Ausgabe 
12.10.1932 Erstes Blatt
 
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Aus -er Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 12. Oktober 1932.

Die langen Abende.

Die Sonne wird jetzt früher als in den Vor­monaten wandermüde. Morgens findet sie schwer aus den Federn, und abends schlüpft sie immer zeitiger in weiche Wolkenbetten. Wir waren von der Sonne und ihrem Lichtsegen verwöhnt. Die Sehnsucht nach dem Genuß der Ratur in Feld und Wald will uns verdrießlich werden lassen, ehe wir uns dem Wechsel der Zeiten unterwerfen. Die Sonne schläft. An ihrer Statt leuchtet das künstliche Lichtzu den Darbietungen der Winter­abende, die Wiese, Wald und Feld vergessen machen. Die Theater öffnen die Pforten für ihre Spielzeit. 3n den Konzertsälen klingen die Schöp­fungen unsterblicher Meister und halten uns gefangen im Dann ihrer Tone. Vortrags- und Rezitationsabende machen uns mit der Wissen­schaft und der Dichtkunst bekannt und vermitteln, wo selbst das Verständnis für das rechte Lesen fehlt, zwischen Verfasser und Hörer, beide ein­ander näherbringend.

Ganz besonders beglückte Menschen haben in ihrem Heim und in ihrem Herren der Kunst einen Tempel errichtet. Musik und Gesang werden eifrig gepflegt, gute Literatur wird gelesen und besprochen, in Handfertigkeiten werden kleine Kunstprodukte geschaffen. Dreimal glücklich, wo ein Kreis solcher Menschen zusammen ist. Auch einsame Menschen können über die langen Abende hinwegkommen in ihrem Heim. Bücher sind liebe Freunde. Sie führen aus den engen Wänden hinaus über Berg und Tal, lassen uns Rachti- gallenklang hören oder das Rauschen des Meeres. Sie entführen uns in eine Tropenlandschaft oder in die Eiswälder der Arktis. Che man es gedacht, find die Abendstunden vorüber. Roch stehen wir im Dann des Gelesenen und Miterlebten.

Die kurzen Tage bringen aber auch die trau­lichenSchummcrstündchen", die ihren eigenen Zauber haben. Das Dämmerlicht verwischt die harten Konturen der Gegenstände und Gestalten. Sie werden weich in den Linien, verwischen und lassen sich umformen. Eine bessere Gelegenheit für Unwirklich leiten gibt es wohl kaum, als Lieser Uebergang vom hellen Tag zur gänzlichen Finsternis. Las ist die rechte Zeit zum Märchen­erzählen. Die Feen und Hexen, die Zwerge und Wichtlein, sie scheinen in den Zimmerecken zu hocken. Es ist sogar, als wäre ein heimisches Wispern hörbar... Das Lampenlicht macht aller Heimlichkeit und allem Spuk ein Ende. Die Kinder reiben sich die Augen und seufzen tief auf. Sie kommen wirklich aus einer andern Welt...

Die kurzen Tage haben auch ihr Gutes. Man muh sie nur nicht als die Gegner des Sommers ansehen, sondern als seine Ergänzung. Die langen Tage lockten uns hinaus, und die kurzen führen uns wieder zurück ins Haus zu stillen, innerlichen Freuden. M. G r ö h n.

Der Broipreis in Gießen.

Den Zeitverhältnissen Rechnung tragend, haben die Mitglieder dec Bäcker-Znnung Gießen den Drotpreis wiederholt gesenkt. Während zu De- flirnt dieses Jahres der 4-Pfund-Laib Roggen­brot 80 Pf. kostete, wurde der Preis für das gleiche Drotgewicht Anfang' April auf 75 Pf. ermähigt. Der nächste Preisabschlag erfolgte An­fang Juli auf 73 Pf. für den 4-Pfund-Laib Roggenbrot, dann sank der Preis auf 70 Pf., und seit etwa einer Woche ist er auf 65 P f. X>to 4-Pfund-Laib herabgesetzt worden. Diese Preisentwicklung für das Drot in Giehen ist um so anerkennenswerter, wenn man bedenkt, daß der Preis für einen 4-Pfund-Laib Roggen­

