Ausgabe 
7.10.1932 Frühausgabe
 
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beendet, dessen Verhandlungen der Präsident der Großen Nationaloevsammlung Kjasim Pascha, geleitet hatte. Unter den Zuhörern befand sich auch der Präsident des Freistaates, Gast Mustafa Kemal. Der Kongreß faßte wichtige Beschlüsse, z. B. in bezug auf vergleichende Forschungen zwi­schen der türkischen Sprache und älteren indo­germanischen und semitischen Sprachen. Die geschicht­liche Sprachentwicklung und die Entstehung der tür­kischen Dialektworte soll erforscht werden. Es sollen bearbeitet werden ein türkisches Wörter­buch sowie Wörterbücher der wissenschaftlichen und technischen Fachausdrücke, ferner eine türkische Grammatik. Staat und Volk sollen gemeinsam be­müht sein, die türkische Sprache von den Einflüssen fremder Sprachen zu befreien. Der Kongreß schuf eine Satzung und wählte das Zentralkomitee für eine türkische Sprachstudiengesellschaft, die unter dem Patronat des Gast' stehen und deren Ehrenpräsident der Unterrichtsminister sein wird. Die Studiengesell­schaft -soll ihre Sitz in Ankara haben. Der Kongreß wird alle zwei Jahre zusammentreten.

Aus aller Welt.

Internationale Aulomobilausslellung in Paris.

Die 2 6. Internationale Automobil­ausstellung in Paris wurde in den letzten Tagen eröffnet. Die wie immer sehr gut beschickte. Ausstellung im Grand Palais zeigt das übliche: Bild: farbenfreudige Karosserien, schöne Chassis, Propaganda für den Komfort der Ausführung. Die Ausstellung liefert einen deutlichen Beweis für die erhöhte Bedeutung des Kleinwagens, den die Fabriken allgemein mit einem Höchstmaß an Leistung und Bequemlichkeit auszustatten sich be-

in den Saal und versuchte unter Hinzunahme des Pvlizeiknüppels die Störenfriede zu ent­fernen. 3m Saal fiel plötzlich ein Schuß, der die Verwirrung noch steigerte. Mehrere Personen trugen erhebliche Verletzungen davon. Die Polizei setzte sofort alle verfügbaren Kräfte ein, entfernte etwa ein Drittel der Versammlungsbesucher und nahm auch einige Verhaftungen vor. Die Ver­sammlung selbst konnte nach etwa 20 Minuten allgemeiner Aufregung f o r t g e f ü h r t werden.

Aufruf des Stahlhelms zur Reichstaaswahl.

Berlin, 6. Oft. (TU.) Die Bundesführer des Stahlhelm erlassen folgende Kundgebung zu der bevorstehenden Reichstagswahl:Wieder einmal steht das deutsche Volk vor einer Wahl. Wir haben sie nicht gewünscht, weil auch durch diese Wahl grundlegend nichts gebessert werden kann. Trotzdem bleibt die Beteiligung wie immer selbst­verständliche Pflicht jedes Kamera­den. Keinesfalls darf die Verärgerung zur Wahl­enthaltung und damit zur Stärkung des Marxismus führen. Der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, wird nach wie vor keine Bindungen mit einzelnen Parteien eingehen. Die Rich- tunA seines Kampfes wird durch seine großen un­veränderlichen Ziele bestimmt: Starke Staats­führung, unabhängig von Parteien, bedingungslose Wehrhoheit, Neuaufbau des Reiches, Eingliederung aller Deutschen in Erzeugung und Genuß des Dolksoermögens, Eigentum für jeden Deutschen. Hiernach muß sich jeder Stahlhelm­kamerad schlüssig werden, welcher Partei er seine Stimme z-u geben hat. gez. Franz Seldte, gez. D ü st e r b e r g."

Freispruch imCharloftenburger Kommunistenprozeß.

Tie Tchüise m der tqenstraße.

