Die Heimkehr der deutschen Delegation.
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In der Mitte: Reichskanzler v. Popen wird von dem Reichsinnenminister Frhrn. v. (3a t) I begrüßt. Zwischen beiden Wirtschoftsminister Prof. Warm bald. Links: Ministerialdirektor Gauß.
kerslühl von Maßnahmen, die die Reichsregierung nun im Inneren unverzüglich von sich aus ergreifen m i r d, um das moralische Ergebnis des Lausanner Vertrages auf die deutsche wirtschaft zu übertragen, wird es abhängen, ob unsere Unterschrift im Interesse des deutschen Volkes richtig gewesen ist oder nicht. Das Reichskabinett ist einstimmig der Ansicht, daß kein anderecweghat beschritten werden können.
Neuer und alter Zahlungsmodus.
Minister Warmbold stellt Pergleiche an.
Im Anschluß an die Ausführungen des Reichskanzlers erläuterte Reichswirtschaftsminister Prof. Warmbold die wirtschaftlichen Auswirkungen des Lausanner Abkommens. Der Minister wies einleitend darauf hin, daß die Reichsregierung der gesetzlich ein gegangenen Verpflichtungen gegenüberstand, mit 10 Annuitäten von je 19Ö Millionen Mark ab 1. Juli 1933 das S) o o = v er Moratorium abzujösen. Diese unbedingte Verpflichtung ist durch das Lausanner Abkommen in eine bedingte Verpflichtung umgewandelt worden, die zuvor aber noch eine dreijährige S ch o n f r i st oorsieht und die Emission der bprozentigen Bonds nur dann zuläßt, wenn der deutsche Kredit eine so l ch e Emission tragen kann. Wenn das nicht der Fall sein sollte, wird die Emission auf- geschoben werden, aber nicht über zwölf Jahre hinaus. Bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgegebene Bonds werden verfallen. Zahlenmäßig würde ein Vergleich zwischen den Nachzahlungen aus dem Hooverjahr und den Zahlungen aus dem Lausanner Abkommen etwa folgermaßen aussehen: Angenommen, am 1. Juli 1935 ist eine Emission von 400 Millionen möglich, so würden als erste Belastung am 1. Juli 1936 fünf Prozent Zinsen zuzüglich 1 Prozent Amortisation, das sind 24 Millionen, fällig sein. Nach den Vereinbarungen bei Abschluß des Hooverjahres würden aber bis zum 1. Juli 1936 bereits 465 Millionen fällig werden.
Oie Nationalsozialisten lehnen ab.
München, 11. Juli. (TU.) In einer nationalsozialistischen Versammlung in Miesbach in Oberbayern sprach Reichstagsabgeordneter Dr. Frick über die politische Lage, wobei er auch seinerseits
ausdrücklich erklärte, daß die NSDAP, mit dem Kabinett Papen nichts zu tun habe und sich entschieden dagegen verwahre, für dessen Taten verantwortlich gemacht zu werden. Unter dem stürmischen Beifall der Versammlung betonte Dr. Frick in bezug auf das Ergebnis von Lausanne: „Wir Nationalsozialisten erklären heute schon, daß wir den Wechsel von drei Milliarden, den Herr v. Papen in Lausanne unterzeichnet hat, nich-t einlösen werden."
Der Papst Über Lausanne.
„Erste Morgendämmerung besserer Tage."
Rom, 11. Juli. (TL1.) Nachdem bereits am Samstag der vatikanamtliche .,O s s e r v a t o r e Romano" seine besondere Befriedigung über den Abschluß der Lausanner Konferenz zum Ausdruck gebracht hatte, berührte der Pap st am Sonntag dasselbe Thema in einer Ansprache über die Anerkennung der Tugenden der Gründerin einer Wohlfahrtskongregation in Brescia. Pius XI. sagte u. a.: Wir glauben in dieser Stuüde unserer Pflicht nicht voll nachkommen zu können, wenn wir der göttlichen Güte nicht danken würden für diese ersteMorgendärn- merung besserer Tage, die heute den dunklen Horizont zu färben scheint. Diese Pflicht wird von uns um so tiefer empfunden, als wir selbst die Menschheit aufgefordert haben, sich im Geist der Güte mit Gebeten an Gott zu wenden, um diese Barmherzigkeit zu erlangen, deren Einsehen wir nun z u erkennen glauben, während wir ein immer größeres Bedürfnis für ihr Fortschreiten empfinden.
