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13.7.1932 Frühausgabe
 
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von Gießen, die selbst schon in gereiftem Mannes- alter stehen, entsinnen sich gerne in Ehrerbietung ihres pflichttreuen Lehrers. Weit über die Schul- bub« hinaus ging aber das Interesse Klings für feine ehemaligen Schüler, denen er auch nach der Schulzeit noch ein hilfsbereiter Berater und För­derer war und ist.

Der Kreis -der Kulturaufgaben des verdienstvol­len Iugendbildners ging bei dem geistig und kör­perlich stets frischen Manne weit über di« eigent­liche Unterrichtstätigkeit hinaus. Die Bekleidung zahlreicher Ehrenämter sind das Ergebnis seines lauteren, biederen, zuverlässigen und allzeit ver­träglichen Charakters.

Die Deutsche Turnerschaft im allgemeinen ehrt in Gg. Kling einen warmen Förderer ihrer vater­ländischen Aufgabe und der Gießener Männcrturn- verein seinen langjährigen verdienstvollen 1. Spre­cher, unter dessen Borsitz im Sommer 1925 das große Kreisturnfest in Gießen stattfand: die DT. würdigte seine hohen Verdienste um die Turnsache in diesen Tagen durch die Verleihung der höchsten turnerischen Auszeichnung, des Ehrenbriefes der DT. Dem GesangvereinLiederkranz" steht er seit vielen Jahren als Vorsitzender vor. Die Alters- Vereinigung des Jahrgangs 1873, die kürzlich ihr 60. Jubiläum feierte, besitzt in ihm einen wertvollen Leiter. Schon vor seiner Ernennung zum Rektor gehörte Gg. Kling dem hiesigen Schulvorstande an. Don 1919 bis 1925 begleitete er das Amt eines Stadtverordneten und hat hier in sozialer Hinsicht viel Gutes gewirkt. In der Gesamtkirchengemeinde- Vertretung ist er ein rühriges Mitglied. Seit einer Reihe von Jahren ist er im Aufsichtsrat der Bezirks- fparkasse Gießen. Als Parteivorsitzender der DNVP. war er bei aller betonten Offenheit seines Stand­punktes gegen Andersgesinnte niemals persönlich unduldsam.

Möge dem wackeren deutschen Manne noch lange die Gesundheit erhalten bleiben zum Wohle seiner Familie, zum Segen der Jugend, Bürger und Vereine unserer Stadt.

GchwerS Gewitter über dem Lahntal.

-Nach der tagelangen glühenden Hitze, die mitunter nahezu tropischen Charakter annahm, trat gestern nachmittag ein Wetterumschlag ein. Bereits kurz nach Mittag bedeckte sich der Himmel immer mehr, und gegen 17 Ähr zogen schwere Wetterwolken herauf, die sich zunächst um Gießen herum bewegten, schließlich aber gegen 18 Ähr ein heftiges Gewitter brachten. Starken elektrischen Entladungen mit kräftigen Donnerschlägen folgten ausgiebige Niederschläge, die für Feld und Garten willkommen waren. Im Verlaufe des Gewitters schlug der Blitz in Großen-Buseck in eine Scheune ein, die trotz der Anstrengungen der Ortsfeuer- wehr niederbrannte. Die vorsichtshalber zur Hilfeleistung aus Gießen herbeigerufene Kreis- niotorspritze brauchte nicht in Tätigkeit zu treten, da an dem brennenden Gebäude selbst nichts mehr zu retten war, weitere Gefahr aber nicht bestand, lieber weiteren Schaden durch Blitz­schläge, deren mehrere zu verzeichnen waren, liegen uns bis jetzt keine Meldungen vor. Die Temperatur hat sich bis heute früh in ange­nehmer Weise abgekühlt.

