Ausgabe 
8.12.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Ich wünsche mir ein Buch.

Ich möchte, bnfo man mir Bücher zu den Festen schenkt. Denn ein Buch ist immer gegenwärtig, immer bereit, sich einem in die Hand zu geben und ins Herz zu schmiegen, auf die Dauer eines Augen­blicks zu einem zu kommen oder lange Stunden zu verweilen.

Ich kann das Buch, das bei mir steht, rufen, und es folgt dem Rufe und gibt mir Antwort, aber ich kann eine Melodie, die in einem Konzert in mich gezogen ist, verloren haben, und sie versagt sich ebenso meiner Erinnerung, wie meiner suchenden Hand.

Ich kann leer im Herzen sein und rnude und trau­rig, ohne irgendeinen Ruf von innen her, aber wenn ich an der kleinen Reihe meiner Bücher ent­lang gehe, schmiegt sich mir das Buch in die Hand, das mir von einem Satze, manchmal von einem einzigen Worte her die Seele füllt.

Ich weiß, das Theater ist ein wundersames Er­lebnis, und ich weiß auch von der bannenden Ge­walt der Töne, aber sie gehorchen nicht immer mei­nem Winke, sind nicht zur Stelle, wenn ich ihrer bedarf, weggezogen aus der greifbaren Erinnerung.

Aber das Buch ist da, körperhaft bereit, und kann mir in dem Augenblick helfen, zu dem fein Wort mir not tut.

Ich wünsche mir ein Buch, denn seine gleitenden Zeilen lassen auch mich in Höhen, Täler und Ebenen gleiten, wie meine Seele es wünscht, wie der Geist es verlangt.

Das Buch, das mir gehört, ist augenblicks zur Stelle, wie der treueste Freund ich wünsche mir ein Buch. A.H.

Vornotizen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Morgen, als IO. Vorstellung im Fr.itag-Ab.-nnemer.t. Erstaufführung des Front­stückesDie endlose Straße" von Graff und Hintze. .Unter der Spielleitunng des 3 n tendanten wirkt das gesamte Herrenpersonal des Ensembles bei diesem packenden Frontstück desunbekann­ten deutschen Soldaten" mit. Als Fremdenvor. stellung verzeichnet der Spielplan für Sonntag. 11. Dezember, die ErfolgsoperettePeppina" un­ter der Spielleitung Paul W re d e s. Die In­tendanz hat für Montag, 12. Dezember, eine Ope- retten-Dolksvorstellung angeseht. Diele konnten

bei der letzten Aufführung der OperetteDie Toni aus Wien" die gewünschten Plätze nicht erhalten. Auf Wunsch vieler Theaterbesucher hat die In­tendanz die Anregung einer nochmaligen Wieder­holung dieser echtwiener Operette ausgegrifsen und eine nochmalige letzte Wiederholung dieses mu­sikalischen Werkes bei kleinen Operettenpreisen ein» gelegt.

2 000 Kilometer a u f dem Pangtse- kiang". D.e Vortrags-Gemeinschaft: Goethe-Bund, Kaufmännischer Verein und Gewerbeverein, der sich diesmal auch die Gesellschaft für Erd- und Völker­kunde angeschlossen hat, teilt mit: Zu dem 3. ge­meinsamen Vortragsabend ist der Asienforscher Walther S t ö tz n e r zu einem Lichtbilderoortrag über das Thema2000 Kilometer auf dem Pangtse- kiang" verpflichtet worden Der Forscher ist in un­serer Stadt von seinen früheren Vorträgen her gut bekannt. Stötzner hat durch seine Forschungssahrten wertvollste kulturelle Pionierarbeit geleistet, die völ­kerpsychologisch nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Seine unermüdlichen und oft höchst schwie­rigen Expeditionen trugen wesentlich dazu bei, daß die deutsche Asiensorschung ihren führenden Platz im internationalen Wettstreit behalten konnte. Aus der Fülle der interessanten Erlebnisse wird er dies­mal an Hand wertvoller Lichtbilder einen spannen­den Bericht über seine 2000-Kilometer-Forschungs- fahrt auf dem Pangtsekiang geben. Die Kämpfe, die sich in letzter Zeit im Fernen Osten abspielten, werden seinem Vortrag eine ganz besonders aktuelle»Note geben. Näheres ist aus der heutigen Anzeige er­sichtlich.