Berlin, 6. Okt. (1113 Die Erste Kammer des Sondergerichts beim Landgericht I sprach am Don­nerstag die neun Charlottenburger Kom­munisten, die unter der Anklage des vollendeten und versuchten Totschlags aus politischen Grün­den bzw. der Beihilfe zum Totschlag standen, auf Kosten der Staatskasse frei. Die neun Kommunisten waren beschuldigt, in den Abendstunden des 29. August einen UeberfaU auf das nationalsozia­listische Verkehrslokal des Sturmes 33 - i n der Röntgen st raße in Charlottenburg be­gangen zu haben, in dessen Verlauf ein Ratio- nalsozialist erschossen und zwei National­sozialisten schwer verletzt wurden. Die Haftbefehle hott das Sondergericht bereits am Mittwoch auf­gehoben.

3n der Urteilsbegründung führte der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Dr. Tolk u. a. aus, daß das Sondergericht nicht habe fest- stellen können, ob die Kommunisten oder die Nationalsozialisten zuerst geschossen hätten. Festgestellt worden sei: Die Anklageerhebung durch die Staatsanwaltschaft sei durchaus berech­tigt gewesen, da ein Rationalsozialist erschossen und zwei ^Nationalsozialisten schwer verletzt wor­den seien. Es stehe auch heute noch nicht fest, ob es die Kommunisten nicht wa­ren. die den tödlichen Schuß auf den Rational- sozialisten abgegeben haben. Der Tatbestand des Landfriedensbruches sei aber rechtlich nicht z u halten gewesen, weshalb ein Frei­spruch von der Anklage des Landfriedensbruches erfolgen mußte. Das Gericht habe dann zu prü­fen gehabt, ob die Angeklagten wegen Tot­schlags und versuchten Totschlags aus politi­schen Beweggründen zu verurteilen gewesen wä­ren. Hier hätte für das Gericht die Frage der Roiwehr maßgebend sein müssen. Das Son­dergericht habe nicht feststellen können, ob sich die Kommunisten oder die ^Nationalsozialisten in Votwehr befunden hätten. Zum Schluß richtete der Vorsitzende an die freigesprochenen Korn-

Was die WirMan vom «eirvskabinett erwartet

Rückkehr zu innerpolitischer Stetigkeit und Förderung des Willens zur sachlichen Arbeit.

Berlin, 6. Okt. (CNB.) Der Deutsche I n - dustrie - undHandelstag befaßte sich in sei­ner Hauptausschußsitzung mit der gegenwärtigen wirffchaftspolit.schen Lage. Auf Grund einleiten­der Vorträge von Präsident Dr. Grund (Breslau), Fabrikant Dr. Vögele, Vizepräsident der Handels­kammer München und Dr. Hamm führte die Er­örterung zu dem Ergebnis, daß der Deuffche In- dustrie- und Handelstag die Zielsetzung der .'Wirtschaftspolitik der Reichsregie­rung , die die Wirtschaftsdepression vor allem durch | Anregung und Stärkung der prioatwirffchaftlichen Kräfte überwinden will, für grundsätzlich richtig halte. Es sei dringende Pflicht der gewerblichen Unternehmer, die hier gebotenen Möglichkeiten nach besten Kräften zur Ueberwindung der Arbeitslosigkeit auszuwer- t e n. Es fei Sache der Regierung, die große Linie dieser Wirtschaftspolitik unbeirrt fortzu- führen und dahin zu wirken, daß den posi­tiven sozialen Zielen dieser Politik von allen Beteiligten unvoreingenommen Rechnung getragen werde. Die von der Regierung getrof­fenen Maßnahmen mußten aber so gestaltet werden, daß sie auch für den gewerblichen Mit­te l st a n d volle Wirksamkeit erlangten. Die Maßnahmen der Einfuhrhemmung, die neue Hemmungen für die deuffche Ausfuhr nach sich ziehen würden, stünden im Gegensatz zu der auf Ueberwindung der Arbeitslosigkeit gerichteten Politik. Derartige Maßnahmen würden der Land­wirtschaft nicht helfen. Die möglichste Erhaltung zusätzlicher Arbeitsgelegenheit für Ausfuhr fei nicht etwa eine Sacfye internationaler Ideologie, sondern ein Erfordernis der Befchäftigung deutscher Menschen in Industrie, Handel und Landwirtschaft. Es sei daher vordringliche Aufgabe der Reichsrcglerung, die gegebenen handelspoliti- schen Möglichkeiten offenzuhalten.

