Ausgabe 
12.10.1932 Erstes Blatt
 
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England in Erwartung Herriots.

Oie Times an Herriot.

London, 12. Dtt (WTB. Funkspruch.) In einem an di« Adresse Herriots gerichteten Artikel weistTimes" auf die allgemeine Stimmung der britischen Oeffenllichteit hin, die in gewissem Sinne zweifellos den deutschen Anspruch auf gleiche Rechtsstellung unterstütze. Die öffentliche Meinung Englands glaubt nicht, fährt das Blatt fort, an die Möglichkeit wirksamer Zusammenarbeit zur Abrüstung oder zur Förderung des Friedens, solange ein Teilnehmer an der Aussprache als untergeordnet in seiner Stellung oder in feinen Rechten gilt. Das Blatt übt Kritik an den jüngsten Kundgebungen in Deutschland, die es als militaristisch bezeichnen zu können glaubt, und erklärt, es begreife vollauf die tiefe U n ruhe Frankreichs. Die öffentliche Meinung Englands sei der Ansicht, daß eine Anerkennung des Grundsatzes der gleichen Rechtsstellung auf der Grundlage der Verminderung und nicht, der Vermehrung der Rüstungen erfolgen muß. Sie sei gegen alle einseitigen Verpflich­tungen und vor allem gegen alle sepa­raten militärischen Alliancen, die nach ihrer Ansicht mehr Gefahren Hervorrufen als ver­hüten.Times" veröffentlicht weiter ein längeres Schreiben zur Abrüstungsfrage, dos vielen be­kannten Persönlichkeiten des briti­schen öffentlichen Lebens unterzeich- n e t ist, unter anderen von Lord Cecil, Lloyd George, Lord Grey und Sir Walter L a y t o n. In dem Schreiben wird gesagt, daß an der mora­lischen Verpflichtung zur allgemeinen Abrüstung kein Zweifel bestehe. Bei der gegenwärtigen Lage seien nur drei Ausweae möalich, entweder derartig weitgehende Abrüstung, daß di« Welt und die gemäßigteren Kreise in Deutschland befrie­digt sind, oder ein einseitiges Vorgehen Deutschlands oder eine Vereinbarung über ein begrenztes Aufrüsten Deutschlands. Die Unterzeichner des Briefes sprechen sich ent­schieden für das erste Verfahren aus, für

bas Präsident Hoover und Mussolini mit ihren Vorschlägen eine Grundlage gegeben hätten. Amerikanische Fühlungnahme

in London.

Besprechung über bic Leerüftung.

London, 11. Oft (ENB.) Der amerikanische Delegierte auf der Abrüstungskonferenz, Norman Davis, halte heute eine einstündige Bespre­chung mit Macdonald. Gegenstand der heu­tigen Unterredung soll die Erörterung der Unter­schiede zwischen dem britischen Abrüstungs- plan und dem Hooverplan gewesen sein. Die politischen Kreise bringen den Beiuch mit der ge­planten Viermächtekonserenz in Serbin» düng und meinen, er werde für diese förderlich sein. Das Hauptinteresse konzentriert sich jedoch aus den bevorstehenden Besuch Herriots, der weniger der Erörterung der deutschen Gleichberechtigungs­forderung dienen solle als der Information Mac­donalds über die Einzelheiten des neuen fran­zösischen Abrüstungsoorschlags.

Die Unterredung Macdonalds mit dem Amerika­ner Norman Davis erstreckte sich fast ausschließlich auf Fragen der S e e a b r ü st u n g. Es handelt sich darum, die Engländer zur Annahme der Hoooerschen Vorschläge zu überreden, die eine Herabsetzung der gesamten Schiffstonnage um etwa ein Drittel unter Beibehaltung öer jetzigen großen Linienschiffe vorsehen, während England die Theorie der kleineren Linienschiffe jedoch unter Beibehaltung oder vielleicht Vermehrung der jetzi­gen Schiffszahl verteidigen wird. Es verlautet, daß die Unterredung keine bemerkenswerten Fortschritte zur Ueberbrückung der gegensätzlichen Auffassungen gebracht hat. Anscheinend hat sich Macdonald da­hinter verschanzt, daß er zunächst den Besuch Her- riots abwarten müsse. Die Seeabrüstung wird also auch eine erhebliche Rolle in der Unterredung zwi­schen Macdonald und Herriot spielen.

