Ausgabe 
9.12.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

praktische Dogeifütterung im Winter.

Trockener Frost schadet unseren gefiederten San- gern nichts. Wenn aber über Rächt Glatteis ein­tritt oder nach Rebel sich Rauhreif bildet, oder Wir'belschnee fällt, werden die Rahrungsquellen der Vögel verstopft, und manche von ihnen ver­fallen dem Hungertode. Wir muffen deshalb be­müht sein, ihnen über die Zeit der Rot hinweg­zuhelfen. Der Vogelschutz muh möglichst weite Kreise erfassen.

Soll die Fütterungseinrlchtung chren Zwecken erfüllen, so muh sie das Futter den Vögeln wet­tersicher oarbieten, damit nichts verlorengehen oder verderben kann, und es muh auch bis zum letzten Rest ausschließlich den zu schützenden Vö­geln zugute kommen. 3e'ces Futtergerät ist brauchbar, bei dem das Futter von oben her und auch seitlich gegen Regen und Schnee geschützt ist und Zugang nur von unten hat.

3n. vielen Hofreiten wird sich eine einwand­freie Futterstelle unter vorspringenden Dächern und Torfahrten, sowie in Lauben, Schuppen und auf Valkonen Herrichten lassen. Ein Kistendeael, oder ein Vrett mit umnagelten Leisten, waagerecht und in entsprechender Höhe angebracht, erfüllen den Zweck vollkommen. Hier können Sonnen­blumen-, Gurken- und Kürbiskerne, Rußschenkel, Hanf, Mohn und Leinsamen, getrocknete Beeren von Eberesche, Holunder, Weißdorn, Efeu und wildem Wein dargereicht werden, älngesalzenen Speck nagele man fest, damit sich die Wintergäste die Federn nicht verfetten. Rübsamen wird nur vom Grünfink gern angenommen. Bald finden sich an diesen Futterstellen vor allem die nützlichen Meisen ein. Diese Fütterung hat allerdings den Rachteil, das) sie auch den unbeliebten Spatzen zugängig ist, die sich dann ost über Gebühr breit­machen.

Leicht läßt sich auch ohne besondere Kosten eine spatzensichere Fütterungsgelegenheit mit dem Futterholz" einrichten. Ein 40 bis 60 Zentimeter langes Stück Rundholz wird zu einem kleinen Tröglein ausgehauen und mit einer Futter­mischung, bestehend aus verflüssigtem Rinder- oder Hammeltalg und ölhaltigen Sämereien, gefüllt. Entgegen früher gegebener Vorschrift nimmt man jetzt ebensoviel Fett wie Kerne. Die Körner­mischung soll durch den Talg nur zusammengehal­ten werden. Enthält das Gemisch zuviel Fett, so sind die Vögel bei starker Kälte nicht in der Lage, aus der gefrorenen Masse etwas auszupicken. An zwei Drähten oder Kordeln wird das Holz mit der ausgefüllten Seite nach unten im Freien in schräger Richtung aufgehängt. So ist das Futter gegen Witterungseinslüsse geschützt, den Meisen uno Kleibern aber immer zugänglich. 3n ähn­licher Weise lassen sich leere Wachs- und Wichs­schachteln zur Dogelfütterung verwenden. Die Wichsen werden gründlich gereinigt und durch den durchbohrten Boden ein Weichholzstab so ge­steckt, daß er beiderseits 20 Zentimeter überstebt. Rachdem man die Büchse mit der oben beschrie­benen Futtermischung gefüllt hat, wird sie wie­der mit der Oeffnung nach unten so befestigt, dah Katze und anderes Raubzeug nicht in unmittel­barer Rähe auflauern können. Halbe Kokosnuß- schalen, Konserve büch fen, Blumentöpfe und kleine Holzlästchen können ebenso gut und leicht der Win­terfütterung dienstbar gemacht werden. Sobald sie ausgepickt find, werden sie von neuem gefüllt und bleiben so dauernd brauchbar. Will man auch Finken füttern, so bringe man demFutterglöck­chen noch eine Sitzgelegenheit an, oder hänge es

so auf, daß sie sich von der Fensterbank oder einem nahen Zweige an dem Futter gütlich tun können.

