Nr. 133 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 9. Juni (952
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Der Veteranen-Mrsch auf Washington
ein- daß der der fein
sollte, ernannt werde Damit nicht genug, wollten die Litauer außerdem auch noch einen weiteren Sitz in der Landesregierung haben Die Memelländer haben aber in den Verhandlungen mit dem Gouverneur feinen Zweifel daran gelassen, daß sie auf diese Art „Versöhnung" verzichten Sie blieben f c ft und so mußten die Herren in Kowno, wollten
maßgebenden Einfluß in der Landesregierung räumen! So forderte die litauische Regierung, zum Landespräsidenten nicht cm Angehöriger Mehrheitsparteien, sondern ein „Neutraler", natürlich mehr deutsch als litauisch eingestellt
|*e luchl aufs neue das Odium der Friedensstörer im Memelgebiet aus sich nehmen, nachgeben
Inzwischen beginnt eine neue wichtige Entscheidung in der Memelfrage heranzureisen Am b. Juni roeröen im Haag die Verhandlungen über die Klage beginnen, die die Unterzeichner des Memel- abfommens (Frankreich, England, Italien und Japan) gegen die litauische Regierung wegen der gewaltsamen Absetzung des Präsidenten Böttcher angestrengt haben. Die Aussichten sind ouch hier nicht sehr günstig für Litauen Das geht jd)on daraus hervor, daß es den Bemühungen der Koronoer Regierung nicht einmal gelungen ist, unter den Juristen von internationalem Rus einen Verteidiger zu finden! Infolgedessen muß der Vertreter der litauischen Regierung im Haag, der Londoner Gesandte Szidzikausfas, die Verteidigung übernehmen Ebenso steht auch die litauische Denkschrift, in der in wortreichen Ausführungen der Versuch gemacht wird, gegen die Mage anzu- stehen, auf recht schwachen Fußen. Während die Unterzeichnermachte furz und bündig fcststellen, daß im Memelstatut nun einmal das parlamentarische Regime oeranfert ist und daß es infolgedessen auch beachtet werden müsse, versuchen die Litauer zunächst, wie sie das auch in Genf immer wieder getan haben, hie Zuständigkeitsfrage auf- zuwerfen. Sie erklären, daß der Haager Gerichtshof in den Fragen der Einsetzung des Direktoriums Simaitis und der Auflösung des Landtags gar nicht kompetent sei, da diese Fragen bereits erschöpfend im Statut geregelt seien.
Was den wichtigsten Punkt der Anklage, nämlich
Neuer Kurs im Memelland
Letzte Bewährungsfrist für Litauen.
Von unserem v.-Berichterftatter.
Die Kriegsoeteranen aus allen Teilen der Vereinigten Staaten haben den „Marsch auf Washington" angetreten, um ihre Entschädigunysforderungen durchzusetzen. Unser Bild zeigt einen Zug von Kriegsteilnehmern, von denen sich allein in Chikago 20 000 aus dem Hauptbahnhof versammelt hatten, wo sie schließlich erreichten, daß sie unentgeltlich in fünf Güterzügen nach Washington befördert wurden.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Memel, 6 Juni 1932.
Jjenr M e r k y s, der gestürzte Diktator de» Memelgebietes, hat sich echt russisch mit dem Bruder- ,e*ncn wenigen (Betreuen in Memel oer- ab schiedet. Er wird Rechtsanwalt werden, nachdem Bevölkerung des Memelgebietes bei den leMen Sßahlen ein so eindeutiges Zeugnis politischer Unfähigkeit ausgesiellt hat. Inzwischen ist Herr x iV' bcr frühere Londoner Generalkonsul, in das Memeler Gouvernementsaebäude eingezogen Und auch Herr Simaitis, Landespräfident von Merkys Gnaden, ist — allerdings erst nach einer rertjl deutlichen Aufforderung seitens der ineniel- ländischen Presse — zurückgetreten. Alles Rückwirkungen, die nach dem glanzenden Wahlsieg der Memelländer eine Selbstverständlichkeit waren.
