Amerika und die Gchuldenzahlung
England sott Vorschläge zur Vermeidung von Valutaschwierigkeiten machen.
London, 8. Dez. (TU.) Die a m e r i k a n i s che Antwort auf die zweiteenglischeSchul- d e n n o t e traf am Donnerstagfrüh in London ein. Der Kernpunkt der Note besteht darin, daß Amerika zwar formell aus der Dezemberzahlung besteht, aber den Engländern nochmals eine Gelegenheit gibt, Vorschläge zur Ver- meidung von V a l u t a s ch w i e r i g ke i te n zu machen.
2lm einzelnen besagt die Note: Amerika gibt zu, daß sich die Schuldenlast infolge des Fallens der Preise tatsächlich wesentlich vergrößert hat und daß engste Beziehungen zwischen den Schulden und der Wiedererholung der Welt bestehen.
Die amerikanische Regierung erklärt sich bereit, durch eine geeignete Stelle die gesamte Lage untersuchen zu lassen und zu erwägen, welche Schritte zur Wiederherstellung der Währungs- stabilität, zur Wiederbelebung des Handels und zu einem Anziehen der Preise getan werden können. Line Nachprüfung schließe eine Streichung der Schulden nicht in sich ein, wohl aber würde dabei die Erwägung von anderen formen greifbarer Zugeständnisse im Interesse der £r-
die Zuversicht, daß der Kongreß bereit fein werde, jeden geeigneten Vorschlag der englischen Regierung zu erwägen, der die Z a h l u n g der am 15. Dezember fälligen Summe erleichtern würde.
Oie französisch-englische Aussprache.
Paris, 8. Dez. (WTB.) Auf Wunsch Macdonalds hat die für heute angesetzte franzö- si'sch. eng'lische Aussprache über das Schuldenproblem in der englischen Botschaft stattgefunden, da Macdonald unter einer starken Erkä.tuna leidet. Don englischer Seite nahmen.an der Besprechung Macdonald und Neville Chamberlain teil, von französischer Seite herriot und Bienvenu-Martin.
Wie Reuter aus Paris meldet, besagt das Com- muniquch das nach Beendigung der heutigen fran- zöfüsch-englischen Schuldenverhandlungen veröffentlicht wurde, daß die Minister, die ihre Handlungsfreiheit in der Schuldenfrage wahren würden, zugleich ihrer gemeinsamen Entschlossenheit Ausdruck geben, in dem Bestreben fortzufahren, durch internationale Zusammenarbeit die für eine Wiederbelebung!
der Weltwirtschaft geeigneten Maßnahmen zu erzielen.
England lehnt die Gonder- behandlung ab?
P a r i s , 8. De^. (TU.) Die Mitteilung, die im Anschluß an die französifch-englischen DZprechun- gen veröffentlicht worden ist, hat die Lage keineswegs geklärt. Man hat den Eindruck, Laß selbst die am nächsten beteiligten Persönlichkeiten noch nicht übersehen, welchen Verlauf die Schuldenangelegenheit nehmen wird. Im Verlauf der Unterredung wurde von London aus an die Botschaft der Wortlaut der amerikanischen Antwort auf die zweite englische Schuldennote übermittelt.
Von größtem Interesse ist die von dem halbamtlichen „Temps" veröffentlichte Information, nach der Macdonald während der Unterredung besonders darauf hingewiesen habe, daß die englische öffentliche Meinung lebhaft beunruhigt sei durch die Vorstellung. daß dem noch nicht ratifizierten Lausanner Abkommen Gefahr drohe. Beide Regierungschefs hätten sich außerdem geeinigt, nichts zu unternehmen, was die franzö- s i sch -britische Einigkeit in Frage stellen kannte. Die Londoner Regierung habe daher die ihr von Amerika angeüotene Vorzugsbehandlung bei der Erfüllung ihrer Zahlungsverpflichtungen vom 15. Dezember abgelehnt.
