Ausgabe 
9.7.1932 Frühausgabe
 
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6. Jun! 1932 werden aufgehoben. Infolgedessen werden die provisorisch der BIZ. von der Reich s- bahn übergebenen Einnahmen dieser wieder zurückgegeben.

Artikel V: Das Schuldzertifikat der deutschen Re- gieruna und das Zertifikat der Reichsbahngesell. schast, Sie beide in Artikel VIII des Haager Abkom­mens und der Annexe III und IV behandelt sind, sowie in den hierin bcigefügten Koupons werden entsprechend der deutschen Regierung und der RcichsbahnaescUschast z u r ü ck c r st a t t e t.

Artikel VI: Richt berührt werden Artikel III (Li­quidation der Vergangenheit), Artikel IV soweit er die juristische Persönlichkeit der BIZ. berührt und Artikel X (die Immunität der BIZ.) des Haager Abkommens.

Artikel VII. Die Signatarstaaten erklären, daß nicht in dem gegenwärtigen Abkommen herabseht oder ändert, die Rechte der Inhaber der Ob­ligationen der auswärtigen deut- schenAnleihc von 1 9 2 4 oder der inter­nationalen 5^,prozentigen Anleihe der deutschen Regierung (Dawes-Anleihe und Voung-Anleihe). Jede notwendige Aenderung des Verfahrens aus den Derpflichungen der deutschen Regierung, die die Auslandanlcihe von 1924 und die internationale 5'/»pro-. Anleihe der deutschen Regierung von 1930 betreffend, wird <5>cg en - st a n d eine- Abkommens zwischen der deut­schen Regierung und der DIZ. sein. Die DIZ. ist hierbei der Finanzagent und Treuhänder der deut­schen Auslandanleihe von 1924 und Treuhänder der 5'/°Proz. internationalen Anleihe der deutschen Regierung.

Artikel VIII. Don dem Zeitpunkt des Inkraft­tretens an wird das Abkommen durch Ver­mittlung der französischen Regie­rung der IIZ. notifiziert werden, um damit die Anwendung der darin vorgesehenen Be­stimmungen, soweit sie die DIZ. betreffen, zu er­möglichen. Die französische Regierung wird gleich­falls der DIZ im Hinblick auf deren Statuten

notifizieren, das) derReue Plan" auhev

Kraft getreten ist.

Artikel IX: Jede Meinungsverschieden­heit. sei es zwischen den Signatarmächten des gegenwärtigen Abkommens, sei es zwischen einem oder mehreren unter ihnen einerseits und der DIZ. andererseits, wird Gegenstand einer Aus­legung oder einer Anwendung des gegenwärtigen Abkommens durch ein Schiedsgericht sein, das auf der Grundlage des Artikels IV des Haager Abkommens in Deutschland gebildet wird. Jegliche hierfür geeigneten Destimmungen des Annexes XII dieses Abkommens werden hierbei angewandt.

Artikel X: Das gegenwärtige Abkommen, dessen französischer und englischer Text gleichmässig Ge­setzeskraft hat, wird ratifiziert. Die Rieder- legung der Ratifikationsurkunden erfolgt i n Paris. Sobald das gegenwärtige Abkommen von den Regierungen Deutschlands, Belgiens, Frankreichs, Englands, Irlands, Italiens und Japans ratifiziert ist, tritt eszwischen den Regierungen in Kraft.

Artikel XI: Zu jedem Zeitpunkt vor dem Inkrafttreten des Abkommens, so, wie es in dem Artikel X vorgesehen ist, kann das gegenwärtige Abkommen von den älnterzeichnermächten des Haager Abkommen- vom 20. Juni 1930 unter­zeichnet werden.

Außer diesem Abkommen mit Deutschland ent­hält das Dertragswerk von Lausanne:

2. ^lebergangsmaßnahmen zu diesem Abkommen,

3. die Frage der Ostreparationen, zu deren Regelung ein Komitee eingesetzt und das Moratorium bis 15. Dezember verlän­gert wird,

4. eine Resolution betreffend Mittel- und Osteuropa,

5. eine Resolution des Lausanner Wirtschafts­ausschusses betreffend die Weltwirt­schaftskonferenz.