Heber das Gewitter in der Mar­burger Gegend wird uns von unserem Mar­burger Berichterstatter folgendes mitgeteilt: Heute zwischen 16 und 18 Uhr entlud sich über Dem Lahntal ein schweres Gewitter, das von wolkenbruchartigem (Kegen begleitet war. Zahl­reiche Bäume innerhalb der Stadt, sowie in den umliegenden Wäldern wurden von Blitzschlägen getroffen. In besonders schwierige Lage geriet die Bolksschule-Süd, welche auf der Höhe des Spiegelslustberges gerade ihr diesjähriges Sommerfest abhielt. Ungefähr 500 Schulkinder mit Eltern und jüngeren Geschwistern, zusammen etwa 1500 Personen, befanden sich auf der Bergeshöhe. als das Unwetter hereinbrach. Die dortigen Wirtschaftsgebäude konnten bei weitem nicht diesen Massen Unterschlupf gewähren. Als das Gewitter eine Störung der Lichtleitung des Gebäudes verursachte und verschiedene Bäume des Dergwaldes vom Blitz getroffen wurden, entstand ein wirres Durcheinander. Man alar­mierte d ie Marburger Motorspritze (da ein Brand vermutet tour&e), sowie sämtliche Liefer- und Personenkraftwagen Marburgs, mit denen ein großer Teil der völlig durchnäßten Fest­teilnehmer in die Stadt zurückbefördert wurden. Biele Frauen ließen ihre Kinderwagen im Walde 8urüd unö flüchteten mit den Kindern im strömen­den Regen zur Stadt. Mehrere Kinder und Er­wachsene wurden durch Stürze leicht verletzt oder erkrankten infolge der ausgestandenen Schrecken.

Freiwilliger Arbeitsdienst für Mädchen.

3m Fort Gonsenheim, Mainz, ist wie man uns jtjrcibt für die katholische männliche Jugend ein s-eiwilliger Arbeitsdienst in vorbildlicher Wei e ein» errichtet.

Damit auch für die arbeitslosen Mädchen gesorgt Dirb, wird der Caritasverband der Diö- )ese Mainz im Caritasheim St. Lud­wig, Braunshardt bei Weiterstadt für katholische Mädchen der Diözese Mainz den sreiwilli- 8m Arbeitsdienst einrichten. Die Leitung und Aus­bildung der Mädchen übernehmen Schwestern des Instituts St. Mariae der Englischen Fräulein in Mainz. 85 Mädchen werden aufgenommen. Die An­

Aus der provinzialhauptflavt.

G i e ß e n, den 13.3uli 1932.

.Rektor Georg Kling 60Jahre alt.

Wenn es auch kein Verdienst bedeutet, sondern eine Gnade ist, seinen 60. Geburtstag in unerschut- tertem Gesundheitszustand zu feiern, so ist doch der Mann, dem diese Zeilen gewidmet sind, so mit den Geschicken unserer Stadt verknüpft, daß die Er­wähnung seiner volkstümlichen Persönlichkeit aus diesem Anlaß gerechtfertigt erscheint.

Georg Kling wurde am 13. Juli 1872 _ zu Pfungstadt geboren. Nach Ablegung des Maturitäts­examens am Gymnasium zu Darmstadt widmete er sich dem Dolksschuldienst. Er war zuerst an der Höheren Bürgerschule zu Reichelsheim i. d. Wet­terau und an der Volksschule zu Rieder-Weisel tätig. Seit über drei Jahrzehnten wirkt er an der Staotknabenschule (Pestalozzischule) zu Gießen. Als Kriegsfreiwilliger und Frontkämpfer machte er den ganzen Weltkrieg mit. Im September 1929 er­folgte seine Ernennung zum Rektor an der Pesta­lozzischule zu Gießen.

Als Schulmann mit pädagogischem Geschick und vorzüglichen organisatorischen' Fähigkeiten ausge­stattet, als ein liebevoller Jugenderzieher von festem, edlen Charakter, hat er der Jugend unserer Stadt seine besten Kräfte gewidmet. Viele Bürger

Meldungen werden durch das zuständige Pfarramt an den Caritasverband weitergeleitet.

Im freiwilligen Arbeitsdienst für Mädchen im Schloß Braunshardt sollen katholische Mädchen der Diözese Mainz unter Anleitung von ehrwürdigen Schwestern beschäftigt und ausgebildet werden. Die Mädchen werden beschäftigt im Garten, in der Näh­stube, Handarbeiten, in Küche und Haus. Die Mäd­chen reinigen selbst in der Wäscherei ihre Wäsche und werden im Bügelzimmer beschäftigt. Die Mädchen werden von den ehrwürdigen Schwestern in allen Hausarbeiten aufs gründlichste ausgebildet, haben täglich hl. Messe und eine bestimmte Hausordnung einzuhalten.

