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12.10.1932 Frühausgabe
 
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für Preußen nlchk beteiligt, weil er per sönlich der Ansicht sei, daß diese Maßregel sich nicht werde umgehen lassen. 3m weiteren verlaus des Gesprächs äußerte Minister Severing mit Bezug auf die

Einsetzung des Reichskommifsars:warten Sie nicht mehr lange ab.

Ministerialdirektor Dc. Brecht führt aus, die Erklärungen der Minister Severing und v. Sahl über ihre Unterhaltung wegen des Reichskom­missars schienen in diametralem Gegen­satz zu stehen. Da er aber von keinem der beiden annehme, daß er nicht die Wahrheit sage, müsse es da etwas geben, was aus den Erklärungen nicht ersichtlich fei. Reichsgerichtspräsident Dumke meint, wenn Severing tatsächlich der Einsetzung eines Reichskommissars xugestimmt haben sollte, dann würde nicht ersichtlich sein, warum die Reichsstellen nicht, ehe sie am 20. Juli die Maßnahmen durchführten mit Severing Fühlung nahmen, da es sich ja dann nur um die Erfüllung eines Wunsches von Severing gehandelt haben würde.

Es beginnt dann die rechtliche Erörte­rung mit einer allgemeinen Aussprache über die Probleme, die sich auf den Artikel48 der Reichsverfossung in Verbindung mit der bundesstaatlichen Gliederung des Deutschen Reiches ergeben. Staatsrat v. Ian, der Vertreter Bayerns erklärt, daß eine Reichs­kommissariatsregierung keine Landesregie­rung sei. 3n einem Lande könne nur eine Lan­desregierung existieren, nicht aber eine Reichs­kommissariatsregierung. Dementsprechend tonn­ten auch die Länder im Reichs ra t nur durch Vertreter ihrer Landesregierungen und nicht durch Vertreter von Reichskommis­saren vertreten werden.

Es wird dann die Frage untersucht, welche Voraussetzungen gegeben sein müßten, wenn das Reich den Artikel 48 Abs. 1 der Reichs­verfassung anwendet, d. h. die Reichse-xeku - t i o n gegen ein Land durchführen wolle. Prof. Anschütz, Heidelberg, sagt dazu u. a.: Voraus­setzung einer Reichsexekution sei, daß das be­treffende Land seine Pflicht gegenüber dem Reiche bzw. den Reichsgesehen verletzt habe. Die bloße Tatsache der Hetero­genität der inneren Politik eines Landes zu der des Reiches könne niemals den Tatbestand der Pflichtverletzung erfüllen.

wir sind nun einmal Lundes st aal und haben damit das S e l b st b e st i m m u n g s - recht der Länder. Das ist von der Reichs- Verfassung stillschweigend gewollt, wenn ich auch mit Professor Bilfinger einig bin, daß der £än- dcrparlamentarismus häufig zu Mißbräuchen geführt hat, so will doch die Reichsverfassung nicht nur den Bundesstaat, sondern die par­lamentarische Demokratie. Damit muß sie auch gewisse Schattenseiten dieser Institution wollen, wenn die Schatten­seiten aktuell werden, darf man nicht sagen, daß das eine Widersetzlichkeit sei, die die Reichs- exekution erfordere.

Der Staatsgerichtshof kann und darf der Frage, ob im vorliegenden Falle das Land Preußen sich einer Verletzung der ihm nach derReichs- verfafsung obliegenden Pflichten habe zu Schulden kommen lassen, nicht ausweichen. Eine etwaige unaleiche Behandlung von RSDAP. un) KPD. könne n.cht als Pflichtverletzung an­gesehen werden, denn es handele sich dabei um d c Aue Übung der Polizeigewalt. Diese aber sei g)üche des Landes, nicht des Reiches. Ein ucht genügender Gebrauch von Landesrechten könne ic ne Verletzung von Pflichten gegenüber dem Re.ch darstellen.

