Ur. 187 Erstes Matt
182. Jahrgang
Donnerstag, 11. August 1932
(Er|d)etnt tägltd), außer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte (Biebener Familienblütter Heimat im Bild - Die Scholle Ulonats-Bejugspreis:
Mit 4 Beilagen «TL 1.95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr .. . -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt.
Zernsprechanschlüfle
unter Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnachrichten- Anzeiger Gießen.
Postscheckkonto:
Frankfurt am Main 11686.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Vrvck vnd Verlag: vrühl'fche Univer^lälr-Vvch. und Steinöruderei R. Lange in Gießen. Sd?riftleitnng und Geschästrftelle: Zchulstraße t.
Annahme oon Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis fflt 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Neichspsennig; für Ns- Klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Neichspfennig, Platzvorschrist 20u, mehr.
Ehefredakteur:
Dr. Friede. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton vr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlurnschein und für beit Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Bietzen.
Reichskabinett kündigt Berfaffungsreform an.
programmatische Hede des «eichsinnenministers von Gayl bei der heutigen Verfaffungsfeier im Reichstag. — Gegen das Wahlrecht der noch nicht mündigen Volksgenossen. — Eine Erste Kammer als Gegengewicht. — Das «eich und Preußen.
Berlin, 11. 2lug. (WTB. Funkspruch.) Unter starker Beteiligung sand heute mittag um 12 Uhr im Plenarsihungssaal des Reichstags die D e r f a s su n g s s e ie r der Reichsregierung statt. Der Andrang des Publikums zum Reichstagsgebäude und zum Platz der Republik war schon längere Zeit vor Beginn der Feier sehr lebhast. Der Reichstag und alle öffentlichen Gebäude der Reichshauptstadt hatten die Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold gehißt. Der Plenar- sihungssaal war in einfacher, aber geschmackvoller CELcifc geschmückt. Ueber dem Präsidentcngestühl war ein riesiger Reichsadler angebracht, der diesmal aber nicht, wie in früheren Jahren, von der Präambel zur Reichsverfassung flankiert war. Bon der Mittelloge des Reichspräsidenten hing die schwarzrotgoldene Standarte mit dem Adler herab.
Pünktlich um 12 Uhr erschien Reichspräsident von Hindenburg im Plenarsihungssaal. 2hm zu Ehren erhoben sich die Teilnehmer an der Feier von ihren Plätzen. Rach einem musikalischen Dorspicl nahm
Veichsinnenmimster Freiherr von Gayl
das Wort zu der F e st r e d e. Er führte u a. aus: Seitdem am 11. August 1919 die Rationalversammlung in Weimar das Dersassungswerk ab- schloß, um das Reich, wie cs in dem Borspruch der Verfassung heißt, „in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuern und zu festigen, dem inneren und äußeren Frieden zu dienen und den Fortschritt zu fördern", sind 13 schwere und leidvolle Jahre verflossen, in denen eine Erfüllung desBorspruchsuns nicht gegeben war. 2nmitten einer ihm immer noch feindlichen Welt hat unser Volt die schwersten Bürden äußerer und innerer Rot zu tragen. Alle Versuche, den Derfassungstag zu einem gemeinsamen, vollstüm- lichen Feiertag zu gestalten, sind bisher fehlgeschlagen. Hier sind nicht Ort und Stunde, um diese Frage zu vertiefen. Es genügt, offen zu bekennen, daß die Verfassung die Gei st er nicht einigt, sondern trennt.
Dennoch hat die Reichsregierung sich entschlossen, den Vcrsassungstag amtlich zu begehen. Wir geben uns dabei nicht der Hoffnung hin, diesen Tag zu einem Festtag für unser Volk machen zu können. Aber wir wollen diesen Tag, an dem unser Volk sich die heute geltende Form seines staatlichen Lebens gab und der, wie man immer zur Weimarer Verfassung stehen mag, ein geschichtlicher Gedenktag ist und bleibt, bewußt dazu benutzen, um in Gegenwart des allverehrten Herrn Reichspräsidenten im Saale des Deutschen Reichstages zu unserem Volke zu sprechen.
wir wollen keine Feierstunde, sondern eine Stunde stiller Einkehr heute halten inmitten der
Unrast unserer Tage.
