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IU.181 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (Seneral-Anzetger für Oderhessen)
Eine Wüste erwacht.
Italien beendet den Kamps um die Cirenaica.
Don Dr. 3- Peters.
Donnerstag, U. August (952
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! -Bengali (Libyen). Juli 1932.
Di« Besetzung der Cirenaica, der Ostprovinz der Kolonie Libyen, hat den Italienern viel Gut und Blut gekostet. Zwanzig Jahre setzten sich die S e n u s s i. die größte Bruderschaft des Islams, der alle Deduinenstamme Nordafrikas und Arabiens angehören, verzweifelt zur Wehr. Erft in diesem Jahve konnte der Marschall Dado l g l i o . der Gouverneur der libyschen Kolonie. den historischen Tagesbefehl erlassen: „3d) erkläre, daß der Aufstand in der Cirenaica v ö l - lig und endgültig erstickt ist. Zum ersten Mole seit der Ausschiffung in diesen Landen sind die beiden Mittelmeerkolonien gänzlich besetzt und befriedet."
Der Krieg ist zu Ende. Dom Meere bis Cufra weht die italienische Trikolore. Aber das Getriebe in der großen Säulenhalle des Hotels Italia gleicht noch dem Leben der Etappe Nur Männer. Offiziere in Khaki, und Marineoffiziere in Tropenweih. Autos fahren vor. Nadsahrer. Die hohen Gestalten der schwarzen Askaris aus Eritrea schleppen Gepäck mit dem lautlosen Schritt der Orientalen, dazwischen leuchten die breiten, roten Schärpen der eingeborenen Soldaten. Jemand schreit am Telephon. Es ist eine gespannte, nervöse Atmosphäre. Dieser endlose Kleinkrieg hat Nerven gekostet. Mißtrauisch besieht man jeden Fremden. Man wittert auch heute noch Spionage. Ich weiß, ich werde scharf beobachtet.
20 Jahre kämpfte eine europäische, mit moderner Kriegstechnik ausgerüstete Großmacht gegen den aufgehehten Fanatismus beduinischer Wüstenstämme. Denn für das Oberhaupt der Senussi standen außer der grünen Fahne des Propheten persönliche, wirtschaftliche Interessen auf dem Spiel. Uneingeschränkt hatten die Senussi die Karawanen st raße der Wüste und den Zugang zum Meer beherrscht. Es bestand ein lukrativer, blühender Schleich- und Schmug- g e l h a n d e l zur Küste. (3n Arabien unterstellt sich noch heute jede Pilgerkarawane, die von Medina nach Mekka zieht, dem Schuhe der Senussi. um ihr Ziel sicher zu erreichen.)
Es war der Tatkraft und dem strategischen Talent des Marschalls G r a z i a n i. des Dize- gouverneurs der Eirenaica, Vorbehalten, der ewigen Unsicherheit, der immer wieder aufflackernden Rebellion ein Ende zu bereiten. Die unzuverlässigen eingeborenen Regimenter wurden aufgelöst, die mit den Rebellen heimlich verbundenen Stämme des Ausstandsgebietes wurden geschlossen in den wasser- und weidenreichen Steppen Bengasis und der Sirte in drei großen Konzentrationslagern untergebracht. Langsam schob sich an der ägyptischen Grenze vom Meere bis nach Girabuh, einem der Hauptstützpunkte der Senussi. durch wasserlose Wüste ein gigantisches, 300 Kilometer langes Drahtnetz vor. Die Lebensmittelversorgung und die ebenso reichlich über die Grenze fließenden Waffen- und Munitionsnachschübe wurden den Rebellen unterbunden. Der „Alte vom Derg", der 80jährige, treubrüchige Omar C l Muchtar, in dem die 3taliener lange einen ehrenhaften Feind gesehen, geriet allmählich in eine verzweifelte Lage. Zweieinhalb 3ahre lang hatte er in den Schlupfwinkeln der Hochebene, des „Gebels", mit seiner Handvoll eifern disziplinierten Leute den 3talienern Trotz geboten. Wie ein Abenteuerroman mutet die Geschichte dieses Feldzuges an. Dieser gespenstische, uralte Deduine, der zu Pferde sah wie ein 3üngling und der sich für seinen Verrat mit stoischer Ruhe aufhängen lieh, mit der gemurmelten Koransure: „Wir kommen von Allah und kehren zu Allah zurück".