Die Förderung durch die Behörden besteht in fol- gendem: a) Das Arbeitsamt zahlt die Unterstützung pauschal an den Träger des freiwilligen Arbeits­dienstes. Davon erhält der Arbeitsdienstwillige Un­terkunft, Verpflegung, leihweise einfache Arbeits­kleidung und 1,50 Mark Taschengeld pro Woche, b) Für die Reise zum Arbeitsort gewährt die Reichs- bahn halbe Fahrpreisermäßigung. Die Reise wird dem Arbeitsdienstwilligen in bar nachträglich ersetzt. Die Anträge auf Fahrpreisermäßigung stempelt das Arbeitsamt der Heimat.

Förderungsberechtigt sind: a) Bezieher von Ar- beitslosenunterstützung: b) Jugendliche unter 21 Iah- ren, die keine Arbeitslosenunterstützung erhalten: c) Bezieher von Wohlfahrtsunterstützung, wenn das Wohlfahrtsamt oder die Gemeinde die Förderung übernimmt. Die Höchstdauer der Beschäftigung im freiwilligen Arbeitsdienst beträgt 20 Wochen.

Als Teilnehmer am freiwilligen Arbeitsdienst sind geeignet nur arbeitsame, arbeitswillige und gesunde Mädchen, die ein Gemeinschaftsleben führen können, verträglich sind, sich ein- und unterordnen, Mädchen mit reinen Sitten und religiösem Geiste. Ungeeignete Mädchen werden aus dem freiwilligen Arbeitsdienst entfernt. Selbstverständlich müssen die Arbeitsdienst- willigen auch mit einer einfachen Unterkunft und einer einfachen, aber kräftigen Verpflegung zufrieden sein. Mit der Anmeldung ist eine pfarramtliche Emp­fehlung einzureichen.

Oeuisch-belgisches Abkommen über den Reiseverkehr.

Zwischen der deutschen und der belgischen Re­gierung wurde gestern in Berlin eine Vereinba­rung über den deutschen Sommerreiseverkehr wäh­rend der Monate Iuli, August und September nach Belgien geschlossen. Danach werden deutsche Erholungsreisende, ähnlich wie dies unlängst mit der Schweiz und der Tschechoslowakei geregelt wor­den ist, auch für Reisen nach belgischen Seebädern und Kurorten auf Antrag die Genehmigung er­halten über die Freigrenze hinaus bis zu 500 Mk. oder Devisen im Laufe eines Kalendermonates mitzunehmen. Anträge sind an die zuständige De­visenbeschaffungsstelle zu richten. Das sonst für solche Reisen vorgefchriebene amtsärztliche Zeug­nis ist nicht erforderlich. Die belgische Regierung hat entsprechende Gegenleistungen im Warenver­kehr zugesichert. Die Vereinbarung tritt am 14. Iuli in Kraft.

Daten für Mittwoch, 13. Juli.

1816: der Dichter Gustav Frehtag zu Kreuzburg in Schlesien geboren. 1874: Attentat Kull- manns auf Bismarck in Kissingen.

** Kein Branntwein-Ausschank bei der Reichstagswahl. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, ist in Nr. 37 der Preußischen Gesetzsammlung eine Verordnung des preußischen Innenministers veröffentlicht war- den, durch die anläßlich der Reichstagswahl der Ausschank von Branntwein und der Kleinhandel mit Trinkbranntwein am Samstag, 30., unb Sonn­tag, 31. Juli, bis zur Polizeistunde verboten wird. Zuwiderhandlungen werden mit Haft und mit Geldstrafe bis zu 150 Mark oder mit einer dieser Strafen bestraft. Die Polizeibehörden sind ange­wiesen, die Durchführung dieser Verordnung genau zu überwachen. Es ist sicher anzunehmen, daß diese für Preußen erlassenen Vorschriften auch für die übrigen Länder, also auch für Hessen, Geltung er­langen werden.