Oer Einsatz der Reichswehr in Ohlau.
Berlin, 11.Juli. (WTB.) Heber den Einsatz von Reichswehr bei den Unruhen in Ohlau am 10. Juli teilt das Reichswehrmini st e° r i u m mit, daß der Bürgermeister von Ohlau den Standortsältesten von Breslau um die G e st e l - lung von Patrouillen zur Sammlung der Verletzten in der Stadt gebeten hat. Diesem Ersuchen wurde entsprochen. Ein bewaffneter Zivilist — wie sich später herausstellte, ein Reichsbannermann — leistete hierbei der Aufforderung, stehen zu bleiben und die Waffe abzugeben, nicht Folge. Da es in der Dunkelheit ungewiß war, ob der Mann nicht seinerseits von der Waffe
Gebrauch machen würde, wurde auf ihn geschossen. Er erhielt einen Oberschenkelschuß und wurde von der Polizei sofort fe ft genommen. Wie bisher seststeht, ist nur in diesem einen Fall von selten der Soldaten von der Schußwaffe Gebrauch gemacht worden. Ferner sind Soldaten nur a 19 Patrouillen zum Sammeln und Einbringen von Verwundeten verwendet worden. Ein Einsatz gegen eine bestimmte Front oder zu bestimmten Aufträgen ist nicht erfolgt.
Einberufung dessteberwachungs- ausfchuffes des Reichstags.
Kontroverse zwischen Straßer und Löbe.
Berlin, 11. Juli. (ERD.) Von zuständiger Stelle des Reichstags wird folgender Auszug eines zwischen dem Präsidenten des Reichstages und dem Vorsitzenden des Ausschusses zur Wahrung der Rechte der Volksvertretung ausgetauschten Briefwechsels vom heutigen Tage bekanntgegeben: Der Vorsitzende des Ausschusses des Reichstags zur Wahrung der Rechte der Volksvertretung Straßer (RS.) hat in einem heute hier eingegangenen Schreiben dem Präsidenten des Reichstags Löbe mitgeteilt, daß er es aus verschiedenen Gründen für unnötig halte, den Ausschuß einzuberufen, und zum Schluß wörtlich erklärt: „Lim irgendwelchen Kombinationen vorzubeugen, weise ich darauf hin, daß die Weigerung eines Vorsitzenden, eine Ausschußsitzung anzusetzen, da der Erfolg dieser Ausschuß- sihung von vornherein nach der früher durch Angehörige der jetzt für die Einberufung stimmenden Parteien getroffenen Regelung gleich Rull ist, nicht gleich einer Verhinderung des Ausschußvorsitzenden gedeutet werden kann. Versuche, über denWeg des ältestenMit- g l i e d e s des Ausschusses den Ausschuß einzuberufen, sind verfassungs- und geschäftsordnungswidrig und würde ich dagegen alle mir möglichen Maßnahmen zu treffen gezwungen sein."
Präsident Löbe hat darauf erwidert, daß er dieser Auffassung nicht beipflichten könne, und weiter ausgeführt: „Da es ein völlig unhaltbarer Zustand ist, daß der wichtigste Ausschuß des Reichstags, der die Rechte der Volksvertretung
in der parlamentslosen Zeit wahrnehmen soll, einfach außer Kraft gesetzt wird, weil der Vorsitzende ihn nicht einberuft, habe ich, da ein Stellvertreter zur Zeit nicht vorhanden ist, das an Jahren älteste Mitglied ersucht, die Einberufung zu veranlassen. — Och werde den Herrn bitten, auf die Tagesordnung der Sitzung auch den Antrag des Herrn Abgeordneten Dr. Pfleger (D. Vp.): „Abberufung des Vorsitzenden und Wahl eines neuen Vorsitzendem zu setzen.