Des weiteren fei es geboten, möglichst bald zu voller Sicherung der Rechtsverhält­

nisse .zurückzukehren, die Notwendigkeit der Wie­derkehr einer voll verantwortlichen subven- tionslosen Privatwirtschaft nicht außer acht zu lasten und schließlich wieder die notwen­dige innenpolitische Stetigkeit zu ge­winnen. Dazu sei es mehr als notwendig, über alle parteipolitischen Gegensätze hinweg den in weitesten Kreisen unseres Volkes vorhandenen Willen, zu sachlicher Arbeit lebendig unb fruchtbar zu machen. Um diese Kräfte sicherer zur Wirksamkeit zu bringen, seien wichtige Lender ungen der Reichsoerfassung unerläßlich not­wendig geworden, namentlich eine enge Zusom- menfastung der Reichsgewalt und der preußischen Staatsgewalt sowie eine organische Gestaltung des Verhältnisses der Reichsgewalt zu dem neben Preu­ßen weiterhin bestehenden Ländern.

*

Dr. Schairer vom Deutschen Studentenwerk hielt einen Vortrag, in dem er sich wegen der wachsenden Lieberfüllung der akademischen Berufe für strengste Auslese der Studenten einsehte und die Einführung eines Werk- jahres zwischen höherer Schule und Universität empfahl, das dem jungen Men­schen den Liebergang in praktische Berufe er­leichtern, auf alle Fälle aber seine Lebenserfah­rungen bereichern würde. Reichsinnenminister Freiherr von Gahl wies daraus hin, daß es sich bei dem Werkjahr um einen Ausschnitt aus dem Gesamtwerk der großen Ausgaben han­dele, die auf dem Gebiete des Bildungswesens zu erfüllen seien, unter denen der Minister be­sonders die alsDerechtigungsunwefen" gekem^eichneten Fehlerscheinungen hervorhob. Don den Werkjahrsstudenten müsse einfachste und ernste Arbeit verlangt werden. Der Deuffche 3ndustrie- und Handelstag stimmte den Ausführungen zu und stellte in Aussicht, an den Vorbereitungsarbeiten bereitwillig m i t j u - wirken.

munisten ermahnende Worte und sagte ihnen, daß sie jetzt in Freiheit noch einmal an den Zeit­punkt zurück denken sollten, an dem sie in so hoher Gefahr schwebten. Auch diejenigen, die mit dem Urteil des Sondergerichts nicht einver­standen seien und den Kops der Angeklagten verlangt hätten, würden einmal in ruhigen Zeiten für dieses Urteil dankbar sein.

Kunst und Wissenschaft.

Deutsches Reger-^est in Baden-Baden.

3m Kurhaus in Baden-Baden fand vor kurzem das V11. Deutsche Reger-Fest der Max- Reger-Gesellschast statt. Das über zwei Tage sich erstreckende, vielseitige und anregend zusammen- gestellte Programm gab einen Querschnitt durch Regers Schassen und brachte u. a. einen Festvor­trag von Professor Dr. Fritz Stein. Kiel, über persönliche Erinnerungen an Reger. Die beiden großen Orchester-Konzerte standen unter der Lei­tung von Generalmusikdirektor Ernst Mehl ich; als Solisten wirkten u. a. Rudolf Serkin, der das Klavierkonzert meisterhaft spielte, Magda Spiegel (Alt) und Arno Landmann (Or­gel) mit. Eine Morgenveranstaltung brachte die Aufführung des nachgelassenen Klavier-Quintetts in C-Moll, sowie Introduktion, Passacaglia und Fuge in bi-Moll für zwei Klaviere; in den Or- chesterkonzerten hörte man u. a. die Eichendorff- Suite, die Ballett-Suite und die H ller-Variativ- nen.

Der erste türkische Sprachenkongretz.

In Konstantinopel mürbe nach zehntägiger Dauer der erste türkische Sprachenkongreß

mühen. Die Konkurrenz ist sehr stark. Die Aus­stellung ist von 70 Firmen beschickt, davon sechs deutsche: Adler, DKW., Horch, Maybach, Mer­cedes und Wanderer. An deutschen Zubehörfabriken sind besonders zu nennen Bosch unb die Zahnrad­fabrik Friedrichshafen. Sämtliche französischen Fabriken haben ausgestellt. Auch sieht man Wagen amerikanischer, englischer und italienischer Herkunft.

