MS MM Mel.
Original-Vornan von Anny von panhuys.
Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig.
31 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Werner Sturm nahm den Brief in beide Hände und hob ihn an die Lippen, kützte die Stelle: Schade! ich habe Werner lieber als alles sonst auf der Welt!
Wie Flammenschrift auf dunklem Grund stand der Sah da. Die Äugen brannten ihm und wurden ihm feucht.
Hätte ihm damals, vor drei Jahren, seine Mutter den Brief gegeben, würde er Lil zurückgeholt haben, und wenn er ihr hätte nachreisen müssen bis ans Ende der Welt. Der eine Sah Hütte alle kleinlichen Erziehungsgelüste in ihm erstickt, denn der Sah hob sich aus dem übrigen Inhalt des Briefes wie ein Schrei.
Werner Sturm sprang von seinem Stuhle empor, als höre er den Schrei, als risse er ihn hoch zu Lil. Er lief durch das Zimmer wie ein Gefangener.
Er war ja so gut wie ohnmächtig jetzt.
Er durfte Lil nicht aufsuchen, nachdem sie ihm bei der Begegnung vor einem halben Jahr in der Nähe des Bahnhofs deutlich hatte merken lassen, wie wenig er ihr noch galt. Kalt und gleichgültig waren ihre Augen an ihm vorbeigeglitten.
Er blieb stehen, starrte vor sich nieder, als wäre das Muster des Teppichs etwas ganz besonderes. Unö doch wutzte er kaum, ob er auf einem Teppich stand. Er dachte daran, datz ihm Lil Geld angeboten, damit er sein Krankenhaus ins Leben rufen konnte. Er hatte ja, als er vor einem halben Jahr Lil an den Bahnhof gefolgt, den Herrn erkannt, der sich am Gepäckschalter zu Lil gesellte. Er war derselbe, der ihm im Auftrage eines Londoner Menschenfreundes das Geld angeboten.
Er grübelte nach und sein Gesicht hellte sich allmählich auf. Ganz gleichgültig konnte er Lil inzwischen also nicht geworden sein, ilnö er wollte ja auch gar nichts von ihr, er wünschte nur, sie einmal von ganz nahe wiederzusehen und ihr zu erklären, daß er erst jetzt nach drei langen Jahren den Brief gelesen, den sie damals zurückgelassen. Das wolte er ihr sagen, das mutzte er ihr sagen, sonst fand er keine Ruhe. Aber wo hielt sich Lil zur Zeit auf? Die Welt war grotz und Lil war bald hier, bald da. Er nahm seinen Hut und fuhr in seinem kleinen Auto nach der Dockenheimer Landstratze. Er wutzte ja, Lil hatte ihr Baterhaus wiedergekauft und Franz, der alte Diener aus ihres Baters Zeit, betreute es mit seiner Frau.
1 Im Borgarten waren zwei Gärtner damit beschäftigt, die Beete mit Blumen zu bepflanzen, und vor der offenen Haustür stand der alte Franz, die Hände auf dem Rücken. Er rauchte sein Pfeifchen und sah ihm ein bitzchen nutz- trauisch entgegen.
Werner Sturm bemerkte ganz deutlich, sehr freundlich war der Blick des Dieners nicht.
Er grützte den Alten höflich und sagte: „Ich möchte gern wissen, Franz, wo sich zur Zeit meine Kusine aufhält? Ich nehme an, Sie sind darüber unterrichtet."
Franz zog die Brauen zusammen. Wie kleine düstere Wolken stietzen sie aneinander, Gewitterstimmung lag plötzlich über dem gutmütigen, sauber rasierten Gesicht.
„Verzeihung, Herr Doktor, aber ich meine, weil das arme gnädige Fräulein doch damals aus Ihrem Haus weggelaufen ist, wozu sie Grund gehabt haben mutz, wäre es besser. Sie kümmerten sich lieber nicht mehr um sie."