Auf Grund des Ersuchens des Reichstagspräsidenten Lpbe hat der Abg. Heimann (Soz.), das älteste Mitglied des Äeberwachungsaus- schusses des Reichstags, den Ausschuß zum 2 2. 3uIi um 15 LIhr einberufen.
DieKoalitionsgesprä'che in Hessen
Ein Zweimänncrkolegium Werner-ttirnverger?
Bingen, 11. Juli. (WSR.) Die „Mittelrhei- nische Volkszeitung", ein führendes Zentrumsorgan in Hessen, schreibt zu den Koalitionsverhandlungen: Langwierige Verhandlungen haben nicht stattgefunden, doch traf man s i ch zu Besprechungen, bei denen eine gründ- sähliche Einigung über die Möglichkeit einer Koalition herbeigeführt wurde, bei der die R a - tionalsozialisten und das Zentrum je einen 2H i n i ft e r stellen. Die Aemter sollen so verteilt werden, daß der Rationalsozialist Werner Staatspräsident wird und 3 n ne n- und Kultusmini st erium verwaltet, während der Zentrumsmann Kirnberger Finanz-, 3 u ft i 3 - und Teile des früheren Arbeitsmini st erums übernehmen soll. Wir glauben, daß das Zentrum nur dann in eine solche Koalition einwilligen kann, wenn über die Ausübung der Polizeimacht und über die kulturellen Absichten der Rationalsozialisten hinreichende Klarheit besteht und bindende Abmachungen getroffen worden sind.
Die Pläne -es Reichskabinetis.
Noch vor den Wahlen eine neue Notverordnung.
Berlin, 11.3u(i. (ERB.) Wie wir erfahren, ist nun auch Reichsaußenminister Freiherr von Reurath wieder in Berlin eingetroffen. Er war von Lausanne zunächst nach Genf gefahren, um an der Tagung des Völkerbundsrates telhu-' nehmen, die die Weltwlrtschaftskonferen; vorbereiten sollte. Diese Tagung ist aber verschoben worden, und so konnte der Reichsaußenminister bereits heute nachmittag an einer Sitzung des Reichskabinetts teilnehmen. Sie hatte im wesentlichen den Zweck, daß der Reichsinnenminister den Reichskanzler und die übrigen Mitglieder des Kabinetts, die in den letzten Wochen nicht in Berlin waren, über die letzte innenpolitische Entwicklung orientierte.
Die nächste Kabinettssihung findet morgen nachmittag statt, und zwar beginnt damit d i e Beratung des Aufbauprogramms, die hier schon am Samstag angekündigt wurde. Sie wird auch am Mittwoch bis zur Abreise des Kanzlers nach Reudeck fortgeführt und sogleich nach seiner Rückkehr wieder ausgenommen werden. Es ist selbstverständlich, daß der Kanzler den Reichspräsidenten neben der Berichterstattung über Lausanne auch bereits in großen Zügen über diese Pläne der Reichsregierung unterrichten wird. 3n unterrichteten Kreisen rechnet man damit, daß die Arbeiten des Reichskabinetts so gefördert werden können, daß noch im Laufe dieses Monats — also vor den Dahlen — die neue Rotverordnung mit
dem Aufbauprogramm erlassen wird. Die Hauptvorlagen sind bereits ausgearbeitet, so daß das Kabinett am morgigen Dienstag sofort in die praktische Beratung eintreten kann. Kommen die Dinge in dieser Art vorwärts, dann werden die Ministerien bereits im August an die Durchführung der neuen Maßnahmen gehen können. Dabei handelt es sich vor allem um drei große Fragenkomplexe:
1. Line Arb ei tsdien st pflicht, die, wie sich schon aus dieser Bezeichnung ergibt, über den Charakter des freiwilligen Arbeitsdienstes hinausgeht und die sich damit den Auffassungen und Wünschen der Rechten zu diesem Problem stärker nähert.
