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13.7.1932 Erstes Blatt
 
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Nr. 162 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Mittwoch, 13. Juli 1952

Jugend und Hochschule.

Künstlerische Werkstudenten.

Von Or. E. H. Lehmann.

Zum bevorstehenden Gastspiel derVier N a ch r i ch t e r" aus München am Gießener Stadttheater.

Immer größer wird die Notlage der Studenten. Die Zeiten der alten Burschenherrlichkeit sind längst Darüber, und ein großer Teil unserer Studenten muß versuchen, sich eine Nebeneinnahme zu ver- schassen. Sa wird jede Gelegenheit, sich etwas zu verdienen, vom Werkstudenten gern ergriffen; in den Angeboten, die heute auch von den Unioersitäts- behorden rveitergeleitet werden, heißt es immer wie­der:... sucht Arbeit, gleich, welcher Art". Die Tragik dieses Studententums liegt darin, daß ein junger Mensch oft längere Zeit in einem Berufe arbeiten muß, der ihm völlig fernliegt. Glücklich da­gegen der Student, der schon in seinem künftigen Arbeitsgebiete tätig sein kann!

Wer das Gastspiel der Nachrichter aus München miterlebt, wird van der Frische und Begeisterunas- sähigkeit dieser Werkstudenten beglückt fein. Wie erklärt sich der beispiellose Erfolg der jungen Menschen?

An einigen großen Universitäten Deutschlands be­stehen theaterwissenschaftliche Institute, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, alle Fragen des Thea­ters zu erforschen. Die Liebe zum Theater bringen die meisten Mitglieder dieser Seminare mit, und so ist es rerständlich, daß man sich auch gelegentlich praktisch betätigt. In Köln, Berlin und München haben sich Gruppen künstlerisch begabter Studenten zusammengefunden, die in gewissen Abständen Thea­terabende veranstalten. Studentische Feste werden oft von den Darbietungen der Theaterwissenschaftler umrahmt.

Der Leiter des Münchener Theaterinstitutes, Pro­fessor Arthur Kutscher, dessen 25jähriges Do- zentenjubiläum in diesen Tagen gefeiert wird, hat eit vielen Jahren einen Kreis junger Menschen um ich geschart. Viele unserer führenden Theaterleute ind durch seine Schule gegangen, und seinem (Ein- lusse ist es vor allem zu danken, wenn diese Mün- chener Studenten nicht nur schauspielerisch, sondern auch dichterisch tätig sind.

Das erfolgreiche StückHier irrt Goethe" war ursprünglich nur eine der Aufführungen, die die Münchener Theaterwissenschaftler wie all- jährlich ihrem verehrten Lehrer zum Faschings- feste darbrachten. Daß man alles selbst dichtete, kom­ponierte und in Szene setzte, war seit langer Zeit Ehrensache. Hatte man damals die amerikanische Oberammergaubegeisterung parodiert, so mußte in diesem Jahre unbedingt der .Litsch um Goethe" durch Songs und Pantomime veranschaulicht wer­den. Und als die Kritik voll des Lobes war als dann einem (Engagement an die Münchener Kam­merspiele der Ruf an das Berliner Renaissance- theater folgte, legten diese Münchener Studenten mit Freuden ihre Kolleghefte beiseite, um vorläufig nur zu spielen und was nicht zu vergessen war, Geld zu verdienen für das weitere Studium. Die Aus­einandersetzung mit dem Herrn Papa war ja teil­weise recht unangenehm aber bitte: einer der Freunde hatte soeben promoviert und war stellungs­los.Der Doktortitel bringt uns heute auch nicht vorwärts" was zu beweisen war!

Schon haben dieNachrichter" neue Pläne. Ich glaube, nächstens sollen dieGruselfilme" dran- kommen. Oberstes Gesetz ihres Schaffens ist:Un­politisch und sauber!" Jeder zweideutige Witz ist verpönt. So viele Studentengruppen suchen durch Sprechchöre ihre politische Meinung kund zu tun. Das ist aber nicht mehr Kunst das lehnen die Nachrichter ab.

Vierzig Gastspiele gaben die Münchener Studen­ten in Berlin. Welch ein Theatererfolg in unserer Zeit! Im Parkett saßen oftProminente" und staun- ten über das Publikum, das zwei Stunden glücklich war. Bedroht ein solches Laienspiel etwa gardas Theater"^ Nein! Die Wirksamkeit liegt allein in der uralten Weisheit, daß wirkliches Theater nur dann

erfolgreich fein kann, wenn das gemeinsame Erleb­nis von Spielern und Zuschauern vorhanden ist.