Aus dem CB:'"en der Reichsexekution ergibt >'.ch die Volwendigleit, daß in irgendeiner Form unter Belas ung einer, wenn auch noch so kurzen E r t l ä r u n g s f r i st , dem betreffenden Lande die Mitteilung gemacht wird, daß die R^.chsregierung gegen die Landesregierung e i n- > ch r e i t e n w o l l e und daß das Land Gelegcn- h:iz erhalte, zu erklären, ob die behaupteten Ver­

fehlungen richtig seien. Die Exekution sei eine Zwangsvoll st reckung und Zwangsvoll­streckungen erforderten den vollstreckbaren Titel. Der könne aber nur darin liegen, daß irgendwie festgestellt wird: Hier liegt eine Pflichtverletzung vor und das betref­fende Land weigert sich, den Zuständen ab­zuhelfen. 3n der Tat'ache, daß gegen Preußen ohne vorherige Mitteilung vorgegan­gen sei, liege ein so erheblicher Verfahrens­mangel, daß daraus der Gerichtshof zur Zu­rückweisung der Verordnung kommen mühte.

Der bayerische Vertreter, Staatsrat D. Jan. bezeichnet es vom bundesstaatlichen Gesichtspunkt aus betrachtet als notwendig, daß vor einer Exekution sogar der Staatsgerichtshof angeru­fen werden'se. Am Mittwoch werden die Vertreter des Reiches das Wort zu diesen Fra­gen nehmen.

Warum die Sportpalast-Kundgebung der ASDAP verboten wurde.

3n einem Schreiben des Polizeipräsidenten an den Gauvvrstand der RSDAP., in dem das Ver­bot der nationalsozialistischen Kundgebung im Sportpalast begründet wird, heißt es u. a.: Don nationalsozialistischer Seite sind in der letzten Zeit seit Deginn des Wahlkampfes zum Reichstag am 6. Rovembcr zahlreiche Versammlun­gen politisch A n d e rs d e n ke n d e r mit dem Ziel der Sprengung gestört wor-

Eine schwere Entgleisung.

Berlin, 11. DFL (DDZ.) Der Auswärtige Aus­schuß des Reichstags trat am Dienstag unter dem Vorsitz des 21bg. Dr. Frick (Rats.) zusammen, um über Lausanne, Abrüstung und Dölkerbundstagung zu beraten. Von der Regierung war kein Ver­treter erschienen. Auch die Deutfchnationalen nahmen an der Sitzung nicht teil. Für das Zen­trum war nur der Abg. Bell als Beobachter er­schienen. Verschiedene Fraktionen vertraten den Standpunkt, daß eine sachliche Aussprache ohne Anwesenheit der Reichsregierung nicht dem Sinn und Zweck des Auswärtigen Ausschusses entsprechen würde.

Zum Schluß der Deratung wurde ein An­trag Dr. Frick (RS.), Dr. Dell (Z.) und Graf Q u a d t (DVp.) angenommen, in dem es heißt:Die Reichsregierung hat sich durch ihre erneute grundlose Weigerung, vor dem Auswärtigen Ausschuß zu erscheinen, eines wiederholten Verfafsungsbru ch'e s lchuldig gemacht. Dem neuen Reichstag bleibt es Vorbehalten, daraus die verfas­sungsmäßigen Folgerungen zu ziehen.

Man kann es bis zu einem gewissen Grade verstehen, wenn sich ein Parlament gegen eine Regierung zur Wehr setzt, von der es sich mit brutaler Handbewegung beiseite geschoben fühlt. Aber für einen solchen Kampf muß es G re n z e n geben. Die sind da gezogen, wo die Inter­essen des Reiches gegenüber dem Ausland berührt werden. Man mag einzelne Handlungen der Reichsregierung als verfassungs­rechtlich schlecht begründet ansehen, man mag über diese Dinge öffentlich streiten, aber das Eine darf in diesem Streit nicht übersehen werden, daß diese Regierung zur Zeit nach außen hin als der einzig mögliche Repräsen­tant im Ringen um Lebensfvrderun- gen der Ration erscheint. Das hat der Auswärtige Ausschuß des Reichs-

den. Die Häufigkeit der Fälle und die Gleich­mäßigkeit bei der Art des Vorgehens der Stö­rer gestattet mit Sicherheit den Schluß, daß die Dersammlungsstörungen planmäßig vorbe­reitet 4i n b auf Weisung leitender Stellen der RSDAP. durchgeführt worden sind. Dieses den friedlichen Verlauf des Wahlkampfes in erheblicher Weise gefährdende Verhalten von Anhängern der RSDAP. hat in den ordnungsliebenden Kreisen der Bevölkerung eine tiefgehende Erregung ausgelöst.

