Ausgabe 
7.12.1932 Erstes Blatt
 
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Rußlands Zweifrontenkrieg.

Ein politischer Spaziergang durch Baku.

Von unserem 8r.-Berichterstotter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Seit 1914 hat der Krieg in Rußland nicht auf- gehört. Und so. wie zur Zeit des Weltbrandes d i c tv ront das Tagesgespräch im weiten Reiche des Zaren war, so ist auch heute das WortFront" in aller Munde. In einem ganz ähnlichen Sinne sogar. Im Zusammenhang mit Kampf, ja sogar mit Krieg. Man spürt, daß hier ein ganzes Volk zum mindesten sich im Zustande der Mobil- machun-g befindet und es würde geradezu wider- sinnig erscheinen, sollte dieser Ausbietung aller Kräfte für den Krieg nicht der Krieg selbst legten Endes folgen. An den Fronten ist jedenfalls alles schon längst aufmarschiert: gegenüber den wirklichen oder vermeintlichen militärischen Kriegs­gegnern und gegenüber den l)arten Tatsachen und zwangsläufigen Entwicklungen im Wirtsct-oftsleben, namentlich in der Erzeugung, in der Produktion, die ja schließlich auch im Sowjetreich die Beherr­schung der Natur und die Anpassung ihrer stoff­lichen Elemente an die Bedürfnisse des Menschen ist. Auf dieser Front, auf der Wirtschafts- front, ist man nicht allein aufmarschiert, sondern dort kämpft inan bereits seit Jahren. Das ist Ruß­lands Zweifrontenkrieg, und wer das Sowjetreich heute politisch und wirtschaftlich aus einem anderen Gesichtswinkel betrachtet, der betrachtet es eben

^m persischen Ausgangshafen am Kaspischen Meer, in Pahleoi, dem früheren Enzeli, das zu Ehren des persischen Königs Reza entsprechend um­benannt worden ist. weht schon die blutrote Fahne Moskaus mit dem Sowjetemblem. Zeichen dafür, daß Rußland in Nordpersien nach wie vor eine beherrschende Stellung einnimmt, beherr­schend in wirtschaftlicher Hinsicht wenigstens, wenn auch die Tatkraft der persischen Beamten den kul­turellen und politischen Einfluß der Russen immer mehr zurückdrängt. Aber hier schon schwimmt man geradezu in russischen Waren aller Art. hier tür­men sich all jene Leckerbissen zu Berge, die man in Rußland selbst nicht bekommen kann, weil sie ledig­lich zum Export bestimmt sind. Und von hier aus trägt einen auch derKrieger", das regelmäßig zwischen Pahleoi und Baku verkehrende sowjetrus- sische Schiff mit seinem bezeichnenden Namen *e Westküste der Kaspischen See enttang nach Baku, der großen Petroleummetropole der Sowjetunion.

Wer von dieser Seite aus den Boden des heuti­gen Rußland zum ersten Mal betritt, der wird von den Eindrücken, die auf ihn einstürmen, viel stär­ker gefangen genommen, als wenn man von der europäischen Seite in das Gebiet einreist, über das die gegenwärtigen Herren im Kreml herrschen. Kommt man aus Moskau nach Baku, so merkt man deutlich, daß man sich an der Pforte des Orients, wenn nicht schon mitten drin, befindet. Reist man von Persien nach Baku, so ist man über­zeugt. bereits europäischen Boden be­treten zu haben. Man sieht zwar noch eine Menge von Mohamedanern, von Persern, Usbeken, Tata­ren, auch Türken, und man bemerkt häufig die verschleierte Frau in allen möglichen morgenlän- bischen Varianten Aber dann sind die Petroleum- türme, da hämmert und raffelt es Tag und Nacht, da ist ein durchaus europäisches, ja man möchte so-

gar jagen amerikanisches Getriebe, und das schlägt alle orientalischen Eindrücke tot. Bis man vom Dampfer über die Zollstation endlich in das Hotel des russischen Reüebüros gelangt ist, ver­geht eine geraume Zeit. 2)a werden alle Koffer durchsucht, da werden verdächtige Personen abgc- tastet, da wird nachgeforscht, ob irgend etwas viel­leicht einen doppelten Boden besitzt, da müssen sämt­liche Wertgegenstände und Geldbeträge sorgsam an­gegeben und registriert werden, sonst muß man all dies im ehemaligen Reiche des Zaren zurücklassen, wenn man sich anschickt, ihm wieder den Rücken zu kehren. Für jede Sprache hat man einen besonderen Dolmetsch, der sich nicht etwa mit einem unterhält, sondern mit mehr oder weniger großer Sachkenntnis jedes Stück Papier, das ein Reisender besitzt, um und umwendet, studiert, gegen das Licht hält. Kriegszustand! Und die, derer man wirk­lich habhaft werden will, die kommen natürlich un­behelligt durch. In dieser Beziehung ist es in Ruß­land genau so wie überall sonst in dieser angeblich schönsten aller Welten.

