Tardieus Sturz.
Die französischen Stichwahlen haben — trotz der Ermordung des Präsidenten, von der vielleicht ein Rückfluten der Wähler nach rechts zu erwarten gewesen wäre — den Eindruck des ersten Wahlganges noch vertieft: die neue französische Kammer erhält einen st arten Ruck nach links, der nationalistische Block verläßt mit fchweren Wunden das Schlachtfeld. Am besten hat sich noch die Gruppe Marin gehalten. Aber T a r d i e u hat ein Fünftel seiner Fraktion verloren und die sog. l i n k e M i l t e isr fast halbiert. Insgesamt hat die ausgesprochene Rechte fast hundert Abgeordnete verloren, denen entsprechende Gewinne auf der Linken gegenüberstehen. Wenn also Tardicu, der Geschlagene dieses Wahlkampfes ist, dann ist H c r r i 0 t der eigentliche Sieger. Seine Fraktion stieg von 107 auf 159, gewann also beinahe die Hälfte. Aehnlich erfolgreich war auch die kleine Gruppe Painleoes und auch die Sozialisten dürfen mit dem Erfolge zufrieden sein.
Der Sieg der Linken ist zahlenmäßig gesehen noch größer als bei den Kartellwahlen 1924, die damals zum Sturze Poincares führten. Fragt sich aber nur, ob er zur Auswirkung kommt. Die neue Kammer hat eine klare Linksmehrheit. Immerhin haben bisher die Sozial- . radikalen und die Sozialisten keine besondere Begeisterung für eine solche Koalition an den Tag gelegt. Wenn also nicht eine Minderheitsregic- rung der Radikalen, die sich im wesentlichen auf die Unterstützung der Sozialisten verlassen könnte, als Rotbehelf ans Ruder kommt, dann wäre zur Rot auch die Mehrheit für eine Regierung der Mitte gegeben, die auch Tar- dieu noch die Möglichkeit für einen bescheidenen Ministerposten retten würde. Der kommende Mann ist in jedem Fall, mag die Kombination gehen, wie sie will, Herriot, der nach den verschiedenen Seiten sich eine Mehrheit sichern kann und ohne den eine Regierungsbildung überhaupt nicht möglich ist.
Das eine ist schon heute ziemlich wahrscheinlich, daß die französische Außenpolitik durch den Regierungswechsel kaum beeinflußt werden wird. Wir hoben schon vor den Wahlen nachdrücklich darauf hingewiesen, daß Deutschland an einer Verschiebung nach links nicht interessiert ist, wir hoben hinreichend Gelegenheit gehabt, Herrn Herriot kennen zu lernen, als einen Mann ohne jede Initiative, der immer nach rechts und links schielt und schon aus lauter Angst vor der nationalistischen Rechten einen Kurs- wechsel'nichtwagt. So paradox cs klingt, wäre vielleicht für die deutsch-französische Verständigung auf nahe Sicht von Tardieu mehr zu erwarten gewesen. Er ist energisch, er ist vor allem ehrgeizig und hätte, auch wenn er diesen neuen Weg beschritt, von der äußersten Rechten keine so starken Widerstände zu erwarten gehabt, wie sie Herriot unter allen Umständen erwarten muß. Und in welchem Maße sich Herriot schon von der Vorahnung solcher Widerstände einschüchtern läßt, das haben wir 1924 in London erlebt.
Oie Ursachen des Linksrucks.
Keine übertriebenen Hoffnungen auf einen autzenpolitifchen Kurswechsel!
Paris, 9. Mai. (TU.) Es fällt auf, daß die Zeitungen der bisherigen Mehrheit und besonders der Rechten sehr kleinlaut geworden sind. Mit ganz wenigen Ausnahmen wird der starke Linksruck unumwunden zugeaeben. Die Gründe für diesen Linksruck erklären sich aus der Mentalität des französischen Volkes, das nichts so , fürchtet, wie Unruhe, Unsicherheit und finanzielle Gefahr. Der französische Sparer zittert um seine Spargroschen. Wenn man zunächst glaubte, daß der sinnlose Mord an dem Präsidenten der Republik die Stimmung nach rechts reißen würde, so hat man einen psychologischen Fehler begangen. Vielen Franzosen mag gerade dadurch klar geworden sein, daß die Welt in einen politischen und inoralischen Strudel geraten ist, der auch die „glückliche Insel" Frankreich mitzureißen droht. Es fragt sich natürlich, wieweit man bereit ist, praktische Schlußfolgerungen daraus zu ziehen. In dieser Hinsicht ist jeder übertriebene Optimismus unange
Deutsche Reiter siegen in Rom...
