Amerika, hast du es besser?
Zwischen Washington und Tammany-Hatt. — Bilder aus dem Wahlkampf.
Don unserem Neuhorker M. O>Derrchterstatter.
Neuyork, November 1932.
Der amerikanische Wahlkampf steht unter dem Zeichen der Verschwendung. 3n einer Zeit, in der alle anderen Länder der Welt für ihre Wahlkämpfe nur noch sehr bescheidene Summen aufwenden können, in einer Zeit, in der die Prosperity der Vereinigten Staaten auf dem Nullpunkt angelangt ist, mag dem Europäer eine solche Verschwendung besonders leichtfertig erscheinen. Sn den Industriekontoren, in den Vureaus von Wallstreet ist man anderer Meinung: die Finanzierung des Wahlkampfes ist eines der ganz wenigen sicheren Geschäfte, die dem Amerikaner noch geblieben sind.
Um welche Summen handelt es sich? Cs werden sowohl von den Demokraten, als auch von den Republikanern Beträge der Wahlkampf-Fonds veröffentlicht, die viele Millionen Dollar ausmachen. In eingeweihten Kreisen weih man jedoch, daß alle diese Summen noch viel zu niedrig gegriffen sind. Die Ausgaben für den amerikanischen Wahlkamps sind mindestens so unübersichtlich wie der französische Heeresetat. Mil- lionen-Spenden werden nicht nur von den großen Trusts, und zwar nach amerikanischer Sitte an beide Seiten, verteilt, nicht nur die Wirtschaft finanziert den Wahlkampf, sondern auch die »Boß' erschließen große Geldquellen. Diese „Boß" sind die Parteibeamten, die Einpeitscher, und je mehr Geld einer herbeischafft, um so bedeutender wird seine Stellung in der Partei. Diese Voß nehmen aber nicht nur von Privatpersonen, sondern es ist eine bekannte Tatsache, daß sie auch die Beamten bis auf den letzten Dollar auspressen und ihnen als Gegenleistung ein Verbleiben im Amt in Aussicht stellen. Bei diesem Vorgang der Wahlfinanzierung zeigt sich die unumschränkte Parte i h e r r s ch a f t in der amerikanischen Politik, der der Präsident wie der kleinste Beamte unterlegen sind. Die Unabhängigkeit des Präsidenten ist ein Wunschtraum, den man in Europa und vielleicht auch in jenen oppositionellen Kreisen Amerikas hegt, die alle 30 Jahre einmal den erfolgreichen Versuch machen, das Parteiheiligtum zu stürmen, — um nach einiger Zeit dann selbst Partei herrsch er alten Stils zu werden. Der Oberste Gerichtshof, der Präsident, Senat und Kongreß, alles wird gewählt, nirgends wird öfter gewählt als in Amerika. Die Stimme kostet im groben Durchschnitt einen Dollar und nur die Parieimaschine kann diese Summen zusammenscheffeln. Nach der Wahl werden die Pfründen verteilt, — es ist ein glattes, risikoloses Geschäft, das die Amerikaner anerkennen und nur dann mißbilligen, wenn es einmal gar zu toll getrieben wird.
Don deisselben oberflächlichen Gesinnung wie die Finanzierung zeugt die Art des Wahlkampses. Auf beiden Seiten gibt es ganz kraß und offen nur die einzige Wahlparole „2B i r wollen Geld verdienen", und wo der Wahlkampf ins Gesinnungsmäßige abschweist, ist er unerträglich banal. Die Zettel, auf die der amerikanische Wähler sein Kreuz macht, tragen am Kopfe das Parteiabzeichen: einen Hahn, einen Vogel mit ausgebreiteten Schwingen. Das Dorstellungsver- mögen der Wahlredner geht über diese Bilder nicht hinaus. „®in smarter Junge, ein toller Kerl dieser Roosevelt." Das ist ungefähr der Tonfall. Interessiert man sich schon nicht für die hohe Politik, so liegt Europa erst recht weltenfern, man will nur seine Schulden von ihm zurück haben. Die Oberflächlichkeit dieses ganzen Wahlkampses wird dadurch gekrönt, dah die Elektoren, die am 6. November gewählt werden, unter dem Einfluß der Parteien ihre Meinung ebenfalls noch
ändern können, — ein oft erlebter Vorgang, der sich nicht so sehr auf die Person des Präsidenten, als vielmehr auf alle anderen zu wählenden Programme und Persönlichkeiten auswirkt. Die sachlichen Vorgänge bei der amerikanischen Wahl können uns daher nur wenig interessieren. Wie die Wahl auch auslaufen mag, weder Roosevelt noch Hoover sind ein Versprechen für die Lösung der großen internationalen Probleme.