Was in Lausanne erreicht wurde.

Heichskanzler von Popen spricht im Rundfunk.

Lausanne, 8. Juli. (WTB. Funkspruch.) Reichskanzler von Papen sprach heute abend iin Rundfunk über die Ergebnisse der Lausanner Konferenz. In der Rede, die über alle deutschen Sender verbreitet wurde, führte der Kanzler aus:

Das deutsche Volk hat bas Recht, von dem ver­antwortlichen Regierungschef auf dem schnellsten Wege über das Ergebnis der Lausanner Konferenz unterrichtet zu werden. In dieser historischen Stunde ist für P a r t e i p o l i t i k kein Raum. Je großer das zu behandelnde Problem ist, umso freier, um so höher muß der Standpunkt lein, von dem man aus an die Lösung einer so schweren Aus­gabe herantritt. In Lausanne geht es um nicht mehr und nicht weniger als um das Schicksal des deutschen Volkes und mit ihm um die Zukunft der abendländischen Welt. Wir gingen an die Arbeit in dem festen Bewußtsein eines geschlossenen und starken Willens der deutschen Heimat, in dem Be­wußtsein, Führer eines Volkes zu sein, das u m feine wirtschaftliche und nationale Freiheit einen siegreichen Kampf zu führen bereit ist. Unsere Aufgabe war, die Ver- aangenheit zu liquidieren und für die Zukunft das deutsche Volk von dem ungeheu­ren Druck zu befreien, der jede wirtschaft- liche Tätigkeit lähmte, jede Aufbauarbeit störte, der den Kampf aller gegen alle bedeutete. Es galt, die Lebensgrundlagen zu schaffen, die der Ration den geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Wie- deraufstieg ermöglichen.

Die Welt war sich seit langem darüber klar geworden, daß jeder konstruktive Gedanke für die Wiederherstellung normaler wirtfchafllicher und politischer Beziehungen unter den Völkern (Euro­pa# und der Welt solange nicht zu verwirklichen sein würde, solange in irgendeiner Jorm die destruktive Tendenz einseitiger Tributzahlungen ohne jede Gegenleistung bestand.

Trotzdem zeigte sich sehr bald während der Lausanner Verhandlungen, daß der Weg von der Erkenntnis dieser Tatsache bis zu dem klaren Entschluß, sie zu beseitigen, sehr weit und

Front-Wiedersehen in Flandern.

Don Franz Hauser.

In jedem, der damals mit draußen war, steckt etwas wie Frontschnfucht. Rückerinnern an Stimmungen, die im Innerlichsten festhaften, die urplötzlich wiederkehren mit dem Gedanken, wie es wohl heute draußen aussehen mag, an den Stätten, an denen man so Schweres erlebte, die uns aber auch Großes und Schones gewinnen ließen: Auf­opferung für das große Ganze, Freundschaft und Kameradschaft in höchster Gestaltung, das Gefühl des Zusan,menwirkens für die Ration und Hint- anstellen des eigenen Ich.

Ein solches Wiedererleben der einstigen Stim­mungen, die in uns allen noch heute nachklingcn, läßt eine Frontfahrt zu einer wahrhaft ge­fühlvollen Reise werden. Das hat nichts mit jener aescl)äftiaen Emsigkeit zu tun, die mit Rundreise- Auto, Führer und Erinnerungsmitbringsel das Kricasgrauen von damals zu einer Art besonderer Sensation undSehenswürdigkeit" werden ließ. Der Frontkämpfer wird einsam wandern müssen, wenn er die Erinnerungen auf einer solchen Front­fahrt aufklingen lassen will: er wird sich an den Stätten, an denen jeder Fußbreit Erde mit Blut gedüngt ist, nicht vom Lärm und Schaulustigen ob' lenken, lassen, die dort so etwas wie Nervenkitzel zu suchen scheinen. Ihm liegt daran, zu sehen, wie sich Trichterfelder, Schützengräben und Batterie­stände wieder in friedliä)es Land gewandelt haben, wie die Mauerreste inzwischen zu Dörfern und Städten geworden sind Und endlich liegt in dem Lebendigwerden der Erinnerungen wohl das Wert- vollste in dem Durchivandcrn der langen Gräber­reihen, in dem Suchen nach diesem ober jenem Namen einstiger uns liebgewordener Freunde und Kameraden in dem schwersten aller Kriege...