Die drakonischen Mahnahmen der 3taliener haben im Ausland viel böses Dlut erregt. Die Konzentrationslager sind von der Presse scharf angegriffen worden. Französische und ägyptische Dlätter brachten entstellende, tendenziös gefärbte Derichte und Dilder. Aber Graziani wuhte: so lange sich noch eine Waffe in der Hand eines Deduinen befand, würde sich diese Wasse gegen 3talien erheben. Sollte in Libyen endlich Ruhe herrschen, so muhte der Kamps mit den Senussi zu Ende geführt werden. Der Marschall Dadolglio, der die Schwierigkeit militärischer Operationen voraussoh, hatte es lange vergeblich mit Unterhandeln und Proklamationen versucht, so lange, bis ihm das Mutterland ungerechtfertigterweise Schwäche vorwarf. Die Senussi verhandelten geschickt, versprachen alles, unterwarfen sich und brachen jeden Schwur, jeden Vertrag. Die Kriegsgeschichte der Cirenaica ist reich an heimtückischen Heber- sällen. kennt furchtbare Deispiele unmenschlich ab» geschlachteter, dem wilden Fanatismus zum Opfer gefallener Gefangenen.
Man zeigte mir bereitwilligst das größte, 60 Kilometer von der Küste in der bengasischen Steppe gelegene Konzentrationslager Soluch. das vor l1 o 3ahren angelegt wurde. Es beherbergt 20 000 Deduinen, vier ganze Stämme, s a st ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Kolonie. 5000 kleine braune Zelte stehen in schnurgerade ausgerichteten Reihen auf einem Viereck von etlichen Quadratkilometern Gröhe. Ein Drahtnetz umschließt den Komplex. Aber von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang sind die Tore frei geöffnet. Heberall erheben die Wüstensöhne bei der Durchfahrt unseres Lastautos die Hände zum Faschistengruß. Es ist ein seltsamer, ein unvergleichlicher Anblick. Die Organisation ist auch sür europäische Degriffe mustergültig. Ein modern eingerichtetes Hospital, ein gesondertes Zeltlager für die Alten und Kranken. (Es gibt viele Blinde.) Eine Moschee. Dersuchsgärten, Drunnen. Weidegründe für das Vieh. Aber die 3tatiener wissen es. mit sanitären und sozialen Einrichtungen, mit Gerste- und Tuchrationen, mit gut bezahlter Arbeit beim Straßenbau (der niedrigste Tagessah beträgt sieben Lire), sind diese unftäten Wanderseelen nicht zu bannen. Diese Beduinen» generation z u bodenständigen Landarbeitern zu erziehen, ist unmöglich. Für die Zukunft dieser Kolonie ist die Lösung des Nomadenproblems jedoch von einschneidendster Dedeutung. Die 3taliener vertrauen auf die Jugend. Zwei große 3ntemate für Knaben und Mädchen sind im Dau. 3n einer Schule unterrichten italienische und arabische Lehrer. Der Besuch ist freiwillig. „Wir haben viel Seife gebraucht im Anfang", sagte der junge Kolonialbeamte aus Neapel lachend, „erst wollte niemand kommen, jetzt drängen sie sich." Ein achtjähriges lleines Wüstenkind hält mir stolz einen schneeweißen Strickstrumpf entgegen. Ich höre auf arabisch ein Gedicht auf den großen Freund der Deduinen, den Duce, und eins auf italienisch auf den siegreichen König Viktor Emanuel. „Sie sind unglaublich intelligent und scharfsinnig", sagt der italienische Lehrer. Hnö es erscheint in der Tat unfaßbar, was diese primitiven Menschenkinder, die noch vor einem Jahre nichts kannten als Sonne und Sand, gelernt haben. In einem großen Iugendlager tummeln sich unter der Aufsicht eines italienischen Unteroffiziers 500 braune Jungs in blauen ilniformen. Die Wache am Tor bläst, als wir nahen. Sie ist sehr stolz. Aus dieser eingeborenen, strahlend vergnügten Dallila werden die künftigen Askaris der Italiener hervorgehen. Es ist kriegstüchtiges Material. Unö noch stehen die Grenzfragen im Süden offen... Man ist nicht gut zu sprechen auf
die afrikanischen Nachbarn, die früheren Verbündeten. die alles Interesse hatten, die Rebellion in Gang zu halten, die Wafsentransporte duldeten und jede Propaganda zum Schaden Italiens großzügig übersahen.