Der neue Landtag hat am Samstag vergangener Woche seine erste Sitzung abgehalten. Aber sie war nur von kurzer Dauer. Nach einer ziemlich gemäßigten Rede des neuen Gouverneurs und der Wahl des Präsidiums, in das sich diesmal die Mehrheitsparteien unter völligem Ausschluß der Litauer teilen, mußte sich bie Volksvertretung wieder vertagen, da eine neue Landesregierung noch nicht gebildet worden war. Die neue Memelregie, rung hat allerdings nicht lange auf sich warten lassen. Verhältnismäßig schnell, wenn auch mit einigen Schwierigkeiten, ist ein rein deutsches Direktorium gebildet worden, an dessen Spitze der Syndikus der Memeler Handelskammer, D r. 6 d) r e i b c r, ein Volksparteiler gemäßigter Rich- tung, steht Weiter gehören dem Direktorium der Volksparteiler Hauptlehrer W a l a a h n, ein Mann, der bisher politisch noch nicht hervorgetreten ist, und der Landwirtschastsparteiler Szigaud, der bereits in dem seinerzeit gewaltsam entfernten Di- rettorium Böttcher Landesoirektor war, an.
Wie schon gesagt, ist die Regierungsbildung nicht ohne Schwierigkeiten vor sich gegangen. Es Hal erst eines heftigen Kampfes hinter den Kulissen bedurft, | ehe die litauische Regierung die Zustimmung zur Bildung dieses Direktoriums gab. Da die bisherigen Gewaltmethoden versagt hatten, versuchte man den Memelländern nach den Wahlen auf an- dere Weise klar zu machen, daß doch nicht die Deut- scheu, sondern die Litauer die Herren des Landes seien. Es ist zu diesem Zweck viel von Verständigung und Versöhnung gesprochen und geschrieben worden. Der neue Gouverneur erklärte bei seinem Amtsantritt, er werde dafür eintreten, daß das Memelgebiet zwischen Litauen und Deutschland d i e verbindende Brücke werde. Und das Blatt der litauifdjcn Regierung, der „Lietuvos Aidas", schrieb, Litauen wolle mit den Deutschen im Guten auskommen, aber — und hier steckt der Pferdefuß — das hänge in der Hauptsache von den Deutschen ab Mit anderen Worten: die li'taui- sche Regierung wollte sich mit Memel verständigen, aber die Memelländer sollten die Kosten dieser Verständigung tragen. Um des lieben Friedens willen sollten die Memelländer auf die Auswirkungen ihres glänzenden Wahlsieges verzichten und den Litauern, obwohl sie auch im neuen Landtag nur mit 5 von 29 Abgeordneten vertreten sind, einen
die gemaUfamc Absetzung Böttchers anbetrifft, so fuhrt die Kownoer Regierung in Ermangelung anderer Argumente die litauische Staats» Verfassung ms Treffen. Die litauische Verfassung laßt nämlich die Abberufung des Ministerpräsidenten durch den Staatspräsidenten zu, woraus man den Schluß ziehen zu können glaubt, daß diese Bestimmung unmittelbar auch auf das Memelgebiet angewandt werden fi-nnte. Demgegenüber wird aber m der Denkschrift der Unterzeichner- machte festgestellt, daß in dieser Frage allein da» M e m e l st a t u t gültig ist, das dem litauischen Gouverneur zwar das Recht gibt, den Präsidenten ZU ernennen, nicht aber ihn ab) u berufen, um so weniger, da der Landespräsident zur Führung seines Amtes laut Statut nicht des Vertrauens des Gouverneurs, sondern lediglich des Landtags bedars. Die von der litauischen Regierung aufgeworfene Kompetenzfrage wird im übrigen mit dem Hinweis erledigt, daß es sich bei den litauischen Gewalttaten um eine Rette fortgesetzter Handlungen handelt, und daß -die (Ein- ÜRung des Direktoriums Simaitis z u Unrecht erfolgte, weil schon von vornherein feftftanb, daß Simaitis nicht das Vertrauen der Landtagsmehrheit befaß. Infolgedessen war auch die Auslosung des Landtags nicht rechtmäßig. Eine Beweisführung, die übrigens durch die Neuwahl eine glänzende Rechtfertigung erfahren hat.
