Ausgabe 
10.12.1932 Frühausgabe
 
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Anträge und Entwürfe dem Sozialpoliti- s ch e n Ausschuß zu überweisen. Dieser Antrag wurde von der Linken mit großem Lärm beant­wortet. Die Kommunisten riefen:Die Schleicher- Koalition ist fert.g." Als Sozialdemokraten und Kommunisten gegen die Ausschußüberweisung prote­stierten, erwiderte Vizepräsident Esser, die Ausschuß­überweisung sei von den Fraktionsführern vereinbart worden. Nun erklärten Abg. T o r g- ler (Som.) und Abg. Aufhäuser (Soz.), die kommunistische und sozialdemokratische Fraktion seien nicht gefragt worden. Vizepräsident Esser erklärte, nach der neuen Geschäftsordnung müsse die­ser Antrag dem Haushaltsausschuß über­wiesen werden, weil er finanzielle Mehr­aufwendungen bringe. Bei der Abstimmung über die Ausschußüberweisung des W.i n t e r - Hilfeantrages stimmten die Sozialdemokraten und Kommunisten gegen die Ueberweisung, die Deutschnationalen und die Deutsche Volkspartei gaben Stimmenthaltungskarten ab, und die übrigen Parteien stimmten für die Ueberweisung an den Haushaltungsausschuß, die mit 295 gegen 206 Stim­men beschlossen wurde.

Auf sozialdemokratischen Antrag wurde gegen die Stimmen der Nationalsozialisten und Deutsch­nationalen die Ausschußüberweisung auch für den nationalsozialistischen Winterhilfeantrag beschlossen. Die kommunistischen Winterhilfeanträge wurden durch namentliche Abstimmung mit 296 gegen 206 kommunistische und sozialdemokratische Stimmen bei 49 Enthaltungen gleichfalls dem Haushalts- und Sozialpolitischen Ausschuß überwiesen, ebenso wur­den dann Anträge auf Aufhebung der Notver­ordnungen vom 14. Juni, 4. und 5 November mit 296 gegen 203 -stimmen der Sozialdemokraten und

Kommunisten bei 48 Enthaltungen dem Haushalts­und Sozialpolitischen Ausschuß überwiesen.

Das Explosionsunglück von Rathenow.

Es folgte die Beratung des kommunistischen An­trages, der Maßnahmen für die beim Explo­sionsunglück im IG. - Farbenwerk Premnitz Betroffenen fordert.

Abg. Herrn (Korn.) fordert die Schließung des Betriebes bis zum Abschluß der Untersuchung, Weiterzahlung des Lohnes und eine strenge Be­strafung aller Schuldigen an dieser Katastrophe.

Äbg. E b e t t (Soz.) wendet sich gegen die kommunistische Behauptung, das Unglück sei durch Rationalisierungsmahnahmen entstanden. Viel­mehr habe sich das Unglück in der Produktion chemischer Stoffe ergeben. Mit einer politischen Ausnutzung dieses bedauerlichen Unglückes werde den Betroffenen nicht gedient.

Abg. Wagner- Westfcrlen (AS.) erhebt Ein­spruch dagegen, wie hier die Kommunisten das Sterben von zehn Soldaten der Arbeit miß­brauchen, um parteipolitiiche Geschäfte zu machen. Die kommunistilche Forderung, den Betrieb bis zum Abschluß der Untersuchung zu schließen, würde eine schwere Schädigung der noch beschäf­tigten Arbeiter bedeuten. Die RationaHozialisten würden den übrigen Forderungen des kommu­nistischen Antrages zustimmen.

Der kommunistische Antrag wurde mit den Stim­men der Nationalsozialisten,' Sozialdemokraten und Kommunisten angenommen unter Ablehnung der Forderung, daß der Betrieb bis zum Abschluß der Untersuchung geschlossen werden solle.

Die Amnestie beschloffen.

Als letzter Punkt stand auf der Tagesordnung die zweite und dritte Beratung der A m n e st i e ent­würfe. Nach einem Zentrumsantrag soll die Höchstgrenze der vollkommen zu erlassenden Strafen von fünf auf zwei Fahre herab­gesetzt werden. Von der Amnestie sollen aus­genommen werden Hochverrat, der bei der Reichswehr oder Polizei begangen wird. d. h. dieZersetzungs-Tätigkeit", Meineid und alle Taten, die von Roheit, niedriger Gesinnung oder Gewinnsucht zeugen.

