Ausgabe 
13.10.1932 Erstes Blatt
 
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Nr. 2§l Erstes Blatt

182. Jahrgang

Donnerstag, 13. Moder 1932

Gietzeim Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Onitf und Verlag: vrLHI'Zche UniverfitS>s-vuch- und Stcindruckerel R. Lange in Siegen. Schrifileitun, und Seschäftsstelle: Schulftratze 7.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für denAn- zeigenteil i.V.TH.Kümmel sämtlich in Gießen.

Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte (Biebener Familienblätter Heimat im Bild DieScholle Monats-ve-ugspreis:

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Zrankfurt am Main 11686.

Randnoten.

Die Münchener Rede des Reichskanzlers war eine Kundgebung von einem Stil, den wir kaum noch gewöhnt sind. Wir kommen allgemach wieder auf ein politisches Niveau, von dem sich zu reden lohnt. Es sind ganz gewiß auch in den vergan­genen Jahren manche ausgezeichneten Reden ge­halten worden. Es läßt sich aber nicht verkennen, daß diese Reden doch im letzten Grunde die genehmigten Ausführungen des parlamentari­schen Vollzugsausschusses waren, den wir mit dem Ramen Reichsregierung bezeichneten. Papen wird zum Träger eines nationalen Willens, der die parteipolitischen Bindungen als zu eng verschmäht. Damit dient er auch der Würde des Amtes, das er bekleidet. 3m tiefsten Grunde ist es e i n e sachliche Politik, vor die wir gestellt werden. Es wird nur das ausgesprochen, was politisch tragbar ist, was aber nichtsdesto­weniger in den letzten Jahren verschwiegen wurde, weil unsere politischen Redner, auf parteipoliti­schem Geleise fahrend, wohl den Willen zum nationalen Ausdruck in sich trugen, aber nicht die Fähigkeit dazu.

Die Kanzlerrede in München leitet eine neue politische Epoche ein, eine Epoche der Reichsreform im besten Sinne des Wortes. Was der Kanzler über Abrüstungsfragen und Wirtschaftsprogramm sagte, was er zur Handelspolitik und zur Sozial­gesetzgebung erklärte, ist nicht so wichtig wie seine Aeuherungen zum ilmbau der Verfas­sung. Der Kanzler scheut sich nicht, von den Dingen zu sprechen, wie sie sind, und er versteckt sich nicht hinter parlamentarischen oder parteitak­tischen Rücksichten, die nur zu oft die Flucht aus der Verantwortung ermöglicht haben. Papen kün­digt ein neues Verfassungswerk an, dessen Kern­stück die Wiederaufrichtung einer machtvollen und überparteilichen Staatsgewalt ist, die nicht als Spielball der politischen Kräfte hin und herge­trieben werden kann.

Eine neue Regelung des Verhältnisses zwischen Regierung und Volksvertretung soll durch die Schaffung einer Ersten Kammer ermöglicht wer­den, deren Aufgabe in einer Beschränkung des hemmungslosen Parlamentarismus läge, die heute nur durch die Verordnungsgewalt des Reichs­präsidenten erreicht werden kann. Der Reichs­kanzler will diese Reformen auf föderalistischer Grundlage durchführen, aber den Dualismus zwi­schen Reich und Preußen beseitigen, er will den Entwurf dieser Verfassungsreform dem neuen Reichstag bei seinem Zusammentritt vorlegen und damit das deutsche Volk vor eine wirk­liche politische Aufgabe stellen. Wenn es nur zu oft üblich war, Regierungsreden im Wahlkampfe zu einem politischen Gimpelfang zu benutzen, so hat diese Münchener Rede das Ver­dienst, Mitarbeit zu fordern. Die Münchener Rede ist aber mit diesen Anmerkungen keines­wegs erschöpft. Sie enthält ein großes Arbeits­programm auf allen Gebieten. Unö das Beste an ihr ist, daß damit nicht dekretiert und verordnet wird, sondern daß ein Appell an die besten Kräfte des deutschen Volkes gerichtet wird. Hoffen wir, daß sich das Volk seiner poli­tischen Ausgabe gewachsen erweist.