Der Kriegsgefangene Nanbmann als Schwindler entlarvt.

-Oie Eltern -es toten Kriegsgefangenen getäuscht.

Oer falsche Oaubmann gesteht.

Freiburg, 11. Oft (121.) Die aus zuverlässiger Quelle verlautet, hat der angebliche Kriegsgefangene Oekar Daubmann bei seinem Verhör durch Beamte des Landespolizeiamts Karlsruhe gestanden, nicht der wirkliche Oskar Daubmann zu sein. Er gab zu, daß seine Angaben nicht in allen Teilen auf wirklichen Erlebnissen beruhen. Oskar Daubmann ist heute abend verhaftet worden. Lr sollte am Dienstag in einer Versamm­lung in Schopfheim über seine Erlebnisse als Kriegs­gefangener sprechen, wurde aber unerwartet bei seiner Ankunft in Freiburg festgehalten und auf dem Bezirksamt einem stundenlangen Verhör durch höhere Beamte des badischen Innenministeriums unterzogen, in dessen Verlauf er ein Geständ­nis a b l e g t e.

Die dievofsische Zeitung noch berichtet, geschah die FestnahmeDaubmanns in Freiburg a u f Grund von Fingerabdrücken, die durch das Landespolizelamt in Lndingen, woDaub­mann einem ehemaligen Fremden­legionär aus Essen gegenübergestellt worden war, wobei sich erneut schwer belastende Momente gegen ihn ergaben. Auf Grund der Ab­drücke wurden im Archiv des Polizeiamts d i e tatsächlichen Personalien des Schwind­lers festgestellt, der ein mehrfach vorbe­strafter Verbrecher ist. Der falsche Heim­kehrer soll ein von der Polizei seil Jahren gesuchter Verbrecher namens Christian Hummel aus Offenburg sein, der von Beruf Schneider ist und 1922 aus der Schweiz ausgewiesen wurde. Die vorhandenen Bilder des Schwindlers ergänzten die I Fingerabdrücke, so daß das Landespolizeiamt durch

Funkspruch sofort seine polizeiliche Festnahme anordnete. Unter der ungeheueren Anschuldigung brach der Schwindler schließlich zusammen und legte ein Geständnis ab. Der angeblicheDaubmann wurde ins Freiburger Gefängnis eingeliefert. Der wirkliche Oskar Daubmann, der vor 16 wahren während des Krieges vermißt gemeldet wurde, ist, wie jetzt amtlich ausdrücklich festgestellt wird, nicht mehr am Leben.

Die Aufklärung des Falles Daubmann, der seit Lude 2Hai d. 3. die Oeffentlichkeil lebhaft beschäf- tigt, hat in Oberbaden größte Bestür­zung hervorgecufen, zumal es der angebliche Daubmann verstanden hat, viele ehemalige Kriegskameraden des Daubmann und so­gar dessen Ellern und Angehörige zu täuschen.

Wer istOaubmann"?

In einer Pressebesprechung machte Regierungsrat Ramsperger vom Landespolizeiamt Karlsruhe Mitteilungen über die Entlarvung des Schwindlers. Daubmann wollte zunächst keine Angaben machen und verschanzte sich wiederum hinter dem italienischen Dampfer, den er nicht nennen wollte, um sein Wort nicht zu brechen. Es erfolgte dann eine Gegenüber­stellung mit einem Manne namens Krüger aus Essen, der Daubmann in der Fremdenlegion gesehen haben wollte. Als Krüger das Zimmer betrat fiel auf, daß Daubmann den Mann fast anschrie:den Mann kenne ich nicht!" Daubmann war er­sichtlich unangenehm berührt, daß man jeder seiner Bemerkungen nachging. Der angebliche Bajonett- ft i ch hat sich als eine ganz gewöhnliche Magen- o p e r a t i o n herausgestellt. Auf Grund der Finger-

abdrücke ist es dann am anderen Tage gelungen, fest- zustellen, daß es sich nicht um Daubmann, sondern um den Schneider Karl Ignaz Hummel handelt, der 1899 in Oberwil im Kanton Basel ge­boren und in Hofweiler bei Offenburg ansässig war. Es ergab sich weiterhin, daß Hummel in Offen­burg verheiratet ist und schon seit längerer Zeit von seiner Frau getrennt lebt. Hummel gab zu, daß er 1909 und 1910 in Cnöingen b i e Volksschule besuchte und dort mit Oskar Daubmann befreundet war. Hummel wußte auch, daß Daubmann im Weltkrieg gefallen ist. Hummel ist nie in Afrika ge­wesen.