Es ist richtig, daß Wirtschaftsnot auch V o l k s s ch i ck s a l ist. Es ist aber nicht richtig, daß die Wirtschaft das Schicksal der Ration ist. 3m Ringen der Völker um ihr Dasein sind letzten Endes die unwägbaren Kräs-ie eines Volkes ausschlaggebend. Diese unwägbaren, seelischen Kräfte und Werte eines Volkes sind an keine Formen und Derfassungs- urkunden gebunden. Eie ruhen tief in den Herzen der einzelnen Volksgenossen. Cs gibt im Leben der Völker Zeiten, in denen diese Kräfte verschüttet scheinen durch materialistische Auffassung des Lebens, und es gibt Zeiten, in denen sie lauter und offen fließen. Wer unsere Lage richtig deutet, der sieht, daß wir wieder an der Wende unseres Schicksals stehen.
Der Redner erläuterte diesen Gedanken durch den Hinweis auf die Entwicklung der letzten Jahrzehnte und fuhr dann fort: So ist unser Volk in unseren Tagen in zwei Lager gespalten, zwischen denen ein erbitterter Kampf um die Macht im Staate tobt. Jedes Lager nennt das andere Dolks- Derberber und Staatsfeind und bekennt sich zu dem Strelfruf: „Wer nicht für mich ist, ist gegen den Staat." S o sollten die Dinge nicht sein. Was in unserem Volke heute ausgefochten wird, das ist ein Kampf der Weltanschauungen, der ein Rinaen der Gei st er und nicht eine handgreifliche Auseinandersetzung sein soll. Wir tun gut, auch den weltanschaulichen und politischen Gegner bis zum Beweise des Gegenteils als einen ehrlichen Volksgenossen zu betrachten, der auf feine Weise und nach seiner Ueberzeugung das Beste unseres Volkes will. Bewußt ausgeschlossen sei dagegen jeder, der einen nationalen deutschen Staat grundsätzlich verleugnet und bekämpft.
Man mag ju Einzelheiten der Weimarer Verfassung stehen wie man will. Sie ist heute der einzige Grund, auf dem alle, unbeschadet ihrer weltanschaulichen und politischen Meinung, stehen müssen, die einen deutschen Staat überhaupt bejahen. Vir haben keinen anderen Grund, von dem aus wir den Vormarsch zu einem neuen staatlichen Leben überhaupt antreten können.
Damit ist aber nicht gesagt, daß die Weimarer Verfassung etwas unabänder
liches wäre. Rückblickend auf die dreizehn Jahre des Bestehens unserer Derfassung müssen wir bekennen, daß sie abänderungsbedürftig ist.
Cs war ein Verdienst der Verfassunggebenden Nationalversammlung, aber auch aller deutscher Länder, daß 1919 in verhältnismäßig kurzer Zeit nach dem allgemeinen Zusammenbruch überhaupt eine Verfassung zu stände kam, welche die Reichseinheit gewährleistete und für längere Zeit eine Grundlage staatlichen Lebens schuf, auf der auch tatsächlich sehr schwere Zeiten überwunden werden konnten. Cs ist nichr Schuld der Derfassung allein, daß sich in Deutschland im Rahmen ihrer parlamentarisch-demokratischen Grundsätze eine Herrschaft der politischen Parteien entwickelte, bei der Legislative, Kontrolle und Exekutive immer mehr verschmolzen, die ein Kommen und Gehen der Regierungen mit sich brachte, die eine stetige, auf den Wiederaufbau gerichtete Regierungs- arbcit hemmte und nahezu unmöglich machte, und die schließlich dazu zwang, sogar Maßnahmen des wirtschaftlichen Lebens und der Finanzgebarung mit der ultima ratio des Artikels 4 8 zu regeln und damit tatsächlich einen Teil der Derfassung selbst außer Kraft zu sehen.
Die Zustände aber, unter denen wir heute zu leben gezwungen sind, dürften ein schlagender Beweis sein, daß die Verfassung abänderungsbedürftig ist. Unser Volk kann sich auf die Dauer der Notwendigkeit einer Verfassungsreform, ja einer Reichsreform nicht entziehen. Je frühzeitiger und energischer diese Aufgabe angepackt wird, desto besser ist es für uns.