Weiterung der Absatzmärkte für amerikanische landwirtschaftliche und sonstige Arbeilserzeug- nisse notwendig werden.
Aus aller Welt.
England müsse ferner verstehen, dah die Frage der ausländischen Schulden im engsten Zusammenhang mit der A b r ü st u n g s f r a g e und den Lasten stehe, die der ganzen Welt infolge des Rüstungswettbewerbes auferlegt seien. Die Note weist dann darauf hin, daß Amerika in einer Reihe von Punkten eine andere Auffassung als England habe:
a) Amerika könne nicht mit der Auffassung übereinstimmen, daß die Schulden lediglich für zerstörende Zwecke gemacht worden feien. Nur e i n Drittel des geliehenen Geldes sei für Munition und Kriegsmaterial verwendet worden. Einige der nach dem Kriege aufgenommenen Anleihen seien für die Existenz der borgenden Nation lebenswichtig gewesen.
b) Die englische Note überschätze den Einfluß der Schuldenzahlungen auf die Weltwirtschaft.
c) England lasse gewisse Dinge bei Berechnung der Handelsbilanz außer acht. Amerikanische Touristen hätten rund 3990 Millionen Dollars im Auslände ausgegeben, während die nach Amerika gekommenen Personen nur 1495 Millionen Dollars dort gelassen hätten. Bei der Transferfrage dürfe nicht nur der direkte Handel mit Amerika in Betracht gezogen werden.
d) Die amerikanischen Goldbestände hätten sich zur Zeit des Beginnes der Schuldenzahlungen^auf 2028 Millionen g.stellt, während sie jetzt 4338 Millionen Dollars ausmachten. In der gleichen Zeit hätten sich die Goldbestände Europas von 3018 Millionen auf 6963 Millionen Dollars erhöht. Diese Goldverteilung könne nicht auf amerikanische Ursachen zurückgeführt werden.
e) Die Role wendet sich welker gegen die Behauptung, daß die Initiative zur Regelung der Reparationsfrage mit Kenntnis und Zustimmung der amerikanischen Regierung erfolgt sei. Die Lausanner Verhandlungen seien auf der Grundlage geführt worden, daß eine europäische Lösung der Reparationen gefunden werden sollte, ohne die Amerikaner hierin zu verwickeln.
Es wird dann darauf hingewiesen, daß der ursprüngliche Zinssatz der englischen Schuld von 5 auf 3% v. H. herabgesetzt worden sei. Die Note schließt, Amerika erkenne voll die Schwierigkeit der Transferfrage für die Dezemberzahlung an. Hoover habe
Wie werden Geldbriesträger gegen Lteberlälle geschützt?
Berlin, 8. Dez. (END.) Im Anschluß an den jüngsten Geld briefträgermord in Frankturt a. M. haben verschie.e.'e westdeutsche Blätter die Forderung ausgesprochen, im Interesse des gefährdeten Personals die Geldzustellung überhaupt abzuschaffen und d'e Celdempsängir durch Be- nachrichiigungszettel auszusordern, die ankommenden Geldsendungen im P o st a m t selbst obzuholen. De Vor'älle de,- letzten Zeit haben auch das R e i ch s p o st m i n i st e r i - u m veranlaßt, die Frage der Abschaffung der Geldzustellung erneut zu prüfen. Bevor das Ministerium über diese in das Wirtschaftsleben tief einschneidende, jeden einzelnen angehende Frage endgültig Beschlüsse faßt, hat es die O b e r p o st - direktionen angewiesen, die zuständigen Handels-, Gewerbe- und Industrievertretungen zur Stellungnahme auf» zufordrrn und sich auch selbst über die Abschaffung der Eeldzustellung zu äußern. Ohne Rücksicht darauf, ob das Ergebnis dieser Ermittelungen nach der einen oder na h der anderen Richtung geht, ist man in den Kreisen der Reichspost und anderer Geldinstitute der Auffassung, daß eine wi rk- sameBekämpfung der her e.w h.rten Verbrechen auch dadurch möglich wäre, daß der älebersall auf Geldbriesträger, Kassenboten, Schal- terbcamte und ähnliche mit Geldtransport und Geldausgabe betraute Personen besonders streng bestraft unt> bie gefällten Urteile rücksichtslos vollstreckt würden.