Allerdings ohne Enttäuschungen geht es auch hier nicht. In den verflossenen fünfzehn Jahren hat sich überall gar vieles geändert und ganz besonders im flandrischen Kampfgebiet. Wie so anders erscheint schon das heutige Belgien an sich: das Flamentum, dessen nationales Denken sich im Kriege anregte, steht im schärfsten Kampfe um seine Eigenart und um sein Volkstum gegenüber dem llsalloncntuni. Je mehr man sich von Brüssel aus, das wieder ganz französisch geworden ist, nach der

sehr schwer war. Für die WiederhersteUung deS Vertrauens in der weitesten Form waren wir bereit, eine allerletzte Krast­au st re n a u n g zu machen. Für dieses Ziel ha­ben wir über drei Wochen lang schwer gekämpft. Wir sind hart und unnachgiebig ge­blieben, weil wir die große Rot in Deutsch­land kannten, weil wir von den Hoffnungen so vieler Arbeitsloser wußten, weil wir die Ver­antwortung fühlten für 65 Millionen Menschen und weil wir uns klar waren, daß jedes Ab- weichen von unserer Linie Deutschland und die Welt nur tiefer ins äln glück bringen würde.

An dieser Stelle meiner Ausführungen habe ich das Bedürfnis, der Heimat den Dank der deut­schen Regierung auvzusprechen. Da» muster­gültige Verhalten des gesamten deutschen Volke» in diesen schweren wachen Hal uns die Kraft und den Mut gegeben, unverzagt, unser Ziel vor Augen, zu kämpfen. Wie schon so oft in der deutschen Geschichte hat der feste Glaube an eine bessere Zukunft sich bewährt, hierfür dem deut­schen Volke zu danken, ist mir In dieser Stunde ein ernstes Bedürfnis.

Der Abbruch dieser Konferenz würde jeden wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland unmöglich gemacht haben. Es bestand die Gefahr weitestgehender Schrumpfung des deutschen Wirtschaftslebens, weiter steigender Arbeitslosigkeit mit allen ihren Folgen für die finanzielle Lage im Reich, Ländern und Gemeinden und für eine ungeheure Vermehrung der sozialen Spannung. Die Nichtbereinigung der Reparations- läge hätte die Abhängigkeit vom Auslande fort- bestehen, die Möglichkeit von Sanktionen offen ge­lassen und jede politische Befriedung insbesondere zwischen den beidenHauptbeteiligten", zwischen Deutschland und Frankreich unmöglich gemacht. Die sich daraus ergebenden innen- und außenpolitischen tochwierigkeiten würden Deutschland in den 'Abgrund gestoßen, die Schuld des Scheiterns den Ring der

te zu wendet, umso stärker ersckzeint das be­wußte Voranstellen der flämischen Vorzeichen, um­so reundlicher nimmt man dort den Deutschen, den ein tigen Kampsgegner, auf, spricht mit Achtung von dem schwerleidenden Nachbarvolke und preist des­sen Können und Organisationsstreben,das auch aus Flandern etwas machen könnte". Allerdings gibt es auch dort Kriegserinnerungszeichen und Ge­denktafeln anBürgers vor den Koop geschvoten", ohne daß man hierbei über das Franktireur-Un­wesen mit feinen Morden und Ucberfällen auf ein­zelne deutsche Truppen die eigentlich notwendigen Erläuterungen gibt. Der Genter will nicht gern an die Dinge von damals erinnert werden, spricht dagegen mit Begeisterung von seiner großen Se- hcnswiirdigkeit in der tot. Bavo-Kathedrale, dem Altarbilde der Brüder van Eyck, das nunmehr in seiner vollständigen Schönheit wieder vereint ist, nachdem die beiden Flügelbilder die vor 100 Jahren ein holländischer Kaufmann an den König von Preußen ucrFauH hatte durch das Versailler Diktat aus dem Berliner Museum hergegeben werden mußten.