Handwerkskammer-Untersuchungs­ausschuß des Hessischen Landtags.

WSR. Darm st a dt, 7. Dez. Der Hand­werkskammer * Anters uchungs aus­schuh des Hessischen Landtags setzte heute die Zeugenvernehmung fort mit der Aussage des 71jährigen Schuhmachermeisters Karl Stern aus Alzey, der über die Vergebung seines Kre­dits sprach und ein erschütterndes Vild des Schick­sals eines gutgläubigen kleinen Handwerksmei­sters entrollte. Er hatte 2000 Mk. Darlehen er­halten, muhte Wechsel über 2200 Mk. unterschrei­ben, eine Handwerker-Zentralgenossenschafts-Aktie

Volkskunde in Hessen.

Zahrestagung der Hessischen Vereinigung für Volkskunde.

D a r m st a d t, 7. Dezember 1932.

Die Hessische Vereinigung für Volkskunde, die sich auch während derAot- jahre einen treuen Stamm von Mitgliedern er­halten und weiter an der Erforschung des hei­mischen Volkstums gearbeitet hat, hielt am Mon­tag unter dem Vorsitz von Oberstudiendirektor Dr. Faber (Friedberg) ihre 31. ordentliche Hauptversammlung ab. Der Jahres­bericht des Vor, enden gedachte zunächst dreier verstorbeyer Mitglieder: Verlagsbuchhändler Roth, Frau Geheimrat S p e n g e l und Dr. Alfred Dock in Gießen. Alfred Dock hat viele Jahre dem Ausschuh der Deveinigung angehört und war ein eifriger Benutzer des Archivs. Die Mitgliederzahl beträgt gegenwärtig 518. Es sei dringend notwendig, so führte der Vorsitzende aus, daß der jetzige Mitgliederstand zumindest erhalten bleibe, wolle die Vereinigung and), weiterhin ihren dringendsten Aufgaben gerecht werden. Herzlichen Dank für finanzielle Unterstützung fanden der hes­sische Staat, die Rotgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, der Kreis Gießen , die Provinz O b e r h e s ste n und der hochherzige Stifter Dr. Müller in Flix (Spanien), ohne deren ver­ständnisvolle Förderung die wertvollen Veröf­fentlichungen" der Vereinigung nicht hätten erschei­nen können. In bezug auf die Beihilfe des hes­sischen Staates konnte mitgeteilt werden, daß ihr insofern eine Gegenleistung gegenüberstände, als durch den Austausch derhessischen Blätter für Volkskunde" etwa 140 Zeitschriften der Univer­sitätsbibliothek in Gießen als wertvoller wissen­

schaftlicher Besitz jährlich einverleibt wurden. Das von der Universitätsbibliothek ver­waltete volkskundliche Archiv der Vereinigung hat durch Zugang einiger Himmelsbriefe und Gesahne weiteren Zuwachs erhalten. Drach liegt zur Zeit die Volksliedsammlung, dagegen zeigt sich auf dem Gebiet der Flurnamenforschung reges Leben. An den mit dankbarem Beifall aufgenommenen Jah­resbericht schloh sich eine rege Aussprache, die von Geheimrat v. H a h n, der die Grühe des Ver­bandes hessischer Geschichts- und Altertumsver­eine überbrachte, eröffnet wurde.

Die von Studienrat O h w a l d (Friedberg) vor- gelegte Rechnung zeigt, daß die Vereinigung ohne die staatlichen und körperschaftlichen Beihilfen ihre wissenschaftliche Aufgabe nicht voll erfüllen kann. Unter herzlichem Dank für die mühevolle Arbeit fand der Rechner einstimmig Entlastung.