Eine amtliche Darstellung des Explosionsunglücks bei 2Rat enott)
Heber das entsetzliche Explosionsunglück in Premnitz bei Rathenow, bei. dem 11 Arbeiter den Tod sanden, wird folgende vorläufige amtliche Darstellung gegeben:
Die von einigen Berliner Morgen Zeitungen gebrachte Mitteilung, daß es sich um ein Versäum- n i s der F a b ri k le i t u n g handele, da diese die Arbeiter nicht darauf aufmerksam gemacht hätte, daß unter dem Raum, in dem die Arbeiter beschäftigt waren, Säure hergestellt wurde, ist zu |
sagen, daß dies nicht den Tatsachen entspricht.
Die Untersuchung liegt in den Händen des Amts- gerichtsrats Büttner vom Amtsgericht Rathenow und des 1. Staatsanwalts Depenthal von der Staatsanwaltschaft Potsdam. Die Explosion ereignete sich in einem Flügel des Werkes, die feit zehn Jahren nicht mehr benutzt worden ist und in dem sich lediglich alte Zentrifugen befanden. In diesem Flügel 'sollte ein Metallträger durchgeschweißt werden. Neben der Arbeitsstelle stand eine Zentrifuge, die ebenfalls mindestens zehn Jahre nicht benutzt worden ist. In der amtlichen Darstellung wird Wert darauf gelegt, daß in diesem Raum keine Schießbaumwolle bearbeitet worden ist und auch dort kein Pulver lagerte. Ein Hinweis für die weiteren Ermittlungen hat ein Gespräch ergeben, das fünf M nüten vor der Explosion ein Meister der Firma T h i e aus Rathenow mit seinen drei Gesellen geführt hat. Der Meister sagte zu den Gesellen: .Hier hat man mir ja eine leere Flasche gegeben, das schadet aber nichts, ich habe zwei volle mitgebracht." Nach der Explosion fand man nun von einer der drei Flaschen nur noch wenige Teilchen, während die beiden übrigen Flaschen noch 'vorhanden, aber ohne Verschluß und entleert waren. Die Sachverständigen stehen nun auf dem Standpunkt, daß die Explosion, selbst wenn sämtliche drei Flaschen explodiert sein sollten, nicht eine so furchtbare Wirkung gehabt haben könne, so daß bei den Sachverständigen der Verdacht besteht, daß noch etwas anderes die Explosion herb ei geführt haben müsse. So ist die neben der Arbeitsstätte liegende Zentrifuge völlig zerrissen worden. Die Sachverständigen neigen zu der Ansicht, daß sich in der Zentrifuge ein Explosionsstoff gebildet haben muß, wobei es sehr schwer sein wird, festzustcllen, was dieser Explosionsstoff sein kann, da die Zentrifuge, wie bereits erwähnt, zehn Jahre lang nicht benutzt worden ist.
Die Untersuchungen von Professor Brüning, dem gerichtlichen Sachverständigen, und Dr. Witt von der Derufsgenossenschaft der chemischen Industrie, werden fortgesetzt: auf Grund der Brandwirkungen soll nachgeprüft werden, welche Gase explodiert fein können.
Wie die Verwaltung der IG.'Farbenindustrie zu dem Unglück mitteilt, sind bisher insgesamt sieben Tote geborgen und identifiziert wor
den. Vier Per,onen nwroen noch vermißt. Es muß damit gerechnet werden, daß sie nicht mehr am Leben sind. Sieden Personen sind schwer verletzt. Allem Anschein nach befinden sie sich aber nicht mehr in Lebensgefahr.
Der Empfang der „Karlsruhe" in Kiel.