brot in ollen anderen Gegenden Hessens weit über dem Gießener Preis liegt: in zahlreichen Orten kostet ein 4-Pfund-Laib Roggenbrot noch qa m ?6 $!' Durchschnitt ergibt sich in etwa 20 Preisbezirken des Landes ein Preis von 70 Pfennig, gegen 65 Pf. pro Laib in Gießen. Aus dieser Sachlage sollten die Gießener Haus­frauen die Schlußfolgerung ziehen, daß sie sich bei der Deckung ihres Drotbedarfs den niedrigen Preis des heimischen Bäckereigewerbes zunutze machen, durch regen Kauf die Aufrechterhaltung des gesenkten Preises ermöglichen, zugleich aber auch dem in Giehen steuerzahlenden Handwerk, das zu den Lasten der Stadt in starkem Mähe herangezogen.wird, eine wirtschaftliche Stärkung zuführen sollten.

Seltsame $rou.

Ich kenn' eine Frau. Wie Sonnenschein seh' ich sie immer glänzend strählen.

So gertenschlank, so zart und fein. Ein schönes Bildnis, wie zum Malen.

Nie sprach sie je ein böses Wort. Maßgebend ist ihr nur mein Wille Und bleib ich abends spät mal fort, so wartet sie in rührender Stille.

Es gibt wohl nichts, was sie verdrießt. Bei Wind und Wetter zeigt sie Ruhe; ist ohne Sorge, wenn es gießt, um Dauerwellen, Strumpfe und Schuhe. Man sagt wohl mal von. Zeit zu Zeit, daß nur für Reisen stets ihr Sinn sei, und daß ihr glänzend schönes Kleid doch etwas reichlich knapp und dünn sei. Indessen ist ihr einerlei was andre Frauen von ihr denken.

Auch wird sie keinem, wer's auch sei, Beachtung oder Liebe schenken.

Sie fragt mich nicht nach wo und wie. Sie raucht nicht, wird sich niemals zieren, und ihre Schlankheit wird sie nie im Lauf der Jahre je verlieren.

Sie kennt die Kunst, bei Lust und Leid in Anspruchslosigkeit zu strahlen.

Nur einmal, für ein neues Kleid, mußt ich vier Mark und dreißig zahlen.

Und fragt Ihr mich, wie alles geht, und fehlt Euch allen auch der Glaube: Verchromt, als tauchende Venus steht die Kleine auf meiner Kühlerhaube.

Puck.

Spenden

für die Gießener Winternothilfe.

Wie uns vom städtischen Wohlfahrtsamt mit- geteilt wird, sind bei der Gießener Win­ternothilfe 1932/33 folgende Spenden für di« hilfsbedürftigen Mitbürger zu verzeichnen: Don der Firma Bär & Wetterhahn 100 Zentner Kartoffeln, von Herrn Siegmund Ham­me r s ch l a g i. Fa. Kann & Söhne auf di« Dauer von 6 Monaten allmonatlich 50 Laib Brot.

rvornottzen.

Tageskalender für Mi ttwoch: Stadttheater, 20 bis 22 Uljr,Der 18. Oktober". L^erhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplah, 15 bis 17 Uhr, Ausstellung. 50er- Dereinigung 1881/1931, 20.30 Uhr, b«i Kimpel, General-Versammlung. Lichtspielhaus, Bahn­hofstraße:Die verkaufte Brau?'.

Der Deutschnationale Handlung s- gehilfen-Verband, Ortsgruppe Gießen, oer- anftaltet am morgigen Donnerstag, 20.15 Uhr, im

Vereinsheim feine Monatsversammlung. Themen des Abends: Tariflage, Sozialpolitik, Kreistag, Winter- bilüungsarbeit. (Siehe heutige Anzeige.)