Abg. (H o k (DNVP.) erklärte, im Interesse der Berufsfreudigkeit der deutschen Richter sollte man Amnestien vermeiden und nur mit Einzelbegnadi­gungen vorgehen.

Abg. Dr. M a r u m (Soz.) äußerte Bedenken da­gegen, daß die Amnestie auch auf diejenigen An­wendung finden solle, die durch gemeine Lüge undVerleumdung den Kamps gegen politische Gegner geführt baberu Den Zentrumsantrag lehnen wir ab, nicht weil wir etwa Hochverräter schützen wollen, sondern weil wir wissen, in wie einseitiger Weise Hochverratsurteile gegen links gefällt werden. Wir verlangen weiter die Aufhebung der Sonder­gerichte und der Terror-Notverordnung.

Abg. F r a n f ' II. (AS.): Wir betrachten die Ausschußvorlage nur als erste Etappe der Amnestierung, die bald in größerem Umfange kommen muß. Wir verlangen, daß die Zusage auf Einstellung der Sondergerichtsverfahren gegen unsere 856 SS- und SA-Leute binnen kurzem toabra'ma-'bt wird. Bor der Echlußabstimmung muß klargestellt werden, daß der Zentrumsantrag soweit Gesetzeskraft erhält, als er den Z er­seh u n g s h o ch v e r r a t bei Reichswehr und Polizei von der Amnestie a u s n i m m t. Sollten auch diese Verbrechen amnestiert werden, dann würden wir eher das Opfer bringen, die Vorlage abzulehnen und unsere Gefangenen war­ten zu lassen, bis in wenigen Wochen durch unseren Machtantritt ihnen die Freiheit gegeben wird. Die Sondergerichtsurteile aus Anlaß des Verkehrs st reiks sind so un­geheuerlich, daß sie schleunigst durch eine Am­nestie korrigiert werden müssen. Der Zersetzungs- Hochverrat darf unter keinen Umständen amne­stiert werden. Wir sagen der Regierung, daß wir uns nicht mehr lange den autori­tären Standgerichten unterwerfen wollen, sondern gesinnt sind, in Deutschland selbst das Gericht über die Volks­

verderber aufzunehmen. (Stürmischer Beifall bei den Rationalsozialisten. Rufe: Heil.Hitler!) Abg. l). Strathmann (Chr.-Soz.): Da die Amnestievorlagen bestimmten politischen Bedürf­nissen dienstbar gemacht werden, führen sie im Volke immer zu einer Minderung der Autorität der Justiz. Die Auswirkung der Terrornotverordnung rechtfertigt es, im Wege einer Amnestie eine Korrektur der Rechtsprechung vorzunehmen und so den Uebergangzu ruhigeren Verhältnissen zu finden. Wir müssen aber eine Aenderung des Ausschußent­wurfes dahin verlangen, daß Zersetzungshöch- verrat und jeder Landesverrat von der Amnestie ausgeschlossen wird.

Bei der Abstimmung über den Aenderungs- antrag des Zentrums wurde die H e r a b s e t - jung der Höchstgrenze für die vollständig zu erlassenden Strafen von fünf auf zwei Jahre mit den Stimmen der Aationalsozialisten, Sozial­demokraten und Kommunisten abgelehnt. Auch die übrigen Aenderungsanträge wurden mit der gleichen Mehrheit a b g e l e h n t mit Ausnahme der in dem Zentrumsantrag ge­stellten Forderung, daß Zersetzungs-Hochverrat bei Polizei und Reichswehr nicht unter die Amnestie fallen soll.

Mit dieser Aenderung wurde der Ausschußent­wurf angenommen mit 395 gegen 144 Stim­men bei 4 Enthaltungen. Damit war die für oer- fassungsändernde Gesetze erforderliche qualifizierte Mehrheit erreicht, und die Amnestie ist besch.offen.

Die Tagesordnung war damit erledigt. Der Staatssekretär der Reichskanzlei, Dr. Plank, gab zu den Winterhilfeanträge, die den Ausschüssen überwiesen worden sind, folgende Erklärung ab: Die Reichsregierung ist entschlossen, Maßnah­men für eine besondere Winterhilfe zu treffen soweit die Kassenlage es er­laubt. (Unruhe links.) Sie wird sich bemühen, im A u s s ch u ß zu einer Derständiguna mit den Parteien über das Ausmaß dieser Aktion, zu gelangen.