Da nach den gemachten Erfahrungen ein Teil der Anhänger o?r Partei ein äußerst un­diszipliniertes Verhalten an den Tag gelegt hat, muh damit gerechnet werden, daß von einem Teil der Parteimitglieder schon bei­spielsweise einzelne Zwischenrufe Andersdenken­der mit Gewalttätigkeiten beant­wortet werden, durch die die öffentliche Sicherheit und Ordnung auf das ernsthaftestegefährdet werden. Das vor­liegende Verbot der für den 12. Oktober im Sport­palast geplanten Versammlung rechtfertigt sich also auf Grund des § 14 des PVG. lPolizei- verordnungsgesetzes) in Verbindung mit Artikel 123 der Reichsverfassung. Da sich weiter aus den vorstehend dargelegten Umständen eine u n m i t - telbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit ergibt, ist das Verbot ferner ge­rechtfertigt durch die Vorschriften des § 1 Abs. 2 der Verordnung des Reichsministers des In­nern über Versammlungen und Llmzüge vom 28. Juli 1932.

Die Weigerung der Reichsregierung, dem Aus­wärtigen Ausschuß Rede und Antwort zu stehen, bedeutet aber auch eine fchwereSchädigung der außenpolitischen Stellung des Reichs, da die Reichsregierung damit vor aller Oeffentlichkeit beweist, daß sie nicht den Mut findet, für ihre von schweren Miß­erfolgen in Lausanne und Genf begleitete Außen­politik einzustehen und eine Unterstützung im Volk und in der Volksvertretung zu suchen. Ihre außenpolitischen Aktionen entbehren des­halb von vornherein des nötigen Ge­wicht s. Das Wohl der Ration verlangt ge­bieterisch die alsbaldige Beendigung dieses verderblichen verfassungs­widrigen Zustande s."

Für diesen Antrag stimmten außer den Antrag st ellern auch die Sozialdemo­kraten, die dazu erklärten, es sei eine eigenartige Feier des Harzburger Tages, daß die Sozialdemo- traten in die Lage versetzt würden, einem von den Nationalsozialisten gegen eine sogenannte nationale Regierung eingebrachten Antrag zuzustimmen. Die Kommunisten erklärten, daß sie sich der Stimme enthalten.

tags Übersehen, als er sich am Dienstag im Zorn zu einer Entschließung verleiten liefe, die das Ansehen der Reichsregierung als Kämpfer an der Außensront und als Unterhändler gegen­über den Weltmächten aufs schwer st e z u schädigen geeignet ist.

Was soll man in Paris und London davon denken, wenn ein Parlamentsausschuß, der im Hinblick auf die Außenpolitik zur Zeit die Rechte der Volksvertretung wahrzunehmen hat, der Reichsregierung den Satz ins Stammbuch schreibt: Die außenpolitische Aktion der Reichsregierung entbehrt deshalb von vornherein des nötigen Gewicht s." Die gefährlichen Wirkungen dieses Satzes können nur zum Teil gemildert werden durch eine andere Feststellung der gleichen Entschließung, die von schweren I

Mitzerfo lgen in Lausanne und Genf spricht. Ueber die letztere Feststellung darf die Regierung nicht böse sein. Ein Stresemann hat es immer als eine taktische Unterstützung empfunden, wenn die Ergebnis seines Handelns in der Heimat öffentlich herabgemindert wurden, und er konnte dann die Stimmung in der Oeffentlichkeit Deutsch­lands crä um sv wirkungsvolleres Ar­gument in späteren Verhandlungen einsetzen.