Von den Hessifchen Blättern für Volkskunde erscheint jetzt der Doppelband 30/31 für die Jahre 1931/32 mit wertvollen Bei­trägen in beträchtlichem Umfange. Beschlossen wurde, den Band 32, für den bereits sehr viel Stoff vorliegt, zum Herbst 1933 herauszubringen. Tie Bogenzahl wird von der wirtschaftlichen Lage der Vereinigung diktiert werden. Mit besonderer Anerkennung wurde des Herausgebers derBlät­ter", Prof. Dr. Hepding (Gießen), gedacht, des­sen sachkundiger, unermüdlicher Arbeit für die Volkskunde und die Wissenschaft es in erster Linie zu danken ist, wenn dieBlätter" ihren Rus in der wissenschaftlichen Welt bewahrt haben. Die

Flurnamensammlung

bildete dann einen wichtigen Punkt der Tages­ordnung. Oberstudiendirektor Dr. Faber, der hessische Vertreter im Deutschen Flurnamen-Aus- schuß, gab einleitend einen interessanten Einblick in den Aufgabenkreis dieser aus 22 Landes­vertretungen bestehenden Körperschaft, deren Or­gan das Rachrichtenblatt für deutsche Flur­namenkunde" ist. Der Ausschuß stellt für die Flurnamenforschung Richtlinien auf, die sich u. a. auch die einheitliche Schreibweise der Flurnamen im Grundbuchkataster zum Ziele haben. Dr. Faber stellte in diesem Zusammenhänge fest, daß von Hessen aus (die Ramen Archivdirektor Diete­rich und Pfarrer S ch u l t e - Großen-Linden wurden hier besonders genannt) die gesamte Flurnamenforschung grundlegend und richtung­

gebend beeinflußt worden sei. Eine rege Aus­sprache, an der sich Archivdirektor i. R. Dr. Die­terich, Prof. Dr. Esselborn, Pros. Mau­rer, Dr. Friederich, Prof. W. M. Decker und der Vorsitzende beteiligten, nahm hauptsäch­lich zu grundsätzlichen Fragen der Flurnamen­forschung Stellung. Ziel der Arbeit in Hessen ist das Flurnamenbuch des Volks st a a - tes Hessen, von dem bereits einige Hefte im Druck vorliegen.

Als nächste Arbeit kommen die Flurnamen von Großen-Linden zum Druck,

die in Pfarrer Schulte einen ausgezeichneten Bearbeiter gefunden haben. Als weitere druck­fertige Sammlung unter vielen anderen wurde die von Homberg a. d. O. genannt, die Lehrer Immel besorgt hat. Zu Mitgliedern des Ge-> samtausschustes der Vereinigung wurden Pros. Dr. Blecher-Friedberg und Lehrer Heu- sohn - Büdingen gewählt. Als Ort der nächst­jährigen Tagung bestimmte man Büdingen.

Die öffentliche Vortragsveranstal- tung, die sich abends in der Technischen Hoch­schule der Hauptversammlung anschloß, wurde von Oberstudiendirektor Dr. Faber eröffnet. Er führte dabei aus, daß es der Zweck des Abends fei, der Vereinigung neue Freunde zu gewin­nen, damit sie ihre dreifache Aufgabe, nämlich den Druck derBlätter", die Fortführung des hessischen Flurnamenbuches und den Ausbau des von der Llniversitätsbibliothek in Gießen betreu­ten volkskundlichen Archivs, auch in dieser Rot­zeit durchführen könne.

Unter lebhaftem Beifall wurde gesagt, daß Bolkvtumsarbeit nicht trotz der Rot der Zeit, sondern erst recht wegen der seelischen Zeitnöte dringend notwendig sei.