Und sitzt man dann oben In seinem Tageszimmer im HotelNowaja Europa", bei geschlossenen Fen­stern, an denen sich lediglich rechts oben eine Ven­tilationsöffnung befindet, hat man vergeblich den Tee bestellt, well gerade das Zimmermädchen feine fünf Stunden abgedient und Feierabend gemacht hat, ist man vergebens in den Gasträumen des Erdgeschosses gewesen, wo sich eine umfangreiche Speisekarte befindet, die aber praktisch bedeutungs- los ist, weil man ja doch nicht das bekommt, was auf ihr steht, so bekommt man eine ungeheure Sehn­sucht, sich auf eigene Faust durch die Stadt zu schlagen und einmal wirklich zu sehen, wie es so zugeht in einem sowjetrussischen Ort.

Es gibt amtliche Rundfahrten in Baku für ausländische Reisende, und die Behörden sehen es eigentlich nicht gerne, wenn ein Fremder selbst Aussck)au hält, wonach ihm gelüstet. Aber sie kön­nen schließlich nichts anderes tun, als irgendeinen hinter dein Unbotmäßigen herzuschicken, der mehr oder weniger unauffällig wie ein Schatten hinter einem hergleitet. Aber schließlich kann man einem das Sehen nicht verbieten, und so schlendert man langsam durch die Straßen ... Schnell ist men auf dem Platz angelangt, wo sich der byzantinische Kuppelbau der größten Kirche der Stadt befindet. Rund herum ist so etwas Aehnliches wie ein Markt. D i e letzten Ueberreste des freien Han­dels. Bauern, kleine Händler, die Eier, Zwiebeln, Rüben und dergleichen anbicten Vor den Läden jedoch bemerkt man jeneSchlangen", die dem Deutschen aus der Kriegszeit sattsam bekannt sind. Sieht man das, sieht man auch den Polizistcn daneben, der die Leute zurückdrängt, so überkommt einen das Gefühl, als hatte man eine Zeitmaschine bestiegen und wäre mit ihr zurückgefahren in eine Vergangenheit, die noch schlimmer ist als die, die man selbst durchlebte. Bettler umschwirren einen: Dai papiros, dai *opiejik (Gib eine Zigarette, gib einen Kopeken) daneben fegt mit proleta­rischem Selbstbewußtsein eine in ein uniformähn- llches Gewand gehüllte, ziemlich beleibte Frau den Rinnstein aus, wovon die Straße jedoch nicht sau­berer zu werden scheint. Die Straßenbahnen- sind

Deiner Hände Werk

Vornan von Klothilde von Stegmann»E>tein.

Copyright by Martin Feuchttoanger, Halle (Saale)

Schluß.

Mit immer ernster werdendem Gesicht hatte der junge Amerikaner der Erzählung des Gastes ge­lauscht. der mit mühsam unterdrückter Erregung gesprochen. Seltsam, er hätte eigentlich, von Eifer­sucht entflammt, Haß gegen diesen blonden Aord- länder empfinden müssen, der Hiltrud zur Frau begehrte. Aber er vermochte es nicht. Olafs Worte klangen bei aller Schlichtheit so bewegt, zeigten eine so Hefe Liebe zu Hiltrud, daß den jungen Amerikaner eine leise Beschämung er­griff. Olein, so glühend war seine eigene Liebe zu der blonden Deutschen nicht. Er liebte sie, gewiß aber er würde nicht daran zerbrechen. Er kannte es nicht, jahrelang einem Gefühl nach­zutrauern. Das Leben war kurz: man mußte sich in das Unabänderliche finden und sehen, das Beste daraus zu machen. Es würde ihm schwer werden, Hiltruo aufzugeben, aber er würde rei­sen, in Amerika auf die Jagd gehen, Geschäfte machen. Schließlich würde ein anderes Mädchen kommen, und alles würde alkight fein. Und so sagte er denn, alö Olaf geendet:

»Ich weiß es zu schätzen, Mister Erikson, daß Sie so offen zu mir gekommen sind. Wir Ameri­kaner schätzen KlarArit in allen Dingen. Ich hatte tatsächlich gehoist, daß Miß Hiltrud meine Werbung annehmen würde. Ich wartete auf ihre Entschließung. Aber daß sie mir schon zu­gesagt hätte, das stimmt nicht, da müssen Sie irgendetwas falsch verstanden haben. Bisher" er unterbrach sich und griff nach dem Tele­phon, das leifc ries. »Ja, wer ist denn da?" Dann wurde fein Gcsichtsausdruck gespannt: er hörte auf die Stimme, die ihm da entgegenklang und Olaf, der ihn beobachtete, sah, wie eine lebhafte und ein wenig schmerzliche Bewegung sich auf feinen offenen Zügen widerspiegelte.

Olas stand aus und wollte sich diskret ent­fernen, aber der junge Amerikaner winkte ihm hastig, zu bleiben. Die Stimme im Telephon schien zu verstummen, denn Archibald legte den Hörer auf die Gabel und wandte sich mit einem halb traurigen, halb lächelnden Gesicht Olaf zu.

»Mister Erikson". sprach er, »Sie müssen Miß Hiltrud falsch verstanden haben, wenn Sie an­nahmen, daß sie mir ihr Jawort gegeben. Soeben telephoniert sie mir, daß sie sich nicht entschlie­ßen könne, meine Frau zu werden, denn sie hätte den Manu wiedergetroffen, den sie liebte und sie wurde ihm treu bleiben, auch wenn" Die letzten Worte hörte Olaf kaum iwch.

Er fchüttelte dem Amerikaner mit einer wilden Freude und Dankbarkeit die Hand, und schon war er hinaus feinen Hut hatte er auf dem Tisch liegcngelaffen.

Du lieber Gott!, dachte Archibald, ein wenig traurig lächelnd. Der hat s aber eilig! Dann zündete et sich feine geliebte Pfeife an, die ihm schon oft ein Trost in allerlei Röten gewesen, und endlich machte er sich fertig zu einer Golf- partie. Pfeife und Golf waren nach Archibalds

Meinung ein unfehlbares Mittel, um einen Men­schen wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Olaf eilte inzwischen mit Sturmschritten dem Büro zu, in dem Hiltrud arbeitete. Ein glück­liches Leuchten lag in feinen Augen. Ohm hatte er alles verstanden. Et sah Hiltruds Gesicht in blindem Stolz erstarrt, genau wie damals im Sommer an der See. Sie hatte ihm nicht -eigen Wollen, daß sie ihn liebte lieber lieft sie sich und ihn unglücklich werden.

Ola warte!, dachte er, und ein übermütiger Gedanke blitzte auf, nun werde ich ein wenig Komödie spielen ein paar Minuten der Un­sicherheit, das ist noch eine geringe Strafe für alle die verlorenen Monate, die dein Stolz uns bereitet!

Das Auskunftsbüro war noch leer. Hiltrud faft müde und bleich an ihrem Arbeitstisch. Eie fuhr zusammen, als sie Olaf wieder vor sich sah.

Ditte, gnädiges Fräulein" Olaf trat mit unbewegtein Gesicht an den Ladentisch heran, ich komme geschäftlich. Ich möchte gern eine Reiseroute zufammengesteNt haben, für mich und meine Braut."

Hiltrud zuckte zusammen und sah den Sprechen­den mit schreckgeweiteten Augen an: aber Olaf schien ihr namenloses Weh nicht zu bemerken. Würden Eie mir vielleicht eine schöne Reise zufammenstellen?" fragte er.

Ich müßte dazu den Geschmack Ihrer Braut kennen." Hiltrud wunderte sich über ihre eigene Stimme: wie fern und fremd klang fie, wie ge­sprungen.Hat die Dame künstlerische Inter­essen?"

Sicherlich", bestätigte Olaf, und in feinen Augen tanzte es vor verhaltenem Lachen.Was würden Sie mir denn Vorschlägen, gnädiges Fräulein? Wohin würden Sie zum Beispiel reifen?