** AkademischeEhrung. Don der Presse­stelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt: Der ordentliche Professor an unserer Äniversität, Dr. WaltherBothe wurde zum korrespondie­renden Mitglied der mathematisch-physikalischen Klasse der Sächs. Akademie der Wissenschaften er­nannt.

** Llniversitäts-Gottesdienst. Am Sonntag, 17. Iuli, 11 Uhr pünktlich, findet in der Reuen Aula ein Univerfitäts-Gvttesdienst statt. Die Predigt hält Professor D. Schu­mann.

Guter Verlauf der Aachi-probeflüge Frankfurt - Köln.

WSR. F r a n k f u r t a. M., 12. Iuli. In der Rächt zum Dienstag ist die Strecke Frank­furt Köln und zurück zum ersten Male während der Rächt beflogen worden. Diesem Anlaß kam deshalb besondere Dedeutung zu, weil die Linie FrankfurtKöln die erste G e b i r g s n a ch t f l u g st r e ck e ist, die in ganz Mitteleuropa beflogen wird. Die Flüge verliefen vollkommen programmäßig. Flugkapitän Drech­sel, der die Maschine steuerte, verlieh um 0.15 Uhr' Frankfurt und traf um 1.10 Uhr in Köln ein. Er berichtetete, daß er bei dem Flug keinerlei Schwierigkeiten hinsichtlich der Orientierung ge­habt habe. Die Befeuerung habe ausgezeichnet funktioniert und die Leuchtfeuer seien auf sehr große Entfernungen gut zu sehen. Um 3.10 Uhr trat Drechsel den Rückflug an und landete um 4.10 Uhr glatt in Frankfurt. Rach diesen einwandfrei verlaufenen Probeflügen wird die Rach tf lug strecke offiziell in der Rächt zum Freitag eröffnet

Ein Todesopfer- der Zusammenstöße in Naunheim.

WSN. Marburg, 12. Juli. Ein am Donners­tag bei den politischen Zusammenstößen in Nau n- heim (Kreis Biedenkopf) durch einen Schuß schwer verletzter junger Mann ist jetzt in bar hiesigen Klinik seinen Verletzungen er- legen.

WamungvorememKauiionSschwmdler

WSN. gran tfurt a-Tl, 12. Juli. Ein gewisser Erich Rübe mann, ber sich auch Vollmer, Wessel ober L e j e u ne nennt, ist verschiebentlich in Frankfurt unb Umgegend als Äautions- schwinbler aufgetreten, inbem er vorgab, für eine Textilwarenfirma in ber Oberpfalz Warenkom- missionsläger einzurichten. Dor dem Gauner wirb ge­warnt.

Das XI. Deutsche Sa'ngerbuudessest.

Oie letzten Vorbereitungen. Man erwartet 90-400000 Fremde.

Frankfurt a. TI., 12. Juli Nachdem schon seit Wochen die Vorbereitungen für das XL Deutsche Sängerbundesfest im Gange sind, wird jetzt kund, daß Frankfurt sich auf «in großes festliches Ereignis vorbereitet. In allen Straßen, durch die am Sonntag, 24. Juli, der große Festzug seinen Weg nimmt, sind fleißige Hände dabei, Fahnen- maste und mit Tanncngrün geschmückte Säulen auf- zuftellen. An dem Festzuge, der um 14 Uhr in Be­wegung gesetzt wird unb besten Vorbeimarsch zirka 4 Stunden in Anspruch nehmen bürste, werben zirka 50 000 Menschen teilnehmen.

Die Zahl der gemelbeten Sänger ist inzwischen auf fast 34 000 Mann gestiegen, so baß alle Voraussetzungen für einen glanzvollen verlauf bes Festes gegeben sind.

Gerabe in ben letzten Tagen finb noch verschiebent­lich Neuanmeldungen sestzustellen gewesen, woraus geschlossen werben darf, baß allenthalben der Wille besteht, trotz der wirtschaftlich schlechten Verhältnisse oder gerade deswegen ein imposantes Fest zu ver­anstalten, um damit zu dokumentieren, daß die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ganz besonders auch di« deutsche Sängerschaft beseelt.