Don Dr. Gustav W. Eberlein.
Rom, im Mai.
Das war ein harter Reiterkämpf — hol der Teufel den Schirokko! Da kann man Kopf und Zügel, Rerven und Sattel verlieren, sogar' die Richtung. Ist alles vorgekommen, bitte. Mann und Pferd schieden aus, Oberleutnant Hasse stürzte, liegt heute noch im Krankenhaus, es stürzt der Favorit „Derby", und bei der Coppa Mussolini jagt em Llnglücksrabe schneidig, aber falsch in der Arena herum. Als ihm deutlich ab- geläutet wird, lassen die deutschen Zuschauer die Köpfe hängen wie die beiden Grenadiere. Wie sollten wirs jetzt noch schaffen?
Der große Tag sieht einen echt römischen Schwalbenhimmel. Das schießt mit aufreizenden Fistelstimmen zwischen den Pinienschirmen herum, tollt den Gäulen um die Ohren, hat keinen Respekt vor der Purpurloge, wo ich weih nicht wie viele Prinzessinnen sitzen, und ist ganz und gar Ausdruck der Erregung und Rervosität, die auch die Zuschauer befallen hat. Die Sonne mag nicht recht heraus und das macht schwül, dos drückt ganz unverschämt.
Rur die Sommermode kümmert sich nicht darum. Tomatenfarbe ist heuer totschick, man kann eine gleichfarbige Mühe mit Hasenohren dazu auf- stülpen, lustig, luftig. Tausend Automobile parken mitten im blühenden Gras, niemand fehlt von der Aristokratie und Diplomatie, in blitzenden Griechenhelmen ziehen Reihen von Soldaten auf und während schwarzbefrackte Kellner herumschwirren genau wie die Schwalben, nur dah sie gelbes Eis servieren, treten fünf Rationen zum Kampf an. Deutschland, Frankreich, Irland, Schweiz und Italien. Flatternde Fahnen zwischen statuenhaft ruhigen Zypressen, schmetternde Rationalhymnen.
Die Reiter schauen das alles von einem anderen Gesichtspunkt aus an, und die Pferde niesen aus den berauschenden Blumenschmuck der Hin» dernisse. Auf dem goldenen Riesenhumpen Mussolinis sind gefühlsharte Reliefs zu sehen, Männer in schwerem Ringen. Die Italiener sagen, es dürfe einfach nicht Vorkommen, dah die Trophäe ins Ausland wandert und sehen alles daran, den Deutschen, den Siegern vom vorigen Jahre das Kampffeld recht heih zu machen. Aber auch
bracht. Gewiß kann der Franzose politisch denken, doch ist seine politische Erziehung so konservativ und in vieler Beziehung so engherzig, daß ihm jede Umstellung außerordentlich schwer fällt. Von den Nadikalsozialisten wissen wir, daß sie eine ausgesprochen kleinbürgerliche und nationale Partei darstellen. Dieser Partei wohnt ihrem ganzen Aufbau nach kein großer politischer Schwung inne. Dazu lebt in ihrer alten Generation in außenpolitischer Hinsicht der G e i st des Jakobinertums. Wohin die Weae Frankreichs gehen werden, wird sich erst deutlich zeigen, wenn die neue Kammer zusammengetretcn ist, die Gruppen sich gebildet haben und die zukünftige Mehrheit sich deutlicher abzeichnet.
Berliner Blätterstimmen.