Brügge war damals schon ein Teil der Kampf- linie, die Bombenabwürfe derAlliierten" hatten manche Schönheit der träumerischentoten Stadt" beeinträchtigt. Aber nichts mehr von Ruinen: un­ter Wahrung der architektonischen Einheit sind diese Häusergruppen wieder hergestellt. Auch die damals ausgewanderten" Kunstwerke sind wieder heimge­kehrt, darunter die Kostbarkeiten des M e m 1 i n g Museums mit feinem wundervollen Ursula- Schrein. Und wenn vom hohen Belsried die Glok- kenkonzerte erklingen, erinnert man sich daran, daß in diesen historlfchen düsteren Hallen noch 1917 über zehntausend gefangene Engländer nach einem er­folgreichen deutschen Vorstoße an der Combortzyde- Ecke ihre erste Unterkunft gesunden hatten. Und dann sucht man den ersten deutschen Soldotenfried- Hof auf: die Gräber in einer Front, von grünem Rasen bedeckt, ohne Blumenschmuck, mit einfachen, schwarzen Holzkreuzen, so ganz anders als die stein- und blumengeschmückten langen Reihen der Alliier­ten an .anderen Frontteilen. Die Inschrift eines großen Steinblockes betont die Einheit der gefal- lenen deutschen Soldaten:

Wir liegen zusammen in Reih' und Glied, Wir standen zusammen im Leben.

Drum gleiches Kreuz und gleicher Schmuck

Siegermächte wieder um uns geschloßen haben. Die deutsche Regierung hat deswegen unentwegt a u f ein Ergebnis der Lausanner Konfe­renz hingearbeitet, aber nur auf ein Er­gebnis, dasmitderwirtfcha ftlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands im E i n k 1 a n g st a n d, mit der W ü r d e u n d E h r e eines großen Volkes zu vereinbaren war.

hier das (Ergebnis: Da» Ziel der Lausanner Konferenz, die völlige Beseitigung der Repara­tion ist erreicht. 3n keiner wie immer gearteten Jorm wird Deutschland vom 1. Juli 1932 ab Reparationen aufzubringen haben. Der Zoung- plan ist gefallen. Zahlungen von über 33 Mil­liarden Mark, mit Jahresleistungen von rund zwei Milliarden, find beseitigt. Unsere Verpflich­tungen aus dem hooverjahr bis zum 1. Juli 1932 wurden von uns anerkannt und werden geleistet. Dazu tritt ein gewisser Beitrag für den europäischen Wiederaufbau, alle» zufammen bi» zu einer Maximalhöhe von drei Milliarden Mark. Diese Verpflichtungen werden aber nicht etwa gezahlt in festen Jahresraten wie bisher, sondern durch besondere Reichsschuldverfchrei- bungen, die nur dann auf den Weltmarkt gebracht werden dürfen, wenn das wirt­schaftliche Gleichgewicht Deutsch- lands vollkommen wieder Herge­ste 111 ist. vorher beginnen weder Zinslauf noch Tilgungen auf diese Reichsschuldverschrei- bungen. Die Begebung dieser Reichsanleihe auf den auswärtigen Märkten der Welt kann frühe­stens nach drei Jahren und dann nur In einer höhe erfolgen, die der tatfächlichen wirtschaft­lichen Leistungsfähigkeit entspricht, von beson­derer Wichtigkeit ist es, daß soweit innerhalb einer Jrlft von zwölf Jahren die Begebung dieser Schuldverschreibungen auf den auslän­dischen Märkten nicht gelingt, der nicht begebene Restbetrag völlig erfolgt.