Läßt dieser Wahlkampf einen gültigen Schluß auf den Kultur st and des amerikanischen Volkes zu? Verständige Beobachter der politischen Entwicklung in den Vereinigten Staaten werden zugeben, daß dieses Volk noch viel zu sehr im Werden, noch viel zu wenig mit sich fertig ist, um äußerlich überhaupt ein abgerundetes Kulturbild bieten zu töimen. Man vergißt zu leicht, dah dieses Volk erst seit 150 Jahren im Werden ist. D aß die ersten Präsidenten zum Teil noch als Hinterwäldler nach Washington kamen, und, daß die gesamte amerikanische Entwicklung von Anfang an in die Richtung individuel- ler Llnabhängigkeit gedrängt wurde. Jeder Bürger der Staaten sollte tun und lassen, was er wollte, der Staat war nur e i n notwendiges Liebel. Der materielle Aufschwung trug dazu bei, diese individuelle, eigentlich antistaatliche Gesinnung noch zu fördern. Die Prosperity, der persönliche Wohlstand, feine ethische Gesinnung ist der Ausgangspunkt politischen Denkens in Amerika. Jedes Volk hat solche Perioden einmal durchgemacht und sie haben in der Regel länger als nur 150 Jahre gedauert. Ohne Zweifel sind in Amerika sehr starke Kräfte vorhanden, die zu einer Staatsgesinnung drängen. Zwischen Washington und Tammany Hall, den Hauptquartieren der Republikaner und Demokraten, werden sie nicht berücksichtigt. Diese Kräfte werden vielleicht einmal in Jahrzehnten mitzureden haben, — die Wahl aber steht dicht bevor.
Wetten für Roosevelt 1:1.
Am Borabend der Präsidentenwahl.
Neuyork, 7. Nov. (TU.) Der Wahlkumpf wurde von den Parteien mit ungewöhnlicher Erbitterung geführt. Am Dienstag werden etwa 41 Millionen amerikanische Wähler zu den Wahlurnen gehen. Die Aus sichten für Roosevelt haben sich weiter gebessert, da die meisten progressiven Republikaner und zahlreiche bisher zögernde Industrielle und Bankiers sich für ihn erklärt haben. Senator B o r a h hat sich bisher nicht festgelegt, dürfte aber voraussichtlich für Hoover stimmen. In Wallstreet stehen die Wetten 7:1 für Roo - s e v e l t. Präsident Hoover richtete am Montagabend auf seiner Fahrt in seine Heimatstadt Palo Alto aus dem Salonwagen von einer einsamen Eisenbahnstation in den Rocky Mountains einen letzten Radioapell an die Wähler. Der ehemalige Präsident Coolidge, die Demokraten Roosevelt, Smith und Garner sprachen gleichfalls im Rundfunk und behandelten die für Amerika wichtigen Fragen der Prohibition, der Schutzzölle und des Wiederaufbaues der Wirtschaft.
Man erwartet im übrigen allgemein einen starken Stimmenzuwachs für den sozialistischen Kandidaten Thomas. Die demokratische Ll-Dahn- Reklame hämmert dem Publikum ein „ Freut euch, dah das Schlimmste vorüber ist" oder „Nur noch wenige Monate Hoover-Regierung". Großes Aufsehen erregte es. daß weihe Studenten zum erstenmal im Neuyorker Negerviertel Harlem eine großen Propagandaumzug zugunsten des sozialistischen schwarzen Repräsentantenhauskandidaten Crohwaythe organisierten. Die Hearst- Presse wird in Neuyork das Wahlergebnis mit
verschiedenfarbigen Scheinwerfern am Nachthimmel anxeigen.
Am Dienstag werden in den Vereinigten Staaten gewählt: Der Präsident, der Vizepräsident, die Senatoren in 33 und die Abgeordneten in 47 Staaten, ferner die Gouverneure in 34 und verschiedene Beamte in 39 Staaten. Außerdem findet in elf Bundes st aaten eine Prohibitionsabstimmung statt. — Man rechnet allgemein mit einem großen Sieg Roosevelts, weniger wegen seiner überzeugenden Argumente als wegen Mih- ftimmung gegen das bisherige System.