Aber das alles kann die Tatsache nicht ent­schuldigen. daß ein zur Verantwortung verpflich­tetes politisches Gremium die Autorität der Reichsregierung in den zwischenstaatlichen Verhandlungen in so unglaublicherWeise untergräbt, daß es ihr im Grunde d ie Legitimation zu Verhandlungen im Damen des deutschen Volles a b s p r i ch t. Herr H e r r i o t wird sich ins Fäustchen lachen. Man konnte sich beinahe nicht wundern, wenn er jetzt in London diesen Anlaß ausnühte, um die von ifem gewün ch e Vertagung der neuen Aörüstungs- besprechungen herbeizuführen. Cs klingt einem falt schon im Ohr: . Warten wir besser, lieber Kollege Macdonald. bis die Wahlen in Deutsch- fanb die Lage geklärt haben. Sie sehen ja. die deutschen Parteien bestreiten doch dieser Regierung das Recht zu Der- Handlungen!" Es ist klar, daß die Reichs- regterung mit sofortigen entschiedenen Maß- nahiyen dieser Entgleisung einer parlamentari- fefeen Körperschaft entgegentreten muß.

Wenn das zu einer neuerlichen '.merwünschten Verschärfung des verfassungsrechtlichen Konfliktes fuhrt, so hat man wieder den Eindruck, daß die Uviache in einer fortgesetzten Tragödie der M i fe­uer stän d n if s e liegt. Nach den vorausgegange- nen Mitteilungen mußte die Reichsregierung an­nehmen, daß der Sitzung des Auswärtigen Aus­schusses keine besondere Bedeutung beizumessen fei, weil große bürgerliche Parteien, außer den Deutsch­nationalen auch Zentrum und Bayrische Volks Partei, die Sache nicht emft nehmen und s i ch nicht beteiligen würden. Wenn Herr von Neurath gewußt hätte, daß das Zentrum und die Bayern mitmachen und sein Nichterscheinen als Provokation empfinden würden, wenn er ferner die bedauerlichen Folgen einer solchen Provokation irgendwie hätte ooraussehen können, fo wäre fein Erscheinen ganz unabhängig von dem Streit zwi­schen der Regierung und Parlament und auch ganz unabhängig von einem möglichen Prestigeverlust der Regierung im innerpolitischen Kamps eine un­bedingte nationale Pflicht gewesen. Mißverständnisse haben zu einer überstürzten Reichstagsauflösung ge­führt. Mißverständnisse haben .offenbar auch diese Verschärfung des Konfliktes mit feinen gefährlichen Wirkungen auf die Außenpolitik zur Folge gehadl. Wenn sie sich heute den Schaden besehen, fo wer­den wohl alle Beteiligten entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. 2£ber was nützt das alles, nachdem das Kind in den Brunnen ge­fallen ist?

Dänemark vor einem neuen Kurs in der Handelspolitik?

Kopenhagen, 11.Oft (TA.) Mit ziemlicker Bestimmtheit verlautet, dafe die Valuta-Ge­setze, die der Handelsminister am heutigen Dixnstag dem Folketing vorlegen wird, auf eine Aufeenhandelsdiktatur für den Zeit­raum von I1/2 Jahren hinauslaufen. Der Han­delsminister soll die völlige Herrschaft über die Wareneinfuhr bis zum März 1934 erhalten. Die Valuta-Zentrale soll ' abge- schafft und durch ein dreiköpfiges Direktorium erseht werden. Don einer Freiliste soll in den neuen Gesehen keine Rede mehr sein. Dagegen sollen neue Zolle eingeführt werden und zwar höchstwahrscheinlich G e w i ch t s z ö l l e, an­statt Wertzölle, für Kunstseide, Lederwaren. Schuhwaren usw. Weiter soll in den Gesehen bestimmt werden, daß die Inlandpreise nur erhöht werden dürfen, wenn die Er­ze uaungsunko st en steigen. DieseGesetzes- vorschläge würden voraussichtlich noch im Laufe des Winters Folketing-Reuwahlen zur Folge haben, da sich gegen sie schon jetzt sehr starke Opposition geltend macht.