*

Stresemann hat einmal gesagt, daß der Versail­ler Vertrag als völkerrechtlich gültiges Dokument vielleicht noch bestehen werde, wenn bereits der letzte Stein aus dem Versailler Gebäude her­ausgenommen sei. Man mag über die Außenpolitik des vergangenen Jahrzehnts denken wie man will die Tatsache steht fest, daß bereits eine Anzahl sehr wesentlicher Steine herausgebro­chen werden konnte. Die Besatzungstrup­pen aus dem besetzten Rheinland wurden vor dem letzten vorgesehenen Termin zurückgezogen. Der Reparotionsanspruch iecGläubi- g e r m ä ch t e ist bis zu dem Endpunkt von Lau­sanne von Konferenz zu Konferenz weiter unter­höhlt worden, bis zuletzt nur noch eine in ihrer praktisch finanziellen Bedeutung sehr fragwürdige Forderung blieb. Die Franzosen als die Hauptin­tereisenten am Versailler Vertrag sind sich natür­lich darüber klar geworden, daß dem deutschen Be­mühen um Befreiung aus den Fesseln von Ver­sailles auf die Dauer noch weitereErfolge beschieden sein werden. 3n seinem Innern dürfte Herriot heute nicht mehr daran zweifeln, daß wir uns schließlich auch mit unserer Forderung nach Gleichberechtigung auf dem - stungsgebiet durchsetzen werden. Die gewalt­same Abtrennung desSaargebiets geht ebenfalls ihrem Ende entgegen.

Jedesmal nun, wenn wir unseren Gegnern im Weltkrieg den tatsächlichen Abbau irgendeiner Ver­sailler Bestimmung abringen wollten, kamen die Franzosen mit Gegenforderungen, die im Grunde daraus hinausliefen, wenigstens die entschei­denden territorialen Bestimmungen des Ver­trags durch eine endgültige deutsche Verzichtserklä­rung unter internationaler Garantie zu verewigen. Das ist ihnen in Locarno im Hinblick auf Elsaß-Lothringen gelungen. Der Forderung nach einem O st l o c a r n o hat die deutsche Politik bisher aber erfolgreich Widerstand leisten können. Als die Besatzung im ' besten ihr Ende fand, konnte man glauben, daß nach der Preisgabe des entschei­denden Druckmittels dieser Wunsch nicht mehr sobald aufs Tapet kommen würde. Die Polen haben ge­wußt, warum sie sich immer wieder in die Ver­handlungen über die Räumung des Rheinlandes einschalten wollten, und Stresemann wußte ebenso genau, warum er den Polen stets so energisch auf die Finger klopfte. Aber schon in Lausanne mußten wir wieder erleben, daß der Plan noch keineswegs aufgegeben war, die blutenden Grenzen Deutschlands im Osten zu verewigen. Auf nichts anderes lief Macdonalds Vorschlag eines euro-

Herriots Besuch in London.

Der neue französische Gicherheiispaki.

England wünscht keine neuen Bindungen.

Starker W'derspruch in der öffentlichen Mein «ng.

London, 12. Oft. (2DIB.) Der französische Ministerpräsident herriot ist heute kurz nach 23 Uhr in London eingetroffen, wo er am Bahnhof vom Ministerpräsidenten Macdo- n a l d, dem Staatssekretär des Aeuheren Sir John Simon und dem französischen Botschafter in Lon­don empfangen wurde, herriot hat in der franzö­sischen Botschaft Wohnung genommen. Er wird morgen 10.30 Uhr Macdonald und Sir John Simon in Downingstreet einen Besuch abstatten. Man darf annehmen, daß man auf den französischen Sicherheitsplan herriots in London nicht ganz unvorbereitet ist. Ls steht fest, daß wegen der ablehnenden Haltung der englischen öffentlichen Meinung keine britische Regierung neue Bindungen aus dem Kontinent eingehen kann. Deshalb scheint man aus britischer Seite einen plan ausgearbeitet zu haben, der alsVerein­fachung" des allgemeinen französischen planes bezeichnet wird. Danach könnte den französischen Sicherheitswünschen entsprochen werden:

1. durch eine Erklärung im Rahmen des K e l l o g g - p a k t e s, an der sich nicht nur Großbritannien, sondern auch Amerika beteiligen würden;

2. durch einKontinental - Protokoll", in dem nur d i e Kontinental-Mächte Verpflichtungen bezüglich des Angreifers ufw. übernähmen, während Großbritannien sich nicht daran beteiligen würde. Als Gegenleistung würde nach britischer Auffassung Deutschland grundsätzlich Gleichberechtigung zugesprochen werden müssen, und Frankreich würde sich verpflichten, in beträchtlichem Maße a b z u r ü st e n.