Wie Frankreich seinen Gtaais- haushali sanieren will.

Paris. 11.Oft. (WTB.) Die Maßnahmen, durch die der Finanz- und der Budgetminister den nächstjährigen Haushaltsplan auszugleichen beabsichtigen, sehen vor: 1. Steu­erliche Mehranforderungen in Höhe von 2,5 Milliarden Francs. 2. Abstriche am Ausgabenbudget in Höhe von 5,9 Mil­liarden Francs. Unter Berücksichtigung einer bereits vor Schluß der ordentlichen Parlaments- session verabschiedeten Finanzsanierungsvorlage, die 2,1 Milliarden Einsparungen erbringen soU, und der aus der Rentenkonvertierung sich er­gebenden Einsparung von 1,3 Milliarden würde der nächstjährige Haushaltsplan um insge- samt 11,8 Milliarden entlastet werden. Die Durchführung dieses Programms dürste nicht ohne scharfe ParlamentarischeKämpfe abgehen, wenn man berücksichtigt, daß unter der Ausgabeneinschränkung auch eine Kürzung der D e a m t e n g e h ä l t e r und Pensio­nen von insgesamt 1,3 Milliarden, Abstriche der Bezüge der ehemaligen Front­kämpfer in Höhe von 800 Millionen und Streichung der Pensionen für wiederverhei- ratete K r i e g e r w i t w e n in Höhe von 200 Millionen vorgesehen sind.

Oer neue Kurs in Ungarn.

Gömbös vor dem Parlament.

Budapest, 11. Oft. (TU.) Der neue ungarische Ministerpräsident Gömbös hielt im Parlament seine Programmrede. Er bezeichnete den Klassen­kampf als überholt und erklärte sich als An­hänger des Gleichgewichts zwischen Arbeit und Kapital, das herzustellen er entschlossen sei. Die Führung der Arbeiterschaft dürfe nicht weiter ein Monopol der Sozialdemo­kraten fein. Die Paneuropa-Idee sei undurch­führbar. Er arbeite für einen osteuropäi­schen Staate NH usammenschluß. Ungarn müsse sich in die Lebensgemeinschaft der Donau­staaten einfügen. Die Friedens Verträge seien er­niedrigend. 3n der Zeit von Friedens- und Ab­rüstungskonferenz könne es nicht weiter ge­ächtete Rationen geben. Ungarn wünsche keine Aufrüstung. Es wolle aber seine Selb­ständigkeit schützen können. Ungarn wünsche, daß sich die politischen und hande^poli- tischen Beziehungen zu Deutschland und Oe­sterreich immer besser gestalteten. Gömbös erklärte sich für den konfessionellen Frieden. Auch der 3ube sei, wenn er sich in die ungarische Schicksalsgemeinschaft einfüge, fein Bruder. Rot­wendig fei ein allgemeines geheimes Wahlrecht, allerdings unter Sicherung der nationalen Inter­essen. Eine Diktatur strebe er nicht an. Als die Sozialdemokraten daraus eine höhnische Bemerkung machten, sagte Gömbös, die Herren mögen wissen, daher eine gesunde kapi­talistische Politik machen wolle. Die So­zialdemokraten lebten von den Auswüchsen und Mißbräuchen des Kapitalismus.

Schwierige Finanzlage -er Sia-i Ouisburg.

Duisburg-Hamborn, 11. Oft. (ERD.) Sie städtische Kasfenlage hat eine derartige Zu­spitzung erfahren, daß die Stadtverwaltung am 10. Oktober nicht in der Lage war, die zweite Rate der Deamtengehälter zur Auszahlung zu bringen. Cs ist vorläufig die Regelung getroffen worden, dah Beamte und Angestellte mit einem monatlichen Rettoeinkom- men bis zu 150 Mark 50 Mark ausgezahlt er­

hallen. Wie verzweifelt augenblicklich die Finanz- läge der Stadt ist, zeigen die folgenden Zahlen: Die Fürforgelasten in Duisburg-Hamborn haben im vergangenen Monat die bisher noch nicht dagewefene Höhe von 2L Millionen Mark erreicht. Die gesamten Steuereinnahmen erreichen augenblicklich im Monat den Betrag von 1 Million Mark. Die Beamten- und Angestelltengehälter erfordern monat­lich 585 000 Mark, die Ruhegehälter 115 000 TEIL Wenn man diese Zahlen mit den Fürsorgelasten vergleicht, so zeigt es sich, daß der städtische Haushalt nur noch vom Wohlfahrtsamt bestimmt wird.