Berlin. 9 Mai. (ERB.) Das „Berliner Tageblatt" spricht von einem Siege der Vernunft, warnt aber davor, die außenpolitische Bedeutung des Radikalen Wahlerfolges zu überschätzen. Herriot stehe in den Fragen der Reparationen und der Abrüstung Tardieu näher als manchem seiner eigenen Parteifreunde. — Die „V o s s i s ch e Zeitung" betont ebenfalls, dah die Wahlen keinen Kurswechsel bedeuteten. Man dürfe nicht deutsche Maßstäbe anlegen, wenn von einem „Linkssieg" und einer „Riederlage der Rechts
parteien" gesprochen werde. Vielfach seien es nur R u a n c e n, die den Kandidaten veranlaßten, sich zur Linken zu zählen, und cs wäre auch falsch, alle Vertreter der Rechten als Militaristen und Rationalisten anzusehen. — Die „D- A. Z." schreibt: An und für sich wünschen wir den Franzosen aus ganzem Herzen so viel Sozialisten und Demokraten, wie ihnen beliebt. Frankreich muß stärker links, Deutschland stärker rechts regiert werden, dann gibt es einen guten Klang. Aber leider stnd auch die französischen Linksparteien nationalistisch bis in die Knochen, und die Erfahrungen mit dem Staatsmann Herriot sind wenig erfreulich. - Die „B ö r s e n z e i t u n g" führt aus, Kartcllregierung der Radikalen und der Sozialisten oder Konzentrationsrcgierung der Radikalen und der rechten Mitte — darüber mag man sich in Paris den Kopf zerbrechen. Keine djcser beiden Lösungen könnte uns der Rotwendigkeit entheben, in Genf, in Lausanne zu kämpfen, anstatt Kompromisse zu suchen. Wir haben keine Zeit mehr, den Friedensphrasen französischer Linkspolitiker zu lauschen und gläubig auf das große Wunder zu warten. Frankreichs Linke ist jetzt vor die entscheidende Probe gestellt: Frieden, wahrer Frieden oder weiterer Unfrieden, weiterer Kampf aller gegen alle bis zur Vernichtung der abendländischen Kultur.
Erste Reichsiagssißung nach der pause.
Aeichsfinanzminister Dietrich bringt das Kreditermächtigungsgeseh ein.
Berlin, 9. Mai. Der Reichstag zeigte das Bild, das die Vorbereitung eines großen Tages mit sich bringt. Gruppen von Reugierigen sammeln sich' vor dem Portal, durch das die Abgeordneten das Haus betreten. Photographen und Filmleute stehen bereit, um Aufnahmen von den Ministern zu machen. Von polizeilichen Schutzmaßnahmen ist wenig zu bemerken. Schon zeitig erschienen die Volksvertreter, da sämtliche Fraktionen am Vormittag Sitzungen abhalten. Auch Reichsfinanzminister Dietrich fand sich schon vormittags mit seinen Mitarbeitern im Hause ein, um die Rede vorzubereiten, mit der er die große politische Aussprache einleiten will. Reichskanzler Dr. Brüning und Reichsinnenminister Groener wollen erst den Verlauf der Debatte abwarten. Rach der Rede des Reichsfinanzministers kommen also zunächst die Parteien zu Worte.
Auf der Tagesordnung steht die erste Beratung des Schuldentilgungsgesetzes in Verbindung mit der allgemeinen politischen Aussprache.
Aeichssinanzmiliister Dietrich:
Der Gesetzentwurf befaßt sich mit zwei grundverschiedenen Dingen. Auf der einen Seite mit den Kreditermächtigungen, die aus früheren Jahren aufrechterhalten werden müssen, mit Kreditermächtigungen der Rotverordnungen und mit einer Kreditermächtigung, die zur Lieberwindung des Jahres 1932, 33 notwendig ist (Detriebs- mittelkredit). Außerdem behandele er die Frage der Tilgung der schwebenden Schuld. Zum andern beschäftigt sich der Gesetzentwurf in seinem letzten Paragraphen mit der Ermächtigung an den Reichsfinanzminister, eine Prämienanleihe zur Förderung der Siedlung, der Meliorationen, der Beschäftigung Jugendlicher und für sonstige Arbeitsbeschaffung aufzulegen.
