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Aus der Provinzialhauptstadt.
Dießen, den 13. September 1932.
Segler der Lüste.
Bevor sie in die Lüfte steigen, bastelt ein liebevoller Drang die beflügelten Boten »urecht, wie eine Mutter ihr Firmelkind. Auch in den Drachen kommt der innere Mensch zur Geltung. Der eine liebt die Ausgeglichenheit, die geometrische Einfachheit, die abgezirkelte Genauigkeit, die gerade Linie und erhebt daS Rechteck zu einem luftigen Vertreter. Do wie er selbst inwendig ist, so steht auch sein Drache vor dem wolkigen Hintergrund, chlicht und wesentlich. Der andere ist mehr für lefällige Eleganz in der Erscheinung, für Dchmieg- amkeit und Ueberbrückungen. Der schließt den Pitzen oberen Winkel des Flugkörpers mit einem geschweiften Dogenbug ab.
Lange bevor sich die Segler der Lüfte dem Element ihre Urbilder anvertrauen, reitet die Phantasie ihrer Verfertiger mit ihnen inS Traumland. Aach dem Lande Nirgendwo ziehen die Drachen die Gedanken ihrer Herren hinter sich her, in dem jeder als unumschränkter Herrscher über unendliche Weiten gebietet, In die ihm ein- zutreten niemand verwehren kann. Phantasie heißt dieses Wunderland, in dem die Wunsche wie buntbeklebte Drachen durch die Ozeane geheimer Sehnsüchte segeln, nur durch einen dünnen Faden mit dem Festland der gegebenen Tatsachen verbunden.
Und wenn sie dann zwischen den Welten schweben, scheinbar losgelöst von aller Erdenschwere, von fächelnden Winden gewiegt, von Sonne umwoben und von wolkenloser Reine überblaut, klettert an der Schnur ein verstohlener Gruß zu ihnen heraus, wie ein Ruf naA Befreiung aus freudeleerer Fron, wie die Sehnsucht, die aus den Träumen aufsteigt zu einem Kurz- oder Langstreckenflug über die Steppen des Alltags, nach einem Zielpunkt, der so fern liegt, daß er es ewig bleiben muß. Wieder und noch ein Telegramm geht ab. Denn es bleibt ja auch im Leben nie bei einem einmaligen Zufriedensein. Der Drache der Unzufriedenheit mit der zugeteilten Flugstrecke ist trotz aller Ausreißversuche das, was dem Drachen die tiefere Symbolik aufdrückt: mit freiem Kopf und Blick irgendwo zu stehen und alle überschaubaren Möglichkeiten in seinem und dem Allgemeininteresse wahrzunehmen.
Lin solcher sinnbildlicher Pfadfinder in die mystischen Bezirke des Ueberbimenfionalen schlägt Purzel- bäume, wenn ihn ein Windstoß etwas unsanft von der Seite oder mit einem Frontalangriff anpackt. Wackelt mit beiden Schultern, wie ein exzentrischer Stepptänzer aus den Zeiten der Invasion des bunt- len Erbteils auf unseren Kontinent. Sackt manchmal steil ab und steigt in Windungen wieder stratosphä- renwärts, wenn ihm sein Herz die Zügel freigibt. Genau wie cs oft auch uns geht und unserem Wollen. Manchmal muß man, um überhaupt vorwärts zu kommen, zwei Schritte links und zwei rechts machen, bevor einer geradeaus möglich ist. Denn wie der Drachen an seiner Schnur, so hängt jedes Wollen nicht allein an Zufälligkeiten, sondern auch mit Dingen zusammen, die man nicht außer Acht lassen darf, ohne in der Luft zu hängen.
Das Wasserwerk Gießen im Rechnungsjahr 1931/32. Der Wasserverbrauch ist zurückgeganaen.
Das technische Ergebnisoesstabti- schen Wasserwerks für bas Rechnungsjahr 1931/32 stellt sich wie folgt: An Quellwasser würben im ganzen geforbert 2 613 408 cbm. Davon lieferten die alten Quellen, Erlenstollen im Stabt» walb, Hubertusbrunnen. Alter unb Neuer Stollen bei Grohen-Buseck täglich 520 cbm ober im Betriebsjahr 190 100 cbm, so bah auf bas Wasser- werk Queckborn, von wo burch bas Pumpwerk bas Wasser gehoben werden muh, eine Iahres- forberung von 2 423 308 cbm entfällt.