Kleine politische Nachrichten.

Reichskanzler von Popen beabsichtigt, sich auf der am 24.Oktober in Berlin ftattfinbenben Ober« meistertagung des Berliner und mär­kischen Handwerks über die Stellung der Re­gierung zu den Fragen des Handwerks zu äußern. Die Kanzlerrede soll auf alle deutschen Sender über­tragen werden.

*

Die Reichsregierung stellt zu den im Vorwärts" Rr. 480 vom 11. Oktober unter der AeberichriftLlmtriebedesExkronprin- z e n veröffentlichten Gerüchten über eine an­gebliche Einsetzung des früheren Kronprinzen zum Reichsverweser und die daran geknüpften Kombinationen fest, daß es sich hierbei um ein reines Phantasieprodukt handelt.

3n der Presse der NSDAP, wird die Nachricht verbreitet, daß unter den vom preußischen Staats­ministerium in letzter Zeit vollzogenen Beamten- ernennungen sich vier Herren befinden, die, wie der Reichsinnenminister, der Altherren­schaft des Korps Saxonia zu Göttingen angehören und daß diese Ernennungen auf den Reichsinnenmini st er zurückzuführen seien. Demgegenüber wird amtlich festgestelli, daß der Reichsinnenminister mit den Personalverände­rungen in Preußen nichts zu tun hat. Auf die Ernennung der vier Herren ist weder unmittelbar noch irgendwie mittelbar ein Einfluß durch den Reichsinnenminister ausgeübt worden. Die Behaup­tungen der Presse der NSDAP, sind also völlig aus der Luft gegriffen. Das preußische Staatsministerium hat die ernannten vier Herren für ihre Stellungen als geeignet angesehen, ohne sich darum zu kümmern, ob diese Herren zufällig Korpsbrüder des Reichsinnenminifters sind.

In dem Programm der großen Koburger Hitlerkundgebung am 15. und 16.Oktober waren auch ein P r o p a g a n d a u m zu g sowie große Standkonzerte vorgesehen. Auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten wurden diese Veranstaltungen verboten, iedoch darf die Kund- gebung auf dem DfB.-Sportplatz am Sonntagvor- mittag, auf der Hitler spricht, abgehalten wer­den. Zu der Veranstaltung anläßlich der zehnjährigen Wiederkehr des Tages, an dem Hitler von München aus feinen ersten nach Koburg führenden Marsch angetreten hatte, werden 3040 000 Braunhemden erwartet.

DerAngriff" veröffentlicht das Schreiben von Dr. Goebbels an die Deutschna- tionaleil, in der er die Aufforderung an* nimmt, in einer deutschnationalen Vettamm- lung als Diskussionsredner zu sprechen. Wie derLokalanzeiger" mitteüt, kommt hierfür wahrscheinlich eine deutschnationale Dersamm- hmg am 19. Oktober in Frage, in der Schmibt- Hannover und Steuer, W. d. L.. sprechen wer­den.

Der ehemalige ungarische Kultus- und Unterrichts­minister Graf Klebelsberg, der an Para­typhus erkrankt war, ist im 57. Lebensjahr g e- ft o r b e n.

3n Abessinien hat der Sohn des Ras H a i l u, der kürzlich wegen Hochverrats zum Tode ver­urteilt, aber vom Kaiser begnadigt worden war, einen Auf st and gegen die Regierung angezellell und den vormaligen Wohnsitz seines Vaters, Debra Markos, in Besitz genommen. Die Aufständischen werden von Regierungstrup­pen belagert.

9. Fortsetzung.

Rachdruck verboten!

Kampflustig fragte es Mutter Dolscher.

Die beiden Frauen beeilten sich, ihr zu ver­sichern, daß für die kleine, feine Traute grobe Arbeiten nicht in Frage kämen.