Die schwebende Schuld des Reiches betrug am 31. März 1930 1938 Millionen, am 31. März 1932 1591 Millionen, also 3^7 Millionen weniger. Das Deutsche Reich ist also in den letzten zwei Rotjahren nicht tiefer in unfundierte Schulden geraten, sondern hat sich, wenn auch nur in einem bescheidenen Betrage, e n t l a st e t, auch die fundierte Schuld des Reiches ist in den letzten Jahren um etwa gleichfalls 300 Millionen zurückgegangen. Jedoch sind trotzdem die Bestimmungen, die zur Tilgung der schwebenden Schuld getroffen waren, nicht voll erfüllt worden, weil zunächst die Defizite im Jahre 1930 und 1931 abgedeckt werden müssen.
die Franzosen, das letzte Mal bis zum Ausscheiden geschlagen, halten sich prächtig. Die Gerechtigkeit verlangt es sogar, einzugestchen, dah sie in Schwung und Schmiß den Hannoveranern überlegen sind, daß sic viel eleganter springen und ein unheimliches Tempo vorlcgen. Die Deutschen dagegen sind bedächtig, holen sich durch Zeitüberschreitung Strafpunkte, machen aber ihre Sache mit geradezu wissenschaftlicher Genauigkeit und Gründlichkeit. Lind nur so kann man des lähmenden Schirokkos Herr werden.
Als nach der Halbzeit Irland und Schweiz aufgeben, nimmt die Spannung einen herzklopfenden ®raiP an. Die Entscheidung hängt an wenigen Punkten. Alles hält den Atem an. Jetzt ertönt die Faschistenhymne, der Duce tritt in die Arena, schreitet zu der Richtertribüne hinüber. Eine Minute später kann er tosenden Beifall für einen Italiener herausfordern. Aber auch die Franzosen jagen ohne Strafpunkte über die gefährlichsten Hürden. Run hängt alles von Wotan ab, dem Schimmel des Leutnants S a h l a.
Lind es gelingt! Die deutsche Fahne geht hoch, das „Deutschland über alles" bricht sich an den Pinienschirmen. Mussolini läßt den Goldpokal bringen — in diesem Augenblick prescht noch einmal, außer Programm, ein französischer Offizier herein, in der Haltung eines Meldereiters, und die Rachricht springt von Mund zu Mund, der Präsident Frankreichs sei ermordet werden —.
Mussolini beglückwünscht die deutschen Sieger.
Der weihe Wotan in der Mitte, stehen die drei Reiter da wie ein Götterbild im Pinienhain.
Magnolienbaum.
Von Peter Bauer.
Kaum fußhoch über dem grünen Rasenteppich gabelt er sich mit breit ausladendem Geäst nach allen Seiten auseinander. Er ist rund wie ein Karussell. Auf den weit und barock geschwungenen Armen dieses Riesenleuchters fitzen die großen weihen, rosä bis weinrot getönten Blüten, züngelnden Flammen gleich im Wind.