DerEvening Standard" erklärt, man müsse den neuen Abrüstungsplan herriots mit dem größ­ten Mißtrauen betrachten. Lr sei nicht geeig­net, einen neuen Krieg zu verhindern, sondern Frankreich im Falle eines neuen Krieges den Dienst Englands zu sichern. England dürfe sich auf keinen Fall von diesem plan, der eine ge­schickte Mischung aller früheren Ab­rüstungspläne sei, einfangen lassen. Besonders gegen die Absicht, ein internationales Waf­fe n a r s e n a l unter der Oberaufsicht des Völker­bundes zu schaffen, liehen sich viele Einwände er­heben. Würde es z. B., so fragt das Blatt, dem Lande A etwas nützen, wenn die Armee des Lan­des B über feine Grenzen einmarschiert, da ihm der Völkerbund erzählt, im Lande C sei eine Menge schwere Artillerie, die es holen dürfe?

Herriot fordert auch von Amerika neue Garantien.

Washington,13. Okt. (TU.) Am Mittwoch­nachmittag unterrichtete der hiesige französische Botschafter Claudel den Präsidenten Hoover

davon, daß Frankreich, bevor es irgendeiner Ab­rüstung zustimmen kann, ein Abkommen mit den Vereinigten Staaten verlange, in dem Amerika dieBürgschaftfürdiefran- zösische Sicherheit übernimmt.

Beamte des Staatsdepartements erblicken in der französischen Forderung, falls diese das letzte Wort Frankreichs sein sollte, ein u n ü be r w i n d- bares Hindernis für die Beschränkung der Rüstungen. Dieser Eindruck wird bestärkt durch die vertraulichen Berichte der gegenwärtig in Washington weilenden amerikanischen Botschafter in Europa. Die Botschafter wiesen darauf hin, daß das Mißtrauen und der Argwohn zwischen den europäischen Rationen ständig zunehme und daß die Militärsach­verständigen in Genf mehr als je j e d e r S ch w ä - chung der Verteidigungskraft ihrer Länder abgeneigt sind.

England soll sein Wort halten.

Lloyd George fordert Einlösung des Abrüstungsver Prcchens.

London, 13. Okt. (TU.) Lloyd George hielt auf der Jahresversammlung der Internatio­nalen Friedengesellschaft eine große Rede. Es gäbe jetzt, so sagte er, viel mehr und ernstere M i ß v e r st ä n d n i s s e in der Welt als er jemals erlebt habe. Zwar wolle niemand den Krieg, aber

dies bedeute noch lange nicht, daß es keinen Krieg mehr geben werde. Heute sei die Zahl der Men­schen, die zum Töten ihrer Mitmenschen ausgebildet würden, viel größer als 1914. Der französische Ministerpräsident komme nach England, um hier die Dinge wieder einmal zu besprechen. Er, Lloyd George, könne bloß sagen:Gott helfe i h m". Das Beste, was man mit den überschüssigen Waffen machen könnte, sei, sie zerstören zu lassen, wie wir es in Deutschland ge­tan haben.Wir Engländer haben uns in Ueber- einstimmung mit dem Versailler Vertrag zur A b - rüstung verpflichtet, haben es aber nicht g e t a n", so rief Lloyd George unter lauten Pfui­rufen,als diese Dokumente unterzeichnet wurden, da hatte schon die Mehrheit der Unterzeichnermächte nicht die Absicht, sie auszu führen. Noch bevor die Tinte trocken war, trafen einige von ihnen Vorbereitungen, neue Heere z u schaf- f e n. Deutschland ist umgeben von Nationen, die bis an die Zähne bewaffnet sind. Was für Deutsch­land besonders entmutigend ist, ist das Gefühl, an der Nase herumgeführt morden zu sein. Es gibt keine größere Gefahr für den Frie­den der Welt, als wenn ein Volk gerechterweise über die schimpfliche Behandlung empört ist, die man ihm angedeihen ließ. Nachdem wir unser Wort ge­geben haben, sollten wir Engländer es ehrlich, treu und ritterlich halten."

Hillers propasaMsahrt durch Deutschland.