Venedig", sagte Hiltrud träumerisch,Rom, Florenz." Bor ihren Augen tauchten die Bilder einer vergangenen Kultur auf Bilder, die fie einst mit Entzücken gesehen. Immer hatte sie geträumt, solch eine Reise einmal mit einem ge­liebten Menschen zu machen. Wollte das Schicksal sie höhnen, daß fte nun für den Geliebten und eine fremde Frau diese Reise zusammenstellen muhte? Wie muftte Olaf dieses Mädchen lieben, fein Gesicht sah gegen heute morgen förmlich verwandelt aus, glückdurchsonnt Gottlob, dachte Hiltrud und krampfte die eiskalten Hände zu­sammen, daft sie heute morgen sich nicht verraten hatte, daft sie ihn glauben lieft, fie hätte ihn vergessen.

Also gut, nehmen wir die vorgeschlagene Route. Ich hoffe meine zukünftige Frau wird zufrieden sein", hörte sie Olaf sagen.Wollen Sie mir bitte gleich alles zusammenstellen, auch die nötigen Hotels aufnotieren das beste. waS es gibt für mich und meine Braut zwei nebeneinander! legende Zimmer mit Bad. Ich er­bitte den Plan mit Kostenanschlag in mein Hotel."

Er machte eine knappe Verbeugung, nicht ein­mal die Hand reichte et ihr. er schien ganz der vornehme Herr, der eine Auskunft von einer An­gestellten erhalten, und ging, ohne sich noch ein­mal umzuschauen.

Mit Ausbietung aller Kräfte machte sich Hil­trud an die Arbeit und bald war die ganze

da komme ich selbst, damit du mir nicht wieder einen Korb gibst."

Mit Augen, die vor Glück leuchteten, sah Hil­trud zu Olaf auf.

Verzeih mir, flüsterte fie demütig,verzeih meine Schwäche, meinen Hochmut

Mit einem heißen Kuß schläft er ihr den Mund.

Alles verzeihe ich", sagte er heiß und leiden­schaftlich.Wenn du mich nur liebst und es mir endlich endlich einmal sagst!"

Da kam ein tiefernster Ausdruck in Hiltruds Gesicht.Ich liebe dich!" sagte sie und es war wie ein Gebet.

e

An einem sonnigen Herbsttage wurde auf Bremerfchloh eine Doppelhochzeit gefeiert Erika und Kurt traten zugleich mit Hiltrud und Olaf vor den Traualtar. Beide Mädchen hatten sich den gleichen Traufpruch gewählt:Run aber bleiben Glaube. Liebe, Hoffnung, diese drei aber die Liebe ist die größte unter ihnen!" klang die Stimme des Pfarrers an ihre erschauernden Herzen. Und mit festem Druck legten sich ihre Hände in die des angetrauten Mannes.

Eine stille Feier einte die nächsten Freunde und die treuen Mitarbeiter des Bremerwerks mit den Reuvermählten. Unter den Glückwünschen, die tarnen, war eine Depesche, über die sich Hiltrud besonders freute. Archibald Failwoth sandte ein Telegramm:

Alles Glück wünscht Archibald und Braut Daisy."

So ist er auch glücklich", sagte Hiltrud zu Olaf.Ohm ist auch der letzte Schatten ge­schwunden."

Erika hatte es energisch abgelehnt, eine Hoch­zeitsreise zu unternehmen.Ich bin lange genug in der Wett herumgeflattert", meinte sie,und meine schönste Hochzeitsreise ist die auf Bremer- schloft."

Olaf aber reifte mit Hiltrud am gleichen Abend ab. Eie wollten einige Wochen unterwegs blei­ben und dann ihren Wohnsitz in Paris nehmen, wo Olaf die Filiale feiner väterlichen Fabrik übernehmen sollte. Frau Melanie, die in der Liebe und dem Glück ihrer Kinder wieder jung und gesund geworden war, sollte ihren Aufent­halt zwischen Paris und Bremerfchloh teilen. Sie hatte sich, durch die schweren Erfahrungen des letzten Jahres geläutert, mit Erika aus­geföhnt und war dankbar für die Liebe, die diese und Kurt ihr erwiesen.

Ms Hiltrud und Olaf im D-Zug saßen, der ihr junges Glück den Gestaden Italiens entgegen- trua schlang Olaf feine Anne um Hiltrud:

Run wollen wir einmal sehen, mein Lieb", sagte er lachend,ob die Reiseroute, die uns eine stolze Dame in Meran vorgeschlagen hat, auch eine gute fein wird." Ta errötete Hiltrud und verbarg ihren Kops an der Brust des geliebten Mannes. Eng aneinandergefchmiegt, fuhren fie hinaus inS Glück.

