182. Jahrgang
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8reitag, 9. Dezember 1932
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
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Zwei Fragen Deutschlands an Frankreich.
Neurath fordert Klarheit über die Bedeutung der Herriot-Formel zur Gleichberechtigung.
Genf, 8. Dez. (XU.) In der vom Vorsitzenden Sir John Simon einberufenen Fünf-Mächte- Besprechung zur Entgegennahme der deutschen Antwort auf die Gleichberechtigungsformel Herriots hat der deutsche Außenminister die Erkläruna abgegeben, daß er zunächst eine befriedigende Aufklärung über folgende Zwei Punkte haben müßte.
1. Soll die Gleichberechtigung in dem kommenden Abrüstungsabkommen in jedem Punkte praktische Anwendung finden und soll sie infolgedessen den Ausgangspunkt für die künftigen Verhandlungen der Abrüstungskonferenz hinsichtlich der entwaffneten Staaten bilden?
2. Schließt die Formulierung in der fjanjö- fischen Formel „das System, das Sicherheit für olle Rationen schaffen würde", auch dasjenige Element der Sicherheit in sich, dos in der allgemeinen A b - r ü st u n g liegt, wie dies auf einer früheren Vollversammlung des Völkerbundes anerkannt worden ist?
Diese beiden deutschen, Fragen waren schriftlich formuliert und sind vom deutschen Außenminister in englischer Sprache den Mächten verlesen worden. Heber die deutschen Fragen fand keine Aussprache statt. Die Vertreter der ober Großmächte erklärten, erst eingehend die beiden deutschen Fragen prüfen zu müssen und kündigten ihre Ste- luygnahme voraussichtlich für die Freitagssitzung der fünf Mächte an. Paul-Boncour gab hierzu die Erklärung ab, daß die Gleichberec^tigungs- formel von Herriot persönlich formulier t sei und er deshalb die Stellungnahme zu den beiden deutschen Punkten Herriot selbst überlassen müsse.
Der deutsche Außenminister gab sodann mündlich Aufklärung zu den beiden formulierten deutschen Fragen. Zu der eilten Frage wies Neurath daraus hin, daß der Hinweis in der Gleichberechtigungsformel Herriots, daß die Gleichberechtigung eines der Ziele der Abrüstungskonferenz sein müsse, zu Mißverständnissen Anlaß geben könnte. Damit werde lediglich ein Grundsatz aufgestellt, jedoch keine völlige Auswirkung dieses Grundsatzes in den künftigen Abrüstungsabkommen gegeben.
von großer Bedeutung sei für ihn, klar zu wissen, daß die Abrüslungskonoeniton praktische Auswirkung dieses Grundsatzes in allen Abrüstungsfragen gebe. Deshalb sei es notwendig, daß in der Erörterung über diese Frage die Gleichberechtigung von vornherein zum Ausgangspunkt genommen werde. Solange diese Frage nicht positiv beantwortet sei, habe eine Teilnahme Deutschlands au der Abrüstungskonseren; keinerlei Wert und Bedeutung.
Die deutschen Vertreter aus der Konferenz wüßten nie, ob die gruf der Konferenz erreichten Lösungen auch auf Deutschland Anwendung finden sollen.
Zu der zweiten Frage wies der deutsche Außenminister darauf hin, daß sie nicht mißverstanden werden könnte. Er nehme an, daß das in der Her- riot-Erklärung erwähnte Sicherheitssystem auch diejenige Sicherheit umfasse, die durch eine allgemeine A b r ü st u n g herbeigeführt werde, jedoch wolle er eine ausdrückliche V e st ä t i - gnng dieser seiner Auffassung haben.
Der deutsche Außenminister hat ferner Aufklärung über die Auffassung des Sicherheitssystems verlangt, das in der französischen Erklärung erwähnt sei. Der in dem deutschen Vorschlag erwähnte Sachvcrstäirdigenausschuß der fünf Großmächte, der als eine Clearing-Kommission arbeiten soll, ist in der heutigen Besprechung nicht erwähnt worden, da die Schaffung dieses Ausschusses von der Beantwortung der beiden von Deutschland heute gestellten Fragen durch die übrigen Mächte abhängig ist. 3n der awh Freitag einberufenen weiteren Fünf-Mächte- Besprechung soll sodann eine allgemeine Aussprache über die beiden deutschen Fragen statt-» finden.