Die Cirenaica war einst die Kornkammer der Römer. Die fruchtbare, nur wenige Meilen von der Küste entfernte Hochebene bei Eirene bietet auch heute noch der Landwirtschaft glänzende Aussichten. Die ersten Kolonisten treffen jetzt dort ein. Das Mutterland gewährt ihnen weitestgehend Erleichterungen, jedoch nur gelernten Dauern italienischer Staatsangehörigkeit. Aber nicht nur der Gcbel. der Grüne Derg. wie ihn die Araber nennen, die ganze nördliche Cirenaica hat eine Zukunft. Auch in den bengalischen Steppen und den Steppen der Sirte findet sich überall in einer Tiese von 4—6 Metern Wasser. Ich sah staunend, was dieser rote Sand» und Geröllboden nach kurzer ^Bearbeitung hervorbringen kann. Mandel- und Apfelbäume. Feigen, Oliven und Wein. Sechs Monate alte Büsche waren mannshoch. Auch die neu angelegten Versuchsgärten der Lager scheinen trotz der außergewöhnlichen Trockenheit des letzten Jahres günstige Resultate zu ergeben. Aber die Bedingung ist. daß die Kulturen durch Einfriedungen vor dem Ghibli, den alles vernichtenden Sandwind der Wüste, geschützt werden. Mit Kapital, mit Energie und Maschinen ist diesem Doden, der feit Jahrhunderten nie etwas anderes gekannt hat als ein oberflächliches Pflügen und ein flüchtiges Aussäen, viel abzugewinnen. Man hofft auch auf die Erschließung größerer Phosphorlager.
Man braucht sich nur di e neuen Hafen- anlagcn in Syrakus anzusehen, um zu wissen, auf welcher Basis Italiens Mittelmeerpolitik eingestellt ist. Somali ist bei weitem
Der Erlaß des Reichskinanzministers vom 19. Juli 1932 (Reichssteuerblatt 1932, Nr. 29, Seite 687) ergibt nunmehr die endgültige Regelung der Aufbringungsumlage für das Rj. 1931 und bestimmt gleichzeitig die Höhe der für das laufende Rechnungsjahr zu leistenden Vorauszahlungen.
Bisher war lediglich für das Rj. 1931 die De- ftimmung ergangen, daß auf die Iahressteuer- schuld Vorauszahlungen zu leisten seien. Für das Rj. 1932 waren bisher weder Zahlungstermine noch sonstige Destimmungen genannt. Nachdem nunmehr die Einheitsbewertung mit dem Stichtag 1. Januar 1931 nahezu abgeschlossen sein dürste und andererseits die Höhe des voraussichtlichen Gesamtaufkommens mit 230 Millionen Mark festgesetzt wurde, sind die Durchführungsbestimmungen für die Rechnungsjahre 1931 und 1932 erschienen.