Die endgültige Beseitigung der Reparationen stellt unsere Unabhängigkeit in wirt­schaftlicher und finanzieller Hinsicht vollkommen wieder her. Sie beseitigt alle Bindungen, die bisher noch aus dem Voung- plan bestanden. Das Reich gewinnt die volle Souveränität über Reichsbahn und Reichs bank zurück. In wirtschaftlicher Hin­

sicht wirb Liese Lösung den oeutschen Kre­dit.neu fundieren und damit eine der wesentlichsten Voraussetzungen für die Erholung der deutschen Wirtschaft schaffen.

Wir haben zu keinerZeit irgendeinen Zusammenhang zwischen Tributzah­lungen nnd den interalliierten Zah­lungen anerkannt und es ist deshalb selbstver­ständlich, daß diese Lösung nichts mit der Be­reinigung der interalliierten Zahlungen zwischen den Vereinigten Staaten und ihren Gläubigern zu tun hat. Politisch bedeutet das Ergebnis der Lausanner Konferenz den Beginn einer neuen Aera unter den Völkern. Die von der deutschen Regierung gemachte End- anstrengung hat den Sinn, einen letzten Beweis unseres festen Willens zu geben, für die wirt­schaftliche Miederaufrichtung der Welt unsere Kraft einzusehen, unsere Kraft, s o w e i t e 8 die eigene Lage uns gestattet. Abes:, das spreche ich in |dem vollen Bewußtsein meiner hohen Verantwortung als Regierungschef au&

diese letzte Kraftanstrengung wird nur dann ihren Sinn und ihren inneren wert haben, wenn die weiteren Auswirkungen der hier getroffenen Vereinbarungen zu einer Klä­rung derjenigen politischen Fragen führen, die die Freiheit des deutschen Volkes heute noch einengen. 3m Rainen Deutschlands melde ich schon heute erneut denAnspruch vor der ganzen Welt an, als Volk mit gleichen Rechten und mit gleichen Pflichten in der ganzen Welt behandelt zu werden. Diese Fragen, insbesondere die der Kriegsschuld und der wehrsreiheit sind zwischen den Staatsmännern eingehend erörtert worden. Menn heute auch noch nicht alle Ratio­nen z u einer Anerkennung unserer Rechte bereit find, so sind diese, die deutsche Ehre betreffenden Fragen nun vor dem Welt­forum aufgeworfen.

Der neue Zeitabschnitt, 'der heute für das beutschs Volk beginnt, die nun wieder hergestellte wirt­schaftliche Freiheit und die Unabhängigkeit von den anderen Ländern werden es der deutschen Regie­rung ermöglidjen, nun auch die politische Freiheit zu erkämpfen. Unser Weg von der heute erreichten wirtschaftlichen Liquidierung des Krieges wird und muß zum Frieden in Ehren führen. Darin weiß sich heute die deutsche Regierung mit dem gesamten deutschen Volk einig.

Oie Schlußsitzung der Konferenz.

Oie kleinen Mächte protestieren.

Lausanne, 8. Juli. (WTB.) Die angekün­digte Vollsitzung der Lausanner Konfereirz wurde heute pünktlich um 21 Tlhr im großen Saale des Hotels Beau Rivage durch den Vor­sitzenden der Konferenz, Premierminister Mar­don a l d , eröffnet. Er begrüßte die Anwesenden mit einer kurzen Rede, in der er zunächst ent­schuldigte, daß sich in der Vorbereitung der ver­schiedenen Dokumente Verspätungen ergeben hätten. Er erklärte diese Verzögerung mit dem großen Druck, unter dcm man habe arbeiten müs­sen, da es notwendig gewesen wäre, die Arbeiten der Konferenz sobald als möglich zu be­schließen, da auch noch andere Pflichten die hier anwesenden Staatsmänner in ihren Län­dern erwarteten. Macdonald schlug daher der Konferenz vor, sich um eine Stunde zu vertagen. Die Vollsitzung wurde etwa um 22 älhr wieder ausgenommen.