»Ra also!"

Mutter Dolscher legte jeder der Frauen noch em ansehnliches Stück Fleisch auf den Teller.

.Am Spätnachmittag fuhr dann Vater Dolscher nut dem Fuhrwerks vesiher Imme! und dessen bestem Geschirr zur Bahn, um Traute abzuholen.

Pünktlich lief der Zug ein, und unter ver­schiedenen anderen Fahrgästen der Bahn er­blickte Bolscher eine schlanke, seine MSdchen- gestalt, die sich ein bißchen fremd umblickte.

Trautel!?"

Dem alten Manne zitterte die Stimme. Väterchen!"

Traute hing schon an seinem Halse und weinte und lachte. Und er strich immer wieder täppisch-

*4» über das feine Gesicht, das so rosig und blühend unter dem grauen Reisemützchen her- vor, ah.

Imme! lud die großen Koffer auf, und dann fuoc man nach Hause.

3mmel feiner neugierig auf» ?rau' <r wahrhaftig nicht wisse, nrit.iSf f.,nc- lunge Dame draußen in der Arve lerkolome anzufangen gedenke. Die passe doch tm Leben nicht mehr dahin.

Seme Frau nickte befriedigt.

aufgeblasene Pute ist's natürlich miH? m n ber fremden großen Stadt, und nun IST * nicmanI) mehr gut gc-

3aubcc Iann i-d mit

RichtS lannfte!

Ä * ®a"n ,c8k « "w°s gc. ®ie dumme Pute bist du, wenn du denkst, daß

3os 6IM fort Den Bei

Roman von Gert Gothberg.

Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)

die Traute etwa stolz und eingebildet geworden ist. Ree, ein liebes, natürliches Ding ist sie, und zum Anbeißen sieht sie aus. älnser Hans könnte eigentlich beweisen, daß er ein hübscher Kerl ist und auch Schneid besitzt."

Ach, du meinst? Aber sie hat doch nichts?" sagte seine Frau.

Die braucht nichts. Aber sie wird eine an­ständige Aussteuer mitbrirgen, verlaß dich drauf, llnb Dolschers haben feine.. Menschen wie das Mädel, und denkst du vielleicht, daß die so ohne sind?"

Das Immelsche Ehepaar schmiedete Pläne, und als Hans, ein großer hübscher Bursche von sechs­undzwanzig Jahren zum Abendessen hereinkam, war er allerhöchst verwundert, die Eltern so ein­trächtig beieinander auf dem Sofa sitzen zu sehen.

Er freute sich dieser seltenen Eintracht sehr, und es wurde ein gemütlicher Abend, wie er selten bei Immels war. Man fing auch von Traute an; doch Hans meinte, ob seine Eltern sich das richtig überlegt hätten? Hierher gehöre eine Frau, die mit zupacken könne, aber feste. Ob man das etwa der stillen, feinen Traute anmuten wolle? llnö dann sei er auch längst versprochen, und zwar mit der Emma, die seit drei Zähren im Haufe war und ihren Dienst zur größten Zufriedenheit aus­füllte.

Jetzt allerdings, nach diesem Geständnis des Sohnes, schien es Frau Immel, als sei noch nie ein guter Faden an dem Mädel gewesen, dcmn wie hätte sie sich denn sonst erdreisten können, die Augen, ihre allerdings recht hübschen schwar­zen Augen bis zu dem einzigen Sohne ihrer Dienstherrschaft zu erheben?

Hans rauchte gemütlich seine Zigarre, und ihm war weder im Guten noch tm Dösen beizukommen.

Dräute packte ihre Sachen aus daheim in ihrem kleinen Mädchenstübchen. Sie war sehr glücklich, wieder daheim sein zu können. Die Eltern sahen auf dem kleinen Sofa und sahen ihr zu. Es war eine Feierstunde für sie. Plötzlich wandte sich Traute zu ihnen.

Ach, Vater, Mütterchen, was soll ich denn aber nun eigentlich anfangen? Ich muß doch ar- beiten?