Die Entscheidung des Haager Gerichts, die kaum vor Ende Juni zu erwarten ist, wird für die fünf- tige Entwicklung des Memelgebietes von nicht zu unterschätzender Bedeutung sein. Eine andere izrage ist es allerdings, ob sich die litauische Regierung an das Haager Urteil, das unbedingt rechtsverbindlich und ananfechtbar ist, für die Zukunft halten wird. Es scheint zwar so, als ob jetzt wirklich ein neuer Kurs in Memel gesteuert werden sollte, jedoch sind die Erfahrungen, die die Memelländer in den letzten Jahren immer wieder machen mußten, nicht dazu angetan, unbedingten Optimismus aufkommen
zu lassen. Auch die Tatsache, daß die au» kleinlicher Rache angestrengte Anklage gegen den miede r- gemahlien ersten Vizepräsidenten de» Landtage», cdjulrat Meyer, wegen angeblicher Spionage aufredjterhalten wird, obwohl sie sich erwiesenermaßen lediglich auf Fälschungen und Intrigen aufbaüt, laßt keine wirkliche Freude aufkommen Und schließlich wird auch die F i n a n z s r a g e, deren Regelung die Kownoer Regierung in der Hand hat, bei der schwierigen Lage des Memelgebietes eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Alle» m allem wird man also zunächst ab warten müssen, wie die Dinge sich weiter entwickeln werden. Litauen hat eine letzte Bewährungsfrist erhalten Es w,rd darauf ankommen, wie es diese Bewährungsfrist nützt. Man sollte sich aber In Rowno nicht darüber täuschen, daß Deutschland die Rückgliederung des rein deutschen Landes auch weiter im Auge behalten wird, falls Litauen offen ober versteckt seine Politik der Citauifierung und Unterdrückung fortsetzen sollte.
Aus Der ProDiruialbauptfloöt
Dietzen, den S. 3uni 1932.
Znedlichc Kr-iegsmittel in der europäischen Wirtschaftspolitik.
Der Vortragszyklus über Wehr- Wissenschaft an unserer Universität sand gestern abend in der 'Neuen Aula vor vielen Zuhörern seine Fortsetzung mit einem Vortrag von Prof. Dr. M o m b e r t, der über da» Thema „Friedliche Krieg» mittel in der europäischen Wirtschaftspolitik" sprach. Er führte u. a. aus, die Machtpolitik der Staaten sei immer in den Dienst der Wirischast gestellt worden. Als maßgebend Dafür habe sich stets die Notwendigkeit gezeigt, neue Lebensmöglichkeit für ein wacy- sendcs Loli zu schaffen Die Zeit nach dem Kriege habe aber eine Erscheinung mit umgekehrten Vor- Zeichen gebracht: wirtschaftliche Aktionen wurden in den Dienst der Machtpolitik gestellt. So habe z. B. der Friedensoertrag eine Reihe von Bestimmungen gebracht, die unsere wirtschaftliche (Entfaltung verhinderten und damit auch die politische Machtentfaltung hintertrieben. Beschränkungen der Handels- sreiheit, Auferlegung von Reparationen usw haben diesem Zwecke gedient. Bedeutsam, wenn auch weniger geläufig, sei die Intention Frankreichs, auf dem Wege der finanztechnischen Intervention im Süd- osten (Europas und darüber hinaus den Einsatz der Kaoitalmacht Frankreichs für rein politische Zwecke auf dem Wege der Anleihe dienstbar zu machen. Das bedeute die Fortsetzung des Weltkrieges mit friedlichen Mitteln. Die Anleihen Frankreichs an die Dftftaaten beliefen sich nach oberflächlicher Schätzung auf etwa 7 Milliarden Mark, deren Einfluß sich zwar zunächst wirtschaftlich geltend mache, die im Grunde aber der Politik dienen. Eharakte- ristisch