Vizepräsident Esser: Ich schlage vor, daß der Präsident ermächtigt wird, im Einverständnis mit dem Aeltestenrat den Termin der nächsten Sitzung zu bestimmen.

Bei der Abstimmung wurden sozialdemokratische und kommunistische Anträge auf Abhaltung einer Montagssitzung abgelehnt und der Vorschlag des Präsidenten angenommen.

Momenibilder aus Genf.

»3m Vertrauen gesagt, Herr Simon, habe ich nicht Reäü?^

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Zwei lustige Bilder von einer Unterhaltung zwischen dem französischen Ministerpräsidenten H e r r i o t und dem englischen Außenminister Sir John Simon bei der Völkerbundssitzung in Genf. Der Be­schauer dieses Bildes weiß zwar ebensowenig, um was sich das Gespräch dreht wie der französische Kriegsminister Paul-Boncour (rechts), der im Augenblick einen interessanteren Gegenstand zu be­obachten scheint. Aber die romanische Gestikulation Herriots gestattet, die obigen Worte zu erraten.

81110 aller Welt

vierfaches Todesurteil im Görliher Giftmordprozeß.

3m Görliher Giftmordprozeh wurde nach fünftägiger Verhandlung das Urteil ge­fällt. Der Angeklagte Eduard 3 u st aus Klein- Partwitz wird wegen Mordes in hier Fäl­len, begangen an seiner zweiten Frau, an sei­nem Schwager Christian G r o b a , an Frau Groba und dem Kinde Groba viermal zum Tode verurteilt. Die bürgerlichen. Ehren­rechte werden ihm viermal auf Lebenszeit ab­erkannt. Wegen einer weiteren Vergiftung (Türke) wird der Angeklagte wegen Totschlags zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Die Kosten des Verfahrens fallen dem Angeklagten zur Last. Der Verurteilte nahm das Urteil ziem­lich gefaßt auf. 3n der Urteilsbegründung wird betont, daß der Angeklagte auf Grund seines Ge­ständnisses in vier Fällen des Mordes schuldig sei. Auf Grund der Beweisaufnahme sei das Ge­richt gleichfalls zu der äleberzeugung gekommen, daß der Angeklagte die Taten mit voller Heber» legung ausgeführt hat

Der kciegsverratsprozeß Jäger vor dem Reichsgericht.

Wad) achttägiger Unterbrechung wurde unter starker Teilnahme ehemaliger Kriegsteilnehmer der am 2. Dezember unterbrochene Prozeß'gegen den Kraftfahrer August Jäger aus Erfurt, der den ersten deutschen Gasangriff bei Langemarck am 14. April 1915 als Ueberläufer den Franzosen ver­raten haben soll, vor dem Vierten Strafsenat des Reichsgerichts in Leipzig fortgesetzt. Aus einem an den Reichsanwalt gelangten Schreiben der Zentral- nachweisstclle Spandau geht hervor, daß Jäger nach seiner Rückkehr aus der Gefangenchaft den ihm oor- gelegten Fragebogen mit falschem Dienstgrad und Truppenteil ausgefüllt hat. Ein neuer Verhand­lungstermin wurde auf den 16. Dezember angesetzt.

Schloß ZUarloffffein bei (Erlangen eingeäschert.

Im Ostflügel des Schlosses Marloffste-in bei Er­langen entstand ein Brand, der das gesamte Schloß in kurzer Zeit bis auf die Um­fassungsmauern einäscherte. Die Flam­men schlugen zuerst aus dem Dachstuhl und ver­breiteten sich von dort aus über das ganze Schloß. Alsbald stürzte der ganze Dachstuhl ein, der erft vor etwa zwei Jahren vollständig neu aufgebaut worden war. Die Feuerwehren arbeiteten fieberhaft. Das Schloß war früher von den Bischöfen von Bamberg als Jagdschloß benutzt worden. Später ging es auf den Staat über, der es seinerzeit wieder in Privatbesitz veräußerte. In dem Schloß wurde von dem neuen Besitzer eine (Saft» ft ä 11 e errichtet. In einem der Flügel befand sich eine Tischlerei, in der das Feuer wahrschein­lich zum Ausbruch gekommen war.

Heimkehr des Australienfliegers klausmann.