Diesen Münchener Studenten fehlt jede Gerissen­heit sie sind Laienspieler im besten Sinne und verkörpern gleichzeitig glücklich eine Studentenschaft, die sich nicht an falscher Romantik berauscht, sondern mit lebendigem Auge ihre Zeit betrachtet. DieVier Nachrichter" aus München und all die andern Stu­denten, die in ihrem Sinne wirken, sind wahre Künstler sie haben eine kulturelle Aufgabe!

OieRöntgen-Giadt Lennep.

Don Otto Sosimann.

Lennep, die frühere Hauptstadt des Bergischen Landes und heute durch das Eingemeindungs- geseh zu einer Dorstadt Remscheids geworden, ist infolge seiner eigenartigen Entwicklung eine der interessantesten Städte Deutschlands.

Wann die Stadt gegründet wurde, ist heute nicht mehr festzusteUen, da in wiederholten Brän­den alles wertvolle urkundliche Material ver­nichtet wurde. Wahrscheinlich haben Missionare, die von Köln nach Borden zogen, an dem

Kreuzungspunkt zweier uralter, aus der Boden­gestaltung entstandener Verkehrswege Kloster und Kirche erbaut, und im Umkreise um diese ist dann allmählich die Stadt erwachsen. Bach dem großen Brande im Jahre 1746 wurden die Häuser auf den Grundmauern der abgebrannten Grundstücke neu errichtet, und so zeigt auch heute noch die Altstadt m t ihren winkeligen, heimeligen Gassen und alten bergischen Schieferhäusern das typische Bild mittelalterlicher Ringbebauung. 3m Lause der Jahre, besonders des vergangenen Jahr­hunderts, hat die Stadt eine ste^e Aufwärts­entwickelung genommen. Als die Eisenbahn auf­kam, wurde Lennep der Mittelpunkt der für das Bergische Land wichtigsten Eisenbahnlinien und dehnte sich in den guten Zeiten nach dem Kriege 1870 71 immer weiter aus. Das östlich an die Stadt anschließende Gebiet wurde städtebaulich erschlossen, und heute ist die eigentliche Altstadt zu einem reinen Geschäftsviertel geworden, wäh­rend in weitem LImkreis an den Berghängen und in den Tälern neuzeitliche Siedlungen in male­rischen Gruppen sich hinziehen. Dazwischen sind überall schöne Grünanlagen geschaffen worden, der Lenneper Stadtwald bietet wundervolle Er­holung. auf dem neuerbauten Stadion tummelt

Akademisches Arbeiissanaionum.

Ein Werk deutscher Studenten in der Schweiz.

Don Or. Hermann pörzgen.

Auf der ersten Schweizerischen Hygiene- und Sportausstellung befand sich eine kleine Sonderschau Arbeitstyerapie", die deshalb unsere Anteilnahme verdient, weil hier eine Leistung gezeigt wurde, die ganz auf der Initiative und Willenskraft deutscher Studenten beruht. In der gemeinnützigen deutschen Heilstätte, Sanatorium Agra (am Luganersee), die mit dem Deutschen Studentenwerk in engster Zu­sammenarbeit steht und in der sich ständig etwa vier­zig bis fünfzig tuberkulös erkrankte Kommilitonen zur Genesung befinden, in dieser Heilstätte wurde vor etwa anderthalb Jahren die Einrichtung ge­schaffen, durch die nun Agra an der Spitze der Mit- telftanbsorganifatorien steht, dasArbeitssanato­rium".

Das Arbeitssanatorium, dessen Organisator ein deutscher Student ist, Diplomoolkswirt Kurt Alexander, legt auf der Schweizerischen Hy­giene- und Sport-Ausstellung zum erstenmal Rechen­schaft über seine bisherige Tätigkeit ab. Der Ge­danke der Arbeitstherapie in Holland, Italien und vor allem in der Schweiz für ehemals werktätige Patienten schon lange bewährt dieser gute Ge­danke wurde in Agra zum erstenmal auf Intellek­tuelle angewandt.

Es ist von vornherein klar, daß bei diesen mit manueller und körperlicher Beschäftigung nicht viel erreicht werden kann. Bei ihnen, die den seelischen Schädigungen durch lange Kur, derZauberberg­atmosphäre" am stärksten ausgesetzt sind, bei ihnen kommt es vielmehr auf Erhaltung der geistigen Spannkraft an.