Die nutzbare Abgabe an Wasser ergab im abgelaufenen Betriebsjahr: An Private 1 313 142 cbm, an bas Dolksbab 39 579 cbm, an die Reichsbahn 516 625 cbm, an bie Gemeinden Wieseck 3457 cbm, Heuchelheim 58 966 cbm, Klein-Linden 30 631 cbm, Lindenstruth 4160 cbm und Queckborn 18 891 cbm, sowie für öffentliche Zwecke 40 431 cbm.
Den Höchstverbrauch an Wasser brachte der 3. Juli 1931 mit einer Abnahme von 9 7 7 0 cbm, der geringste Verbrauch stellte sich am 26. Dezember 1931 mit 4450 cbm ein, wahrend der tägliche Durchschnittsverbrauch in 1931/32 auf 6712 cbm sich berechnet.
Von dem Stadtrohrnetz werden bedient 2695 HauSanschlüsse, 361 Gartenanschlüsse. Vorhanden waren Ende Marz 1932 3262 Wasserrnesser, 640 Absperrschieber, 10 Luftventile, 432 Hydranten für Feuerlöschzwecke, 13 Ventilbrunnen unb 108 Gartenhydranten. Die Lange des Stadtrohrnetzes zur Verteilung des Wassers in bie verschiebend! Stabtteile und Strahen beträgt 66 413 laufende Meter, die Zubringerleitungen von den Quellen zur Stadt haben eine Länge von 55 554 laufenden Meter. Der Wasserverbrauch in der Stadt Gießen ist gegenüber dem Vorjahr stark zurückgegangen, überall wird am Wasser gespart, besonders aber merklich beim Verbrauch in den privaten Haushaltungen.
Kulturfilme im Lichtspielhaus.
Voraussichtlich wird auch im kommenden Winter das Lichtspielhaus Bahnhofstraße mit einer Reihe von Kulturfilmen aufwarten, die, mehr als bisher, das Interesse weiter Kreise unserer Bevölkerung finden sollten. Insbesondere verdiente der Kulturfilm mehr Beachtung, als ihm bisher zuteil geworden ist, weil gerade er jenes Mittel ist, tätiges Leben, das ständige unruhvolle schöpferische Wirken menschlichen Geistes, die Wunder einer vielfältigen Natur, das Großartige der Landschaft und das ursprüngliche Geschehen in der Welt widerzuspiegeln. Manche schöne Stunde hat die Kulturfilmreihe des vorigen Winters den dankbaren Zuschauern ver- mittelt (man denke nur an die Filme „Rango", „0m mani padme hum" fFilchnerfilmj, „Drachengold und Opium", „Tiere in Gefangenschaft", „Tiere sehen dich an" usw.) und gleichzeitig manches schöne Erlebnis, viel Wissenwertes und auch viel Unterhaltsames zu geben vermocht. Das Lichtspielhaus will auch für den kommenden Winter mit Kulturfilmen aufwarten, foferne die Oeffentlichkeit das Interesse dafür zeigt, das dem Kulturfilm und insbesondere dem deutschen Kulturfilm entgegengebracht werden sollte.