Die persönliche Aufbringungspflicht für beide Rechnungsjahre bemißt sich nach dem Stande des Vermögens am 1. Januar 1931. Der gleiche Termin ist auch der Stichtag für die Demessungs- grundlagen der Aufbringungsumlagen. Aufbringungspflichtig ist, wer am 1. Januar 1931 ein De» triebsreinvermögen für
das Rj. 1931 mit einem Betrage von 20 000 Mk., das Rj. 1932 mit einem Betrage von 500 000 Mk. besaß. Maßgebend ist der nicht abgerundete Einheitswert des D-etriebsvermögens.
Bereits hier muh bemerkt werden, dah aus- nafjmslos die Verhältnisse am 1. Januar maßgebend sind und Ermäßigungen bzw. Erhöhungen des vermögens nach diesem Stichtage keinesfalls Berücksichtigung finden können.
Tritt jedoch die persönliche Aufbringungspflicht
die beste und zukunstsreichste der italienischen Kolonien Aber Libyen steht aus historischen und politischen Gründen dem Herzen des Mutterlandes am nächsten. Die Schwesterkolonie der Cirenaica, Tripolitanien. sängt bereits an. die ausgewendeten Mühen zu lohnen. Die Einfuhr sinkt, die Aussuhr steigt beständig. Tripolis ist in den letzten Jahren zu einer modernen Großstadt geworden. Der Fremdenbesuch seht dort ein. Es wird noch eine Weile dauern, bis auch die Cirenaica, das herrliche antike Sirene, Touristen sieht. Erst muß der Hafen in Bengasi fertig sein. Die ganze Küste der Kolonie ist den Wogen des Mittelmeeres frei ausgesetzt. Die See ist berüchtigt: Es sind nur 36 Stunden bis Syrakus, aber man muß darauf geiaht sein, daß der Dampfer bei schwerer See einfach umdreht, bis Alexandrien weiter fährt, oder, daß man wie ein Stück Gepäck per Krahn ins Doot befördert, oder besser, geschleudert wird, — wobei sich auch ein Gouverneur schon mal die Knochen brach. Dreimal die Woche ist Flugverbindung mit Tripolis — wenn kein Ghibli weht, und der weht oft! Die Autostraße Tripolis — Dengasi ist im Dau. Rach den langen Jahren des Aufruhrs und der mangelnden Sicherheit hat man als erstes mit aller Energie den Straßenbau in Angriff genommen. Das gesunde Klima erleichtert alle Arbeiten.
*
Die Stimmung im Araberviertel ist in Dengasi noch sehr seindselig. Aus einer Gruppe spielender Kinder trifft mich ein Stein. Sin winziger Dreikäsehoch schlägt mir wütend mit fünf Dreckfingerchen auf die Hand. Die Frauen wenden sich ab. Die Männer sehen über mich hinweg. Man warnte mich vor größeren Spaziergängen außerhalb der Stadt. Auch dies wird nicht mehr lange dauern...
überhaupt erst nach dem 1. Januar 1931. aber doch im Laufe des Jahres 1931 selbst ein, beispielsweise durch Errichtung bzw. Kauf eines auf- bringungspflichtigen Betriebes, fo ist für das Rj. 1931 die Iahresumlage nur zur Hälfte zu entrichten.
Fällt die Aufbringungspflicht hingegen nach dem 1. Januar 1931, aber noch im Laufe des Jahres 1931 weg, fo besteht gleichfalls die Verpflichtung, zur Entrichtung der Hälfte des Iahressahes. Wenn hingegen die Aufbringungspflicht erst im Laufe des Jahres 1932 eintritt, fo ist für das Rj. 1931 nichts zu bezahlen, lediglich für 1932 die Hälfte des Iahressahes am 15. Februar 1933; fällt an. dererseits die persönliche Aufbringungspflicht erst im Verlause des Rj. 1932 weg, so ist für das Jahr 1931 noch der ganze Iahressah zu bezahlen, für das Jahr 1932 lediglich noch die eine Hälfte am 15. August 1932.
In allen diesen Fällen ist zu beachten, daß für das Rj. 1931 ein Einheitswert des Betriebsvermögens in Höhe von 20 000 Mark eine Aufbringungs- Pflicht bereits begründet, für das Rj. 1932 jedoch erst der Betrag von 500 000 Mark, so daß sicherlich viele Betriebe die für das Rj. 1931 noch aufbringungspflichtig waren, für 1932 davon befreit sind.