Die Zahl der Konzerte ist außerordentlich groß. Am Freitag, 22. Iuli, finden 9 große, und am Samstag, 23. Iuli, 17 große konzeriliche Ver­anstaltungen statt, wobei namentlich auch die von Ausländsdeutschen veranstalteten Kon­zerte besonderes Interesse in Anspruch nehmen Dürften. So veranstaltet der Deutsche Männer­

gesangverein in Zürich am Freitag, 22. Iuli, im Schubertsaal ein Konzert, an dem auch der Män­nerchor San Francisco beteiligt ist. Am gleichen Tage singt die Vereinigung deutschsingender Ge­sangvereine in Polen zusammen mit der Sänger­vereinigung Chicago im Palmengarten. Von be­sonderem Interesse dursten auch die gesanglichen Veranstaltungen auf freien Plätzen sein. Don die­sen Darbietungen sind besonders zu erwähnen

die Kundgebung des hessischen Sängerbundes auf dem Börsenplatz am Samstag, 22 Ahr, und um 12 ilfcr die Kundgebung am Bismarck- benfmal, dargebracht vom Obererzgebirpischen Sän­gerbund. Aus dem Römerberg veranstaltet am Frei­tag, 16 älhr, der Elb-Havel-Sängerbund in Ge­meinschaft mit dem Sängerbund an der Saale, dem Anhaitischen Sängerbund und der Pro- Vinzial-Liedertafel ein großes Konzert, dem um 17 iltjr auf dem Opernplah sich eine Kundgebung des Poimncrschen Sängerbundes anschließt. Fer­ner ist eine ganze Reihe von Volksdeutschen Kundgebungen vorgesehen, aus der beson­ders die Große Kundgebung im Palmengarten am Sonntag, 24. Iuli, 20 älhr, zu erwähnen ist.

Den Besuchern des Festes ist also eine über­reiche Fülle von konzertlicken und gesanglichen Genüssen in Aussicht gestellt, bei der jeder Ge­schmack und jede Passion auf seine Rechnung kommen wird. In maßgebenden Kreisen rechnet man mit einem Fremdenzustrom von 90- bis 100 000 Personen während des Festes.

Singende pflanzen.

Ein neuer Weg zur Hebung des Ernteertrages.

Von Walter Finkler.

Singende Pflanzen! Die Entdeckungen der Lebens­forscher haben uns zwar mit ber Zeit das Staunen abgewühnt unb uns mit bem WortUnmöglich" sparsam umgehen gelehrt: singenbe Pflanzen aber bas scheint vorerst benn boch ein Humbug zu sein. Es ist kein Humbug. Freilich bars man sich nicht etwa vorstellen, baß eine leuchtenbe Nelke auf bem Blumentisch mit einemmal eine Arie zum besten gibt, ober baß eine Trauerweide am Bach eine weh­mütige Weise anstimmt. Um die Pflanzen zum Gin­gen zu bringen, bedarf es vielmehr einer kompli­zierten Apparatur im Laboratorium. Elektronen- röhren, genau aufeinander abgeftimmte Schwin­gungskreise, Kapazitätenoeränderungen, Kondensa- torplatten und Schwebungstöne wirken da mit, auf daß die Pflanze singt. Die Pflanze selbst braucht dazu weiter nichts zu tun als zu wachsen. Alles andere besorgt die Apparatur. Sie nimmt bas feine Aufwärtsrücken einer Grashalmspitze etwa auf unb oerwanbelt beren Wachtumsbewegung in Töne. Auf biefe Weise gelingt es, buchstäblich,

bas Gras wachsen zu hören.

Als biefe Experimente kürzlich einmal im Rund- funk oorgeführt würben unb man bas Wachsen eines Grashalms als Helles Klingen hörte, ba fragten bie vielen, die alles nur nach dem unmittelbaren Nutzen bewerten, wozu denn solche müßige Spielerei er­wachsener Menschen diene, ob es denn in unserer Zeit der Not nichts Klügeres zu tun gäbe, als mit mühselig gebauten Apparaturen unb mit großem Auswanb an Gebulb unb Zeit bas Wachsen eines Grashalms hörbar zu machen. Nun, biefe Nützlich­keitsfanatiker werben erstaunt unb beschämt sein, wenn sie jetzt zu hören bekommen, baß

bas Singen ber Pflanzen neuestens einem wirklich höchst praktischen Zweck nutzbar ge­macht würbe: ber Hebung bes Ernteertrags, letzten Endes also berEßbarkeit".