Zum Empfang des nach einjähriger Auslandsreise in den Heimathafen Kiel zurückgekehrten! Kreuzers „Karlsruhe" hatten sich Tausende von Angehörigen der Besatzung auf der Blücherdrücke eingefunden. Weitere Menschenmengen hielten die umliegenden Brücken und den Strandweg beseht. Bei seinem Eintreffen im mnercn Hafengebiet begrüßte der Kreuzer die Flagge des Schiffs der Marineleitung mit 17 Schuh Salut. Gleichzeitig stieg am Mast des Schiffes der etwa 100 Meter lange, mit dem Eisernen Kreuz geschmückte weiße Heimatwimpel em-' por. Von einer sofortigen Begrüßung durch die militärischen und Zivilbehörden wurde Abstand genommen, um den Angehörigen gleich den Zu- tritt zum Schiff zu ermöglichen.
Raubmörder Stark zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt.
Der 23jährige Erwerbslose Friedrich Stark datte am 6. September d. I. die 55jährige, aus Italien stannnende Sprachlehrerin Erna Carl, geb. B r u s c a t o. in deren Berliner Wohnung beraubt und ermordet. Der Staatsanwalt hatte wegen Raubmordes die Todes- st r a f e beantragt; der Angeklagte wurde vom Schwurgericht beim Landgericht il unter Vorsitz bzi Landgeri h tsdjreltors Dr. Hartmann we- grn Raubes mit Todeserfolg in Tateinheit mit L-olschlag zu lebenslänglichem Zuchthaus und zum dauernden Verlust der bürger- lick^n Ehrenrechte verurteilt. Wegen zweier Diebstähle, die Stark wenige Tage vor der Bluttat begangen hatte, erhielt er weiterhin zwei Jahre Zuchthaus, zehn Jahre Ehrverlust. Außerdem erkannte das Gericht auf Stellung unter Polizeiaufsicht. Einen mit Ueberlegung und mit Vorsatz ausgesührlen Raubmord verneinte das Schwurgericht, sondern es nahm an, daß Stark zunächst lediglich den Raub geplant und erst dann den Vorsatz zur Tötung der Sprachlehrerin gefaßt habe.
Brand auf dem Hamburger „Dom".
Auf -dem Hamburger „Dom" — dem traditionellen Weihnachtsmarkt — entstand heute, Freitag, früh gegen 3/.tl Uhr in einer der Hauvt- re'.hen der Dergnügungsstadt aus noch unau - geklärter Ursache ein Schadenfeuer, za de - sen Bekämpfung drei Züge der Feuerwehr au - geboten werden mußten. Der Brand kam zum Ausbruch, als b'r eigentliche Domöetrieb, der um Mitternacht beendet ist, bereits abgeklungen war und die Reihen zwischen den großen Schaubuden waren bereits ziemlich menschenleer, als plötzlich aus einer großen Schaubude Flammen emporschlugen. Den Flammen fiel eine große Waffelbäckerei zum Opfer, außerdem sind bei den zwei ang"enzenden Hallen die Zellvkanen verbrannt, so daß insgesamt 50 Meter Budenfront zerstört wurden. Ferner wurden zwei Wohnwagen und die Rückwand der Buden stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Besitzer einer Schaubude erlitt Brandwunden und mußte ins Krankenhaus gebracht werden. Der Schaden ist betrü tlich. Nach etwa einstündiaer Tätigkeit gelang es der Feuerwehr, den Brand auf seinen Herd zu beschränken.
Diebesgut aus dem Fridolin-Münster in Belgien gefunden.
Dei einem Schneider im Vorort Anderlecht bei Brüssel ist eine Reihe kirchlicher Wert- gegenstände gefunden worden, die, wie vermutet wird, aus dem Diebstahl im Säckin- ger Fridolin-Münster herrüh.en. Zum Teil find aus den Kostbarkeiten die Edelsteine her- ausaebrock'en worden.
Schiffbruch eines norwegischen Fischkutters.