2. Die Heranziehung und Beschästi- gung der jugendlichen Arbeitslosen in dem vor einigen Tagen angedeuteten sportlichen Sinne und
3. die Siedlung, für die jetzt das Reichsernährungsministerium federführend ist.
Aus dem Ganzen ergibt sich, daß auch der Rest des Monats für die Reichsregierung überaus arbeitsreich werden wird. 3 m August werden der Kanzler und ein Teil der Minister dann vielleicht für kurze Zeit in Urlaub gehen k ö n - nen, um sich für die Aufgaben vorzubereiten, die nach dem Zusammentritt des neuen Reichstages von Ende August ab an sie herantreten.
Das Reisebüro, wie es lacht und weint... Oes Schaliermannes Klage, zu Protokoll genommen von Georg Biesenthal.
Danke schön, bitte schön. Blau? Sie glauben, wir machen Montag blau? Wo denken Sie hin! Nie ist bei uns mehr zu tun als gerade Montag. Natürlich: Sonntag hatten unsere Klienten Zeit, die Schwiegermutter saß auf dem Sofa, hatte Geld gezählt, geplant, die Ferienreise bestimmt — heute kommen sie zu uns mit lauter ganz kleinen Zettelchen voller Fragen.
Da stehen wir uns gegenüber am Schaltertisch und kommen vom hundertsten ins Tausendste — von der hauptstreckesüber die Nebenlinien auf die Privathahnen und vom Flugzeug über die Eisenbahn zum Autobus. Und sie wollen alles ganz genau wissen — ob es auf der Fahrt von Eger über Weiden nach Regensburg auf allen Stationen auch frische Milch gäbe und wieviel der Eintritt koste ins Stadttheater in Konstanz. „MalcLsine", wirft einer in die Debatte — er will durchaus nach Malcesine. Nun: ich bin selbst weit herumgekommen in der Welt, ich wußte zufällig: Malcäsi'ne liegt am westlichen User de- Gardasees — ist aber weder Dampfer- noch Bahnstation und steht natürlich in keinem Kursbuch — so etwas kommt alle Tage bei uns vor Dann müssen wir oft stundenlang suchen und telephonieren und dicke Bücher wälzen — und der Kunde verliert viel eher die Geduld als unsereiner."
„Apropos Kunden: kommt da neulich eine Dame, möchte bitte alle Bahnverbindungen nach Rußland wissen. Gut, ich nenne ihr: über Sebesch—Zilupe, über Indra—Pigossowo, Nigoreloye, mit allen Ab- fahrts- und Ankunftszeiten und allen Vor- und Nachteilen. „Nigoreloye?", sagt sie, „danke schön, jein st i m m t mein Kreuzworträtse l". Dreht sich um und verschwindet.
Gestern mar große Aufregung: eine Dame stürzt aus mich zu — ob ich ihr nicht sagen könnte, wohin ihr Mann gefahren sei, so und so sähe er aus, klein und dick, und einen grauen Anzug hätte er angehabt, und er sei weg. Das ganze Reisebüro hat sie in Aufruhr versetzt — aber wir wußten von nichts — ich bitt’ Sie, jetzt in der Reisesaison, wo unzählige Leute täglich zu uns kommen!"