196 Mandate der NSDAP.
Berlin. 8. Nov. (WTB. Funkspruch.) Der Kreiswahllciter des Wahlkreises Nr. 26 (Franken) hat dem Reichswahlleiter ein berichtigendes Ergebnis gemeldet, das um 51 981 gültige Stimmen höher ist, als das zuerst gemeldete. Der Anteil der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei an dieser Stimmenzahl beträgt 18 882. Die Berichtigung wirkt sich dahin aus, daß der NSDAP, ein weiteres Mandat auf ihrer Reichsliste zu- fällt. Die Gesamtzahl ihrer Abgeordneten beträgt nunmehr 196; der Reichstag umfaßt damit insgesamt 583 Abgeordnete.
Oie französisch-iialienischen Beziehungen.
London, 8. Nov. (WTB. Funkspruch.) Nach einer „Times"-Meldung hat sich der italienische Botschafter in London, Grandi, nach Rom begeben. Es wird erwartet, daß er dort an den Besprechungen mit dem amerikanischen Delegierten bei der Abrüstungskonferenz, Norman D a - v i s, teilnehmen wird, der, wie verlautet, die Erörterung der französisch-italienischen Beziehungen zur See sortfeht, die er in Paris und Genf begonnen hatte. Wie der „Times"-Korrespondent in Rom berichtet, werde der Meinungsaustausch zwischen Norman Da- v i s und Mussolini höchstwahrscheinlich bestätigen, dah die Ansichten beider Länder bezüglich der A b r ü st u n g s f r a g e in der Hauptsache überein stimmen.
England über ein französisch- itatternsches Arrangement befriedigt London, 8.Nov. (WTD.-Funkspruch.) »Daily Telegraph" schreibt, den AeuherungenHer- riots über Italien werde in Londoner diplomatischen Kreisen größte Wichtigkeit beigemessen; man erblicke darin die Möglichkeit einer Wendung in den europäischen Beziehungen. Herriot und seine Ratgeber seien offenbar zu der Lieberzeugung gekommen, daß das unvermeidliche Ergebnis einer „Politik der Nadelstiche" und fortgesetzten Widerstandes gegen italienische Wünsche nur das' sein würde, Italien undDeutschland zueinemZusammen- schluh gegenüber Frankreich zu zwingen. Britische Kreise begrüßen warm jede französisch-italienische Entspannung, anderseits bedauere man die Pariser Meldungen, die auf eine Wiederbelebung des Gedankens eines Mittelmeerpaktes zwischen G oß-Dritan- nicn, Frankreich, Italien und Spanien hindeuteten.
Kleine politische Nachrichten.
Der seines Amtes enthobene Bürgermeister von Eutin (Oldenburg), Dr. Stof fr egen, hat gegen den Regierungspräsidenten Böhmcker bei der Staatsanwaltsschaft Lübeck Strafantrag wegen Vergehens gegen § 339 (Amtsmißbrauch) des Strafgesetzbuches gestellt. Die Deutschnationale Volkspartei hat wegen der aus politischen Gründen erfolgten Amtsenthebung Dr. Stoff» regens in einem Schreiben an den Reichsinnenminister Beschwerde geführt.
Der ehemalige österreichisch-ungarische Botschafter in Berlin, Gottfried Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst, ist in Wien im Alter von 65 Jahren gestorben. Gottfried Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst wurde im August 1914 zum Botschafter in Berlin ernannt.
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In Großbritannien belief sich die Zahl der. Ar beit s los en am 24. Olt. auf 2 747 006, was eine Verminderung um 111 005 gegenüber dem Stand vom 26. September bedeutet.
Aus der provinzialhaupifladt.
G i e h e n, den 8. November 1932.
Weh' dem, der Lügt...
Kraftfahrer vor Gericht.
„Der Lastwagen stoppte und ich stoppte. Der Lastwagen fuhr an und ich fuhr an. Der Lastwagen stoppte und ich fuhr auf."
„Wenn der mir eytgegenkommende Wagen ein paar Meter hinter sich gehalten hätte, wäre der Unfall sicher nicht passiert."
„Der Lichtmast muß beweglich gewesen sein. Er beugte sich sozusagen über meinen Wagen und beschädigte ihn an zwei Stellen."
„Ich rannte gegen das Brückengeländer, weil ich, wie immer beim Llmwenden, allzu vorsichtig war."
„Die Kuh sprang nach links und dann wieder nach rechts. Ich fuhr ganz langsam, stoppte sogar etwa 40 Meter vor ihr. Aber die Kuh sch.en magnetisch von meinem Wegen angezogen zu werden, denn sie kam ganz schnell auf mich zu und so kam es denn."