Am Sonntag wurde nun die Kulturfilmreihe eröffnet. Zunächst sah man einen außerordentlich ge- schickt gedrehten Fllm vom Bau des Großsenders Mühlacker, der in seiner feinen Form die Besucher sehr zu fesseln vermochte. In künstlerisch ausgezeichneten Bildern wurde das anfänglich widerstreitende Nebeneinander von Natur
unb modernster Technik gezeiat: man sah die riesigen hölzernen Sendetürme wachsen, das große Sende- gebäube entstehen unb dazwischen wehte immer wie- der der Zauber jenes stillen Dörfchens Mühlacker an der badisch-würltembergischen Grenze. Besonders interassnt waren die Bilder von den Apparaturen dieser Sendeanlage, welche die ungeheure Entwicklung auf dem Gebiete der Radiotechnik erkennen liehen. Eigens für den Film geschaffene Musik, in der immer wieder jener Dreiklang, den der Sender Mühlacker als Rufzeichen hat, erklang, unterstützte den hohen Reiz des Filmes ganz besonders. In überaus glücklicher Form sah man hier die Technik künstlerisch behandelt. Sodann wurde ein Film vorgeführt, der, auf einer Urlaubsreife — von Douglas Fairbanks, dem bekannten amerikanischen Filmstar, gedreht — im Geiste in den fernen Osten führte. Japan erstand vor dem geistigen und körperlichen Auge. Die grandiose Schönheit des Fujiama, des heiligen Berges, war in einigen ausgezeichneten Bildern festgehalten, man lernte Landschaft und Menschen kennen, der Film führt in das Haus eines reichen Japaners, bann roieber im Gegensatz bazu in bie unruhoolle Enge chinesischer Gassen, an ben prunkhaften Hof eines Maharadschas unb schließlich zum König von Siam unb seinem großen Hofstaat. Douglas Fairbanks wußte babei einige Abenteuer zu erleben, bie er mit der ihm für solche Dinge eigenen Geschicklichkeit im Film unterbrachte. Der Film in feiner Gesamtheit war eine geschickte Reportage, ein anschauliches Aneinander von Bildern, das für eine Stunde ausgezeichnete Unterhaltung bot.
Taten für Mittwoch, 14 September.
Partielle Mondfinsternis von 19.05 bis 0.56 Ußr. Sichtbar in Mitteleuropa.
1760: Der Komponist Luigi Eherubini in Florenz geboren: — 1769: der Naturforscher Alexander v. Humboldt in Berlin geboren: — 1817: der Dichter Theodor Storm m Husum geboren: — 1852: der englische Feldherr Herzog von Wellington, Fürst von Waterloo, auf Walmer Castle gestorben.
** Brigadeübungen der 5. Division. Die zweite Brigadeübung der 5. Division unter Leitung des Jnsanteriesührers V, Generalmajor Muff, findet am 14. unb 15. September, bie Nacht burdp laufenb, im Raume Sonbershausen—Schlotheim— Großenehrich statt. Die Straße Schlotheim—Neunheilingen—Thamsbrück ist am 15. September, von 6 bis 12 Uhr für zivilen Kraftwagenverkehr gesperrt. Auf den Straßen im Raume Sondershausen—Eheleben — Schlotheim — Langensalza — Großenehrich bars am 14. unb 15. September außerhalb ber Ort- schäften nur auf den von ber Polizei bzw.' der Land« jägeret angegebenen Plätzen geparkt werben.
” Landsturmtag in Gießen. Am Sonntag, 2. Oktober, findet in unserer Stadt eine Zusammenkunft aller Kameraden des ehemaligen Landsturm-Onfanterie-Bataillons Gießen (XVIII 9) statt. Am Vormittag des Tages wird auf dem Neuen Friedhof eine Gedächtnisfeier für die gefallenen und nach dem Krieg verstorbenen Bataillonskameraden abgehalten. Nachmittags ab 15 11 br treffen sich die Teilnehmer zur gemeinsamen Feier, verbunden mit Musik und Vorträgen im Saale des Caf6 Leib. Da in den letzten Oghren keine Zusammenkunft der ehemaligen Landsturmleute möglich war, so rechnet man mit einer starken Beteiligung der Kameraden aus der näheren und weiteren Umgebung.
•• Zum Beginn der Theaterspielzeit schreibt die Dntenbaiu: Wozu Theaterspielen? Weil der ewig unzähmbare Menschentrieb, aus eigener Phantasie alles Leben schöpferisch neuzugestalten, im Theaterspielen und Theaterschauen seine glücklichste Erfüllung findet: weil Theater über Bindungen und Gegensätze hinweg alle Menschen zu einen vermag und weil keine Bürgerschaft dieses beglückenden Wunders ent« raten kann. Wir glauben an das Theater als unersetzbares Gut einer alltagsbefreienden Sehnsucht: an die Kraft des Theaters, durch künstlerisches Erlebnis menschliches Wirken befruchten zu können. Wir hoffen, daß sich dadurch eure Liebe zum Theater festigt. Bekennt euch zu eurem Theater! Anmeldungen zum Olbonnement schriftlich ober ab 25. September täglich von 10 bis 13 Uhr an der Tageskasse des Stadttheaters.
Beisetzung des Verlegers Wilhelm Rudolf Wittich.