Luch der zweite Start der IDinfler-Hatefe mißlungen.

Der neue Start der Winkler-Rakete ist, einer Meldung aus Pillau zufolge, wieder miß. glückt. Bei der zweiten Zündung sprang die Rakete mit großem Knall aus bcm Gestell, in dem sie eingebettet lag und überschlug sich in Richtung des Unterstandes der Film- uni) Photoleute, die wieder zahlreich erschienen waren. Der Metallman­tel. der die Rakete umkleidet, zersprang, wobei die Splitter in weitem Umkreis herumflogen. Die Umgegend wurde blitzlichtartig durch einen von der Rakete ausgehenden veuerjchein erleuchtet. Der Rest der Rakete landete unmittelbar hinter dem Deckungs­graben der Filmleute. Es entwickelte sich starker weißer Qualm, der vorübergehend die ganze Gegend verhüllte. Ingenieur Winkler betonte, daß er sich das Versagen ber Rakete noch nicht erklären könne. Ein neuer Start ist für absehbare Zeit wohl nicht möglich.

Ein Postrekord. pernambucoHamburg 3% Tage.

Die vom 2uftf$iffGraf Zeppelin" auf seinem jüngsten, Anfang Oktober in Friedrichs­hafen beendeten Südamerikaflug mitgeführte Post hat für die Zustellung von Pernambuco nach Hamburg nur 3Vr Tage benötigt. Die Hamburger Post wurde von Friedrichshafen mit Sonderflugzeug nach Stuttgart-Böblingen ge­bracht unb von dort mit dem fahrplanmäßigen Lusthansa-Flugzeug weitergeleitet. Ein Sonder­kraftwagen brachte die Post vom Hamburger Flughafen in die Innenstadt, von wo die Zu­stellung mit besonderem Zubringerdienst erfolgte. Diese Art der Zustellung soll, wie verlautet, beibehalten werden, um den Postkunden von den Vorteilen der Luftpostbeförderung mit dem deut­schen Zeppelinluftschiff zu überzeugen.

Gronau in Batavia.

Unter dem Jubel der Bevölkerung ist bas deutsche Dornier-Flugboot unter der Führung Wolfgang von Gronaus dieser Tage in Batavia gelandet.

Der Turm der Pauluskirche in Aschaffenburg eingeslürzt.

Dieser Tage stürzte der bereits im Mauerwerk fertiggestellte 20 Meter hohe Turm der neuen evangelischen Pauluskirche in Aschassenburg-Damm e i n. Hum Glück entstand keinerlei Personenschaden. Das Kirchenschiff, das im Rohbau bereits fertiggestellt war, wurde durch den Turmeinsturz stark in Mit­leidenschaft gezogen. Die Fertigstellung der Kirche erleidet keine Verzögerung, lieber die Ursache des Einsturzes konnte bis jetzt keine Aufklärung erfolgen. San eingeweihter Seite werden verbrecherische Ein- grrffe vermutet.

Zwei Todesurteile des Bielefelder Sondergericht«.

3m Rhedaer Mordprozeh gegen die Autoban­diten wurde vom Bielefelder Sondergericht das Urteil gefällt. Die Angeklagten W a b b e l und Kuszhnski. beide aus Bochum, wurden wegen Totschlags an einem Polizeibeamten in Tat­einheit mit versuchtem Totschlag an einem zweiten Polizeibeamten nach § 1 Ziffer 1 drr Rotverord­nung des Reichspräsidenten vom 9. August 1932 zum Tode verurteilt. Die beiden Ange­klagten hatten auf der Flucht nach einer mehr­tägigen Diebesfahrt in einem gestohlenen Auto am 10. September d. 3. zwei Polizeibeamte, die sich ihnen in den Weg stellten und Haltesignale mit einer Taschenlampe gaben, im 80-Kilometer» Tempo angefahren, wobei der eine Beamte ge­tötet, der antere schwer verletzt wurde. Für die übrigen Straftaten erhielt Wabbel zwölf 3ahre Zuchthaus und Kuszynski vier 3ahre Zuchthaus.

nicht und

allem nicht wahr haben.