Macdonald

richtete an die anwesenden Delegierten Glückwünsche über den Stand der Arbeiten. Macdonald erklärte dann, daß morgen nur bie einladenden M ächte das Abkommen unterzeichnen würden, da die nichteinladenden Mächte noch nicht genügend Zeit gehabt haben, die Vertragsklausel zur Genüge zu studieren. Maodonald verlas dann die einzelnen Teile der Abkommen nach ihren Punkten. Der erste Teil behandelt das Reparations- a b f o m men mit Deutschland. Macdonald rief dann die verschiedenen Delegierten auf, die et­waigen Vorbehalte zu den verlesenen Doku-

Ward uns aufs Grab gegeben.

Nun ruhen wir aus von dem herben Streit

Und harren getrost der Ewigkeit."

Und weiter geht es: Ostende. Wieder das alte internationale Modebad, das allerdings gleichfalls unter der Wirtschaftskrise schwer zu leiden hat; viele Hotels und Häuser stehen leer, auch das den Front­kämpfern wohlbekannte Palast-Hotel bleibt gesetzlos- scn. Der reiche Amerikaner fehlt, der Engländer knappst heute mehr denn je, und auch der Fran- zose muß sparen. Uns interessiert nicht das lär- mende Treiben: man sucht immer wieder die ein- fügen Häuser-Ruinen, sieht abends wieder die da­mals erloschenen Leucht- und Blinkfeuer, hört Ver­kehrsflugzeuge nach Paris und London an der Küste vorüberdonnern ohne Schrapnellwolken und Abwehrfeuer. Und bei M a riakerke sind gleichfalls die Hotels aus dem Staube wiedererstan- ben hier wie in den weiteren Wiederaufbau­gebieten in architektonischem Wirrwarr, Pracht­bauten neben Puppenspicl-Häusern im üblichen Eottage-Stil, trotz der kurzen Zeit schon stark ver- wohnt und abgenützt. Ein Vergleich mit dem ein« Kitlid) großzügigen Bauspstem im neuen Ostpreu­ßen drängt sich unwillkürlich auf. Und weiter geht es über Raversyde nach Middelkerke; die ersten deutschen Kriegserinnerungen tauchen auf: Beton-Unterstände und Geschützstellungen, baulich vortrefflich erhalten, innen mnn Strandsand ver­weht, nur außen eine Inschrift:Besucht bas Kriegsmuseum in Zeebrügge", eine einseitig auf­gezogene Materialsammlung, die die Franktireurs verherrlicht, den Qinglänbcr feiert und von Deutsch- land nur Uniformstucke und Anschläge aus Kasinos mit humorvollen Stimmungs-Malereien wieder­zugeben weiß. Englische Granaten und Monitor­beschießungen hatten Middelkerke und das anschlie­ßende W e st e n d e vollständig in Trümmer gelegt, auch von dem Dörfchen Combortzyde war kaum ein Stein auf dem anderen geblieben; auch hier hat der Ausbau alle diese Zeichen ausgelöscht, das übliche Durcheinander von Häusertypen, pracht­vollen Strandpromenaden und vernachlässigten Schmuckplätzen , schade, daß man die von deut­schen Soldaten in den Dünen mühsam hergerichte­ten hübschen Gärten nicht erhalten hat.

Kur, vor Nieuport zogen sich einstmals die Gräben im langanbauernben Stellungskrieg; hier wie an vielen anderen Stellen der Flandernfront