WSN. Darmstadt, 12. Sept. Auf dem Alten Friedhof in Darmstadt fand heute die Beisetzung des verstorbenen Mitinhabers der Wit- tichschen Hofbuchdruckerei und des »Darmstädter Tagblatts , Wilhelm Rudolf Wittich, statt. Zu der Trauerfeier hatten sich Taufende von Freunden des erfolgreichen Verlegers und be- kannten Sportsmannes cingefunden, die ihm die letzte Ehre erwiesen. Auf Wunsch des Verstorbenen war davon abgesehen worden, am offenen Grabe Reden zu halten.
Wieder Großfeuer in Herzhausen.
] [ Biedenkopf, 12. Sept. Zum wiederholten Male innerhalb kurzer Zeit wurde gestern nachmittag der Kreisort Herzhausen bei Gladenbach wiederum von Grohfeuer heimgesucht. Die Scheune des Landwirts Paul Wagner wurde mit sämtlichen Erntevorräten ein Raub der Flammen. Von der Ortsfeuerwehr sowie den rasch herbeigeeilten Feuerwehren der umliegenden Orte konnte ein Uebergreifcn des Feuers auf die anliegenden Gebäude verhindert werden. Da man Brandstiftung vermutet, begab sich die Staatsanwaltschaft aus Marburg sofort nach Dekanntwerden an Ort und Stelle. Heber das Ergebnis der Untersuchung ist noch nichts bekannt.
Zungfemsahrt
durch die Griesheimer Schleuse.
Frankfurt a. M.. 12. Sept. Am gestrigen Sonntag ist in aller Stille die erste Jungfernfahrt durch die neue Griesheimer Schleuse vor sich gegangen. Ein Personendampfer, besetzt mit Angehörigen des Staatlichen Neubauamts, des Wasserbauamts und Vertretern der Stadt Frankfurt, hatte die erste Fahrt unternommen, die ausgezeichnet geglückt ist. Der elektrische Mechanismus der gewaltigen An- läge funktionierte tadellos. Ein Druck auf einen Knopf setzt die großen Schleusentore ebenso spielend in Bewegung wie die riesigen 40 Meter breiten Walzenwehre. Etwa 9 Minuten nur beanspruchte die Durchfahrt durch die ganze Schleusenanlage. Kaum war der Dampfer auf der einen Seite em- gefahren und zum andern Tor gelangt, da tat sich dieses schon wieder auf. Die Schleusung durch die
alten Wehre Niederrad unb Höchst b e a n • , spruchte je 25 bis 3 0 Minuten: bie Zeit-* ersparnis beträgt also jetzt etwa 45 Minuten.
Gefängnisstrafen wegen Landfriedensbruch.
][ Marburg. 12. Sept. 3n ber Nacht zum 24. Juli stieß eine Malkolonne ber Eisernen Front bei ber Boppschen Feldscheune in den Wiesen nördlich Marburgs mit Nationalsozialisten zusammen, welche dort bereits Hakenkreuze angemalt hatten und Wache hielten. Die Nationalsoziali
sten wurden mit Steinen beworfen und verprügelt. Acht derselben konnten entfliehen toüßrcnb zwei von den Leuten der Eisernen Front angeblich al - Geiseln zurückgehal- ten, nach Waffen durchsucht und erst nach geraumer Zeit entlassen wurden. Vor dem Schöffengericht hatten sich heute sieben Leute der Eisernen Front wegen Landfriedensbruchs, Freiheitsberaubung und Nötigung zu verantworten. Der Anführer Schr. erhielt sechs Monate, seine Genossen Br., D. unb Kl. je brei Monate Ge- f ä n g n i s. Die übrigen Angeklagten mußten mangels Beweises freigesprochen werden.
Arktische Eowjeiromaniik.
Ein Problem der Ernährung, des Verkehrs und der Verteidigung.
Don unserem k4.-Derichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellengabe, verboten! Moskau, September 1932.