Hierauf hielt Prof. Dr. Maurer-Erlangen (früher Giehen) einen geistvollen Lichtbilder- vortrag überZeitliche, räumliche und schicht- mäß'ge Betrachtung in der neueren Spra')- und Volkskundeforschung" und führte darin v.ma fol­gendes aus: Das Kennzeichen der neueren Sprach- und Volkskundeforschung ist die starke Beachtung der geographischen und des soziologischen Ge° sichtspunkles. Diese Forschungsweise stellt sich aber nicht in einen Gegensatz zu der früheren, vorwiegend geschichtlich eingestellten, sondern sie bietet auf dem Weg über die räumliche und die schichtmähige eine neue, vertiefte Geschichtsfor­schung. Der erste Teil des Vortrags erläuterte die geographische Betrachtung der Mundarten, die von der Untersuchung der Sprachgrenzen und ihrer Grundlagen ausgehend, heute zur Be­trachtung der Sprachräume und der Sprach­bewegungen gelangt ist und so eine neue, wirkliche Geschichte der deutschen Sprache vorbereitet. Die neuere Sprachforschung, die den engen Zusam­menhang von sprachlicher und allgemein kultur­geschichtlicher Entwicklung erkannte, kam folge­richtig auch zu einer räumlichen Betrachtung der volkskundlichen Erscheinungen. Hat so die neuere Volkskunde der Sprachforschung entschei­dende Anregungen zu danken, so gingen ander­seits auch von der modernen volkskundlichen Forschung wertvolle Gesichtspunkte in die Sprach­forschung über. Die aus Hans Raumanns Gedankengängen entwickelte soziologisch einge­stellte Volkskunde, deren Ziele der zweite Teil des Vortrags näher erläuterte, vermag auch der Sprachgeschichte wichtige Ziele zu weisen. Beide Forschungsweisen aber, die räumliche wie die soziologische, müssen geschichtlich betrieben werden, da sich die kulturellen Räume, Bewe­gungen, Schichten und ihre Beziehungen zuein­ander im Laufe der Jahrhunderte immer wieder geändert und neu gestaltet haben. Leytes Ziel der Forschung ist daher nicht die Erforschung der Gestalt, sondern des Werdens der Gestaltung,' nicht Kulturmorphologie, sondern Kulturbiologie.

Der hochwertige Vortrag fand starken Bei­fall.

I von 200 Mk. übernehmen und erhebliche Auslagen und Provisionen zahlen. Er kam mit den Zinsen in Rückstand, wurde gerichtlich verklagt und sein Häuschen wurde auf Betreiben der Kreisfparkasse Alzey zwangsversteigert. Die Handwerker-Zen- tralgenostenschaft steigerte das Haus zu 7750 Mk. und verkaufte es weiter zu 9200 Mk., es steht mit 12 000 Mk. in der Brandkasse. Der Zeuge er­klärte, er habe leider zu spät gemerkt, daß ec Wache rern in d i e Hände gefallen sei.

Zeuge Karl Steinmann (Worms) war im Jahre 1924/25 Syndikus des Wormser Handwerks­und Gewerbeamtes, mußte dann aber wegen seines Widerstandes gegen die Handwerker-Zentralgenos- senschaft seine Stellung verlassen und beteiligte sich an derNotgemeinschafts-Aktion". Er bestätigte im wesentlichen die Aussagen der gestern vernommenen Groß-Gerauer Handwerker über die Methoden der Handwerker-Zentralgenossenschaft und der Hand­werkskammer. Durch die Einrichtung der Handwerks­kammer-Nebenstellen und deren Besetzung mit Steigbügelhaltern" der Handwerkskammer-Promi­nenten habe man die atten Verbände aushöhlen und unliebsame Kontrollorgane ausschalten wollen. Leider habe die Regierung auf die Vorstellungen der ver­schiedenen Kommissionen nach Untersuchung bei der Handwerkskammer und der Handwerker-Zentral­genossenschaft nicht energisch genug reagiert und keine Untersuchung der schweren Vorwürfe durch­geführt, vielmehr den Beschuldigten weitgehend ver­traut.

Ministerialrat Hechler erwiderte, daß es selbst­verständlich gewesen sei, auf Beschwerden auch die Angeschuldigten zu hören. Im übrigen habe die Re­gierung ihre Pflicht getan. Die Handwerkskammer habe ja auch die Untersuchungskommission eingesetzt.

Der Ausschuß hielt anschließend eine vertrauliche Sitzung ab und vertagte dann die weitere Beweis­aufnahme auf Dienstag kommender Woche.