„Und mit welchen Wünschen sie kommen, diese Ungezählten! Ein altes Mütterchen will nach einem Ort an der Ostgrenze fahren, sie map da mal vor ein paar Jahrzehnten — und natürlich weiß sie nicht den jetzigen polnischen Namen, sondern nur den damaligen deutschen — aber auch den weiß sie nicht, sie hat ihn vergessen. Nun, da blieb mir weiter nichts übrig: ich mußte ihr aus einem alten Fahrplan sämtliche Orte der fraglichen Gegend vorlesen, bis er ihr wieder einfiel. Zur Entschädigung kann man dann wiedermal lachen: viele Leute sind so furchtbar verwirrt im Reisebüro — da war z. B. ein junges Mädchen, die wollte den Fahrpreis Hamburg—Southampton wissen: „welche Klasse", frage ich — da wird sie ganz rot und flüstert „Unterprima"! Ein anderer wieder erkundigt sich, wann der O-Zug nach Posen in Tirschtiegel ist (!), und ein alter Studienrat fragt an, ob man in Griechenland mit Altgriechisch durchkommt Glauben Sie etwa, daß der Schuhputzer dort aus Pietät in Hexametern mit ihm spricht?"
„Im Großen und Ganzen wissen ja die Herren besser Bescheid als die Damen — dafür sind sie auch nervöser und ungeduldiger und stehen da mit der Uhr in der Hand. Viele schnauzen mich an — und wenn ich frage, über welchen Weg sie fahren wollen nach einem bestimmten Reiseziel, dann bekomme ich mehr als einmal die Antwort: „Das geht Sie gar nichts an!" Neulich erkundigte sich ein Herr nach den Zügen nach Paris — ich fragte ihn, welcher Klaffe er reifen will, da schreit er: ich soll mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern. Aber meine Frage war doch wichtig, denn wenn er zweiter Klasse reifen wollte, hätte ich ihm auch den Expreßzug nennen können."
„Ein anderer Kunde bestellt zwei Bettplätze Paris—Marseille und will, wir sollen die Ordre brieflich weitergeben, es sei ja noch acht Tage Zeit. Ich sage ihm, daß im ganzen internationalen Reisebetrieb Bettkarten nicht brieflich, sondern nur telegraphisch bestellt werden können — briefliche Ordre ist gar nicht üblich, wir bekommen da keine Antwort. Er aber ist fuchsteufelswild und will sich beschweren und sagt, wir sind Nepper und Geldzieher. Schreiben Sie doch bitte: das kann ich nicht auf mir sitzen lassen."
„Und da wir gerade von Beschwerden sprechen — die entstehen meist nach telephonischen Auskünften. Haben Sie mal versucht, jetzt in der Hochsaison mit uns zu telephonieren? Es ist fast immer besetzt, und da zu den Auskunftsstellen verschiedene
Unterverbindungen führen, sprechen oft zwei, drei Kunden auf einer Leitung. Keiner ist so vernünftig abzuhängen — und so entsteht ein Wirrwarr der Auskünfte, das naturgemäß immer zu Ärgernissen führt. Ja, neulich habe ich selbst mit angehört, wie ein Kunde von sich aus einem anderen Auskunft gab, bloß damit der aus der Leitung geht — und wäre ich nicht dazwischengefahren, wir wären in einen sehr schlechten Ruf gekommen: denn die Auskünfte waren falsch. Gestern bekam ich einen Brief — da beschwert sich ein Kunde, wir hätten ihm am Telephon gesagt: „Mensch, bleib doch zu Haus e!" Und auch hier wurde als Ursache eine Doppelverbindung festgestellt"
„Da haben Sie nun das Reisebüro, wie es lacht und weint. Wissen Sie, ich kann nicht klagen. Ich dachte immer: wir von der Auskunft haben's besonders schwer, aber kürzlich hatte ich mal den Kollegen von der Fahrkartenausgabe zu vertreten — ich sage Ihnen: der hat's auch nicht leicht! Da ist ein Fall, der sich immer wiederholt: der Kunde verlangt eine Fahrkarte da und da hin, und wenn die Fahrkarte fertig ist, zieht er einen Schein aus der Tasche, der zur Ermäßigung berechtigt. Ich denke immer: die Kunden genieren sich, gleich zu sagen, daß sie Fahrpreisermäßigung haben — aber das ist doch ganz unberechtigt — und hält den Betrieb nur auf."