Ein no.wegischer Fisch.utter erlitt, wie aus Tromsö gemeldet wird, in einem plötzlich aufkommenden heftigen Sturm schweren Schiffbruch; dabei kamen 5 Mann der Besatzung u ms Leben.
„Franziskus".
Oer neue Timmermans.
Das letzte Buch') von Felix Timmermans ist d:e reife Frucht mehrjähriger Arbeit; c8 behandelt Leben und Legende des Heiligen Franziskus von Assisi, dessen milde und fromme Erscheinung immer wieder die Dichter zu nachschasfender Verklärung in Versen und Pro>a begeistert hat. Wenn man sich beide vergegenwärtigt, den Italiener und den Niederländer, Gestalt und Gestalter, - dann mag man wohl zunächst überrascht und betroffen fein, daß gerade Timmermans sich von diesem Stoff angezogen fühlte. Wenn man aber nicht zuerst an seinen herrlichen „Pallieter" denlt oder an oen „Bruegel", sondern an das „Jesuskind in Flandern", an das „Beginchen Symforosa" oder auch an den „Pfarrer vom blühenden Weinberg", dann w:rd man die zarten Fäden gewahr werden, die sich vom früheren Werk des Dichters zu fernem jüngsten Buch herüberspinnen. Vom „Pal- 1 toter" scheint auf den ersten Blick keine Brücke zum „Franziskus" zu führen: bis man entdeckt, daß dieser, durch schärfste Kontraste von jenem getrennt, zwar dessen vollkommenes Gegen- bild darstellt, daß aber beide Gestalten im Grunde durch den gleichen starken Gefühlsstrom nrJtein- anöer verbunden sind. Während jedoch im „Pallieter" diese Fülle des Gefühls, aus dem blühenden Reichtum seiner flandrischen Herkunft und Heimat uberquellend gespeist, ganz auf die schönen, gesunden, nahrhaften und irdischen Dinge dieser Welt gerichtet ist und an ihnen stets aufS neue sich entzückt — löst sich Franziskus immer entschiedener und leidenschaftlicher von feinem irdischen Umkreis und dem weltlichen Leben h.enieden los und sammelt, betend und fastend, predigend und singend, all seine ekstatisch entflammten Innenkräfte im Dienste des Jen- !?A«en und zur Vorbereitung auf das himm- liiche Reich Christi. Roch der junge Franziskus erscheint dem Dichter als ein verblendetes Welt- klnd, ,a manchmal fast als ein den irdischen Freuden verschworener Bruder Pallieters — bis ihn vl.lonar der Strahl der Erkenntnis und Er- teuchtung trifft, welcher jähl nzs seinem Dasein, Den en und Tun die entscheidende Wendung ins Ge.stlge, Innerliche und Übersinnliche gibt. Der Lebens- und Leidensweg, den Franziskus fort-
•) Felix Timmermans: Francis- k u s. 287 «Seiten. Mit Zeichnungen des Dichters. Gewanden^ö.—^-Im 2nsel-Verlag zu Leipzig,
an mit unbeirrbarer Sicherheit bis zum verklärten Ende verfolgt, ist erhellt durch die Leuchtkraft eines allumfassenden, in Verzückung gesteigerten Gefühls, Und die Leitsterne seines irdischen Wandels heißen: Armut, Keuschheit, Gehorsam und Liebe. Diese demütige Liebesinbrunst vor allem, welche miit immer gleichbleibender Milde und Güte jegliche Kreatur umfaßt und erwärmt, kennzeichnet sein Leben und erhebt es über alle andern in seinem Lande und zu seiner Zeit. Franziskus ist ein Fanatiker der einmal hellseherisch erkannten Gottesidee; ewig .'im harten Kampf mit sich selber, mit dem „Bruder Esel", mit Anfechtungen, Enttäuschungen und Zweifeln, geht er den Passionsweg aus der unbefriedigenden Sorglosigkeit einer ganz bürgerlichen Jugend — seiner apostolischen Aufgabe entgegen: er er* richtet, anfänglich verspottet, »erfolgt und ge- demütigt, den bald mächtig sich ausbreitenden Orden der „Minderbrüder"; Franziskus aber wird zahllosen Zeitgenossen bewundertes, geliebtes und scheu verehrtes Vorbild; und er ftirb't nach einem langen, qualvollen, freiwillig ertragenen Martyrium als ein hymnisch verzückter Prediger und Spielmann Gottes, ganz vergeistigt und verklärt von seiner überirdischen Sendung.