Ende.

Der heute zum Olbfchluh gebrachte Otoman Deiner Hände Werk" von Klothilde von Stegmann-St ein ist als Buch (214 Seiten) im Verlag Marlin Feuchtwanger. Halle an der Saale, erschienen. (487)

. - uiutfeiiö voll. Wie im Orient, |o jchemt auch hier infolge des ungeregelten Verkehrs eine viel größere Anzahl von Menschen auf der Straße zu sein, als sich in Wirklichkeit auf ihr befindet. Man kommt an einem Kino vorbei, in dem ein Propagandafilm oorgeführt wird. Es gibt nur Propaganda filme, Belustigung um der Belustigung willen. Kunst um der Kunst willen, das ist bürgerlich, also Todsünde. Die Zeitungen, deren es eine ganze Anzahl selbst in Baku gibt, sind auf telegraphischem Wege zu° standegekommene getreue Abbilder der Moskauer Zentralblätter, nur mit einem ganz kleinen lokalen Teil, der auch lediglich von der Erfüllung des ersten bzw. des zweiten Fünfjahresplanes handelt.

Man soll sich heute in Rußland ebenso wenig in politische Gespräche einlassen, ja noch viel weniger, als vor dem Weltkriege. Aber, sobald gewisse Men- schen einen Fremden erblicken, und ein Fremder fällt nicht allein durch seine Kleidung auf, schon ein Taschentuch, das man links außen am Rock trägt, stempelt einen zum Kapitalisten, so fangen sie mit ihm ein Gespräch an. Man weiß nie, ob es sich um einen Spitzel handelt, der einen ausspionie- ren will, oder um jemand, der sein Herz ausschüt- ten möchte, der einen geradezu beschnüffelt, ver­gleichbar den Insassen einer Strafanstalt, die auf einen Neuankömmling stürzen, ihn betasten, ihre Nasen an ihn halten, weil ernach draußen riecht". Solche Gespräche werden zumeist im Flüsterton ge° führt, und drehen sich darum, daß das Leben immer schlimmer, immer grauenvoller wird, und wie denn überhaupt alles werden soll. Mit Fremden spricht man in Rußland von Politik, etwas anderes kommt gar nicht in Frage.

Baku besitzt einige bekannte Arbeiterkinds, die mit Vorliebe von der amtlichen Propaganda dem Ausländer gezeigt werden. Aber die Bevölkerung Bakus ist zu groß, als daß sie diese Klubs besuchen könnte, in denen tatsächlich allerhand geboten wird,

wahrend Draußen die Dleniajen darven. Es gibt Läden^ in denen für europäische Begriffe höchst ärm­liche Stoffe und kunstseidene Damenstrümpfe letzter Qualität ausliegen zu 30 bis 40 Mark das Paar. Vor den Schaufenstern stehen Mädchen mit sehn­süchtigen Blicken ohne Strümpfe. Aber die Be­völkerung muß eben opfern, opfern und immer wieder opfern, für die zwei großen Fronten: für die Erfüllung der Wirtschaftsplane und für die Aus­rüstung der roten Armee, 'die so stark gemacht wer- denden soll, daß sie fähig wird, jedemimperialisti­schen Interventionsoersuch" begegnen zu können, selbst wenn die Japaner, die Polen, die Rumänen, das ganze Baltikum mit französischer und englischer Unterstützung zu gleicher Zeit losschlagen. Das kleinste Kind im Sowjetreich denkt an den K r i e g. Er bildet die erste Sorge, und nur so wird man begreifen können, daß die kommunistischen Par­teien in den europäischen Ländern, als willenlose Werkzeuge Moskaus, immer wieder die Anhänger zu Demonstrationenzum Schutze der Sowjetunion" auf die Straße rufen. Man kann sich, wenn man durch eine sowietrussische Stadt geht, oorstellen, wie groß die Sehnsucht für den sein mag, der für lange Zeit hierher verbannt ist, ohne jede Möglichkeit über die Grenze zu gelangen, um, wie ein Bewohner Bakus angesichts des über der Kaspischen See her­einbrechenden Abends sagte, irgendwo eine nicht sowjetistische Erde zu betreten, über sie hinzustürzen und eine Lust zu atmen, die nicht vom ständigen Waffenlärm gtgen tatsächliche und eingebildete Ge­walten erdröhnt.