Veränderungen im Betriebsvermögen, d. h. Minderungen unter den Betrag von 20 000 Mark andererseits auch Erhöhungen über diesen Betrag hinaus im Rechnungsjahre 1931 nach dem 1. Januar 1931 bedingen keine Steuersenkung bzw. Erhöhung. Für 1932 tritt an Stelle des Betrages von 20 000 Mark die Summe von 500 000 Mark. Eine Ermäßigung wie bei der Vermögenssteuer auf Grund der Verordnung vom 12. Mai d. I. ist somit hier nicht gegeben.
Oie Auf-nngungsumlage für die Rechnungsjahre 1931 und 1932. Von Oiplomlaufmann Dr. Wilhelm Bachenheimer, Gießen.
Fahrt ins Gchilf.
Von Kranz Schauwecker, GOS.
Wenn man von Mirow nach Norden zum Müritzsee im Doot fährt, dann kommt man durch lange Kanäle in schmale Seen und gleitet durch gewundene Vließe in breite Wasserflächen, während links und rechts Hochwald und Sumpfwald den Schilfufern folgt wie die Begleitung eines Instrumentes einer kristallklaren Stimme.
Man muß nicht rasch auf ein bestimmtes Ziel losfahren, sondern man muß das Doot langsam hintreiben, mit Rudern wie mit Flossen, verwachsen mit dem hechtschlanken Leib, in dem ich sitze als ein Teil davon, halb im Wasser, halb« darüber. So ziehe ich gemächlich gegen die Wellen und den Wind und treibe den spitzen Bug vorwärts. daß er rastlos hineinstößt in das Geflimmer von Wasser auf Licht. Hinter mir versinkt alles, was mit Metall. Stein, Papier und Dienstplan zu tun hat, und nach den Konstruktionen erheben sich die Körper der Bäume, atmen die Hügel voll Gras und Kraut, rollen die Krümmungen der Wasserleiber.
Es ist schön, den Arm tief in das vorbeispülende Gewässer zu tauchen, daß ein winziges Kielwasser Aurüdbleibt; es ist wunderbar, bei eingezogenen Rudern die harten Schilsblätter durch die Finger knittern zu lassen; es ist herrlich, beim Vorstoß in eine breite Seenfläche plötzlich den Wind scharf von links zu spüren, kühl und leicht und unendlich weit.
Die Ufer gleiten lautlos vorbei, die Tageszeiten treiben hin. Ich bewege mich mitten durch die Zeit und durch den Raum. Diese Bewegung ist so, daß ich zuweilen nicht weih, ob ich stillstehe und Zeit und Raum an mir vorüber fahren in einem Wolkenboot auf dem großen Meer der Luft, wo ich tief unten sitze auf dem reichgegliederten Grund. Dieses Ineinanderübergehen von Fahrt und Stillstand, dieser weiche Wechsel des Zustandes führt so schnell wie unmerllich hinüber in das traumhafte Gefühl des Schwebens zwischen allen Dingen, wo alle Nähe fern und jeder Horizont bei mit ist. Zwischen den Grenzen ist die Un« endlichkeit, und so gibt die Natur in der Schwimmfrucht des Wasserliesches, die am Dootrand bin» treibt, die Erdkugel und im Sausen des Windes durch die Kiefern den rätselvollen Laut der Ewigkeit, mit dem sich das Ohr erfüllt gleich der Muschelwölbung, durch die das Meer braust.
Nach den Hfernebeln des Morgens erhellt sich
die Luft glasklar zu der weißbewölkten Bläue des Spätsommertages. Jeder Dinsenhalm steht haarscharf vor dem Hintergrund des Wassers, und die Schilfwälder sind ein unentwirrbares, feines Gestrichel, das leicht schaukelt.