Der Auftralienflieger Klausmann trifft in diesen Tagen mit dem DampferNeckar" des Nord­deutschen Lloyds in Bremen ein. Bekanntlich Hal das Geschick Klausmann furchtbar mitgespielt. Wäh­rend Bertram sich erstaunlich schnell von den un­menschlichen Strapazen erholt hat, hat Klausmann erst sehr viel später die Heimreise antreten könne, da sein Zustand einen langen Krankenhausaufenthall in Australien erforderlich machte. Nachdem der Bord- monteur nunmehr körperlich fast wiederhergeftellt ist, haben sich jedoch bedauerlicherweise Erscheinungen ,oon geistiger Umnachtung eingestellt, die Klausmann noch heute zeitweilig unter Anwand­lung von Verfolgungswahn leiden lassen. Von einem größeren Empfang hat man deshalb not- wendigerweise ab sehen müssen.

Die Untersuchung des Premnitzer Unglücks.

Auf Veranlassung der mit der Untersuchung des Explosionsunglückes in Prem­nitz beauftragten Staatsanwaltschaft Potsdam wurden die Sachverständigen Professor Brü­ning und Dr. Witt von der Berufsge­nossenschaft der Chemischen Industrie herangezo­gen, die auf Grund der Brandwirkungen nach­prüfen sollen, welche Gase die Erplosion verursacht haben können. Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, jedvch darf es nach den bisherigen Untersuchungen als ausgeschlossen gelten, daß die Explosion auf das Zerplatzen der zum Schweißen benutzten Gasflächen zurückzuführen ist, wie auch nach Ansicht der Sachverständigen das Explodie­ren der Zentrifuge selbst, wenn sich in ihr Gase gebildet haben sollten, nicht diese Wirkungen ge­habt haben könnte. Daß sich in der Zentrifuge noch Schießbaumwolle befand, sei unwahrscheinlich, da in den übrigen Zentrifugen keine Schießbaum­wolle gefunden wurde.

Dr. h. c. Gräfin v. d. Groeben 70 Jahre alt

Am 12. d. M. bgeht die langjährige Vorsitzende des Vaterländischen Frauenoereins vom Roten Kreuz und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Roten Kreuzes, Frau Dr. med. h. c. Agnes Gräfin von der Groeben, geb. von Kleist, ihren 7 0. Geburtstag. Die Entwicklung des Vaterländischen Frauenvereins zu der umfassenden Organisation mit heute über 760 000 Mitgliedern ist mit dem Namen und der Wirksamkeit der Gräsm Groeben untrennbar verbunden. Seit nahezu einem halben Jahrhundert ist sie, zuerst in Ostpreuhen, im Vaterländischen Frauenverein vorn Roten Kreuz ununterbrochen tätig. Beim 60jährigen Bestehen des Vaterländischen Frauenvereins vom Roten Kreuz ehrte die Universität Königsberg ihre Ver­dienste um die Gesundheitsfürsorge durch die Ver­leihung des medizinischen Ehrendoktors. Ihr vor­bildliches soziales Wirken bekam seinen vollen Wert durch die Herzensgüte und Harmonie ihrer Persön­lichkeit.

Gießener Gtadtcheaier.

Lignmnd Graff und Carl Ernst Hintze: Die endlose Straße".

Dieses Schauspiel, das vor zwei 3ahren in Aachen uraufgeführt wurde und seitdem immer mit dem gleichen Erfolg über viele deutsche Bühnen gegangen ist, erinnert zunächst, rem stofflich und auch sonst in manchen Zügen, an das englische KriegsstückDie andere Seite" von Sheriff, das wir früher hier gesehen haben. Es unterscheidet sich aber auch, wie man bald ge­wahr wird, sehr wesentlich davon. Einmal da­durch, daß es (im ästhetischen Sinne) keinenHel­den" hat. Das ist natürlich kein Einwand gegen das Stück. Genau /so wenig, wie es vor langen 3ahren kein stichhaltiger Einwand gegen die Weber" von Hauptmann sein konnte.

Man ist erst später dahinter gekommen, daß es auch Stücke ohneHelden" im alten Sinne geben könne. Oder daß alle Mitwirkenden zu­sammen sich in dieserRolle" vereinigen könn­ten. Das nannte man dann mit einem literari­schen Begriff ein Kollektiv. AuchDie endlose Straße" fällt unter diesen Begriff.

Die andere Seite" war das ist ein wich­tiger Unterschied ein reines Offiziersstück. Es war ferner ein außerordentlich dramatisches Stück. Und es war endlich ein Stück mit scharf profilierten Charakteren.