Zum Schluß der Besprechung hat der französische Kriegsminister Paul-Doncour den deutschen Außenminister gefragt, ob er grundsätzlich bereit sei, näher darzulegen, was die deutsche Regierung unter „Gleichberechtigung" verstehe. Ter deutsche Außenminister hat sich daraufhin zu allen näheren Erklärungen bereit erklärt.
Entgegen anderslautenden Gerüchten hat Paul- Boncour diese Erläuterung keineswegs unmtttel- bar als Vorbedingung für die Beantwortung der beiden t>c* Deutschland gestellten Fragen verlangt. Eine Darstellung des grundsätzlichen deut- -chen Standpunktes zur Gleichberechtigungsfrage wird sich jetzt nach deutscher Auffassung zwangsläufig in den weiteren Verhandlungen der fünf Mächte ergeben und liegt auch im deutschen Interesse, damit es endlich zu einer sachlichen klärenden Aussprache über die Anerkennung der deutschen Gleichberechtigung kommt.
Von englischer Seite wird mitgeteilt, daß in der Fünfmächtebesprechung der englische Außenminister an den deutschen Außenminister die Frage gerichtet habe,
ob die Reichsregierung im Falle einer befriedigenden Beantwortung der von Reurath ge
stellten Fragen in die Abrüstungskonferenz zurückkehren werde.
Der Reichsaußenminister soll daraus erklärt haben, daß die Rückkehr Deutschlands in die Abrüstungskonferenz von der den grundsätzlichen deutschen Forderungen entsprechenden endgültigen Regelung der Gleichberechtigungsfrage abhänge.
Die Meinung in Genf.
Genf, 8. Dez. (Sil.) Die beiden vom Reichs- a u h e n m i n i st e r in der Fünfmächtebespre- am Donnerstag ne^teilten Fragen über die A s e ,un i der @ • e chberecht gungsfor- uivi Herriots werden in imcrnunonalen Kreisen nicht a l s eine Ablehnung dieser Formel aufgefaßt. Da die französische Regierung nach hiesiger Beurteilung eine klare Stellungnahme zu den beiden Fragen abzuaeben nicht wünscht, wird mit einer Wiederaufnahme des ursprünglichen deutschen Vorschl. ges auf Einsetzung eines S a ch v e r st ä n- dige nausschusses der fünf Großmächte gerechnet. Bis zu der auf Freitagvormittag ein- berufenen neuen Sitzung der fünf Großmächte werden jetzt, wie von deutscher Seite mitgeteilt wird, keinerlei weitere Verhandlungen stattfinden. Schlechte Aussichten für den
Davis-Plan
Frankreich als Hindernis.
Genf, 8. Dez. (CNB.) Vor der heutigen Fünf- Mächte-Konferenz fand eine Besprechung zwischen Paul-Boncour und Norman 7) a p :
den amerikanischen Plan statt. Die Aussichten für eine Annahme dieses Planes durch Frankreich scheinen immer geringer zu werden. Selbst die geringfügigen materiellen Rüstungsbindungen, die der Plan enthält, gehen der französischen Delegation zu weit und werden von Frankreich unter dem Vorwand, daß seinen Sicherheilsforderungen in diesem Plan nicht entsprochen werden solle, abgelebt
Da Frankreich immer wieder und auch in seiner jetzigen Erklärung die Gleichberechtigungsfrage mit der Sicherheit verkoppelt, muß einmal daran erinnert werden, daß Deutschland die Erfüllung dieser Bedingungen gar nicht in der Hand hat Ls ist doch offenbar, daß die französischen Garantieforderungen, wie sie in dem sog. französischen ßonstruktivplan neuerdings wieder ausgestellt worden sind, weitgehend von anderen maßgebenden Mächten abgelehnf werden
Mit bloßen Lippenbekenntnissen ist es nicht getan, und Unklarheiten dürfen in einer solchen entscheidenden Frage nicht bestehen bleiben. Die französische Formel bedarf einer klaren I n - t e r p r e t a t i o n. Der beste Weg wäre es, wenn autorisierte Vertreter der fünf Mächte sich dieser Aufgabe an Hand konkreter Fragen unterziehen würden. Auf Grund des Ergebnisses dieser Prüfung könnte dann eine endgültige Entscheidung herbei geführt werden. Die Behandlung dieser Frage würde vielleicht eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Jedenfalls konnte aber die Fünf Mächte-Konferenz nach Abschluß dieser Prüfung doch vielleicht Mitte Januar zu praktischen und brauchbaren Ergebnissen kommen
Zuspitzung Der MnoMmstage in Gens.