Zwei Grundsätze werden durch die Schau von Agra betont: Die Forderung absoluter Marktfähigkeit der Erzeugnisse und die Durchführung rklicb vollwer­tiger Entlohnung. Sie werden in der Ausstellung deutlich zum Ausdruck gebracht. Im Vordergrund stehen Erzeugnisse der in Agra bestehenden Abtei­lung für Uebersetzung und wissenschaftliche Hilfs­arbeiten, eine ganze Vitrine voll Uebersetzungen, .Registerarbeiten usw., die von Patienten des Ar­beitssanatoriums ausgeführt worden find. Dies Ma­terial hat seine Marktfähigkeit schon erwiesen. Es ist gedruckt. Ueberschaut man die Reihe der Bücher und Werke, an denen kranke Studenten als Uebersetzer, Bearbeiter, durch Entwürfe und Lichtbildbeitrage mitgearbeitet haben, so gewinnt man ein imponie­render Bild. .

Es gibt feine andere Heilstätte bisher, m der für Patienten, zum Zwecke des geistigen Trai-

nings, intelleftueUe Arbeit systematisch beschafft und vergeben wird. Auch in der Frage voll­wertiger Entlohnung legt diese Sonderschau über­zeugend Rechenschaft ab.

Das Sach- und Personenregister dieses Wer­kes", heißt es bei einem ausgestellten Buch,(S. 393404) haben drei Studierende während der Kur bei uns in 87 Arbeitsstunden hergestellt. Lohn: 25. und 80 und 70 Franken, zu­sammen 175 Franken."

Aehnlich die übrigen Inschriften. Auf einer be­sonderen Plakette kündet das Arbeitssanatorium an:Zurzeit bearbeiten wir das Generalregister der Zeitschrift für Tuberkulose, die letzten zehn Jahrgänge, eine riesige Arbeit von etwa 20 000 Stichworten, die eine ganze Gruppe von Patien­ten mehrere Monate Tag für Tag beschäftigt."

Es versteht sich, daß Agra sich die Gelegen­heit nicht entgehen läßt, im Rahmen dieser Zu­sammenstellung auch für die AbteilungAeber- sehung und wissenschaftliche Hilssarbeiten" zu werben. Eine Plakette propagiert:Die Lleber- setzung, die wissenschaftliche Hilfsarbeit eignet sich hervorragend als Heilstättenarbeit und sollte zum Reservat der lungenkranken 3ntellektuellen ge­macht werden!"

3n lebendiger Weise hat Agra die Erzeugnisse dieser intellektuellen Arbeitstherapie durch bild­liche Darstellungen ergänzt. Patienten bei der Ausarbeit eines Buchregisters, bei Llebersehun- gen, Sprachkursen, dann aber auch bei rein ma­nuellen Arbeiten: Buchbinden, Weben, Schnei­derarbeiten und kunstgewerblicher Tätigkeit. Auch Erzeugnisse einer AbteilungKunstgewerbe und Handarbeit" liegen übrigens in einem umfang­reichen Photoalbum für den Beschauer vor.

Der Eindruck, den diese Schöpfung deutscher Studenten auf der Schweizerischen Hygiene-Aus­stellung hinterläßt, ist imponierend. Ern Stuck deutscher Kulturpropaganda in der Schweiz. Lind nicht nur das, für die ganze Frage der Behand­lung langwieriger Krankheiten steht diese Schau als neuer, wertvoller Beitrag da. Denn hier ist zum ersten Male dargetan, daß es auch für den erkrankten geistigen Arbeiter einen Weg zur Er­haltung der seelischen Energien gibt. Lind hier ist ein weiterer Schritt getan, hinter dem der An­spruch des Kranken auf fein Heilmittel steht. Bämlich das Arbeitssanatorium fordert: Das Recht des Kranken auf Arbeit!

Deutscher Gtudentenspiegel.

Don Or. Kurt Bock.