Die Reform hat auszugehen von einer Aende- rung des in Artikel 22 der Verfassung vor- geschriebenen Wahlrechts. In diesem Artikel wurzelt die in weitesten Kreisen unseres Volkes schwer empfundene Herrschaft der parteibureau- tratie. Das Volk will nicht Nummern, sondern Persönlichkeiten wählen, und es versteht nicht, bar) die Stimmen noch nicht mündiger Volksgenossen gleidjgcroertet werden den Stimmen der Familienernährer und der Mütter. Zur Reform des Wahlrechts gehört auch die Einschränkung der zahlreichen kleinen Splitterlisten, deren Stimmen in der Regel ausfallen. Dem Wahlrecht sollte die Wahlpflicht entsprechen.
Es ist nicht Schuld von Personen allein, sondern der Konstruktion unserer Verfassung, wenn in Deutschland fast alle Ansätze der Reformen bisher im Parteigetriebe erstickten. Jede zielbewußte Regierungspolitik ist auf die Dauer in Deutschland zum Scheitern an zwei Dingen verurteilt, an der Anonymität der Verantwortung und an dem Fehlen einer Instanz, d i e unabhängig von Parteieinflüssen, dem Gesamtwohl schädliche Parlamentsbeschlüsse ohne schwerwiegende verfassungsmäßige Reibungen auszugleichen vermag.
Ein im Umbruch aller Werte befindliches Volk, das unter einer furchtbaren äußeren und inneren Rot leidet, bedarf einer von den Fesseln formaler Verantwortung mehr wie bisher befreiten, aber persönlich um s o ftärfer oerantroort- l i chen Regierung, die in einer Ersten Kammer einen Helfer haben muh, der sie vor den Folgen der oon Volksstimmungen und Rücksichten beeinflußten parlamentsbefdjlüffen zu schützen und die Stabilität und Folgerichtigkeit der Regierungspolitik zu gewährleisten vermag. Eine Aenderung der Verfassung nach dieser Richtung ist auf die Dauer nicht zu umgehen. Schließlich ist noch des inneren Umbaues des Reiches zu gedenken. Die Erfahrung feit dem 11. August 1919 hat zur Genüge die Unhaltbarkeit des Zustandes ergeben, daß im Reich und in Preußen oon verschiedenartig zusammengesetzten und gerichteten Regierungen eine verschiedene Politik auf allen Gebieten getrieben werden kann. Das Verhältnis zwischen dem Reich und Preußen muh daher im Sinne einer engen Gemeinschaft zwischen beiden umgeftaltet werden.
Das braucht keine Minderung der Selbständigkeit und Eigen st aatlich. feit der deutschen Länder zu bedeuten und soll sie nicht herbeiführen. Schematisierung und Zen- tralisierung Deutschlands von einer Stelle aus würden sehr bald Gegenkräfte entfesseln, von denen auf die Dauer nicht eine Stärkung, sondern eine wesentliche Schwächung des Reichs und damit eine Minderung der Geltungs- und Stoßkraft des deutschen Volkes in seinem schweren Kampf ums Dasein ausgehen würde.
Ueber die Einzelheiten dieser Umgestaltung unserer Derfassung kann man streiten und verschiedene Wege suchen. Wesentlich bleibt, daß wir außer dem Willen zur Reform auch die Kraft aufbringen, um sie trotz aller Schwierigkeiten durchzuführen, und daß wir babei nicht nach Parteivorteilen und Rachteilen handeln, sondern nach
dem Wort Bismarcks: Der Staat will bedient, nicht beherrscht werden!
Reichskanzler von Popen hielt die Schlußansprache. Er führte u. a aus: Das Deutschland von 1932 ist in Dielem und Entscheidendem ein anderes als das von 1919. Die starken nationalen Kräfte, die jetzt zum Durchbruch gekommen sind, tagen damals im Verborgenen, verschüttet unter den Trümmern eines furchtbaren Zusammenbruchs. Der Rotwendigkeit, die Grundlage deutschen Lebens nach den Ueberlieferungen unseres Volkstums und seiner stolzen Geschichte und doch einem jungen, leidgeprüften Geschlecht angemessen zu erneuern, konnten die Gestalter unserer Verfassung vor 13 Jahren nicht in vollem Maße gerecht werden. Aber dennoch hat diese Verfassung Grundgedanken und M ö g l i ch t e i t e n. die in die Zukunft weisen. Auf "ihnen müssen wir das deutsche Haus neu bereiten. Diese Aufgabe steht fest umrissen vor uns.