Japan droht unverhüllt mit dem Austritt aus dem Völkerbund.
Genf, 8. Dez. (WTB.) Die heutige Sitzung der Völkerbundsversammlung brachte eine dramatische Zu, pitzung des Konfliktes indem der japanische Delegierte Matsuoka in einer sehr entschiedenen Erklärung gegen die heute in ihrem Worllaut vorliegende Entschließung der spanischen, irländischen, schwedischen und tschechoslowakischen Delegation p r o t e ft i e r t e.
Die von Matsuoka bekämpfte Entschließung besagt im wesentlichen: Bei dem Streit zwischen den beiden Parteien waren die Mittel friedlicher Regelung am 18. September 1931 nicht e r - schöpft. Die Beziehungen zwischen China und Japan sind diejenigen eines verschleierten Kriegszustandes
Die von Japan feit dem 18. September 1931 unternommenen militärischen Operationen können nicht als Rotwehrmaßnahmen betrachtet werden.
Ohne Kriegserklärung ist ein erheblicher Teil unbestreitbar chinesischen Gebietes gewaltsam von japanischen Truppen besetzt, von dem übrigen China getrennt und für unabhängig erklärt mordest. Das gegenwärtige Regime in der Ptandschurei kann nicht als das Ergebnis einer spontanen und unbeeinflußten Unabhängigkeitsbewegung betrachtet werden. Es konnte nur dank der Anwesenheit japanischer Truppen sich durchsetzen. Seine Anerkennung
ist daher mit den bestehenden internationalen Verpflichtungen nicht vereinbar.
Zu dieser Entschließung erklärte Matsuoka, sie enthalte eine einseitige Verurteilung Japans, sei unvereinbar mit dem Bericht des Untersuchungsausschusses und mit dem Geist und den Aufgaben des Völkerbundes.
Oie Urheber hätten sich die schweren Folgen, die sie für den Völkerbund haben könne, nicht überlegt
Sollten die Urheber sie nicht noch zurückziehen, so fordere er sofortige Abstimmung, damit Japan die wirkliche Auffassung der Völ'kerbunds- versammlung kennen lerne.
Der Präsident der Versammlung erklärte, die Bemerkungen des japanischen Delegierten erforderten eine eingehende Prüfung.
Am Rachmittag wurde die allgemeine Aussprache über den chinesisch-japanischen Konflikt zu Ende geführt. Die Vertreter der streitenden Parteien erhielten das Schlußwort.
Der chinesische Delegierte Quotaitschi führte aus, daß in dem Konflikt die ganze Kulturwelt gegenlZapan stehe. China werde seinen Widerstand nicht aufgeben. Der Boykott und das Vorgehen der FreiwUligen in der Mandschurei würden nicht aufhören, sondern nötigenfalls bis zum bitteren Ende durchgeführt werden.
Der japanische Delegierte Matsuoka legt den Standpunkt seiner Regierung dar. — Lmts. Reichs außenminister von Neurath (X), der in entschiedener Weise für den Rüstungsausgleich als Grund- läge zur Beilegung jedes Konfliktes eintrat.
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China werde niemals den Mandfchukuo-Sfaal anerkennen und nie in die Eroberung dieser reichen Provinz durch Japan einwilligen. Ls werde keine direkten Verhandlungen mit Japan aufnehmen. Ls fei aber bereit zur Teilnahme an kollektivverhandtungen unter Mitwirkung des Völkerbundes.
China verlange, daß zwar nicht der tatsächl'che Zustand von früher, wohl aber die grundlegenden staatsrechtlichen Verhältnisse wieder hergestellt und die japanischen Truppen aus der Mandschurei, und zwar auch aus der Eisenbahnzone, zurückgezogen werden.
Der japanische Delegierte Matsuoka p rote st i e r t e gegen den Versuch, die Beweislast hinsichtlich der japanischen Notwehraktion zu ungunffen Japans zu verschieben.
Japan fei dem Völkerbund in der Erwartung beigetreten, daß auch die vereinigten Staaten eintrelen würden, von dem Augenblick an, wo der Richteintritt Amerikas feststand, habe die Beteiligung am Völkerbund für Japan fein Hauptinteresse verloren.