sei in diesem Zusammenhang Die Assaire des Zusammenbruchs der Desterreichischen Eredlt- anstatt, die die Kapitalmacht Frankreich» in den Dienst ganz bestimmter politischer Ziele stellen sollte. Gedanken dieser Art seien in Frankreich nicht neu. Schon Napoleon habe ähnlichen Ideen gehuldigt. Der politische Gegenspieler Frankreichs aus dem Kontinent, nämlich Italien, habe fid) in Erkenntnis der Bedeutung der erwähnten Vorgänge stets energisch gegen diese französische Politik gewandt. Frankreich könne, so führte der Redner u. a. weiter aus, seine Kapitalkraft sehr wohl in den Dienst der Kon- solidierung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Welt stellen, tue es aber nie, wenn dabei nicht bestimmte politische Ziele verfolgt werden fönnten. Dadurch, daß Frankreich in seiner Bevölkern ngszahl stagniert, sei Dem LanDe, besonDers in Der Gegenwart, Die Möglichkeit gegeben, Die Kapitalfraft der Politik zur Verfügung zu stellen. Gleichen Inter- essen, wie Die Anleihepolitik, Diente auch Die Goldabzugspolitik. Die Weltwirtschaftskrise wurde da- durch wesentlich verschärft. Frankreich» Wirtschaft wurde davon nun aber auch ergriffen, und diese» Beispiel beweise, daß die Wirtschaft Gesetze hat, die
öas Trinkgeld.
Don Siegfried von Vegesack
Die alte Exzellenz Drevern — mit vollem Flamen . Gras Attila Drevem-Dtüningen, — lebte schon seit Jahrzehnten (wenn man da- leben nennen kann) gelähmt, im Rollstuhl, auf seinem Stammschloß Drcvcrhos bei Meran. Das heißt, von diesem Schloß war eigentlich nicht viel mehr übrig, als von ihm selbst: eine Ruine, die mit jedem Jahr immer mehr verfiel und seit dem Einsturz des Westflügels sogar für die Fremden- besichtiguna behördlich gefperrt werden mußte. Rur der Ostturm hatte sich einigermaßen erhalten, und hier, im ersten Stock, hauste die alte Ex- zellenz.
Der sechseckige Raum war mit schweren Schränken, verschlissenen Polsterstühsen. wackligen Kandelabern. Vitrinen und Etageren vollgestapelt, die Wände waren mit dunklen Familienporträts tapeziert, die kleinen trüben Fenster in den tiefen Mauernischen auch am Tag verhängt, weil das Licht die alte Exzellenz blendete. Auch wollte Graf Brevem nicht hinaussehen, weil er nicht mehr hinauskonnte. Die steinerne Wendeltreppe war zu eng und zu steil: es war unmöglich, den Rollstuhl hinunterzutragen. Lind was sollte der alte Gras auch da draußen suchen? Was seit dem Umsturz in dec Welt vor sich ging, begriff er nicht, und wollte es auch nicht begreifen. Es interessierte ihn nicht. Was ihm der Kammerdiener Poldi gelegentlich erzählte, genügte ihm vollkommen.
Dieser Poldi, ebenso alt und eingeschrumpft wie fein Herr, mit weißem Franz-Iofef-Datt und rosigen Bäckchen, versorgte und betreute die Erzel- lcnz. Er wohnte unten, im selben Turm, mit einer Geiß und sieben Hühnern. Außerdem bestellte er noch den winzigen Garten, in dem drei magere Aprikosenbäumchen wuchsen und einige Rebstöcke sich rankten.
Der alte Graf hatte längst sein Termögcn verloren, den letzten Rest hatten die ewigen Reparaturen und Aufräumungsarbeiten nach dem Einsturz des Westflügels aufgefressen. Aber Poldi bezog eine kleine Rente. €>o war etwas Bargeld vorhanden. llnt> wozu brauchte man auch Geld? Eier, Milch, Gemüse und Wein hatte man selbst.