1598 Wittenberg.

Enge Gasse windet sich bergan zwischen frer- winkelten Häusern, deren bunte Giebelnasen srch fast aneinanderlehnen. 3n einer Hoftür flackert eine verstaubte Laterne. Zwei Jungen in ver­schlissenen Kleidern darunter. Der eine greift aus grober Laute verstimmte Akkorde, der andre hält ein fleckig Pergament in der Hand; und sie sin­gen. Hoch oben springt ein Butzenfenster auf, voraus gucken mit hellem Lachen zwei Blondköpfe imb auf dem Holperpflaster klingen dürftige Mün­zen. Die Scholaren Winken Dank mit dem Barett und drücken sich weiter. Gegenüber aus dem WirtshauseZum güldin spieß" juchheit die lär­mende Zechfreud':

Meum est propositum in taberna mori, ubi vina proxima morientis ori.

In der Burse harrte der Magister heute wieder einmal vergeblich, daß das Välklein seiner studentes sich vollzählig versammle. Dor dem Lehrstuhl jedoch werden sie morgen hocken, von der neuenreinen Lehr" zu hören und sie in ihren Liedern zu ver- breiien.

1815 3ena.

Vor der Zeise stehen breitbeinig die Studiosen im Kreis, mit hohen Hüten, langen Röcken, die gewalttge Quastenpfeife oder den zerschnitzten Ziegenhayner in Händen. 3n Marktes Mttte, zu Füßen des Harrfried liegen zwei Burschen aus zur Etoßmensur; die Sekundanten springen ein mit dem Knotenstock, ilnterm Fuchsturm tafelt die Burschenschaft, hoch in den hölzernen Länzchen schäumt der Lichtenhayner Stofs, und ferner über die üppigen Waldwipfel jubelt ein Lied:

Als Bursche trägt er stets bei sich die Zierde, die ihm gnügt, den Hieber, der sich fürchterlich an seiner Seiten wiegt.

Weh dir, wenn du dich zu ihm drängst tm parfümierten Rock, er schimpfet dich Pomadenhengst, dir droht sein Knotenstock!

Es lebe jeder deutsche Mann, der, wie er denkt, auch spricht! Wer je auf Trug und Bosheit sann, verlösche wie ein Licht!"

Schlichte, graue Jacken tragen die Wandrer, die ersten Turner, die unter Jahns Führung durch Deutschland ziehen.

19 00 Cambridge.

Die siebzehn Colleges vom Cambridge bilden ein abgeschlossenes Städtchen, in das der Be­sucher durch gotische Portale eintritt. Die Col- legienhäuser umschließen blumenbunte Höfe, in denen leise Brunnen rieseln. Die Llniversität zieht sich am Flüßchen Cam hinab. Das Speisehaus mit seinem großen Saal zeigt sich reich geschmückt mit den Bildnissen der Männer, die Cambrrdge zu seinen Schülern zählt: Bacon,' Rewton, Byron Milton... Das älteste College Peterhouse wurde 1257 gestiftet. Trinity College deht sich am größten; ihm gehören ungefähr acht­hundert men (Studenten) der dreitausend under- graduates an, die in den einzelnen Hausern unter ihrem besonderen master (Rektor) und ihren fellows (Professoren) studieren.

Sonntags findet Gottesdienst in der Jesus College Chapel statt; ihm beizuwohnen, in ihren surphees, weißen Talaren, sind die Studenten verpflichtet. Die Geistlichkeit im Ornat, die Chorknaben lateinische Hymnen singend; die Highchurch unterscheidet sich im Ritus wenig von der katholischen Kirche.

Auf der Cam liegen die Ruderboote im scharfen Training für die Mai-Regatten. Am Ufer spielt man (Triefet und Fußball. Der englische Student schenkt alle Freizeit dem Sport: Parforcejagd, Kunstfahren, Autotouren, alles betreiben die men, ihr Ziel ist. Höchstleistung, Sieg im Hochschultreffen.

1905 Brooklyn.

Razzledazzle! Hobblegobble! Zipbum ah! Rahrahrah! Hipzoo! Diese liebliche Stu» dentenschnurre, dieser cry, erschallt von dem Rasen- Platze der Columbia-University, wo die jungen Leute beim Fußballspiele schwitzen, sich im Ring­kampfe wälzen, im Reiten üben. Abends findet

im Theater eine Aufführung derAntigone" statt von den Studenten agiert; auch die weiblichen Rollen werden von ihnen beseht. DieFüchse", dem Brauche folgend, alle glatt rasiert und ge­schoren, haben eine Kapelle gebildet und spenden eine ohrenbetäubende Ouvertüre; Pauke- und Trommelschlagen scheint auch eine beliebte Krast- leistung zu bilden.