** Sitzung des Provinzialaus- s ch u s s e s. Am nächsten Samstag, 15. Oktober, 8.30 Uhr beginnend, findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Provlnzialausschusses der Provinz Oberhessen statt mit folgender Tagesordnung: 1. Beschwerde der Johanna Preih, geb. Kohl­meier, in Giehen, gegen den Bescheid der Bürger­meisterei Gießen vom 11. Mai 1932 wegen Ver­sagung der Erlaubnis zum Betriebe eines Unter­nehmens zur Abgabe von Milch. 2. Klage des Bezirksfürsorgeverbandes Hamburg-Stadt gegen den Bezirksfürsorgeverband des Kreises Fried­berg auf Erstattung von Kcan enhauspflegekosten für Richard Ott aus Güstrow. 3. Klage des Bezirksfürsorgeverbandes der Stadt Frankfurt am Main gegen den Bezirksfürsorgeverband des Kreises Friedberg auf Erstattung von Kranken­hauspflegekosten für Maria Grein aus Vilbel. 4. Klage des Bezirksfürsorgeverbandes Wetzlar gegen den Bezirksfürsorgeverband der Stadt Gie­ßen auf Erstattung von Fürsorgekosten für Jo­hann Vasen aus Köln. 5. Klage des Bezirks­fürsorgeverbandes des Kreises Erbach i. O. gegen den Bezirksfürsorgeverband der Stadt Gießen wegen Erstattung von Verpflegungskosten für Hans Müller aus Diedorf. 6. Klage des Bezirks­fürsorgeverbandes des Obertaunuslreises in Bad Homburg gegen den Landesfürsorgeverband Hes­sen, vertreten durch den Bezirksfürsorgeverband des Kreises Friedberg, auf Erstattung von Krankenhauspflegekosten für Johann Hühnlein aus Unter-Oerrthal.

** Zur Ablösung der Sonderge- bäudesteuer in Hessen. Durch Verordnung des Gesamtministeriums vom 6. Oktober, die ab 1. Oktober in Kraft trat, wird auf Grund der Zweiten Rotverordnung des Reichspräsidenten zur Aenderung der Vorschriften über die Ab­lösung der Gebäudeentschuldungssteuer vom 30. September 1932 bestimmt:Die staatliche und die kommunale Sondergebäudesteuer kann noch in der Zeit Dom 1. Oktober 1932 bis zum 31. März 1933 mit dem Dreifachen des vollen Jahresbetrages der Steuer abgelöst werden. In diesem Falle sind die für die Zeit vom 1. April 1932 bis zum 30. September 1932 erhobenen Sondergebäude­steuerbeträge xur Hälfte auf den Ablösungs­betrag anzurechnen. Die in der Zeit vom 1. Ok­tober 1932 bis zur Entrichtung des Ablösungs­betrages fällig gewordenen Sondergebäudesteuer­beträge sind neben dem Ablösungsbetrag zu zahlen. Cntgegenstehende Vorschriften der Aus­führungsverordnung zur Ablösung der Sonder­gebäudesteuer vom 18. Februar 1932 treten außer Kraft."

** Unterstützt die Werbung für den Kolonial-Gedanken! Man schreibt uns: Die in der kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft vereinigten Verbände (die Deutsche Kolonial- Gesellsch der Deutsche Kolonial-Krieger-Dund, der Deutsche Kolonialvcrein, der Frauenbund der Deutschen ^olonial-Gesellschast, der Frauenverein vom Roten Kreru für Deutsche über See und der Kolonial-Kriegeroank) veranstalten in dieser Woche eine Kolonialtagung in Berlin. Gleich­zeitig begeht die Deutsche Kolonial-Gesellschaft die Feier ihres 50jährigen Bestehens, während der Frauenbund auf ein 25jähriges Wirken zu­rückblicken tonn. Die Tagung wird den unab­änderlichen Kolonialwillen des deutschen Volkes zum Ausdruck bringen und mit Rachdruck die Forderung erheben, daß die Reichsregierung sich für die Wiedergewinnung unserer Kolonien mit unbeugsamer Energie einsetzen muß. Aus Anlaß dieser Tagung soll in Gießen, wie im ganzen Deutschen Reich, am Sonntag, 23. Oktober, eine

Straßensammlung stattsinden, deren Ertrag fift die deutschen Schulen und Krankenhäuser in Afrika bestimmt ist. Ferner wird die Gießener Abteilung des Frauenbundes der Deutschen Ko­lonial-Gesellschaft zur Feier ihres 25jährigen Bestehens am Samstag, 12. Rovember, einen Ko­lonial-Abend in den Räumen des Klubs ver­anstalten, zu dem die Einwohner unserer Stadt schon jetzt eingeladen werden.