Für die Haubenlerchen und Goldammern gilt es. auf andere Weise zu sorgen. Sie suchen ihre Nah­rung nur auf dem Erdboden. Ihnen streue man an wind- und schneegeschützten Stellen Hinterkorn. Heublumen, Getreide und Unkraulsamen und sehe bei Schneefall täglich nach, ob nicht etwa Verwehun­gen das Futter zugedeckt haben. Auch unter Fichten und Ziergesträuch kann man ihnen den Tisch decken, nur muh immer genügende Sicht gegen anschlei- chendes Raubzeug vorhanden sein. 3m Freien um­heg« man die Futterstelle mit Dornreisig.

Amseln, Rotkehlchen und Bachstelzen, die sonst in der Hauptsache von Würmern und Insekten leben, begnügen sich im Winter mit allerlei Beeren und Mohn und nehmen auch mit faulen Obst vor­lieb, dos allerdings bei starkem Frost nicht ver­wendbar ist. Niemals reiche man Brot und Kar­toffeln, die leicht verderben und deshalb schädlich sind.

Die Fütterung der Vögel erreicht nur dann ihren Zweck, wenn sie während des ganzen Winters durchgeführt wird. Ist man dazu nicht in der Lage, so beginne man damit lieber nicht. Bw.

Oer V.ehbestand in Gießen.

Bei der amtlichen Viehzählung am 1. Dezember in der Gemarkung Gießen mit Schifsenberg wurde folgender Viehbestand ermittelt: P.erde 251 (270), Rinder 296 (269). Schafe 32 (30), Schweine 647 (655), Ziegen 156 (129). Ganse 77 (46), Enten 265 (173 . Hühner 11 042 (10 800), Bienenstöcke 327 (165). Die in Klammern beigesügten Zahlen (tei­len' den Viehbestand am 1. Dezember v. 3. dar. Spenden für die Gießener Winterhilfe.

Von der Geschäfts st eile derGiehener Winterhilfe werden folgende Spenden mik- geteilt:

Kohlenhandlung 3oh. Fischer. Micenstrahe, 50 Zentner Kohlen:

Schuhwarenhandlung Wilhelm Denner, Marktstraße 34, Gutscheine für Schuhe:

Firma H. Kaeß Rachf., 3nh.: Wilhelm Horn & Sohn, Kreuzplah 15, einen Posten Textil­waren als zweite Rate.

Firma Franz Bette, Mäusburg, einen Posten Textilwaren als zweite Rate.

Firma Peter Volk Wwe., Kaiserallee 2, einen Posten Textilwaren;

Kaffeezrosthandlu:.g Karl Schlüter, Südan­lage. ICO Pfund gemischten Kaffee:

Dc. Erasmus Pauly, Wilhelmstrahe 32, 100 Mark.

Vornotizen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute 10. Vorstellung im Freitag- Abonnement. Unter der Spielleitung von 3nten- dant Dr. P r a s ch Erstausführung dcs Frcntstückes Die endlose Straße" von Graff und Hintze. Mit­wirkende: das gesamte Heerenpersonal. Gewöhn­liche Preise. Spieldauer von 20 bis gegen 23 Uhr.

Familienabend der Lukasge- meinte. Am nächsten Sonntag wird die Lukas- gemeinde in ihrem Saale wieder einen Familien­abend veranstalten. Steuerinspektor Klemm- r a t h und Prokurist Stroh werden den zwei­ten Teil eines Lichtbildervortrages über eine Rordlandreise darbieten. Außerdem wird Musi­kalisches geboten. Man beachte die heutige An­zeige.

Gießener Winckelmannssest.