Erste Wahlkundgebungen

München, 12. Okt. (TU.) Wie derVöl­kische Beobachter" mitteilt, hat Hitler seine P r o - Pogandafahrt durch Deutschland, die fast vier Wochen dauern wird, begonnen. Er wird in über 6 0 Kundgebungen sprechen. Die Propagandareise nahm in Günz­burg und Rördlingen ihren Anfang. Die Reise wird mit Flugzeug und Kraftwagen durchgeführt werden. 3n G ü n s b u r g in Schwa­ben eröffnete Hitler seinen Propagandazug mit einer Wahlkundgebung, zu der Tausende erschie­nen waren. Hitler führte aus, er sei der Lieber- zeugung, daß das Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung das größte Stümper- und Flickwerk sei, das man sich vorstellen könne. Er könne mit Recht sagen: Wie konnten Sie sich unterstehen, mich einzuladen, in diese Regierung einzutreten? Einen Einfluß im Kabinett hätte er nicht gehabt, nur die Ver­antwortung hätte man ihm gnädig über­lassen. Man könne nicht bis vor fünf Monaten schweigsames Mitglied der Zentrumspartei ge­wesen sein und dann eines Tageshell erleuch­tet" Führer in das Dritte Reich werden. Er, Hitler, habe nicht den Marxismus bekämpft, um an seine Stelle nur ein anderes Klassenregiment aufzurichten. Seine Gegner täuschten sich vqr allem in seiner ungeheuren Entschlos­senheit. Ob er zur Macht komme, sei nicht so wichtig, als daß er das erfülle, was er versprochen habe. Auch die Partei sei ihm nicht käuflich oder abkäuflich. Man solle sich nicht einbllden, daß er auch nur eine Se­kunde diese Bewegung vielleicht herleihe oder andere damit arbeiten lasse. Hitler proklamierte als Vollendung des Zieles der RSDAP., es gelte, den Sammlungsprozeß unseres

des Führers der NSDAP.

Volkes zu vollenden. Wan könne die Ration nur zusammenfügen auf dem Boden eines gro­ßen Ideals. Die Rettung komme erst dann, wenn jeder Deutsche nicht in erster Linie Arbeiter, Bürger, Bauer oder Beamter, sondern wenn er zuerst Deutscher geworden sei. Ob die Rationalsozialisten ans Ruder kämen, be­stimmten nicht Menschen. Menschen erkenne er nicht als seine Vorgesetzten an, am wenigsten die Herren vom Herrenklub. Zum Schluß betonte Hiller, in den neuen Wahlkampf gehe die RSDAP. genau wie bisher hinein, be­reit, jedem Deutschen die Hand hinzureichen, auch dann, wenn er in einem anderen Lager stehe, aber auch ebenso entschlossen, die Be­wegung auf keinen Fall ihr Ziel entfremden zu lassen.

Hitler zur Kanzlerrede.

Hitler sprach dann in Pocking im unteren Jnntal. Es waren etwa 10 000 Bauern aus Niederbayern und Umgebung sowie von jenseits der Grenze aus Oesterreich gekommen. Hitler erklärt: Der wahre Sinn des 13. August sei nichts anderes gewesen, als der Versuch, der nationalsozialistischen Bewegung die Verantwortung aufzubürden, ohne ihr den ent­sprechenden Einfluß zuzubilligen. Das wisse heute das ganze deutsche Volk. Nur Herr v. Papen be­haupte jetzt noch immer bas Gegenteil.Entweder es wird in unserem Sinne regiert, dann tragen wir die Verantwortung, oder es wird nicht in unserem Sinne regiert, dann tragen die anderen die Verant­wortung. Ich glaube an kein Regiment, das nicht im Volke selbst verankert ist. Ich glaube an kein wirtschaftliches Regiment, das das Pferd von hinten aufzäunt. Nicht von oben kann man ein Haus auf-

päifchen ©ottesfriebens hinaus. Jetzt kommt ber Ostlocarnoplan auf einmal wieder im Zusam­menhang mit der deutschen Forderung nach Gleich­berechtigung auf die Tagesordnung. Wenigstens auf die Tagesordnung der Besprechung, die in diesen Tagen zwischen Herriot und Macdonald in London stattfindet. Aus den kurzen Mittei­lungen über Herriotskonstruktiven P l a n" ersieht man deutlich, daß er als Aeguivalent für die theoretische Anerkennung ber deutschen Gleichberechtigung außer ber Bilbung der inter­nationalen Armee noch regionale Sicher­heit s -, Unter st ützungs- und Kontroll­pakte verlangt. 'Macdonalds Gegenvorschlag scheint diese Forderung auf einen politischen Waffensti11stand ablenken zu wollen. Beide Vorschläge schließen aber im Grunde das O st - locarno wieder ein. Noch einmal müssen unsere Konsuln a u f d e r H u t sein. Sie werden am besten tun, wenn sie die bisher stets verfolgte Taktik bei­behalten und jede Unterhaltung in diesen Zusam­menhängen ablehnen.