Der amerikanische Student ist ein Mann rast­loser Betätigung. Ihrer einer trug von Mitter­nacht bis in den grauen Morgen Milch aus, drückte die Bänke der medizinischen Fakultät; abends bis tief in die Rächt studierte er daheim; nur Sams­tags gönnte er sich tiefen Schlaf; sechs Jahre führte er dieses Leben der Arbeit und Entbehrung durch, bis er im Jahre 1891 fein Diplom errang: fein Rame ist,C o o k, er entdeckte den Rordpol.

1908 Berlin.

Die Paukanten der zwölften Partie sitzen sich gegenüber und werden vom Faxen anbandagiert. Die Luft hängt dick vom Rauch und Blutdunst. Füchse fteben am Fenster und betrachten scheu und neugierig die Dessinkiste und Linkserbrille, mit der sie soeben geleimt wurden.

Silentium 1"Mensur Fertig Los!" Klingen rasseln, Schlägerglocken dröhnen. Die ©tuRenten stehen starr da. Keine Miene zuckt, durch die Paukbrille leuchten die Augen, die Faust wirbelt den Speer. Das Füchslein weih nicht recht, was es s agen und denken soll, als das Blut seines Leibburschen über Band, Schurz und weihe Hose in die Sägespäne rinnt.

Klinglingling! schmettert die Alarmglocke. Die Wirttn kreischt:Polizei!"

Paukanten und Sekundanten sind spurlos zer­platzt. Der befruftete Mensurteppich rollt in die Ecke, und als das Fettauge des Gesetzes herein­späht, erblickt es eine fröhliche Kneip täfel: bunte Mühen winken ihm entgegen, und feierlich ertönt das Klavier: Stille Rächt, heilige Rächt...

1912 Heidelberg.

Vom Berge glüht die Farbenpracht des jubelnd erleuchteten Schlosses durch die Rächt, Funken und Raketen schwirren am Himmel und das Rot- seuer spiegelt sich in den silbrigen Fluten des Reckar, auf dem sich Boote mit Satementetten schaukeln.

sich die bergische Jugend, und vor wenigen Jah­ren erst wurde die Ringstraße als Llmgehungs- vftrafoe ausgebaut, deren Bedeutung weit über das örtliche Interesse hinausgeht. Diese Straße dient dem Durchgangsverkehr von Schwelm mit seinem westfälischen Hinterlande, bzw. von Rade­vormwald und dem Sauerland nach Remscheid, Solingen, Düsseldorf und Köln. Auch der Ver­kehr von und nach Wuppertal kann um die Alt­stadt herumgeführt werden, und so hat Lennep, vielleicht als eine der ersten Städte, Dem Durch­gangsverkehr freie und gefahrlose Bahn und staubfreie und geräuschlose Wege geschaffen.

Reben dieser fortschreitenden städtebaulichen Entwickelung Lenneps, das über den engen Rahmen der mittelalterlichen Innenstadt längst weit hinausgewachsen ist, hat die kleine Stadt neuerdings noch eine besondere Bedeutung ge­wonnen.

Am 27. März 1845 erblickte in Lennep Wil­helm Conrad Röntgen, der Entdecker der X-Sttahlen, nach ihmRöntgen-Strah- l e n benannt, das Licht der Welt. Röntgens Geburtshaus steht noch heute. Am 30. Rovember 1930 wurde dem großen Forscher zu Ehren in Lennep ein Denkmal errichtet, das eine Fackel­trägerin, den Genius des Lichtes, xeigt. Eine Straße wurde nach ihm benannt, und das Len­neper Realgymnasium erhielt den (Hamen:Rönt­gen-Realgymnasium". Schließlich wurde beschlos­sen, in dem schönen bergischen Patrizierhaus hinter dem Röntgen-Denkmal ein Röntgen-Mu­seum einzurichten, das seiner Vollendung ent­gegengeht und demnächst eingeweiht werden soll.

Das Röntgen-Museum enthält zunächst ein Röntgen-Gedächtniszimmer, in dem Bilder des Forschers und einige Schriftstücke von feiner Hand (sein schriftlicher Rachlaß mußte nach dem Testamentsbeschluß vernichtet werden), vor allem aber eine reichhaltige Geschichte der Familie Röntgen untergebracht sind.