Deutsche Wanderer in Italien.

Von Dr. Gustav W. Eberlein, Lftom

Tlein Sohn, ich rate dir gut: Wenn bu schwim­men willst, so steige Ins Wasser, und wenn du skifahren willst, nimm Schnee unter die Bretter, unb wenn bu aufs Matterhorn kraxeln willst, be° nutzt bu bazu besser kein Auto. Warum, so frage ich, willst bu nun absolut dort zu Fuß gehen, wo es keine Fußwege gibt? Warum ausgerechnet auf Sandalen oder blanken Sohlen dort wan­dern, wo die Autos rasen? Warum gerade nach Italien?

In Italien gibt es keine Fußwege.

3n Italien gibt es keine Fußwege.

In Italien gibt es keine Fußwege.

Man muß das dreimal sagen, schreiben und un­terstreiche n, denn nach dem Strom der deutschen Fuhwanderer In Italien zu schließen, wissen sie's nl * *rt, wollen es aber vor

unb die Sommer- uni

unb durch das Elend in der Heimat erfährt er immer neue Nahrung, denn wer von den Hoff­nungslosen unter den Stemplern, wer von den Idealisten unter den Studenten, wer möchte nicht glauben,draußen" müsse alles bester sein?

Tag für Tag gehen uns Briefe von Stellung- suchenden zu, besonders von jungen unb älteren Mädchen, die den Weg nicht gleich so resolut unter die Füße nehmen können, die Zeilen beschwingt van einer Südenromantik, die nicht mehr vorhanden ist, die Gedanken unbeschwert von der Erkenntnis der rauhen Wirklichkeit. Und habet ist die Not in Italien, positiv gesehen, weit größer als in Deutsch­land, nur relativ wird sie vom Volk, das ja nie­mals das nordische Lebensniveau erreicht hatte und es daher kaum anders weiß, leichter ertragen als bei uns, leichter als von den Unfrigen, die herunter­kommen, indem sieherunterkommen". Dann geht das große Staunen an: das also ist Italien??

Aber bleiben mir bei den Fußwanderern. Sie teilten zunächst einmal wissen, daß der Begriff des Wanderns dem Italiener so fremd ist wie das Wort selber und daß daher in Italien alles bas fehlt, was Wanderlust und Wandersport bei uns ge- Ichaffen haben. In Italien bewegt man sich von einem Orte A zu einem Orte B nur dann, wenn man muß; niemand würbe begreifen, wieso bas Dazwischen eine Quelle der Freude sein kann, (folglich erledigt man dieses unangenehme Muß so rasch und so bequem wie möglich: mit der Bahn, mit dem Auto ober Autobus, mit dem Pferd. Auch der Bauer geht oder schreitet nicht über tanb wie bas bei uns so poetisch empfunden wird er Reiche auf dem Pferd, der Kleinbauer

auf dem Mulo, der Knecht auf dem Esel. Was rUn Crctr?em kann nur ein Landstreicher

tein. Was kann er sein, wenn er nicht einmal mehr 'stiefel und Strümpfe trägt??

So aber kommen die deutschen Fußwanderer auf den Landstraßen daher. Und dann wundern sie sich nicht nur über die geringschätzigen Blicke, sie ver- b.tten es sich auch, daß man verächtlich auf sie her- ab schaut. Fühlt ihr die Kluft, die hier zwischen Nord und Süd klafft? Wollt ihr dem Lande, dessen Gast, recht ihr verlangt, ein besseres Verständnis auf- zwingen? Hand aufs Herz: haben wir droben nicht umgekehrt auch auf die italienischen Scherenschleifer und Gipsfigurenhändler hercckgeschaut? Dabei trie­ben diese Leute ein ehrsames Handwerk, während niemand im Süden den bummelnden Nordländer begreifen kann.

Die Karabinieri sind scharf hinter Landstreichern bei, wie sollen sie nun wissen, daß der eine ein e$ter, der andere aber ein Idealist ist, well er einen Reisepaß in der Tasche trägt. Kein Grund zur Aufregung also vorhanden, wenn unsere beklagens- werten Wanderer auf Schritt und Tritt verdächtig scheinen.