Aber sie wirken nur auf die Ferne so lebendig. Als habe ein fremder exotischer Bogclschwarm von flamingofarbenem Gefieder das kahle, noch laublose Gezweig besetzt» so paradiesisch schön fo
Der Redner gibt dann einen Lieberblick über die Verpflichtungen des Reiches aus Anlaß der Kreditkrise und die Garantien des Reiches, und abschliehend ein kurzes Bild des Etats 1 932. Der Entwurf ist schon lange aufgestellt, und nur eine einzige Frage ist nicht geklärt, nämlich die der Kosten der Arbeitslosen. Im -vorigen Jahre betrug der Aufwand für die Arbeitslosen in allen drei LlnterstühunMormen 3,3 Milliarden. Davon entfielen auf das Reich 900 Millionen für die Krisenunterstühung, und über 230 Millionen für Zuschüsse an die Gemeinden. Dieser Fonds ist heute noch offen, weil es ungeheuer schwer, vielleicht sogar unmöglich ist, für den nächsten Winter genaue Zahlen zu errechnen. Die Zahl der Arbeitslosen wird nicht nur beeinflußt von der Entwicklung der Wirtschaftskrise, von dem Gang der außenpolitischen Verhandlungen, sondern auch von den Mahn ahmen, die wir selbst zn treffen in der Lage sind. Zu diesen gehört der Versuch, einen Teil der Arbeitslosen zu beschäftigen oder anderweitig unterzubringen. Dieses Problem ist vordringlich, nicht nur wegen der Höhe der Arbeitslosigkeit, sondern auch deswegen, weil in den O st gebieten eine Menge Land demnächst den Besitzer wird wechseln müssen, andernfalls kommt es in Gefahr, zu veröden. Welche Sorgen für die Ernährung unserer Bevölkerung sich daraus ergeben könnten, bedarf keiner Lieberlegung. Es geht darum, dieses Land rechtzeitig auf * zuteilen und zu besiedeln oder aber einer geeigneten Llebergangswirtschaft zuzuführen. So besteht jetzt hier die Möglichkeit, das agrarische Fundament Deutschlands zu verstärken mit dem Gedanken der Unterbringung eines Teiles der Arbeitslosen.
Im letzten Paragraphen des vorliegenden Gesetzes wird der Reichstag darüber abstimmen, daß wir eine sog. Prämienanleihe auflegen, um diesen Gedanken in die Tat umsetzen zu können. Daneben soll auch sonst noch der freiwillige Arbeitsdienst ausgebaut und Arbeit beschafft werden. Aus laufenden Mitteln Geld dafür aufzubringen, ist leider völlig unmöglich. Ich hoffe, daß Sie gerade für diese Aktion besonderes Verständnis haben werden. Im übrigen balanciert der Etat in Einnahme und Ausgabe mit etwa 8,3 Milliarden Mark. Er ist auf das Sparsamste aufgestellt. Die Ueberweisungen an die Länder einschließlich der Polizeikosten betragen 2,3 Milliarden, so daß der eigentliche Reichsauswand
voll wimmelnden Geflatters leuchtet der Magnolienbaum aus der grünen Llmgebung der maijungen Hecken und Bäume. Die Bewegung ist hundertfach verschieden. Jede Blüte erlebt anders ihre Sonncnckstase. Keine wiederholt die Form der andern, die vielleicht einige Stunden, einen Tag älter ist. ,
Lind doch erlebten alle den gleichen Weg der Entwickelung und Wandlung. Aus den schmalen, olivgrünen Knospen, die klein wie Bleistiftspitzen aus der braunen Rinde stießen, brachen sie aus. Zuerst waren es winzige hellgrüne Raupen, die aus den schnabelartig sich öffnenden Gehäusen krochen. Sie wuchsen und schwollen rasch, von köstlichen Seimen, von Sonne und Regen gefüttert, und verpuppten sich unerwartet, indem sie ihre Hüllen sprengten, zu prallen Blütenkörpern, die sich rosigen Kinderfäusten gleich emporrcckten, bis die warmen Strahlen ihnen die ziegelförmig über« einanderliegendcn Blumenblätter aufbogen und auseinanderdrängten.
Da gab jede Blüte anders nach. Oeffnete sich rascher diese, zaghafter jene, mit niedreren Blättern zugleich eine dritte, die leidenschaftlichste. Manche erlebte ihr Erwachen zu Liebe und Licht so ungestüm, dcch man ihr schon bis in das klce- blütenkleine Herz sehen kann und etliche ihrer Blätter bereits im grünen Rasen liegen. Diese ersten Anzeichen der Vergänglichkeit stören aber in keiner Weise den Eindruck des Lieberschwangs und der zügellosen Freude, den der Baum verbreitet. Im Gegenteil: es scheint, als hätten die vollen Zweige keinen Platz mehr gehabt für neue Blüten und als wären diese im Gras aus den Wurzeln heraus emporgeschossen.