Das archäolog'sche 3nstitut der Landesuniver­sität hatte auf gestern abend in den großen .saal des Vorlesungsgebäudes zum dies­jährigen Gießener Winckelmannsfeste eingeladen. Die Tradition dieser Feste geht auf den ersten Professor für klassische Archäologie in Gießen, Bruno Sauer, zurück. Die jetzige Leiterin des archäologischen Instituts, Frau Pro­fessor Bieber, hat diese Tradition, unterstützt von der Hochschulgesellschaft, wieder ausgenom­men. Frau Prozessor Bieber begrüßte die sehr stark besuchte Festversammlung mit herz­lichen Worten: besonderen Gruß entbot sie Sr. Magnisttenz dem Rettor Professor Dr. 3 e h und Provinzialdirektor Graes, dem Vorsitzenden der Hochschulg sellschaft, die dem Archäologischen 3n- stitut xur Erlangung der Dildausnahnen für die Vortrag« bedeutsame und dankenswerte Hilfe geleistet habe.

Als erste Vortragende führte Frau Prof. B i e» ber in ihrem Vortrage überReue Aus­grabungen in Rom und Hercula- neum" u. a. aus: Wi ickennann ist der Begrün­der der Archäologie, die nicht nur antike Kunst­geschichte, sondern alle in räumliche Form herein- geschaffenen 3deen der antiken Menschen um­faßt. Als solcher wird er in den meisten deut­schen Universitäten, aber auch von den 3talienern gefeiert, da für diese die Archäologie als Wis­senschaft von der eigenen grohett Vergangenheit, auf die Gegenwart und Zukunft aufbauen, noch eine ganz andere Bedeutung hat, als für uns. Sie haben daher eine überlebensgroße Büste W'nckelmanns in der von ihm geschaffenen Villa Albani aufgestellt, so wie Winckelmann selbst antike Düsten in ihr aufstellen lieh. Winckelmann interessierte sich hauptsächlich für Plastik, we- nigrr für Architektur, weil Oie großen Monu­mente und Platzanlagen in Rom zu seiner Zeit noch entstellt oder verschüttet waren. Seit fünf Jahren läßt Mussolini aber die gewaltigen Platz­anlagen der Kaiserfora aus dem Gewirr mittel­alterlicher und moderner Straßen, unter rück­sichtsloser Riederlegung von Hausern und Kir­chen, herausholen. Der Unterschied zwischen dem bis 1927 herrschenden Zustand und den jetzigen großen monumentalen Architekturbildern, die be­sonders Augustus- und Trajanssorum zeigen, wurde einer Reihe ganz neuer Lichtbilder verblüffend vor Augen geführt. Don Ausgra­bungen außerhalb Roms sind die von Hercu­laneum am wichtigsten, sie sind seit 1927 neu begonnen, mit der verfeinerten Methode, die die 3taliener in Pompeji erprobt haben. Die Arbeit ist durch den bis 20 Meter dicken er­härteten Schlammstrom, der über Herculaneum geflossen ist, viel schwieriger und '^'spieliger, als in dem nur von Asche und Bimsiein verschüt­teten Pompeji, aber dafür auch vier ..ynenöer, weil selbst dreistöckige Häuser, alle Holzteile und

Papyrus-Rcllen sich erhalten habrn. Herculaneum ist sehr verschieden von Pompeji. Teils ist es eine ärmliche Fijcherstadt mit bescheidenen Fach­werkhäusern, teils efye Art Vorstadt von Reapel, wo reiche Neapolitaner kleine elegante Strand­villen hatten. Diese erst dieses 3ahr gefundenen Dtadtvillen waren bisher die größte Ueber- raschung in Herculaneum. Die weiteren Aus­grabungen sollen sich auf die öffentlichen Ge­bäude, dann auf die zwischen Herculaneum und Pompeji liegenden Villen erstrecken. Bereits 1929/30 ist die sog. Mysterienvilla, von der man seit 1910 einen Saal mit den großartigsten Wandbildern des Altertums entdeckt hatte, ganz freigelegt worden. Sie zeigt die gleichen Bau- gedanken wie die Herculaner Strandvillen in größeren und reicheren Formen und belehrt durch eine vom 3. 3ahrhundert v. Ehr. bis zur Ver­schüttung 79 n. Ehr. reichende Baugeschichte über die Entwicklung des römischen Dillentypus. Die letzte Umgestaltung führt zu einem Durchdringen der Architektur mit der umgebenden, gärtnerisch kultivierten-Ratur, die Winckelmann in der Billa Albani auch durchgeführt hat, ohne schon die genauen Parallelen aus dem Altertum zu ken­nen. Er lebte in ähnlicher Atmosphäre wie die vornehmen Römer. Die jüngsten Ausgrabungen beweiien wieder einmal die lebendige Traditton, die von dem antiken Menschen zu uns führt.