„Gewiß, ich fuhr einen Mann an. Aber dieser entschuldigte sich und sagte, es sei sein Fehler. Im Gegenteil! Er erzählte mir sogar, daß er an dem gleichen Tage schon verschiedene Male angefahren worden sei."
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„Nach dem Llnsall bot sich mir ein Herr, der als Grubenräumer an der Stelle tätig war, freiwillig als Entlastungszeuge an.“
„Ich konnte gar nicht anders, als auffahren, da der Wagen, der vor mir fuhr, einem andern auffuhr, der vor ihm fuhr."
„Der Wagen des Klägers muß aber wirklich schon alt gewesen sein, denn sonst hätte er sich nicht bei dem hauchdünnen Ausfahren in feine Bestandteile auf lösen können." Puck.
Spende für die Winternothilfe.
Dom Städtischen Wohlfahrtsamt wird uns mitgeteilt: Für das Hilfswerk der Gießener Winter» nothilse wurden von der Firma Kaes Nachf. Inhaber Wilhelm Horn und Sohn gestiftet: 15 Herren-Einsatzhemden, 3 Knabenhosen, 3 Knaben-Windjacken, 2 Knaben-Pullover, zwei Herren-Strick- und Flauschwesten, und ein Herren- Gummimantel.
Seiner Hände Werk Roman von KlothUde von StegmanmStein. Copyright by Martin Feuchtwcmgrr, Halle (Saale)
10 Fortfetzung Nachdruck verboten.
Achtes Kapitel.
Der Frühling war in den reifen Sommer her- übergefunten. 3n dem eleganten Seebadeort blühten die lohten Linden des großen Kurgarten mit ihrem schwermütig süßen Duft, der letzte Holunder hmg seine breiten Blütenteller über die Mauern und die Rosen waren überschwer von Farbe und Wohlgeruch.
Am Strande der See leuchteten die bunten Badeanzüge vor dem Weiß des Sandes und dem Türkisblau des Meeres. Kinder, braun, sommerselig, quirlten zwischen den Sandburgen und den Strandkörben umher, Fähnchen flatterten in dem leichten Sommerwind — vom Wasser her kam das jubelnde Lachen der Badenden.
Frau Melanie Bremer saß auf der Terrasse des Kurhauses und sah befriedigt hinunter auf den Strand. Dicht zu ihren Füßen wär eine heitere Gruppe von Herren und Damen versammelt, in ihrer Mitte Hiltrud.
Seit einigen Wochen weilten Frau Bremer und Hiltrud hier in diesem eleganten Seebadeort. Frau Melanie konstatierte mit Freude, dah Hiltrud anfing, sich zu erholen. Nach jenem letzten Abend, mit dem jungen Schweden zusammen, war Hiltrud wie umgewandelt gewesen. Blaß und verstört war sie damals von dem Abendspaziergang zurückgekommen und hatte unter leidenschaftlichen Tränenausbrüchen der Mutter erklärt, dah sie so lange nicht aus ihren Zimmern herunterkommen werde, wie dieser Olaf Erikfon noch im Hause weilte.
Was sich zwischen ihr und Olaf abgespielt, hatte sie der Mutter nur angedeutet. Aber es hatte genügt, um Frau Melanie in ihrer Eitelkeit auf ihre Tochter maßlos zu treffen und gegen die unschuldige Llrsache des Streites, Erika Schmitt, eine tiefe Erbitterung aufkommen zu lassen. Die Folge dieser Erbitterung war die Auseinandersetzung mit dem Gatten über Erika gewesen.
Es tat Frau Melanie in der Seele weh, daß die Verbindung zwischen Hiltrud und Olaf Crik- son, die sie im geheimen erhofft, nicht zustande gekommen war. Aber wenn ein junger Mann sich schon vor der Ehe so tyrannisch und schulmeisterlich zeigte, wenn er gar solch unmögliche Ansichten hatte, war es besser, die Sache zu beenden.
„Du wirst andere finden, Hiltrud", hatte Frau
Melanie tröstend gesagt, „die besser wissen, was sie dir schuldig sind!"
Als am Tage nach dem nächtlichen Mondschein- spaziergang Hiltrud nicht sichtbar wurde und Frau Melanie Olaf gegenüber ein eisiges Wesen zeigt«, reiste Olaf unter einem schnell gefundenen Vorwand ab.