»Wenn Ihr Weg Sie einmal übers Nördliche Eismeer vom Nordkap nach Wladiwostok führt, so werden Sie wahrscheinlich mit ein wenig Hochmut daran denken, daß erst im Arktis- Iohr 1 932/33 dieser Reiseweg so recht erforscht worden ist." So oder ähnlich werden voraussichtlich die Russen nach 10 oder 15 Jahren ihre Nordpol- Fahrgäste aus Europa oder Asien über ihren Arktis-Reiseverkehr auf klären. Das ist kein Scherz. Allen Ernstes arbeitet das Sowjetreich an der Erschließung seines äußersten Nordens, der „nur“ neun Millionen Quadratkilometer groß ist, der also gut 18 Deutsche Reiche oder volle drei deutsche Kolonialreiche ehemaliger Glanzzeit umfaßt, dem aber noch ein „Naher Norden" vorgelagert ist. Ist der Zugang zum Warmen Meer über Indien oder Konstantinopel ab- geschnitten, so drängt der Russe seit dem Weltkrieg um so sehnsüchtiger gen Norden. Ihm i st seine Welt zu flein. Nicht freilich, daß er darin keinen Lebensraum hätte, denn in Ostsibirien und auch schon östlich von Archangelsk im Europäischen gehört einem einzigen Menschen noch immer die Luft und das Land von einem Quadratkilometer, während sich in Deutschland schon 137 Menschen darein teilen müssen, in Belgien gar 270, — nein, das ist es nicht, denn im Durchschnitt atmen und bewegen sich auf einem russischen Quadratkilometer nur erst 22 Menschen. Sondern die Heimat des Russen und der ihm beigegebenen Völker stößt sich überall an wichtigen Schnittpunkten des Weltverkehrs und der Weltpolitik. Wie sich auch der Bürger Rußlands au» sammenkauert, immer liegt sein Kopf entweder an Europa ober dem Schwarzen Meer, seine Beine reiben sich an der Mandschurei, China oder Japan, seine Arme unb Hände berühren Indien und Persien oder Lappland, das Nördliche Eismeer oder fern im Norden des Stillen Ozeans die Aleuten-Inseln, diesen neuesten amerikanischen Flottenstützpunkt gegen Japan. Bewußt sprechen wir dabei von dem russischen Menschen und seinen Völkern, nicht mehr vom russischen Bären. Dieser Bär ist endgültig in die Geschichte hinübergeschlafen. lind die Nähe etwa der Turkmenen zu Persien und Indien spürt der Russe in Archangelsk bestimmt mehr, als der Bayer die Nordsee oder der Ostpreuhe das Ländchen Eupen- MalmedH. Wenn der Sowjetstaat eines erreicht hat, so die Tuchfühlung von QKanrt zu Mann zwischen Indien und Nowaja Semlja. zwischen Wladiwostok und Polen. Hungert der eine in glühender Sommersonne, so zugleich auch der am Nordpol. Fehlt dem Mairn auf Sachalin ein neues Hemd, so auch dem am Schwarzen Meer. Hub wenn nun im Arktis-Jahr das Klima um Spitzbergen herum erforscht wird, so liest in Turkmenien der Daumwollbauer und im Kaukasus der Weinpflanzer und am Pontus der Weizenbauer in den Tagesblättern: Endlich haben wir es heraus, woher unsere vielen Dürrejahre und Mißernten mit ihrer Hungersnot kommen — vom Nordpol!
Dies ist vielleicht auch wirklich eine der schönsten Aufgaben der russischen und deutschen Teilnehmer am Arktisjahr von Archangelsk bis Wladiwostok, daß man jetzt endlich einige Klarheit erhalten hat über die Herkunft der Dürre im ganzen großen Südosten Rußlands, der sich quer über Europa und Asien legt vom Pontus und den bessarabisch-sarmatischen Ebenen bis zu den Sphären des Tienschan und Tibets. „Wenn auf dem europäischen Gebiet Rußlands, in Westsibirien oder in Turkestan große Dürre eintritt, so ist das eine Folge atmosphärischer Anomalien auf der nördlichen Halbkugel", faßte kürzlich ein angesehener Sowjetwissenschaftler die neuesten Beobachtungen zusammen. lind nun befinden sich zwei große Sowjet-Expeditionen unterwegs in die Gewässer zwischen Spitzbergen, Norwegen und Nowaja Semlja, die sich speziell diesen Ursachen des Hungertodes von vielen Millionen Ruh- ländern etwa in den Jahren 1921/22, darunter von etwa 300000 deutschen Schwarzmeer- und Wolgakolonisten, widmen, lind freut sich so der Wolgabauer, der Turkmene oder Kuban- und Donkosake über die Aussicht, daß künftig Dürrezeiten durch Vorbeugungsmaßnahmen (Melioration, Bewässerung, frühere Aussaat und Ernte ufto.) schon bei ihrem Heran- nahen bekämpft werden können, so ahnt seinerseits auch ber Bürger in Nordruhland einen warmen Ofen im Winter voraus, denn auf Spitzbergen hat Rußland unlängst Kohlenlager gepachtet, um seinen Norden mit Kohlen zu versorgen, weil der Transport feiner eigenen Kohle aus dem Don-Decken oder aus Sibirien etwa nach ßeningrab ober Archangelsk viel zu teuer ist.