Professor Herzog zeigte in seinem Vortrage Deutsche Ausgrabungen und neue Forschungen in Kos" die neuen Rekonstruk­tionen des hellenistischen Heiligtums des Asklepios auf der Insel Kos Dieses Asklepieion, ein inter­essantes Gegenstück zu dem klassischen Epidauros, ist von dem Redner selbst vor 25 Jahren ausgegraben worden und wird um Weihnachten in einer monu­mentalen Veröffentlichung von Herzog und dem Architekten Schazmann vorliegen.

E.n römisches Asklepieion in Pergamon zeigte dann Professor Hepding in seinem Bor trage Neue deutsche Ausgrabungen in Per­gamon". Es ist von Wiegand in den letzten Jah­ren ausgegraben worden und enthält hochinter- effante Rundbauten für Bade- und Heilzwecke. Ferner zeigte der Redner eine neue Rekonstruktion der hochragenden Burg von Pergamon mit dem jetzt in Berlin neu hergestellten großen Altar, die Reste der hellenistischen Königspaläste und das erste be­kannte griechische Arsenal mit vielen Stein kugeln.

Die beiden letzten Redner haben an den Aus­grabungen in Kos und Pergamon leitend teilge» nommen und dazu beigetragen, daß der deutsche Gelehrte im Ausland sich einer ganz besonders hohen Schätzung erfreut.

Die Doriräge wurden durch zahlreiche ausge­zeichnete Lichtbilder belebt, die den Hörern eine willkommene Ergänzung zu dem gesprochenen Wort boten.

** Universitäts-Gottesdienst. Von der Pressestelle der Universität Gießen wird mitge» teilt: Am Sonntag, 11. Dezember, 11.15 Uhr, findet in der Neuen Aula ein Universitäts-Gottesdienst statt. Die Predigt hält Professor D. Dr. Cordier.

Dienstjubiläum. Gerichtsvollzieher Christian 3 u n k e r in Gießen beging gestern, am 8. Dezember, sein 40jähriges Dienstjubiläum. Er widmete sich nach seiner zwölfjährigen Mili- tärdienstzeit der Lau,bahn als Gerichtsvollzieher. Rach seiner informatorischen Beschäftigung und Ablegung der Prüfung war er vorübergehend in Friedberg, Darmstadt, Mainz und Reichels­heim i. O. tätig. Seit 1. April 1919 versieht er im hiesigen Amtsgerichtsbezirk seinen bei der heutigen wirtschaftlichen Roclage nicht leichten Dienst. Möge es dem 3ubilar vergönnt sein, bei guter Gesundheit noch lange 3ahre im Dienste des Staates tätig zu sein.

** Das amtliche Fernsprechbuch für den Oberpostdirekttonsbezirk Darmstadt, ausschließ­lich Offenbach a. M., soll Anfang 1933 neu auf­gelegt werden. Die Vorarbeiten hierzu werden am 5. Januar 1933 abgeschlossen. Bis dahin sind Aende- rungen der Eintragungen bei der zuständigen Fern­sprech-Vermittlung^ stelle anzumelden. Der Tag des Abschlusses der Vorarbeiten ist für die Fälligkeit der Gebühren für die kostenpflichtigen Eintragungen in das Fernsprechbuch maßgebend. Sollen gebühren­pflichtige Eintragungen der jetzigen Auflage nicht in das neue Buch übergehen, so ist ihr Wegfall oder ihre Aenderung spätestens zum 5. Januar 1933 zu beantragen. Andernfalls werden sie in die neue Auflage gegen Erhebung der bestimmungs­mäßigen Gebühr übernommen. Bei der Ausgabe neuer Fernsprechbücher ist für jedes neue Buch ein Buch der unm.ttelbar oorhergcgangenen Auf­lage zurückzuliefern. Bücher früherer Auflagen wer­den nicht angenommen.