Ich tauche nur das rechte Ruder ein und gleite nach links mit einer kreisenden Drehung der Bootsspitze, die jetzt plötzlich auf eine tiefe Bucht im Schilf hinzeigt. ilnb zugleich hat sich rechts und links, vor mir und hinter mir, als ich mich umwende. alles verschoben. Die ganze Welt ist auf einer Drehscheibe herumgeschwenkt.
Das Boot schiebt sich mit lautem Geraschel in das Schilf. Die großen, starren Halmbüschel umdrängen es wie einen Eindringling und halten es fest. Dann bin ich bewegungslos mitten unter Wasser, Luft, Gehälm und Sonne. Ich sitze ganz tief unter grünen Speeren, die über meinem Kops schwanken, dicht über dem glatten Wasser, auf dem dicke Blasen stehen. Unter mir schwimmt die Spieglung, ein zitternder Abgrund der Täuschung, ein tieferes Bild des Wesens. Sie stehen alle mit einer merkwürdigen Gebrochenheit auseinander: der Halm und fein Abbild, der überhängende Zweig der Erle am Ufer und fein Spiegelast. und ich selber, der ich hinuntersehe und hinaufblicke und zugleich mich selber ansehe, während auf meiner Stirn, mitten zwischen ihm und mir eine ertrunkene Diene schwimmt. Die Entfernungen sind sonderbar aufgelöst, und Wasser und Lust sind kaum zu unterscheiden.
Libellen stehen schwirrend still, ein brauner Käfer büßelt an einem Dinsenhalm. Ein Seerosenblatt liegt flach auf dem Wasser. Alles spiegelt sich, nur dieses Seerofenblatt nicht. Dicht vor meinen Augen neigt sich an der Spitze des Halms die braune, trockene Frucht einer Dinse, eine mit Luft wie der ganze Halm gefüllte, wabenartige Kammer. Das Ruder tropft. Kleine Wellenringe taufen spinnenfühig unter das überhängende Wurzelwerk des Ufers. Die Luft steht still; sie ist ganz warm und voll von Gerüchen. Es sind schwere und trächtige Düste, die hier eingesperrt sind; sie scheinen aus den Dlasen zu stammen, die hier und dort auffteigen, schwimmen und sich um die Halme sammeln. Wasserläufer bewegen sich auf ihrem Element wie auf festem Doden. Fliegen, stehen in der Luft still, wie wir auf einer gläsernen Treppe stillstehen. Das Unfidjtbare trägt, das Unfaßbare hebt.
Die dünnen Schäfte der Rohrkolben glänzen wie poliert. Unter mir ziehen Wolken hin. Indem ich unter dem Himmel sitze, schwimme ich über
ihm hin. Ich bin winzig wie ein Käser in einem Urwald über mir und unter mir. Ich bin klein und groß zugleich. Alles ist zugleich hoch und tief. Die Stille um mich her ist unzerstörbar. Sie durchdringt mich und ergreift mich. Sie ersaht alles und nimmt es in sich auf.
Es ist die Stunde des Mittags, welche am Tage der Stunde der Mitternacht entspricht. Die Geheimnisse dieser Stunde der höchsten Sonne sind nicht geringer als die der tiefsten Dunkelheit. Ich denke an die Roggenmuhme, die mittags durchs hohe Kom geht. Dies Schilf ist wie Korn. Eine verschollene Gestalt der Legenden schwimmt um die Schilf wurzeln. Hier haben bis 500 die wendischen Liutizen gehaust. Irgendwo in dieser Gegend hat ihre Tempelburg Rethra gelegen. Sie kannten viele Götter. Vielleicht tauchen sie manchmal noch zwischen Haselbüschen und Dinsen auf und starren verwundert in diese Zeit.
Das dunkle und schwere Drausen des nahen Kiefernwaldes wälzt sich über die Schilfspihen und fällt in den See. Der dünne, pfeifende Schrei eines Habichts fliegt über mich weg.