Das Buch ist, wie die meisten seiner Vorgänger, von Timmermans selbst mit zarten und schlichten Miniaturen geschmückt, vom Verlage vornehm und gediegen ausgestattet. -y-
Organisation.
Don Jo Hanns Rösler.
Die Sache hat sich natürlich in Amerika zu- getragen. Der Bankdirektor Doveri Braun veruntreute eine Million Dollar aus Depotgeldern. Er erreichte den Nachtzug und fuhr lachend in die weite Welt. Aber schon im Schlafwagen erreichte ihn die erste Nachricht von daheim. Lind das kam so:
„Haben Sie noch ein Bett frei?" fragte Do- berr Traun den Schlafwagenschaffner.
Der Schaffner nickte: „Gewiß!"
Doveri Braun betrat das Abteil. Als er das Handtuch in die Hand nahm, erschrak er. Heber das Handtuch lief quer eine blaue Schrift: .Waschen Sie Ihre Hände nicht in Unschuld. Ihre Spur ist nicht verloren." Entsetzt warf sich Do- ven Braun auf das Bett. Auf dem Kopfkissen haftete ein Zettel: „Werden Ihre BanNunden teyt auch so ruhig schlafen können?" Und unter dem Bettlaken befand sich ein rauhes Bett. Dar- auf stand: „Im Gefängnis werden Sie noch viel härter liegen!"
Am nächsten Morgen wankte Boveri Braun grau und blaß in den Speisewagen. Der Steward reichte ihm eine Speisekarte. Mit roter Tinte stand quer über den Getränken und Leckerbissen: „Kehren Sie um! Sie sind erkannt und werden beobachtet!" Doveri Braun ließ sich einen schwarzen Kaffee kommen. Am Grund der Tasse las er: „Ihr Steckbrief liegt auf allen Bahnstationen." Boveri Braun sprang auf. Befahl die Rechnung. Unter der Rechnung war ein Stempel: „So vergeuden Sie das Geld anderer Leute..."
Doveri Braun kam mehr tot als lebendig in fein Abteil zurück. Der Zug hielt auf einer größeren Station. Um sich zu zerstreuen, kaufte sich Doveri Draun einen Roman. Aus dem Buch fiel ein roter Zettel: „Lesen Sie lieber das Strafgesetzbuch." Und als der Schaffner ins Abteil trat, die Fahrkarten zu prüfen, fand Boveri Braun auf der Rückseite seiner Karte einen Stempel: „Kehren Sie um! Unsere letzte Warnung! Aus der nächsten Station wartet man schon auf Siel"
Doveri Braun sprang aus dem Zuge. Er flüchtete in einen Wald. Dor dem Walde hing eine breite Tafel: „Die Polizei wird sie auch hier finden." In feiner Verzweiflung flüchtete Doveri Draun auf einen hohen Baum. Aber schon wieder hing hier ein Schild: ..Klettern Sie getrost weiter. Die Aeste sind fest. In Kürze werden Sie daran aufgehängt."
Da ließ sich der Dankdirektor Boveri Braun fallen und lief, was er konnte, vierzehn Tage und vierzehn Nächte zu seiner Dank zurück, legte die veruntreute Million wieder in die Kasse und setzte sich an seinen Schreibtisch. —
Einige Wochen später fand nun die erste Generalversammlung der neugegründeten Organisation des Selbstschutzes der Bankkunden statt. Der Vorsitzende bat um das Wort.