Wieso? Es mutet fonberbar genug an. Laßt Blumen sprechen! Man läßt bie Pflanzen mit ihrem Gesang mitteilen, was ihnen gut tut unb was nicht, was ihr Wachstum unb ihr Gebeihen förbert! Es finb überaus wichtige Forschungen, bie jünast am Göttinger P f l a n z e n p h y f i o l o g i s ch e n Institut von M. Reich unb F. F ö r st e r aus- geführt würben. Wenn man früher einmal irgenbein Mittel, bas ben Ernteertrag heben sollte, auspro­bierte, so mußte man jahrelange Versuche anstellen, immer zur Kontrolle unbeeinflußte Kulturen mit auf- ziehen, unb auch bann war bas Ergebnis immer noch unsicher, bu währenb ber langen Dauer ber Prüfung zu viele ftörenbe Kräfte bas Ergebnis ver­wirrten. Jetzt ist es anbers. Unb bies eben bank ber fingenben Pflanzen.

Man erinnert sich vielleicht noch ber auftehen- erregenben Melbung, ber zufolge die Einwirkung eines elektrischen Feldes auf (Betreibe bas Wachstum und ben Ertrag um ein Vielfaches steigern sollte. Nachprüfungen setzten ein: bie einen sagten Ja, bie anberen Pein, unb wegen bes äußerst schwierigen

Verfahrens ber Ueberprüfung, der Unmöglichkeit, bie Wachstumsforberung mit ber wünschenswerten Ge­nauigkeit festzustellen, blieb bie wichtige Frage um- stritten. Jetzt aber kann man bas Gras nicht nur wachsen hären, fonbern aus der Tonhöhe seines Ge­sanges auch feststellen, ob cs schneller ober langsamer wächst. Unb zwar in wenigen Sekunben, unmittelbar nach ber Einwirkung bes Reizes.

Ein Getreibesprößling ist in bie Appara­tur eingeschaltet. Ein hoher Ton erklingt, bleibt in berfelben Höhe unb Stärke. Der Halm wächst also gleichmäßig, jn jeher Sekunbe schiebt sich feine Spitze um e i u Zehntausend st el Millimeter empor. Da flammt eine Quarzlampe auf. Ein Kapitel Pflanzenseele: der Getreidehalm erstarrt vor Schreck, bas Wachstum hat plötzlich ausgesetzt. Sein Singen ist verstummt. Es währt zehn Sekunden, bis er feine Fassung wieder gewannen hat, unb nun wächst er weiter, aus bem Lautsprecher tönt roieber ber Sang ber emporrücfenben Halmspitze. Dach ber Gesang klingt anders als eben vorher, die Tonhöhe hat sich verändert. Das ist die Blumensprache, in der mitge­teilt wird, daß die Wachstumsgeschwindigkeit sich er­höht hat. Sie ist dreimal so groß geworden. Unter dem Einfluß des Quarzlichtes jagt die Pflanzenspitze in dem für sie wenigstens rasenden Rekord­tempo von drei Zehntausendstel Millimeter in der Sekunde.

Ohne langwierige Kulturversuche, ohne Kontroll­experimente und unoerläßliche Vergleiche, ohne ben früher notroenbigen Auswanb von Hunberten unb Tausenben Versuchspflanzen, vielmehr ganz einfach, in wenigen Sekunben unb Minuten, an einer ein­zigen Pflanze läßt sich nunmehr feststellen,

welche Umffänbe bas Wachstum förbern.

Darüber hinaus lassen sich bie einzelnen Mittel In kürzester Zeit gegeneinander abwägen unb bie vor­teilhafte Anwendungsart leicht herausbekommen. Und bas alles, inbem man einfach bie Pflanzen fingen läßt, sie selbst zum Sprechen bringt.