2iut einmal in der Woche muhte Poldi in die Stadt gehen, um Einkäufe zu machen. Das geschah jeden Mittwoch. Denn jeden Donnerstag aab es — schon seit einem Menschenalter — Empfangsabend mit Souper. An dieser Gewohnheit hielten beide Alten fest, daran durfte nicht ge
rüttelt werden. Auch wenn jetzt nur ein einziger Gast zur Tafel erschien: der alte, fast taube Baron Lüdinghaus
Arnold Baron Lüdinghaus lebte in noch dürftigeren Berhältnissen, als sein Schwager Brevem: in einer ärmlichen Hinterhausstube in der Stadt Cr hatte sein übrigens nicht sehr großes Vermögen auf eine viel kurzweiligere Weise verloren: in Monte Carlo und San Remo, am Roulette. Dann wohnte er bei Verwandten und guten Freunden. Als die Letzten ebenfalls das Letzte verloren oder starben, nistete er sich in Meran ein, in der Rahe seines alten Schwagers. Eine Richte bezahlte die Miete für das Zimmer, einschließlich Frühstück, und schickte ihm jeden Monat ein kleines Taschengeld. Damit bestritt er: drei Virginias am Tag. einen schwarzen Kaffee, einen Vermut. Die Mahlzeiten nahm er bei Bekannten ein: pensionierten verkalkten Exzellenzen, die ja hier reichlich vorhanden waren.
Jeden Vormittag stelzte der taube Baron Lüdinghaus mit Wickelgamaschen und grünem Gamsbart-Hütchen auf dem Tappeiner Weg, jeden Rach- mittag saß er auf der Kurpromenade, rauchte und trank seinen Kaffee. Lind jeden Donnerstagabend Aog er sich den blank geriebenen Frack an. warf sich den grünen Havelock um. setzte sich das kecke Iägerhütchen mit dem Gamsbart auf den kahlen Schädel und machte sich auf den Weg nach Schloß Dreverhof.
Hier war alles nach uralter Tradition hergerichtet: die Damastdecke, das Service mit der gräflichen Krone, das schwere Familiensilber, der Dreiarmige Leuchter mit den dicken gelben Wachskerzen. Auch die alte Erzellenz hatte sich mit Poldis Hilfe den Frack mit den vielen Orden an- gebogen, die weihe Binde um den steifen Kragen gebunden. Lind Poldi selbst bediente in seiner abgetragenen Gala-Linisorm mit den blank geputzten gräflichen Messing knöpfen, in weihen Gamaschen weihen Handschuhen.
Das Mahl war einfach, ja. ein wenig dürftig, aber die silbernen Schüsseln waren schön garniert, und der rote Tiroler Landwein schmeckte in den Kristallgläsern fast wie Bordeaux.
Die beiden alten Herren stießen an, nickten sich au, sprachen aber kaum ein Wort. Baron Lüdinghaus verstand nur, was man ihm ins Ohr brüllte. Lind auch dann verstand er oft falsch. Was sollten sich die Beiden auch noch erzählen? Alles, was zu sagen war, hatten sie sich schon längst gesagt. Trotzdem sahen sie noch lange nach dem Essen im Erker, der eine im Rollstuhl, der andere im ver
schlissenen Sessel, rauchten, schlürften Wein und spielten Dezique.
Rach der letzten Partie trug sich regelmäßig folgendes au:
Baron Lüdinghaus griff wie suchend mit zwei steifen Fingern in die linke Westentasche, dann in die rechte, beklopfte, durchwühlte alle Taschen, fuhr sich mit der knöchernen Hand Über die Stirn.
Dann griff der Graf Brevem in seine Tasche, holte ein Fünf-Lirestück hervor und gab es schweigend seinem Gast.
»Daß ich immer das Kleingeld vergesse", polterte der taube Baron: ,ja, man ist nicht mehr gewöhnt, Trinkgelder zu geben!"
Hieraus erhob er sich, und nachdem der herbeigeeilte Kammerdiener gravitätisch, als hielte er einen kostbaren Zobelpelz, dem Gast in den abgeschabten Havelock hinetngeholfen hatte, drückte der alte Baron ihm das Fünf-Lirestück in die Hand
Der Kammerdiener verneigte sich stumm, mit königlicher Würde.
Aber dann geschah folgendes:
Wenn Poldi die alte Exzellenz schlafen gelegt, den Frack sorgfältig ausgebürstet und auf den Bügel im Schrank aufgehängt hatte, legte er das Fünf-Lirestück wieder in die Tasche seines Herrn zurück.
