das ver­waiste und mittellofe Mädchen der besonderen Ob­hut des Mäzen empfohlen und es erreicht hatten, daß er sie seinem persönlichen Schutz unterstellte.

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