menten bekanntzugeben. Da in der Reihenfolge des französischen Alphabets Deutschland zuerst aufgerufen wurde und es zu den beiden ersten Dokumenten keineEinwendungenzu machen hatte, wies Macdonald launig daraus hin, daß es ein gutes Beispiel für die einladenden Mächte ssi. Es wurden auch im weiteren Verlauf keine Ein- Wendungen erhoben, nur ersuchte der Reichskanzler in bezug auf den in der An­lage 2 vorgeschriebenen Fall einer fehlenden Zwischenzahlung um Aufklärung über das vorgesehene Verfahren. Man verständigte sich dahin, daß zu irgendwelchen Maßnahmen eine neue Konferenz einberufen werden müßte. Am Schluß der ganzen Prozedur gaben der Reihe nach die Vertreter der einladenden Mächte Erklärungen ab, wonach sie nicht in der Lage gewesen seien, die Dokumente rechtzeitig zu prüfen und ihren Regie­rungen zu übermitteln, weshalb sie in bezug auf ihre Unterzeichnungsbereitschaft Vorbehalte machen müßten, obwohl sie dem Sinne nach durchweg ihren guten Willen zum Ausdruck bringen wollten. Verschiedene kleine Staaten wie z. B. Jugoslawien, Rumänien, Griechenland und Portugal protcfticrtenbngegen, baß man ihnen nicht genügenb Zeit gelassen habe, ihre Regierungen von bem Vertrag in Kenntnis zu setzen. Sie könnten daher ihre Unterschrift für morgen noch nicht ver- prechen. Macdonald erklärte das durch die Um- tände und sprach die Hoffnung aus, daß sie ihre Unterschrift wenigstens in Aussicht stellen.

ein GedenksteinIci fut arrete linvahisseur 1914*). Ein Kriegsdenkmal folgt dem anderen; die Alliier­ten konnten sich anscheinend über einheitliche Er­innerungszeichen nicht einigen, einer sucht den an- deren zu überbieten, ein buntes Durcheinander während der weiteren Frontfahrt. Die sechs mach- tiaen Schleusen bei Nieuport, die im Oktober bas Ysergeblct überschwemmten und den deutschen Vor­marsch zum Stillstand brachten, sind neuhergestellt, auch die weitausragende Mole, eine der besten Beobachtungsstellen, von denen ein ausgezeichneter Einblick in bie deutschen Stellungen bei stets guter Sicht möglich war. Nieuport selbst ist ebenso' wie Oftduinkerke und Coscyde wieder baulich in Stand gesetzt; aus das trichterbesäte Ueberschwemmungs- gebiet hat wieder schöne Gehöfte und blühende Wiesen. Und nun Dixmuibe, einst ein oielum- kämpfter Trümmerhaufen, heute wieder ein hüb­sches Landstädtchen. In ernsten Gedanken wandert man durch den Boyau de la Mort, den Tvdesgra- ben, der fast in seinem ursprünglichen Zustande er- halten ist: schwerbetonierte Unterstände, die von starken Kalibern erdrückt wurden, Erdlöcher, bie kein Tageslicht einließen, Zugangswege, die nur kriechend zu benutzen waren. Ein Stück Front, wie sie wirklich war.

Neue Orte von gewichtigem Klange tauchen auf: Lange marck, ein Ehrennahme für die jungen deutschen Kriegsfreiwilligen; auch Poelcapelle, Paschendaele und Tonnedeke bis zum Wytschaete- Bogen zeigen kaum noch Spuren des kriegerischen Hin und Her. Und endlich naht sich P p c r n mit dem dahintergelagerten Stemmet, um dessen Besitz noch im April 1918 erbittert gekämpft wurde. Wer Vipern im Kriege gekannt hat, glaubt nicht, daß sich eine solche Trümmerstätte wieder beseitigen ließe. Die ganze Stadt ist neugebaut, auch hier ohne städtebauliche Einheit, die Kathedrale ist in noch prächtigerer Gestalt neuerstanden, nur bie Hallen mit dem Belsried zeigen noch ihr zerschosse­nes Bauwerk; an[d>einenb zieht man diesen Wie­deraufbau in die Länge, um durch diesesKriegs­zeichen" Schaulustige weiter anzulocken. Am Enda des Marktplatzes ein englischer Triumph-Bogen, auf dessen Innenwänden bie Namen von über 55 000 gefallenen Engländern ausgeführt werden. Und um Ppern weite Strecken von Kriegsfried- Höfen, Stein an Stein, Kreuz an Kreuz...

* Hier wurde 1914 der eindringende Gegner auf­gehalten.