Zeitschriften.

D i e Kunst, Monatsschrift für Malerei, Plastik und Wohnkultur, vereinigt mit Alexander KochsDeutsche Kunst und Dekoration" (Verlag F. Bruckmann AG-, München 2 NW) beginnt so­eben einen neuen Jahrgang. Die von Alexander Koch in Darmstadt geleiteteDeuffche Kunst und Dekoraffon" ist in der MünchenerKunst" auf­gegangen, wird aber bei inhaltlicher Llcberein- ftimmung der beiden Kunstzeitschriften ihren eigenen Titel und ihr charakteristisches Llmschlag- bild beibehalten. Als weitere Reuerung erhält die Münchener MonatsschriftDie Kunst" einen eleganten, von dem Schriftkünstler Paul Renner entworfenen Bildumschlag. Die innere Gestal­tung hat eine gefälligere, die künstlerische Bild- wirkuna stärker betonende Anordnung gefunden. Wer künstlerisch oder kunsthandwerklich inter­essiert ist, findet in dieser Zeiffchrift alle die Kräfte, die auf den Gebieten der Malerei und

Plastik, der Wohnkultur unb des Kunsthandwerks wirksam sind, vertreten. Richt nur künstlerische Probleme finden an Hand emes ganz vorzüglichen reichhaltigen Blldermaterials Erörterung, son­dern auf dem Gebiet der Wohnkultur werden auch praktische ßötungen im Sinne der prinzipiel­len Forderungen neuzeitlichen Wohnens be­sprochen werden. 3m neuen Heft werden zu­nächst nachträgliche Bemerkungen zur Großen 3nternationalen Kunstausstellung in Venedig gemacht, aus der eine Auswahl von vierzehn vorzüglichen Bildern, darunter eines in reiz­voller farbiger Reproduktion, zu sehen ist. Aus der schwedischen Bildhauerkunst ist Ivar 3ohnßon vertreten, von deutschen Künstlern der Aqua­rellist Werner Bley, dessen Kompositionen sich durch eine besondere malerische Farbigkeit aus- zeichnen. Aus dem Bereich der künstlerischen Photographie wird eine Theater-Reportage mit künstlerischen Lichtbildnissen besprochen. Aus der Architektur und Wohnkunst sind reich illustrierte Aufsätze über den modernen Kirchenbau, über das moderne Terrassenhaus, den Raumbedarf von heute und eine Menge anderer Dinge auS dem nahestehenden Kunschandwerk zu nennen. Von praktischer Bedeutung sind die verwandel­baren Kleinmöbel, die besonders in der Klein­wohnung eine Rolle

es gibt einen Ausweg: das Fahrrad. In meiner Studentenzeit habe ich auch Italien zum ersten- mal damitgemacht". Es ging glänzend unb es geht heute noch sehr gut

zu spielen berufen sind, ------- _.te Wohnlauben aus der Berliner AusstellungSonne, Luft und HauS für *", die in ihren Hauptthpen im Bilde gezeigt und ausführlich besprochen werden.

Die ßanbleute droben wissen es besser und öffnen Bauer gegenüber einer solchen Erscheinung be­ben Heuboben, wie aber soll sich ber italienische tragen? Daher Enttäuschung über Enttäuschung.

Unb nun gar die Straße! Wo sind die taufrischen Wälder, wo die stillen Wiesenwege? Nichts als Aslü^alt unb Staub. Alles eingezäunt. Die Straße gehört ausschließlich dem Fuhrwerk, ben Autos, den rücksichtslosen Lastwagen. Wehe dem, der mit einer Bleibe bei Mutter Grün ober einem Unter- schlupf sicher rechnet! Auf Tagereisen finbet er nichts, das müde Haupt zu betten. Bleibt nur ber bittende Wink an die Autos, und es muß anerkannt werben, daß die italienischen Fahrer bann gerne Aufsitzen lassen aus Mitleid jedoch, keineswegs aus jenem Verständnis für Bruder Straubinger ober ben Bettelstudenten heraus, wie es der Wan­derer für selbstverständlich hält.