Die endlose Straße" legt weniger Wert auf die Herausarbeitung von Charakteren und von Einzelschicksalen. Sondern sie schildert, was zu sch.tdem ist, in typischen Gestalten. Sie be­schränkt sich auch nicht auf Offiziere, sondern sie zeigt den deutschen Soldaten in vielerlei Gestalt: Offizier und Unteroffizier und gemeinen Mann, älndDie endlose Straße" ist endlich auch (wieder im literarischen Sinne) ein ganz undramatisches Stück. Sie gibt nur Zustands,childerung. Dieser Zustand ist aber der Krieg in seiner wahren Ge­stalt: und der Krieg ist elementarste Dramatik in einem allerdings höchst unliterarischen Sinne.

Das Stück führt seinen Ramen zu Recht: es ist eigentlich ohne Anfang und ohne Ende. Denn es hat längst vor dem ersten Bild begonnen und es geht nach dem letzten noch lange weiter. Der »Held" also dieses endlosen Stückes ist die Kom­

panie. Eine von den Tausenden von deutschen panien, die damals draußen standen. Die elfte: aber es formte auch die erste oder die sechste fein. Oder irgend eine andere. Diese eine, zufällige, elfte Kompanie liegt 1917 in Frankreich vorne in Stellung. Wird abgelöst. Kommt nach hinten. (Hinten" ist zwölf Kilometer hinter der vorderen Linie.) Bleibt zwei Tage in Ruhe. Kommt in Alarmbereitschaft, älnd marschiert, als der Eng­länder durchgebrochen ist, wieder nach vorne, wie­der in Stellung auf der endlosen Straße des großen Krieges. Das ist alles.

Aber in den paar Tagen und Rächten, auf den durch zwölf armselige Kilometer von einander getrennten Schauplätzen, Graben und Baracken­lager, vollzieht sich das Schicksal der Kompanie. And weil es eben nicht nur bei dieser Kompanie so aussah, sondern bei tausend andern Kompanien genau ebenso, und weil die Menschen, welche diese Kompanie bilden, den vielen tausend andern im Leben und Sterben zum Verwechseln ähnlich sehen, deshalb ist das Schauspiel von so starker und unmittelbarer Wirkung. Deshalb geht es uns alle an. Weil wir es alle, von weitem oder aus näch­ster Rähe, miterlebt haben. Weil es nichts Ein­zelnes und Zufälliges und Privates hier gibt, sondern nur das Allgemeine. And weil die vier Bilder nur ein winziger Ausschnitt sind aus dem tagtäglichen Erlebnis des Krieges an der Front durch vier endlose 3ahre hindurch.

Aber dieser winzige Ausschnitt seht sich aus zahllosen Einzelheiten zusammen, die, aneinander­gereiht, eben das gültige Bild des Krieges er­geben, so wie ihn eine Kompanie draußen erlebte. Das stundenlange dumpfe Warten im Unterstand im pausenlos dröhnenden Gewitter des schweren Feuers. Die zerschossene Leitung. Das Sammern der Verwundeten. Der Anruf vom Bataillon. Das monotone Kartenspiel. Das abgerissene Ge­spräch. Die ruhige, klare Stimme des Kompanie­führers dazwischen Wieder Verluste. Endlich die Rachricht vom Bataillon, die alle im Unterstand elektrisiert: Ablösung ist unterwegs. Wir kom­men nach hinten, in Ruhe und letztes Ziel des armen Frontsoldaten nach LilleI Schon machen sie sich fertig, da gehen die roten Leuchtkugeln hoch: Sperrfeuer. Alarm. Angriff. Sie kommen! Raus, raus!

le

Tann sind sie glücklich abgelost. Andin Ruhe": aber nicht in Lille, sondern bloß zwölf Kilometer hinter der Front. Essen, Schlafen. Wieder die bekannten und vertrauten Gestalten. Die alten Frontsoldaten und der junge Ersatz. Tie Leichtverwundeten auf der Suche nach Sam­melstelle, Lazarettzug und Druckposten. Der Feldwebel. Das Etappenschwein. Der Mus­ketier, der ewig stänkert und am liebsten zum Schangel" rüber will. Ein blutjunger Fähnrich, der im entscheidenden Augenblick die Rerven ver­liert und von dem prachtvollen alten Kompanie­führer wieder hochgerichtet wird. Die jungen Kerlchen vom Ersatz aus Beverloo, die noch keine Ahnung haben, was eigentlich los ist. Der Gefreite, seit 1912 bei der Kompanie, derwie­der ganz gesund" ist und zu früh aus dem Urlaubheim" kommt, wie er sich ausdrückt. Die völlig verstörten, zitternden Beripundeten, die sich aus der Hölle des englischen Tankangriffs zurückgeflüchtet haben und den Kameraden, die längst die Hoffnung auf Ruhe oder gar auf die Wunderstadt Lille haben fahren lassen, zu schildern versuchen, was ihnen vorne bevorsteht, älnd endlich wird aus dem qualvollen Warten, aus der Ungewißheit, aus der Bereitschaft der Alarm, auf den sie ja doch alle gefaßt waren. Da tritt die Kompanie wieder an mit Helm und Gewehr und Gasmaske und Gepäck, und dann marschieren sie, ohne Tritt, wieder nach vom, in die Stellung zurück, und schon ist der Marsch­rhythmus der Kompanie nicht mehr zu unter­scheiden von dem der unzähligen anderen Kom­panien, Batterien und Kolonnen auf der endlosen Straße des großen Krieges.