" Der WandervereinBund der Lahnfreunde" hielt, wie man uns schreibt, dieser Tage im Hotel Hopfeld seine Hauptver­sammlung ab. Aus dem Jahresbericht des 1. Vor­sitzenden, der einstimmig wiedergewählt wurde,

war zu entnehmen, daß im verflossenen 3ahre ein beträchtlicher Mitgliederzuwachs zu verzeich­nen war. 12 planmäßige und 2 außerplanmäßige Wanderungen wiesen gute Beteiligung auf. Die Monatsveriammlungen erfreuten sich starken Be­suchs, teilweise erwies sich das Vcreinszimmer als zu klein. Auf vielseitigen Wunsch wurde ein Vereins- und Wanderabzeichen beschafft, das in schöner Ausführung die von einem Eichenzwcig umrahmte Burg Lahneck zeigt. Zusammenfassend stellte der 1. Vorsitzende fest, daß der Bund der Lahnfreunde mit größter Befriedigung auf das verflossene 3ahr zurückblicken könne. Dein geschäftlichen Teil folgte eine Advents- und Rikolausfeier, die einen sehr harmonischen Ver­lauf nahm. 3mmergrün, Adventskränze und -kerzen brachten Adventsstimmung in das Der- einszimmer. Ein KlaviervortragWeihnachts­glocken" leitete die Feier ein, ein Dorspruch wies auf den Zweck des Abends hin. Sinnvolle Gedichte, die inhaltlich der Stimmung des Abends entsprachen, fanden lebhaften Beifall. Das alte WeihnachtsliedEs ist ein Ros' entsprungen" und die WeihnachtssageDie Glocke von 3nnis- far wurden vom Frauenchor formvollendet zu Gehör gebracht. Hierauf teilte der Rikolaus seine Gaben aus und sorgte für Humor. Der Abend verlief in bester Stimmung.

JtaubüberfaU auf einen Bauernhof.

WSN. Frankfurt a. M., 8. Dez. Donnerstag früh gegen 6 Uhr wurde ein schwerer Ein­bruch tn ein Gehöft in SB a Kau bei Wiesbaden verübt. Ein Knecht wurde von den Tälern g e - fesselt und die Tochter des Besitzers durch Be­drohung mit dem Revolver so lange in Schach ge­halten, bis die Räuber die Wohnung ausge- plündert hatten. Was die Einbrecher es sol­len drei gemeßen sein gestohlen haben, ist zur­zeit noch nicht feftjjeftellt. Beamte der Landes« 'kriminalpolizeistelle Frankfurt a. M. haben sich so« fort an den Tatort begeben.

puppen, Schaukelpferde und Soldaten...

Kostbares Kinderspielzeug aus alter Zeit.

Di« Zeit ist wieder einmal da, in der die Spiel­zeug laden sich in eine Märchenwelt verwandeln, in der Kinderträume zur Wahrheit zu werden scheinen. Die Technik und die Spielwarenindustlie haben heute in der Wiedergabe des Wirklichen eine Voll­endung erreicht wie nie zuvor. Ob freilich der ewige Spieltrieb des Kindes nicht stärker durch Gegen­stände angeregt wird, die seiner Phantasie noch etwas zu tun übrig lasten, ist eine andere Frage.

Schon ein Aesthetiker der Renaissance, Ludovico Dolce, hat in seinen Dialogen über die Schönheit davor gewarnt, die Puppen zu prächttg und zu menschenähnlich zu machen, da sie bann den Kin­dern nicht mehr so gut gefallen. Immerhin hat sich diese Industrie, die sich seit dem 14. Jahrhundert, hauptsäch'.ich in Deutschland und dort wieder in Nürnberg, entwickelte, nicht ab halten lassen, die Technik für ihre Zwecke zu verwerten, und es sind wahre Wunder der Spielzeugkunst, die jedenfalls an Kostbarkeit alles Heutige in den Schatten stel­len, geschaffen rooZ-en. Was würde man wohl heute für eine Puppe von der Hand Leonardo da Vincis bezahlen! Er hctt, als er am Hofe des Herzogs von Mailand Ludovico Sforza weilte und sich dort als ein wahrer Alleskönner erwies, auch für den kleinen Sohn des Fürsten Massimi­liano Spielzeug angefertigt, darunter eine besonders herrliche Puppe, der aber wahrscheinlich der kleine Prinz ihren ungeheuren Wert für die Nachwelt nicht vorausahnend bald den Garaus gemacht hat. Es wird in der RenaissanceStil", Fürsten­kindern die wertvollsten und herrlichsten Spielsachen zu schenken. So war z. B. berühmteine kleine, ganz aus Silber gefertigte Puppen- einrichtung mit Zimmern, Betten, Möbeln, mit einem Büfett, Töpfen, Tellern und anderem Ge­schirr", die 1571 eine französische Prinzessin erhielt. Man wollte damit die Puppen- oder Dockenhäuser übertrumpfen, die in Nürnberg und Augsburg für die Kinder vornehmer Leute verfertigt wurden.