Die Göttinger Forscher haben auch das aktuelle Problem von ber Einwirkung bes elektrischen Felbes auf bas (Betreibe mit biefer Methobe experimentell bearbeitet. Was sonst jahrelange Arbeit auf unüber­sehbar weiten Versuchsfelbern erforbert hätte, haben nun kurze Untersuchungen im Laboratorium ge­leistet. Sie haben bie Frage beantwortet,

welche Spannung, welche Stromstärke, welche Anorbnung bie kräftigste Dachstumsförderung an ben Getreidearten bewirkt.

Die Versuchspflanzen gaben jeweils ben tönen- ben Befcheib, sie fangen bie Antwort. In um so höheren Tonlagen, je rascher sie wuchsen, je besser ihnen also bas elektrische Felb anschlug.Ein Lieb, bas reichlich lohnet": in Gestalt ber vollen (Betreibe- speicher. Zugleich ein Lieb, bas wie ein Spott auf bie Spötter klingt, bie barnals, als sie bas Gras wachsen hörten, ben nutzlosen Zeitvertreib aus­gerüstet Köpfe verlachten ...

Dunieö

Geistesgegenwart.

Wenn man einmal Preise für bie Fähigkeit aus­teilen sollte, sich durch wenige Wort« aus einer peinlichen und verfahrenen Situation herauszuwin- den, so habe ich bereits meinen Kandidaten im Hintergrund. Obwohl er sich einmal benommen hat wie ein Held, sieht er durchaus nicht aus wie Sieg­fried ber Drachentöter. Er ist vielmehr ein kleines schäbiges Männchen, von bem man nicht mehr behaupten kann, daß er sich in ben besten Jahren befindet. Sein Witz jedoch ist jung unb elastisch ge­blieben benn er hat es verstanden, sich aus einer Lage zu befreien, bie man keineswegs als sehr beneibensroert ansprechen kann ...

Da fuhr ich neulich abenbs in meiner überfüllten Straßenbahn nach Hause. Dicht gebrängt standen die Menschen, Leib an Leib. Mit einemmal wie wirb mir? fühle ich etwas sanft unb friedlich in meiner Tasche herumkrabbeln. Es bewegt sich vor­sichtig, tastet, hält einen Augenblick still, um gleich roieber von vorne zu beginnen. Mit einem schnellen Grift fasse ich an ben Ausgang meiner Tasche. Was halte ich fest? Eine menschliche Hanb.

Großes Gebränge also wem von all ben vielen Menschen, bie um mich herumstehen, mag biese Hanb wohl gehören? Langsam verfolge ich mit ben Augen alles, was von biesem Handgelenk aufwärts zu einem Körper meiner Mitmenschen führt. Unb siehe ba es ist jener alte Mann. Halb hält er

Allerlei.

seinen Kops von mir abgeroanbt. Angestrengt blickt er aus bem Fenster. Er muß wohl jetzt schon ge­merkt haben, daß ich ihn fixiere. Ich warte einen Augenblick ... Was er nun wohl unternehmen wird? Was ich nun wohl unternehmen werbe?

Plötzlich hält biefer schäbige kleine Mann eine Zigarette in ber Hand. Woher ist diese Zigarette so schnell gekommen? Ich weiß es nicht. Diese Zi­garette brennt nicht. Und ganz gemächlich, mit der selbstverständlichsten Höflichkeit der Welt, wendet er sich mir zu. Er lüftet seinen Hut. Er sagt:

Entschuldigen Sie ... dürfte ich Sie um Feuer bitten?" Und nach einer kleinen Pause fügt er hinzu: Fast hätte ich mich schon selbst bedient. Aber in diesem Gedränge, verstehen Sie ... Da weih man schon bald nicht mehr, was eigentlich zu einem gehört."

Still hält er mir seine Zigarette hin. Still, völlig gehorsam, gebe ich ihm Feuer. Ich frage Sie: ist bas nun Geistesgegenwart ober nicht?

Oer falsche Professor.

Falsche Aerzte, die Operationen vornahmen, ohne befugt zu sein, falsche Architekten, bie ohne Examen zu Amt unb Würbe gekommen finb, falsche Rechts- anroälte, alles ist schon dagewesen. Neu ist ber Professor, ber ein Vierteljahrhundert lang an einem Budapester Gymnasium als Lehrer fungierte, nach- dem er auf Grund gefälschter Zeugnisse eine An- stellung erhalten hatte. Der Herr Professor hatte es