Gestalter dieser Zukunft zu fein, rufen wir heute alle auf, die Deutschland und fein Volk mehr lieben als parteibottrinen, alle, die das unantastbare grunbgeroadjfene landsmannschaftliche (Eigenleben der Länder gefrönt sehen wollen von der Wohlfahrt. Kraft und Stärke des einigen Reiches.
Der Reichskanzler schloß mit dem Ruf: Das im Deutschen Reich geeinte deutsche Volk, es lebe hoch!
Wegen Verhinderung des Reichstagspräsidenten L o e b e wurde der Reichspräsident vom Vizepräsidenten des Reichstages, von Kardorss. geleitet. Zur Rechten des Reichspräsidenten hatte Reichswehrminister von Schleicher Platz genommen.
3n der Diplomatenloge war das Diplomatische Korps versammelt. Das Reichskabinett war vollzählig unter Führung des Reichskanzlers von P a p e n auf der Regierungsbank des Reichstags erschienen. Auch die Ländervertreter wohnten der Feier bei.
Rach Schluß der Feier begab sich der Reichspräsident in Begleitung des Reichswehrministers, des Chefs der Heeresleitung, sowie des Polizeipräsidenten von Berlin durch Portal II nach der großen Freitreppe. Umjubelt von der riesigen Menschenmenge erschien der Reichspräsident vor der von der dritten 3äger- kompanie des 2. preußischen Infanterieregimentes in Ortelsburg gestellten Ehrenkompanie und schritt deren Front unter den Klängen deS Deutschlandliedes ab. Der Reichspräsident verabschiedete sich sodann von den Herren der Reichsregierung und fuhr in Begleitung des Reichskanzlers von Papen in seine Wohnung zurück.
Wer dem Gegeneinander der Parteien!
Richtlinien der Berliner Polizei.
Berlin, ll.Aug. (CRB. Funkspruch.) Im Lustgarten wurde heute um 9.30 Uhr die Verfassungsfeier der gesamten Berliner Schutzpolizei abgehalten. Der Lustgarten, das Schloß und die Schloßterrasse waren mit Girlanden und zahllosen Fahnen in den Reichsund den preußischen Farben geschmückt. Gegenüber der Terrasse hatten die vier Gruppen der Berliner Schutzpolizei und drei Bereitschaftender berittenen Polizei, insgesamt etwa 10 000 Mann, geführt von Kommandeur Oberst P o t e n und dem Polizeioberst G e n h im großen Viereck Aufstellung genommen. Unter den Ehrengästen bemerkte man neben dem Polizeipräsidenten Dr. Melcher den stellvertretenden Reichskommissar für Preußen. Oberbürgermeister Dr. Bracht. Die Feier wurde eingeleitet mit der Cgmont-Ouvertüre von Beethoven. Polizeipräsident Dr. Melcher hielt die Festansprache, in der er u. a. ausführte:
„Die Berliner Schutzpolizei blickt auf schwere Monate zurück. Eine Millionenstadt wie Berlin, die Hauptstadt eines Derarmten, hartringenden Reiches, wird von den Erschütterungen, die die furchtbare Wirtschaftskrise Hervorruf, ganz besonders getroffen. Die Berliner Polizei hat inmitten aller Verwirrung, aller Erregung, ihren Mann gestanden. Sie hat insbesondere in dem letzten schweren Wahlkampf Ordnung gehalten und die Wahrnehmung der staatsbürgerlichen Rechte ohne Ansehen der Person und Partei gesichert. Sie wird sich auch weiterhin in die Parteipolitik nicht hineinziehen lassen, sondern stets beherzigen, daß über d e m Gegeneinander der Parteien ein größeres steht, eines, was uns alle eint
und bindet: derStaat, dasVaterlandl In dieser Gesinnung begehen wir auch den Tag der CDerfaffung. In diesem Geiste des Pflicht- und Verantwortungsgefühls der keine P a r te i g e b u n de n hei t kennt, wollen wir weiter unseren Dienst tun in den schweren Monaten, die uns noch bevorstehen."