Er hätte sich ja gern noch einmal mit Hiltrud ausgesprochen, denn es fiel ihm schwer aufs Herz, daß er vielleicht doch zu schroff gewesen war. Aber wenn sein Gerechtigkeitsgefühl gereizt wurde, ging der Zorn mit ihm durch — das war schon von Kindheit an so gewesen.
Seine Frage nach Hiltrud beantwortete Frau Melanie so abweisend, dah Olas den Versuch aufgab, sie noch einmal zu sehen.
So fuhr er am nächsten Tage ab, herzlich verabschiedet von dem Kommerzienrat und von Kurt, mit dem er sich in den kurzen Tagen sehr an» gefreundet hatte.
Als fein Wagen aus dem weiten Hofe von Dremerschloh hinausfuhr, wandte Olaf sich noch einmal um. Da meinte er, an einem Fenster hinter dem Vorhang einen zarten, blonden Mädchenkopf zu sehen, der ihm nachschaute. Wie er aber den Hut zog, um zu grüßen, war die Erscheinung verschwunden.
Olaf fühlte ein leises Weh im Herzen, gleichzeitig aber ärgerte er sich über diese Anwandlung. Narr, der er war, sich einzubilden, daß sie überhaupt seit der Auseinandersetzung mit ihm am Abend noch einen Gedanken an ihn verschwendete.
Hätte Olaf gewußt, dah seine Augen ihn nicht getäuscht hätten, vielleicht wäre er doch umgekehrt, denn es war wirklich Hiltrud, die, hinter dem Spihenvorbang ihres Fensters verborgen, dem Davonfahrenden nachsah, mit starren Augen, die sich allmählich mit bitteren Tränen füllten.
Erst jetzt, da es vorbei, da die Trennung von Olaf Erikson endgültig, fühlte sie: sie hatte ihn geliebt, diesen aufrechten, harten und doch so gütigen Menschen. Sie hatte ihn geliebt trotz seiner schonungslosen Kritik an ihrem Wesen, ja, vielleicht gerade deswegen ...
Als sie an jenem Morgen zum Frühstück heruntergekommen, war eine seltsame Veränderung mit Hiltrud vorgegangen. Die erste Iugendfrische schien aus dem zarten Gesicht geflohen; es war wie um Jahre gereift. Die blauen Augen hatten einen harten Ausdruck angenommen und erinnerten nun ein wenig an die harten Augen der Frau Melanies.
Lim den zarten, jugendlichen Mund zog sich eine ganz feine, kaum merkbare Falte — und die Lippen waren wie in einer ganz feinen Verachtung abwärts gekrümmt. Erschreckend blaß hatte sie ausgesehen.
Der Kommerzienrat hatte es wohl bemerkt und einen Zusammenhang zwischen Hiltruds Aussehen und Eriksons plötzlicher Abreise geahnt. Aber er war zu taktvoll, um etwas zu sagen. Er nahm nur Frau Melanie beiseite und sagte:
„Am vesten, du packst die Hiltrud auf und verreist mit ihr — dann kommt sie am ehesten auf andere Gedanken. Es wird dann zwar wieder sehr, sehr cmfam auf Bremerschloß werden, denn Kurts Ferren sind ja auch schon wieder zu Ende; aber ich habe ja die Arbeit."
Frau Melanie stimmte nur zu gern zu. Hiltruds Zustand machte ihr wirklich Sorgen. Außerdem aber benutzte sie gern jede Gelegenheit, um von Dremerschloh fortzukommen. Gewohnt, in der großen Welt zu leben, ertrug sie die kleine Stadt und die Einsamkeit von Dremerschloh nur, wenn das ganze Haus voller Gäste war. Nun aber wagte sie Hiltruds wegen nicht, neue Gäste einzuladen. So war es ihr doppelt lieb, mit Hiltrud auf Reisen zu gehen und die dazu unbedingt notwendige Reiseausrüstung anzuschasfen. Zwar hingen die eingebauten Garderobeschränke der beiden Damen übervoll an eleganten und modernen Toiletten. Aber Frau Melanie gehörte nun einmal zu den Frauen, die niemals das Richtige anzuziehen haben. In dieser Anschauung hatte sie auch ihre Tochter Hiltrud erzogen.