Ein weiterer Raum ist berühmten bergischen Aerzten gewidmet. Man findet hier Schriften und Bilder vom Hofarzt Weyer, dem ersten Dekämpfer des Hexenwahns, von dem berühmten Chirurgen F a o r i c i u s, von Jung-Stil- ling, dem Freunde Goethes, von Pollender, dem Entdecker des Milzbrandes, und viele andere mehr. Alles, was über die Geschichte der Heil­kunst im bergischen Lande zusammengetragen wer­den kann, soll hier Aufnahme finden.

In einem weiteren Raum wird der Versuch ge­macht, das auf den verschiedenen Gebieten der Röntgen-Literatur erschienene Schrifttum in einer Röntgen-Bibliothek zu sammeln.

Dann wird in drei Räumen die Entwicke­lung der Röntgen-Technik (Röhren und Filme), sowie die Bedeutung der Röntgen-Strah­len für Diagnostik und Therapie dargestellt. Die nächsten Räume veranschaulichen die Bedeutung der <5trabten für die Industrie und für gewisse Rebengebiete, z. D. für die Kunst (Aufdeckung von Dildfälschungen, üe&ermalungen usw.), und schließlich ist noch ein Raum für die Tagungen der Rheinisch-Westfälischen und der Deutschen Rönt­gen-Gesellschaft, die die Hauptträger des Mu­seums find, als Sitzungszimmer eingerichtet worden.

Das schon jetzt reichhaltig ausgestattete Mu­seum wird besonders geeignet sein, den Jüngern und Freunden der Röntgen-Wissenschaft wert­volle Aufklärung über das Wirken des großen Forschers und die weltumspannende Bedeutung seiner Arbeiten zu vermitteln.

Wenn die Stadt Lennep auch heute ein Vorort der größeren Stadt Remscheid geworden ist, so verleiht die Tatsache, daß sie der Geburtsort eines der größten Deutschen ist, ihrem (Kamen unvergänglichen Ruhm. Ein Abglanz dieses Ruhmes fällt auch auf Remscheid, das nunmehr den großen Forscher ebenfalls als sein Stadtkind bezeichnen darf. Aber die eigentliche Röntgen- Stadt wird immer Lennep bleiben.

Jauchzender Gesang schwingt durch die Luft. Aus den Kneipsälen erklingt Jugendfrohsinn; durch die geöffneten Fenster weht der warme Mai herein, zu vollen Zügen schäumt der Gerstensaft. Was schadet auch im langen Rausch der Jugend ein kleiner Kater?

1 9 2 4 Stadion.

Startschuß. pfeilgleich losgeschnellt von ge­spannten Fußsehnen wirbelt die Läuferreihe, Auge und Wille dem Ziel entgegen.

Schon zerfällt sie, der Dritte stößt §ur ent­eilenden Spitze vor, überholt, lächelnd, überflutet vom rauschenden Ruf der Zuschauer.

Das Band flattert hinter ihm. Studentensieg! Aus der stillen, geduldigen Kleinarbeit der Lln- zahl von Verbindungen, aus den Wettkämpfen der Hochschulen und Verbände, aus zäher Schulung ttotz wirtschaftlichem Zwang zu beeiltem Examen, trotz Mütze und Mensur treten immer wieder, immer neue, immer mehr Kämpen aus der Stu­dentenschar, die zu Deutschlands Ehre die Lor­beeren der Welt gewinnen. Hinter ihnen steht das Feld der Jungen, die mit ihnen streben zur ge­sunden Einheit von Körper und Geist, die nach­eifern den Vorbildern, die immer noch und in tieferem Sinne dasDeutschland, Deutschland über alles!" fingen, dessen Mär sie 1914 vernahmen.

Sie marschieren: das neue Geschlecht, unsere Zukunft.

Sod)fd)ulnad>rWen.

Für das neue Amtsjahr 1932/33 ist der ordent­liche Professor der wirtschaftlichen Staatswissen­schaften Dr. Wilhelm Gerloff zum Rektor der Universität Frankfurt gewählt worden.

Die durch die Emeritierung von Professor Leh­mann erledigte ordentliche Professur für Hygien« an der Universität Würzbur g ist dem Professor Goetten an der Universität Münster angeboten worden.

Die Privatdozentin für Pharmakologie und patho­logische Physiologie an der Hamburgischen Universität, Dr. Klothilde Go11witz er - Meier ist zum nichtbeamteten ao. Professor ernannt worden.

In der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität R o st o ck ist der Profesior für Deutsches Recht Waller H a 11 ft e i n zum or­dentlichen Professor ernannt worden.