Scharfe Angriffe im Auswärtigen Ausschuß.

NSDAP., Zentrum und Sozialdemokraten werfen der Reichsregierung wiederholten DerfaffungSbruch und Schädigung der Außenpolitik vor.

Wo bleibt die Wahrung der nationalenlntereffen ?

Schüler-Romantik.

Bon Siegfried von Vegesack.

Die Knaben von heute sind vernünftig. Sie spielen .sllßbail oder sie sammeln Postmarken. Beides nütz- üehe Dinge. Ich tat nichts dergleichen. Dafür las ich denGuten Kameraden", und in der entsprechenden Backfisch-Zeitschrift von meiner Schwester,Das Kränzchen", fand ich Adressen junger Mädchen, die mit anderenKränzchen-Schwestern" korrespondieren wollten.

Dort juchte ich mir einen möglichst geheimnisvollen, fremdländischen ^Mädchennamen in einer möglichst abenteuerlichen Stadt aus ich entschied mich für eine junge Ungarin aus Budapest und schrieb ihr, natürlich alsKränzchen-Schwester", einen lan­gen Pricf.

3d) war damals 14 Jahre alt, meine Ungarin 13. Wir wechselten zärtliche Freundinnenbriefe, ihre waren sogar etwas parfümiert, es war eine schöne Zcll. Das Schönste dabei war, daß die Briefe immer heimlich vorn Briefträger abgefangen werden muß- ten, damit niemand die verräterische Adresse: An Fräulein ..." zu lesen bekam.

Aber da trat das Verhängnis ein. Wir zogen für die Sommerferien aufs Land, ich kam erst später nach, weil ich noch bei Verwandten zum Besuch war. Und wie ich nun auf Umwegen zu Hause anlangte, tritt mir meine Mutter nie werde ich den Augen- blick vergessen fassungslos mit einem Brief ent­gegen: Ob er für mich fei, was dasFräulein" auf her Adresse, die fremde Postmarke und der Buda pester Poststempel bedeute?

Da half mir nichts, ich mußte gestehen und den Brief offnen. Und zum Unglück enthielt gerade dieser Bries eine Photographie, auf der hinten geschrieben stand:T a u s e n d K ü s s c o o n D e i n e r A n n n".

Nun mußte ich, wie schnlerzlich es auch war, im nächsten Bries meine Schandtat gestehen und mich alsKränzchen-Bruder" demaskieren, von meiner schönen und wohl sehr entrüsteten Ungarin wurde ich daraus keiner Antwort gewürdigt. Die zärtlichen parfümierten Briefe hob ich sorgfältig auf, schnup- perte zuweilen daran, aber das ungarische Aben- teuer war damit zu Ende.

Bis ich jetzt, nach vielen Jahren, wieder nach Riga kam und dort einen Vortrag hielt. Am nächsten Tag bekam ich einen sehr netten^Brief von einer fremden Dame, die mich an diesen Knabenstreich erinnerte, sie. sei jene Ungarin aus Budapest, durch ein merk- würdiges Geschick nach Riga gelangt, hätte meinen Vortrag besucht, mein Verbrechen sei verjährt, und so möchte ich sie und ihren Gatten besuchen ...

Da träumt man als Knabe von Abenteuern, wech­selt mit einem wildfremden Mädchen in einem wild­fremden Lande zärtliche Briefe, wird von der Düna zur Donau, und umgekehrt von der Donau zur Düna verschlagen, und da eines Tages trifft man sich doch!

,3ch weiß, daß alles ist Schüler-Romantik von früher und pafet nicht mehr in unsere ernsthafte Zeit.

Denn ihr Knaben von heute seid natürlich viel ver­nünftiger und wendet nie solche verrückten Briefe schreiben, wie ich es tat. Dafür sammelt ihr Post- marken oder spielt Fußball. Sicher ein edler Sport. Son dem ich leider ich muß es errötend gestehen nichts begreife.