Tie Ausführung, vom 3ntent>anten Dr. Prasch inszeniert, war darauf angelegt, den klaren und unpathetischen Realismus der vier großen Bild­gruppen festzuhalten und wiederzugeben. Bei aller Zuständlichkeit des Stückes war reichlich Gelegenheit zur Ausmalung der Stimmung oder besser: der Atmosphäre im Unterstand, vor der Ablösung, vor dem Eingriff, im Lager und vor dem abermaligen Abmarsch. Bei Einsatz des ge­samten männlichen Ensembles hoben sich die 3n° dividualitäten aus der Masse gerade soweit her­aus, daß die Zusammengehörigkeit und schicksal- hafte Gemeinschaft immer gewahrt blieb. Auch der szenische Ablauf war war trotz aller Zu- ständlichkcit wir.sam und wirklichkeitsgetreu ge­gliedert und gesteigert.

Bon größter Eindringlichkeit vor allem die an dieAndere Seite" erinnernde erste Graben­szene, deren konzentrierte Geschlossenheit sich dem Zuschauerraum unmittelbar mitteilie. Clark auch der Ausklang des zweiten und die letzte Szene des vierten Bildes, das die wieder in Stellung gehende Kompanie im Hintergrund schemenhaft vorüberziehen läßt.

Ausgezeichnet gesehene Entwürfe von Löff­ler, der sowohl den Unterstand w'e die Ruhe­quartiere mit beklemmender Echtheit aufgebaut hatte. Ein großer technischer Apparat verwirk­lichte die vieltomge klangliche Untermalung des visuellen Eindrucks.

Die Besetzung erforderte das Aufgebot sämt­licher Darsteller. Sie hatten begriffen, daß hier im Kollektiv zu spielen war, ohne falschen Ehr­geiz und Glanzpartien und Extratouren: daß der entscheidende Eindruck diesmal nicht so sehr vom Einzelnen wie von der Gesamtheit, vom Hni- sono der Stimmen auszugehen habe; jeder einzelne war mit Hingabe bei der Sache.

3m Vordergründe. Fasso11s vrächtiger Kom­panieführer, voller Ruhe, Pslichtbewußtsein, Er­fahrung und Güte: ein Offizier, der an seinen Os- bome von deranderen Seite", im englischen Gra­ben, lebhaft erinnerte. Dann Kühne als Leut­nant Schröder: ausgezeichnet erfaßter Typ: ener­gisch, zuverlässig, schimpfend, aber nicht ohne grimmigen Humor: nicht nur das Mundwerk, son­dern auch das Herz auf dem rechten Fleck. Aus dem Zahlmeister machte Herr Hub ein sehenswer­tes Musterexemplar von Etappenkrieger. Aus der Gruppe der alten Musketiere hoben sich Hauer, Heyser, Michel und Cggemann mit mar­kantem älrnrih heraus. Die Herren Druck und Bechstein, als Leichtverwundete, sollten darauf achten, daß ihre Szene nicht in die derbe und billige Drastik gewisser populärer Mil t rftüde ab- gleitet: das ist hier bestimmt nicht beabsichtigt. Herr Hamel dürfte den Fähnrich noch verhal­tener und sparsamer geben; jede theatralische Geste sollte vermieden werden. Gut, knapp und treffend: F i e r m e n t (Gefreiter), Geiger (Hn- terofsizier) und Dolck als Feldwebel.

Das Haus war stark beseht. Zuletzt gab eS lebhaften Beifall, der den 3ntenbanten mit den Hauptdarstellern auf die Bühne rief. hth.