Wären die Bereinigten Staaten und Sowjetrußland im Völkerbund, dann wäre vielleicht der Anspruch gerechtfertigt, den Pakt strikt und starr durchzusühren Die Lage in China sei io, daß es in den nächsten 10 od-r 20 Jahren keine zentrale Regierung haben werde, die sich durchsetzen könne. Rußland habe die mandschurische Frage und die Steilung Japans verstanden und enthalte sich jeder Einmischung. Infolge dieser Haltung Rußlands seien jetzt
günstige Aussichten für den Abschluß des von
Rußland gewünschten Richtangriffsvertrages vorhanden.
Zum Schluß der Nachmiktagsjitzung teilte der Präsident mit, daß das Präsidium die beiden Entschließungsentwürfe der Versammlung Freitagnach- mrltag unterbreiten werde.
Die Wirtschaft appelliert an die Einsicht des Reichstags.
Stabilisierung
ocr innerpolitischen Verhältnisse.
^Berlin, 8. Dez. Auf der Hauptausschuß- -itzung des Deutschen Industrie- und Handelstages, auf der, wie gemeldet wurde, auch Reichsarbeitsminister Dr. Syrup das Wort ergriff, plädierte Präsident Dr. G r u u d für die B e i- b e h a l t u n g des Papenschen Wirtschafts- Programms, nicht nur was die Steuergut’ scheine zur Steuerentlastung und Krediterleichterung anbelangt, sondern auch hinsichtlich der Gewährung von Prämien für Mehreinstellungcn, deren vorzeitige Aufhebung die Kontinuität der 'Wirtschaftspolitik stören könnte. Auch auf sozml- politi'chem Gebiete 'ollte eine übereilte Aushebung von Vorschriften, auf die sich nun einmal viele Betriebe eingestellt haben, vermieden werden ui.d eine sorgfältige Prüfung einsetzen, wie den Erfordernissen einer gewissen Lohnanpassung zu genügen sei. Präsident Grund gab dann seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß die Handelspolitil im großen und ganzen von Kontingentierungsmaßnahmen befreit werde. Auf dem Wege der Kontingentierung, die zusammen mit den innenpolitischen Störungen das s ch.we r st e Be° u n r u h i g u n g s m o m e n t der deutschen Wirtschaftslage in den letzten Monaten war, würde der Landwirtschaft nicht geholfen, anderen Berufen dafür entscheidend geschadet werden. Die Hilse ür die Landwirtschaft werde durch Stärkung der Kaufkraft und Kostensenkung in der Landwirtschaft erzielt werden müssen, daneben auch durch geeignetes Zusammenwirken der Landwirtschaft mit anderen Kreisen zur besseren Anpassung an die Marktbedürf - Nisse ohne daß es hierfür grundsätzlich staatlichen Zwanges bedürfe.
Zur Frage der Ueberwindung der Arbeitslosigkeit ging Dr. Grund auf das Projekt ein, die Beträge, die als Prämie ür Mehreinstellung von Arbeitern gedacht war, d e r ö f fen11ichen Arbeitsbeschaffung zuzuführen. Er meinte, dies könne unter der Voraussetzung begrüßt werden, daß die ft r e n g e n E r - r o r b e r n i ii e wirtschaftlicher N ü tz lichte i t, also auch der Verzinsung solcher Aufwendungen gewahrt werden. Dies gelte insbesondere auch bei gemeindlichen Arbeiten, die auch vom Standpunkt der Wirtschaft als nat- wendia erachtet werden. Die keimende Entwicklung der Wirtschaft in den letzten Monaten sei durch nichts so sehr beeinträchtigt worden, als durch die U ns i ch e r he i t der innenpolitischen Verhältnisse. Man müsse erwarten, daß die parlamentarischen Vertreter des Volkes >ie Einsicht und Beran troor tung ausbr-n- gen, der Regierung und dem arbeitenden deutschen Volk Zeit zur ruhigen Arbeit zu lassen.
Christliche Gewerkschaftler beim Reichspräsidenten.
Berlin, 8. Dez. (WTB.) Reichspräsident von Hindenburg empfing eine Abordnung des Gesamtoerbandes der christlichen Gewerlschaßen Deutschlands, bestehend aus den Herren £) t i i Imbusch, Ba11rusch und Kaiser, weiche dem Reichspräsidenten über die Notlage m b c r ö e u t i d) e n Arbeiterschaft berichteten und Maßnahmen zur Linderung der aufgetretem it Notstände oorschlugen. Der Herr Reichspräsident sagte eine alsbaldige und sorgfällige P r ii f u n n der gemachten Vorschläge zu.