Die Dame und der Tobak.

Amüsante Debatte

in der englischen Oeffentlichkeit.

Daß Damen Zigaretten rauchen, ist ein so ge­wohntes Schauspiel, daß wir es nicht mehr be- .Aber als vor kurzem zwei hübsche junge Mädchen mit kurzen Pfeifen in der San^ denen sie blaue Wolken entlockten, durch die Oxford-Street in London gingen, rief das Ansammlung von Reugierigen hervor, die die Pfeife rauchenden Frauen wie eine Sehens­würdigkeit anstarrten. Aeußerungen wie: Das ist doch zu stark", wurden laut. Die Schutz­leute suchten die Menschenmenge zu zerstreuen hatten aber keinen Anlaß, gegen die rauchenden Damen einzuschreiten, da sie nichts taten was gegen die Gesetze verstoßt.

3m Anschluß daran entwickelte sich eine leb­hafte Erb rterung in den Spalten der Zeitungen. DieTimes" erhielt eine Fülle ent­rüsteter Briefe, in denen über denRieder- gang echt weiblichen Empfindens" ge­klagt wurde, worauf wieder in anderen Briefen für die Damen Partei genommen wurde. Ob schließlich der Tabak in der Form von Zigaretten oder mit Hilst: einer Pfeife geraucht wird, sei ja kein so großer Unterschied. Kenner der Geschichte wiesen darauf hin. daß diese Frage schon vor 200 Jahren die Oeffentlichkeit beschäftigt hat. Es scheint, als ob die Engländerin eine besondere Vorliebe für das Rauchen hat, denn schon in jenen Tagen, da der Tabak seinen ersten Sieges­zug durch Europa antrat, war sie es, die das Recht der Frau aufe i n P f e i f f g e n T o b a k" forderte.

So berichtet ein 1712 in Hamburg erschienenes Duch von Derkenmeher. dafe manan dem eng­

lischen Frauenzimmer" zwei Fehler tadle, nämlich: Dafe sie mit Mannspersonen, die sie fast nicht einmal kenne, spazieren fahre und Weinhäuser besuche und daß sie Tobak schmauche." In dem kurz danach erschienenenFrauenzimmer-Lexikon" des Amarantes wird vom Tabakrauchen gesagt: Ist zwar insgemein nur ein männlicher Zeit­vertreib, doch aber auch dem Frauenzimmer in England und Holland, auch in Frankreich sehr gebräuchlich, da sie nämlich den Tobak aus den dazu gemachten und gebrannten Pfeifen durch vorher geschehene Anbrennung dieses dürren Krautes- schmauchen und trinken."

In Deutschland trat zuerst im Jahre 1715 eine emanzipierte Same, die sich unter dem Rainen Madame Leucorandtz" verbarg, für das Rauchen der Frauen in Gesellschaft ein, und zwar in einer Schrift, die den anmutigen Titel führt:Gründ­licher Beweis, daß ein honnetes Frauenzimmer ohne einige Verletzung ihres Renommees bis­weilen bei den Kaffee-Schmäusgen erfcheinen könne, ja sie möge und solle auch eine Pfeife Tabak schmauchen, worinnen auch zugleich dar- getan, warum die Weiber obenan gehen und die Männer Bärte tragen, alles aufs kürzeste und anmutigste bewiesen und mit unumstößlichste be­hauptet."

leit nützlich

2lls ein Vorkämpfer des Pfeifchens der Damen trat auch ein Mann hervor, der holländische Arzt Dr. D e i n t e m a, der 1743 einever­nünftige Untersuchung" über die Frage erscheinen ließ, obgalanten und anderen Frauenzimmern nicht ebenso als den Mannespersonen Tabak zu rauchen erlaubt und ihrer Gesundh" sei-" Der Doktor fand,daß der Tabak unschätz­bar fei, dahero er diejenigen, welche noch ohne denselben ein elendes Leben führen müßten, zu beklagen habe. Zum Voraus w ll ich nur soviel erinnern, daß es e n recht löbliches Unterfangen fei, wenn sich das Frauenzimmer das Herz nimmt, ein Pfeifchen Tobak zu rauchen. Es hat

Geschlecht mit dem Mannsvolk gleiches Recht."