Bor der Vollendung der Limburger Hafenanlagen.

WSR. Limburg, 7. Dez. Die hier mit Mit­teln der Mesthilfe gebauten Hafenanlagen gehen ihrer Vollendung entgegen. Es wurde eine 85 Meter lange Kaimauer errichtet, die nun noch mit fahrbarem Kran versehen wird, um ein schnelles Be- und Entladen der Schiffe zu ermöglichen. Es fehlt jetzt nur noch an einer gründlichen Besserung der Wirtschaftslage, daiyit der Lahnschiffsverkehr stärker belebt wird.

Drei Jahre Zuchthaus für Falschmünzerei.

WER. Limburg, 7. Dez. Die Große Straf­kammer Limburg verurteilte den bereits ein- schläging vorbestraften 21jährigen Mechaniker Hofmann aus Wetzlar wegen Münzver­brechens zu drei Jahren Zuchthaus, fünf Jahren Ehrverlust und Stellung unter Po­lizeiaufsicht. Hofmann hat im August dieses Jahres falsche Fünfmarkstücke in Wirtschaften in Leun und Stockhausen gegen Zwanzigmarkscheine eingetauscht. Man wurde seiner bald habhaft und konnte ihn trotz beharrlichen Leug­nens einwandfrei überführen. Als der Staatsanwalt zwei Jahre Zuchthaus be­antragte und auch der Verteidiger sich von

seiner, Schuld überzeugt erklärte, bequemte sich der jugendliche Verbrecher noch schnell zu einem Geständnis. Es verhalf ihm aber nicht zur Milde des Gerichts. Dieses ging vielmehr über die Anträge hinaus und erkannte auf die oben­genannte Strafe.

Taten für Donnerstag, 8. Dezember.

1815: Der Maler Adolf v. Menzel in Bres­lau geboren: 1832: der norwegische Dichter Björnstjerne Bjömson in Kwikne geboren: 1903: der englische Philosoph Herbert Spencer in Brighton gestorben: 1914: Deutsch-englische Seeschlacht bei den Falkland-Inseln: Tod des Admirals Maximilian Graf v. Spee, des Sie­gers von Coronel.

Buntes Allerlei.

Wie die moderne Engländerin sich den Mann wünscht.

Auch das Männerideal der Frauen ist der Mode unterworfen, und das starke Geschlecht paßt sich unbewußt den Wünschen an, die in den Herzen der Weiblichkeit schlummern. Man kann daher aus der Erscheinung des Herrn aller Zeiten Rückschlüsse auf das Ideal der Frauen ziehen.

In einer englischen Frauenzeitschrift wird ein Bild des weiblichen Männerideals entworfen:

Es ist durchaus männlich, aber erstreckt sich nicht mehr auf die stiernackigen Doxergestalten, die kurz nach dem Kriege verehrt wurden, sondern man verlangt heute unaufdringliche Stärke, die mit Verstand und Bescheidenheit gepaart ist. Das Muster von 1932 darf sich nicht zu gut dünken, auch im Haushalt einmal mitanzugreisen, das Baby zu waschen oder das Essen zu kochen, ja sogar sich selbst die Knöpfe anzunähen. Ja, der Mann von heute ist ftoh darauf, diese Dinge gut zu verrichten. Man verlangt von ihm Verständnis für alles Weibliche: seine Manieren müssen ge­fällig und zart sein. Alles Derbe und Brutale ist verpönt. Die sportlichen Interessen, die man bei ihm vorausseht, teilt die Frau mit ihm, aber sie will auch für die romantische Seite ihres We­sens eine gleichgestimmte Seele finden. Auf äußere Schönheit wird kein Wert gelegt: er muß nur gut aussehen". Die Frau weiß, daß sich hinter einer besonders eleganten und anziehenden Fassade meist nicht die besten Eigenschaften ver­bergen. So hat man auch Mißtrauen gegen Män­ner, die allzu viel Wert auf Kleidung legen. Sein Anzug sei korrekt und sauber, aber vermeide jeden übertriebenen Aufwand. Daher kommt cs viel­leicht, daß heutzutage schöne Männer so oft Iung- gefellen bleiben. Das Mädchen will heute keins Kleiderpuppe, sondern einen Menschen zum Le­bensgefährten. Deshalb ist der gezierte Gigolo- Typ ebenso aus der Mode gekommen wie der des muskelbepackten Athleten. Ein Mann von ein­fachem Wesen, von geistigen Interessen, von na­türlicher Anmut, von Verständnis für die Frauen­natur das ist es, was man heute vor allem schätzt. Indem die Frau sich selbst veränderte, hat sich auch ihr Ideal vom Manne gründlich ge­wandelt. Oie will einen Mann, der zugleich ein ganzer Mensch ist: auf ihn will die Frau stolz fein, und zwar mehr auf seine inneren als auf seine äußeren Eigenschaften."