„Meine Damen und Herren", sagte er, „wir tonnen schon nach den ersten Monaten unseres Bestehens einen schönen Erfolg buchen. Seit vier Wochen sind keinerlei Dankunterschleife und Defraudationen in Amerika mehr vorgekommen. Ge- to ^oner Erfolg, nachdem wir bis dahin gewöhnt waren, täglich von solchen Fällen zu lesen. Wir verdanken diesen Erfolg, wie ja auch die Gründung unserer Organisation, der genialen Idee unseres verehrten Mitgliedes Carolus
älnterstützung der Eisenbahnen des Landes an allen möglichen und unmöglichen Orten kleine Inschriften anbrachte, um so die Verbrecher schon bei Beginn ihrer Flucht unsicher zu machen. Durch dieses einfache Verfahren erreid)- len wir unser Ziel, die Unehrlichkeit aus der Welt zu schaffen, und können jetzt getrost unsere Gelder wieder den Depots anvertrauen. Run bit- I
ten wir unser verehrtes Mitglied Carolus Kripps, seine Abrechnung über unsere ihm anvertrauten Einlagen von einer Million zu geben."
Aber Carolus Kripps war nicht zu finden.
Auf seinem Platz stand die Kasse dec Organisation.
Die Kasse war leer.
Ein Zettel lag darin:
„Eine Ausnahme bestätigt die Regel. Dieses Depot wurde unterschlagen.
Eine Milliarde Dollars verwettet.
Daß der typische Yankee bei jeder Gelegenheit mit bem Vorschlag einer Wette bei der Hand ist, gchört zu den Vorstellungen, die man sich gewöhnlich Dom Amerikaner macht. Diese Spiel- und Wett- lüft, die im Volkscharakter tief eingewurzelt liegt, ift auch durch die Wirtschaftskrise nicht gehemmt worden. Nach einer ungefähren Schätzung, die ein Neuyorker Blatt veröffentlicht, verwetten die Arne- rifaner jährlich eine Summe, die etwa eine M lliarde Dollar beträgt. Solche Wetten werden bei jeder möglichen Gelegenheit und über alle möglichen Sinne abgeschlossen. Man wettet auf die Temperatur des folgendes Tages, auf die Chicagoer Butter- und Eierpreise und natürlich auch auf Rennpferde. Die Summen, die gesetzt werden, gehen von einem Cent bis zu Tausenden von Dollars. Obwohl Glücksspiele verboten sind, schreitet die Polizei doch nur sehr selten ein und kümmert sich wenig um die Gewinne und Verluste, die auf diese Weise Zustandekommen. In den Erhebungen, die in etwa 30 Großstädten über den Spiel- und Wettbetrieb anqeftclrt wurden, kam man zu der Annahme, daß in jeder dieser Städte jede Woche zwischen 10 und 20 Mil- lionen Dwlar verwettet werden. San Franzisko, wo die „chinesische Lotterie" besonders beliebt ift, steh* an der Spitze; hier schätzt man die Wett, ur.b Spielumsatze auf vier Millionen Dollar in der 2voche, wahrend in Chikago etwa zwei Millionen in Neuyork etwa eine Million betragen. Alle diese Wetsipiele beruhen auf dem Lotterie-Prinzip und werden mit berufsmäßigen „Buchmachern^ abge- Nässen. Die abenteuerlichsten Kombinationen von ZMern, die mit den Ergebnissen der Wettrennen in irgendeine Beziehung gesetzt sind, werden zu diesem Zweck erfunden, und der Buchmacher, der in Amerika den stolzen Titel „Bankier" führt, ist unerschöpflich in neuen angeblichen „Chancen", die er seinen Kunden in verführerischem Licht schildert, solche tollkühne Wettspiele sind in Dutzenden von B"^en<motdbten der Vereinigten Staaten gang und gäbe. Wenn ein Geschädigter einmal Lärm schlägt oder in der Kirche dagegen gewettert wird, dann unternimmt die Polizei einmal eine Razzia, aber im allgemeinen geschieht nichts dagegen.