Dauchen unter dem schöneren Ge­schlecht viele Anhängerinnen fand, geht aus manchen Klagen der Sittenprediger hervor. So nLcln^m Abraham a Santa Clara, daß i^oen Weibern das Tobak-Rauchen so schon an- ftefeet als wie dem Bären das Schwebel-Pfeifen." In England wollen fich jedenfalls die Damen die Pfeife nicht mehr nehmen lassen. Es hat sich Klub der Pfeifenraucherinnen gebildet, an Mfen Spitze die begabte Schriftstellerin Daphne d u M a u r i e r, die Enkelin des berühmten Zeich- ners und Dichters George du Maurier steht.

Diese reizende junge Dame erscheint in der Oeffentlichkeit nur mit ihrer kurzen Pfeife, die sie anmutig zu handhaben weife, und sie findet einen immer größeren Kreis von Anhängerinnen, die auf diese Weise ihre völlige Gleichberechti­gung mit dem andern Geschlecht beweisen wollen.

Flüsteckneipe und Tanzschule.

Der Seemann hat es nicht gut in Neuyork. Zwar Landsleute findet er genug, und jedes Volk hat in Manhattan fein Viertel. Die deutschen Seeleute fahren die 3. Avenue hinauf bis zur 86. Straße, da ist das deutsche Dergnügungsviertel. ein winziges St. Pauli aber auch dasDeutsche Theater" und dieSpeakeasies. Die gibt es auch in den Italiener, vierteln, bei den Negern, bei den Schottländern (ob- gleich die wirklich so geizig sind wie in den Witzen). Speakeasy, d. h. Sprich leise! Und es wird auch leise gesprochen in diesen kleinen Lokalen. Man geht eine Treppe hinauf, klopft an, ein Guckloch öffnet sich, man sieht ein Auge, das sich selten irrt, denn kaum je wird jemand Unrechtes in ein Speakeasy gelassen. Man bekommt hier Alkohol, soviel man will, bösen Alkohol, guten Alkohol, am häufigsten den in tonzen- trierter Form (weil der am leichtesten zu schmuggeln ist). Am schwierigsten zu schmuggeln, und deshalb am teuersten, ist übrigens deutsches Bier. Neuyork ist ein trauriges Pflaster für Seeleute, die Tour dahin ist unbeliebt. Denn es gibt hier wenig freund, willige Mädchen, und mancher Matrose und Heizer muß, um überhaupt mal wieder ein bißchen was Blondes und Nettes im Arme zu haben in die Tanzschulen" gehen. Heinz L i e p m a n n' schildert sie im Oktoberheft von Delhagen & Klasings Monatsheften: Zehn Cents kostet ein Tanz. 2". der Mitte steht die Misses, unendlich dick und breit: sie klatscht in die Hände, und ein kleiner dünner Herr beginnt sofort ein Orchester, das außer ihm noch einen Klavierspieler und einen Saxophonisten ent­hüll er selbst spielt Geige zu dirigieren. Die jungen Mädchen^ zwischen dreißig und fünfzig, alle mit sehr kurzen weißen Kleidchen und blauen Schleifen im Haar, knicksen vor den Seeleuten. Ein schauerliches Bild^ und ej entbehrt nicht jener wilden Komik, die ans Tragische grenzt. Nach Wochen und Monaten und Jahren Dumpfheit und Arbeit und ewig nichts als Meer ein wenig Duft, weiße Händchen, weiche Stimmen, ein kleines hohes Lachen, eine Erinnerung so tappen denn die harten, festen Kerle in ihren schweren Stiefeln, breitbeinig noch von der See, mit diesen alten, müden Mädchen herum, die frisch und strahlend lächeln müssen: zehn Cents pro Tanz, zweiundvierzig Pfennig.