Diese Häuser waren vom Keller bis zum Boden ganz so eingerichtet und ausgestattet wie das präch- ttgste Wohnhaus der Großen. Da waren in win­ziger Ausführung zu sehen Waschküche und Bade­stube, Stall und Garten, ein Kaufladen und eine Speisekammer, eine gewöhnliche und eine Prunk- küche. Eine Treppe führte zu den reich ausgeschmück­ten und getäfelten Wohnzimmern, zu den Schlaf- zimmern, deren hohe geschnitzte und eingelegte Schränkchen mit der zierlichsten Leinwand und Wäsche gefüllt waren, und zu den Kinderzimmern,

in denen auch das Spielzeug nicht fehlte: winzige Schaukelpferde, Laufstühlchen usw. standen herum.

Das Nürnberaer Germanische Museum besitzt einige vorzügliche Beispiele dieser Liliput-Paläste. Sie waren so kunstvoll, daß sogar die Großen daran Gefallen fanden. So brachte Herzog Albrecht V. von Bayern, der für feine Kinder ein besonders präch­tiges Docken-Haus mit einer Wagen-Remise, Lust- und Tiergarten, einem angebauten Tanzhaus und einer Kapelle hatte anfertigen lassen, das fertige Meisterwerk lieber in ferner weltberühmten Kunst­kammer unter, anstatt daß er es von feinen wilden Sprößl'mgen zerbrechen ließ.

Nürnberg und Augsburg, die beiden alten Mittel­punkte der Spielwarenfabrikatton, waren auch die Lieferanten der französischen Könige und versorgte z. B. den kleinen Ludw g XIV. mit Spielzeug. Sein Arzt Hsroard, der vom ersten bis zum siebzehn­ten Lebensjahr des Prinzen alle Ereignisse seines Ledens sorgfältig verzeichnet hat, erwähnt, daß er im vierten Jahrkleine Spiele aus Deutschland" er­hielt und im siebenten Jahrein Gerät, verfertigt zu Nürnberg, in Form eines Schauschrankes, worin eine große Anzahl von Personen die verschiedensten Stellungen und Bewegungen ausführten".

Das kostbarste Spielzeug aber, das der spätere Ludwig XIV. erhielt, war eine ganze Arm?e, Ka­vallerie, Infanterie, Artillerie und Kriegsgerät aller Art, von einem geschickten Bildhauer aus Nancy, Chassel, und einem Edelschmied Merlin ganz in Silber ausgeführt: dieses Heer, das dem zukünf- tigen Herrscher den Glanz des Krieges nabebringen sollte, füllte eine große Menge von Kasten und kostete mehr als 50 000 Taler.

Als es dann galt, für den Sohn Ludwigs XIV. die ersten Spielsachen zu besorgen, da schrieb der Finanzminister Tolbert eigenhändig an seinen Bruder, den Intendanten des Elsaß, und trug ihm auf,von den besten Meistern aus Augsburg und Nürnberg zur Unterhaltung des Dauphins kleine Waffen, Soldaten, Pferde und Kanonen anferttgen zu lasten! Die deutschen Fürsten wollten hinter dem Prunk des französischen Hofes nicht Zurückbleiben und ließen sich das Spielzeug für ihre Kinder recht viel kosten. So schenkte z. B. der jagdliebende Kur­fürst August von Sachsen dem 12jährigen Kur­prinzen Christian zum Weihnachtsfest 1572 eine vollständige Jagd mit Hirschen, Hirschkühen, Rehen, Sauen, Füchsen, Wölfen und Hasen, mit 24 Hun­den, 6 Jägern zu Fuß und 7 zu Pferde, 10 Pfer­den, einem Maulesel und einem Schlitten.