** Sperrung der StraßeArn Kugel» b e r g". Das Polizeiamt teilt mit: Die StraßeAm Kugelberg" soll neu eingedeckt und gewalzt werden. Aus diesem Grunde wird die Straße für die Zeit vom 12. Dttober bis einschließlich 23. Oktober für Fahrzeuge aller Art polizeilich gesperrt. Die auf­gestellten Sperr- und Umleitungsschilder sind zu be­achten.

** Sonntagsrückfahrkarten zur Be­sichtigung des Do X. Aus Anlaß des Besuches des Riesenflugschiffes Do X in Frankfurt werden vom Bahnhof Gießen für den morgigen Donners- t a g Sonntagsrückfahrkarten nach Frankfurt bzw. Frankfurt-Griesheim ausgegeben. Die Karten haben von 9 bis 24 Uhr Gültigkeit. Bis 24 Uhr muß die Rückreise angetreten sein.

** Grund st ücksverpachtungen der Stadt Gießen finden am Montag und Dienstag nächster Woche statt. Näheres ist aus der heutigen Bekanntmachung der Bürgermeisterei ersichtlich.

* Goldene Hochzeit. Gestern beging das Ehepaar Gerhard B ö tz und Frau, Emilie geb. Unverzagt, in körperlicher und geistiger Frische das Fest der goldenen Hochzeit.

** Sie Haushaltungsschule des Alice- schulvereins und die bekannten Kurse in Weiß­nähen, Sticken und Schneidern beginnen am 17. Ok­tober. Die Haushallungsschule und sämtliche Kurse dauern, wie man uns schreibt, ein halbes Jahr; es sind aber auch kürzere von 13 Monaten vorgesehen. Ferner sei auf die Beratungsstunden für Damen, die selbst schneidern, aufmerksam gemacht. Siehe heutige Anzeige.

Wettervoraussage

Durch allgemeinen Barometeranstieg hat sich di« Störung über der Nordsee ausgefüüt, so daß ihr Einfluß bei uns zurück geht. Infolgedessen nehmen die anhaltenden Niederschläge ab. Allerdings tritt noch kein vollkommen trockenes Wetter ein. Die Wetterlage scheint später durch das Annähern eines neuen Tiefs einer abermaligen Verschlechterung entgegenzugehen. Staffeln milder ozeanischer Luft werden auch bei uns Vordringen und wieder mildes und regnerisches Wetter bringen.

Aussichten für Donnerstag: Bewölkt mit Aufheiterung, Temperaturen wenig verän­dert, Rachlassen der Riederschlagstätigkeit, jedoch noch vereinzelte Schauer.

Aussichten für Freitag: Erneuter Rückgang zur Wetterverschlechterung vorhanden.

Lufttemperaturen. Am 11. Oktober, mit­tags: 12,2 Grad Celsius, abends: 10,0 Grad Celsius; am 12. Oktober, morgens: 9,8 Grad Cels. Maximum: 13,0 Grad Celsius. Minimum: 8^8 Grad Celsius. Riederschläge: 7,5 Millimeter. Sonnenscheindauer: l1/* Stunde.

Erdtemperaturen in 10 Zentimeter Tiefe. Am 11.Oktober, abends: 11,1 Grad Celsius, am 12. Oktober, morgens: 10,0 Grad Celsius.

Sprechstunden der Redaktion«

11.30 bis 1230 Uhr. 16 bis 17 Uhr Samstag nachmittag geschlossen

Richt grübeln! - Frohe Se- danken fassen und Kaffee Hag trinken! Das schaffts!

mit Geld-Filmbildern in natürlicher Farbwiedergabe.

gibt es in Hülle und Fülle. Da braucht man nicht Fragen auf zu werf en, die bereits be­antwortet sind.

Das Zigaretten-Problem ist seit 50 Jahren in Deutsch­land gelöst.

Die führendeZigarette dreier Generationen war immer die milde

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