Rach dem Deutschlandlied erfolgte ein Vorbeimarsch der gesamten Schuhpolizeiformationen.
Zentrum regt Regierungsbildung in Preußen an.
Berlin, ll.Aug. (OB. Funkspruch.) wie wir von gut unterrichteter Seite erfahren, hat die Zentrumsfraktion des preußischen Landtags nunmehr die Initiative zur k o n ft i - tuierung einer preußischen Regierung ergriffen. Die Fraktion hat eine Einladung an die Nationalsozialisten und die Deutsch- nationalen ergehen lassen, am Samstag, dem 13. August, vormittags, zur Aussprache über die Wahl eines Ministerpräsidenten und die damit zusammenhängende Bildung einer Regierung zusammenzukommen.
Or. Bracht bei Hindenburg.
Berlin, 11. Aug. (WTB. Funkspruch.) Der Herr Reichspräsident empfing heute vormittag den Bevollmächtigten des Reichskommissars für Preußen, Oberbürgermeister Dr. B r a ch L
MHaagerEnlscheidung inMemel-KonW
Auflösung des früheren Memel-Landtags unzulässig.
Haag, 11. Aug. ((ERB. Funkspruch.) Der Ständige Internationale Gerichtshof im Haag hat heute vormittag feine Entscheidung in der oon den Regierungen Englands, Frankreichs, Italiens und Japans gegen Litauen anhängig gemachten Streitsachen wegen der verschiedenen litauischen Maßnahmen im Memelgebiet verkündigt. Die Entscheidung ist mit zehn gegen fünf Stimmen gefällt worden und beantwortet die sechs gestellten Fragen dahin, daß die Absetzung des Oirektoriumspräsiden- t c n unter gewissen Voraussetzungen zulässig ist, aber eine BeendigungderAmtsdauerder Direktionsmitgliedernicht nach sich zieht, ebenso die Auflösung des Memeler Landtags, die am 22. Mär; d. I. erfolgt ist, nicht zulässig war.
Die Minderheit wird von dem deutschen Richter Professor S ch ü ck i n g , sowie von de Bustamente. Alkamira (Spanien), van Eysingha (Holland) und Anzilotti (Italien) gebildet.
In seiner Entscheidung bejaht der Gerichtshof die chm zur Beantwortung vorgelegte erste Frage, ob der Gouverneur des Memelgebietes das Recht zur Entlassung des Präsidenten des Direktoriums besitzt, aber mit der
ausdrücklichen Einschränkung, daß die Absetzung nur als Maßnahme zum Schuhe der Staatsinteressen und in Ermangelung anderer Mittel in solchen Fällen zulässig ist, in denen eine schwere Beeinträchtigung der litauischen Souveränität als vorliegend anzusehen sei. Hiermit ist gleichzeitig auch die zweite Frage beantwortet, ob dieses Recht evtl, nur unter bestimmten Bedingungen ausgeübt werden kann.
Verneint wird dagegen die dritte Frage, ob eine Entlassung des Präsidenten des Direktoriums auch das Ende der Amtsdauer der Mitglieder des Direktoriums nach sich zieht. Die vierte Frage, ob für den Fall, daß das Recht zur Entlassung des Präsidenten dem Gouverneur nur unter bestimmten Bedingungen zu- stehe. die Entlassung des ehemaligen Präsidenten Böttcher unter solchen Bedingungen erfolgt sei, wird wieder bejaht. Die fünfte Frage, ob die Einsetzung des von S i m a i t i s präsidierten Direktoriums unter den Umständen, unter denen sie erfolgte, rechtsgültig gewesen ist, wird vom Gerichtshof ebenfalls bejaht. Die besonders wichtige letzte Frage, ob die am 22. März 1932 erfolgte Auflösung des Memeler Landtages zu Recht erfolgt ist, wird vom Gerichtshof aber wieder entschieden verneint.