Dennoch bringt die unmittelbare Rähe eine kleine Enttäuschung: Es ist, als fei das frohe Getümmel plötzlich erstarrt. Als halte jede Blüte krampfhaft ihre Bewegung, ihre Geste fest wie bei einem sog. lebenden Bild. Lind kommt man in Versuchung, ein Blütenblatt mit den Fingern zu betasten und denkt dabei an Rosenzartheit und Seidenglätte, erschrickt man vor dem Steifleinenen, Stofflichen, das man fühlt. Wäre der liebliche Duft nicht, empfände man den Eindruck des Künstlichen noch stärker.
Llnwillkürlich denke ich an die Heimat des lilienblütigen Magnolienbaums. Es tonnten die zarten Hände anmutiger Chinesinnen den einsamen, blätterlosen Baum mit diesen Blüten als Zeichen der Liebe besteckt haben, ihren heißen Herzen und dem Frühliyg Mr Seiet»,,
mit genau 6 Milliarden Mark zu beziffern ist. 9it diesen 6 Milliarden Mark sind enthalten 1000 Millionen für die Arbeitslosen, 1200 Millionen für die Kriegsopfer, 477 Millionen für die Sozialversicherung und 420 Millionen für die außerordentliche Schuldentilgung. Die Tilgung und Verzinsung der fundierten und schwebenden Schulden sowie die Reparationsanleihen erfordern rund 700 Millionen Mark, bleiben also eigens für den eigentlichen Betriebsaufwand des Reiches rund 2,2 Milliarden Mk.
Abg. Dr. Breitscheid (Soz.)
erklärt, die Vorarbeiten des Kabinetts für den Etat sind leider nicht so beschleunigt worden, daß der Etat uns jetzt schon vorgclegt werden kann. Wir wissen aber, daß es wiederum der Etat einer schweren Notzeit sein wird. Wir erkennen die Notwendigkeit st a r k e r S p a r s a m k c i t art, wünschen aber, daß die Leidtragenden nicht in erster Linie die Volksschichten sind, die jetzt schon am schwersten unter der Wirtschaftskrise leiden. (Beifall links.) Das Defizit im neuen Etat muß a u f X Milliarden geschätzt werden. Die Balancierung des Etats ist an zwei Voraussetzungen geknüpft. Erstens darf der Etat durch keinerlei Reparationszahlungen belastet sein. Zweitens muß die Sanierung der Arbeitslosenunter st ützung und der durch fie' in die höchste Bedrängnis geratenen Gemeindefinanzexl^a ußer« halb des Reichshaushaltes gefunden werden. Daran knüpfen wir die Bedingung, daß kein weiterer Abbau der Unter st ützungs- dauer eintreten darf, und daß von einer Auf« Hebung ober Suspendierung der Arbeitslosenversicherung keine Rede sein darf. Wir haben die stärksten Bedenken gegen die angeblich von der Regierung geplante Notabgabe und könnten unter feinen Umständen damit einverstanden sein, daß die Abgabe nur von den Lohn- und Gehaltsempfängern getragen werden soll. (Beifall.)
Die deutsche Wirtschaftsnot kann erst behoben werden, wenn wir aus der Bürgerkriegsatmosphäre herauskommen, die durch die Privatarmes Hitlers erzeugt worden ist. (Rufe bei den Rat.- Soz.: Lind das Reichsbanner?) Das Reichsbanner greift den Staat nicht an, sondern verteidigt ihn. (Beifall links.) Wir müssen endlich auch von den Richtern der Republik verlangen, daß sie den Staat besser gegen Angriffe von jener Seite schützen, als sie es bisher tun. (Lebhafte Zustimmung.) Wir leugnen gar nicht, daß die Rationalsozialisten nach den letzten Wahlen die stärkste Partei in Deutschland sind. Darum können Sie aber noch nicht den Anspruch auf die RegiFrungsmacht erheben- Die Sozialdemokraten waren sehr lange die stärkste Partei, ohne die Regierungsgewalt zu haben. Keiner wird den Rationalsozialisten den Anteil an der Regierung verwehren können, wenn sie sich mit anderen Parteien darüber in einer Koalition einigen. Es ist freilich schwer zu erkennen, wie sie mit dem Zentrum zusammen- gehcn könnten, das sie noch in diesem Wahlkampf als eine ontinationale Partei bezeichnet haben. Ein Wirtschaftsprogramm haben die Rational- sozialisten nicht, darum können sie jedem etwas anderes versprechen. Im Antisemitismus ist Hitler auch nicht mehr zuverlässig, denn er hat einem amerikanischen Pressevertreter erklärt: „Wir wollen die Rechte der Juden nicht aufheben, aber wir andern wollen nicht weniger Rechte haben als die Juden."