Es sind in Ostsibirien auch neue Gold-, Kohlen - und Erböllagcr entbeckt worben von Ausmaßen, bie jedes für sich allein eine Bereicherung ber Weltwirtschaftspolitik bebeu- ten. Kein Wunber, bah darum gegenwärtig sowohl Franzosen als auch Japaner Rußland mit dem einzigen Zweck kreuz unb quer bereisen, sich von ber finanziellen unb politischen Verwertbarkeit bieser neuen Erbschätze persönlich zu überzeugen. Unb beben ft man, bah Ruhlanb bie Erdöllager bei Baku künftig ausschliehlich dem Export nach Europa unb nach dem Orient wirb freistellen können, weil es am Ural soviel Erb- öllager entbeckt hat, bah es mit beren Ausbeute seinen ganzen Binnenmarkt versorgen kann, be- benft man ferner, bah ihm feine Kohlen- und Erzlager in Westsibirien genügen, um’ die in Ostsibirien etwa an Japan verpachten zu können, bah auch sein Erböl auf Nord-Sachalin ausreicht, um seinen Femen Osten zu versorgen und den
Japanern sogar noch bie neuentdeckten Erdöllager an ber Angara in Jakutien zu verpachten, so ist das mit einem Schlage spürbarer neuer Auftakt. Und zwar ein Auftakt in arktischer Perspektive!
Denn dieser Reichtum im Innern und an den Grenzen des Landes reizt die Nachbarn zur diplomatischen ober — wenn es nicht anbers geht — auch gewalttätigen Beteiligung baran. S o ist es zu verstehen, wenn wir fagten, bah der Körper des Ruhländers sich überall an ber Weltpolitik stöbt. Und gerade darum betreibt bie Kremlpolitik den Aus bau bes Herzstückes von Rußland, des Gebietes zwischen Ural, Wolga unb Baikal und Turkmenien, z u einer Festung. Die Grenzen Ruhlanbs sind soweit ausgedehnt, dah nur noch ein gigantischer Pulverkeller im Herzen des Reiches notfalls Angriffe auf die Grenzen in Europa unb Asien abwehren kann. Unb im Aeuhersten Norben muh bieses Herzstück ber Verteidigung und Ernährung, ber Arbeit unb Kultur, bie ja im wahrsten Sinne bes Wortes eine eurasische, nicht etwa nur eine internationalistische werden soll, im Aeuhersten Norden muh dieser Pulverkeller einen lebendigen Rückhalt haben! Es ist darum das Arktisjahr für ben Sowjetstaat nicht nur ein wissenschaftliches, besten Theorien unb Forschung allein bie so zu Unrecht belächelten Wetterpropheten angehen, sondern das Arktisjahr ist für Ruhland auch ein Jahr neuer Ernährungsgrundlagen unb ein Jahr ber großen Staats- polit i k. Man braucht sich zum Derstänbnis beffen nur einmal bie Ueberlegungen bes Kreml gerade jetzt in Verbindung mit der mandschurischen Frage zu vergegenwärtigen: Früher ober später wirb Japan Ruhlands materiellen Anteil an ber Manbschurei, bie Ostchinabahn, mit List ober Gewalt sich selbst aneignen unb barüber hinaus auch von ber norbchinesifch-mongolischen Seite her auf bie Sowjetmongolei bis zum Baikal Vorbringen. Unb bas bebrütet für ben Sowjetstaat, ber ja seine ganze Kraft in bie In - buftrialifierung steckt unb babei ben volkspolitischen unb -kulturellen, ja, selbst ben bloßen volksbiologischen Wiberstanb im proletarischen Ueberibealismus verfeuert, ber also mehr mit feiner Schwäche, als mit seiner Stärke rechnen muß — jene japanische Gefahr bebcutet für Rußland: Abschnürung vorn Stillen Ozean von Sibirien her, wenn auch nur auf ben mongolisch-mandschurischen Wegen. Was ist da natürlicher, als die kluge Nutzung der wissenschaftlichen und rein romantischen Begeisterung ber Bevölkerung für die Eroberung des Aeuhersten Nordens zugunsten auch der Staatswirstchaft und Staatspoutik? Neue Verkehrswege!