Hemmnisse

der Wirtschastsgenesung.

Berlin, 12. Okt. (ERD.) Auf einer Feier anläßlich des 85jährigen Bestehens ber Firma Siemens & Halske befaßte sich Dr. ?. Sie­men s in einer Festansprache mit lndustrie- politischen Problemen. Er erwähnte Berichte der technischen Bureaus der Firma inSchweden, Holland und Dänemark, wonach dem Siemenskonzern zugedachte Aufträge zum Teil zu höheren Preisen an England ver­geb e n worden seien unter dem ausdrücklichen

Hinweis, daß sie eine Folge der aller­letzten h a n de ls p o l i sche n Maßnah­men Deutschlands seien.

In der Gegenwart hätten alle politisch leiten­den Männer aller Länder nur eine Pflicht, näm­lich der Wirtschaft alle Wege zu ebnen, damit einem möglichst großen Teil der Arbeits­losen wieder Arbeit und Brot gegeben werden könne. Dazu gehöre aber Ruhe und wieder Ruhe. Im Durchschnitt der Jahre 1925 bis 1930 habe di e ö f f e n t l i ch e H a nd 40 v. H. des Erlöses der Wirtschaft für sich in Anspruch genommen. Dor dem Kriege dagegen habe die öffentliche Hand nur 18 v. H. des deutschen Pro­duktionswertes verbraucht. Müßten in der Wirt­schaft die Linkosten der Höhe der Produktion angepaßt werden, so müsse auch vom Staat eine solche Anpassung vorgenommen werden.

Die Reichsbesoldungsordnung bleibt unangetastet.

Berlin, 13. Okt (VDZ. Amtlich.) Nach­dem eben erst durch den Brief des mecklenburgi­schen Miniisterpräsidenten über Gehaltskürzungen der Länder- und Gemeindebeamten Beun­ruhigung in die Beamtenschaft ge­tragen worden ist, wird jetzt das Gerücht verbreitet, im Schoße der Reichsregierung sei ein neuer Referenten -Entwurf zur Aenderung der be st eh enden Besol­dungsgesetze ausgearbeitet mit dem Ziel, die Spannung zwischen den Gehältern der höhe­ren und der unteren Beamten, wie sie vor dem Kriege bestanden habe, wieder herzu st ei­

len. Diese Gerüchte sind völlig aus der Luft gegriffen. Ein Referentenentwurf zur Aenderung der Besoldungsverhältnisse ist we­der ausgearbeitet noch in Vorberei­tung.

Kleine politische Nachrichten.

Der Landesausschuh der hessischen Zen - trumspartei bestätigte einmütig die seit­herige Kandidatenliste zu den Reichs- tagswahlen, beginnend mit den Ramen Dr.Brü­ning, Dr. D o ck i u s (Mainz) und endend mit Gcwerkschaftssekretär Wesp (Darmstadt). An ein Referat über die Reichspolittk schloß sich eine leb­hafte Aussprache an, in der besonders von den Vertretern der Arbeiterschaft an den letzten Rot­verordnungen scharfe Kritik geübt wurde.

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3m Danziger Volkstag wurde der von den Rationalsozialisten und Kom­mun i st e n eingebrachte Antrag auf Auflö­sung des Volkstages mit den Stimmen der Deutschnationalen, des Zentrums, des Blocks der nationalen Sammlung und der Sozialdemokraten Fegen die Stimmen der Antragsteller abge- ehnt.

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Das Hanseatische Oberlandesgericht entschied all Deschwerdeinstanz dahin, daß G. Carl L a h u - sen, das frühere Vorstandsmitglied derRord- wolle. gegen Bürgschaftsleistung von 1 Mil­lion Mk. aus der Haft zu entlassen feL Die Bürgschaft ist in Bremen aufgebracht wor­den, so daß Lahusen das Llntersuchungsgesäng- nis, in dem er seit 1. Juli 1931 zugebracht hat, verlassen kann.