Daten für Mittwoch, 7. Dezember.

43 v. Ehr.: Der römische Staatsmann Marcus Tullius Cicero bei Forrniä ermordet: 1542: Maria Stuart, Königin von Schotlland, in Lin­lithgow geboren; 1835: Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahn Nürnberg-Fürth:

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Eine imposante Aufnahme des neuen englischen U-BootsSeahorse", das in Chatham oom Stapel lief. Nach seiner Fertigstellung wird das Boot mit einem 7,5-cm-Geschütz und einer Flugzeug- Abwehrkanone ausgerüstet sein.

Route mit Hotels, Ausflügen, Anmerkung der Sehenswürdigkeiten, Berechnung der Reisedauer beendet. Damit war aber auch ihre Energie erschöpft.

Als Herr Moser kam, übergab fie ihm das Kuvert für Olaf mit der Bitte, es sofort be­fördern zu lassen. Sie selbst fühlte sich so elend, daß sie um Urlaub für den heutigen Tag bitten mußte. Herr Moser sah erschrocken in das ver­fallene, blasse Gesicht des jungen Mädchens:

Aber selbstverständlich, Fräulein von Stüb- den! Gehen Sie nur! Bei dem schönen Wetter wird es heute ohnehin nicht mehr viel zu tun geben: die Ausflügler sind unterwegs und neue kommen heute nicht mehr. Gute Besserung!"

Er nickte ihr freundlich zu und klingelte nach einem Boten, der den Brief für Baron Olaf Erikson in Empfang nahm. /

Hiltrud wußte nicht, wie sie in ihr Hotel ge­kommen war. Die Knie zitterten ihr, die Zähne schlugen wie im Frost aufeinander; sie fühlte sich sterbensmüde. Sie war froh, daß ihre Schwä­gerin mit Bekannten auf dem Kurplatz war so konnte fie ungestört in ihr Zimmer gelangen. Dort fiel fie auf ihr Bett und lag wie in einer Erstarrung des furchtbaren Schmerzes. Rur eines konnte sie denken: Fort von hier, nichts mehr toiffen, nichts mehr fühlen, tot fein!

Da klopfte es an die Tür; sie stand auf und schleppte sich an die Tür. Ein Brief wurde hereingebracht; sie kannte die Handschrift nicht. Sie schnitt den Umschlag auf. Heraus fielen die Rottzen für die Reiseroute, die sie für Olaf zu­sammengestellt. Eine dunkle Röte übergoß ihr Gesicht. Ging die Demütigung noch weiter? Schickte man ihr die Arbeit zurück, weil man nicht damit zufrieden war? Da lag ja auch ein Bries dabei. Es flimmerte ihr vor den Augen, als sie zum ersten Male die große, charakteristische Handschrift des geliebten Mannes sah. Aus dem Blatt stieg der leise Duft von englischem Par­füm, der für sie untrennbar mit der Person Olafs verbunden war.

Sie breitete den Bogen aus, ihre Lippen drückten sich sehnsüchttg und verzweifelt auf die teuren Schriftzüge: dann erst las sie las, ohne zu begreifen:

Sie haben mir eine so schöne Oleife zusam­mengestellt, eine Reise, die ganz nach Ihren Wünschen ist, wie ich annehme. Ich freue mich daraus, sie mit meiner Braut zusammen zu machen mit Dir, meine geliebte Hiltrud, wenn Du die Meine werden willst. Ich warte unten in der Halle, ob Du mir Dein Jawort gibst und ob ich endlich endlich glücklich sein darf. . Olaf.

2lus Hiltruds bebenden Händen fiel das Blatt leise raschelnd zur Erde. Aus ihren Olugen stürz­ten Tränen, heiße Tränen des Glücks und der Erlösung übet den Tisch geworfen lag sie und in den flutenden Tränenströmen löste sich alles ODeh der vergangenen Zeit. Sie hörte nicht, daß es leise klopfte, daß eine Tür geöffnet wurde, ein leiser Schritt über den dichten Teppich des Zimmers kam. Sie weinte und weinte bis zwei Arme fie umfaßten und eine unendlich geliebte und glückliche Männerstimme erklang

Es hat mir unten zu lange gedauert, Hittn»,