Zwar machte der Kommerzienrat, als sie ihn um einen großen Scheck anging, eine bittende Bemerkung, ob sie angesichts der langen und zweifellos teuren Reise ihre Ausgaben für Garderobe ein wenig einschränken könnte. Die Zeiten wären auch für die Bremerwerke jetzt schwer, Aufträge gingen wenig ein, und wenn man die Iacht- aufträge des Earl of Aldrige nicht bekommen hätte, so wäre vielleicht der Betrieb eingeschränkt worden. Aber für derartige Darlegungen hatte Frau Melanie nicht das geringste Interesse.
„Vorläufig hast du doch die Aufträge", sagte sie ungerührt. „Also verschone mich bitte mit Erörterungen, was fein würde, wenn die Geschäftslage sich einmal verschlechtern würde. Vorderhand geht es den Bremerwerken ja noch ganz gut. Llebrigens, vergiß bitte nicht die Vereinbarung, die wir miteinander eingegangen sind — daß du mich für alle Einschränkungen meiner Witwenzeit schadlos halten würdest. Du mußt es also mir überlassen, was ich für ein standesgemäßes Auftreten für erforderlich halte."
Kommerzienrat Bremer hatte geschwiegen und seufzend den Scheck ausgestellt. Cs hatte keinen Zweck, mit Melanie über derartige Dinge zu reden. Sie verstand, ihren Willen immer durchzusetzen, und es war das Klügste, um des lieben Friedens willen nachzugeben. Triumphierend erschien Frau Melanie nach einer Weile wieder im Wohnzimmer, wo Hiltrud über Reiseutensilien gebeugt dasah.
»So, mein Kind", meinte sie befriedigt, „nun
können wir morgen nach B. fahren, alles einzukaufen, was wir brauchen. Hast du schon die Besorgungsliste auf gestellt?"
Aber zu ihrer Verwunderung nahm Hiltrud diese Ankündigung nicht mit der sonst üblichen Befriedigung und Freude auf.
„Nein", sagte sie müde, „ich habe noch gar nicht daran gedacht. Weiht du, Mama, eigentlich ist es doch ganz gleichgültig, ob man noch ein paar Kleider mehr oder weniger zum Anziehen hat." Lind dabei war ein so gramvoller Ausdruck in ihre blauen Augen gekommen, daß Frau Melanie spürte, es war die höchste Zeit, daß Hiltrud von hier sortkam, um nicht schwermütigen Gedanken nachzuhängen. —
Nach längerem Aufenthalt in einem eleganten Sanatorium Süddcutschlands war nun Frau Melanie mit Hiltrud hier in dem modernen Seebad gelandet. Endlich schien Hiltrud aus der Apathie zu erwachen, mit der sie diese Wochen auch in der neuen Umgebung verbracht.
Es hatte sich in dem eleganten Hotel ein Kreis zusammengefunden, in dem Frau Melanie bald durch ihren Reichtum und den Namen ihres Mannes eine große Rolle spielte. Hiltrud war entschieden die hübscheste und auch eleganteste unter den jungen Damen. So war es ganz selbstverständlich, dah sich die Bemühungen der jungen Herren in erster Linie auf Hiltrud richteten.
Endlich beteiligte sich Hiltrud an den gemeinsamen Unternehmungen; bald war der ganze Tag ausgefüllt mit Baden, Tennisspielen auf den wohlgepflegten Plätzen des Hotels, Ritten in die Umgebung des Ortes, in die weiten Buchenwälder, die den heiteren Ort meilenweit umgaben. Nachmittags gab es Tanztees auf der Terrasse und im Garten des Hotels.
Frau Melanie hatte angenehme Gesellschaft gefunden. Sie war also sehr zufrieden. Mit Wohlgefallen sah sie jetzt auf die heitere Gruppe unten am Strand«, in deren Mitte Hiltrud sich befand. Sie dachte noch gar nicht daran, zurückzukehren, wie ihr Gatte ihr vorgeschlagen hatte. Er klagte in der letzten Zeit etwas viel, der gute Friedrich. Nun ja, wenn man älter wurde, tarnen eben allerlei Beschwerden.
Neuntes Kapitel.
In der groben Halle des Continental-Hotels sahen zwei junge Leute und studierten die Kur- listen. Plötzlich stieß der eine von ihnen einen leisen Ruf der Lleberraschung aus. Der andere sah ihn erstaunt an und fragte:
„Na, wen hast du denn da entdeckt, Ivarsen? Den Schah von Persien vielleicht?"
„Mehr als das!" erwiderte der dunkle Norweger befriedigt. „Weiht du, wer hier ist? Die Frau des Kommerzienrats Bremer vom Bremer» werk mit ihrer Tochter."
(Fortsetzung folgt)