Lind auch der leere Frack mit den vielen Orden nahm das Trinkgeld in stummer, königlicher Würde.
OerZeitgenofte^derGoethenichtkannte.
Goethe hat diese Geschichte, die chm bei einem Karlsbader Aufenthalt begegnete, selbst erzählt. Er traf bei seinen Spaziergängen einen etwa achtzigjährigen allen Herrn. Der. auf einen Stock mit goldenem Knopf gestützt, auf der Promenade auf und ab ging; ein General, sagte man ihm, aus altem, sehr verdientem Geschlecht Goethe beachtete nicht, an solche Aufmerksamkeit gewöhnt, daß der alte Herr wiederholt mit chm ins Gespräch zu kommen suchte, das sich Dann eines Tages folgendermaßen abwickelte: ..Richt wahr. Eie nennen sich Herr Goethe aus Weimar. Sie haben Bücher geschrieben und Verse gemacht?" — ..Gewiß" — „Es soll schön fein. Haden Sie viel geschrieben?" — „Es mag angehen " — „Ist das Verfemachen schwer?" — „Run soso." — „Es kommt halt wohl auf die Laune an. ob man gut gegessen und getrunken hat. nicht wahr?" — „Es ist mir fast so vorgekommen." — „Da sollten
Sie nicht in Weimar sitzen bleiben, sondern nach Wien kommen, in Wien ist's gut, da wird gut gegessen und getrunken." — „Soso." — „Lind man hält dort was auf die Leute, die Verse machen. Dergleichen finden wohl gar, wenn sie sich gut halten, in den ersten Häusern Ausnahme. Kommen'» nur. Melden s sich bei mir. Ich hab' Bekanntschaft, Verwandtschaft, Einfluß Schrei- ben's nur: Goethe aus Weimar, bekannt aufl Karlsbad. Das ist notwendig, zu meiner Erinnerung, weil ich halt viel im Kops habe." — „Werde nicht verfehlen" — „Aber sagen'- doch, was haben's denn geschrieben? Es soll halt berühmt sein? Schade, daß ich nichts von Ihnen gelelen und früher nichts von Ihnen gehört habe. Sind schon neue verbesserte Auslagen von Ihren Schriften erschienen?" — „O. das auch." — „Lind eS werden wohl noch mehr erscheinen?" — „Das wollen wir hoffen." — „Ja, schauens da kauf' ich Ihre Werke nicht Ich kauf' halt nur Ausgaben letzter Hand, sonst hat man immer Aerger. ein schlechtes Buch zu besitzen, oder man muh dasselbe Buch zum zweiten Male kaufen Darum warte ich immer den Tod deS Autors ab, und davon werde ich auch bei Ihnen nicht abgehen ..."
3eiffd)riffen.
Mutter und Kind, Zeitschrift für Sr- näh ung. Pflege und Erziehung des Kindes Verlag Elwin Staude, Osterwieck a H Vierteljährlich (d Hefte) 1,65 Mk emschl Porto — Diese interessante und lehrreiche Zeitschrift, die vom Kaiserin-Auguste-Liktoria-Haus. der Reichsanftalt zur Bekämpfung der Säuglings- und Kleinkindersterblichleit, herausgegeben wird, bringt in ihrem Iumheft einen Aufsatz Dr Pototzkys über den „Schlaf des Kindes, die Störungen und ihre Behandlung". Ferner behandelt Professor Dr. Blühdorn das Thema „Was bedeuten- Leib- schmerzen im Kindesalter ' und Geheimrat Professor Dr. H. SchulA schreibt übet die Arznei- wirkung. Das Heft bringt noch weitere Beiträge wie „Lieber das Körpergewicht des Säuglings und des Kleinkindes", „Umtriebe des Kleinkindes im Haufe". „Zurückgeftellt — Schulunreif, was wird aus Liefen Kindern", „Warum ich viele Kinder haben will" usw- — Alle diese Beiträge werden jungen Müttern. Säuglingsund Kleinkinderpflegerinnen und Kindergärtnerinnen gute Dienste leisten.