In sozialer Beziehung hat Hitler die Schwer- industriellen mit den Worten beruhigt: „Sie brauchen vor unserem Sozialismus keine Angst zu haben!" (Hort! Hört!) In nationaler Beziehung haben wir Angst, baß eine nationalsozialistische Regierung bem Ausland viel weiter entgegenkommen wird als wir es je dulden können. Eine nationalsozialistische Regierung würde sich mit den feindlichen Regierungen zum Kampfe gegen die deutsche Arbeiterschaft verbinden. (Beifall links, Unruhe bei den Nationalsozialisten.
Präsident L ö b e : Weitere Redner sind zur ersten Beratung nicht gemeldet. (Hört! Hört! und Heiterkeit.)
Abg. Tor gl er (Komm.): Wir konnten nicht erwarten, daß die Nationalsozialisten ihre Bescheidenheit so weit treiben, baß sie überhaupt nicht reden. (Große Heiterkeit.) Unser Redner wird nun das Wort nehmen.
Diebstahl vor des Richters Aase.
Man sollte eigentlich nicht denken, dah der letzte Ort, den sich die Pariser Diebe zum Feld ihrer Tätigkeit ausersehen, das Gericht wäre, aber dem widerspricht die Tatsache, daß in den Räumen,. in denen die Göttin der Gerechtigkeit herrscht, fast täglich wertvolle Gegenstände entwendet werden. Die Diebe finden augenscheinlich ein besonderes Vergnügen daran, den Richtern und sonstigen Hütern des Rechtes unter ihren Augen ein Schnippchen zu schlagen. In einem Fall, der in einem Pariser Blatt erzählt wird, erreichte der Dieb den Gipfel kaltblütiger Llnverschämtheit. Während einer Sitzung des Zivilgerichts betrat ein Arbeiter mit einer Leiter den Saal, und der Richter unterbrach die Verhandlungen so lange, als der Mann die Llhr von der Wand abnahm. „Sie soll gereinigt werden", bemerkte er dabei beiläufig. Er verschwand mit dem Zeitmesser, der seitdem nicht wiedergesehen wurde. An der Tagesordnung sind die Verluste kleinerer Gegenstände. wie Llhren und Schirme. Richter und» Anwälte werden ebenso oft Opfer wie Zeugen oder Zuschauer. Erst dieser Tage mußte der Präsident der 10. Strafkammer, als er nach der Verurteilung von 30 Dieben in- sein Zimmer zurückkehrte, feststellen, daß unterdessen sein Mantel verschwunden war.
Zeitschriften.
— Mutter und Kind. Zeitschrift für Ernährung, Pflege und Erziehung des Kindes. Verlag Elwin Staude, Osterwieck am Harz. Vierteljährlich (3 Hefte) 1,65 Mark. — Das Maiheft bringt u. a. eine Bilderserie „Mütter berühmter Männer". Ilse Meister erzählt über „Das Märchen vom Storch", Gertrud Riemann von Traute, die die Puppen verschmäht. Dr. Herm. Vollmer berichtet über „Ekzemkinder". Mcd.-Rat Dr. Weber über die „Hygiene des Taschentuchs", G. Barthels über „Vorbereitung auf Krankheitstage" und Magda Trott schreibt über „Rervöse Kinder, eine Schuld der Eltern". Für die größeren Buben bringt dieses Heft eine durch Zeichnungen erläuterte Anleitung über das Basteln eines Segelschiffes. Weitere Beiträge wie „Etwas vom Versprechen", „Der Spiegel im Kinderzimmer", „Das mag ich nicht essen" usw. enthalten viel Wissens- wertes für die jungen Mütter.