Franz wutzte genau, das war eine sehr dreiste Antwort. Aber er war damals, als er gehört, Lil Körner hätte heimlich das Haus ihrer Tante verlassen, sehr empört gewesen. Wenn man sie dort nicht schlecht behandelt hätte, wäre sie nicht weggelaufen, hatte er sich gesagt. Er hatte ge- wutzt, Dr. Sturm war nicht nur der Kusin, sondern auch der zukünftige Gatte Lik Körners, und seine Empörung war gestiegen, als er später von Dr. Sturms Verlobung mit der Gräfin Kurzmann hörte. Vor einem halben Jahr folgte dann die Entlobung mit der Gräfin, um die allerlei Skandale kreisten, und jetzt fiel es dem Herrn Baron wieder ein, datz es auch eine Lil Körner auf Erde gab, jetzt erinnerte er sich der Verwandtschaft.
Werner Sturm war verdutzt über die Erwiderung des Alten, der kerzengrade oufgerichtet vor ihm stand und ihn ansah, als wäre er sich der Hingehörigkeit seiner Antwort mit einer gewissen Zufriedenheit bewutzt.
Er überlegte, Franz hing Wohl sehr an seiner jungen Herrin. Er war ja schon vor Lils Geburt im Hause ihrer Eltern gewesen und man durfte seine Worte nicht auf die Goldwaage legen.
Er blieb also gleichmähig freundlich.
„Es gibt Dinge, Fraiu, die ein Autzenstehender, ein Uneingeweihter falsch beurteilen mutz, wir sind alle Menschen und täglich geschieht Unrecht und täglich kommen traurige Irrtümer vor."
Franz nickte und seine Augenbrauen zogen sich wieder dorthin zurück, wo sie hingehörten.
„Das stimmt, Herr Doktor, und ich verstehe, Sie meinen, man soll manchmal lieber nicht zu schnell urteilen." Er hatte Werner Sturm ganz gern, obwohl er zu seiner Frau oft genug über ihn geschimpft.
Er fügte jetzt hinzu: „Wenn es sich um keine unangenehme Aufregung für das gnädige Fräu- i lein handelt, Herr Doktor, wenn Sie mir das I
versprechen, will ich Ihre Frage von vorhin beantworten."
Werner Sturm schüttelte den Kopf.
„Rein, es handelt sich um keine unangenehme Aufregung für meine Kusine."
Jetzt lächelte Franz.
„Weit ab ist das gnädige Fräulein nicht mehr von hier. Ich vermute, sie ist jetzt auf dem Wege hierher. Im Zug oder im Flugzeug. Sie kommt nämlich im Laufe des heutigen Nachmittags an, wie sie mir schrieb, Uebrigens tritt sie demnächst im Schumann-Theater auf. Eigentlich mützten Ihnen schon die grotzen Plakate aufgefallen sein, Herr Doktor. Ueberall, wo ein freies Plätzchen in Frankfurt ist, steht ja in Riesenbuchstaben zu lesen, datz „Fix und Rix" zum erstenmal in Frankfurt auftreten."
Werner Sturm hatte mit dem Gedanken gespielt, in der nächsten Zeit einmal für ein paar Tage alle ärztlichen Pflichten seinem Assistenzarzt zu überlassen und Lil irgendwo drauhen in der Welt zu suchen, um ihre Verzeihung zu erbitten. Für etwas, was er ganz falsch angesehen und beurteilt hatte. Er hatte mit dem Gedanken gespielt, nach Rom oder Madrid zu reisen oder nach Wien. Vielleicht auch nach Bukarest oder Paris. Eben dahin, wo „Fix und Rix" gerade die Nummer dem Publikum vorführten. Cs überraschte ihn sehr, zu hören, Lil kam hierher und er brauchte gar nicht fort.
Er sagte: „Ich danke Ihnen für die Auskunft, Franz, und werde morgen vormittag, wenn meine Kusine hier ist, wiederkommen. Bitte melden Sie mich schon bei ihr an. Ich werde gegen elf Uhr wie heute hier sein."
Franz nickte ein bitzchen gönnerhaft.
„Ich werde es ausrichten, Herr Doktor."
Werner Sturm ging ganz benommen zu seinem Auto zurück und fuhr nach Hause. Lil war so nahe, heute schon würde sie in Frankfurt sein und morgen würde er sie sehen und sprechen.