„Schreiben Sie bitte: viele Kunden sind gereizt, daß wir nicht garantieren können, ob ihr Platz ein Vorder- oder Rückplatz sein wird. Schreiben Sie: das ist doch ganz unmöglich, die Eisenbahn weiß selbst nicht, wie die Wagen stehen werden, wir können nur oorausbeftimmen, ob es ein Fenster-, Mitteloder Korridorplatz fein wird — und wer sich rechtzeitig seinen Platz besorgt, bekommt ihn eben am Fenster. Die Geschäftsreisenden sind am vernünftigsten, die sehen das ein — aber die Damen, die wollen immer nur Fensterplätze und im Schlafwagen immer nur Unterbetten — und wenn es nach denen ginge, dann dürfte ein Zug nur aus Fensterplätzen und Unterbetten bestehen."
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„Kennen Sie eigentlich unsere Statistik? Jeder von uns Auskunftsbeamten hat ein Formular, mit Rubriken für die einzelnen Länder und Landschaften Fragt der Kunde z. B. nach einem Bad im
I Schwarzwald, so wird die Rubrik .Schwarzwald' angekreuzt, abend werden die Kreuze addiert — und
I so erfährt man die Beliebtheit und Volkstümlichkeit
der einzelnen Reiseziele. Gestern z. B. — sehen Sie hier — betrafen 62 Fragen die Ostsee, 34 das Rheinland, 43 den Harz — 30 Kunden fragten nach Bädern in der Tschechoslowakei, 14 nach Italien, 4 noch Belgien usw. Ein Barometer der R e i s e m o d e!"
„Und damit sind wir bei der interessantesten Seite unseres Berufes! Wissen Sie: jeden Morgen, wenn ich hier so hinter meinem Schalter sitze und Menschenmengen wogen heran, und alle wollen was wissen und murmeln dumpf durcheinander .Rhabarber, Rhabarber', und sie fragen dies und das, dann sage ich immer zu mir: Junge, sage ich, du bist doch der Portier für das Hotel .Zur ganzen Weit'! Bei mir müssen sie alle vorbei — und ich gebe ihnen die Schlüssel und sage ihnen Bescheid. In den Köpfen dieser Menschen hier spuken tausend Träume von Reisen und Abenteuern, von Ruhe, Glück und Erholung — und wer verhilft ihnen zu diesen Träumen? Ich! Und ich streichle meinen Schaltertisch und sage: .lieber den Globus, Madame? Jawoll — aber
Tonfilm: „Fran Lehmanns Töchter^.
Der feit gestern im Lichtspielhaus laufende neue Terra-Tonfilm „Frau Lehmanns Töchter" ist eine sommerlich heitere, volksstück- mäßig aufgezogene Geschichte von den drei jungen und heiratsfähigen Töchtern der Portiersfrau Ottilie Lehmann: ihre von den sorgenden Händen der Mutter betreuten, kleinen Liebesschicksale Überschneiden einander in einer Weise, daß die Handlung stets auf der schmalen Grenze zwischen rauher Wirklichkeit und liebenswürdiger Illusion einherläuft und schließlich zur allgemeinen Zufriedenheit mit der Ensemble-Aufnahme von drei glücklichen Paaren endet. Die Regie — ®arl~ Heinz Wolff — hat ihre hübschesten Einfälle und Pointen in der behaglichen Ausmalung des kleinbürgerlichen Milieus, in dem Hansi Riese mit einer halb derben, halb fenti- mentalisch angehauchten Mütterlichkeit das Zepter führt. Von den Töchtern sind die junge Hertha Thiele (hier schon bekannt als „Mädchen in Uniform“) und die neuentdeckte Begabung Else Elster hervorzuheben: von den zugehörigen Kavalieren Kämpers und Heinz Klingen- b e r g. Zu den Schlagertexten von Rosen und Lion schrieb Franz Doelle eine angenehm leichte Musik. -r-