Aufmarsch der Curopalustsahri.

Eindrücke von der internationalen Flug-Ausstellung in Paris.

Von unserem W. Sp.-Sonderberichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Paris, im Dezember 1932.

Der Pariser Aero-Salon, der jeden zweiten Herbst im Grand Palais veranstaltet wird, ist immer noch das große Ereignis der europäischen Luftfahrt. So trifft man auch auf dem dies-- jährigen 13. Salon de l'Aviation, der gegenwärtig stattfindet, alles, was in Europas Luftfahrt irgend­wie Namen und Bedeutung hat. Leider hat die deutsche Luftfahrt-Industrie, die vor zwei Jahren hier mit einer sehr netten Sammelausstellung er- irfjienen war, diesmal auf eine Beteiligung an der Ausstellung fast ganz verzichtet, und zwar wobl aus dem Gedanken heraus, daß es hier doch nicht möglich ist, irgendwelche Geschäfte zu machen. Das mag ia im Prinzip auch stimmen.' Die Flugzeug- Industrie wird schon mit Rücksicht auf ihre un­zweifelhaft militärische Bedeutung Immer in der Hauptsache national gebunden sein. Dazu kommt, daß die einzelnen Länder ihren Flugzeug­käufern zum Teil sehr große Ankaussprämien auf Erzeugnisse der heimischen Industrie geben, in Frankreich z. B. bis 50 Prozent und darüber. Da können natürlich ausländische Fabrikate noch so gut sein, verkäuflich sind sie unter diesen Umstän­den kaum.

' Soweit Geschäfte auf derartigen internationalen Ausstellungen zu machen sein werden, wird es sich höchstens um Lizenzvergebungen handeln können. Aber schließlich läßt sich ja auch barait noch mancher Betrag hereinholen, der verloren ist, wenn man sich überhaupt nicht sehen läßt. Die deutsche Luftfahrt-Industrie sollte sich deshalb in Zukunft ruh.g wieder etwas mehr um den internationalen Markt bemühen. Daß wir uns immer noch sehen lassen können in Bezug auf Qualität unserer Erzeugnisse, das zeigt auch dieser Pariser Salon wieder.

Ganz fehlt Deutschland übrigens doch nicht. Die Vereinigten Deutschen Metallwerke zeigen auf einem sehr nett eingerichteten Stand ihre Heddernheimer Metallpropeller und werben dort für ihre eigenen Erzeugnisse, gleichzeitig für die Dürener Leichtmetalle unb für die neuen Rupp- Leichtmetallnaben. Als zweite deutsche Lustfahrt­baufirma findet man hier das Berliner Werk Schwartz, dessen patentierte Leichtholzpropeller allenthalben großes Interesse finden. Und tatsäch­lich zeigen sich die Vertreter beider Firmen über das Ergebnis ihrer Beteiligung sehr befriedigt auch in geschäftlicher Beziehung.