Die Gebiete des Aeuhersten Nordens sollen deshalb mit aller wissenschaftlichen und politischen Gründlichkeit erschlossen werden. Im zweiten Fünfjahresplan wird ihnen viel Raum Vorbehalten fein. Schon jetzt erhalten. Arbeiter und Ingenieure, Gelehrte unb Beamte, Lehrer und Agronomen, Jäger unb Meteorologen die denkbar gröhten Vergünstigungen, wenn sie sich in ben Dienst eines ber vielen neuen unb geplanten nörblichsten Sowjetunternehmen stellen. Freie Fahrten hin unb zurück sinb babei selbst für olohe Crkunbigungen banach gestattet, ob es biefem ober jenem dort auch zusagt. Sobann boppeltek Lohn, Versorgung mit Nahrungsmitteln, Kleidung und Medikamenten, unb schließlich Unfall», Lebens- unb Krankheitsversicherung nach ben Vorrechten der tüchtigsten Fabrikarbeiter, ferner die Gewährung längerer Urlaubszeiten, die Sicherung von Wohnungen dort lunb zu Hause, — alles bas orbnete erst kürzlich in großzügiger Weise ein befonberer Kreml-Erlaß. Buchstäblich ungezählt sind die Expeditionen aller Art, die schon unterwegs sind oder noch ausgerüstet werden, Expeditionen durch die Taiga, durch die Tundra, durch die Cismassen der Arktis, Expeditionen zu schon bekannten und noch unbekannten Inseln, denn immer Neues wird entdeckt. Es ist ein fast heldischer Zug in dieser Romantik der Arktis-Forschung am Werk. Weit über 20 me» teorologiichc Stationen sollen am Ende des Arktis-Jahres allein „russisches Nordpolwetter" beobachten und melden. Diele sind schon in Tätigkeit.
Unb damit auch Hie nicht zu kurz kommen, die nicht nach dem Aeuhersten Norden ziehen, plant der wissenschaftliche Genius dieses Russenwerkes am Nordpol, Pros. Samoilowitsch, die Errichtung eines Arktis-Parkes in Moskau ober Leningrad. Auch das gibt es noch nirgends in bet Welt. In biefem Park soll die arktische ßanb- schaft naturgetreu aufgebaut werden. Hier sollen Fauna unb Flora ber Arktis einschliehlich der dort vertretenen Samojeden unb sonstigen Völker gruppen gezeigt werben. Hier will man den Besucher auch mit ben (unvermeidlichen!) arktischen Industrieplänen bekannt machen an Hand von Modellen, Zeichnungen unb Pflanzungen. Das Wichtigste aber ist ber Fracht- unb Reiseverkehr zwischen Archangelsk und Wladiwostok über das Nördliche Eismeer. Fast wichtiger ist diese Sehnsucht als die Hoffnung auf die genaue Erforschung der atmosphärischen Anomalien in der Arktis, bie Ruh land bie Dürre unb Hungersnot bringen. Wenn heute ber Russe an jenen Reiseverkehr über bas Nvrb- eismeer benft, kann er gar leicht toteber einmal vor Freube zur Schnapsflasche greifen, nicht mir vor Kummer wie ansonsten. Unb bies eben ist benn auch ein wichtiger politischer Zweck des Kreml im Arktisjahr. Nicht der Wodkakonsum, nein! Sondern die Ablenkung des Bürgers von seinem Bangen um das nächste Mittagessen und um feine Freiheit. Arktische I Pläne, arktische Romantik, das greift noch heilsam ans tounbe Herz.., Neuer Glaube ist vonnöten ..,