Vater Dolscher machte ein geheimnisvolles Ge­sicht, während die Mutter sagte:

Schließlich bin ich ja auch nicht mehr die Jüngste, und ich denke schon, daß es für dich Ar­beit geben wird, Trautel. '

Ra, ich kann es euch ja gleich sagen. Traute! soll ins Laboratorium zu Herrn Lohgarten. Sie bekommt gleich ein festes Gehalt von hundert Mark im Monat und im zweiten Jahr mehr. Was sagt ihr dazu?"

Vater Dolscher blickte die Seinen triumphie­rend an.

Seine Frau schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.

Aber, Vater, wie kannst du nur so hinterlistig fein und mir so einen Glücksfall verschweigen?" sagte sie dann.

Traute aber stand regungslos da.

Es ließ sich nicht beschreiben, was in ihr tobte. Abwehr, Freude, Angst und Glückt

Sie sollte zu ihm? Sollte um ihn fein dürfen? Sollte in. seiner Rähe arbeiten?

War dieses Glück denn nur zu fassen?

Wenn die Eltern wüßten, wie oft sie sich in diesen letzten Wochen Vorwürfe gemacht, weil sie sich am meisten darauf freute, Herrn Loh- garten wieder einmal sehen zu können, wenn sie erst wieder daheim war. Er war ihr der liebste Mensch, seit sie ihn kannte.

Wenn die Eltern davon eine Ahnung hätten!

Sie verdienten es doch in erster Linie, dah ihre Liebe und Dankbarkeit ihnen gehörte.

Dennoch!

In ihre Gedanken kam immer und immer wie­der Herr Lohgarten! Jetzt aber wußte sie: sie liebte den großen blonden Mann mit dem ernsten, braunen Gesicht!

Wenn die Eltern das wüßten!

Wenn er selbst das ahnen würde!

Traute senkte plötzlich das reizende junge Ge­sicht tief tief.

»Was hast du denn, Traute? Ich dachte, du würdest dich freuen?" fragte der alte Mann.

Da stürzte sie hin zu ihm. verbarg das Gesicht an seiner Schulter, sagte:

Ich freue mich doch so sehr. Es kam mir nur so unerwartet. Lind es ist doch solch ein großes Glück, daß ich mm bei euch bleiben darf und mir

nicht irgendwo draußen eine Stellung suchen muß."

Vater Dolscher lächelte zufrieden.

Ra, siehst du, das habe ich ja gewußt, daß dich das freuen wird", sagte er dann.

Später saßen sie unten im Wohnzimmer um den runden Tisch und ließen sich das Abendbrot schmecken. Und dabei mußte das Mädchen erzäh­len. Die Alten wollten dies und jenes willen. In Traute aber klang immer nur der eine Aame: Fritz Lohgarten!

Und auf einmal schien eS ihr so schwer, in seiner Rähe zu fein. Wohin sollte es denn führen? Sie würde sich immer und immer wieder ängst­lich bewachen müssen, daß nicht ein Dlick von ihr ihm verriet, was sie für ihn fühlte.

Sie hätte sich ja todschämen müssen.

Für alles Gute, das er an ihr getan, nun diese Anmaßung, über die er gewiß nur lächeln würde, wenn er eS wüßte.

Der Abend wurde sehr traulich. Traute spielte Klavier, und die beiden Alten saßen regungs­los da.

Draußen lauschten die Rachbarn.

Sie waren restlos begeistert: aber Heinrich Zohnas meinte, daß die alten Dolschers der Traute doch lieber nicht hätten solche große Rosinen in den Kopf setzen sollen, denn wer toeifc, wohin daS führe. So viel sei doch jetzt daS Mädel nun niemals eine ordentliche einfache Arbeiterfrau werden könnte und das gewiß auch gar nicht wollte.

Oller Reidhammelp' sagte Vater Zetter und machte damit der Sache ein Ende

Da am Rachmittag ein UeberfaH in der Rähe bet Duschmühle passiert war, unterhielt man sich noch ein Weilchen darüber. Dann aber wurde e£ bod) wohl Zeit, zur Ruhe zu gehen.

Das Klavierspiel in Vater Dolschers kleinem Hause war jetzt auch verstummt.

älnd bald lag alles in tiefstem Frieden rings­um. Rur oben im Giebelstübchen brannte noch etn einsames Licht.

stand am Fenster und sah hinüber zu den dunklen Gebäuden, die sich lang binstreckten und die einst die stolzen Werke der Lohgarten s gewesen waren.

(Fortsetzung folgt)