Unter Wasser und Schlamm liegen versunkene Städte. In manchen Dorfkirchen werden noch die Glocken und Taufbecken ihrer verschwundenen Kirchen aufgehoben. Mancherorts ist der Erdboden unsicher. Cs werden Teiche gezeigt, an deren Stelle vor vielen Jahren noch Wiese und Wald war.
Ich tauche das Ruder ein und alles umher wankt, taumelt durcheinander. Schilfspihen und Spieglung verwirrt mich. Das Boot gerät ins Gleiten, und alles ist stumm verschwunden. Ich gleite über Wälder und Laichkraut, schwebe über einem Feld von Seerosenblättern und bin wieder zwischen Wasser und Himmel. Drüben liegt der Wald dunkel und endet in die Harfe einer mit einzelnen Kiefern weit vorgeschobenen Waldspitze. Ein Schwarm von Fischen huscht schattenhaft vorbei. Die Sonne liegt breit über allem.
Ich fahre den ganzen Tag hindurch. Das Wasser wird ganz weit und ganz eng. Es öffnet sich und schließt sich. Es entfaltet sich und tut sich zusammen. Die Ufer gehen mit und wölben sich, strecken sich weit aus, verstecken sich unter Laub und zeigen sich in einer Haut von Gras.
Des Abends steigt Rauch aus fernen, roten Dächern, und in Seitengassen des Schilfes tun sich die Dleßhühner aus slachgelegten Halmen zum Schlaf hin. wo der Mond, rot von künftigem Regen, über ihnen aufgeht.
Hundert Jahre Telegraphie.
3n diesem Jahre begeht die Telegraphie ihren 10 0. Geburtstag. Eine königliche Ka> binettsorder aus dem Jahre 1832 hatte den Bau der ersten Telegraphenlinie befohlen, die nur für militärische Zwecke gedacht war. Man half sich da« mals noch mit Uebermittlung optischer Signale. Auf einer Strecke, die von Berlin über Potsdam, Brandenburg, Magdeburg, Köln und Koblenz nach Trier führte, wurden 61 Signalstationen errichtet, die stafsettenartig jede Nachricht mit Hilfe einer Einrichtung, die an die heutigen Eisenbahnsignale erinnert, Weitergaben. Die ganze Linie wurde mit Soldaten besetzt und betrieben. Erst Ende 1848 wurde die optische Anlage durch den elektrischen Telegraphen ersetzt. Ein Jahr später wunde auf Anregung des damaligen Präsidenten des Berliner Handelsamts die Telegraphie, die bis dahin nur dem Militär gedient hatte, auch der Bevölkerung zur Derfügung gesteltt. Wollte aber jemand telegraphieren, der dem Telegraphenbeamten nicht bekannt war, mußte er sich durch zwei ortsbekannte Leumunds,zeugen aus- weisen. War er in einer fremden Stadt, wo ihn niemand kannte, so konnte er nicht telegraphieren. Man legte oben zunächst absolut keinen Wert auf rege Benutzung der neuen Einrichtung. Heute haben wir in Deutschland über 400 000 Kilometer Tele- grgohen- und Fernsprechleitungen, mehr als 40 Millionen Telegramme werden Jahr um Jahr befördert. Täglich wird an der Verbesserung und Der- einfachung der Geräte und des Betriebes gearbeitet und in einigen Jahrzehnten werden unsere heute so vollkommenen Apparate vielleicht denselben Museumswert besitzen wie die optischen Telegraphen und ersten elektrischen Einrichtungen der Telegraphie.
Hochschulnachrichien.
Professor Dr. Paul Friedländer in Marburg bat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der llasfischen Philologie an der Universität Halle als Nachfolger von Otto Kern angenommen. Der Gelehrte, der seit 1920 in Marburg wirkt, ist besonders durch sein Plato- buch bekannt geworden.
Die durch den Tod von Professor Popp freigewordene Professur für Kunstgeschichte an der Technischen Hochschule München wurde Professor Hans Karlinger an der Aachener Technischen Hochschule angeboten.