Jetzt bemerkte er auch die Plakate, die Franz erwähnt. Uebergrotz drängten sich ihm die kurzen Worte „Fix und Nix" entgegen. Wohin er blickte, schienen sie auf ihn zuzukommen. Sonderbar, datz ihm die Affichen erst auffielen, nachdem ihn Franz darauf aufmerksam gemacht.
Er lächelte ein wenig! Fix! das war Lil, die zierliche blonde Lil, und Nix! war der elegante alte Herr, der sich als Vermittler des Menschenfreundes aus London ausgegeben.
An diesem Tage überraschte sich Werner Sturm mehrmals bei Zerstreutheiten, und die Nacht schien ihm endlos. Er konnte kaum die Zeit erwarten, Lil zu sprechen. Sich mit ihr aussprechen wollte er. Er mutzte sie um Vergebung bitten.
Er empfand dazu ein tolles Gefühl von Sehnsucht und begriff nicht, wie er so lange hatte leben können, ohne die Aussicht, Lil wiederzusehen. Die Liebe, die er beiseite gestotzen, die er betäubt durch Arbeit und der eingebildeten Nei
gung zu Celia Kurzmann, geberdete sich ganz aufrührerisch.
Ein Wiedersehen mit Lil schien Werner Sturm jetzt das grötzte Glück auf Erden.
23. Kapitel.
Böses Mihtrauen!
Lil war angekommen mit ihrem alten Freund und Kollegen, Melchior Stampferl, für den Franz zwei schön eingerichtete Zimmer hatte in Stand sehen lassen. Die Frau von Franz besorgte mit einem Mädchen Haus und Küche und Lils Zofe sollte, wenn es nötig wär«, überall ein bitzchen mithelfen. Nun satz Lil in dem Zimmer, in dem sie sich früher am meisten in Gesellschaft des Vaters aufgehalten, und Franz berichtete von dem Besuch Werner Sturms. Im ersten Augenblick löste die Nachricht ein glückliches Staunen in Lil aus, aber schon im nächsten Moment wurde ihr Blick kühl.
Was wollte er denn von ihr?
Sie quälte sich noch allzu oft mit der törichten Liebe zu ihm herum, und er hatte sich doch sehr schnell mit einer anderen getröstet. Sie hatte damals recht gehabt, als sie in dem Brief, den sie bei ihrer Flucht hinterlassen, seine Liebe jämmerlich klein genannt. Er war doch seit dem Herbst, als ihr Melchior Stampferl von der Verlobung erzählt, natürlich längst verheiratet. Was wollte er noch von ihr? Sie und er hatten sich nichts mehr zu sagen.
Melchior Stampferl befand sich auch im Zimmer und hörte stumm zu. Er war immer mehr in die Rolle eines wirklichen Blutsverwandten von Lil hineingewachsen, und Lil hatte 'keine Geheimnisse vor ihm.
Franz sagte: „Hm elf Ähr will der Herr Doktor morgen kommen."
Lil fragte zögernd: „Dr. Sturm hat, wenn ich nicht irre, eine Gräfin Kurzmann geheiratet, nicht wahr?"
Franz verneinte. „Bewahre, gnädiges Fräulein. Er war nur verlobt mit ihr, aber dann gab es irgendwas zwischen den beiden, worüber man nichts Genaues Weitz, worüber man aber allerlei Klatsch hört. Die Gräfin soll früher in München, ehe sie hierher zog, eine Liebschaft mit ihrem Chauffeur gehabt haben, und als der Chauffeur dann hier in ihre Wohnung kam, soll sie ihn so derb von sich gestotzen haben, datz er sich gleich totgefallen hat. Er ist mit dem Hinterkopf auf eine scharfe Möbelecke gefallen. Die Polizei hat den Toten aus depi Hause der Frau v. Welp geholt, die Gräfin Kurzmanns Tante ist, bei der sie wohnte. Durch Meta, die gelegentlich allerlei erlauscht hat, ist das bekannt geworden. ünb die grotze Villa der Gräfin in Rödelheim, aus der ein Krankenhaus werden sollte, ist wieder als Wohnhaus zurechtgemacht worden. Nun kann Dr. Sturm wieder jemand suchen, durch den er zu seinem Krankenhaus kommt."
(Fortsetzung folgt.)
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