Wenn man den diesjährigen Pariser Salon mit der gleichen Veranstaltung vor zwei Jahren ver­gleicht, so läßt sich feststellen, daß die militä­rische Note etwas in den Hintergrund getreten ist. Zwar findet man auch diesmal wie­der ganz hervorragende Jagd- und Kampfflugzeuge der französischen, englischen, italienischen, polnischen Industrie vor, aber erstens ist das Beste, was die betreffenden Länder in dieser Beziehung heroor- bringen, bestimmt nicht hier zu sehen, und bann hat man wirklich diesmal etwas mehr die zivlle Luftfahrt zu Worts kommen lasten. Das mag zum großen Teil daran liegen, daß gerade in Frank­reich die Erzeugnisse friedlichen Luftfahrtgeräts erst

in den letzten beiden Jahren in Schwung gekommen ist. Die französische Presse nennt jetzt selbst rück­blickend den Aero-Salon denSalon" der Proto­typen", also die Ausstellung der Erstversuche. Viele von den damals hier zu sehenden Maschinen sind auch wirklich wieder in der Versenkung verschwun­den, wie man es ihnen damals schon voraussagte. Aber manches hat sich auch durchgesetzt, und heute zeigt der Salon schon eine ganze Reihe von ferti­gen, gut durchkonstruierten Stücken, sowohl von Verkehrs- wie Sportflugzeugen, die sich durchaus sehen lassen können.

Bei den Verkehrsflugzeugen findet man, genau wie jetzt auch bei uns, das Streben nach Erhö­hung der Reisegeschwindigkeit, als Mittel dazu einziehbare Fahrgestelle, bessere Durch­bildung der äußeren Formen usw.

Bei den Sportflugzeugen vermißt man, wenn man an unsereDein" zurückdenkt, denVolks- fl u g z e u g t y p", also die ganz schwachpferdige Maschine für ein und zwei Personen. Dafür scheint hier noch nicht das Interesse zu bestehen wie bei uns in Deutschland, was wieder darauf schließen läßt, daß die Luftfahrtbegeisterung der Jugend dort nicht in dem Maße besteht wie in Deutschland. Ein anderes Zeichen dafür ist übrigens auch der ge­ringe Raum, den die Segelfliegerei auf dem Salon einnimmt. Zum Teil mag dieses mangelnde Interesse aber auch daraus zurückzuführen sein, daß ja hier die Militärluftfahrt jedem jungen Mann, der sich für das Fliegen interessiert, genügend Dläg- lichkeit zur Betätigung bietet.

So hat sich die französische Sportstugzeug-Jn- dusfrte mehr dem Touristikslugzeug, also dom be­quemeren Resteflugzeug zugewandt, und zwar in größerem Maße, ass es bei uns der Fall ist. Man sieht hier drei- und viersitzige Resteflugzeuge in ganz ausgezeichneten Ausführungen. In der äuße­ren Form weisen diese Maschinen in der Hauot- sache auf das erste erfolgreiche Flugzeug dieser Art, die englischePreß-Motte" von de Haoilland hin. Erstaunlich niedrig sind die Preise, zu denen die ,Lust-Limousinen" angeboten werden, sie lie­gen zwischen 10 und 16 000 Mark, wobei die Staatssubvention für französische Käufer noch nicht berücksichtigt ist.

Daneben wird auch eifrig an der Weiterentwick­lung gearbeitet. Die schwanzlosen Flug­zeuge, von denen man hier mehrere Modelle und eine fertige Ausführung sieht, lehnen sich aller­dings sehr an die Vorbilder des auf diesem Gebiete führenden deutschen Konstrukteurs L i p p i s ch an. Von demArtagiro" des Spaniers de la Cieroa ist eine Weiterentwicklung ausgestellt, bei der die unteren Stabilisierungsflächen ganz zum Fortfall gekommen sind, und bei der Höhensteuer und Quer­ruder direkt durch Verstellung der Windmühlen­flügel erreicht werden, also em Schritt auf dem Wege zum Flugauto, wie ihn ein Zukunftsmodell der Dela zeigte. Auch sonst wird, wie aus der um­fangreichen Sonderausstellung desService tech- nique", der etwa unserer Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt entspricht, eifrig an die Erhöhung der Sicherheit des Lustreiseverkehrs ge­arbeitet.