Buntes

Oie bemannte Rakete sott starten.

Alle Mißerfolge, die die Konstrukteure der Ra­ketenflugzeuge im vergangenen Sommer gehabt haben, schrecken vor neuen Dersuchen nicht ab. Wenn alles gut geht, wird im kommenden Früh­jahr die erste Passagierrakete aufsteigen. Wie es heißt, hat der 3ngenieur R e b e l die Dor­verhandlungen für den Start einer bemannten Rakete in Magdeburg erfolgreich abgeschlossen. Vertreter des Oberpräsidiums, der Regierung, der Polizeibehörden, des Magistrats haben ihre Ge­nehmigung nach Prüfung der Unterlagen erteilt. Der Bau des Flugzeugs soll jetzt in Angriff ge­nommen werden, und zwar mit Hilfe eines Kre­dits der Stadtbank Magdeburg in Höhe von 16 000 Mark, für den die Bürgschaft zur Hälfte von der Stadt Magdeburg, zur anderen Hälfte von der Reichsbahn, der Post und verschiedenen größeren 3ndustrieunternehmungen übernommen werden soll.

Das Flugzeug wird aus Aluminium und Elek­tron hergestellt. Der Raketenmotor befindet sich an der Spitze des Flugkörpers. Als Anttiebsstoff soll flüssiger Sauerstoff verwendet werden. Durch eine große Anzahl regulierbarer Düsen wird der Antriebsstoff einem Verbrennungsraum zugelei­tet, in dem das flüssige Sauerstoff-Alkohvl-Ge- misch in Gas verwandelt wird, das dem Raketen­flugzeug durch Rückstoß den eigentlichen Antrieb geben soll. Angeblich soll durch den Dergasungs- prozeh eine Temperatur von mehr als 1000 Grad entwickelt werden. Daher ist es notwendig, das Motorgehäuse durch eine Schicht von Graphit zu isolieren und um die Gasrohre Kühlmäntel, die mit Glyzerin gefüllt werden, zu legen.

Der Pafsagierraum befindet sich unterhalb des

Allerlei.

Motors und der Brennstofftanks. Hier werden auch die Ventile für die Regulierung der Düsen dlngebaut, durch deren Handhabung der Führer die Rakete lenken will. Er kann den Antrieb stei­gern oder mäßigen und dadurch das Flugzeug in einer gewünschten Höhe halten und kann außer­dem durch Verlagerung der Antriebskraft die Richtung der Rakete bestimmen. Das Flugzeug soll eine Anfangsgeschwindigkeit von 30 Meter in der Sekunde entwickeln. Das wäre die für Menfchen heute noch unvorstellbare Eeschwindig- keit von 103 Kilometer. Angeblich soll der Mensch imstande sein, eine solche Geschwindigkeit zu ertragen. Die Geschwindigkeit des Flugzeugs soll aber auf 300 Meter in der Sekunde gesteigert: werden können. Soll das Flugzeug niedergehen, so schaltet der Pilot den Antriebsstoff aus ukd springt selbst, mit einem Fallschirm versehen, über Bord. Auch an der Rakete ist ein Fallschirm an­gebracht, der sich automatisch öffnet und bewirkt, daß die Rakete ruhig und sicher zur Erde gleitet. Es bleibt natürlich abzuwarten, ob diese Theorien vom prakttschen Versuch bestätigt wer­den.

Ein seltener Glücksfall.

3n Wesermunde ist der FischdampferKurland" nach stürmischer Fahrt eingelaufen. Zwei Mann der Besatzung müssen besondere Lieblinge der Göt­ter fein. Beim Aussetzen der Retze wurden durch eine Sturzsee drei Mann über Bord gespült. Wie durch ein Wunder wurden zwei von den dreien von der nächsten Sturzsee wieder auf Deck geschla­gen und waren gerettet. Der dritte ertrank.

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