Keine Paddelboote, kein Badebetrieb, keine bun­ten Schirme unb weißen Bänke endlos unb freudlos scheinbar bas Land. Wie streckt da ber Weg sich in die Länge! Und gerät man doch ein­mal in einen Badeort oder Kurort, so fällt man naturgemäß noch unangenehmer auf, denn reifen, gar in die Sommerfrische reifen tut im Süden nur ber, ber sich's leisten kann.

-Liebe deutsche Wandergesellen, seid meinetwegen sentimental, seid unternehmungslustig unb brauf» gängerisch, es ist gewiß nicht das Schlechteste, es ist auch euer Wandertrieb gesund und erfreulicher als das Herumhocken der italienischen Jugend von gestern, aber seid praktisch! In eurem Interesse. Denkt nicht, es sei euch wurscht, was die Italiener über euren Auszug denken es ist euch ja auch nicht wurscht, wenn einer im Frack in die Almhütte kommt, ihr würdet auch ' grinsen. Ebensowenig passen nackte Beine auf den römischen Korso. Glaubt nicht, daß ihr billiger fahrt, wenn ihr geht das ift ein Wortspiel, mag fein, aber es kommt wirk­lich billiger, das Fahren, denn mit den Strecken ift es ungefähr so wie in Amerika, wo man sich fa auch besser auf einen Puffer schwingt, wenn man kein Auto haben sollte.

Das Wandern in Italien ist so unzweckmäßig wie das Schlittenfahren in ber Sahara, warum also erzwingen, was zwecklos fein unb bleiben muß?

es, sich in Italien so zu kleiben wie in i -öcrun auch, besser noch: wie es die ßanbesfitte L^nh0*1^'J??-5 v-lso, so wie gestern in Deutsch-

.chtiger Anzug, keine Pumphosen. Ohne >zacke wird niemand in die Straßenbahn gelassen.

^Pumphose erkennt man den Fremden und fordert ihm höhere Preise ab. Nicht auffallen! Us 'st das oberste Gebot. Das nächste: auf der Landstraße nicht zu Fuß gehen.

^er doch kein Geld für Bahn ober Autobus hat? Trotz alledem wandern mitt? Nun,

aUem nicht wahr haben. Wo ein Wille ist, meinen lie, ist auch ein Weg. Gewiß, fragt sich nur was lür einer. Man kann ja auch auf Sand skifahren unb trockenschwimmen, wenn man aufs Weiter- rammen keinen Wert legt. Die deutschen Wanderer legen aber sehr viel Wert darauf, sie können gar nicht schnell genug von der Heimat wegkommen und gar nicht weit genug bis sie bann in Rom bas heulenbe Elenb überfallt, das zwar in den meiften Fallen mannhaft getragen unb versteckt roirb, nicht selten aber auch beim aussichtslosen Postkartenverkauf in Verzweiflung übergeht unb die rote Scham ins Gesicht treibt, wenn der fnur- renbe Magen schließlich die Hanb zwingt, sich bet teind auszustrccken. In biefem Augenblick denkt so mancher auch an bas Vaterland, dem er mit seinem Aufzug keine Ehre macht und alle ohne Ausnahme packt das bittere Heimweh, wie unschwer zu er­kennen ist, wenn sie, durch ihre kümmerliche Klei­dung abgesondert von allen anderen Besuchern, in den offenen Klosterhallen der römischen Haupt­post zu Haufen anstehen, um mit Augen, die noch viel mehr hungern als ber Magen, nach ein paar lieben Worten von Hause zu gieren. Vielleicht weiß« manorNte? erst so recht von Herzen, was das ist, em Zuhause ein Helm, ein Daterlanb, wenn man's tn ber Fremde entbehrt.

h ®,°" -"gefangen bis jum letzten Senbarmen herunter ist so viel in Italien über dieBarbaren, bie den heiligen Marmor der Basiliken entweihen" und geklagt worben, bie deutschen Ausland- beworben .sind unzahligemale tn Berlinvorstellig ^Ä'x^^uWn Zeitungsvertreter in Rom llninn U to wund geschrieben gegen ben Wandern am ungeeigneten Ort qe- nutzt hot das eine so viel wie bas andere, lieber- mastig scheint der Zug nach dem Süden zu sein.